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Full text of "Die Grenzboten 74.1915, Bd 2"

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Beitichtift für 
Politik, Literatur und Kunft 


Berausgegeben von Georg Cleinow 
74. Dabrgang - Jähtlih 52 Nefte 


Nr. 14 


Die deutfche Induftrie im Kriege. Don Fritz Röl. . . .».. 1 
Das Eindringen Englands in Aegypten. Don Prof. Dr. Gottlob . 9 
JJ 24 
Deitfhe Soldatenbriefe. Don Dr. Fritz Roepe . . . 2... 26 


Ausgegeben am 7. April ı915 





mn Berlin DW. I * 


Lempelhofer Ufer 35a vierteljährlich 


Aolizen 


Der Leipziger Lehrerverein unterhaͤlt ſeit dem 
Mai 1906 ein Inſtitut für experimentelle Pädagogik 
und Pſychologie, dad unter der wiſſenſchaftlichen 
Zeitung de3 Leipziger Univerfitäteprofeflor® Dr. Mar 
Brahn Steht. Was das Inſtitut in den verflofjenen 
Jahren an wiſſenſchaftlichen Unterſuchungen geleiftet 
hat, erfieht man aus den vorliegenden Bänden feiner 
Beröffentlihungen. Es befteht wohl fein Zweifel, 
daß diefe Unterſuchungen, die nicht nur der feelifchen, 
fondern auch der koͤrperlichen Beſchaffenheit des 
Kindes, foweit fie für die Piychologie von Bedeutung 
fein fann, gelten, dem Erziehungswerk in hohem 
Maße zugute fommen werden. „Die vortrefflichen 
Arbeiten zeigen deutlich,” ichrieb Wilhelm Wundt 
an den Borftand de3 Inſtituts, „wie frucdhtbringend 
eine Arbeitsteilung fein fann, wenn fi der Praltifer 
ebenfojehrder Notwendigkeit einer foliden theoretiſchen 
Grundlage bewußt ift, wie der Theoretiker feinerfeits 
en Blid auf dad Ganze und auf den Zuſammen⸗ 

bang der Gebiete richten jollte.” Die pädagogiſch⸗ 

Hiodolo logiihen Arbeiten find fämtlih im Verlag 
il ed Hahn, neipäig, Johannisgaſſe 3, erjchienen. 
Die paffiven Mitglieder des Inſtituts, für die der 
—— Mitgliedsbeitrag mindeſtens 20 M. beträgt 
erhalten die Drudfahen durd den erſten Schri te 
führer des Inſtituts, Lehrer Paul Schlager, Leipzig, 
Eutritzſcherſir. 1911, umfonft und poftfrei zugeftellt. 


al Fa —— Max: Das Problem des ah Friedens. 
erlin atı tıler u. Sobn. M. 1 
Die — im — Reihe am Ende des 
ahres 1913. 10. Sonderheft zum eK —— 
erlin, Gall — Berlag. 
Evers, Prof. Dr. Edwin: Hie guet Zo * 00 Jahre go 
zolern-Kegierung. Berlin-Lichterfelde, Edwin Runge. M. 0.50, 


Anzeigen - Annahme durch 
Grunow & Co, 


und durch den Ve 
Grenzboten, Berlin S 


der 


Büderliffe 


— S Bernhard von: Paul von Hindenburg. in 
* — * — von — u. Loeffler, Berlin 1916. 
reis ge 
Ein —— —8 das uns einige Daten 
aus dem Leben Hindenburgd vermittelt. Wir bören von den 
Familien, denen er arte en iſt und lernen feinen Lebenegan 
fennen. Auch wird veiſucht, durch einige Briefproben = 
Schilberungen die Hauptzüge — EN lenntlich Fr ma 
Hũbſche Bhotographien y den geiälligen Yin 
ganzen: eine ——* abe. In ſtolzer Freude — ſie 
dem deutſchen B 
Illuſtrierte Gef — des Re 1914/15. Allgemeine 
a en öchentlich 1 Heft zum Preiſe von 26 Bi. 
Union Deuiſche Berlagsgeielliaft in Stuttgart, Berlin, 
einzig, Wien.) Heit 21—26 liegen und vor. 
Kohl, Hort: Mit — daheim und iR Berlins 
Kichtereibe Edwin —— M. 0.60, gar 
Endell, Eddy: Die Be — des Fr in ı Preußen. 
Berlin, . Zrenfel. 
Stöhr, Ara "Dr. Adolf: Leitfaden der Logik in — 
erender Darſtellung. Leipzig, gran eutide. M. 360. 
Liebe, Raul: Ein SFrauenwettitreit im ® (tertrieg, Angöbug 
Heiligenfeger u. EN, Buchdruderei. 
aaa erg Carl: Aus dem großen u e. Dromatifde 
zenen. Leipzig, Kurt Wolff, Verlag. M. neb. W.4,—. 
Tonzow, Dmpytro: Die ee Ehasielien KA der Krieg 
gegen Ru (and. Berlin, Carl Krol. M. 1— 
Siaoft, Die wi: Deutſche — Eine Gabe urd ein 
ot großer Zeit. Jena, Eug Diederihd. M. 080. 
Effig, Hermann: Des Kaiſers Soldaten. Schauſpiel. Stutt- 
gart, I. ©. Eottafhe Buchhandlung. M. 2.50, geb. M. 3,50. 
a — * —— Leipzig, B. G. Teubner. 
geb. 
anne .. Werte. 1. Band. Die Dichtungen. Minden i. ®,, 
Bruns Berlag. 
— W.: Deutſchland, Polen und die ruffiihe Gefahr. 
H —— Fr * zt if d iht? Dsla 
ein elm riedensfaifer oder n öfar 
pi ‚ Berlag. M. 1.—, geb. M. 1.60. 
Kriegöffugbiatt, 16/16. Zwei Kriegslieber. 17/18. Bier Krieg: 
der. — Bier Kriegslieder. Jena, Eug. Diederichs. 


Muöfetier Teins (uft’ge Brüder. Alte liebe Solbatenlieber. 
——— von Fritz Jöde. Jena, Eug. Diederichs. 
v. 


Anzeigen 
N RL deren 
on 
Raum, 


Pt. 











Lebensversicherung mit ärztlicher 
Untersuchung mit und ohne Ein- 
schluss der Invallditätsgefahr. 






en —— en Rn ersten Kreisen, vorzü 


In 26 ig Beh 287 — 0 Dam.), 33 Seekad., 13 Kad,, 
2712 — Pr jährige, 201 1 Bereitet während des Krieges mit gutem 
Erfolge zu allen Notprüfungen vor, a Kriegsfreiwillige, die übertreten wollen. 


— Bückeburg — 





rn 


Internat. Prospekt. 


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(Unter staatlicher Aufsicht) Kleine Klassen. Famillen- 
















Lebensversicherung ohne Arst- 
liche Untersuchung mit durchweg 
garantierten Leistungen. 







Dr. Overmann's 


ll 


seit Jahren dürch seine glänzenden 
Prüfungserfolge im Westen bekannt. 
Reale und gymnasiale Klassen von 6 bis 
8 Schülern, daher denkbar schnellste 
Förderung jedes einzelnen. Bei der 
letzten Herbstprüfung erhielten wieder 
alle achtPrüflinge denEinjährigen-Schein, 
| darunter einer nach 10 monatiger ee 














bereitung. Pension für Auswä in 
Lehrerfamilien. Prosp, mit Dan —* 
durch die Direktion. 






Die Grenzboten 


24. Jahrgang. Zweites Dierteljahr 


Die 


Srenzboten 


Heitjchrift für 
Dolitif, Kiteratur und Kunft 


Berausgeber 


Georg Lleinow 


74. Jahrgang 


Zweites Dierteliahr 


Berlin 
Derlag der Grenzboten &.m. b. H. 
1915 


Inhaltsverzeichnis 
Jahrgang 1915. Zweites Vierteljahr 


Heft Seite 


Bolitit, Geſchichte, Kolonialweſen, 
Milttär 


Agents provocateurs . . 2220. 
—ãe— ‚Das — Englands i in —, von 
Amerita, die irn Staaten von — und 

Japan, von Dr. jur. Kurt &b. Imberg . 
Belgien, ae 3 —— um —, von Dr. 


Be giend Berfafjung und Staatsleben, von 
Dr. rad Bornhal 


Con 

Bel * Rentralttät, Deutfchland "und die — 
si ethiſcher Beleuhtung . - . 2... 
Belle Alliance, Zum undertfien Gedenttage am 
18. Juni 1015, von Dr. ®. Gapele . . . 
ee ie Rachfolge —, don Maximilian 
von Dagen . » 2 2 2 or re. 
om en tfeier ber 
uni 1915, von Brof. 


bert B ei 4, 886: 

Deutiälend, und * —— Neutralität in 
Se ) Das Ein ——* —— 

ro [ SEE Zr Br 6— 
Smperialismusß, 2 — li A 
nor Dr. Ele Si Hub ? Ibebrandt. 'der uftafung 
— Sei ober amd —? von 
— Wilde Im May 


—— von Dr. Eduard Wilhelm Mayer . 
Japan, Die Bereinigten Staaten von Amerila 
md —, ven Dr. jur. Ru d. berg . 
Kriegstagebud). ‚16, 91; 18, 157; 20, 221; 


, 816: 

Ropoleond Plan einer Invafion En —*X 
1808—1806, von Prof. Dr. Willi Mü 
— Das — und bie nafär: 
Hg, —— 8 Staates, von Dr. jur. 


te Fr ber Weittrie, ‘von Dr. Ge 
zandt . 


14, 9 
. 15, 88 
17, 115 
. 3%, 898 
2, 380 
34, 827 
19, 165 


28, 289 
&, 871 
2, 860 
14, 9 
20, 198 
2b, 868 
22, 261 
22, 257 
16, 66 


‚ib, 83 


3, 412 


. 18, 188 


18, 129 
20, 188 
26, 886 
. 17, 9 


Heft Geite 


Glanenbund von Nordeuropa, von Yuftizrat 


Neburfgenfie t, vergleihe ben A Bur 
dert ier der D t 
—— —— 


Bollsawirtſchaft, Berwaltung, 
Sozialweſen 
— m enausfuhr, — A der 


— und olgen, von Dr. Sennig 
Sambia ik, I — —— ee Dr. Hugo 


am 
& 


—— Früchte bes —, Betrachtungen aus dem 
— von Unteroffizier Dtto Dahmie . 
eh von Güterdireftor 
EORDER 5 0 0 ae 
Kriegägewinns, Die Beſtenerung bes — 
Slewerungerschtigkeit, von Prof. Witt eo 
Krisgsge! ewinnfteuer, Für die —, von Yuftizrat 
AMDerBeE . . ou 0 0 ne 
—— von Dr. sc. pol. Ernſt 
Oberfobreen . 2 2 0 0 ae en 
Onpreuktnpiife, von Pror. Dr. Mar I. Wolff 
—— und — ——— von Walther Claſſen 
Weltkrieg und Vollsz 


Nechtsfragen, BR und 
Erziehung, Kirche 


—— die Zukunft der —, I. Die lörper⸗ 
tigung ber Jugend und bie Er— 
— ur Wehrtüchtigkeit, II. Die Einigung 
er erzieheriſchen Ju endpflege und daB 
Mittelamt für Jugendpflege” von Dr. ®. 
—8 ne see ne 28, 
er Schule, von Dr. R. Shadt . . 
Sale, an — Age des —, 
en Conrad Bornhaf. . . . . 
Univerftätägefen, Ein ——— —, — Prof. Dr. 
Eduard Hubrich... ..... 
Volkskindergartens, Die er Aufgabe 
de8 —, von Dr. phil. Anton — 
Bollzlirche, Die — und ihre — ndi) 
Sendung, vo von Ardibiafonus Artur Braufe- 
» . ‘ . ® ” ‘ ® . ® . ‘ 


316389 


” 


23, 294 


. 28, 389 


19, 171 
15, 650 
14, 1 
4, 48 
28, 298 
17, 108 
17, 113 
19, 176 
2, 406 
18, 149 
20, 206 


’ 


8302, 26, 892 
. 18, 1562 


24, 321 
21, 245 
24, 851 


16, 71 


Heft Seite 


Kulturgefhichtliches, 
Länber-, Böller- und Sprachenkunde 


Altrömiichen Feldarztes, Tharakterbild eines —, 
von Dr. Wilhelm onad 

Deutſchbaltiſchen Menſchen, Die Krifis des —, 
von Dr. Max Hildbebert Boehm . 4, 886: 

Gobineau über Deutſche und vangofen, a 
Prof. Dr. Ludwig Schemann . . 

Rultur, Bon deutſcher — und beutfcher geiei 
von Prof. Dr. Erih Jung. . 

SODNEROHLIE, Deutſche —, von Dr. Fig 

oeple. . . 

Spraden, Die europäife en — und der Krieg, 
von Prof. Dr. Sütterlin-. . «2 202. 

Suezkanal, ———— — am —, von 


Dr. Walther Jan 

Verdeutſchungen, von” Earlomig- 
Hartigih . 

Wokevre, Ein Blid in die - —, "daß Borland von 
Toul und Berdun, von Bıof. Dr. Reihlen 


Literatur, Kuuſt, Philoſophie 


——— und die belgiſche Neutralität in 
ethiſcher Beleuchtung.. 2 2 0. 

Dramatiler, Sollen die — Iamelden? von 
Dr. Julius Seitler . —— 

Geibel, Vom unbefannten —, von Dr. R. 


Scha 

a Deuiſche — heut unb vor 
hundert Jahren, von Dr. W. W 

Zweck, Der — in der Politil, von Dr. Paul 
Feldkellerr. 0 0 nn 


Rovellen, Romane, Gedichte 


Abſchied, von Roderich Ley . wen 
Der Gefangene . a 

Mondnacht, von Roderich dey N 
Nach den Treubruch, von Mar Bittric) . a 
Reiters Morgenruf, von NRoberih Ley . . . 


Bücerbeiprecgungen 


Ein „B“ anftelle ber Geitenzahl bedeutet: 
Bügerlifte im Ungeigenteil bes betr. Heftes. 
Bauer, Karl: 


Führer und Helden. Feder—⸗ 
zeihnungen . 


Baum, Dr. Georg: 8 regsbüctein. für das 
deutihe Haus (Dr. Sontag) 
est senowie: Allgemeine Dienftpflicht 


Sans, dere von: Bom Kriege (*) ; 
Denis, Emeit: La Guerre (Dr. Fris Roepfe) 
Fuͤcer, Adolf: Menſchen und Tiere in Süb- 
weit (Brof. Panl Matſchie) 
i A e Erid: em Öanstomöbien mit 


Bunt, Dr. nation: Freie deutfche Blätter 
(Dr. Earl Jentih) . 

Gobineau: a qui est arrive en ‘France en 
1870. FH den Auffat: Bobineau 
über Deutihe und Yranzofen (Prof. Dr. 
Ludwig Ehemann) . . 58; 

Gocbel, Otio: Der and von Sadalin und 
andere Geſchichten aus Sibirien (*) 

— Guſtav: Denkwürdigkeiten Br Alt: 

jterreih (Heinz Amelung) . . 

Hatſchek, Prof. Dr. Ludwig: Das Barlamentd- 
recht des Deutichen Neides (Brof.Dr. va 
Bornbaf) . . FRE 

Hedin, Sven: Ein Bolt in Waffen — 

Hennig, Dr. Richard: Unſer Vetter Zartuffe 
oder Wie England feine Kolonien erwarb 
(Heinrich Reub) . 

— enburg, Bernhard von: Baul von Hinden- 


se Ric 


Sönig, Dr. Johannes: Ferdinand Gregotovius 
als Dichter (Dr. phil. 8.9. Rofe). . . 


. 2%, 880 
3, 871 
16, 80 
22, 264 
14, 26 
22, 272 
21, 225 
. 20, 214 
17, 120 


26, 860 
23, 8308 
. 21, 248 


. 19, 179 


. 20, 198 


18, B 


191 
. 16, B 
17, 126 
14, B 
. 17, 127 


Jentſch, 


‚Bey, Roderich: 


Heft Seite 


le: — * Reiche bes Geldes (Dr. Karl 
Labberton, Dr.: Die Verlegung. ber Beigifchen 
Neutralität . 
Poe, Edgar: Werte (Exrnit oͤndwig Sgellenberg 
Rinn und Jüngſt; ——— dee 
bud (Heinrich Reuß) . . ; ; 
Rupp, Julius: Geſammelte Bere . 
Sombatt, — und Heiden (Dr. 
Garl Jent 1) Ve Er — 
Steffen, Bultav : Krieg und Rultur. Ber 
gleige die Au fäge: 9 ehweden und ber 
elttrieg“ und „Der Imperialismus in 
engl! her Auffafſung“ (Dr. Elſe Hilde» 


Phi h Holtder: Bismard . . . { 


Mitarbeiter-Bergeichnis 


Amelung, ty „Denlwürdigkeiten aus Alt- 
Dfterrei Peraußgegeben von Guſtav Gugitz 
en Suftigeat: : Bär bie — 
euer . F 

— Stoatenbund von Nordeuropa 
Bittrih, Mar: — dem Treu * — 
Boehm, Dr. ildebert: Die Krifis bes 
dentichbaltilchen enihen . . 
Borbat, Prof. Dr. Conrad: BZeigiens Berfaffung 
und Staatsleben 


„Dad Barlamentsreht bes Deutichen 
Reiches“, von Prof. Dr. Ludwig Hatſche 
Stellung des 


21, 4 


15, 60 
17, 118 
28, 29% 


, 8, 41 
24, 886; 3, 871 


. 26, 898 


. 19, 191 


’ 


— Die völterregtli Papfies 24, 821 
Böttger, M. d. % Dr. Hugo: Unſere nächfte 


Hanbelspolitit . . 
Braufewetter, Arhidiafonus Artur: Die Bolts: 
firhe und ihre vaterländiihe Sendung 
Capelle,Dr.®.: Belle Alliance, Zum hundertften 
Gedenktage am 18. Juni 1915 . 
Karlowig-Hartigfch, m von: Berdeutiungen 
Elaffen, Walther: Tu und Giedlung 
Clellan, Prof. George Der Preis für 
Stallend Neutralität 
Dahmte,Unteroffizier Dtio: rüdte bes Krieges, 
— ans bem iselde . . . .. 
de Ionge, Dr. M.: Das itafienifche Barlament 
Gelee: Dr. Baul: Der Zwed ın der Bolitit 
ottlob, Prof. Dr.: Das Erben Englands 
in Ügypten . er ee 
u Bazimitian von: Die Radiolge 
8 — Ric d: Der Rüd »b 
enni r. Ridar er gang er eng- 
Liichen Rohlenausfuhr und ihre Folgen 
Hildebrandt, Dr. Elfe: 2 —— alismus 
in engliiher Auffafjung R 
— Schweden und ber Welt tig» 
Hubrich, nah, Dr. Eduard: Kin neues lini- 
verfitäts ge! [3 Bu Br DE Bu RB HR NE 
Amberg, Dr. jur. Kurt eb; gie Vereinigten 
Staaten von Amerifa Japan . 
Sanell, Dr. Walther: Annie ar Anteil am 
Suezlanal . 
Dr. Earl: ‚Sreie deutſche Blätter“, 
herausgegeben von Dr. Philipp Funk 
— „Händler und Helden“ von Werner Sombart 
— „Im Reiche bed Geldes“ von Leo Jolles 
Jung, Prof. Ir. Erih: Von’ deutſcher Kultur“ 
und deuticher ieh on. . 21, 385; 
ſchied Ba al 


15, 650 
16,. 71 
34, 827 
X, 214 
18, 149 
22, 57 
2A, 348 
22, 81 
20, 193 
14, 9 
19, 166 


19, 171 


. 0, 198 


17, 9 
21, 245 
15, 83 
. 21, 226 
20, 219 
15, 63 
21, 354 


22, 264 
17, 126 


— Mondnadt . een ee AI 


— Reiterd Mor enzuf . : 

Matichie, Prof. Paul: „Menigen und Tiere in 
Südweſt“ von Adolf Fi iicher 

Mayer, Dr. Eduard Bilfelm: Dialieniſche oder 
flawifche Irredenta?.. . 

— Italiens Politik a dem Baltan und in 
der Levante . . 

Müller, Prof. Dr. Bi: Napoleons Plan einer 
AInvafion Englands 1908—1806 

abe iohten Dr. sc. pol. Ernſt: Rriendwirtfinits, 


lehre 
Reihlen, Rrof. Dr.: Ein Blid in bie Woßore, 
das Borland von Toul und Berdun . . 


. 17, 


18, 166 


(2 


18, 176 
7, 120 


Heft Seite 


9 ee 
von f. nn und Pfarrer lic. 
theol. ln m 
„Unfer Beiter Zartuffe oder Wie "England 

— Kolonien erwarb“ von Dr. Richard 


Roepte, ne grip: Deutfche | Sotdatendriefe ; 
Frantreichs Werben um Bel Igien ; 
za Guerre“ von Erne 
Kal, Sri: Die deutiche ndaftre im Kriege 
Dale. phil. Anton ec: Die nationale 
Aufgabe des Volkskindergartens 
— „Ferdinand ee als Dichter“ von 
Dr. ——— 
R. S. D „A gemeine Bienftpfit“ ı von 
— — u Zr 
a un e. 
— — —— — eibel . 
ellenberg, Ernit Ludwig: Edgar Boe's Werke 
emann, Prof. Dr. Ludwig: — über 
eutiche und — 6, 58; 
Schonack, Dr. Bilhelm: Charatterbilt ne 
altrömifhen Feldarztes 
Kriegägetreibe-Bür- 


- Schroeder, —— 
ſorge 


19, 189 


17, 126 
14, 26 
17, 116 


. 28, 314 


14, 1 
. 24, Bbl 
. 17, 127 
. 17, 128 


. 18, 162 
21 


2, %37 
16, 80 
26, 880 


. 23, 298 


Heft Seite 


Sontag, Dr.: —— für das deutſche 
Haus“ von Dr. Georg 

Siymantl, BURN Dr. Paul: "Sur Hunbertjahr- 
feier der Deutihen Burſchenſchaft am 
12. Juni 1015 . 

Strahl, Dr. jur. R.: Das Rationalitätsprinzip 
und die natürliden Grenzen des Staates 

Sätterlin, Prof. Dr. Ludwig: Die europätihen 
Spraden und ber Srieg . 

Baritat, Dr. ®.: Die Zufunft der Jugenbpflege, 
l. Die törperliche Kräftigung der Jugend und 
die Erziehung zur Behrtüchtigfeit, U. Die 
Einigung der erzieheriichen yugenbpllige und 


das „Mittelamt für Jugendpflege” 23, 802; 
— Deutiche Kriegsdichtung Heut und vor 
hundert Jahren 


Bittihemity, Prof.: Die Befteuerung des 
Kriegdgewinnd — eine Steuerun erechtigkeit 
Wolff, Prof. Dr. Max J.: Oſtpreuf enhilfe 
Zeitler, Dr. Julius: Sollen bie 
I meigen? . 
leine Haustomöbien. mit. 
„Dr. Erich Fi 
„Vom Kriege“ Bon General von Eluufewig 


Dramatiler 


Muft“ von 


22, 288 


23, 239 


. 18, 129 


2, 212 


26, 392 
19, 179 
17, 108 


. 26, 406 


23, 300 


20, 220 
17, 126 





Die deutjche Induftrie im Kriege 


Don Fritz RBll 


ie &reigniffe der legten Wochen haben die einwandfreie und 
endgültige Beftätigung erbracht, daß der gegen Deutſchland unter- 
nommene Krieg nicht allein die Niederwerfung deuticher milttärifcher 
A Kraft bezweden fol, fondern aud) und vor allem die Zertrümmerung 

= deutſcher Wirtfhaft und deutſchen Handels. Seit dem Eintritt 
des Deutichen Reiches in Welthandel und Weltpolitif hat England argmöhnifchen 
Auges die Entwidlung des deutſchen Wirtfchaftslebens und der deutfchen Induſtrie 
verfolgt, hat neiderfült den beifpiellofen Erfolg des deutſchen Außenhandels 
wahrgenommen und hat, ohnmädtig fih in würdiger Weife des Täftigen 
Konkurrenten zu erwehren, einen Weltbrand heraufbefhworen, um mit roher 
Gewalt alles zu zerftören, was deutfcher Fleiß und deutfche Ausdauer in jahre- 
langer, mühjeliger und heiliger Arbeit gefchaffen haben. In dem Zufammen- 
bruch unſerer militärifchen Kraft, unferes Wirtfchaftslebens und unferes Handels 
würden aber auch deutſche Kultur und deutjches Wefen zu Boden finfen, und 
wir wifjen nicht wie lange es dauern würde, ehe alles das, was heute Ieben$- 
und tatenfroh noch vor uns fteht, wieder zu bejcheidener Dafeinsbetätigung die 
nötige Kraft finden fönnte. Aber wir wiſſen heute ſchon, daß die Rechnung 
unferer Feinde Fehler aufmeift, und daß diefe Fehler den Mikerfolg mit uner- 
bittlider Notwendigleit herbeiführen müffen. 

Die Tapferkeit unferer fiegreihen Truppen bat den Anſchlag auf unfere 
militärifhe Kraft zuſchanden gemadt, fie hat den Kampf in das Land unferer 
Feinde getragen und hat verhütet, daß bis auf einen Kleinen Zeil die deutjche 
Erde der Schauplat blutiger Schlachten und wüſter Zerftörungen wurde. Die 
erfte Kriegswoche zeigte uns die lückenlos volllommene militäriſche Kriegs— 
bereitjchaft, fie zeigte uns die gründlich durchdachte Bereitſchaft unferes Eifen- 

Grenzboten M 1915 1 





2 I Die deutfche Induftrie im Kriege 





bahnweſens, fomweit e8 fi) um Angelegenheiten der Truppenbeförberung handelte, 
und fie zeigte ung die muftergültige Bereitichaft für die Heeresverpflegung. 

Aber fie zeigte uns auch, daß unfere Induſtrie und das von ihr abhängige 
Wirtſchaftsleben nicht auf den Krieg vorbereitet waren. Die Yolge waren: 
Kopflofigkeit, Unentfchloffenheit, Maffenfündigungen und als ſchlimmſte — drohende 
Arbeitslofigleit. Die deutſche Induſtrie ſchien ftill zu fteben. 

Schon erhoben fih zürnend die Stimmen der Feinde Tapitaliftiiher Wirt- 
ſchaftsordnung. Sie prophezeiten die Niederlage Deutſchlands als notwendige 
Folge diefes Syſtems. Yon anderer Seite aber erſcholl der dringlidhe Ruf: 
„weiter arbeiten.” Denn das ward in jenen Tagen bie Überzeugung eines 
jeden: Deutſchland kann nur dann fiegreih aus dem aufgebrungenen Kampfe 
hervorgehen, wenn das zurücgebliebene Deutichland ſtark bleibt und mit feiner 
Kraft ftügend im Rüden der lämpfenden Armeen ſteht. Denn nit in ben 
Reihen der fiegreich vordringenden Truppen wird die Kriegesmübdigfeit lähmend 
ihr Haupt erheben, fie wird geboren im Inland, inmitten arbeitSlofer, zu 
Müpiggang und Notleiven verurteilter Menichenmafien. 

So ſah fi die deutſche Induſtrie, die große Arbeit- und Brotgeberin 

unferes Volles, vor eine große, faft übermenſchliche Aufgabe geitellt. Es galt 
fhnell und wirkungsvoll zu handeln und das, was an Kriegsvorſorge verfäumt 
worden war, durch Kriegsfürſorge wieder gut zu machen. 
88 zeigte ſich indeſſen ſehr bald, daß an Arbeitsgelegenheit fein Mangel 
berrihen würde. Der Krieg felbft und mit ihm die Heeresleitung ftellten 
große Anforderungen an die Leiftungsfähigleit unferer Induſtrie. Der Bedarf 
an Gefhügen, an Munition, an Ausrüftungsgegenftänden für das lämpfende 
Heer, an Erzeugniffen, die fanitären Zwecken dienen, an Beförberungsmaterial uſw. 
ftieg in$ Ungemefjene. Aber die Aufträge wurden von den militärifchen Be— 
börden ohne genügende Prüfung, faft wahllos, vergeben, und das Fehlen einer 
Drgantfation, die die Gefhäftsbeziehungen zwiſchen Militärverwaltung und 
Induſtrie hätte regeln Tönnen, machte fi) unangenehm fühlbar. So kam 
es, daß die dem Sit der Verwaltungen benachbarten Werle mit Aufträgen 
überlaftet waren, während in entlegenen Gegenden Beſchäftigungsloſigkeit herrichte. 
Eine weitere Folge war das Auftreten eines Jäftigen, oft unlauteren Zmwifchen- 
handels, der nicht felten von Leuten betrieben wurde, die bisher in feiner Be⸗ 
ziehbung zu den arbeitenden Induſtrien ftanden. Hier regelnd zu wirlen, war 
bie erfte Anforderung, die der Krieg an die organifatorifche Kraft unferer 
Induſtrie ftelltee Sie wurde bei der Löfung diejer Aufgabe unterftäbt durch 
die beftehenden ftarfen Organiſationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. 

Bereits am 8. Auguft v. J. ſchloſſen ſich die beiden maßgebenden Verbände 
ber deutſchen Induſtrie, der „Bund der Induſtriellen“ und der „Zentralverband 
deutſcher Induſtrieller“ zufammen zur Bildung eines „Kriegsausſchuſſes der 
beutfchen Induſtrie“, und ftellten fomit ihre weitreihenden Drgantfationen in 
den Dienft des Vaterlandes. Diefer Kriegsausfhuß erfaßte die gefamten 


Die deutfche Induſtrie im Kriege 3 


geiftigen und materiellen Mittel, über welche die deutſche Induſtrie zurzeit 
gebot und ftellte außerdem dur Kommiſſare eine zwedmäßige Verbindung mit 
den Reichs⸗,, Staats- und Heeresverwaltungen ber. Die von diefen Stellen 
erteilten Aufträge konnten nun zwedmäßig über die in Trage kommenden 
Mmduftrien verteilt werden unter Ausſchluß jeglicher ftörenden fonftigen Ver⸗ 
mittlung. Die Aufgabe des Kriegsausfchufles war hiermit aber nicht erfchöpft. 
Seine weiteren Ziele waren: zmwedmäßige Verwendung der verfügbaren wirt- 
ſchaftlichen Kräfte, wirkſame Arbeitsteilung, Lieferungswefen, Materialbeihaffung 
und ArbeitSausgleich zwiſchen den einzelnen Induſtrien, befonder8 aber zwiſchen 
mduftrie und Landwirtſchaft. Das Iebtere war von großer Wichtigkeit, da bie 
Landwirtſchaft fih durch die Mobilmahung ihrer Arbeitsfräfte beraubt ſah, 
und diefe nur durch maſchinelle Einrichtungen zu erfegen waren. Es bildete 
fh die landwirtſchaftliche Zentralftelle für Induſtriebeſchäftigung, welche den 
landwirtſchaftlichen Bedarf an den Ausſchuß vermittelt und die Fachverbände 
der einzelnen Induſtriezweige durch forgfättige Auskünfte unterftügt. Vor allem 
aber wurden Kriegskreditbanken gegründet, bie, geſtützt auf Die Reichsbank, den 
vom Kriege betroffenen Unternehmungen Mittel zur Aufrechterhaltung ihrer 
Betriebe zur Verfügung ftellten. 

Immerhin Tonnte durch die plößlic auftretenden Bedürfniffe nur ber 
Arbeitsbedarf gewiſſer Induftriezweige gededtt werden. Für die nicht beteiligten 
Induſtrien galt es nun, fi wirkungsvoll ben neuen, oft außergemöhnlichen 
Derhältniffen anzupafien. 

Während in jenen Fabriken, die ihre Yabrilation ohne weiteres auf den 
Heeresbedarf und auf bie Herftellung der taufenderlei Dinge, die unfere im 
Feindesland ftehenden Truppen bedürfen, einftellen fonnten, eiftige Tätigkeit 
herrſchte, mußten andere Fabriken eine Änderung ihrer Tätigfeit vornehmen. 
So erzeugt die A. €. ©. in einem ihrer Betriebe an Stelle Dynamos Granaten, 
in einem anderen Metallinöpfe und andere militärtfche Utenfilten, die Siemens» 
Säudertwerle bauen Telegraphen- und Telephonanlagen für bie Heeresleitung, 
Eifengießereien und Mafchinenfabrifen ftellen Granaten, Nähmafchinenfabrifen 
Schrapnells her. Metallmarenfabrifen erzeugen Patronenhülfen. Eine Fabrik 
für photographiiche Artikel fabriziert Koppelichlöffer, eine andere für Gewächs⸗ 
hausbau befchäftigt ſich mit der Herftellung von Werkzeugfäften und Feldftühlen. 
So hat die Anpafjungsfähigfeit, die des Deutſchen hervorftechendes Merkmal 
ift, in kurzer Zeit Dinge zuwege gebradt, die früher als unmöglich gelten konnten. 

Die fi) immer fteigernde Nachfrage nad) Induſtrieerzeugniſſen im Verein 
mit der Rückkehr normaler Kredit- und Zahlungsverhältnifie überwanden mit 
unvorhergefehener Schnelligkeit die Lähmung der erften Kriegswochen, und bie 
deutihe Induſtrie begann von neuem und kraftoll ihre Arbeit wieder auf- 
junehmen. 

Aber noch blieben Aufgaben von meitgehender Bedeutung zu löſen: es 
mußte für einen ficher arbeitenden Arbeitsnachweis geforgt werden, um bie 

* 


4 | Die deutfhe Induftrie im Kriege 


vorhandenen Arbeitsfräfte zwedimäßig zu verteilen; es mußte die SHerbei- 
fhaffung der Rohmaterialien ficher geftellt werden, und ſchließlich mußte die 
Eriftenz der Familienangehörigen der eingezogenen Induftrieangeftellten ge⸗ 
fihert werben. 

Gleich zu Beginn des Srieges wurde die „Neichszentrale der Arbeitänad)- 
weife” ins Leben gerufen. Sie umfaßte alle bereits beftehenden Arbeitsnach⸗ 
weife, die der Arbeitgeber fowie die der Arbeitnehmer und arbeitet unter Bei⸗ 
bilfe beider Gruppen auf paritätifcher Grundlage. Es zeigte fi, daß dieſes 
fo heiß begehrte und fo ftark angefochtene Syitem für die vorliegenden Ber- 
haͤltniſſe das einzig zweckentſprechende tft, und die Hoffnung tft nicht unbegründet, 
daß die in diefen harten Zeiten gefammelten Erfahrungen auch hinauswirken, 
in Tommende Friedenszeiten. Dur das Zujammenarbeiten der Arbeitgeber- 
und Arbeitnehmerorgantifattionen aber bat filh zu unferer aller Überrafhung 
gezeigt, daß die Gründung und Feftigung biefer beiden Drganifationsgruppen, 
die fi in der Zeit des Friedens auf das heftigfte belämpften, tatſächlich die 
einzige, zwar unbewußt gefchaffene aber um fo großzügiger durchgeführte 
Kriegsporforge der deutfchen Induſtrie darftellte. Faſt alle beteiligten Perfonen, 
Verbände und Gruppen waren in diefen beiden Drganijationen zujammen- 
geſchloſſen, und es war nur noch nötig die durchgeführte Arbeitsgemeinſchaft 
herbeizuführen, die e8 der deutſchen Induſtrie ermöglichte, ſich jo jchnell den 
durdaus veränderten Berhältniffen anzupaſſen. Im Rahmen der einzelnen 
Induſtrien vereinigten fi) beide Verbände, um gemeinfam für Beihaffung von 
Arbeitögelegenheit und deren Verteilung: zu forgen, denn die Aufträge, bie 
durch den Krieg der Induſtrie zufloffen, genügten nicht, das Heer der deutſchen 
Arbeiter zu beichäftigen. Hier mußten Staat, Gemeinden und gemeinnüßige 
Berbände als Auftraggeber binzugezogen werben. Der Staat ließ Kranfen- 
häufer, wiſſenſchaftliche Inftitute, Waflerkraft- und Bahnanlagen bauen, die 
Gemeinden jorgten dur GStraßen-, Brüden- und Sanalifationsanlagen für 
Arbeit, und öffentliche Inftitute ſchloſſen fich diefen Beſtrebungen an. So ftellte 
zum Beiſpiel das Deutſche Mufeum in München mehrere Millionen zur Ver⸗ 
fügung, um dur den weiteren Ausbau feines Heimes Bauunternehmer, 
Tabrifen und Gewerbetreibende mit Aufträgen verfehen zu können. Diefen 
Beitrebungen ift es denn auch zu danken, daß der Belchäftigungsgrad in der 
deutſchen Induſtrie zurzeit ein erfreuliches Bild zeigt, und an Stelle der be— 
fürchteten Arbeitslofigfeit ſtellenweiſe eine höchfte Anfpannung der Induſtrie herrſcht. 

Bor allem aber war nötig, die Beichaffung der NRohmaterialien fiher 
zu ſtellen. Dadurch, daß der Einfall der Feinde in die Imduftriegebiete des 
Rheinlandes und Schlefiens verhindert wurde, Tonnte die inländiſche Roheiſen⸗ 
und Koblenverforgung ohne erhebliche Unterbrehung aufrecht erhalten werben. 
Um aber auf den Anlauf und die Perteilung der nicht in Deutichland 
gewonnenen Robftoffe zu. organifieren, haben fi) Materialverforgungsgefellichaften 
gebildet, bei denen Erwerbszwede ſatzungsgemäß ausgeſchloſſen find. Die Wichtigkeit 


Die deutfche Induftrie im Kriege 5 








diefer Angelegenheit zeigt zum DBeifpiel die Nachfrage nad) Kupfer. In 
Deutihland werden im Jahr ungefähr 100000 Tonnen Kupfer allein für 
Kriegszwecke benötigt, eine Menge, von der nur der vierte Zeil im Lande 
felbft erzeugt wird. Da in den lebten fünf Jahren aber jährlich) ungefähr 
200000 Tonnen Kupfer mehr eingeführt als ausgeführt wurden, hat ſich ein 
ſolch großer, allerdings meift verarbeiteter Kupfervorrat angefammelt, daß aus 
ihm der Kupferbedarf des Heeres für lange Zeit und ohne allaugroße 
Schwierigkeit gededt werben kann. 

Auf ale Fälle war es nötig, von vornherein und entſchieden allen Preig- 
treibereien entgegenzumirfen. Daß diefe Preistreibereien hintangehalten wurden, 
ift außer den erwähnten Gefellichaften in erfter Linie dem Einwirken ver 
militärifhen Behörden zu danken, die ihre Kommandogemalt benugten, um bie 
Preife der Rohmaterialien feitzufegen. 

War fomit für die ausreichende Beichäftigung der im Lande verbliebenen 
Arbeitsfräfte und für die einigermaßen befriedigende SHerbeifhaffung der 
nötigften Rohſtoffe geforgt, jo galt e8 noch jener zu gedenken, deren Ernährer 
im Dienfte der Induſtrie tätig und nun hinausgeeilt waren, um da3 Bater- 
land vor dreiftem Überfall zu bewahren. Hier zeigt fi uns ein Bild von 
erbebender Opferbereitfhaft und wirkungsvoller Hilfeleiſtung. Der Umitand, 
daß die deutfhen mduftrieunternehmer weiterarbeiten, zum größten Teil mit 
Mugen weiterarbeiten Tonnten, ſetzte ſie in die Lage, große Mittel für die 
Unterftügung der Familten ihrer MWerlSangehörigen bereitzuftelen. Die 
Allgemeine Elektrizität8-Gefelfchaft, die ungefähr 14000 ihrer Mitarbeiter gegen 
den Yeind gefchidt bat, verausgabt monatlid) 500000 M. für den erwähnten 
Zwed. Dieſem Borgehen fließen fih faft ausnahmslos die übrigen Werke 
würdig an. Sn diefer glänzend durchgeführten Unterftügung bringt die deutſche 
Induſtrie in erbebender Weile zum Ausdrud, daß fie fi vollauf bemußt ift, 
in welch außerordentlichem Maße fie ihre kraftvolle Entwidlung der Mitarbeit ihrer 
Angeftellten und Arbeiter zu danken bat, und fie widerlegt überzeugend jene Dogmen, 
die die Ausrottung der humanen Empfindungen durch die kapitaliſtiſche Wirtſchafts⸗ 
ordnung als drohende Gemwißheit hinſtellen. Vergegenwärtigt man fi nun 
noch einmal das kraftvolle und gefchidte Weiterarbeiten dieſer Tapitaliftifh 
orientierten, zurzeit vom Ausland faft vollitändig abgefchloffenen deutſchen 
Sinduftrie, dann wird es verftändlih, wenn ein früherer fozialdemokratifcher 
Abgeordneter, Anton Fendrich, in feiner Flugſchrift Über Krieg und Sozial⸗ 
Demolratie der kapitaliſtiſchen Wirtfchaftsordnung ausdrüdlih feine volle 
Bewunderung ausdrüdt. 

In ihrer Unterftügungstätigleit treten die deutſchen Gewerkſchaften den 
Arbeitgebern und ihren DOrganifationen helfend zur Seite, indem fie ihre großen 
Mittel in den Dienft derjelben Sache ftelen. Um eine Vorftellung von der 
Tötigleit der Gewerkſchaften zu gewinnen, ftatteten bereit8 im November v. J. 
Bertreter der Reichsbehörde und zwei Minifter dem Berliner Gewerkſchaftshaus 


6 Die deutfche Induſtrie im Kriege 


einen Befuh ab, und vor menigen Wochen lafen wir im Rerichsarbeits⸗ 
blatt: 

- „Die Erfahrungen der erften Kriegsmonate haben gezeigt, daß die Arbeit- 
nehmerverbände den ganz außerordentlichen Anforderungen, die durch den 
Krieg namentlih an ihre materielle Leiftungsfähigleit geftellt werden, im 
wejentlihen vollauf gewachſen find, und daß ihr Beitand über die Kriegsdauer 
hinaus im ganzen als gefichert angefehen werben kann“ *). 

Fürwahr, es ift ein verführeriſches, erhebendes Bild, diefe beiden großen, 
bislang feindlichen Drganifationsgruppen bei gemeinfamer Arbeit zu jehen, denn 
es läßt den Segen ahnen, der durch ihre dauernde Zufammenarbeit der Nation 
zufließen würde. Die Beendigung des Krieges wird vorausfichtlich die früheren 
Verhaͤltniſſe wieberbringen. Wenn aber die jebige, ſchwere Zeit in beiden Lagern 
wenigftens den Wunfch nach Verftändigung und Zufammenarbeit mweden und 
jtärfen würde, fo wäre dies ſchon als Gewinn zu preifen. 

Der Kriegsbeginn traf die deutſche Induſtrie um fo heftiger und uner- 
mwarteter, als fie in erbeblihem Umfang mit der außerdeutſchen Kundſchaft 
befchäftigt war, und der wirtichaftliche Verkehr mit jenen Staaten, die mit uns 
Krieg führen, troß der politiſchen Spannung bis zuletzt fehr lebhaft war. Der 
Ausbruch des Krieges zerfchnitt diefe Beziehungen und unterband nahezu 
jegliden Außenhandel. 20 bis 25 Prozent der deutſchen Warenerzeugung 
fallen auf das Ausland, und ungefähr ein fechitel bis ein fünftel der deutſchen 
Arbeiterfehaft waren für den nunmehr ftillgelegten Außenhandel, der im Vorjahr 
20 Milliarden betrug, tätig. Für die hierdurch betroffene Induſtrie galt es, 
das, was ihnen am Außenhandel verloren gegangen war, auf dem Inlands⸗ 
markt zu erobern. Glaubte England: die Zeit gelommen, um unferen Außen- 
bandel mühelos an fi reißen zu können, fo war für uns ber Augenblid 
günftig, den Inlandsmarlt von ausländifhen Erzeugniffen zu fäubern. Die 
deutf he Kohleninduftrie zum Beiſpiel tritt erfolgreih in die Lüde, die durch 
die nunmehr fehlende englifhe Kohleneinfuhr entitanden ift. Die ununterbrochene 
Förderung von Gteinlohlen aber ift in der gegenwärtigen Zeit von um fo 
größerer Wichtigkeit, als dadurch die ausreichende Erzeugung pharmazeutifcher 
und chemifcher Artikel, die Verforgung mit Leuchtgas mit dem für die Land- 
wirtihaft wichtigen fchwefelfauren Ammoniat und endlich die Herftelung der 
Farbſtoffe gefichert wird. England, das lediglich auf den Bezug deutſcher 
Tarbitoffe angewiefen ift, ſah ſich zur Stillegung eines großen Teiles feiner 
tertilinduftriellen Betriebe veranlaßt. Auch. die Vereinigten Staaten, die um 
die Jahreswende zwei Schiffe mit deutfchen chemifchen Erzeugniffen befrachteten 
und mit Englands Genehmigung unter amerilanifcher Flagge nad Amerifa 
führten, konnten Betriebgeinftellungen infolge Farbftoffmangels nicht verhindern. 


*) Vgl den Aufiag „Die deutihen Gewerfihaftihaftsorganifationen und der Krieg” 
bon Heinrich Göhring in Heft 51, 1914. 


Die deutfhe Induftrie im Kriege 7 


— — — —  » 


Ebenſo wie die Kohleninduſtrie treten die Induſtrien der Werkzeug⸗, land⸗ 
wirtſchaftlichen und Textilmaſchinen, der Kleineiſen- und Stahlwaren, des Schiff⸗ 
baues uſw. tatkräftig hervor, um ſich den ihnen längft gebührenden Anteil am 
Inlandemarkt für dauernde Zeiten zu fihern. Aber auch in der Beſchaffung 
jener Artilel, die bisher ungünftiger Bedingungen halber nicht im Inland ber- 
geitellt wurden, muß der Augenblid benugt werden, um die deutſche Induſtrie 
für immer von der Abhängigfeit vom Auslande zu befreien. Handelt es ſich 
um natürlihe Produlte, fo jollen fie durch fünftliche, gleichwertige erfebt werden. 
Die prinzipiell gelöfte Aufgabe der ſynthetiſchen Herftellung des Kautſchuls 
läßt erwarten, daß die mit 200 Millionen bewertete Einfuhr zum größten Teil 
durch inländifche Erzeugnifje erjebt werden fann. Der aus Yapan eingeführte 
natürlide Kampfer wird im Inlande in nahezu volllommener Weile auf fyn- 
thetiichem Wege erzeugt. Indeſſen müfjen jährlich noch große Mengen Kampfer 
eingeführt werden, da bei uns, im Gegenſatz zu England, für die Herftellung 
von Arzneien natürliher Kampfer vorgefchrieben tft. Grfolgreicher wird zum 
Beifpiel Jute bereitS heute durch Tertilofe, einer Verbindung von Papter- und 
Baummollfafer, erfeht. 

Überbliden wir noch einmal das Bild, welches die deutfche Induſtrie im 
gegenwärtigen. Kriege zeigt, fo offenbart fi uns die überwältigende Kraft, die 
in dem deutſchen Wirtfchaftsleben enthalten ift, und die, nunmehr auf einen 
Punkt, auf die Sicherftelung unferer nationalen Zukunft gerichtet, unübermindlich 
eriheint. So aber mußte es auch fein, foll Deutichland flegreih aus dem 
gegenwärtigen Krieg hervorgehen, denn für uns ift die Leiftungsfähigfeit der 
heimiſchen Induſtrie von weitaus größerer Bedeutung als bet unferen Feinden. 
Während jene ihren Bedarf an Waffen, Munition und den fonftigen Bedarfs- 
artifeln im neutralen Ausland, befonders in den Vereinigten Staaten decken 
fönnen, find wir in der Verforgung diefer Dinge lediglich auf die eigene 
Induſtrie angemwiefen. Für unfere Induftrie iſt daher die Zahl der Feinde 
größer als für die Triegführende deutfhe Nation. Diefe bat es nur mit den 
erflätten Yeinden zu tun, jene aber hat außer den feindlichen Induſtrien auch 
alle an den Feind Tiefernden Induſtrien zu überwinden. Dies gilt vor allem 
im Hinblid auf das Verhalten der Vereinigten Staaten, von denen wir wiſſen, 
daß ein großer Teil der führenden Induſtrieleiter deutſcher Herkunft find. Das 
deutfche Voll aber hat die Pflicht, die Erinnerung an die amerilantfchen, unfere 
Feinde begünftigenden Munitionslieferungen für alle Zeiten wach zu erhalten. 

Es ſoll zum Schluffe nochmals des deutſchen Außenhandels gedacht werben. 
Es ift wahr, er ruht zurzeit fait vollftändig. Aber verloren gebt er unferer 
Snduftrie nicht, denn nicht engherziger Krämergeift und das Befcheiden mit 
Selegenheitsgefhäften oder zufälligen Augenblidserfolgen haben Deutſchlands 
Anteil am Welthandel erobert, fondern rajtlofe Zätigleit, zielficheres fcharf 
durhdadtes Vorgehen, eijerner Fleiß und höchſte Muftergültigkeit der auf 
den Markt gebrachten Erzeugnifje, waren die Waffen, mit denen Deutfchlands 


8 ' ... Die deutfche JInduftrie im Kriege 





Handel und Induſtrie am Weltmarkte auftraten. Was hiermit bereitS erreicht 
war, wird wieber erreicht und übertroffen werden. Mag England uns getroft 
unfere Patente ftehlen; was durch fie geſchützt tft: deutſche Denk- und Erfinder- 
arbeit kann es uns nicht entwenden. So berichtet die Statiftil des Kaiferlichen 
Patentamtes bereits für die Woche vom 9. bis 14. November von 389 Patent- 
anmeldungen, während für normale Zeiten die Zahl 300 als Durchſchnitt 
gelten kann. Mögen unfere Feinde immerhin bemüht fein, auf unlauteren 
Wegen in den Befib deutſcher Preisliften, Kataloge, Abbildungen und Zeichnungen 
von Maſchinen, ja Kundenverzeichnifie zu gelangen; es ift töricht zu glauben, 
daß in der Aufregung einiger SKriegsmonate der durch raftlofe Zätigleit 
gewonnene VBorfprung der deutſchen Induſtrie eingeholt werden kann. Im 
übrigen liegt in allen am Krieg beteiligten Staaten der Außenhandel ebenfalls 
derart darnieder, daß tatfächlicd die Vorberfage des „London Cconomift”, der 
Krieg werde für England ein ſchweres wirtfchaftliches Unglüd darftellen, ſich 
durchaus bewahrbeitet hat. Hält man die heutigen VBerhältniffe in Deutſchland 
dagegen, fo tft e8 gerechtfertigt, wenn das deutſche Volk feiner Induſtrie volle 
Bewunderung entgegenbringt und auch weitreichende Unterftügung für die von 
ihr übernommene große nationale Arbeit. 

Ein jeder von uns kann hierbei mit helfen, wir brauchen nur den Weg 
zu befchreiten, den uns unfer nationaler Stolz vorfchreibt. Denn es tft unferer 
unwäürdig, wenn fi) unjere national begeijterten Männer mit engliſchen Stoffen 
Heiden, wenn unfere Frauen und Töchter, deren Gedanken beim lämpfenden 
Heere weilen, franzöfifhen Moden buldigen und franzöſiſche Toilettemittel ge- 
brauchen, es ift unferer unmwürdig, wenn unfere Brautpaare, außgerüftet mit in 
England oder Amerifa erzeugten Handſchuhen vor das Antlit des deutfchen 
Gottes treten, wenn die Ausftattungsgegenftände des deutſchen Heims mit 
englifden oder amerikaniſchen Werkzeugmafchinen bergeftellt werden; wenn die 
Scholle, die das deutſche Volk ernährt, mit bemfelben amerifanifhen Stahl 
bearbeitet wird, der die Söhne eben diefer Erde zu Boden ftredt; es ift endlich 
unferer unwürdig, wenn die engliſche Stablfeder deutiche8 Denken dem Papier 
anvertraut. 

Ebenfo wie in ſprachlicher Hinfiht verlangt auch bier die Sauberfeit 
vaterländifhen Empfindens eine gründliche Reinigung des beutichen Weſens 
und deutſcher Gepflogenheiten. Die Zeit zu biefer Arbeit aber ift gelommen. 








Das Eindringen Englands in Agypten 


Don Prof. Dr. Gottlob 


I. 


RE er große Britenhaffer Napoleon der Erſte fol bei feiner erften 
Unterhaltung mit dem Gouverneur der Inſel St. Helena gejagt 
| gasen Agypten fei dag twichtigfte Land der Erbe. Man barf biefe 





— * Korſen betrachten, die auf die Demütigung Englands Binaus- 
fefen. Wenn fi Heute, ein ganzes Jahrhundert Später, unfere antienglifchen 
Gedanken und Wünfche wieder um das PBharaonenland drehen, fo find immerhin 
bemerfenswerte Unterjchiede vorhanden. Napoleon wollte Agypten als Zwifchen- 
ftation benugen, um von dort aus gegen die Engländer in Indien vorzugehen. 
Heute find die Briten die Herrn im Nillande felbft. Ihre Truppen find zwar 
nur zum Zeil Europäer, aber alle find europäifch geichult und europäiſch auß- 
gerüftel. Bon dem Maffenheer, das jett in Ägypten aufammengezogen ift, müffen 
die Türken alfo wohl ernften Widerftand erwarten, einen nachhaltigeren jedenfalls, 
al8 der war, den die Mameluden gegen Napoleon geleiftet Haben. Der Wert 
Ägyptens an fi ift gewachlen einmal durch den Suezkanal, fodann auch als 
Eingangstor zu dem mittlerweile englifch gewordenen inneren Afrika. 

Das Unternehmen Napoleons ift durch die Seeſchlacht bei Abufir gefcheitert, 
dadurch, daß Nelfon die franzöfiiche Flotte vernichtete und ihm damit die Ber- 
bindung mit der Heimat, den Nachſchub an Truppen und Kriegämaterial verlegte. 
Man kann trogdem nicht fagen, daß die Erpedition von 1798 für Frankreich ganz 
nutzlos gewejen fei. Im Gegenteill Die franzöfiſche Kultur, franzöfiiche Dentart 
und Unternefmungsluft fanden feitdem in Agypten dankbare Aufnahme. Das 
Franzöſiſche ift fogar Heute noch im Nillande die beliebtefte Umgangsiprache der 
@ebildeten und fogar im Verkehr mit den Behörden zugelaflen; in Boft-, Eijen- 
bahn⸗, und Zollſachen fommt man mit Franzöſiſch am eheiten durch. Daß man 
von diefer Borzugsftellung des Franzöſiſchen, die iegt allerdingd nad) und nad 
die Konkurrenz des Engliſchen auszuhalten hat, in Frankreich auch wirtichaftliche 
Borteile Hatte, braucht faum erwähnt zu werden. Hätten die Franzoſen da8 
urfprüngliche Übergewicht, das fie im Nillande befaßen, nur richtig ausgenutzt! 


10 Das Eindringen Englands in Aegypten 








Allerdings Haben ſchon in ben dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts 
frangöfifche Offiziere dem Schöpfer des neuen Ägyptens, dem Vizekönig Mehemed 
Ali (1811 bis 1848) geholfen, fein Heer auf einen neuzeitlihen Fuß zu bringen, 
und aud) einige Verwaltungsverbefjerungen find von Franzoſen eingeführt worden. 
Da8 wurde aber gar zu fehr in den Schatten geftellt einmal durch die große 
Menge von Schwindlern und Abenteurern, die aus Frankreich berüberfamen, um 
fih an den Ufern des Nild zu bereihern, fodann aud durch eine nie geſehene 
Verſchwendungsſucht ägyptiſcher Herricher, die fi) Franzoſen in die Hände 
gegeben und von diefen dann gründlich außgebeutet wurden. 

Agypten ift flaatSrechtlich Heute noch ein Zributärftaat der Türkei. Bon ber 
jüngft ausgefprochenen Annerion dürfen wir ja wohl abjehen. Ob fie in Geltung 
bleibt, wird der gegenwärtige Krieg entſcheiden. Türkiſch geworden ift dag Nilland 
bereit8 im fechzehnten Iahrhundert. Sultan Selim der Erfte bat dag Land 1518 
erobert und in eine osmaniſche Provinz vertwandelt; aber aud) als foldje erfreute 
es fih immer einer gewiflen Unabhängigkeit. Die Grundlage des gegenwärtigen 
Berbältnifies zur Pforte bilden Verträge Mehemed Ali mit dem Sultan von 1840 
und ein darauf gegrünbeter German von 1841. Der Wortlaut diejeg Fermans 
tehrt feitdem in den Beitallungsurfunden der Vizekönige immer wieder; er wird 
gewöhnlih nur in den Sägen abgeändert, die dem Khedive eine erweiterte Be- 
fugni8 einräumen follen. Den Zitel „Khedive” führen die ägyptiſchen Herricher 
feit dem Jahre 1867; er heißt foviel wie „Herr“ oder „Fürſt“. Das SKhebivat 
ift in der Familie Mehemed Alis erblich nah dem Rechte der Erftgeburt. Die 
Abgaben werden im Namen de8 Sultans erhoben; es fteht diefem aber von ben 
Staatseinfünften nur ein jährlider Zribut von 17160000 Franken zu; die Zivil- 
Iifte de SKchedive und feiner Familie beträgt 7280000 Franken. Für das Heer, 
das der Vizekönig unterhält, ift die Höchſtgrenze in gewöhnlichen Zeiten 18000 
Mann. Dem Sultan obliegt die Vertretung Agyptens nad) außen. Der Khedive 
Bat aber feit 1873 das Recht, felbftändig Handelöverträge zu ſchließen. Er fann 
ferner Zölle erheben und türkiihe Geldmünzen jchlagen; in feinem Namen wird 
Hecht geiprochen, und er befegt die militärifhen und Zivilftellen bis zum Grade 
des Bey oder Oberfi. Die Bejegung der höheren Stellen follte verfaffungsmäßig 
durch den Sultan geſchehen; tatfächlich Hat aber feit dem Jahre 1882 wenigftens 
in der Beſetzung der Militärpoften die englifche Regierung die Befugniſſe des 
Sultans an fi) genommen. 

Der ägyptiſche RegierungSapparat hat die gewöhnliche europäiſche Einteilung. 
Die Regierungsweiſe ift grundfäglich felbftherrlih; man findet aber auch ſchon 
Anſätze zum Parlamentarismus. Der „Sefetgebende Rat“ und die „Sejeßgebende 
Berfammlung“, die ſich beide mit den allgemeinen Landesangelegenheiten befafien, 
lafien ſich als angehende parlamentarifche Körperfchaften bezeichnen. Beide haben 
indes nur ein beratende8 Votum; die Regierung ift an ihre Zuftimmung nicht 
gebunden. Es drängt fi) übrigens jedem leicht die Beobadtung auf, daß ſich 
ber Bildungsftand der Bevölkerung für parlamentarifche8 Leben noch wenig eignet. 
Das Land ift jabrhundertelang der alttürfiihen Paſchawirtſchaft unterworfen 
gewefen, deren Regierungsweisheit ſich befanntlich in der Dreiheit: &igentums- 
beraubung, Frohndienſt und Brügelitrafe erihöpfte. Durch die jahrhundertelange 
Mipwirtichaft, die übrigens ſchon lange vor der türfifhen Eroberung angefangen 








Das Eindringen Englands in Aegypten 11 





bat, ift da8 Boll in allem unluftig und gleichgültig geworden, und in den 
berrichenden SKlaffen ift vielfach fittliche Korruption eingerifien. Es fiebt leider 
auch nicht danach aus, als ob die jett eindringende europäifhe Kultur in dieſen 
Mißſtänden Mangel ſchaffen werde. Bon den im Orient fich aufhaltenden Fremden 
find ja die wenigften als Kulturträger tätig oder geeignet. 

Man darf bei Erwähnung der Fremden in Agypten nicht bloß an bie 
europäifchen Reijenden denten, die bes milden Klimas wegen oder um die groß- 
artigen Biftoriihen Denkmäler au befuchen, jedes Jahr in Scharen dorthin 
ſtrömen; aud nicht in eriter Linie an diejenigen, die ihren privaten Erwerb im 
Pharaonenlande fuchen. Nein, feit den Reformen in der Verwaltung, die namentlid 
Mehemed Ali und Ismail Paſcha eingeführt Haben, find in allen Zweigen des 
öffentlihen Dienfte8 aud die europälfhen Beamten zahlreih. Ohne biefe 
europäiſche Hilfe hätten ſich die Beſſerungen gar nicht durchführen laflen. Welches 
Heer von Beamten bat allein ber Suezfanal mit einem Sclage nad) Ägypten 
geworfen! 

Der Suezlanal ift 1858 bis 1869 gebaut worden. Der Gedanke einer 
Waſſerftraße vom Mittelländifhen zum Roten Meere, reicht, foviel wir feben 
fönnen, bis in da8 vierzehnte Jahrhundert vor Chriſtus zurüd. Diefer alte Plan betrifft 
die Ktanalverbindung vom öftlihen Nilarme durch das Wadi Tumyla zu der 
nordweftlihen Bucht des Noten Meered. An dieſem Waſſerwege fol nad den 
Forſchungen des Berliner Agyptologen Profeſſors Lepfius ſchon von König 
Ramſes dem Zweiten, dem Zeitgenofien des Mofes, gegraben worden fein. Ob 
er jemals vollendet und in Gebrauch geweſen ift, davon erfährt man nichts. 
ebenfalls ift er fpäter wieder verfandet. Der jekt ausgeführte Kanal läßt den 
Nil ganz unbenugt und gebt von dem innerften Winkel des Golfs von Suez faſt 
in gerader Linie nah Norden. Bon natürlihen Senfungen liegen nur die 
fogenannten Bitterfeen und der weiter nördlich gelegene Kleine Zimfab-See in der 
BVaflerftraße, der Menfale - See dagegen wird öftlih umgangen. An den Bor- 
arbeiten des Projelt3 find in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen 
Jahrhunderts Ingenieure verjchiedener Nationalität beteiligt geweſen; der eigentliche 
Schöpfer bdesfelben war ber Öfterreicher Negrelli, der aber 1858 vor Inangriff- 
nahme des Baues geftorben if. Seine Berechnungen, Pläne und Zeichnungen 
wurden dann von dem Franzoſen Ferdinand Leflepg erworben. Leſſeps wurde 
der Sroßunternehmer, der den Ruhm, Erbauer des Suezkanals zu fein, allein 
geerntet Hat. Zur Ausführung des Gedanken? wurde zunächſt eine große 
Aktiengejellihaft, die „Compagnie universelle du Canal maritime de Suez“ 
gebildet, die 1858 mit der Ausgabe ihrer Anteilfcheine zu je 500 Franken begann. 
Das Aktienkapital war anfangs auf 200 Deillionen Franken berechnet; e8 wurden 
aber tatfächlid mehr als 600 Millionen gebraudt. Mehr als die Hälfte der 
urfprünglid; außgegebenen 400000 Altien wurden in Frankreich untergebradt; 
nicht ganz fo viel, nämli rund 177000 Aktien, übernahm der Vizekönig Ismail 
Paſcha. Schon bei dem Altienverfauf zeigte fich die Mißgunft Englands gegenüber 
dem Unternehmen, einmal dadurd, daß ſich das engliihe Kapital der Aufnahme 
der Stüde enthiell, — vor dem Anlauf der Aktien wurde amtlich gewarnt — 
jodann auch dur Schwierigkeiten, die dem Berlauf der Aktien an den Börfen 
bereitet wurden. Dieje Enthaltfamkeit Englands bat big nach der Tertigftellung 


12 Das Eindringen Englands in Aegypten 


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des Kanals angehalten, was um ſo empfindlicher war, als die Bauausführung 
mehrmals neue Anleihen nötig machte. So kam es, daß die Aktien zeitweilig 
ſogar unter der Hälfte des Nennwertes verkauft wurden. Ja, die Kanalgeſellſchaft 
war ſogar noch 1871, alſo bereits nach der Fertigſtellung des Kanals, in größter 
Geldklemme. Es Bing das freilich damals auch mit dem deutſch-franzöfſiſchen 
Kriege und mit dem großen Geldbedürfnis Frankreichs für unſere Kriegsentſchädigung 
gufammen. Später, als die Aktien durch den zunehmenden Schiffsverkehr ſchnell 
in die Höhe gingen, da bat England gekauft, und Beute erfreuen fi) die Befiger 
der Suezlanalaftien einer ungefähr achtfachen Rente. 

Die engliſche Mißgunſt gegenüber der ägyptifhen Waſſerſtraße zeigte fidh 
übrigen? nicht bloß auf dem Geldmarkte, fondern fie Hat auch diplomatiich der 
Bauausführung Schwierigfeiten bereitet. Im Auftrage des Lord Palmerfton, 
der damals das Kabinett von St. James beherrichte, wurde zum Beiſpiel gleich 
zu Anfang der Sultan mit der Sorge erfüllt, Agypten möchte durch den Bau des 
Kanals in Abhängigkeit von Frankreich geraten. Die dadurch bewirkte abwehrende 
Haltung der Pforte konnte nur durch da8 Eingreifen Napoleons des Dritten 
mittel8 des Verſprechens, den Waflerweg zu neutralifieren, befeitigt werben. 
Ein fernere® Mal ftellten fi) die britiihen DMenfchenfreunde um die Freiheit der 
ägyptiihen Stanalarbeiter befümmert. Khedive und Sultan wurden zu verdrießlidhen 
Mapregeln veranlaßt, um von Fellachen, Armeniern, Negern ufw. jeden Zwang 
fernzuhalten. Nun, der Kanal ift trog al diefer Hindernifie doch in verhältnis- 
mäßig furger Zeit fertig geworden. Im Mai 1869 Hatte der Khedive Ismail die 
Genugtuung, die europäifchen Höfe befuchen zu dürfen, wobei er die Herricher auf 
den Herbſt zur Eröffnungsfeier einlud. Die offizielle Einweihung fand am 
17. November unter großen Zeremonien ftatt. Die Kaiſerin Eugenie, der Kaiſer 
von OÖfterreih, der Kronprinz von Preußen und andere hohe Herrichaften waren 
zugegen. 

Uber bie weltwirtichaftlihde Bedeutung bes Suezkanals braudt man fein 
Wort zu verlieren. Es genügt der Hinweis, daß es jekt der Hauptwaflerweg 
nad) Indien, China, Japan, Oftafrifa und Xuftralien if. Die Zahl der jährlich 
paffierenden Schiffe betrug im Jahre 1912 über 5300. Davon waren 3335 englifche, 
698 deutfche, 221 franzöfiihe. Die Einnahme aus den Pafjagegebühren beträgt 
jest jährlih rund 136 Millionen Franken. 


1. 


Die Vollendung des Suezkanals war die größte, aber auch die legte große 
Tat de Sranzofentums in Agypten. Bon da ab geht es mit dem Einfluß 
Frankreichs abwärts. Man Hat das auch als Folge bes beutich - franzöſiſchen 
Krieges Hinftellen wollen, und tatſächlich hat die Regierung der Republif nach 
1870 nit mehr den Mut gefunden, dem fi immer ftärker geltend machenden 
Wettbewerb der Engländer in Agypten energifch entgegenzutreten. Das war aber 
ihre eigene Schuld, ihre eigene Blindheit. Die Franzoſen braudten bloß ben von 
ihnen geihloffenen Frankfurter Frieden ehrlich anguerfennen, dann hätten fie von 
Deutſchland nichts zu fürchten gehabt. Der Beweis dafür liegt in ihrem un- 
geftörten Eindringen in Zuniß. | 


Das Eindringen Englands in Aegypten 13 


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Die engliſche öffentliche Meinung gegenüber dem ägyptiichen Kanal hat ſich 
nach der Vollendung desſelben natürlich von der urſprünglichen Mißgunſt ſehr 
bald zu dem Verlangen bekehrt, ihn in den eigenen Beſitz zu bringen. Wir 
werden ſogleich ſehen, mit wie einfachen Mitteln dies erreicht wurde. Und nicht 
bloß der Suezkanal iſt tatſächlich in den engliſchen Machtbereich gekommen, ſondern 
auch das ganze Pharaonenland! 

Eine erſte offizielle Handhabe, um in Agypten Einfluß zu gewinnen, wurde 
den Briten durd) die Geldverlegenheiten Ismail Paſchas geboten. Diefer Herrſcher 
Batte Leute, hauptſächlich Franzoſen, um fi), deren moralifche Eigenſchaften weder 
ihm jelbft, no dem Lande zum Guten gereichten. Lorb Cromer nennt den 
Ismail ſelbſt einen „oberflächlichen Zyniker“, der „jeine Handlungsweiſe ſyſtematiſch 
auf der Anſicht begründete, daß fein Menſch ehrlich ſei“'. Ismail Bat in den 
erften dreizehn Jahren feiner Regierung, in denen er noch frei über die Staat$- 
einkünfte verfügte, die ägyptiſche Schuld von rund 60 Millionen Franken auf 
rund zwei Milliarden vermehrt. Er verbraudte im Durchſchnitt jedes Jahr 
140 Millionen. Als im Sabre 1875 von dem Engländer Mr. Cave eine Rechnungs⸗ 
überfiht über die Jahre 1864 bis 1875 gemacht wurbe, ergab fi) erftens, daß 
die Sefamteinnahme um rund 60 Millionen geringer war, als die berechtigten 
und unberedtigten Ausgaben; zweitens, daß der vorhandenen großen Berfchuldung 
außer dem Suezlanal feine neuen pofiven Werte gegenüberftanden. An dem 
Kanal war Agypten mit rund 83 Millionen Franken beteiligt; drittens ging aus 
der Rechnung bervor, daß dag ganze Ergebnig der ägyptiſchen Anleihen und der 
fhwebenden Schuld zur Zahlung der Zinſen und Amortifationen aufgebraucht 
wurde. Mit anderen Worten: Agypten ftand damals unmittelbar vor dem Staats- 
banterott. Der Khedive felbit juchte fich noch zu reiten, indem er plöglich feinen 
geſamten Beſitz an Suezaltien zum Berfauf ſtellte. Loyalerweiſe bot er fie zuerft 
Sranfreih zum Kauf an, dann aber, ald die Regierung der Republit noch zögerte 
zuzugreifen, England. Disraeli nahm fih nicht einmal die Zeit, erft ben 
Minifterrat zu befragen, fondern war fofort bereit und gab dem Londoner Bank⸗ 
baufe Rotbichild unverzüglid Anweifung, dem in Not befindlichen Ismail vier 
Millionen Pfund vorzuftreden. Die einzelne Altie, die jett über 4000 Franken 
foftet, wurde in dem Berlaufsgefhäft zu 568 Franken bewertet. Gegenüber der 
ungeheuren Schuldenlaft war der Erlös natürlih bei weiten nicht genügend, 
fondern der drohende Krach trat im Frühjahr 1876 ein, indem der Khedive die 
Einlöfung feiner Schatzamtsſcheine einftellte. 


* * 
* 


Bon den Reformen, die in den Jahren 1876 big 1882, daß beißt bis zum 
Übergang des Landes in das vorläufige Patronat von England, in Agypten 
eingeführt wurden, will id) nur die Hauptfädhlichfien nennen. Das erfte war bie 
Einjegung einer Kontrolmiffion für die Verwaltung der öffentliden Schulden. 
Die Berordnung des Khedive darüber datiert vom 7. Mai 1876. Die Kommilion 
beftand in der Reihenfolge ihrer Ernennung aus einem Franzoſen, einem Oſter⸗ 
teiher, einem Italiener und einem Engländer. Der Engländer, Lord Cromer, 
wurbe erft zu Anfang 1877 ernannt, weil Lord Derby, der ehemalige Minifter 
des Auswärtigen, einen offiziellen Vorſchlag, wie er von den drei anderen 


14 Das Eindringen Englands in Aegypten 


Regierungen gefchehen, abgelehnt Hatte. Die Ernennung Eromerd geſchah nur 
auf privaten Vorſchlag Hin. Solange, als andere Regierungen noch mitredeten, 
hütete fi England vor jeder offiziellen Vertretung im Schoße der fhedivialen 
Regierung. Das Kabinett von St. James wollte freie Sand behalten und ver- 
handelte alfo mit Ägypten gleichfam nur von außen, nur durch Vermittlung des 
englifhen Generalfonfuls in Kairo; es wollte nicht durch eigene Mitwirkung am 
Zuftandefommen ägyptifher Beichlüfle diefen gegenüber gebunden fein. Dabei 
war es gewohnt, daß feine Konnationalen Ihon von felbft im Sinne ihrer 
beimifhen Regierung Banbelten, und England war zugleich willeng, jeden Beſchluß 
der ihm unbequem war, in ber Ausführung zu hindern. Auf dieſe Weiſe durften 
die Briten am ebeiten Hoffen, in allem ihren Willen durchzuſetzen. Jedenfalls 
gelang ihnen da8 gleich bei der Schuldenkontrollmiffion. Diefe hatte die geſamte 
Schuld Ägyptens auf 91 Millionen Pfund berechnet und biefelbe fogar ſchon 
dur) Berordnung be Khediven zu diefer Summe konſolidieren laffen. Damit 
war aber England unzufrieden. England wollte, daß gewiffe ältere Anleihen von 
der unifizierten Berechnung außgefchloffen und einem befonderen Zinfendienft vor- 
behalten würben. Nach langen Berbandlungen mußte die Kommiffion zufrieden 
fein, daß noch neben ihr ein Engländer und ein Franzoſe als Vertreter nicht der 
Regierungen, fondern ber Gläubiger, der Obligationeninhaber, ernannt wurden, 
und dieſe ftellten dann eine neue Berechnung auf, und fo wurde bie unifizierte 
Schuld auf 59 Millionen Pfund bHerabgefegt; der Staatshaushalt wurde aller- 
dings durch die abgetrennten Einfommenverwaltungen und Sinfendienfte wieder 
verwidelter und weniger überfihtlih. Dafür Hatte aber England ein Heilmittel, 
dad fowiefo, wenn die ägyptifhen Finanzen in Orbnung gebradt und in 
Ordnung gehalten werden follten, nicht zu umgehen war. Auf Vorſchlag des 
Lord Goſchen wurde nämlich kurz darauf ein oberfter Rechnungshof eingerichtet 
und natürlih ausſchließlich mit Engländern befegt. Das ägyptiſche Rechnungs- 
weſen ift feitdem immer in britifchen Händen geblieben. In der unfdeinbaren 
Maste einer bloßen Rechnungsbehörde erreichte England erftens, daß es allein 
den ganzen und vollen Einblid in die ägyptiſchen Sinanzen Halte, ſodann dehnte 
es damit indirekt ſchon 1876 feinen Einfluß auch auf die allgemeine Qandesver- 
waltung aus. Der Einfluß auf die allgemeine Landesverwaltung war überhaupt 
das Biel, da8 bie Engländer ſich fegten, nachdem die Schuldfontrolle eingerichtet 
war. Demjelben Ziele diente auch ber Vorfchlag einer Unterfuchung des gefamten 
ftaatlihen Einfünfte- und Ausgabewefend. Da Ismail PBafcha Hinter diefem 
Vorſchlage ſchon die fünftige Beichränfung feiner abfoluten Machtvollkommenheiten 
witterte, jo fträubte er fic) Tarıge dagegen. Die Engländer nahmen aber, um ihre Forde⸗ 
rung durchzuſetzen, die anderen Mächte zu Hilfe, und fo mußte der Sthedive nachgeben 
und im April 1878 die betreffenden Vollmachten erteilen. Um ben guten Schein zu 
wahren, wurben die vierSfommifiare bei ber Schuldenverwaltung zu Ditgliedern und 
außerdem Ferdinand Leſſeps zum Borfigenden und ein weiterer Franzoſe zum Sefretär 
der Unterſuchungskommiſfion ernannt. Leſſeps hat aber an den Verhandlungen gar 
nicht teilgenommen, fondern ber eigentliche Leiter derfelben war der Bizepräfibent 
Sir Rivers Wilſon, und als den tatfächlichen spiritus rector lernen wir Lord 
Cromer fennen. Die Zuftände, die durch die Unterfuchung aufgededt wurden, 
fann ih im einzelnen nicht fchildern. Das zufammenfaflende Ergebnis war, 


Das Eindringen Englands in Aegypten 15 


daß bie beftehende ägyptiſche Verwaltung fih um Geſetze und allgemeine Ber- 
ordnnungen nicht fümmerte. Die Beamten Tannten die Gefege ebenjowenig wie 
die Untertanen. Neue Steuern, alte Steuern wurden durdeinander erhoben und 
in ihren Beträgen vermehrt ober verändert, wie es höheren Ort8 gerade paßte. 
Der Dorficheif führte einfach die Befehle des Mudir aus, und der Mudir handelte, 
je nachdem der Befehl von oben lautete. Der „höhere Befehl”, der gewöhnlich 
gar nur mündlich erteilt wurde, bildete das einzige Geſetz, und fein Menſch wagte 
dagegen zu proteftieren. Und wie die die Methoden der Einziehung der Steuern 
ungeleglih waren, fo war auch die Verfchwendung in den Ausgaben an feine 
Regel gebunden. Aud Hier galt nur der „höhere Befehl”, und bie jchlimmiten, 
bie Eoftipieligften Befehle famen gewöhnlich vom Sthedive felbit, oder wenigftens 
aus feiner Umgebung. Ich kann leider auch hier auf Einzelheiten nicht eingehen, 
obihon oft recht ergögliche Bolten in der Staatsrechnung begegnen. Übrigens 
ift nicht einmal bei.allen Ausgaben der Zweck angegeben, fondern e8 fteht dann 
einfach Hinter dem betreffenden Poſten: „on n’a pas pu rendre compte.“ 

Die Lehren, die aus der Unterfuhung gezogen wurden, lafien fih in die 
brei Forderungen zufammenfaflen: Beſchränkung der Autorität des Sthedive, Auß- 
ſcheidung einer Zivillifte und Einführung der Minifterverantwortlichleit. Natürlich 
bat fi) Ismail Paſcha lange dagegen gefträubt; aber endlich Hat er doch nadj- 
gegeben. 9a, er war fogar zufrieden, daß feine Privatgüter in Die ftaatliche 
Kontrolle famen und daß ein Armenier, Nubar Paſcha, mit der Bildung eines 
verantwortlihen Miniſteriums betraut wurde. Der Engländer River Bilfon 
wurde zum Finanzminifter und ber Franzoſe de Bligniere8 zum Minifter der 
öffentlichen Arbeiten ernannt. Die Praxis des Fonftitutionellen Eyſtems gefiel 
dem Khedive natürlich gar nit. Infolgedefien begann er fchon bald gegen fein 
eigenes Deinifterium an intrigieren. Er bewirkte im Sabre 1879 eine Militär- 
revolte, jo daß da8 Minifterium Nubar Paſcha zurüdtreten mußte. Da der 
Khedive Ismail Paſcha nun zu dem alten abfolutiftiichen Regierungsſyſtem zurüd- 
fehren wollte, und er außerdem Miene machte, feine Armee auf 150000 Mann 
zu verftärfen, fo gelang e8 England verhältnismäßig leicht, die Großmächte von 
der Notwendigleit der Abfegung des Khedive zu überzeugen. Frankreich und 
Stalien gingen darin zwar nur miderwillig mit, da fie von ber Entfernung 
Ismails die Minderung ihres Einfluſſes fürdteten. Um aber da8 Wiederaufleben 
der türfifchen Obmadjtftellung in Agyten, die England ihnen androhte, gu ver- 
meiden, gaben fie endlich nah, wie auf ber anderen Seite auch der Sultan e8 
borzog, daß der Regierungswechſel in Kairo wenigſtens fcheinbar von ihm, anftatt 
von England und Frankreich ausging. So wurde aljo Ismail am 26. Juni 1879 
abgejegt, und fein englandfreundlider Sohn Tewfik beftieg den fhedivialen Thron. 
Die Bevöllerung von Kairo und Umgebung erbielt erft Kenntniß von der Ber- 
änderung, als die Kanonen der Zitadelle den neuen Herricher begrüßten. | 

Tewfit Paſcha Hat von 1879 big 1892 regiert. Wie fehr er die Zufriedenheit 
Englands gefunden, erfieht man aus dem Berichte Lord Eromerd, der von ihm 
fagt, er Habe zwar feine rechtmäßigen Vorrechte behauptet, aber vermöge einer 
„natürlihen Neigung zum Konſtitutionalismus“ nur „dur und mit feinem 
Minifterrat regiert“. Im diefem Winifterrat Temwfil8 Batten die Europäer nur 
tonfultative Befugniffe. England und Frankreich wurden wieder zwei ®eneral- 


16 Das Eindringen Englands in Aegypten 


tontrolleure zugeftanden mit beratender Stimme im Minifterrat. Ihre Stellung 
war von der früheren unter Ismail Paſcha infofern verfchieden, als beide Beneral- 
fontrolleure offiziell von ihrer heimischen Regierung ernannt waren und aud), 
ohne Zuftimmung ihrer Regierungen, nit entlaffen werden fonnten. Ihre 
Sendung war alfo von jet an eine politifche, wobei jedoch zu bemerken ift, daß 
die ſpezifiſch politiſchen Geſchäfte, will fagen die Angelegenheiten, in die fidh Die 
auswärtigen Mächte mifchten, nach wie vor dur die Hände der Generaltonfuln 
gingen. Der britiihe Generalfonful wurde fogar jegt mehr noch als früher bie 
wichtigfte regierende Stelle de8 Landes. Die Unterfuhungstommiffion über Die 
Zanbesverwaltung wurde im Sabre 1880 zugleich als Liquidationstommilfion 
eingelegt mit der Vollmacht, die Finanzlage in Ordnung zu bringen. An ber 
Spike derfelben ftand Sir Rivers Wilſon; nebenbei bemerkt erhielt auch Deutich- 
land jett einen Bertreter in der Perſon eine Herrn von Tresdow. Die beiden 
®eneralfontrolleure waren ber Franzoſe de Blignieres ſeitens Englands erft 
Lord Eromer, dann feit Juni 1880 Lord Eolpin. 

So ſchien alfo die Regierung Tewfiks aufs befte eingerichtet zu fein. Dap 
der neue Herrſcher aber nicht auf Rofen gebettet war, dafür forgte ſchon die gegen- 
feitige Eiferfucht der beiden Weſtmächte. Über die Abfiht Englands, fi im 
Killande feitzufegen, Hatte den Franzoſen wohl die Belegung der Inſel Cypern 
bereit3 im Sabre 1878, unmittelbar nach dem Berliner Kongreß, zuerft die Augen 
geöffnet. Dan hatte zwar damals verlauten lafien, durch dieſe Befegung jolle 
nur ein Drud auf Petersburg ausgeübt werden; die Okkupation fei nur borüber- 
gehend. Rußland follte gewiſſe Punkte im Kaukaſus, die e8 in dem foeben 
beendeten Kriege mit der Türkei in Befig genommen, an ben Sultan zurüd- 
fielen. Das war aber nur ein Borwand gemwefen, eine Ablenfung der Auf- 
merlfamfeit vom eigentlichen Ziele. Die Belegung der Infel galt in erfler Linie 
dem Suezlanal und den Nilmündungen, daneben vielleiht auch noch den Abfichten 
Rußlands auf Armenien. Cypern befindet fi) befanntlich Heute noch in englifchen 
Händen. 

Keben Häleleien und Berftimmungen der Diplomaten machte fi) bald nad) 
der Thronbeiteigung Tewfiks auch unter den ägyptiſchen Notabeln und beſonders 
auch bei den Militärd wieder Unzufriedenheit geltend. Das lektere Bing, ab- 
geſehen von nationaliftiihen Beftrebungen, zum Teil mit rüdftändigen Sold⸗ 
zahlungen zufammen; in der Sauptfache aber Hatte die Enilafjung einiger taufend 
Offiziere viel böjes Blut gemacht. Auf den Rat Englands bin hatte der Khedive 
ſeine Zruppenzahl auf 4000 Mann berabgejegt. Die ägyptifche Streitmacht follte 
nad dem Willen der engliihen StaatSmänner bloß ben Zwed einer Polizeitruppe 
baben. Es gab nun bereit am 1. Februar 1881 wieder. eine Meuterei, die zur 
Entlaffung des Kriegsminiſters führte. Die Aufftandsbewegung wurde zwar ver- 
bältnismäßig leicht unterdrüdt; fie hatte aber auf der einen Seite die böfe Yolge, 
daß fie den Offizieren ihre Stärke zeigte; auf der andern legte fie den Gegenſatz 
zwiſchen England und Frankreich offen. Der franzöſiſche Generalfonful Baron 
de Ring batte nämlich die Unzufriedenheit geihürt, da ihm daran gelegen war, 
da8 ganze englandfreundlide Minifterium zu ſtürzen. Diefer Wunſch ift ihm 
freilich nit in Erfüllung gegangen. Im Gegenteill Das Winifterium blieb 
und de Ring felbft murde von Parig aus auf die Beichwerbe des Khedive Bin 


Das Eindringen Englands in Aegypten 17 


von feinem Poften entboben. &8 ließ fi) aber erwarten, daß da8 Einvernehmen 
ber beiden Weſtmächte überhaupt nicht mehr lange dauern werde. 

i Die weitere Entwidiung ber Dinge in Agypien erhielt ihren mäcdhtigften 
Antrieb durch den Infanterieoberſten Achmed Arabi, einen‘ Eingeborenen des 
Landes von fellahifher Abftammung. Arabi Hatte fich ſchon bei der Militär- 
revolte vom Februar 1881 bervorgetan. Er war damals ohne befondere Strafe 
dapongelommen. Einen noch befleren Erfolg Hatte er bei einer zweiten Meuterei 
im September besfelben Jahres. Zwar fcheint die unmittelbare Beranlaffung 
dazu eine unpolitifche Angelegenheit gewejen zu fein, nämlich die Verlegung von 
Arabis Regiment von Kairo nad) Alerandrien. Da er und feine Offigiere aber 
dahinter Rachepläne des Khedive witterten, fo gelang es ihnen, der Sache eine 
größere Bedeutung zu verleihen und die nationaliftiih gefinnten Militärs dafür 
zu intereifieren. Die Meuterer verlangten nun vom Bizelönige unter anderem 
"die Anderung bes Minifteriums und die Bermehrung der Armee auf 18000 Mann. 
Die erfte Forderung wurde ihnen fofort bewilligt, die ameite nad einiger Zeit, 
und fo ergab fi) aus der ganzen Sadjlage, daß der eigentliche Herricher des 
Landes nicht ber Khedive war, fondern ber Oberft Arabi oder, wie ihn eine 
Lokalzeitung, das Organ der Nrabiitenpartei, ſchon damals nannte, „ber erlaudhte 
und edelmütige Emir, Seine Exzellenz Achmed Bey Arabi.“ Diejer benahm ſich 
auch in feinem öffentliden Auftreten und fogar in Anfpraden an das Volk als 
der Verfechter der Unabhängigkeit des Landes. _ 

Der Plan Arabis war, die Türkei zum Einfchreiten in Agypien zu veran- 
lofjien und mit ihrer Hilfe die Europäer zu vertreiben. Zu dem Ende wandte er 
ih zunächſt an die Pforte mit der Bitte, Kommiffare nad) Kairo zu ſchicken und 
im Intereſſe der öffentlihen Ordnung ihre Oberboheit geltend zu maden. Die 
beiden Weſtmächte gingen zwar gegerüber dem Gedanken einer türkiſchen Snter- 
vention in Agypten in ihren Anfihten auseinander: Syranfreih war dem Plane 
mit Rüdfiht auf Algier und Tunis ganz entgegen; England Hätte die Büttel- 
bienfte der Pforte gern benugt ; e8 traute ſich wohl zu, die Türken auf diplomatiſchem 
Wege in den von ihm gewünſchten Schranken zu halten. Ihm war die Haupt- 
fache, Frankreichs Anſprüche an Agypten nit mehr wachfen zu lafien; deshalb 
zeigte es fich einer gemeinfamen Zriegerifhen Aktion abgeneigt, Dagegen .follten 
die Diplomatifhen Bemühungen ber Sranzofen, auch wenn fie den Einmilchung$- 
gelüften ber Pforte entgegentraten, von England unterfügt werden. Als Zeichen 
der auf Grundlage diefer Verftändigung bergeftellten äußeren Einigkeit darf man 
die Entfendung von Kriegsſchiffen betrachten, die von beiden Mächten zum Yrüb- 
jahr 1882 berichtet wird, und der das diplomatifhe Mäntelhen umgehangen 
wurbe, man wolle den Khedive vor ungeredhtem Zwange ſchützen. 

Unterbefien war der Einfluß Arabi-Bey8 in Kairo noch weiter gewachſen, 
„Da man e8 für befier hielt, daß er zur Regierung gehöre, als daß er außerhalb 
flänbe,“ wurde er Anfang Ianuar 1882 zum Unterftantsfefretär im Kriegsminifterium 
und bald darauf, bei einem Wechſel des Gejamtminifteriums, zum Kriegäminifter 
felöft ernannt. Er benugte diefe Stellung einmal dazu, die türkiſchen Sugeränitäts- 
rechte weiter zu beleben. und zu ftärken; fodann nahm er aud) den Engländern 
und Sranzofen wichtige StaatSpoften ab und ließ mande von ihnen fogar wegen 
LZandesverrat3 oder Untreue vor Gericht ſtellen. 

Grenzösten II 1915 | | 2 


18 Das Eindringen Englands in Aegypten 


——... 
— — — 


Lord Granville hatte in Konſtantinopel wiederholt erklären laſſen, England 
beabſichtige in Agypten nichts weiter, als die Hohheitsrechte der Türkei und bie 
Autorität des Khedive aufrecht zu erhalten. Als aber der Sultan auf den durch 
Arabis Vorgehen verurſachten Lärm hin ſeinerſeits Kriegsſchiffe nach Alexandrien 
ſchicken wollte, trat ihm auf Frankreichs Wunſch England entgegen und 
richtete die Aufforderung an die Pforte, fi) jeder Einmiſchung zu enthalten. Die 
ſchon unter Segel gegangene türkiihe Ylotte mußte unfreiwilligen Aufenthalt in 
Creta nehmen. Um fo mehr waren nun die ägyptiſchen Nationalen zum Wider- 
ftande entichloffen. Die Generalfonjule von England und Yranfreich Hatten am 
25. Mai 1882 in Kairo das Verlangen geitellt, daß Arabi und zwei andere 
Minifter von der Negierung entfernt und auf unbeftimmte Zeit in da8 Innere 
des Landes verfhidt wurden. Der Khedive Hatte die Note angenommen. Da 
jedoch daraufhin ſämtliche Minifter ihre Entlaffung nahmen und die Armee 
ungzweibeutig zu erfennen gab, daß fie auf Arabi3 Seite ftand, fo mußte Tewfik 
biefen fofort zurüdrufen und ihm eine Art Diktatur übertragen. Arabi wollte 
den Spieß nun umfehren; er forderte offen die Abfekung des Khedive. Darob 
großes Entjeßen und „Iegitime” Entrüftung bei den Briten und ihren franzöfifchen 
Zrabanten. Um den „Einfluß der Zivilifation zu retten“, follte jegt fogar bie 
foeben noch lahm gelegte Zürfei gegen die Anhänger der Militärpartei vorgeben. 
Am 31. Mai trat auf Einladung der Weſtmächte eine Gefandtentonferenz in 
Konftantinopel zufammen. Mit Rüdfiht auf dieſe, das beißt, um fie möglichft 
bald wieder 108 zu werden, ließ fi der Sultan zur Entfendung eine neuen 
Kommiflard nah Kairo beitimmen. Sa, er fandte fogar zwei, den einen offen, 
den anderen heimlich, und beide Hatten entgegengejegte Inſtruktionen. Derwiſch 
Baia, dem der Befehl geworden war, ben Arabi-Bey und die widtigiten 
feiner Anhänger zu verbaften und nad Stonftantinopel zu fchiden, kam in Kairo 
am 7. Juni an. Pier Tage fpäter brach die Revolution in Xlerandrien aus, 
Ein halbes Hundert Europäer wurden ermordet, viele andere verwundet, unter 
ben letteren auch der engliſche und der griehifhe Konful. Das franzöfiidh- 
engliſche Geſchwader hätte das Maſſakre verhindern können und, man follte 
meinen, auch verhindern müflen. Da England aber darauf fann, die franzöfifhe 
Konkurrenz abzufchütteln, zauderte e8 vor einer gemeinfamen Handlung, Frank⸗ 
reih aber war gleichzeitig mit engliiher Erlaubnis, richtiger Ermunterung, auch 
in Tunis engagiert und batte dadurch ſchon Italien vor den Kopf geftoßen, 
Stalien, da8 foeben, am 20. Mai 1882, Mitglied des Dreibunds geworben war; 
deshalb wagte Frankreich nicht, allein vorzugehen. 

Der franzöſiſche Minifterpräfident Batte zur Beruhigung der Abgeordneten 
noh am 1. Juni da8 Zufammengeden Frankreichs mit England gefeiert; dieſes 
Zufammenarbeiten werde große Folgen zeitigen. Gerade vierzehn Tage fpäter 
ertönte aber nun von 2ondon ber ein anderes Lied. England hielt e8 im Ber- 
trauen auf die Lähmung Frankreichs nicht mehr für nötig, feine wahre Gefinnung 
au verbergen. Bei Beiprechung der ägyptifhen Vorgänge im Unterhaufe wurbe 
die Untätigfeit der englifchen ‘Flotte getadelt und von Lord Salisbury die Freiheit 
zu bandeln gefordert. England müfje das Hecht haben, das Ziel feiner Politik 
allein zu erreihen. Lord Granville verficherte, daß diefe Freiheit beftehe; ber 
Admiral Seymour könne Bandeln, wann e8 ihm beliebe. — Demgemäß verfuhr 


Das Eindringen Englands in Aegypten 19 


— — 
I. 


denn auch ber Abmiral. Als er ſah, dab die Revolutionäre in Alerandrien mit 
Eifer rülteten und ringe um die Stadt Befeftigungen anlegten, forderte er am 
9. Juli die Übergabe der Forts. Am 10. drohte er da8 Bombarbement an, das 
dann auch in den folgenden Tagen zur Ausführung fam. Die Ägypter antworteten, 
aber ihre Kanonen trugen nicht weit genug; u Geſchofſe erreichten nicht die 
feindlichen Schiffe. 

Inmitten der Aufregung ließ ſich die neue engliihe Melodie von der Un- 
abbängigkeit de Handelns ſchon deutlicher vernehmen. Die Konferenz in Kon⸗ 
ftantinopel hatte am 15. Juli eine Note an den Sultan beichlofien mit der Auf- 
forderung, Agypten militärifch zu befegen und die Regierung des Khedive iwieder- 
berauftellen. Der Sultan war dazu bereit, verlangte aber vorher die Zurüdziehung 
der englifhen Streitkräfte. Die Antwort gab die öffiziöfe Times. Sie be- 
mängelte den Gedanken einer türkiſchen Intervention und brachte jegt zum erften 
Male die Idee des engliihen Proteftorat8 vor. — Mittlerweile Batten auch 
die Seymourfhen Kanonen ſchon ihr Werk getan. Am 17. Zuli hißte Arabi 
auf den Feſtungswerken von Alerandrien die weiße Fahne und zog fi) mit 
700 Mann zurüd. Vorher hatte er die Gefängniffe öffnen laflen und den 
Sträflingen die Freiheit gegeben. Die Stadt brannte, die Europäer wurden 
maflafriert, die Häufer der Befigenden geplündert. Alerandrien drohte ein einziger 
Trümmerhaufen zu werden. Mit Hilfe von gelandeten deutſchen (1) und 
amerikaniſchen Matrojen gelang e8 den angreifenden Engländern, in die brennenden 
Straßen einzudringen, den gefangenen Sthedive zu befreien und dem Brande und 
der Blünderung Einhalt zu: tun. 

Auch das franzöſiſche Hofpital war zerftört, das franzöfifhe Konſulat ein- 
geäfchert worden. Wie verhielt ſich denn aber die franzöfiiche Flotte während 
der Ereignifie? Als da8 Unmelter fi zuſammenzog, die Verwicklung mit den 
Arabiften ernft zu werden drohte, Tagen die franzöfiſchen Schiffe gemäß Weifungen 
aus Paris in Port Said vor Anker. Am 10. Juli aber, als der englifche Admiral 
für den folgenden Zag das Bombardement von Alerandrien verkündigte, verließ 
der Admiral Konrad den ägyptifhen Schauplag, und damit bat Frankreich das 
Spiel definitiv verloren gegeben. 

In bezug auf die trage, wie die Abftinenzpolitit Frankreichs entſtanden ift, 
will Lord Cromer feine Leſer glauben machen, es fei hauptſächlich das Mißtrauen 
gegen Deutſchland geweſen. Er zitiert alle möglichen liebenswürdigen Phraſen, 
die franzöfiſche Miniſter engliſchen Staatsmännern geſagt oder geſchrieben haben, 
um zu beweiſen, daß von Verſtimmung oder Mißtrauen gegen England keine 
Rede geweſen ſei; und England hat natürlich auch kein ſolches Mißtrauen ver⸗ 
dient! Aus den franzöſiſchen Parlamenisberichten jener Tage gebt unzweifel⸗ 
baft Bervor, daß dag Mißtrauen gegen England mindefteng gerade fo groß 
wie gegen Deutihland gewefen if. In der Debatte vom 19. Juli über 
den von Freycinet verlangten Flottenkredit fchieden fi die Anfchauungen nad) 
der allgemeinen Barteiftellung. Die Opportuniften mit Sambetta an ber Spige 
fpraden lädjerlicherweile auch da noch für das Zufammengehen mit England; 
&lemenceau, der Führer der Radikalen, ſprach für die Abſtinenzpolitik und be- 
gründete das mit chaupiniftifhen Verdächtigungen Deutichlande. Dem Mißtrauen 
gegen England Hat den bezeichnenditen Ausdrud ein Vertreter der orleaniftifchen 

2* 


20 Das Eindringen Englands in Aegypten 


Rechten im Senate gegeben. Der Herzog von Broglie erinnerte nämlich an einen 
Ausſpruch des Fürften Metternich, der jedes Bündnis mit England dem Bündnis 
zwiſchen Reiter und Pferd verglih: „Ein ſolches Bündnis ift eine ſchöne Sache; 
man muß nur forgen, daß man der Reiter und nicht dag Pferd ift.“ Ich denke, 
die tatfächlihe Entwidlung bat dem Herzog von Broglie recht gegeben, und fie 
gibt ihm noch jeden Zag recht; die Behauptung von den böfen NAbfichten 
Deutſchlands ift, abgefehen von Tunis, durch den jabrzebntelangen Frieden 
widerlegt, den Deutihland trotz täglih fich mebrender Provofationen ge- 
halten bat. | 

Doch wir kehren auf den Schaupla& der ägyptiſchen Handlung zurüd. Nach 
der Einnahme von Wlerandrien verjuchte daß englifhe Meinifterium des Aus» 
wärtigen für die Eroberung des übrigen Landes zuerſt frembe Hilfe zu gewinnen. 
Die Briten batten den SItalienern oder Türken die Ehre zugedacht, für daß eng- 
liſche Intereſſe zu bluten. Da beide Regierungen dankend ablehnten, entſchloß 
man fi, einige 30000 Dann englifhe und indiſche Truppen nach Agypten zu 
werfen und vor allem den Kanal zu fihern. Oberfommanbierender wurde Sir 
Garnet Wolſeley. Bereits am 2. Auguft wurde Suez befekt. In der Nacht 
vom 19. auf den 20. Auguft landeten die Engländer in Bort Said, nahmen die 
Berwaltungsgebäude der franzöfiihen Kanalgeſellſchaft in Beichlag und Ichlofien 
zeitweilig den Durchgang für die fremde Schiffahrt. 

Arabi-Bey Hatte ſich von Alerandrien aus nad) Often gewandt. Die vers 
folgenden Engländer gewannen Yühlung mit ihm am 25. Auguft bei dem 
Zrümmerfelde des alten Ramſes. Am 5. September erklärte ihn der Khebive 
nad den Willen Englands zum „Rebellen“. Am 13. wurde er bei Tell-el-Rebir 
von Wolſeley entſcheidend geſchlagen und eine Abteilung engliſcher Dragoner zog 
bereit8 am folgenden Tage, ohne den geringften Wiberftand zu finden, triumpbierend 
in Kairo ein. 

Arabi und feine Truppenführer ftellten fi) als Gefangene. Sie wurden 
gemäß englifhen Weifungen von dem dafür eingefegten Kriegsgericht zum Tode 
verurteilt und im unmittelbaren Anſchluß daran zu ewiger Verbannung be- 
gnadigt. Als Aufenthaltsort wurde Arabi nachher Ceylon angewieſen; 
20 Jahre fpäter erhielt er dann die Erlaubnis, nad) Ägypten zurückzukehren. 
Etwa anderthalb Hundert andere Berbannte wurden fon am 1. Januar 
1883 begnadigt. 

So war alfo dag britifhe Kommando tatfächlich Herr von Agypten, England 
im Befig des alten Pharaonenlandes. Ein übermwältigendes Ereignis! Ich denke 
dabei nicht fo ſehr an die große geſchichtliche Vergangenheit bes Nillandes, als 
vielmehr an feine Wichtigkeit für die Vollendung der britifchen Weltherrſchaft. 
England verdantte feinen Erfolg: erſtens der richtigen Einfchägung der von ihm zur 
Sründung feiner Herrfhaft angewandten Mittel in bezug auf Wirkſamkeit unb 
Genügen; zweitend dem ftändigen Zujammenarbeiten feiner Regierung und 


Diplomaten mit den englifch-ägyptifchen Beamten, auch wenn biefe in feinem 


offiziellen Verhältnis zur Heimat ftanden; drittens der Einheitlichfeit und Stand⸗ 
haftigkeit feiner Politit troß eventueller heimifcher Regierungswechſel. 

Diefe Säge gelten aud für die weitere Entwidlung der Dinge im 
Nillande. 


Das Eindringen Englands in Aegypten 21 





II. 


Es war ganz ſelbſtverſtändlich, daß England ſich auf längere Zeit in Agypten 
einridtete. Um dieſe bittere Pille anderen zu verfüßen und zumal die Sranzofen 
zu beſchwichtigen, wurbe nun von den englifchen StaatSmännern eine jahrzehnte- 
lang durchgeführte politiihe Heuchelei in Szene gelegt, die ohne Beifpiel in ber 
Weltgeſchichte ift und fo recht zeigt, was man von den Berfiherungen englifher Staat8- 
männer zu Balten bat. England follte an ber Beſetzung Agypiens, wenigftens 
an der Beſitznahme des Innern, ganz unintereffiert fein; e8 babe das Land, fo 
hieß e8, nur aus Sorge für das allgemeine Befte, aus Beforgtheit um die 
Europäer offupiert und e8 halte bie Befegung fernerhin nur aus Mitleid für die 
armen Fellachen aufredit, fein Wunfch fei aber, das Land möglichft bald wieder 
au verlafien. Sowiefo wollten die Briten in Agypten beileibe nicht die Herren, 
fondern nur politiſche Ratgeber fpielen. Schon in dem Rundfchreiben, das Lord 
Granville einige Monate nad) der Niederwerfung des Arabi - Aufftandes, am 
3. Sanuar 1883, an die Mächte richtete, find alle dieſe Ausreden enthalten. 
„Obwohl gegenwärtig“ — beißt e8 darin — „eine Macht in Agypten bleibt, um 
die öffentliche Ruhe aufrecht zu erhalten, fo wünfcht Ihrer Majeftät Aegierung 
doch, fie zurüdgugieben, fobald der Zuftand des Landes und die Organifation 
geeigneter Mittel zur Aufrechterhaltung ber Autorität des Khedive es geftatten. 
In der Zwijchenzeit legt die Stellung, in der fi Ihrer Majeftät Regierung Seiner 
Hoheit (dem Khedive) gegenüber befindet, ihr die Verpflichtung auf, ihren Rat in 
Sinfiht darauf zu erteilen, daß die einzurichtende Ordnung der Dinge auch ficher 
einen azufriedenftellenden Charakter und bie Elemente der Beftändigkeit und bes 
Fortſchritts erhält.” In diefer und ähnlicher Sprade find alle diplomatischen 
Berlautbarungen Englands feit 1883 gehalten. 

Ich will nod bemerken, daß aud) Lorb Eromer in feinem berüßmten, 
diplomatifch ſehr vorfichtig geichriebenen Werke, das 1908 erſchienen ift (e8 gibt 
auch eine beutfhe Überfegung davon von Kontreabmiral Plüddemann), ich fage, 
daß auch Lord Eromer 1908 noch ſich bemüht, jenen gleißnerifhen Tugendmantel 
feftzubalten.. Heute, nad) der Annerionderklärung, ift diefe Seuchelet nun über- 
flüffig geworden und nicht mehr gut möglich. 

Was England nad) dem Erfolge feiner Waffen in Wirklichkeit und an erfter 
Stelle in Ägypten erftrebte, das war die volle Gewalt über daß Heer, über bie 
ägyptifhe Armee, und ferner die Alleinherrfhaft im Gebiete der Politik und 
Berwaltung. Die Berfügung über das Heer wurde ziemlich mühelos erreicht 
erften® durch eine ftarle Beſetzung des ägyptiſchen Striegsminifteriums mit 
engliidem Militär: von achtzehn Stellen wurden zwölf mit Engländern befekt; 
fodann durch eine alsbald in Angriff genommene Neuformation des ägyptifchen 
Zruppenfontingents, durch Nteuaufftellung der Rekrutierung ufw. Der Generalftab 
der ägyptiſchen Armee befteht feitdem aus Engländern und Agyptern. Sranzofen 
find bloß noch der Direltor der Militärſchule und der Direktor ber Arfenale. 
Der Chef des Generalftab8 ift natürlich ein Engländer; er führt den Titel Sirbar 
(Oberbefehlshaber. Engländer find ferner der Generaladjutant im Nange 
eine Brigabegenerals, ferner der erfte Grenzlommandant, der Gouverneur von 
Yualin, der Direltor des Mebdizinaldienftes und der Generalintendant, im 


99 Das Eindringen Englands in Aegypten 


ganzen fech8 oberfte Generale. Dazu kommen drei Oberften, ‚nämlich der 
Kommandant von Stairo, ber zweite Grenzkommandant und der erfte Schagmeifter 
ber Armee, ferner fünfzehn engliiche Oberftleutnants unter zweiundzwanzig. Unter 
den Grad eines Bimbaſchi ober Major können englifhe Offiziere überhaupt nicht 
Binabfleigen. Bon der Ägyptifchen Armee zu unterſcheiden war und ift daß britifche 
Otkupationskorps, das anfangs 35000 Mann betrug und nad) und nad bis auf 
3000 Mann herabgefegt worden iſt. Dieſe 3000 Mann ftanden zulegt unter dem 
Befehl eines engliihen Generalmajord. Augenblidlih ift das Okkupations⸗ 
forp8 ja nun wohl nußerordentlid vermehrt worden. Man weiß aber nidt, 
wieviel englifhe, indifhe und auftraliihe Truppen am Suezkanal und im Nil- 
lande ftehen. 

i Auf den Gebieten der Verwaltung, der Juſtiz ufw. fündigte England im 
Sabre 1883 umfaflende Reformen beziehungsweife Neformpläne an. Es Hatte 
aber anfangs nod einige Schwierigkeiten mit den Franzoſen. Den Hauptftein 
des Anftoßes bildete die franzöſiſche Teilhaberfhaft an ber Finanzkontrolle, ber 
aber bald genug ein Ende gemacht wurde. Sie hörte zunächſt nur tatſächlich da- 
durch auf, daß der franzöfiihe Bevollmächtigte zu den Sigungen ber verfügenden 
Behörden nicht mehr eingeladen wurde. Als er ſich darüber beſchwerte, forderte 
der Vorfitende des ägyptifhen Kabinetts, Scherif-PBalcha, die Regierungen ber 
beiden Weftmädte auf, die Kontrolle überhaupt aufzuheben, denn fie verftoße 
gegen das patriotiihe Ehrgefühl der Nationaliften und beeinträchtige das Anjehen 
des Khedive England tat, als ftehe es diefem Antrage fern, e8 war aber jelbit- 
verftändlih damit einverftanden. Als Erjag für den Verzicht auf die Yinanz- 
fontrole und auf den damit gegebenen politiiden Einfluß follte Frankreich 
den Borfig in ber SKommilfion für bie Verwaltung ber GStaatsichulben 
haben. Inzwiſchen war in Frankreich Freycinet wegen des biäberigen 
Fiasſskos feiner Agyptifhen Bolitit fon geftürtt und an feiner Stelle 
war der. vielleicht noch weniger bedeutende Duclerc Minifterpräfident: und 
Minifter des Außern geworben. Duclerc lehnte das englifch-ägyptiiche An- 
erbieten des Borfiteg in der Staatsichulden - Kommilfion entichieden ab. 
Nun unternahm die engliſche Regierung, die franzöfifche zu zwingen, indem fie 
drobte, England werde, wenn man ihm in Agypten nicht freie Sand laſſe, den 
Unternehmungen Frankreichs in Tonking, Madagaskar und am Kongo Hindernifie 
bereiten. Der Erfolg diefer Drohung war ber Abbruch der Berbandlungen. 
Lord Granville madte den europäifhen Kabinetten in eben jenem Zirkulare vom 
Anfang Ianuar 1883 davon Mitteilung. Die Verlegenheit der Briten dauerte 
indeß nur eine kleine Weile. Am 11. Januar beantragte plöglic Lord Colvin, 
der engliihe Bevollmächtigte zur ägyptifchen Finanzkontrolle, feine eigene Entlafiung. 
Die gemeinfame Kontrolle war aljo fernerhin überhaupt nicht mehr möglid. 
Und wieder eine Heine Weile, da veröffentlichte dag Negierungsorgan, der 
„Moniteur Egyptien“, am 5. Februar ein Dekret des Khedive, das denfelben Lord 
Colvin zum Rate bei der ägyptilchen Regierung ernannte mit dem Auftrage, ihr 
mit feinen Finanzkenntniſſen zur Seite zu ftehen und fie zu unterftügen. Damit 
hatte England was e8 wollte. Frankreich war auß der Finanzkontrolle entfernt; 
e3 bebielt nur noch feine Kommiffare bei der Verwaltung der Staatsſchulden, 
diefe aber in gleicher Linie mit den anderen Großmächten. Dennod bat bie 


Das Eindringen Englands in Aegypten 93 


Republit den Engländern in den folgenden Jahren gerade von bier auß nod 
manchen Berdruß bereitet. Sie konnte dag, weil die meiften Inhaber der ägyptiichen 
Schuldtitel eben Zranzofen waren; die republifanifche Regierung vertrat aljo einfach 
die Intereffen ihrer Untertanen. 

Ein völkerrechtlich anerkanntes Eigenrecht hatte England in Agypten nicht, 
deshalb Eoftete ihm die Aufgabe, den gerechten Schein zu wahren, ſchon einige 
Deübe. Noch fchwieriger aber war die bereit charakterifierte Heuchelei durchzu⸗ 
führen in bezug auf die Zukunft des Nillandes. Die fich darüber entipinnenden 
Berbandlungen drehten ſich Hauptfählih um zwei Dinge, einmal um die trage, 
wie lange die englifhe Befagung in Ägypten bleiben follte, fodann um bie 
Neutralität des Suezkanals. In bezug auf die Beſatzung hatte die englilche 
Regierung ſchon Anfang 1884 verfprochen, vorausgefett, daß Friede und Ordnung 
im Lande gefichert feien, ihre Truppen big Tpäteftens 1888 zurüdgugiehen. Dieſes 
Beriprechen wurde auch in den folgenden Sahren bei verfchiedenen Gelegenheiten 
wiederholt, feine Erfüllung aber immer wieder unter allerhand Borwänden, zulegt 
in einem Rundfchreiben an die Mächte vom Jahre 18%, fogar auf unbeftimmte 
Zeit verfhoben. Zu dem Arger darüber, der bejonder8 in Frankreich lebendig 
war, kam 1895 noch eine Differenz der beiden Negierungen wegen ber 
Koften einer engliih-ägyptiihen Expedition in den Sudan. England hatte, ent- 
gegen dem Einſpruch de8 franzöfifhen und des ruſſiſchen Kommiſſars bei der 
Schuldenverwaltung, eine erhebliche Summe dazu — rund zehn Millionen Dart — 
dem Nefervefonds der ägyptiſchen Staatsfafle entnommen. Die Spannung erreichte 
ihren Höhepuntt 1898 zur Zeit der Faſchoda⸗Kriſis. Alle diefe Mißhelligkeiten 
wurben aber fchließlih durch die vom engliihen Standpunkte aus geichidten 
Operationen König Eduard8 des Siebenten in Pariß beigelegt. Frankreich ver- 
zihtete 1904 auf die Seftfegung eines Endterming für die britiide Okkupation 
es verſprach, den britiihen Maßnahmen in Ägypten fernerhin keine Hindernifie 
mebr zu bereiten, und erhielt dafür feitend Englands freie Hand in Marokko. 
Die Rechte der Türkei in Agypten wurben dabei mit Stillſchweigen über- 
gangen. 

Die Neutralität des Suezkanals, die fhon Napoleon der Dritte, und zwar 
gerade auf Betreiben Englands, verbeißen Hatte, war von Lorb Wolſeley in 
den Kämpfen gegen Arabi-Bey offenbar verlegt worden. Um bie öffentliche 
Meinung Europas dieſerhalb gu beruhigen, verſprach Lord Granville bald nad . 
der Offupation in einem Zirkular an die Großmächte, England werde für Die 
„freie Schiffahrt” auf dem Kanal forgen. Der Terminus „freie Schiffahrt“ wurde 
abfichtlid gewählt, der Ausdrud „Neutralität“ vermieden, weil leßtere einjchließen 
würde, daß im Kriegsfalle auf dem Kanal keine feindlichen Akte ftattfinden dürften. 
Dafür wollte aber England keine Garantie übernehmen. Die Trage ruhte dann 
bi8 1885; da wurde fie auf Anregung Frankreichs Hin von einer Konferenz in 
Paris verhandelt. Lord Eromer fagt, man Habe damals mehr dahin geftrebt, 
den Kanal zu internationalifieren, als zu neutralifieren, und dem babe England 
widerjproden. Eine Berjtändigung darüber wurde nicht erzielt. Auch 1887 ver- 
Iprah die Britifche Regierung wieder die „freie Schiffahrt” in Verhandlungen 
mit der Türkei, die indeß nicht ratifiziert wurden. Die volle Neutralität wurde 
augeftanden in einer Konvention mit Frankreich vom 29. April 1888, dabei aber 


94 Der Gefangene 





borbebalten, biefelbe folle, folange bie britifhe Okkupation Ägyptens bauere, 
noch nicht in Kraft treten. Endlich 1904, in den Verhandlungen mit Eduard bem 
Siebenten, ift auch dieſe Klauſel gefallen und einfach die Neutralität des Kanals 
gewährt worden. Wie England fie Hält, das fehen wir im gegenwärtigen 
Kriege. 
Die Herrihaft über den Suezlanal ift bie Vorbebingung auch für bie 
Herrfchaft über Agypten. Gelingt e8 ben Türken, von Often, von ber Sinai- 
balbinfel aus, fid) des Kanals zu bemädhtigen, fo werden fie um fo leichter aud) 
am Nil Fuß fallen. Der von den Engländern neuerdings abgejegte Khedive 
Abbas Hilmt, der Sohn Tewflls, ift beim türkifchen Heere. Er ift ber Abgott 
der nationaliftifeh gefinnten Bevölkerung. So läßt ſich erwarten, baß bie Türken 
von diefer allen Vorſchub erfahren und mit offenen Armen aufgenommen 
werden. | 





Der Gefangene 


In hartem Zwang befchreitet dich mein Fuß! 
So grüß id, Land dic), weil ih muß! 


Idh fehe deinen Berg und deinen Wald: 
Schön bift dul Doc mein Herz bleibt Falt. 


Soweit mein ſuchend Auge fpäht, 
Erblid ich deines Winters Majeftät, 


Der um die Stirn Iryftallnen Reif bir flichtl 
Wahrhaftig ſchön! Allein ich Lieb dich nicht! 


Des einen Sinnes feften Schluß vernimm: 
Feind bin ich dir mit ganzen Herzens Grimm! 


Nicht mein Afyl, nein! meines Kerlers Nacht! 
Der Freiheit Grab, trog deiner Fluren Pracht! 


Und nicht der Heimat trauli Bild: 
Vom Himmel ſank der Abend mild, 


Die weite Eb’ne dämmert ein, 
Der Nebel fteigt im Wiefenrain; 


Der Gefangene 25 
Ein Elflein fih im Zange wiegt, 
Ins grüne Bett der Wind ſich ſchmiegt; 


Das Rehlein ſpricht fein Nachtgebet, 
Am Wald des Mondes Sichel ſteht, 


Und einfam in der lauen Nacht 
Halt ich auf treuem Tier die Wacht! 


Da trank id} einmal nod) den Duft 
Der lieben Heimat! Durch die Luft 


Rauſcht al’ ihr Zauber! Ihrer Liebe Glut 
Schoß mir noch einmal in das Blut! 


Sept führt mich nur ein gnäd’ger Traum 
Zurüd an jenen Waldesjaum, 


Letztes Erinnern an die Heimat fpricht, 

Wie fie fo ſchön, fo ftill, fo fehlicht! 

Die Augen fchließ ich, fehnend nur, 

Ich eilte über ihre Flur 

Doch hart ftöht an den Stein mein Fuß — 
So grüß ich, Land dich, weil ich muß! 


Niſhni Udinſt 
Januar 1918 





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Deutiche Soldatenbriefe 
Eine Charakteriſtik 


Don Dr. Fritz Roepke 


eber, der den Krieg als bewußtes Glied der deutſchen Gemeinſchaft 
empfindet — und das ift bie Pflicht vor allem ber Gebildeten — 
DA dem werden alle Äußerungen nationaler Stimmungen zu einem 
BY A lebendigen Erleben beutfchen Wefens und Charakters werden. 

Steven und Lieder, Gedichte und Bilder, Scherz und Gedenken, 
Spiel und Bühne, fie alle klingen zu einer geiftigen Symphonie zufammen, die 
der Abſtraktion „das deutſche Voll“ Charakter und Farbe, Sinn und Dafein 
geben. Ste mag uns manchmal verworren, manchmal unrein klingen; erft eine 
fpätere Zeit wird fie deuten und rein genießen können. Aber ſchon heute tönt 
fo mandjes Inſtrument deutlih und Har an unfer Ohr und wedt in dem auf- 
merffam Hinhorchenden eine Ahnung von der Seele feines Volles. 

Ein ſolches Inſtrument ftellen die Soldatenbriefe dar. Sehen wir von 
den Fachaufſätzen der militäriiden Sachverſtändigen, den künſtlichen oder 
fünftlerifehen Erzeugnifien der literariſch Gebildeten, den beftellten Schilderungen 
der Kriegsberichterftatter und den von vornherein zur Veröffentlichung beftimmten 
Briefen ab, fo bleibt noch die große Zahl von Briefen aus dem Felde, die 
Freunden und Belannten, Verwandten und Gebern Lebenszeichen geben wollen, 
in denen der Menſch zum Menſchen ſpricht und Gebärde, Tonfall und Yalten- 
wurf den deutſchen Charalter offenbaren. 

Mer Material genug befigt, wird bald die Erfahrung maden, daß bie 
durch den Krieg bedingte Ausgleihung der fozialen Unterfhiede ſich im Heere 
am auffälligften vollzogen hat und daß die Bildung der Verfafler zu dem bereits 
empfangenen Bilde feinen neuen Zug binzutut. Ihre Briefe find oft fachlicher, 
aber in Stimmung und Stoff unterliegen fie einem alldeutfchen Geſetz. 





Deutſche Soldatenbriefe 97 


Am eheften entzieht ſich die einzelne Perſönlichkeit der gemeinfchaftlichen 
Sphäre noch bei der Wahl des mitzuteilenden Gegenftandes. Aber auch bier 
glaube ich drei immer wieberfehrende Typen zu erkennen, foweit das mir zur 
Berfügung ftehende Material einen fiheren Schluß zuläßt. Es lagen mir 
ungefähr fünfzig Briefe vor, daneben babe ich einige8 aus der Sammlung 
„Deutſche Feldpoftbriefe” (9. Tümmlers Verlag, Chemnit) und dem in Zeitungen 
Beröffentlichten benuben können ; bei der Auswahl der Belege habe ich Wert darauf 
gelegt, daß die Verfaſſer den verfchiedenften fozialen Schiehten angehören. ALS 
Urbild des erften Typus können die Drei Karten gelten, deren Verfaſſer nach den An⸗ 
gaben der Zeitungen ein ebenfo kurz angebundener wie volfstümlicher Feldherr fein 
fol: „Wo bleibt denn meine Wäſche?“ „Soll ich noch lange auf meine Wäfche 
warten?” „Ya, zum Donnerwetter, wird endlich meine Wäfche kommen oder 
nit?” Der Inhalt diefer Mitteilungen geht kaum über die perfönlicden Be⸗ 
bürfnifje des Schreiber hinaus. Dft könnte man aus foldden Karten gar nicht 
berauslefen, daß Krieg im Lande if. Ein Kriegsfreiwilliger fchreibt nach feinem 
Eintreffen auf dem Sriegsichauplag: „Meine Lieben! Geftern Iangten wir in 
3. an und murden mit Kanonendonner empfangen. Wenn Ihr mir einen 
Gefallen tun wollt, dann könnt Ihr mir bitte Kalao, Zuder, Zeitungen ſchicken. 
Herzlide Grüße — — —.“ Der zweite Typus fchildert mehr oder weniger 
eingehend perfönliche Erlebniffe. Sie find meiftens durch den Drang fih aus- 
zufprechen veranlaßt, das wohlige Gefühl des Sicherleichterns, wenn das 
Geſchaute und Erlebte zu ſtark und ſchwer auf den einzelnen einwirkt. Selbſt 
Sremden gegenüber ift der Soldat oft zutraulicder und offener als zum 
Kameraden, ſobald der Brief nur in die Heimat gebt: „... und ebenfo freut 
man fi, wenn man eine Nachricht fenden Tann.“ Dieſe Briefe bieten natürlich 
nur einen Kleinen Ausfchnitt ans dem Kriege gemäß dem beichränkten Gefichts- 
freis, mit dem fich der Soldat im modernen Kriege begnügen muß. Sie malen 
uns den Schüigengraben, führen uns auf den Ausgud, in Scheunen und Schlöffer, 
laſſen uns an Siegesfreude teilnehmen, an Sturmangriffen und Trauer über 
den Berluft von Kameraden. Den dritten Typus endlid würden objeltive 
Berichte vertreten. Wir können fie nur von Offizieren oder von ſolchen Ein- 
fihtigen verlangen, die nad) Erfahren aller mwefentliden Einwirkungen imftande 
find, den Gang der Operationen unter Hintanfegung ihrer eigenen Perjönlichkeit 
wieder aufleben zu laffen. | 

Um fo mehr können wir troß des fo verſchiedenen Bildungsgrades unferer 
Soldaten von einem einheitlichen Stil ſprechen. Ich meine nicht die größere oder 
geringere Gemwanbtheit, feine Gedanken zu klarer Geftaltung zu bringen, jondern 
die abſichtliche Anwendung ſyntaltiſcher Verbindungen, die Vorliebe für 
beftimmte Wortllafjen . ufm., kurz, die bewußte ſprachliche Darftelung. Der 
Inappe militärtfede Stil iſt merkwürdigerweiſe verhältnismäßig felten, zum Beifpiel: 
„Um 12 Uhr Mondichein, befferes Wetter, Granatendonner. Plögli Nachricht: 
unfere Bagage überfallen, eine Kompagnie zurüd, das Dorf niedergebrannt, 


98 Deutfche Soldatenbriefe 
die Leute erſchoſſen, Franktireurſcheußlichleiten!“ Man findet ihn nie in den 
Briefen der gemeinen Soldaten. Er Tann aljo nicht als allgemeines formales 
Kennzeichen des deutichen Yeldpoftbriefes gelten. Dagegen zeigen viele Briefe 
der verj&hiedenften Urheber in der Yorm das gleiche Streben: den Hang zur 
Stilifierung, die Titerariffe Färbung der inftinktiven Äußerung. Ein Haupt» 
mann ſchreibt von Neuigkeiten, die fein Antlig verflärt haben; ein Ingenieur 
muß beim Kriegsbeginn wieder auf die Planken des Kriegsihiffs. Ein Milttärarzt 
läßt Gegenfäpliches hart aneinander ftoßen, die friedliche Ruhe der Natur und 
das Getöfe des Kampfes: „Die Natur in Saft und Brangen, die DObftbäume 
fhwer bebangen, Blumen überall und Bogelzwitichern. Frieden! Aus dem 
Dorf laden muntere Stimmen. Singen frober, glüdlicher Menſchen!“ Dazu 
Stellen aus Briefen ganz einfacher Leute: „Ein vom Schidfal verfolgter Ober⸗ 
matrofe”; „Lerne leiden ohne zu klagen!“, „Kampf mit Sturm und Wogen⸗ 
tanz“; „Wenn mein Pfeifchen dampft und glüht und der Rauch von Blättern 
durch die Lüfte zieht, taufch ich nicht mit Göttern!“ — — — „und wir unfere 
ſchweren Torpedos felbigen in den gepanzerten Bauch jagen.” Der Franzofe . 
wird faft prezids der Franzmann genannt. Beſonders gern wird das Adjeltiv 
verwandt, das, bald malend, bald Flingend, gerade den einfadhen Leuten als 
das Charalteriftiihe des „Ichönen“ ſchriftſtelleriſchen Stils zu gelten fcheint: 
das vom Feinde viel ummorbene Kiel; gegen fchneidigen (jchneidenden) Wind 
und Kälte; die See fchlug heftig gegen die dem wöütenden Wafler troßende 
Bordwand (der Rhythmus eines Ungebildeten!); das eiftg jchneidende Waſſer; 
wortlos wälzten fi die unendlihen Züge Artillerie und Infanterie durch die 
kahlen, verlaffenen Gegenden. Das Torpedo heißt „heimtüdiih”, die Wander- 
mine „feindlih“. Es tft, als ob der Soldat das Bewußtein hätte: bein Brief 
wird zu Haufe vorgelefen, Freunden und Belannten gezeigt; da darfſt du did 
nicht blamieren, du mußt Eindrud machen! So ſchreibt er in einer gehobenen 
Sprade, die man aber weder ſchwülſtig noch papieren nennen fann; denn 
fie bleibt immer im Einklang mit dem großen Gegenftand, den fie uns 
mitteilt. 

Am Mräftigften aber leuchtet der gemeinfame Bollscharalter aus der 
Stimmung der Feldpoftbriefe hervor. In der neugeidhaffenen Einheit orbnet 
fih der einzelne dem gemeinfamen Zwed unter, verſchwinden alle perjönlichen 
Münfche, Neigungen und Gewohnheiten. Dur) die gemeinfame Gefahr und 
das gemeinfame Erlebnis wird die Heeresmafje zu einem unteilbaren Weſen. 
In einem folden Maſſenweſen haben erfahrungsgemäß die Gefühlselemente 
durchaus das Übergewicht, die noch dazu durch die ungeheure Suggeftibilität 
ber Maſſe eine fchnelle Verbreitung erfahren. Die feineren, abgetönten Gefühle 
des einzelnen gehen natürlich verloren und nur Die großen, urfjprünglichen 
Leidenfchaften bleiben. Bier einfache Gefühle find es befonders, deren Echo 
der gegenwärtige Krieg wachgerufen hat und die den Grundton der Briefe aus 
dem Felde abgeben: vaterländifche Begeifterung, Luft am Kampf, Wille zum 


Deutfhe Soldatenbriefe 29 


— — — 
— — 


Sieg; Ernſt und Mitleid beim Anblick der furchtbaren Wirkungen des Krieges; 
Sehnſucht nach Heimat und Familie, Sentimentalität; martialiſcher, jungen⸗ 
hafter, unerſchütterlicher Humor. 

Den Ton ber hellen, jauchzenden Begeiſterung werden wir natürlich zu 
Beginn des Krieges am reinften und häufigften finden. „Ran an den Yeind“, 
fo Hingt e8 aus vielen Briefen heraus: „Unfer aller Wunſch (der Marine) tft 
es, jo bald als möglich auch zu zeigen, daß wir uns mit unferen Leiftungen 
ebenbürtig an die Seite der Schwefterwaffe ftellen dürfen.“ „ch werde tun, 
was in meinen Kräften ftebt, um Euch Lieben und das Vaterland zu ſchützen. 
Fallen wir, nun fo fterben wir den Heldentod fürs geliebte Vaterland. Mit 
Freuden ziehen wir gegen den Erbfeind.” In manden wacht die fröhliche 
Luſt am Kampf auf und dehnt die entwöhnten Glieder: „Das hat Spaß 
gemacht“. „Unfere Parole ift: vorwärts bis nad) Paris und noch viel weiter! 
Wir wollen Abenteuer erleben und Kugeln pfeifen hören!” Faft betäubend ift 
das Gefühl der eigenen überlegenen Kraft: „Es war herrlih! Ein obren- 
betäubender Lärm. BDraufgegangen find die Kerls wie blödfinnig.” „I 
babe kein anderes Gefühl, bloß eine unfagbar glüdfelige, wollüftige Aufregung, 
daß es gelungen ift, den Feind aus feinen Stellungen zu vertreiben. Bas 
Gefühl der Kraft, des GSelbftvertrauens erwacht in uns mit der ftärfiten 
Bucht.“ 

Es ift in umferen Tagen vom deutſchen Haß gefungen worden. Das 
Wort hat man fchon berichtigt; eg muß „Zorn“ heißen. Wir find unfähig zu 
haſſen. Wenn ich die Soldatenbriefe leſe, ſehe ich immer die guten Augen 
unferes Wilhelm Buſch, der fo deutich ift, daß er in dem Gewand einer fremden 
Sprade wie eine boshafte Karilatur ausfiedt; und id muß an die Worte 
Bullerftiebels im „Pater Filucius“ denfen: „Nu man to." Haß ift ein Gefühl 
moralifder Schwäche, und das kennen wir nit. Und wie unfere Preſſe fich 
rein hält von den wüften Worterzefien des feindlichen Auslands, fo offenbart 
auch die große Seltenheit von Schimpfmwörtern in den Feldpoftbriefen das reine 
Gewiſſen des deutichen Soldaten. „Das feige Voll”, „der feige Franzmann“, 
„Die Halunfen“, „die Krüppels, die Hampelmänner von Franzofen”; das iſt 
alles, was ich in fünfzig Briefen an verächtlichen Ausdrüden habe auftreiben 
können. Hin und wieder trifft man auf gutmätig fpottende Überlegenheit; dann 
heißen bie Franzofen Franzmänner und die Engländer Hafen: „Aber Angft 
haben die Burſchen und laufen können fie. Wenn fie uns fehen, wir müfjen 
immer laden; bie Hafen nennen wir jet immer Engländer.“ Meiſtens aber 
fpricht der deutſche Soldat von feinem Feinde gar nit. Denn in feiner geiftigen 
Überlegenheit — biefe Erfahrung kann man auch daheim bei den fchlichteften 
Berwundeten maden — fieht er ihn nur feine Pflicht erfüllen und macht allein 
die Regierung des fremden Landes verantwortlich). | 

Diefelbe geiftige Reife und Größe der Auffafjung bekundet der deutſche 
Soldat aber in noch höherem Maße in den Wintertagen des fat endlos 


30 Deutfche Soldatenbriefe 


icheinenden Ansharrens. „Wenn das Weihnachtsfeit auch diefes Jahr nicht fo 
fröhlich gefetert wird, wie e8 in den 44 Jahren war,“ fchreibt ein Landwehrmann, 
„darum wollen wir doch in Gottvertrauen hier in Feindesland und in der lieben 
Heimat im Herzen berer gebenten, bie uns bis zum heiligen Weihnadhtsfeft 
geführt haben und noch länger führen werden; und auf der anderen Geite 
wollen wir fröhlich fein, weil unfere tapferen Deutſchen in Dit und Weſt ihren 
Mann ftehen bis auf den letzten Tropfen Blut, und follte es ung nicht vergönnt 
fein, ein Weihnachtsbäumchen zu ſchmücken im Schügengraben, dann werben 
wir den Franzmännern zeigen, daß wir zu Weihnachten aud auf dem Poften 
fein und nicht mit uns fpielen laſſen.“ „&ottvertrauen und froher Mut, denn 
der Krieg geht doch einmal um.” „Mit Gott für König und Baterland.“ 
„Der Deutſchen Wahlſpruch heißt immer vorwärts und nicht rückwärts!“ wie 
oft Tonnten wir jet ſolche Worte in dieſer ſchweren Zeit des nicht Durch große, 
wiederhallende Siege gelennzeichneten Ringens leſen. Denn unfere zielbemußten 
Soldaten willen, wofür fie fämpfen: „Das koſtet noch viel Opfer, aber das 
ſchadet nicht; die Hauptſache tft, daß diefes Blut nicht umfonft alles gefloffen 
ift, daß wir einen glorreihen und dauerhaften Frieden erringen.“ Dem Wohl 
und Wehe des Vaterlandes müflen eben alle perfönlicden Sorgen untergeorbnet 
werden: „Wir erhielten erft am . . . . Nachricht vom Tode unferes geliebten 
Vaters. Aber wir wollen nicht traurig fein und uns nicht entmutigen; wir 
wollen unjer alles einfegen für unſer heifgeliebtes Vaterland, da wir willen, 
was wir fonft zu erwarten haben.” Auch der Schmerz um gefallene Kameraden 
wird verdrängt durch den Gedanken an die fittlihe Größe dieſes Todes: 
„Ste haben übermenfchliches geleiftet, ..... doch über ihnen allen ftrahlt bie 
Krone des Ruhmes.“. 

Aber no eins fteigert den Mut und die Freudigleit unferer Soldaten: 
„Wir wiflen, daß uns treue Herzen entgegenfchlagen.“ Sie wollen nie ver- 
jagen, weil wir fie nicht vergeflen. Und wenn ber deutſche Soldat an bie 
Heimat denkt, überlommt ihn ein weiches, fehnfüchtiges Gefühl. Er liebkoſt 
alles mit ungelenten Fingern: „Ferne Heimat, liebe Heimat.” „So mande 
Träne ift bei uns über die Wange gerollt, wenn man zurüddenft an feine 
liebe Frau und Kinder.“ Gefühlsfchwere Worte Iöfen fich, wenn fie ſich mitten 
in der todſchwangeren Luft des Krieges den heimatlichen Frieden ausmalen: 
fie ftehen im „fremden Lande“ auf „einfamer” Wacht. Und mwehmütig nehmen 
fie in mandem Augenblid der überwältigenden Rührung Abfchied auf immer: 
„Und follten wir uns nicht wiederfehen, dann denle öfters an deinen lieben 
Freund, der für Deutſchlands Ehre mit Freuden in das ‚Maffen‘grab ge⸗ 
gangen iſt.“ 

Ale Hat das Leben da draußen mächtig gepadt; aus ben Sünglingen bat 
e8 Männer, aus gleihmäßig Dahinlebenden Charaktere und aus den weichen 
Seelen Ziefernfte gemacht, denen das blutige Bild den Atem benahm. Und 
dieſe ernſten Augen bliden uns aus vielen Soldatenbriefen an: „Bei foldher 


Deutſche Soldatenbriefe 31 





Berftörung begreift man erft, was es beißt, den Krieg in Feindesland tragen.” 
„83 ift nur gut, daß ſich diefe Kämpfe nicht in unferem geliebten Vaterlande 
abfpielen; von 3. bis ©. finden Sie fein ganzes Haus mehr.“ „Die Leere 
der Landſchaft, verbunden mit dem fürchterlihen Krachen, wirkt beflemmend 
und macht zufammen mit dem granen Himmel einen troftlofen Eindruck.“ 
„zote in den Gräben vom Nachmittag ber, Franzofen und Deutſche, herren- 
lofe Zornifter, Helme, Seitengemwehre und Mäntel lagern auf den Felder zer- 
freut — blutige Hemden, blutgetränfte Verbandsfegen. . . . Die armen Serle, 
die Arme oft zur Abmehr vorgeftredt oder auf bie Bruft gepreßt, um ben 
Schmerz zu ftillen. — Pferbeladaver, überall Ausrüftungsgegenftände, die von 
Leid ſprechen.“ 

Aber nicht oft herrſcht diefe trübe Stimmung. „Müde, aber vergnügt.“ 
„Bir find noch fröhlih und guter Dinge.“ Und mander, der zu Haufe 
vielleicht ein verwöhnter Junge war oder eine viellöpfige Familie in der Heimat 
weiß, rafft fidh zu ein paar lachenden Worten auf, um in denen daheim nicht 
das Gefühl auflommen zu lafien, daß er in Gefahr ſchwebt: „ES ift das 
reinfte Manöverleben,“ fchreibt ein junger Freimilliger an feine Eltern. Ein 
anderer nedt jeine Braut: „ine zweite Braut babe ich auch ſchon! Bift Du 
da nicht eiferfüchtig? Ja, Du mußt nämlich mwifjen, dem Krieger feine zweite 
Braut ift fein Gewehr.“ Jeder von uns hat die lachenden Inſchriften bei ber 
Mobilmahung genofien: Expreß Berlin— Paris oder: Nikolaus, Nilolaus, wir 
fopfen dir die Hofen aus! Gie finden in den Briefen ihr ausgelafjenes Echo: 
„sh werde Dir fo ein Bieft (Engländer) mitbringen.” „In vierzehn Tagen 
mußt Du unbedingt nad) Paris fommen, zum Siegesball nad) Berfailles. Ein 
Hurra unferer fiegreihen Armee. 1000 SKanonenbuffel.” Mit mutwilligen 
Kofenamen wird die Munition belegt: „Liebesgaben für die Ruſſen“, 
„Zuderhüte”, „Eiferne Morgengrüße“. Übermütig, jungenhaft wirft der Soldat 
feinem Yeind Spottreden wie Schneebälle an den Kopf: „Wenn preußifche 
Truppen vorgeben, heißt das auf ruſſiſch: Kehrt! Mari, Marſch! ... . Ober 
fie bewaffnen fi mit ihrer Hauptwaffe: einem langen Baumaft mit geftohlenen 
Fenftergardinen.” „Die Franzoſen wollen durchaus durch; das tft verboten. 
Wir balten die Yranzofen im Schwung, damit fie nicht üppig werden und 
nicht durchbrechen, was die Franzmänner alle Tage verjuchen, wobei fie aber immer 
fefte auf den Schädel befommen. . .. Wir Deutihen hätten die Franzoſen 
fon lange aufgefreffen, gerade wie Dlfardinen!“ Ganz felten nur gibt ein 
häßlicher Ausdrud Kunde von einer durch monatelangen Erlebnifjen bedingten 
Abftumpfung: „Unfer Sport mit den Ruffen.” „Nachdem wir die Häufer 
durchſucht hatten, wobei noch mancher Franzoſe ins Jenſeits befördert wurde. . .” 
In den meiften Yällen bat der Scherz gutmütigen Charakter. Er nimmt leine 
Strapaze tragiſch und wird in fchweren Lagen zu einem drolligen Galgenhumor: 
„Hter in M. genoß man gratis ein Sonnenbad, indem man etwa vier Stunden 
lang zwiſchen Bahbngeleifen auf freier Strede lag." „Nachdem wir uns an 


82 Deutfhe Soldatenbriefe 


dem Duft von gelochtem Schweinefleih fatt gerochen hatten, mußten wir 
weiter.“ 

Das ift der deutſche Soldat. Er bleibt auch in der Uniform ber alte 
Michel. Gutmütig und gebuldig im Harren, unfähig zum verzehrenden, brutalen 
Haß, voll Begeifterung für edlen Kampf, von umerfchütterlicder Zuverſicht auf 
ben guten Ausgang der gerechten Sache, weich und fentimental, tiefernft im 
Empfinden und fröhlich in der Selbftverleugung. 








Allen Mauuftripten it Porto hinzuzufügen, ba andernfalls bei Ubichunng eine Rädienbung 
nicht verbrgt werden Tann. 


Nachbruck fümtliger Uuffäge nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Berlagd geſtattet. 
Verantwortlich: der Herausgeber Georg Eleinow in Berlin. Lichterfelde Weſt. — nn und 
Briete werden erbeten unter der Abrefie: 

Un den Herausgeber der Grenzboten in Berlin - Lichterfelde We, S 
Fernſprecher bes Herausgebers: Amt Lichterfelde 498, des Berlags und ber Schriftleitung: Amt — 6810. 
Verlag: Berlag ber Srenzboten G. m. b. H. in Berlin SW 11, Tempelhofer Ufer Ba. 
Drud: „Der Reihsbote” ©. m. 5. H. in Berlin SW 11, Deflauer Straße 86/37. 


Zwischen Wasser u. Wald Russerst gesund gelegen. — 
Bereitset für alle Schulklassen, das Einjährigen-, 
Primaner-, Abiturienten- Examen vor. Auch Damen- 
Vorbereitung. — Kleine Klassen. Qründlicher, indi- 


vidueller, eklektischer Unterricht. Darum schnelles 
Erreichen des Zieles. — Strenge Aufsicht. — Gute 
Pension. — Körperpflege unter ärztlicher Leitung. 


Waren i in Mecklb. 


am | Müritzsee. 








Die Dereinigten Staaten von Amerifa und Japan 


Don Dr. jur. Kurt Ed. Jmberg 
a ns Eingreifen Japans in den Weltkrieg, die Eroberung Kiautſchaus 
\ 







& und die Beſetzung deutſcher Kolonien in der Südſee durch japaniſche 
Truppen haben die amerikaniſch⸗japaniſche Frage in ein neues 
EKGIFA Stadium gebradit. 

Seit etwa ſechzehn Jahren taucht dieſes Problem: wie werden 
die Vereinigten Staaten und das Land der aufgehenden Sonne die zwijchen 
ihnen bejtehenden, bald mehr, bald weniger akut werdenden Streitfragen Iöfen, 
immer wieder auf, ohne jedoch bisher eine auch nur einigermaßen befriedigende 
Löjung gefunden zu haben. 

Die Jahre 1898/99 Tann man wohl ald Wendepunkt in den bis dahin 
ſteis guten und freundfchaftlichen Beziehungen zwiſchen den Vereinigten Staaten 
und Japan anfehen. Die Angliederung von Hawai, auf das die Japaner 
zweifellos ihr Augenmer? gerichtet hatten, die mit der Befegung der Philippinen 
beginnende Gründung eines amerilanifhen Kolonialbefiges und Feltfebung in 
den afiatiihden Gewäſſern fonnten nicht ohne Einfluß auf die Haltung Japans 
den Bereinigten Staaten gegenüber bleiben. 

Zur gleiden Zeit etwa vollzieht fi aber auch der Umſchwung im Reiche 
des Mifado; es ift die Zeit des EintrittS Japans in die Zahl der Weltmächte, 
die Anerkennung des japanifchen Staates als gleichberechtigtes Mitglied durch 
die europäiſchen Großmächte und die Vereinigten Staaten von Amerila, die 
Geburtsftunde des japanischen Imperialismus. Es ift die Zeit nach dem 
glücklich beendeten Kriege gegen das chinefifche Millionenreih, der den Japanern 
den Befig von Formofa gab, wodurch auch Japan den eriten Schritt zur 
Gründung eines Kolonialgebietes tat. Japan und die PVereinigten Staaten 
wurden Nachbarn im jüdchinefiichen Meere. Bald nad) dem Kriege von 1894/95 
beginnt denn auch der wirtfchaftliche Aufſchwung des japanifchen Inſelreiches, 
die Ausdehnung feines Handels und das Erwachen feiner Induſtrie. Die 

Grenzboten II 1915 8 


34 Die Dereinigten Staaten von Amerika und Japan 


unausbleibliche Folge diefes Aufihwunges ift die Entftehung von zahlreichen 
Reibungsflaͤchen japaniſcher und amerilanifcher Intereſſen auf dem chinefifchen 
Meltmarkte. 

Wir wollen im folgenden nur die wefentlichiten Punkte der amerikaniſch⸗ 
japaniſchen Yrage kurz berühren, wohl wiffend, daß eine auch nur annähernd voll» 
ftändige Darftellung dieſes Problems weit über den Rahmen binausgeben 
würde, der uns bier geftedt if. Wir wollen uns darauf befchränten, 
die amerilanifhen Smterefien in China und die | Einwanderungsfrage 
etwas näher zu beleuchten, die die wichtigſten Faltoren jenes oft beftrittenen, 
aber zweifellos beitehenden Problems find: des Kampfes um die Herrſchaft im 
Stillen Ozean zwiſchen der weißen und der gelben Raſſe. 


I. 


„Ein geeinigtes China, fi ſtark entwidelnd, Herr in feinem eigenen 
Lande, weldes es dem Handel aller Nationen der Welt in gleihem Maße 
offen hält.” Mit diefen Worten Tennzeichnet der jebige Geſandte der Ver⸗ 
einigten Staaten von Amerika in Peling, Profeffor Reinſch“), einer der beften 
Kenner der amerilaniſchen Politik und diplomatiſchen Geſchichte der Union, die 
Politik, die die Vereinigten Staaten ftet3 dem Reiche der Mitte gegenüber 
beobadtet haben, die fie auch heute der jungen Republik China gegenüber 
vertreten. 

Bereit kurze Zeit nad der Abtretung Kaliforniens an die Union im 
Frieden von Guadeloupe Htdalgo (1848) finden wir die erften Anzeichen für 
das Streben der Vereinigten Staaten, einen Einfluß in Auftralien zu erlangen 
und an der Erſchließung des dhinefiichen Reiches teilzunehmen. Schon damals 
erfannten die amerikaniſchen StaatSmänner, daß der Stille Dzean dereinft eine 
große Rolle auf dem Welttheater fpielen werde, und aus diefer Erkenntnis 
entfprang der Wunſch, daß aud die Vereinigten Staaten oftafiatiihe Politik 
treiben, daß auch fie fi auf den neuerſchloſſenen Gebieten des Weltmarktes 
im Fernen Dften betätigen follten. 

So fiherten ſich die Vereinigten Staaten in ihrem Vertrage mit China 
1844 durch die Einfügung der fogenannten Meiftbegünftigungsflaufel die Vor⸗ 
teile, die England und Frankreich kurz vorher durch den Opiumkrieg (1840 bis 
1842) errungen hatten. Die Folge diejes Vertrages war ein rafches Aufblühen 
des amerilanifden Handels mit China und die Begründung zahlreicher 
amerifanifher Handelshäufer in den VBertragshäfen im Reiche der Mitte. Wenn 
auch der Handel zwiſchen der Union und China einigen nicht unbebeutenden 
Schwankungen ausgeſetzt war, die auf die politifhen Zuftände in ben beiden 
Ländern zurüdzuführen find, fo zeigt doch die Stala des amerilaniſch⸗chineſiſchen 


*) Reinſch: „Die Vereinigten Staaten und ber Ferne Dften (in ber Zeitichrift für 
Politit, 1918) Seite 200. 


Die Dereinigten Staaten von Amerifa und Japan 35 


Warenaustauſches eine ftetS fteigende Tendenz. So betrug der amerilanifche 
Handel mit China: Ä 
im Jahre 1888 etwa 21000000 Dollar 
F— „ 1898 „ 3000000, 

— „ 1908 „ 48000000, | 

Nach den chineſiſchen Berichten, die bis jebt allein vorliegen, betrug ber 
Sefamthandel zwiſchen den Vereinigten Staaten und China im Jahre 1913 
ewa 73 Millionen Zaels, das beißt etwa 37 Millionen Dollar, und zwar 
zeigt die Handelsbilanz in diefem Jahre zum erften Male feit 1902 wieder ein 
Übermwiegen ber chineſiſchen Einfuhr in die Union um etwa 1 Million Taels*). 
Es ift dies allerdings ein nicht unbeträchtliher Nüdgang gegen 1908; aber 
gegenüber den vorhergehenden “Jahren, die ein tiefes Sinten der Hanbelsbilang 
gebracht hatten, wieder eine, wenn auch nur Feine Steigerung bes Warenaustaufches. 

Diefe immer wachſende Bedeutung der Chinefen als Kunden und Lieferanten 
der Vereinigten Staaten, die in Zufunft bei einer rationellen Ausbeutung ber 
reihen Bodenſchätze Chinas zweifellos noch zunehmen wird, zwang die Amerikaner, 
ein wachſames Auge auf die Entwidlung der Dinge im Fernen Dften zu haben 
und fi) befonders darüber Flar zu werden, welchen Einfluß eine etwaige Zer- 
ftüdelung des chinefiſchen Reiches auf die amerilanifch-chinefiihen Beziehungen 
ausüben mußte. Denn offenbar mußte eine allmähliche Aufteilung Chinas an 
die hieran intereffierten europäifhen Mächte und Japan eine ftarle Zurüd- 
drängung, wenn nicht gar die Vernichtung des amerilanifhen Handels mit 
China zur Folge haben. Aus biefem Gefihtspunfte erflärt fi) die ſtrikte 
Durchführung der Grundfäße der „Uffenen Tür” im Reich der Mitte und ber 
Integrität des dhinefifchen Gebietes, die fi wie ein roter Faden durch die 
oftaftatifhe Politik der Vereinigten Staaten zieht. Bon diefen beiden Grund⸗ 
fägen ift die Aufrechterhaltung der Integrität der chinefiihen Republik das 
zweifellos wichtigere Problem**’); denn es tft Mar, daß der Grundſatz der 
„Offenen Tür” nur in diefem Falle wirklich beftehen Tann, wie das Schickſal 
zahlreicher anderer Länder in der Weltgeſchichte lehrt, während er bei einer 
Aufteilung in Intereſſenſphären zur leeren Phraſe wird. 

Die Gefchichte der oftafiatifchen Politik der Vereinigten Staaten in ben 
legten Jahrzehnten zeigt immer wieder deutlid das Eintreten der Union zu⸗ 
aunften Chinas, das Beſtreben, alles zu vermeiden, was zu einer Verlegung 
der territorialen Integrität diefes Landes führen könnte, in der Maren Erlenntnis, 
daß mit dem Einrüden der Union in die Stellung einer Macht am Stillen 
Diean bie Integrität Chinas für fie von größter Wichtigleit geworden ift”**). 


) Trade Reports for 1913, Part I herauſsgegeben, von der chineſiſchen Negierung. 
) Vergleiche Millard (bei Blafeslee a. a. ©.): The need of a distinctive American 
policy in China, Seite 84. 
***) Bergleiche Foord: America’s Trade Relations with China (in Blakeslee: China 
and the Far Bast, 1910) ©. 111. 


9” 


86 Die Dereinigten Staaten von Amerika und Japan 





Als Beweiſe für diefe Politik mögen bier nur das fogenannte Hay-Agreement 
vom Jahre 1899 erwähnt werden, eine internationale Vereinbarung, in ber 
die Grundſatze der Integrität Chinas und der „Offenen Tür“ in diefem Lande 
feftgelegt wurden, und ferner die Note des Stantsfelretär Hay vom 3. Juli 
1900*) während des Boreraufftandes, in welcher die amerilanifche Regierung 
darauf binwies, daß für die Wirren in China eine Löfung gefunden werben 
müfle, „Die die territoriale und abminiftrative Einheit Chinas beachtet”, und bie 
„den Grundſatz eines gleichen und unparteiifhen Handels mit allen Teilen des 
chinefiſchen Neiches fhüst**)." Weiter fei auf das Eintreten ber Bereinigten 
Staaten für die Auferlegung einer nicht allzu hoben Striegsentihädigung im 
Sabre 1901 hingewiefen, da man mit Recht in Amerila eine aus einer hohen 
Kriegsentihädigung notwendigerweife folgende finanzielle Abhängigkeit des 
militäriſch ſchwachen Chinas als eine Gefahr für feine territoriale Integrität 
erfannte***), und jchließlid auf den an Rußland und China gerichteten 
amerikaniſchen Proteft gegen den heabfidtigten Kauf der Mandſchurei durch 
Rußland, bei welcher Gelegenheit die amerilanifhe Regierung erklärte, daß 
„jegliche Vereinbarung, dur die China einer Korporation oder Gefellichaft 
das ausſchließliche Recht oder ein Privileg zur Ausbeutung von Minen, zum 
Bau von Eifenbahnen oder zu irgendeiner fonftigen indujftriellen Unternehmung 
in der Mandfchurei verleiht, von der Regierung der Vereinigten Staaten höchſt 
ungern gefehen werden würde).“ Denn ein folddes Vorgehen Rußlands 
würde den anderen Mächten zu gleihen Schritten Veranlafiung geben, und die 
unausbleiblide Folge davon würde „der vollftändige Zuſammenbruch der 
Politik einer abjolut gleihen Behandlung aller Nationen bezüglich des Handels 
und der Schiffahrt” feinTT). 

Bei der Durchführung des Grundjabes der territorialen Integrität Chinas 
fommen die Vereinigten Staaten von Amerila mit gewiffen anderen Mächten 
in Gegenjaß, die in einem allzu ftarfen China eine Bebrohung ihrer „Intereſſen“ 


*) Bergleiche hierzu Näheres bei Reini: a. a. O., Seite 186 ff. 

**) Bergleihe Foord: a. a. D., Seite 118. 

»**) Im Sabre 1909 zahlten die U. S. A. 13000000 Dollar, das heißt über die 
Hälfte ihre vertraggmäßigen Anſpruchs auf Schabenerfag an Ehina zurüd, „weil alle 
Koften und alle geredhtfertigten Anſprüche einzelner gededt worden waren und man es ein 
fa für recht und billig Hielt, China den Uberſchuß zurückzuerſtatten, fo wie es bon einem 
Bankier erwartet wird.” Vergleihe Reinſch: a. a. O., Seite 188. — Ob dies wirkli der 
einzige Grund für die Nüdgahlung geweſen iſt? Es würde jedenfalls bon einer in der 
Bolitit feltenen Ehrlichkeit und Selbftlofigleit zeugen! 

r) Vergleiche da8 Memorandum Hays vom 1. März 1801 und die Note an Rußland 
und China vom 1. Februar 1902. 

) Man könnte als weitere Beifpiele für diefe Bolitit der Vereinigten Staaten auch 
noch erwähnen: die erfolgreichen Bemühungen der Regierung von Waſhington für die 
Begrenzung des Kriegdfchauplages im Jahre 1904 und dad Eintreten des Präfidenten 
Moofevelt im Frieden von Portmouth zugımften Chinas. Vergleihe Millard: a. a. O., 
Geite 88. 


A 


Die Dereinigten Staaten von Amerifa und Japan 97 


fehen. inter biejen fteht neben Rußland in erfter Linie das erft kürzlich zur 
Weltmacht entwidelte Japan. Eine Zeitlang hatten die Vereinigten Staaten 
und Japan die "gleichen nterefien in China; beide Staaten waren an ber 
Integrität des Reiches interefflert. Dies änderte fi mit dem fiegreihen Kriege 
der Sjapaner,gegen Rußland, und Japans Berhalten China gegenüber erregt 
mit Net immer mehr Beforgnis in der Union vor dem weiteren Vorbringen 
der gelben Weltmadht”). 

Die Erfolge des Heinen Inſelreiches im Kriege gegen den ruffiihen Koloß 
gaben dem japanifhen Imperialismus neuen Boden und die feit langem 
erfehnte Möglichkeit, die regfte Tätigkeit in China zu entfalten, bejeelt von 
dem Wunfche, ganz China dem japaniſchen Einfluffe zu unterwerfen. Die 
Urſache, um derentwillen man den Krieg gegen Rußland begonnen batte, ber 
Schuß der von Rußland bedrohten Integrität Koread und Chinas, hatte man 
nad der fiegreihen Beendigung des Krieges vergefien. Korea kam unter 
japanifden Schu, bald darauf unter japaniihe Verwaltung (1907) und 
wurde ſchließlich (1910) zur japanifhen Provinz erflärt. Somit fah Japan 
feinen im Laufe ber Jahrhunderte des öfteren vergeblich wiederholten Verſuch, 
fih auf dem aſiatiſchen Feftlande feitzufehen, endli gelungen. Es tft ber 
erite Schritt zur Gründung einer japantichen Tontinentalen Macht. 

Sn den folgenden Jahren haben die Japaner ſyſtematiſch an der weiteren 
Ausarbeitung ihrer Feitlandsftellung gearbeitet, indem fie mit allen ihnen zur 
Verfügung ftehenden Mitteln eine Erftarfung des aus feinem jahrhunderte⸗ 
Iangen Schlafe erwachenden Chinas zu verhindern und die begonnene Reform- 
arbeit dur Anzettelung und Unterftühung von Revolutionen und Unruhen zu 
ftören ſuchten. Denn nur bei einem ſchwachen China können die japantichen 
Pläne Erfolg baben*”). 

Diefen Plänen dient auch die Teilnahme Japans am Weltfriege gegen 
Deutihland und fein Raubzug gegen das deutſche Pachtgebiet Kiautichan. 
Allerdings hat Japan zu Beginn des Krieges erflärt, e8 wolle „eventuell“ 
Kiautſchau an China zurüdgeben, aber heute glaubt wohl niemand mehr an 
diefe „Eventualität”, im Gegenteil ift fogar anzunehmen, daß Japan ſich auch 
in der chineſiſchen Provinz Schantung, einer der reichiten und fchönften Provinzen 
der Republik, dauernd feſtſetzen wird. Wenigſtens läßt die angeblich „vorüber- 
gehende“ DBejegung der ZTfinanfu—Weifien - Bahn einen foldden Schluß als 
außerordentlich) nabeliegend ericheinen”**). 

Damit wäre aber der Anfang einer Aufteilung des chineſiſchen Reiches 
gemadt und weitere Abbrödelungen wären unvermeidlih. Die Folge der 


”) Bergleihe Eoolidge: „Die Vereinigten Staaten als Weltmacht,“ Seite 861 ff. — 
Millard: a. a. O., Seite 89, 
) Bergleiche Riegelsberger: „Japan und Deutihland, ihre kulturellen und politifchen 
Beziehungen und die japanifche Gefahr für China, Amerika und Europa, 1914, Seite 82 ff. 
"ee, Bergleiche hierzu von Brandt: Ehina und Japan, 1914, Seite 44. 


38 Die Vereinigten Staaten von Amerifa und Japan 





Aufteilung würde aber die allmählide Monopolifierung des Handels durch bie 
aufteilenden Mächte fein: auch der amerikaniſche Handel wird dann im Laufe 
ber Zeit vom chineſiſchen Marlte verdrängt werden. Die Vereinigten Staaten 
find deshalb ebenfo wie Deutihland an einer Erhaltung der territorialen 
Sintegrität Chinas und an feiner militärifden und nationalen Erftarkung lebhaft 
tntereffiert, und beide Staaten müfjen ein weiteres Vorbringen der Japaner 
auf dem afatifchen Feitlande auf Koften Chinas unbedingt verhindern, wollen 
fie nicht auf ihren oftaflatiiden Handel und auf ihre Mitwirkung bei der 
Regelung der oftafiatifchen Frage verzichten”). 

Die neueften Greigniffe im Fernen Dften haben dies beftätigt. Die von 
Japan an Ehina in der Note vom 28. Januar 1915 geftellten Forderungen 
laſſen Mar und deutlich die Endziele der japanifchen imperialiſtiſchen Politik 
erfennen. Noch find die Verhandlungen nicht abgeichlofien, und es läßt fidh 
noch nicht überbliden, inwieweit Japan fi — durch ben Einfluß anderer 
in Ehina interejfierter Mächte — beitimmen läßt, feine für China unannehmbaren 
Forderungen zu mäßigen. 

Berfuht Japan — und wir zweifeln nicht, daß e8 biefen Berfuch malen wird — 
weitere chineſiſche Länder feinem Gebiete einzuverleiben, fo wird e8 bald mit den 
Intereſſen der Vereinigten Staaten in Gegenſatz geraten, ber zunächſt mit ben 
Waffen des Handels auf dem aftatifchen Weltmarkte ausgefochten werben wird, 
der aber leicht zu einem politiichen Konflilte auswachſen kann und — mie bie 
MWeltgeichichte bisher immer bewiefen — auswachſen wird. 


II. 


Von weit größerer Bedeutung iſt das Problem der japaniſchen Einwanderung 
nach den Vereinigten Staaten von Amerika““). Durch beiderſeitiges Nachgeben 
und dur Verträge jcheint diefe Frage zwar für den Augenblid geregelt zu 
fein. Aber eben nur für den Augenblid. Bald wird fie von neuem auftauchen, 
und dann wahrfcheinlic mit größerer Heftigfeit und Schärfe. 

Bon einer japaniihen Einwanderung nad) den Vereinigten Staaten in 
größerem Umfange Tann man eigentlid) erft ſeit dem Anfang des zwanzigften 
Sahrhunderts ſprechen. Waren auch Thon früher japanifche Arbeiter, befonders 
für die Obftplantagen, nad dem amerikaniſchen Kontinent gelommen, fo ging 
doch in den achtziger und neunziger Jahren der Hauptſtrom der japantichen 
Auswanderer nad) Hawai”**), wo fie anfangs als Gegengewicht gegen die wenig 


*) Vergleiche Niegelöberger: a. a. D., Seite 35. 
*e) Vergleiche zu diefer Frage den Auffag von Dr. Friedrih A. Wynelen: „Die 
gelbe Gefahr in Kalifornien“ in den „Grenzboten“, 1913, Seite 809 ff. 

”., Die eriten japanifhen Einwanderer famen 1868 nad) Hawai. Der größte Teil wanderte 
jedod wieder zurüd, fo daß 1882 nur no 15 Japaner auf Hawai waren. Bon da ab nimmt 
die japaniihe Einwanderung einen immer größeren, ſchließlich bis in die Yebntaufende 
fteigenden Umfang an, der erit infolge der amerilanifhen Einwanderungsgefeggebung im 
Jahre 1907 zum Steben gebracht wurde. 


Die Dereinigten Staaten von Amerika und Japan 3 


— 


geſchätzten chineſiſchen Kulis fehr willlommen waren. Die raſch anwachſende 
Zahl der japaniſchen Bevöllerung auf Hamwai erregte bald bie Aufmerkſamleit 
der amerilanifchen StaatSmänner und zweifellos ift die Beſorgnis vor einer 
Sapanifierung dieſer Sinfelgruppe ein Grund gewefen, der bei der Annerion 
von Hawai dur die Vereinigten Staaten im Juli 1898 in bebeutendem 
Maße mitgeiprochen hat”). 

Erft nad) der Annerion von Hamai beginnt die Zeit der Maffeneinwanderung 
von Japanern nad) dem amerifanifchen Feftlande, die ſich zunädit faft aus- 
ſchließlich nach Kalifornien wendete, wo die Japaner — das kann wohl kaum 
geleugnet werden — hervorragenden Anteil an der Entwidlung bes in der 
ganzen Welt befannten Talifornifchen Dbft- und Gemüfebaus gehabt haben. 

Alsbald nahm diefe Cinwanderung einen ungeabnten, in den Weſtſtaaten 
der Union wenig erwünichten Umfang an. Die Einwanderungsftatiitil für die 
Jahre 1901 bis 1906 ergab eine Einwanderung von 79000 Japanern, bie 
teils direlt von den japanifchen Inſeln, größtenteild aber auf dem Umwege 
über Hawai nad) den Pereinigten Staaten kamen. Im Jahre 1906/07 ftieg 
die Zahl der japaniſchen Einwanderer fogar auf 30 824**). 

Diefe immer ftärlere Einwanderung des japanifchen Elements und die fich 
ans ihr ergebenden fozialen und wirtichaftliden Folgen erregten immer mehr 
die Beforgnis der Weißen in Kalifornien vor einer Überffwemmung der 
Bazifil-Küfte durch die gelbe Raſſe. Am Jahre 1906 kam die Aftatenfrage 
ſchließlich ins Rollen. Mag auch dem bekannten Schulitreite in San Francisko 
von mander amerikaniſchen Seite jegliche Bedeutung abgeiprochen werben ***), 
er ift doch der erfte Ausbruch des immer ftärler werdenden Rafjegefühls im 
Weſten der Vereinigten Staaten und bamit des Gegenfabes gegen die gelben 
Eindringlinge. Zwar wurde der Schulftreit bald beigelegt; die Bereinigten 
Staaten gaben den Proteiten der japanifchen Regierung gegenüber Tlein bei, 
und Präfident Roofevelt erflärte in feiner Botſchaft vom 4. Dezember 1906 bie 
Haltung der kaliforniſchen Behörden in diefer Frage für den Verträgen zwiſchen 
der Union und Japan widerſprechend. Aber an eine endgültige Beilegung ber 
japanifhen Frage war nicht im entfernteiten zu denken. 

Die geſetzgebenden Körperfchaften gaben dem Drängen ber Weftftaaten in 
Waſhington fhlieklih nad, und das Gefeh vom März 1907 brachte eine be- 
deutende Einſchränkung der Einwanderung gelber Arbeiter. Durch gleichzeitige 


*) Bergleihe Eoolidge: a. a. O., Seite 838. 

”*) Vergleihe Rathgen: „Die Japaner in der Weltwirtſchaft,“ Seite 126. 

+0) Bergleiche zum Beifpiel Starr Sordan: „Relations of Japan and the United States“ 
(bei Blateslee, a. a. D.) Seite 6. — Wenn Reini a. a. DO. Seite 191 meint, daß weder 
für die 1. S. U. noch für Japan eine Frage vorlag, deren Wichtigkeit einen Krieg möglich 
gemadt haben könnte, fo können wir ihm darin allerdings beiftimmen. Darum ift aber dieſe 
Frage nicht weniger bedeutfam und wichtig für die Beurteilung der ganzen amerikaniſch⸗ 
japaniſchen Frage. 


40 Die Dereinigten Staaten von Amerifa und Japan 





diplomatiſche Unterhandlungen zwiſchen Wafhington und Tokio wurde erreicht, 
daß die japanifhe Regierung — wenn auch nur widermillig — ſich bereit 
erflärte, das Ihrige zur Regelung der Aftatenfrage beizutragen und die Ab- 
wanderung japaniſcher Arbeiter nach den Vereinigten Staaten nad) Möglichkeit 
zu unterbinden. Die Folge dieſer Maßnahmen war ein ftarfes Sinken ber 
japanifhen Einwanderungsziffer in den folgenden Jahren. Im Sabre 1909 
fant die Zahl der eingewanderten Japaner von 16418 im Vorjahre auf 3275. 
Seit 1911 ift aber wieder ein Iangfames Steigen der Einwanderungsziffer 
bemerfbar, und nad) den neueften vorliegenden offiziellen Berichten betrug bie 
Zahl der japanifhen Einwanderer im Jahre 1918 ſchon wieder 8302*). 

Gleichzeitig wuchs aber auch die anti-japanifche Bewegung in Kalifornien, 
bie troß der friedlihen Bellegung des Konflilts im Jahre 1906 nicht ver- 
fhwunden war. Dies trat veutlih in dem mit feltener Einftimmigfeit von 
den gejeggebenden Körperſchaften Kaliforniens angenommenen Geſetz von 1913 
zutage, weldhes allen Ausländern, bie nicht die amerikaniſche Staatsangehörigfeit 
erlangen lönnen, den Erwerb und die Übertragung von Grund und Boden im 
Staate Kalifornien verbietet”*”). 

Zroß der perjönliden Bemühungen des Präfidenten Wilfon, biefen neuen 
Konfliktftoff zu befeitigen, ift eine Löfung diefer Landfrage noch nicht geglüdt. 
Daß dieſes Gejeb fih in erfter Linie gegen Japan richtet, geht aus feiner 
Faſſung deutlich hervor und ift auch von den Yapanern in diefem Sinne auf- 
gefaßt worden”). Wenn fi au nur ein Prozent von allem bebauten Boden 
von Kalifornien in japanifchen Händen befindet, fo läßt doch das Anwachſen 
des japaniſchen Befites in Kalifornien von etwa 14000 Acres im Jahre 1907 


*) Vergleiche Hierzu die Tabelle der japanifhen Cinwanderung im „Immigration 
Bulletin for March 1914“ (U. S. Departement of Labor): 


OT: mu ie Da ee a a a 80824 
LOB" 3,00. 26: a a a ee ec 16418 
LUD a u a a 8275 
OD: 25, 10: car 2798 
Ol 0a 08 28.0 ra 4575 
JOD 5: 0 Sa 6172 
BON: 5; ur 00. 8802 


Hierbei find aber nur die mit Negierungspäfien verjehenen Einwanderer gezählt, 
während zweifellos zahlreiche Arbeiter ohne ben erforderlihen Pak über Kanada und Mexiko 
in die Union gelangen. 

Ein gleihe® Anwachſen macht fi bei der chineſiſchen Einwanderung bemerkbar, die 
im Sabre 1907 bis auf 770 gefallen war. Im Jahre 1918 betrug die Einwanderung bereits 
wieder 2022 Chineſen. 

**), Bekanntlich Tönnen nad ber Berfaflung der U. S. A. nur Weiße, Schwarze und 
Mote daB amerilanifhe Bürgerrecht eriverben. 

»**) Vergleiche Iyenaga: „The relations of the United States with China and Japan“ 
(in „The Annals of the American Academy of Political and Social Science“, Juli 1914) 
Seite 267. 


Die Dereinigten Staaten von Amerika und Japan 41 


auf 26571 Acres im Jahre 1912*) auf ein rafches Steigen dieſes Prozent- 
fages fchließen, wenn dem weiteren Erwerb von Grund und Boden durch bie 
fparfamen und fleißigen Japaner nicht entgegengetreten wird. 

Welches find nun die Gründe für diefe Abneigung der Amerilaner gegen 
bie japanifde Einwanderung? | 

Zweifellos ſpricht auch bei diefer Abneigung gegen die Einwanderung ein 
wirtſchaftlicher Faktor mit**); er tft aber feineswegs der maßgebende wie in ber 
oben bebandelten Frage bezüglich der Integrität Chinas und ber „Offenen 
Tür” im Fernen Dften. Der Fleiß der japaniihen Cinwanderer, ihre Spar- 
famfeit und die Genügfamleit in ihren Lebensbedingungen, die hieraus fich 
ergebende Möglichkeit, für weit geringeren Lohn zu arbeiten, als dies der weiße 
Arbeiter zu tun imftande tft, alle diefe Yaltoren mögen zur Berftärlung und 
Bertiefung des Hafjes gegen die gelben Einwanderer beigetragen haben, ber 
Hauptgrund, der auch wirkſam bliebe, wenn alle fonitigen wirtſchaftlichen und 
ſozialen Gegenfäge fortfielen, ift die in den Norbamerilanern tief eingewurzelte 
Abneigung gegen die farbigen Naffen. Es wird wohl heute von niemandem 
mehr beftritten werben können, „daß es nicht ſowohl Vernunftsgrände find, 
die den Japanerhaß in Nordamerila erzeugt haben, als ein in den Tiefen des 
Sefühls veranterter, unbelehrbarer, ſchwer zähmbarer Raffenhaß“ **”). 

Diefer Haß bat feinen Hauptgrund in der Affimilationsunfähigleit der 
gelben Raſſe. Während fi die Einwanderer aus Europa mehr oder weniger ' 
ſchnell affimilieren und im amerikaniſchen Volle aufgeben, fcheint eine Affimilation 
der Aftaten mit den Weißen in Nordamerila unmöglid. Der gelbe Einwanderer, 
und insbefondere der Japaner, wird ftet3 feinen Nationalcharakter und die ihm 
von Kindheit an eingeimpften Traditionen beibehalten, und er wird aus dieſem 
Stunde immer einen fremden Beftanbteil in ber Bevöllerung bilden. 

GSelbftverftändlich ift diefer Haß dort am ftärkiten, mo man am meiften 
mit der gelben Raſſe zu tun bat, das beißt im Weften der Union, und von 
hier aus werden alle Hebel in Bewegung gejest, um die Bundesregierung zu 
einer endgültigen Regelung der Aftatenfrage zu veranlaffen, das heißt zu einem 
wirffamen und vollftändigen Ausfchluß der gelben Raſſe. Denn nur hiermit 
glaubt der Weftftantler fich zufrieden geben zu Tönnen, da in feinen Augen bie 
japaniiden Einwanderer „eine immer drohende Gefahr“ für die weiße Be 
völferung in den Weftftanten find, mögen fie nun in großen Maſſen binüber- 
kommen oder nur einzeln und in geringer Anzabl}). Für weniger drohend wirb 


*) Bergleihe Schulge- Grokborftel: „Die Yapanerfrage in den Vereinigten Staaten 
bon Rordamerita.”. 

"*) Rathgen, a. a. O. ſcheint dem wirtichaftlihen Faltor eine allzugroße Bedeutung bei⸗ 
zumeſſen, wenn er (Seite 125) die wiritſchaftlichen Gegenſätze als den „tatſächlichen Unter⸗ 
grund“ für die antijapanifhen Stimmungen in der pazifiihen Welthälfte bezeichnet. 

0) Bergleihe Schulge-Broßborftell, a.a.D., Eoolidge, a. a. O., Seite 841. 

: +) Vergleiche den Brief des Mitglieds für Kalifornien im Nepräfentantenhaufe E. A. Hayes 
im „Dutloof" vom 14. Yebruar 1914 (Seite 340). 


493 Die Dereinigten Staaten von Amerifa und Japan 


dieſe Frage in den Dftftaaten gehalten, wo man auſcheinend ber Anficht ift, 
fie auf diplomatifdem Wege durch gegenfeitige Zugeltändnifie aus der Welt 
ſchaffen zu können, und hofft, daß fie mit der Zeit an Schärfe verlieren wird. 

Hiergegen fpricht jedoch, wie Profeffor Coolidge in einem im Yrühjahr 1914 
gehaltenen Vortrage über „das Raffenproblem der Vereinigten Staaten“ hervor⸗ 
gehoben bat, die Erfahrung, daß fi, während auf religiöfen und ähnlichen 
Gebieten eine immer größere Duldfamleit eintritt, in allen Völlern die Ab- 
neigung gegen fremde Nafjen immer mehr feſtigt. An ein Abnehmen des 
Hafles gegen die Japaner ift demnad gar nicht zu denfen, vielmehr ſpricht 
alle Wahricheinlichkeit dafür, daß die Abneigung gegen die gelbe Raſſe immer 
tiefere Wurzeln jchlagen und immer allgemeiner werden wird, fo dab Raffen- 
fümpfe keineswegs fo außerhalb jeglicher Möglichkeit Itegen, wie manche 
Amerilaner zu wähnen fcheinen. 

Denn darüber muß man fi doch Mar fein, daß fih die Japanerfrage 
nicht fo einfach enticheiden läßt, wie die Negerfrage, die, da aud fie auf der 
Abneigung gegen eine andersfarbige Raſſe beruht, im Grunde mit dem Problem 
der gelben Einwanderung viel Ähnlichkeit bat. Jeder, der die amerilanijchen 
Berbältniffe auch nur einigermaßen kennt, weiß, daß die Negerfrage noch 
feineswegs aus der Welt gefchafft ift, mögen die Neger auch nad dem Bud)» 
ftaben des Geſetzes den Weißen gleichgeftellt fein. Dies beweiſt am beften bie 
im Süden der Unton herrſchende Feindfeligleit der weißen Einwohner gegen 
ihre ſchwarzen „Mitbürger“, die ihren ſchärfſten Ausdrud findet in der 
zwar gefeßwidrigen, dennodd aber — nolens, volens — gebuldeten Lynch⸗ 
juſtiz. 

Aber in einem ſehr weſentlichen Punkte liegt ein Unterſchied zwiſchen der 
ſchwarzen und gelben Stage. Während um die Behandlung der Neger in den 
Bereinigten Staaten niemand fi große Sorge macht, vielleicht nur dann und 
wann ein allzuzart befaiteter Menſchenfreund feine Stimme erhebt und gegen 
die Unmwürdigleit des Negerhafles für eine fo freiheitliebende Nation wie die 
Amerilaner predigt, fteht Hinter den japanifchen Einwanderern die nicht zu 
unterfhähende Kriegsmacht Japans. Nie und nimmer wird Japan dulden, 
daß feine Söhne in der Union ebenfo behandelt werden wie die Schwarzen, 
und es wird feine ganze Macht einjegen, um Sühne zu verlangen für jegliche 
Verlegung des hohen, vielleicht überipannten japanifhen Ehr⸗ und National- 
gefühls. Schon jet verlangt Japan die Gleichitellung feiner Landesfinder mit 
denen anderer Nationen und fordert, daß den Japanern unter den gleichen 
Bedingungen die Einwanderung gejtattet werde, wie den Angehörigen der weißen 
Raſſe. Ob die Regierung der Vereinigten Staaten biefen an fid) vielleicht 
berechtigten Forderungen nacdhlommen wird, iſt doch noch fehr zu bezweifeln. 
Ohne völlige Gleichſtellung mit der weißen Raſſe wird fich der Japaner aber 
niemals zufrieden geben. Aus politifhen NRüdfichten wird man vielleicht noch 
mandmal in Zolio nachgeben, aber dieſe Forderung wird immer wieder von 


Die Dereinigten Staaten von Amerika und Japan 43 


neuem geftellt und, wenn bie politifche und militärifche Konftellation einmal 
günftig ift, mit aller Energie durchgefeht werden. — 

Ebenfo wie in den Vereinigten Staaten wächſt allmählich auch die anti- 
japantide Stimmung in den englifchen Dominien von Auftralien und Kanada. 
Hierhin hatte fi der Strom der japaniihen Einwanderer gewandt, als ihnen 
die Bereinigten Staaten verichloffen wurden. Aber nad) anfänglicher Vegeifterung 
über die billigen Arbeitskräfte erfolgte auch bier der Umjhwung. Japan war 
alfo wiederum gezwungen, fih nad einem neuen Abjahgebiet für feine über- 
ſchũſſige Bevölterung umzuſehen; denn auf den japanifchen Inſeln ift die Volls⸗ 
jiffer an der Grenze ber Ernährungsmöglichkeit angelangt. Allerdings befinden 
ſich im Hollaido und auf Formoſa menfchenleere Gegenden, die an und für 
fich wohl geeignet wären, für einige Jahre die zur Abwanderung gezwungene 
Bevölkerung ber japanifchen Inſel aufzunehmen, aber die Tatfadhe, daß biefe 
Gebiete trotz jahrzehntelanger Kolonifationsarbeiten noch immer dünn bevöllert 
find, beweiſt am beiten, daß fie für die japaniſche Kolonifation im großen 
Umfange nicht geeignet find, da, wie Rathgen”) ausführt, einerjeits Klima und 
Broduftionsbedingungen ben Japanern nicht zufagen, und da anderſeits der 
landwirtſchaftliche und induftrielle Großbetrieb dort fehlt. 

China ift dicht genug bevölkert und zeigt auch feinerfeitg einen immer 
ftärler werdenden Geburtenüberjchuß, fo daß hier eine Unterbringung der über- 
fhüffigen Bevölferung Japans ausgefchlofien iſt. Korea mag allerdings noch 
für einige Hunderttaufende japanifche Koloniften Plab haben; aber auch bier 
nimmt jebt die eingeborene Bevöllerung an Fruchtbarkeit wieder zu, jo daB es 
unwahrſcheinlich ift, daß diefes Land auf Jahre für eine Kolonifation in 
größerem Maßſtabe in Betracht kommt. 

Neuerdings bat fi daher bie japaniſche Auswanderung nad) dem 
romaniſchen Amerifa gewandt, insbefondere nad) Peru, Chile und Brafilien**), 
wo bie japanifchen Arbeiter auf den großen Kaffeeplantagen bereit in großer 
Anzahl neben den Stalienern arbeiten. Die japanifche Regierung unterſtützt 
diefe Bewegung, indem den nad Südamerifa gehenden Dampferlinien und 
ben betreffenden Ausmwanderergefellichaften Prämien gezahlt werden. Daß dies 
alles nicht nur aus dem Grunde geichieht, den Wünfchen der Regierung in 
Waſhington entgegenzulommen und den Auswandererfttom von der Küſte der 
Bereinigten Staaten abzulenten, liegt Har auf der Hand. 

Zweifellos wird Japan, wenn erjt die Einwanderung lange Zeit genug 
gedauert hat und die japantfchen „Intereſſen“ in Südamerifa groß und wichtig 
genug geworden find, mit feinen imperialiſtiſchen Plänen nicht länger hinter 
dem Berge halten und die Frage der Gründung eines „Shin Nihon“, eines 
„Reuen Japans“ auf amerllanifchem Boden aufmwerfen***). Denn die ſchwachen 

*) Vergleiche Rathgen, a. a. D., Seite 128. 


”®) Bergleihe Grünfeld, „Die japanifhe Auswanderung”, 1913, Seite 114 ff. 
”*) Vergleiche Aubert: „Americains et Japonais“, 1908, Seite 279. 


44 Die Dereinigten Staaten von Amerika und Japan 


füdamerifanifhen Regierungen werben den japaniſchen Forderungen nicht die 
Macht entgegenfegen können wie die Vereinigten Staaten. 

In der Maffeneinwanderung der Japaner nad) Sübamerila liegt nun auch 
eine nicht zu unterfchägende Gefahr für die Vereinigten Staaten. Wie die 
Union den Gebietserwerb durch eine europäiſche Macht in Südamerika ftets 
verhindert bat und jegliden Gelüften europäiſcher Staaten, fi eine der all- 
täglichen Revolutionen oder die chroniſche Geldverlegenheit gewiſſer Staaten zu- 
nuße zu machen und ſich auf fübamerilaniihem Boden feftzufeben, auf das 
entſchiedenſte entgegengetreten ift, ebenjo wird die Unton ihre feit beinahe einem 
Jahrhundert ftreng durchgeführte Politik, wie fie in der Monroe-Doltrin zum 
Ausdrud gelangt ift, auch Japan gegenüber verfolgen. Die Vereinigten Staaten 
werden und möüfjen verhindern, daß die Träume der japanifchen Imperialiften 
von einem „Shin Nihon“ fi in Südamerika verwirllichen, daß Japan 
fihd in Südamerika das für ihn notwendige Kolonifationsgebiet zur Unter⸗ 
bringung und Ernährung feines reichen Menſchenmaterials ſchafft, das ſchon 
heute einen jährlichen Zuwachs von 700000 Seelen zu verzeichnen hat und im 
Zukunft aller Wahrfcheinlichleit nach einen noch größeren jährlichen Zuwachs 
aufweifen wird. Auch hierin liegt aljo die nahe Möglichkeit eine Zufammen- 
ftoße8 zwiſchen den Vereinigten Staaten und Japan; denn derartige Fragen 
laſſen ſich nicht durch Verträge und ſchöne Worte regeln. 

Wir wollen an dieſer Stelle nicht unterſuchen, ob die Gerüchte auf 
Wahrheit beruhen, die des öfteren die Luft durchſchwirrten, daß Japan den 
Anlauf einer Kohlenſtation an der merilanifhen Küſte beabſichtige, und daß 
Japan die indirelte Triebfeder zu den zahlreichen Bürgerkriegen Merilos in 
ben lebten Jahren gewefen ift, um beſſer und leichter im Trüben fiichen zu 
tönnen. Es ſcheint aber fo, als ob man in Wafhington felbft doch nicht fo 
recht an das völlige „Desinteressement“ Japans glaubt, und- aus diejem 
Grunde jet eine endgültige Regelung ber merifanifchen Frage herbeiführen 
will, nit nur etwa, um die großen amertlanifchen Handelsinterefien im ſüdlichen 
Nachbarſtaate zu ſchützen und zu fördern, fondern zweifellos auch, um dort eine 
Regierung einzufegen, die den wohlwmollenden Fingerzeigen des „großen Bruders” 
in Waſhington Folge leitet, und die imftande und gemillt ift, jeglichen Gelüften 
anderer Staaten auf mexikaniſches Gebiet mit aller Macht entgegenzutreten. 

Erſt kürzlich erllärte der Senator von Illinois, Lewis, in Waſhington, 
daß wegen der merilanifchen Frage ein Krieg zwilchen ben Vereinigten Staaten 
und Japan vor der Zür ftehe und bei ber weiteren Verfolgung ber amerilaniſchen 
Politik Merilo gegenüber zum Ausbruch kommen müfle Wir glauben jedoch 
nicht, daß die merilanifhe Frage — jest wenigſtens noch nicht — der Funle 
fein wird, der das amerilanifdh-japanifche Pulverfaß zur Erplofion bringen 
wird. Die Äußerung des Senator8 beweift jedoch, daß man auch in den mehr 
öftliden Staaten der Union an einen „ewigen Frieden“ mit Japan nicht mehr 
fo recht glaubt. 


Die Dereinigten Staaten von Amerifa und Japan 45 


III. 

Wir glauben gezeigt zu haben, daß die beiden oben behandelten Fragen 
von größter Bedeutung ſein werden für die künftige Geſtaltung der Beziehungen 
zwiſchen den Vereinigten Staaten und Japan. Aber dieſe beiden Fragen 
bilden nur gleichſam die Eckpfeiler des weit größeren Problems, das wir hier 
in aller Kürze ſtreifen wollen, nämlich der Frage: ſoll die weiße oder die gelbe 
Rafſe im Stillen Dzean die Vorherrſchaft haben? 

Bedeutende amerilantihe Gelehrte, mie ‘Münfterberg*) und Coolidge**) 
baben dieſen Kampf um die Vorherrſchaft im Stillen Ozean als leere Nedensart 
bezeichnet, die eigentli gar nicht bedeute. Hierbei fcheint ung aber ber 
Wunſch ber Vater des Gedankens zu fein, denn man wird in Amerila kaum 
die Augen verfchliegen können vor den Tatſachen, die — befonder in den 
legten Jahren — eine allzudeutliche Sprache fpreden. Gibt doch Eoolidge***) 
jelbft zu, daß der Stille Ozean für die Vereinigten Staaten von außerordent- 
licher Wichtigfeit ift, und daß „iährlih . . . die dortigen Begebenheiten für 
das amerikaniſche Volt wichtiger” werben. Kurz darauf ftellt er dann feit: 
„Für Yapan bedeutet aber das Stille Meer Anfang und Ende feiner Politik.” 
Gewiß: „Raum für alle hat die Erde;“ aber glaubt denn Coolidge wirklich, 
daß ein friedliches Nebeneinanderarbeiten der beiden imperialiftifhe Tendenzen 
verfolgenden Weltmädhte im Stillen Ozean auf die Dauer möglich fein wird? 
Wohl faum; denn die neueſten Ereigniffe der Weltgeichichte Iehren — wenn 
es die Vergangenheit nit ſchon zur Genüge bemiefen haben follte —, daß 
auch der friedliche Wettbewerb zweier Völker auf dem Yelde des MWeltmarltes 
feine fchlieglihe Löfung im Kampfe mit den Waffen findet. Denn, wie das 
Sprichwort jagt: „Wo der Bäder wohnt, Tann der Schneider nicht wohnen,” und 
wie im Leben des einzelnen, fo tft e8 auch im Leben der Völker. Einer von 
beiden muß fchließlih weichen. Seine emporjtrebende, Träftige Nation aber — 
und als folde kann man doch beide, die Vereinigten Staaten fomohl wie 
Sapan, bezeichnen — wird freiwillig den Kampfplatz verlaffen, mag fie auch 
noch fo friedliebend fein, wenn fie weiß, daß die Behauptung des Feldes für 
fie ein Lebensintereffe tft. 

Der Kauf von Alasta (1868), die Annerion von Hawai (1898), der 
Erwerb der Philippinen und der Inſel Guam in den Mariannen (im Frieden 
von Paris 1898), die Erwerbung der Inſel Tutuila in der Samoa- Gruppe 
duch Vertrag mit Deutſchland und Großbritannien (1899), ſowie nicht zum 
wenigften das Rieſenwerk des PBanamalanals beweiſen zur Genüge das Intereſſe 
der Bereinigten Staaten im Stillen Dzean. 

Schon der Staatsfelretär William H. Seward, dem auch das Hauptverdienft 
an ber Erwerbung Alasfas gebührt, hat in den fechziger Jahren darauf Bin- 


*) Münfterberg: „Die Amerifaner,” 1912, Band I, Seite 345. 
»9) Coolidge: a. a. D., Seite 854. 
95) Goolidge: a. a. D., Seite 328. 


46 Die Dereinigten Staaten von Umerifa und Japan 


gewieſen, daß der Stille Dzean mit feinen Küften und Inſeln der Schauplag 
fein wird, auf dem ſich die großen Ereigniffe des zwanzigften Jahrhunderts 
abfpielen werben; und wenn nicht alle Erfahrungen trügen, ſcheinen die Nord⸗ 
amerilaner auf diefem Schauplage der Weltgefhichte die Hauptrolle ſpielen zu 
wollen”). 

Aber au Japan hat fein „maritimes und pazifiſches Programm”, das 
fein „Shin Nihon“ durch „den Zug nad) Süden”, das beißt nad) den Inſeln 
und Inſelchen des Stillen Dzeans zu finden fucht**). Der frühere japanifche 
Minister Baron Kanelo***) hat unummunden erflärt: „Wir befigen .... alle 
möglichen Eigenfhaften, um unfer Land zu einer großen Nation zu erheben 
und uns das kommerzielle Übergewicht auf dem Stillen Dgean und dem 
afiatiſchen Feftlande zu fihern.” In diefer Erflärung Tommen die Ziele bes 
japanifchen Imperialismus Har zum Ausdruck: es tft die wirtfchaftlicde Durch⸗ 
dringung — die zur Genüge befannte „Penetration pacifique* — Chinas 
und-des Stillen Dzean als Vorbereitung für die fpätere politifhe. Denn diefe 
ift, wie Chamberlain in den achtziger Jahren einmal hinfichtlich Kanadas 
Stellung zu den Vereinigten Staaten gejagt hat, die regelmäßige, früher oder 
ipäter eintretende Yolge der wirtſchaftlichen Durchdringung. 

Hier im Stillen Ozean freuzen fi die — fagen wir zunächit, wirtichaft- 
lichen Intereſſen der Vereinigten Staaten und Japans, bier Liegt der Punkt, 
wo bie imperialiftifhen QTendenzen der beiden Staaten zufammenftoßen müſſen, 
wenn feine von ihnen ihre transpazifiiden Träume aufgibt}). 

Die Gefahr eines Kampfes um den Stillen Dzean läßt ſich alſo nicht 
binwegleugnen, mag man auch noch fo oft erklären, daß der Große Ozean 
genügend Raum biete für die wirtfchaftlihde Entwidlung aller Nationen und 
nicht einer einzigen Nation gehören fönnefr). — 

Wie wird fih nun dieſes Verhältnis zwifchen den Vereinigten Staaten 
und Japan nad) dem Weltfriege geftalten? Welche Wirkungen wird die Zeil. 
nahme der gelben Weltmadt an diefem Kriege auf die oben behandelten 
Tragen ausüben? 

Auf eine Befferung der Beziehungen ift mohl kaum zu rechnen; viel eher 
werben die verjchievenen Gegenfähe zwiſchen den beiden Staaten noch ſtärker 
werden. 

Wir haben bereits auf die Eroberung von Kiautſchau bingemwiefen, ſowie 
auf die vorausfihtli dauernde Feſtſetzung Japans in der Provinz Schantung. 
Wie fi) die Verhältnifie beim Friedensſchluß geftalten werden, weiß heute Tein 


*) Bergleihe Daenell: Geſchichte der Vereinigten Staaten von Amerila, Seite 168. 
**) Vergleiche Kiellen: „Die Großmächte der Gegenwart”, 1914, Seite 196. 
»*) Sanelo: „DOrganifation eines Tonftitutionellen Staates” (in Stead: „Unfer Baterland 
Japan“, 1904), Seite 28. 
+) Vergleiche Aubert: a. a. O., Seite 288 — vergleiche auch Kjellen: a. a. O., Seite 196. 
tr) Vergleihe Eoolidge: a. a. O., Seite 814. 


Die Dereinigten Staaten von Amerika und Japan 47 


Menſch; nur foviel fann man wohl mit Beftimmtheit vorausfagen, daß auch 
Japan auf dem Friedenskongreſſe feine Rechnung präfentieren und feine Anſprüche 
zum Zeil wenigſtens auch durchſetzen wird. Zu diefen wird aber in erfter 
Linie die Abtretung von Kiautichau oder, falls dieſes — wie wir hoffen — 
an Deutſchland zurüdgegeben wird, bie Überlaffung irgendeineg anderen 
Stüdes von China gehören. Der hierdurch entitehenden Gefahren für China 
und ber notwenbigerweife aus der Belebung folgenden Gefährbung der 
amerilanifhen Intereſſen ift bereitS oben gedacht worden. 

Daß die Einwanderungsfrage nah dem Kriege leichter zu löſen fein wird, 
läßt ih mit Fug und Recht bezweifeln. Dur den fchändlichen Berrat 
Englands an der weißen Raſſe und durch die dringenden Hilferufe um Japans 
Unterſtützung auf den europätichen Schlachtfeldern von feiten der Verbündeten 
wird das ſchon ohnehin ftarfe Selbftbewußtfein und Nationalgefühl der Japaner 
in bedeutendem Maße noch erhöht werden. Die Folgen der ErfenntniS von 
den Schwächen der weißen Raffe werden aber auch in der Haltung Japans 
in ber Einwandererfrage den Bereinigten Staaten gegenüber bald zutage 
treten.” Mit größerer Schärfe wird die japaniiche Regierung nad) dem Striege 
die Bleichftellung der japaniſchen Einwanderer mit denen anderer Länder fordern 
und nicht ruhen, bis dem durch die Zurückſetzung aufs tieffte verlegten japanijchen 
Stolze volle Genugtuung verſchafft tft. 

Wie wollen die Amerikaner die Naflenfrage dann Iöfen? Weber ein 
internationale8 Schiedsgericht noch ein nationaler Gerichtshof trgendeines 
Landes ift imftande, eine derartige Frage zu löfen, wenn zwei große und 
mächtige Staaten als Vertreter der beiden Raſſen auftreten. 

Bon ganz befonderer Bedeutung aber ift die Beſetzung ber deutſchen 
Sübdfeeinfeln Dur) die Japaner. Durch die Beſetzung der Mariannen, Karolinen- 
md Marſchall⸗Inſeln ift Japan Amerika bedeutend näher gerüdt, näber, als 
es den Amerilanern lieb fein Tann. Zugleich aber tft es die erfte Feſtſetzung 
ber gelben Weltmacht in der Südfee, die erfte Etappe auf dem Wege nad) 
dem amerikaniſchen Erbteil. 

Die fich bieraus für die Vereinigten Staaten ergebenden Gefahren ſcheint 
man aud in Waſhington allmählich) einzufehen und richtiger einzufchägen, als 
bies bisher der Yall war. 

Bis in die neuefte Zeit glaubte man fi vor Japan ziemlich fiher. Man 
wies auf die alte Yreundichaft ber beiden Länder hin, auf die engen Handel3- 
beziehungen und vor allem auf die Dankbarkeit, die die Japaner ihren Xebrern, 
den Amerilanern fchuldeten. Alljährlich kämen hunderte japaniſcher Studenten 
na den Bereinigten Staaten, um an den dortigen Univerfitäten und Schulen 
amerikaniſche Wiſſenſchaft und amerilanifchen Geiſt in fi) aufzunehmen. Auch 
erwähnt man mit Vorliebe die Feitreden großer japanifcher Perfönlichleiten auf 
Kongrefien und Banletten, die man in der Union ihnen zu Ehren veranitaltete. 
Dana ſcheint e8 allerdings, als ob es Heine befferen Freunde geben 


48 Die Dereinigten Staaten von Amerika und Japan 





— ⸗ 


könne als die Vereinigten Staaten und Japan. Aber die Medaille hat auch 
eine Kehrſeite. | nn = 

Mit der traditionellen Freundfchaft ift es nicht mehr fo weit her, al$ man 
fih gerne glauben machen möchte. Sie hat einen tiefen Riß erhalten, einen 
Nik, der nicht befeitigt werden fonnte, obwohl bereitS ein Jahrzehnt feitdem 
verfloffen if. Dies geihah durch die Haltung Amerilas bei den Friedens⸗ 
verhandlungen in Portsmouth im Jahre 1905. Mögen die japaniihen An- 
ſchuldigungen, daß die Vereinigten Staaten das japanifhe Voll um die mit 
Sicherheit erwartete ruſſiſche Kriegsentfhädigung gebracht haben, wahr jein ober 
nicht, jedenfalls ift e8 Tatfache, daß feit jenen Tagen in den amerilanifch-japanijchen 
Beziehungen eine ftarle Trübung berrfcht, Über die man ſich trob Banketten und 
Berbrüderungsfeften nicht hinwegtäuſchen Tann. 

In diefem Punkte befteht eine gewiffe Ähnlichkeit mit dem Verhältnis 
Japans zu Rußland und Deutſchland. Auch in den freundfchaftlichen Beziehungen 
zu diefen Ländern hat ihr Eingreifen auf dem Friedensſchluſſe von Shimonofelfi 
1895 eine Wendung zum fchlechten zur Folge gehabt: mit Rußland hat Japan 
1904/05 abgerechnet, an Deutſchland hat es fi 1914/15 durch die Teilnahme, 
am Weltfriege gerät. Auch der Tag der Abrechnung mit den Bereintgten 
Staaten für ihre Intervention im Jahre 1905 wird kommen, vielleicht, um bie 
Feſtſtellung NiegelSbergers*) zu vervollitändigen, daß Japan - in der lebten 
Zeit alle zehn Jahre einen Krieg führt, im Jahre 1924/25. 

Wie lange es noch gelingt, die endgültige Löſung binauszufchieben, ift 
natürlip nicht Tvorauszufagen; es können zehn, dreißig, fünfzig und mehr 
Fahre darüber ins Land geben, e8 kann aber ebenfogut bereit8 in der nächiten 
Zeit zur Entiheidung kommen. Vorausſichtlich aber wird ein wirtfchaftlicher 
Kampf zwiſchen den Vereinigten Staaten und Japan vorausgeben, der jchlieklich 
— ähnlich dem deutſch⸗engliſchen Konkurrenzkampfe — zum politiihen Konflikt 
ausreifen wird. Wenn die Zeit dann reif ift, werden fi genügend Gründe 
finden, die den Bruch herbeiführen; an Kriegsvormänden hat es in der Welt. 
geſchichte ja noch niemals gefehlt. 

jedenfalls wird dieſer Krieg früher oder fpäter ausbredhen, denn die 
amerilanifh-japaniiche Frage bildet — wie wir in kurzen Umrifjen gezeigt zu 
haben glauben — gleichſam einen gordiſchen Sinoten, der nur durch das 
Schwert gelöft werden kann. Ob der „Alexander“, der diefen Knoten löſen 
wird, ein Amerilaner oder ein Japaner fein wird, ift natärli heute 
noch völlig ungewiß. Zweifellos find die Amerifaner ein ſehr friedliebendes 
Boll, und ihre DVerdienfte um da8 Werl der Haager Konferenzen find 
zur Genüge befannt. Aber „es Tann Fein Menſch im Frieden leben, wenn 
e8 dem böfen Nachbar nicht gefällt“. Die Wahrheit dieſes Sprich⸗ 
wortes werben aud bie Amerilaner bald erkennen, und fie werben Teinen 


”) Riegelsberger: a. a. D., Seite 85. 


Die Dereinigten Staaten von Amerifa und Japan 49 


Augenblid zögern, wenn ein anderer Ausweg nicht mehr vorhanden ft, ihre 
Intereſſen mit dem Schwerte in der Hand aufs Außerfte zu verteidigen; denn 
noch iſt die Friedensliebe der Amerikaner nicht zur „Friedenskrankheit“ aus⸗ 
geartet, und fie wiflen wohl, daß es für ein Boll nichts Schlimmeres und 
Gefährlicheres gibt, als „peace-at-any-price-men“ zu fein, wie dies Roofevelt 
einmal ausgedrüdt hat, das heißt den Frieden zu erhalten, jelbft wenn das 
Land darüber zugrunde zu gehen droßt. 

Die eifrigen Rüftungen zu Lande und zu Waſſer, die jebt ins Werl geſetzt 
werden, lafien erfennen, daß bie Vereinigten Staaten bereit find, ihre Intereſſen 
gegebenenfalls mit den Waffen zu verteidigen. Daß dieſe Vorberetiungen in 
eriter Linie gegen ben Nachbarn jenſeits des Stillen Dzeans gerichtet find, 
geht aus den Kommiffionsreden in den gejeßgebenden Körperichaften, ſowie 
aus den zahlreichen Zeitungs. und Zeitfchriftenartifeln hervorragender Männer 
über die Rüftungsfrage hervor. Sie alle ftimmen darin überein, daß der von 
Deutihland ſtets durchgeführte Grundſatz allein richtig fe: 


„Si vis pacem, para bellum.“ 





Grenzbsten 11 1915 4 


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ST a SAL 
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Unſere nächſte Handelspolitik 


‘Don Dr. Hugo Boͤttger, M. d. R. 


wei Strömungen werben nach dem Kriege in den großen Handels⸗ 
ftaaten, die durchweg unmittelbar oder mittelbar ſtark an den 
Kriegsmwirren beteiligt find, gegeneinander kämpfen: die aus 
maßlofer Verbitterung geborene Boylottbewegung, der Verſuch fich 
von Erzeugniffen aus den bisher feindlichen Staaten unabhängig 
zu machen und das mindeftens ebenfo ftarke Bedürfnis der Großmaͤchte, ſich 
nach der finanziellen Blutabzapfung wieder zu erholen und Handel und Wandel 
mindeftens in denfelben Zuftand wie vor dem Kriege zurüdzubringen, wenn 
mögli noch das Gefchäft zu heben. Dazu gehört aber außer dem Wieder- 
aufbau des Binnenmarktes auch die Belebung des Abſatzes nad) fremden 
Ländern. Mag auch einige Zeit darüber hinweggehen, beide Strömungen 
werden fi) doch ausgleichen müffen, und die Nationen werden einfehen, daß 
auf die Dauer der Zorn ein ſehr mangelhafter Berater if. Was unfere 
Handels- und Wirtſchaftsverhältniſſe angeht, fo find bei ihrer Eigenart einer 
jeden gegen uns gerichteten Boylottbemegung enge Grenzen gezogen. Es iſt 
der Vorteil und der Nachteil unferer Ausfuhr, daß fie nad einer großen Zahl 
von Ländern geht und in viele Hunderte von Handelsartikel zerfällt. Da wird 
dem Boykott von vielen Seiten ſchon die Arbeit ſehr ſchwer gemadt. Wir 
dürfen alfo in diefer Hinſicht ziemlich unbeforgt in die Zukunft fehen. 

Der große Weltkrieg fiel mitten in die Vorbereitungen zu den neuen 
Handelsverträgen binein. Mit Schluß dieſer Legislaturperiode mußte auch 
eigentlid die parlamentarifde Arbeit für diefen Gegenftand beginnen, da bie 
HandelSverträge im Sabre 1918 ablaufen follten. Inzwiſchen haben fie ja 
größtenteils ihre Wirkſamkeit verloren. Man wird fih der Verhandlungen im 
Neichstage im Januar vorigen Jahres entiinnen. Der Staatsfetretär- des 
Innern hatte erflärt, die verbündeten Regierungen wollten feinen Vertrag 
fündigen und fie hätten auch nicht die Abficht, eine Novelle zum Zolltarif von 
1903 bherauszubringen. Das wurde von der maßgebenden Induſtrie nicht 
ohne Bewegung aufgenommen. Die mit uns lonlurrierenden Staaten hätten 
eine erheblich ſtärlere Stampffreudigleit an den Tag gelegt und es könnte 





Unfere näcfte Handelspolitif 51 


zweifelhaft erfcheinen, ob bei dem von der Regierung angebeuteten beſcheidenem 
Maß von Borbereitungen unfere Intereſſen wirklich ausreichend wahrgenommen 
werden Tönnten. Es müßte bejonderd beachtet werden, daß die Langfriftigkeit 
unferer Hanbelspolitif, die ein befonderes wertvolles Stück darftellte, in Gefahr 
gebracht werden würde, falls die Gegenparteien, wozu fie berechtigt fein würden, 
jeden Handelövertrag immer nur auf ein weiteres Jahr in Gültigkeit beftehen laſſen 
molten. Das würde zu bedenklihen Konjunkturſchwankungen und Unficher- 
beiten fonftiger Art führen. Um unferen handelspolififchen Htmmel nicht wolfenlos 
eriheinen zu laſſen, kam auch noch die ruffiihe Drohung hinzn, die unfer 
Einfuhrſcheinſyſtem mit der Sperrung der ruffiihen Wanderarbeiter beantworten 
wollte. Man bat aber diefer Drohung eine übermäßige Bedeutung nicht bei- 
gelegt, weil das geringe Duantum von Roggen, das mit Hilfe der Einfuhr- 
heine nad Rußland ausgeführt wird, in feinem Verhältnis zu der gewaltigen 
Maſſe von landwirtſchaftlichen Erzeugnifien fteht (über 900 Millionen Marf), 
melde wir aus Rußland jährlich bezogen haben. Auch das bandelspolitifche 
Berhältnis zu den Vereinigten Staaten war in hohem Maße verbefferungsbe- 
dürftig und fchliegli bot auch die Neuregelung der Handelsbeziehungen zu 
Ofterreih-Ungarn einige Schwierigfeiten, was diejenigen Leute bei uns nicht 
überfehen follten, welche ziemlich leichthin von der mitteleuropätichen Zollunton 
ſprechen. Durch alle diefe Vorarbeiten ift, wie gejagt, vorläufig ein Strich gemacht 
worden. Die Weltgefhichte hat id mit anderen großen Aufgaben befaßt. 

immerhin ftehen wir auch gerade infolge des Kriege vorausfihtlih vor 
großen bandelspolitiiden Umgeftaltungen, ganz glei, ob Deutichland auf der 
ganzen Linie den Frieden diltieren fann oder zu weitgehenden Kompromiſſen 
feine Hilfe nehmen muß. Da werden zunächit bei Friedensſchluß unfere Handels⸗ 
beziehungen zu unferen Feinden gründlich erneuert werben. Es tft Doch gerade 
die Eigenart diefes Krieges, dat an ihm außer den Vereinigten Staaten und 
den Niederlanden alle großen Handelsmächte beteiligt find. Der Außenhandel 
der am Striege beteiligten Mächte umfaßt einen Gefamtwert von rund 
80 Milliarden Marl, während auf alle übrigen Staaten rund 30 Milliarden 
fommen, wovon der Xömenanteil mit annähernd 18 Milliarden auf die Unton 
fält. Man fagt alfo nicht zu viel, wenn man diefen Weltfrieg als das große 
Ringen der Handelsmächte miteinander bezeichnet. Die treibende Kraft der 
Kriegswirren, Großbritannien, geht ja auch auf nichts anderes hinaus, als auf 
Bernihtung und Ausfchaltung des deutſchen Wettbewerbs. Demgemäß wird, 
wie die riedensverhandlungen überhaupt, die Neugeftaltung der Handels- 
polttit ein fehr fehwierige8 und langwierige Kapitel bilden. Und wenn wir 
daher nicht mit ſehr Haren und möglichſt einfachen Yorderungen auf den 
Plan treten, fo wird der Wunſch unjerer Feinde, die Friedensverhandlungen 
moͤglichſt in die Länge zu ziehen, leicht in Erfüllung geben können. 

Die Zeit ift noch nicht gefommen, alle Einzelforderungen in ber Dffent- 
lichkeit zu beſprechen. Es muß dabei unferen großen Wirtihaftsorganifationen 

4* 


52 Unſere nachſte Handelspolitik 


der Vortritt gelaſſen werden. Aber man darf es ausſprechen, daß im zukünf⸗ 
tigen Friedensvertrage ein engerer Zuſammenſchluß mit dem einen oder anderen 
uns befreundeten Staate nicht außer Betracht bleiben kann. Man wird im 
übrigen an den bewährten Grundſätzen der Meiſtbegünſtigung feſthalten, aber 
derart, daß wir befugt bleiben, unferen Bundesgenoſſen ſowie den im Kriege 
neutral gebliebenen europäiſchen Staaten Borzugsbedingungen einzuräumen. 
Es wird auch bereits in Betracht gezogen, einen Unterſchied der Zollſätze für 
die Waren, die auf der Land» oder Seefeite eingehen, einzuführen, und 
zwar die Landfeiten zu begünftigen, was zugleich einen Ausgleich der Unter- 
ſchiede der Zransportloften ermöglidden würde. Mit Frankreich, mit dem uns 
bisher die glatte Meiftbegünftigung verband, wird ein Zarifvertrag anzuftreben 
fein. Schließlich ift dafür Sorge zu tragen, daß im Eiſenbahnverkehr in unferen 
Nachbarſtaaten im Dften und Weiten keine Beftimmungen mehr Gültigkeit haben 
dürfen, welche geeignet find, die Zollabmachungen aufzuheben oder zu durch⸗ 
freugen. Die Unterfheidungen der Transportloften für die vertragsichließenden 
Nahbarftaaten müßten aljo wegfallen. Sehr erftrebenswert ift, daß die Politik 
ber offenen Tür für alle Solonialgebiete, namentlih auch für die engliſchen 
Kolonten, weiteftgehende Anwendung findet. 

Wenn man fi und anderen in der deutſchen Lffentlichleit große Be— 
I&hränktungen bei der Erörterung der Kriegsziele auferlegte, fo geſchah es viel- 
fa unter der ſtillſchweigenden Vorausfehung, daß dur allzumeitgehende 
Forderungen nad) neuem Landbefi die Zukunft unferer Handelspolitik und 
damit da8 Gedeihen unferer Induſtrie und die Beichäftigung unferer Arbeiter 
in Frage geftellt werben könnte. Man kann aus anderen Gründen für Zu- 
rüdhaltung eintreten. Unfere zufünftige Handelspolitik ift gewiß nicht völlig 
unabhängig von der Neugeftaltung der Landgrenzen, aber fie ift auch Teines- 
wegs davon beberrfht. Was wäre wohl aus der Eroberungspolitif fo großer 
Handelsmädte wie Großbritannien und der Vereinigten Staaten geworben, 
wenn fie ihre Erpanfionsbeitrebungen von den NRüdfichten auf die weitere Ent- 
widlung ihres Handelsverlehrs abhängig gemacht hätten. Beide find rüdfichts- 
108 vorangeſchritten und wir ſehen, daß auch eine Fleinere Handelsmadt, wie 
etwa Japan, ſich feine Schranken auferlegen läßt und frobgemut einer größeren 
Zukunft entgegengeht. Mag auch der deutſche Erport feine Eigenarten haben, 
was nie aus dem Auge gelaffen worden ift, im großen und ganzen ijt doch 
richtig, daß wir e8 ebenfo halten können wie die anderen Großmädite. 





Gobineau über Deutfche und Sranzofen 


Don Prof. Dr. £udwig Shemann 
iederholt während des jetigen Krieges gefragt, wie wohl Gobineau 
a 8 zu dieſem und zu uns ſich geſtellt haben würde, und von be- 
on freundeter Seite eindringlich aufgefordert, ihn, wie es mit andern 

EAN Geiftesmäcdtigen wohl gefchehen, als Zeugen für uns heranzu- 
—— ziehen, habe ich ſolchen Anfragen und Aufforderungen gegenüber 
bisher, wenigſtens vor der Offentlichkeit, Zurückhaltung bewahren zu ſollen ge⸗ 
glaubt, hauptſächlich aus dem Grunde, weil ich der Meinung war, Gobineaus 
Verhältnis zu den Deutſchen und zum Deutſchtum in einer Reihe früherer, noch 
dazu in Buchform vorliegender Schriften ſo gründlich, allſeitig und unanfechtbar 
feſtgefſtellt und aus den Quellen belegt zu haben, daß alles weitere über ben 
Gegenftand fortan nur als Wiederholung erfcheinen lönnte*). Wenn ich dennoch 
zu diefem bier nochmals das Wort ergreife, jo gejchieht es, weil gerade neuefter- 
dings von Gobineau allernächſt ftehender Seite verfucht worden ift, die von 
mir begründete und in Deutſchland jetzt allgemein verbreitete Auffaffung anzu- 
fehten, ja in ihrem Kern zu erfchüttern. ch werde unter diefen Umftänden 
nit umhin Tönnen, das Weſentliche meiner früheren Darlegungen nochmals 
furz zufammenzufafien, habe mich aber nunmehr, der Zeit Rechnung tragend, 
entſchloſſen, jene durch ein bedeutfames Neues zu erweitern, das eigentlich feine 
Stelle erft im Schlußbande der Biographie hätte finden follen, im gegenwärtigen 
Augenblid aber duch die vielen intereflanten und fchlagenden Parallelen, die 
e8 an die Hand gibt, noch weit unmittelbarer wirken dürfte: nämlich durch 
Mitteilungen über Gobineaus Erlebniffe während des Krieges 1870/71 und 
vor allem durch die Analyje feiner bisher völlig unbelannten Schrift über 
biejen Srieg. 

Ehe ich aber zu diefen Dingen übergebe, liegt e8 mir ob, den erwähnten 
Verſuch, der Stellung Gobineaus zu unjerem Vaterlande ein von Grund aus 





) Ich vermweife bier in erfter Linie auf die ganz unferem Thema gewibmete Schrift 
„Sobineau und die deutihe Kultur”. Leipzig, Sr. Edardt, 1910. Demnächſt auf den eriten 
Band der Biographie „Sobineau”, Straßburg, Trübner, 1913, nebit dem Beiband „Quellen 
und Unterfuhungen zum Leben Gobineaus”, ebenda 1914. Auch in dem früher erfchienenen 
„Gobineaus NRafienwert, Attenftüde und Betrachtungen“, Stuttgart, Frommann, 1910, findet 
fi manches Beachtenswerte bierfür. 


54 Gobineau über Deutſche und Sranzofen 


anderes, ja umgelebrtes Anfehen zu geben, zurückzuweiſen. Schwer tft bies 
nicht, wenn auch zunächſt der Umftand, daß bie eigene Toter Gobineaus es 
ift, weldde ihren Vater von uns loszureißen unternimmt, deren Worten in den 
Augen Unbelehrter einen gewifien Nimbus verleihen dürfte. 

Jahrelang habe ich mich bei meinen biographifchen und fonftigen Arbeiten 
über Gobineau der mwohlwollendften und nugbringendften Förderung durch bie 
Genannte, Frau Baronin von Guldencrone, zu erfreuen gehabt. Da kam der 
Krieg, der ihr, wie ben meiften nichtdeutſchen Zeitgenofien, nur in der uns 
allen ja befannten Beleuchtung bargeftellt wurbe, und unfere angeblich durch 
die „Zerftörung Löwens“ begangenen Bandalismen boten ihr den Anlaß, ſich 
von dem Geiſteswerke, das vor einundzwanzig Jahren ſich in der Gobinean- 
Bereinigung verlörpert und ſeitdem den Ruhm bes Schöpfers bes Verſuches 
über die Ungleichheit ber Menfchenraflen und ber Renaiffance weithin ausge» 
breitet bat, entrüftet zurüdzuziehen. Jetzt will fie in einem offenen Brief an 
den QTemps*) dartun, daß die enge Verkettung Gobineaus mit Deutſchland 
überhaupt zu Unrecht ftattgefunden habe, nur auf einem Mifverftehen berube; 
daß Gobineau eine fehr geringe Meinung von ben Deutſchen gehabt, und daß 
eine Bewunderung vielmehr England gegolten habe, „woraus ihm das heutige 
Frankreich Leinen Vorwurf werde machen können.“ 

Um letzteren Punkt beiläufig abzutun, fo iſt durchaus zuzugeben, daß 
Gobineau, im Banne feiner anthropologiiden — germanifden — Geſchichts⸗ 
auffaſſung, die Engländer ſehr hoch geſchätzt hat. Das viele Große, das die 
engliſche Geſchichte in jedem Falle einſchließt, hat ihm — und wie vielen mit 
ihm! — vielleicht etwas zu einſeitig, Eindruck gemacht. Wenn es aber in dem 
erwähnten Briefe heißt, er habe in den Angelſachſen „das Ideal der germaniſchen 
Raſſe, deren edeliten und beiterbaltenen Beftandteil“ gefehen, jo ift das ent- 
ſchieden unricätig. Den befterhaltenen, ja! den ebelften, nein! Band IV, Seite 201 
des „Essai sur l'inegalit& des races humaines“ (Deutſche Ausgabe Band 4, 
Seite 199) fagt er gerade umgelehrtt: „Das britiihe Neich ſei weder das 
glänzendfte noch das menſchlichſte noch das edelfte der europäifchen Reiche ge- 
wefen“, und unmittelbar darauf jchränkt er fogar das Prädikat verhältnismäßig 
reinen Germanentums durch Aufzählung vieler entgermanifierender Momente, 
welche ſchon damals, vor ſechzig Jahren, wirlfam waren und feitvem ftetig zu⸗ 
genommen haben, zum mindejten ftark ein. 

Wie wenig blind Gobineau im übrigen für die dunklen Seiten des Briten- 
tums war, Hang ſchon in den foeben zitierten Worten von ferne an. Deut⸗ 
licher erhellt e8 zum Beifpiel aus feiner ſcharfen Beurteilung der Irenpolitik 
Englands (im Wortlaut mitgeteilt „Duellen und Unterſuchungen“ ufw., Band I, 


*) Dieſes franzöfiiche Blatt, das fräher wiederholt Gutes über Gobineau gebracht Hat, 
ift mir zurzeit auß begreifliden Gründen nicht zugänglid. So ift mir aud) der in Frage 
fiehende Brief nur in italienifher Mberfegung (im Marzocco vom 17. Januar), die aber 
einen durchaus zuverläffigen Eindrud macht, bekannt geworden. 


Gobineau über Deutfche und Sranzofen 55 


Seite 177 ff.). Und wie Har er ſich vollends über das Abnorme und für ganz 
Europa Berhängnisvolle eines englifhen Übergemwichtes gewefen ift, lehrt fein ſchon 
im September 1848 geprägtes Wort: „England Tann fi nur dann an der 
Spite der europäifchen Welt befinden, wenn dieſe aus ihren normalen Dafeins- 
bedingungen heraustritt” — ein Wort, das er den europäiſchen Völlern von 
beute noch mehr als denen von damals ind Stammbuch geſchrieben zu haben 
ſcheint, und neben das feine Landsleute das andere, im gleichen Auffate fich findende, 
halten mögen, „man könne e8 al8 Grundfaß, als unmwiberleglidde Marime faflen, 
daß die Intereſſen Frankreichs und Englands nichts gemein hätten.” 

Und follte er gleichwohl In fpäterer Zeit neben ſolchen Erkenntniſſen noch 
Illufionen über den inneren Wert des England feiner Tage gehegt haben, jo 
dürfte fie ihm ein Brief eines feiner näcdjiten Freunde, Lord Lyttons. (Sohnes 
des großen Romandichters Bulwer Lytton und fpäteren Vizekönigs von Indien), 
benommen baben, der ihm angefidhtS des furchtbaren moralifhen Zufammen- 
bruchs Franfreihs im November 1870 fchrieb, „daß England, wenn die Vor⸗ 
fehung ihm eine ähnliche Prüfung auferlegen follte, wie jebt Frankreich, fie 
ebenfo wenig beftehen würde, da auch bei ihm nur die Anarchie im Grunde, 
und Lüge und Feigheit auf der Dberfläche zu finden ſeien“ — eine Weisfagung, 
die ſich heute vor unferen Augen in erfchredender Weife zu erfüllen beginnt. 

Aber genug biervon, und nun zur Hauptfache, zu uns felbit! 

Frau von Buldencrone will des öfteren von ihrem Bater gehört haben, 
daß er „die bdeutfhe Nation als ein heterogene® Gemiſch minderwertiger 
Elemente betraditet babe.“ Für uns fteht e8 natürlich feit, daß dergleichen 
mündlich bingeworfene Äußerungen, bei denen alles auf den Wortlaut anfommt, 
folange nicht die Spur einer Beweistraft haben, als fie nicht in den öffentlichen 
Kundgebungen des betreffenden Autors eine Stüße finden. Man braucht aber 
nur die Haupiftelle des Efjai über Deutichland (T. IV., 172 bis 175, deutſche 
Ausgabe, Band 4, Seite 176 bis 178) anzufehen, um zu erfennen, wie fehr 
bie obige Wendung, gelinde gejagt, an Übertreibung leidet. Als Gobineau 
diefe Stelle niederſchrieb — es war in dem Frankfurt des Bundestages von 
1854, alfo einem Milten, das ohnehin auf alles Deutſche unwillkürlich drüden 
mußte —, ftand er mehr als je wieder in feinem Leben unter dem Einfluß 
einer allbeherrſchenden Doctrin, welche für ihn in der Verherrlichung des Rein⸗ 
germanifchen gipfelte, jo daß er den Mifchgeftaltungen des germanifchen Blutes 
weniger gerecht zu werden vermochte. An dem genannten Drte nun führt er 
aus, daß wir nad) den Auswanderungen der germaniſchen und Einwanderungen 
der flawifchen Stämme eine jehr ftarle Schwächung des germanifchen @lementes 
erfahren bätten, welches geichloffen nur in Friesland, Weftfalen, Hannover und 
den Rheingegenden verblieben ſei, während die übrigen Landichaften Deutfchlands 
durch und durch gemiſcht, ſtark ſlawiſch und keltiſch durchſetzt in die eigentliche 
deutſche Geſchichte eingetreten ſeien. Da Gobineau die letztgenannten Stämme 
zweifellos binter die Germanen zurückſtellt, jo liegt in dieſer auf erakt-anthro- 


56 Gobineau über Deutfhe und Sranzofen 





pologiihem Wege inzwiſchen längſt beftätigten Diagnofe in gewiſſem Sinne 
allerdings für die oftdentfchen und ſüddeutſchen Gebtete eine Mindereinſchätzung 
gegenüber Völkern, die fich reiner germaniſch erhalten hätten, wie Standinapier 
und Briten, bei denen ihn vorwiegend das normänniſche Element anzog und 
blendete. Aber feiner Theorie zum Trotz hat er vorher wie nachher unferem 
wahren Blutswerte mehr als eine Huldigung dargebracht (wofür die vorer- 
mwähnten Quellenwerle reiche Belege bringen), vor allem aber durch die Praxis, 
dur andauernde verftändntsvolle Vertiefung in deutfches Weſen kundgetan, wie 
hoch er dieſes ftelle. 

Man darf in Wahrheit jagen, daß Gobineau wie für die Deutichen 
präbdeftiniert war. Kraft eines angeborenen Inſtinkts wählte und fand er in 
jungen wie in alten Jahren feine nächſten und bebeutendften Freunde vor- 
wiegend in der deutſchen Welt: fein „Pylades“ Germann Bohn, Ary Scheffer, 
Übelbert Keller, Prokeih-Dften, Richard Wagner waren deutſchen Geblüts. 
Diefe enge perfönliche Verbindung ward ihm ſchon fehr früh ein Anlaß, unfere 
Entwidlung auf den verſchiedenſten Gebieten mit warmem Intereſſe zu verfolgen, 
die Perfpektiven unferer Zukunft aufzurollen. Um nur ein befonders fprechendes 
Beifpiel aus den zahlreichen Studien, die er uns unter dem Julikönigtume ge 
widmet bat, anzuführen: wie eigen mutet es heute an, zu fehen, wie ernitlich 
diefer junge Denker fi ſchon vor fiebzig Jahren unfere Lebensfragen von beute, 
die Auswanderungs- und Kolonialfragen, bat angelegen fein laffen, wie er 
unter anderem — zur Beihämung wie vieler Deutſcher! — der erften einer 
war, die Friedrich Lift die gebührende Beachtung ſchenkten! 

Daß Gobineau in der poetifhen Literatur, in der Muſik der Deutichen 
nicht minder wie in der heimifchen zu Haufe war, bezeugen zahlreihe Stellen 
feiner Werke wie feiner Briefe. Wiſſenſchaftlich befannte er fih (in einem 
Briefe an einen franzöfifchen Landsmann) mit Stolz zu den ftrengen Grund» 
fähen der deutſchen Schule, und fein Hauptwerk, da8 Buch über die Menſchen⸗ 
raſſen, baut fi) zum weitaus überwiegenden Zeile auf den Forſchungsergebniſſen 
der bdeutihen Wiſſenſchaft auf. Als einen Dankesalt für das viele, das er 
biefer ſchulde, bezeichnet er felbft die Veröffentlichung einer philofophifchen Arbeit 
in einer deutſchen Zeitfchrift (1868), und gegen Ende feines Lebens hat er in 
dem Maße mehr und mehr an die Deutihen als das eigentliche Publikum 
feiner legten Arbeiten gedacht, als er ſich den eigenen Landsleuten mit feinen 
intimften Gedanken und Abfichten entfremdet ſah. 

Gobineau betradytete alfo, wie ein berühmter englifcher Staatsmann unferer 
Tage, Deutfchland als feine geijtige Heimat. Aber er fchraf nicht, wie diefer, 
vor den Konfequenzen und Verpflichtungen, welche diefe feine Überzeugung mit 
fih bradjte, zurüd: er hatte den Mut, auch als nad) 1870 der deutfche Name in 
jeinem Baterlande den ſchlimmſten Klang angenommen hatte, der engften geiftigen 
Verbindung beider Länder das Wort zu reden und vorzuarbeiten und feine 
Landsleute zu ermahnen, daß fie bei dem Volfe, das noch vor kurzem ihr Feind 


Gobineau über Deutfche und Franzoſen 57 


gewejen, nad) möglichft vielen Seiten in die Schule gehen möchten. Er Bat 
fh dadurch viel Verlennung zugezogen, und bis heute vermag kein franzöfifcher 
Rationalift anders als mit tiefem Groll und in der abiprechenditen Weife über 
ihn zu reden: er gilt als ein Abtrünniger und bleibt als ſolcher verfemt, 
während er in Wahrheit nur die uns Deutſchen fo ganz anders geläufige 
Eigenſchaft des Univerfalismus, des Verſenkens in fremde Art bewährt, und 
die daraus wie von felbit entiprießende Tugend der Gerechtigkeit gelibt hat, 
fo daß dem wahren Gobineau derjenige, der ihm feine enge Zufammengehörigfeit 
mit Deutſchland abfprechen will, wie e8 feine Tochter getan, fchlimmer zu nahe 
tritt, al mer fie ihm vorwirft, wie e8 — von im übrigen durchaus zu 
würdigenden Geſichtspunkten aus — die franzöfifhen Patrioten tun. 

Nein, es bleibt dabei: das Verſtändnis und die Xiebe, welche die Deutfchen 
ihm in jo reichem Maße entgegengebradht haben, hat Gobineau als eriter ihnen 
gewidmet. Diefer Endeseindrud Tann auch nicht gefchmälert, vielmehr eher 
noch verftärft werden, wenn wir uns nunmehr dem zweiten, für die Öffentlichkeit 
neuen Gegenftand unferer Betrachtung: „Gobineau während des Krieges 1870/71, 
und vor allem über diefen Krieg“, zuwenden. 

Gobineau war einer von den wenigen in feinem Vaterlande, welche die 
damals eingetretenen Creigniffe vorausgefehen haben. In den Iangjährigen 
Berührungen mit den Regierenden war ihm das Bertrauen in diefe gründlich 
erjhüttert worden; auch im Volle hatte er Fäulnis⸗ und Entartungserfheinungen 
wahrgenommen, welche ihn für diefes "beim Zufammenftoße mit einem Gegner, 
defien vollen Wert gerade er kannte und würdigte, das ſchlimmſte ahnen ließen. 
So konnte er, als dies ſchlimmſte wirklich eingetroffen war, gegen einen 
franzöfifhen Freund fi äußern: „Sch glaube, daß ich der wenigſt erftaunte 
unter allen Franzoſen bin, da ich niemals an dem, was fich jetzt ereignet, ge- 
zweifelt habe, und mich auf noch befleres gefaßt halte,” und der ſchon erwähnte 
engliihe ihm während des Krieges jchreiben: „Wie tauſendfach Sie recht hatten, 
und wie Har Sie blidten! ... Sie find der einzige, der die Wahrheit nicht 
fürdtet, und ber fie jagt. Es ift herzzerreißend zu fehen, wie ein ganzes Bolt 
fi von Lügen nährt und mit Phrafen bezahlt macht — usque ad nauseam.” 

Während in der Tat die meiſten feiner Landsleute ihr Heil in der Lüge 
fuhten, ward fih Gobineau mit dem Fortichreiten des Unheil nur immer 
unerbittlider über die ganze Wahrheit Mar. „Willen Ste wohl,” fchreibt er 
an Profefh im Dezember 1870, „daß das Schlimmite für diefes unglüdliche 
Land nicht die Preußen, die Sacdfen, die Bayern und Württemberger find: 
da3 Mene Tekel Phares fteht an der Wand!” Und wieder und wieder weis- 
fagt er feinem Volke ein rettungslofes Verderben, wenn e3 nicht, anftatt alles 
auf die Führenden abzumälzen, in den eigenen Buſen greifen und feine 
moraliſche Berfaffung von Grund aus ummandeln wolle. 

Was er im DVerlaufe des Strieges zu ſehen befam, Tieß fich freilich wenig 
genug hiernadh an. Auf Schritt und Tritt ftieß er da auf Kopflofigleiten und 


58 Gobineau über Deutfhe und Sranzofen 


Berwahrlofungen von feiten der Heeresleitung und -verwaltung, auf unmilitärifches 
und unpatriotifches Gebahren der Mobil- und Nationalgarden, auf das theatralifche 
Auftreten, die banditenhaften Ausfchreitungen und Zuchtlofigleiten der Franlk⸗ 
tireurs, auf die völlige Haltlofigfeit im Volke, die Auswüchſe der Spionagefurdht, 
die Anfäbe zum Anardismus. 

Über nichts aber Tonnte er fi) fo empören, wie über die Lügengewebe, 
in die man während der ganzen Dauer des Krieges von oben herab ſich und 
das Boll verftridte, und bie namentlid unter Sambetta fi wahrhaft ins 
Ungeheuerlide verloren. Das gilt von den gegen die Deutſchen ausgeitreuten 
haarfträubenden Berleumdungen und Verdächtigungen reichlich jo ſehr, wie von 
ben Rodomontaden und Fälfhungen in betreff des eigenen Tuns. Gobineau 
bat eine Gelegenheit verfäumt, jenen Berleumbungen entgegenzutreten und 
feinen Freunden das mehr als korrekte, rückfichtsvolle Auftreten der beutichen 
Dffiziere und die gute Haltung ihrer Truppen zu rühmen. Einen derartigen 
Brief teilte Lord Lytton dem beutfchen Kronprinzen mit, der fi (mie Lyiton 
am 10. Mat 1871 an Gobtneau fchreibt) „angefichtS der in ganz Europa über 
die Deutfchen verbreiteten Lügenberichte über dieſes vereinzelte Zeugnis gerade 
eines fo hochſtehenden Mannes höchft dankbar geäußert und es beſonders 
tröftlich gefunden babe.“ 

Dem entfpredhend geftalteten ſich auch ausnahmslos bie perfönlidhen 
Beziehungen, in welche Gobineau während des Krieges zu den deutſchen Truppen 
zu treten batte. Er bat einem ber jungen Gardeulanenoffiziere, die fpäter 
wodenlang bei ihm im Schloffe gelegen haben, das Leben gerettet, indem er 
ihn bei einem Patrouillenritt vor einer ihm nädhtlicher Weile auflauernden 
Sranftireurbande warnte, wie er umgelehrt bei einer anderen Gelegenheit den 
Herzog von Chartres, der als einfadher Kapitän unter dem Namen Robert le 
Hort an dem Feldzuge in der Normandie teilnahm, von einem unbejonnenen 
Zuge nad) Trye abhielt, der ihm unbedingt hätte verhängnispoll werben müfjen. 
Ein jchönes Beilptel, wie er, ein Nachlomme Melacs, mit einem ber bei ihm 
einquartierten Dffiziere, der feinerfeit8 ein Nachkomme Tilys war, jehr im 
Gegenſatz zu diefen beiden Kriegswüterichen zur Aufrechterhaltung von Frieden 
und Ordnung harmoniſch zufammengemwirkt habe, erzählt er felbft Ipäter an 
Keller (Yunt 1872). In den jungen Edelleuten von der preußiichen Garde⸗ 
favallerie, die ihm, troß des Feindesrodes, den fie trugen, als echte Germanen- 
fproffen, die fie waren, im Innerſten ſympathiſch fein mußten, vermochte er es 
über ſich nicht ſowohl die Zmangsinfaffen als die — wenn auch unwilllommenen — 
Gäſte feines Haufes zu jehen und ihnen voll Würde und Unbefangenheit, immer 
friſch und anregend, mit der ganzen Feinheit feiner welt- wie ebelmännifchen 
Formen als Wirt gegenüberzutreten. Und jene wiederum haben damals dem Zauber 
bes großen Mannes jo wenig wie irgend jemand zu widerftehen vermodjt. Sie haben 
ihm dankbare Anbänglichkeit und Verehrung bis in fpäte Tage bewahrt, und ein- 
zelne von ihnen find in dauernder freundſchaftlicher Verbindung mit ihm geblieben. 


Bobinean über Deutfche und Franzoſen 59 





Es ift Mar, daß alle die hier aufgezählten Dinge, in benen wir rubig die 
Beweife einer nur bei einem Manne fo feltener Art denkbaren Großherzigkeit 
und Wabrbeitsliebe erbliden dürfen, feinem Volle in einem ganz anderen Lichte 
erſcheinen mußten, und in ber Tat wurde ſchon bald ber Vorwurf von verftänbnis- 
lofen Berfleinerern gegen ihn erhoben, er habe während des Krieges „zu gut 
deutſch geſprochen“, von wo bis zu dem eines Einverftändniffes mit den Preußen 
nur ein Meiner Schritt war. Schon bald nad) dem Kriege ſah fih fo Gobineau 
zu Öffentlichen Rechtfertigungen und Slarftellungen gezwungen, die fi} freilich 
nur auf fein äußeres, öffentliches Verhalten beziehen und die allzu offentundige 
Zatfache, daß er als Patriot feinen Dann geftanden, auch für den’ Blödeften 
außer Zweifel feßen konnten, bie inneren Seelenvorgänge dagegen, die immer 
entjchiebenere Hinwendung zum Deuiſchtum, deſſen wertvolle und vorbildliche 
Seiten ihm eben damals aus den friegerifchen, politiſchen und geiftigen LZeiftungen 
des deutſchen Volles und Heeres anſchaulich aufgingen und in deſſen Fahr⸗ 
wafjer er daher das eigene Boll am liebften gebracht hätte, ſowie die beginnende 
Ablehr von diefem lehteren, naturgemäß aus dem Spiele ließen. 

Diefe Abkehr, der ganze Gegenſatz, in welchen Gobineau in feiner lebten 
Lebenszeit zu feinem Volke, richtiger: zu den Bahnen, die dieſes eingeſchlagen, 
geraten ift, fpiegelt fih dagegen nad allen Seiten und nad feinen tiefften 
Gründen in den Aufzeichnungen, welde er unmittelbar während des Srieges 
niedergefchrieben und uns handſchriftlich Hinterlaflen hat. Da fie einen reichlich 
fo widtigen Beitrag zur Pſychologie des Franzoſentums wie zu der Gobineaus 
darftellen, jo dürfte fidh eine eingehendere Analyfe derjelben hier unbedingt lohnen. 

Da er nicht hoffen konnte, mit dieſer Schilderung des Franzofentums in 
feinem Riedergange in feinem Vaterlande durchzudringen und auch in Deutichland, 
an das er dachte, fi kaum Ausfiht auf Veröffentlichung zeigte, fo iſt dieſe 
Schrift, die er mit Recht felbit als eriten Ranges betrachtete, leider Fragment 
geblieben”). 

Gie zerfällt in zwei Abteilungen (beide unvollendet), deren erfte die Vor⸗ 
geſchichte und die Urfachen, deren zweite die Ereignifie des Krieges in Gobineaus 
Beleuchtung und mit befonderer Berüdfiätigung des in feiner Nähe Borgefallenen 
behandelt. 

(Schluß folgt) 

*) Einen Titel hat fie im Manuftript nicht, diefer mußte daher unter Verwertung einer 
Wendung des Eingangsfages („Ce qui est arrivé à la France en 1870“) hergeftellt werden. 
Das Manuffript befindet fih in der Gobineauſammlung der SKaiferlihen Univerfitäte- und 
Zandesbibliothel zu Straßburg. Eine Veröffentlihung war, mit den übrigen nadgelafjenen 
hiftoriſchen und politifch » anthropologiſchen Schriften Gobineaus, für dieſes Jahr in Ausſicht 
genommen, mußte aber wegen des Krieges vertagt werden. 





Maßgebliches und Unmaßgebliches 


Memoiren 


Briefe und Erinnerungen aus Alt-Wien. 
Wem fteigt bei foldem Namen nicht die „gute 
alte Zeit” in ihrer glüd- und leidüberwundenen 
Vergangenheit herauf, die uns alles zu be» 
figen fcheint, wa8 unferem überhegten Leben 
fehlt? Wir denken an gemütliches Geplauder 
am behaglidhen Kamin, an fleißige Hände, die 
mit feiner Stid- oder Hälelarbeit anmutig 
beihäftigt find, an Altwiener Salons, in 
denen fi Künſtler und Gelehrte zu geiltreichen 
Geſprächen im gaftfreien Haufe veritehender 
rauen zufammenfanden. Wie heimelt uns 
dad alle an; und fehnfühtig zurüdichauend 
fühlen wir, wie arm wir gegen unfere Ur⸗ 
großmütter geivorden find. In dem raftlojen 
Sagen nah „Kultur“ und „Ziviliſation“, und 
wie die Schlagworte alle heißen, waren wir 
nahe daran, das Befte, unfer Gemüt, zu ver⸗ 
lieren. Wir wollten un® „binaufpflanzen“ 
und merften es nidt, wie entivurgelt wir 
waren. Erft der Ausbruch dieſes ſchrecklichſten 
aller Kriege Hat unferen atemlofen Lauf ge» 
hemmt, und in der plögliden, unheimlichen 
Stille mußten wir uns geitehen, daß Wir 
Phantomen nachgejagt waren, die in unferer 
furdtbaren Not un? ſchnöde im Stich Ließen. 
Da wendet man fi troſtſuchend an die Ver- 
gangenheit, die fo reich war, daß aud) für 
uns noch etwas übrig blieb. Und gern greifen 
wir zu den unter der Zeitung von Guftav 
Gugitz erfheinenden Bänden, die unter dem 
Gefamttitel: „Denkwürdigkeiten aus Alt⸗ 
Dfterreih” vom Verlag Georg Müller in 
Münden vereinigt find. Die Ausſtattung 
der einzelnen Werke ift, wie ftet3 bei dieſem 
Verlage, glänzend; reicher Bilderihmud, zum 


Teil nad bisher unbelannten oder ſchwer zu⸗ 
gänglihen Originalen oder feltenen Striden, 
vervollftändigt die Bände. 

Da find zunächſt die „Dentwürdigleiten 
aus meinem Leben 1769 bi 1848” der 
Schriftſtellerin Caroline Bichler (heraußgegeben 
mit überreihliden Anmertungen von Emil 
Karl Blümml), die einft eine Berühmtheit 
war, und bie jeder, der Wien befucdte, ge⸗ 
fehen haben mußte, geradefo wieden Stephand« 
dom; der aber ſchaut auch heute noch in ftolger 
Hoheit auf da® neue Wien, während Die 
Pichler und ihr Ruhm längft dahin find. 
Maria Xherefiad ernite Augen haben nod 
auf der Kindheit der Dichterin gerubt, und 
viele perfönliche Züge weiß fie und aus dem 
Leben der großen Kaiferin gu berichten, bei 
der ihre Mutter, Charlotte von Greiner, 
Kammerfrau und Borleferin war. Wie viele 
der Großen, die uns unfterblih wurden, bat 
fie noch klein und unſcheinbar gefehen; nur 
jung, fo unwahrſcheinlich jung und lebensfroh 
waren fie, wie wir und einen Grillparzer, 
einen Bauernfeld, den ſchwermütigen Lenau 
und viele andere gar nicht recht voritellen 
fönnen. Friedrich Schlegel, Tied, Clemens 
Brentano leben wieder auf. Mit Dorothea 
Schlegel verband Caroline herzliche Freund⸗ 
ſchaft, und ſie ſpricht von der fo viel Geſchmähten 
in aufrichtiger Verehrung, die dieſe ſeltene 
Frau gewiß verdient hat. Auch Goethes fried⸗ 
loſe Schwiegertochter Ottilie fand einmal Raft 
in Pichlers glücklichem Hauſe. Viel hören 
wir in dieſen Denkwürdigkeiten von der Not 
der Zeit. Dreimal kamen die Franzoſen in 
das ſchöne Land, mit allen blutigen Schrecken, 
mit Cholera und Hungersnot, die ein Krieg 
im Gefolge Hat, bis ed 1818 den verbündeten 


Maßgeblihes und Unmaßgebliches 61 


— 
— [2 


Bölfern endlich gelang, fi) von dem uner- 
trãglichen Yoch zu befreien. Aber was auch 
dad Leben diefer Frau an Schidfalen ge- 
bracht Bat, fie bat fie mutig ertragen und 
immer das Dafein geliebt. Selbft als ihr 
Kuhm ſchon zu ihren Lebzeiten verblich, ift 
fie nicht bitter geworden, fondern bat fih im 
Familienkreiſe der Tochter, bei den heran⸗ 
wachſenden Enkeln foviel Sonne geholt, wie 
fie für ihren Lebensabend bedurfte. Als die 
Dichterin 1848 die müden Augen für immer 
ſchloß, da folgten nur wenig @etreue ihrem 
Sarg. Die man aud) über den literarifchen 
Bert ihrer Bücher urteilen mag — fie hinterließ 
dreiundfünfzig umfangreihe Bände —, ihre 
Dentwürdigfeiten werden immer das Intereſſe 
der Rachwelt Haben, denn fie hat es verftanden, 
mit ftarler Sand eine verfunfene Epoche 
wieder aufleben zu laſſen. 

Faft auß derfelben Zeit ftammen die Auf- 
zeichnungen der Gräfin Lulu Thürheim „Mein 
Zeben. Erinnerungen aus Oſterreichs großer 
Belt” (beraußgegeben von Rene van Rhyn), 
und doch find fie etwas völlig anderes. Diefe 
rau, die durch ihre Geburt, ihre Beziehungen 
und die Anmut ihres Auftretens, Zutritt zu 
den höchſten Streifen Hatte, dazu einen unge» 
wöhnlichen Geift befaß, war wie leine andere 
in der Lage, uns in ihrem Tagebuch die 
Ereigniſſe bed zu Ende gehenden adtzehnten 
und der erften Hälfte des neungehnten Jahr⸗ 
hunderts gu fchildern. Und fie tut e8 in fo 
fefielnder, ja oft wigiger Weife, daß man die 
vier ftattlihen Bände von Anfang bis zu 
Ende mit nie erlahmendem Intereſſe lieſt. 
Die Berfafferin, die kurz dor der großen 
franzöfifhen Revolution geboren wurde, bat 
während ihres ganzen Lebens mit einem 
widrigen Schidfal zu ringen gehabt. Bunt 
und wecdjelnd läßt fie die Bilder ihrer Er⸗ 
lebniffje in ihrem QTagebud an und vorüber: 
ziehen; die ſchweren Jahre 1805, 1809, 1818, 
der fröhliche Kongreß, alles ift in leichtem 
Blauderton und doc mit hiftorifher Wahrheit 
erzählt. Da fie außerdem vorzüglich zeichnete, 
ergänzte fie ihr Tagebuch durch zahlreiche 
Efiggen. Gräfin Qulu war eine große Dame 
im beften Sinne des Wortes, und nie hat das 
hohle Gefellichaftetreiben fie ſelbſt verflachen 
laſſen. Seit dem Jahre 1819 im Hauſe ihres 


Schwagers Raſumoffſty, des ruſſiſchen Ge” 
ſandten, lebend, „der in Wien am meiſten 
& la mode war“, deflen Auftreten und fabel- 
bafter Reichtum bewundert und befpöttelt 
wurde, bat fie mit diefem und der Schwefter 
große Reifen durch alle europäiihen Länder 
gemacht und fo ihren Geſichtskreis erweitert. 
Zulu von Thürbeim hat eigentlich alles befeflen, 
was ein Sterblicher fi wũnſchen kann: Glanz, 
Neihtum, Schönheit und Geilt, und war 
doch nicht glüdlih, weil ihr das Beſte, die 
Liebe, fehlte. Erſt an der Schwelle bes 
Alters vermählte fie ih in heimlicher Che 
mit dem Sekretär ihres Schwagers, einem 
jungen Abenteurer, der ihr ſchon nad) ſechs 
Monaten dur einen tragiihen Tod entriffen 
wurde. Aber die perfönliden Verhältniſſe 
find nit das Wichtigfte in dem feflelnden 
Bude. Alles, waß einen Namen Hatte, ift 
erwähnt und oft nur mit wenigen Worten 
treffend cdharalterifiert. Es ift ein Ausſchnitt 
aus Altwiend trüben und beiteren Tagen, 
fo warm und lebendig, wie ibn trodene 
Geſchichte niemals geben Tann. 

Der Wiener Kongregl Er wird ſowohl 
bon Baroline Pichler als auch von Lulu 
Xhürbeim ausführlich erwähnt, aber der Fran⸗ 
zoſe de la Garde fchrieb über diefe Flut don 
Selten und Vergnügungen zwei dide Bände 
(„Semälde des Wiener Kongreſſes“), und 
wenn auch fein Bericht dem ſtrengen Hiſtoriker 
feine reine Quelle bietet, aus der er unbeſorgt 
fhöpfen kann, fo ift derfelbe doch das er 
ihöpfendfte Werk, was es über diefe einzige 
Beranftaltung gibt, die die „Könige in Ferien“ 
fi) bereiteten. Welch eine federnde geiftige 
und körperliche Beweglichkeit müflen die 
Menfhen jener Tage bejeflen haben, daß fie 


ſich nach dem furchtbaren Ringen der Freiheits⸗ 


friege, denen Jahre der entjeglichften Knecht⸗ 
ſchaft vorangegangen waren, in einen ſolchen 
Strudel des Vergnügen® und der Lebens⸗ 
freude ftürzen konnten! Der Franzoſe de 
la Garde verfteßt es, gerade diefe Seite 
bejonders in die Erjheinung treten zu laflen, 
und bunt und wechſelnd ziehen die Geſchehniſſe, 
wie die Bilder eines Kaleidoflops, an dem 
truntenen Auge vorüber. 

Und nun zum Schluß noch ein vergeſſenes 
Bud von einem nocdhvergefienerenAltöfterreicher. 


62 Maßgeblihes und Unmaßgebliches 


(Friedrih Anton von Schönholz: Traditionen 
zur Eharakteriftit Öfterreiche.) Ein Abenteurer, 
wie de la Garde, erzählt hier bald ſcherzend, bald 
philoſophiſch von Wiens Bergangenbeit- 
Familien und Yrauen und der Politik Alt- 
Oſterreichs. Daß Ganze ift ein treffliches Spie- 
gelbild der franzisceifchen Zeit, dad gewiß für 
mandıen eine neue Quelle werden wird. Der 
Verfaſſer bat fein eigenes Leben in dichterifcher 
Freiheit mit in feine Aufzeichnungen verflodhten, 
und wenn au nit immer alles wahr ift, 
wa3 er fagt, fo iſt es doch intereffant und 
für feine Zeit charakteriſtiſch. 

Man folte unfere deutihe Memoiren 
literatur wirklich mehr pflegen und nicht immer 
denfen, daß nur Frankreich das Land ber 
klaſſiſchen Memoirenliteratur if. Wir find 
auch in diefer Beziehung wieder einmal viel 
zu befheiden. Die wenigen Proben, die bis 
jegt vorliegen, zeigen, daß aud wir unfere 
Erlebdnifiein vollendeter Form niedergufchreiben 
vermögen. „Ein Land ohne Memoiren ift 
wie ein Haus ohne Spiegell” 

Beinz Amelung 


Dölkerpiychologie 


Händler und Helden. Batrioiifhe Be⸗ 
finnungen von Werner Sombart. Berlag 
von Dunder u. Humblot in Münden und 
Zeipzig, 1915. 

ft der Händlergeift Urſache oder Wirkung 
der wirtſchaftlichen Entwidlung Englands? 
Eine geiftvolle Franzöfin hat das zweite 
geglaubt. Als gegen Ende ded Jahres 1842 
die Parifer Zeitungen fi) über die inhumane 
Habgier der Engländer entrüfteten, die im⸗ 
ftande feien, um Opium und Sattun einen 
Beltbrand zu entflammen, halt Delphine 
Say, die Gattin Emile de Girardin, die 
Kollegen ungeredt; Ia France könne leicht 
nobel handeln (wenn fie da3 nur wirklich 
auch tätel), denn fie fei une noble chätelaine, 
die dom reichen Ertrage ihres frudtbaren 
Landes ohne Sorgen lebe; das englifche 
Bolf dagegen lebe nit vom Ertrage feines 
Bodens, fondern auf Kredit; der englifche 
Staat fei ein Bankgeſchäft, kein Naturgewächs, 
fondern ein Kunftbau, den ein Nechenfebler 
ftürzen könne; die Engländer würden wahr. 


fheinlih recht gern hochherzig und edel 
banbdeln, wenn fie koͤnnten und dürften, aber 
ein Banfier dürfe nun einmal nicht fentimental 
fen. Sombart dagegen fieht das englifche 
Händlertum aus dem englifhen Geifte her» 
vorgehen. Ich neige der Anſicht der Franzöſin 
zu — aus zwei Gründen. Einmal, weil die 
Engländer (diefer Tatſache gedenkt aud 
Sombart flüchtig), trogdem ihr Land fie zur 
Seefahrt einlud, bis ins fünfzehnte Jahre 
Bundert ein Bolt kriegeriſcher Bauern geblieben 
find, da8 feine Finanzen von Stalienern ver» 
walten, feinen Handel von deulfhen Sanfeaten 
beforgen ließ, und als es fi endlid der 
Anduftrie zumandte, der niederländiſchen Lehr⸗ 
meifter bedurfte. (Den Handelsgeiſt der 
Ktaliener verbirgt den Augen der Nachwelt 
die aud Schönheit und Geift gewobene Aureole, 
die das mittelalterlide Stadtbürgertum 
Italiens umftrablt.) Der andere Grund ift 
die englifche Literatur. Abgefehen von Shake⸗ 
fpeare, Milton und Byron, atmen aud die 
Rovelliften deutfhen Geilt; nit bloß Die 
weltberühmten, fondern aud die Männer und 
Srauen zweiten und dritten Manged. Die 
älteren wenigſtens; die neueren kenne id 
nit. YZufällig Iefe ich gerade wieder einmal 
in den Rovellenbänden, die Samuel Warren 
unter dem Titel Diary of a late Physician 
herausgegeben bat (weld ein lächerlicher 
Geſchmack! würde ein Nüngfter naferümpfend 
außrufen, wenn er fich berabließe, in den 
alten Schmölern zu blättern), und finde darin 
wohl engliihe Zuſtände, aber Teine Spur 
von Krämerhaftigleit, vielmehr tiefes deutſches 
Gemüt und reine edle Gefinnund. Daß 
durchgreifende Induſtrialiſierung und Kommer- 
sialifierung den Vollscharakter verfchledhtert, 
ift einer der Beweggründe, die mid) beftimmen, 
den fehr maßgebenden Autoritäten gu oppo⸗ 
nieren, welche uns die englifhe Wirtfchafts- 
verfaffung als zu erftrebendes Ideal empfehlen 
— oder wenigſtens bis zum Kriege empfohlen 
haben. Sombart ftügt feine Auffaffung 
bauptfählih auf Thomas Morus, und es tft 
ja wirklich überrafhend, wie getreu die 
Kriegdmoral und Kriegspraxis der litopier 
die fpätere englifhe Kriegführung und 
beſonders die heutige fpiegelt; doch ſchwächt 
Sombart feldft die Beweiskraft der Utopia 


— — 


mit der Bemerkung ab, man wiſſe bei Morus 
nie, wo der Ernft aufhoͤre und der Spott 
anfange; das utopifche deal der Kriegführung 
Inne als Berhöhnung der Krämer gemeint 
fein, die der große Kanzler ſchon emporkommen 
und Einfluß erlangen ſah. 

Sombart ift ein Meifter der Darftellung. 
Aber während fonft die Fünftleriihe Plaftif 
feiner Geftalten entzüdt, raufcht diegmal feine 
Rede ald ein Feuerftrom dahin, in weldem 
die Flammen des Zornes und der Begeifterung 
lodern, einer Xegeilterung, welche die der 
jungen Helden, denen die Schrift gewidmet 
if, aufd neue entzünden wird. Sombart 
fildert die Undifferenziertheit, Roheit, Platt» 
beit des geſamten englifchen Volles einfchließ- 
lih feiner Vornehmſten; feine oberflächliche, 
nur auf das Praktiſche gerichtete Wiſſenſchaft 
und Philoſophie; jene „hundsgemeine“ 
utilitariſch⸗ eudämoniftifhe Ethik; die unan⸗ 
fländigen Künfte, mit denen England fein 
Reich zufammengeraubt und gegaunert habe, 
die Riedertradt feiner heutigen Kriegsführung. 
Zur modernen @ejamtlultur babe es nur 
zwei Originalbeiträge geliefert, den Komfort 
und den Eport, und biefe beiden Erzeugnifle 
englifher Händlerkultur jeien wahrer Kultur 
im allerbödften Grade feind und ab» 
traͤglich. 

Dieſem haßlichen Bilde gegenüber läßt 
er die reine und hehre Geſtalt des deutſchen 
Helden erſtrahlen: feine idealiſtiſche Philo- 
fophie und Dichtlunft (al Führer des Chors 
deutſcher Großgeifter fchreitei Friedrich Nietzſche 
voran, nur ſein „guter Europäer“ wird ab⸗ 
gelehnt); ſeine Vaterlandsliebe: die opfer⸗ 


bereite Hingabe and „Ganze, das über ung . 


lebt, da8 da ift auch ohne und gegen unfern 
Willen” und bie nit zu tun babe „mit 
der gemütpollen Anhänglichleit an die Heimat 
und die Scholle”; feine objektiv - organische 
Staatsidee, das Gegenteil der rouffeauifchhen 
Bertragdidee und des engliihen Nachtwächter⸗ 
ſtaats; feinen Militarismus, das fichtbar 
gewordene Heldentum, in welchem er ſeine 
heldiſchen Grundſaͤtze verwirklicht; die Pflege 
der Xugenden de3 freien Mannes (im Gegen» 
fage zum engliiden Kult der bürgerlichen 
Zugenden); feine Liebe zum Kriege, ala dem 
Heiligften auf Erden. 


Maßgebliches und Unmaßgebliches 63 


Bor dem Kriege fei diefe Heldengefinnung 
berdunfelt geweſen; Berengländerung, Materi- 
alifierung, Kommerzialifierung, Berpöbelung, 
Berihwendung der Energie auf Nichtigleiten 
babe um fich gegriffen; dieſes Leben ohne 
Ideale fei nicht mehr Leben gewejen fondern 
ein Sterben, eine ekle, ftinlende Verweſung, 
Bergebend habe man ſich mit allerlei Rettungs« 
verfuhen abgemüht: mit Eibilierung der 
einzelnen, mit dem Suden nad) einer neuen 
Religion, mit fozialen Idealen — daß der 
Sozialdemokratie jei immer mehr händleriſch 
geworden —, bis endlih der Krieg die 
Nettung gebracht Habe. „Eine Quelle uner- 
ſchöpflichen idealiſtiſchen Heldentums war 
wieder aufgebrochen; im Vaterlande war ein 
Ideal lebendig geworden, das in der Reich⸗ 
weite jedes Menſchen, auch des Armften im 
Geifte gelegen war.” Der Krieg nun lehre 
auch, was wir zu tun haben; er lege die Richt» 
Iinien unjerer Bolitit und Vollserziehung 
feft. Viele Nahlommen zeugen und fie zu 
Helden erziehen, fei die nächſte Aufgabe, ein 
ftahlgepanzerter mächtiger Staat und in 
jenem Schug ein freied tüchtiges Volk das 
au verwirflidende deal. Nachdem wir über 
das Biel und klar geworden find, dürften 
wir die Technik ihren Eroberungszug fort» 
fegen lafien, da ja unjere Mörſer, Flug⸗ 
apparate und Unterfeeboote den Sinn ber 
Technik offenbar gemacht hätten. Jeder Inter» 
nationalismus, fei es der ölonomifche, der 
inftitutionelle, der Rechts⸗ oder der Kultur» 
internationaligmus, fei abzuweiſen; wir 
genügen uns felbft und brauden uns um 
die andern, bie ja auch bon uns nichts willen 
wollen, nit zu fümmern. 

In der Ablehnung des engliſchen Wirt⸗ 
ſchaftsſyſtems, des Mandeftertums, des Nacht⸗ 
wächterftaates, ded Darwinismus und in der 
Hochſchätzung de Griechentums weiß ich mich 
mit Sombart eind. Aber feine Weltan⸗ 
ſchauung ift nicht die meinige, und daraus 
ergeben fih im einzelnen viele Differenzen, 
die ohne ausführlihe Begründung aufzugählen 
feinen Zweck hätte. Seiner Forderung, daß 
wir auf Erpanfion und Solonifation ver» 
gichten follen, muß ich aus fozialen, Wirte 
Ihaftlihen und politifhen Gründen wider⸗ 
ſprechen. (Doch verbietet er Gebietder- 


64 Maßgeblihes und Unmaßgebliches 


weiterung nicht unbedingt.) Zu den Gebanten 
Sombarts, die meiner Auffafjung nahe kommen, 
die ich mir aber trogdem nicht unverändert 
angzueignen vermag, gehört der folgende. 
„Richt von Boll zu Volk gibt es einen Fort- 
Ihritt zu Höherem; wir find nicht weiter 
fortgefhritten al® die Griehen es waren, 
wenn wir nicht Fortihritt im Sinne des 
Ingenieurs meinen. Vielmehr wirkt fi) Gott 


in den verſchiedenen Bollsindipidualitäten 
aus, deren jede für ſich fortichreitet, fi) ver» 
bolllommnet, ihrer dee fi) annähert. Die 
einzelnen Völler blühen und welfen wie 
Blumen im Garten Gottes.“ — Daß kleine 
Bud atmet den Geift Treitfchles, und Männer 
dieſes Geiftes werden fi) daran erbauen. 


Dr. Earl Jentfd 








Allen Manuflripten ift Borto hinzuzufügen, da andernfalls? bei Ablehnung eine ———— 
nicht verbürgt werden kann. 





Nahdrud fämtliher Auffäge nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Verlags geftattet. 
Berantwortlih: der Herausgeber Georg Eleinomw in Berlin» Lichterfelde Weit. — Manujtriptiendungen und 
Briere werben erbeten unter der Adreſſe: 


An den Herausgeber der Grenzboten in Berlin» Lichterfelde Weſt, Sternſtraß 


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Fernſprecher des Herausgebers: Amt Lichterfelde 498, bes Verlags und ber Schriftleitung: Amt Lügomw 6510. 
Berlag: Berlag ber Grenzboten ®. m. b. H. in Berlin SW 11, Tempelbofer Ufer 35a. 
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Italiens Politif auf dem Balfan und in der Levante 


Don Dr. Eduard Wilhelm Mayer 


on den Fragen, die heute zur Löſung ftehen, dürfte die zulünftige 
Geftaltung des öftlihen Mittelmeers für Italien die wichtigite 
fein, vom Standpunft der großen Politik zweifellos wichtiger 
N noch) als die irredentiftifhe. Hier gilt es, den Ertrag einer 
Ballan- und Levantepolitit fich zu fichern, die Stalien in den 
legten neunzehn Jahren mit fteigendem Erfolg geführt hat. Das Jahr 1896 
ift ein Wendepunkt in der Gefchichte feiner ausmärtigen Politik. Der Verſuch, 
am Roten Meer gegen Abeffinien ein großzügiges FToloniales Unternehmen 
durchzuführen, war nad) der Niederlage bei Adua als gefcheitert anzufehen. 
Über diefe Schlappe fiel Grispi, der Vertreter einer mweitausgreifenden Macht: 
politif mit antifranzöfifhen Tendenzen. Es begann die Wiederannäherung an 
Frankreich. Seitdem ließ Stalien feine Anfprüde im Weiten des Mittelmeers 
auf fih beruhen, und es gedenft, die Intereſſen, die hier noch weiter beitehen 
— noch iſt die italienifche Einwanderung in Tunis unvermindert ſtark —, einit- 
weilen nicht zu verfolgen. Um fo größere Aufmerfjamfeit wurde nun dem 
Balfan und dem nahen Orient zugewandt. Hier ſuchte man ein Ventil für die 
politiſchen und wirtfchaftlichen Kräfte des jungen Staates, der mit Deutfchland 
das Schickſal teilt, zu ſpät'in die Reihe der Kolonialmächte eingetreten zu jein. 
Nach den trüben Erfahrungen war man um fo ängftlicher darauf bedacht, nicht 
aufs Neue ins Hintertteffen zu geraten. „‚stalien bat im Weſten bie 
geographifche Linie Marſeille Eorfica— Tunis und die politifcehe Linie, die mit 
dem englifch-franzöfiichen Vertrag gegeben ift; ftieße e8 auch im Dften auf eine 
neue Begrenzung, dann würde es eingefähloffen fein auf einen engen Streifen 
des Zerritorialmeers.” (Amadori BVirgilj 1908.) 
Grenzbsten 11 1915 6 





66 Ytaliens Politif auf dem Balkan und in der £evante 


Als das dringendite Interefje Italiens erichien es zunächſt, daß in Albanten 
feine fremde Macht fich feitfegte. Das Mißaeihid in Tunis mar nody in frifcher 
Erinnerung, und wenn der Sriegehafen von Bıferta die milıtärifhe Poſition 
Siziliens fehr verfchlehtert hat, fo wäre von einem feindlichen Valona, das 
vierzig Meilen von der Küfte Apulien entfernt ift, noch Schlimmeres zu 
fürchten. Der Beliger von Valona, fo murde geiagt, werde unumfchränfter 
Herrſcher in der Adria fein. Wenn das eine Übertreibung ift, fo ift doch Kar, 
daß der Befiter von Brindifi und Vulona den Kampf um die Vorherrichaft in 
der Adria zu feinen Gunften entichieden hat. Neben den geographifchen ver- 
binden auch alte gefchichtlihe Beziehungen Albanien mit Süditalien. Es gibt 
dort große Kolonien eingewanderter Albanier; einer ſolchen entitammt zum 
Beifpiel Erispi. Gerade von den Kreifen der Staliener albanischen Urfprungs 
tft die Propaganda für die albaniihe Politif ausgegangen. 

Wären Italiens Intereſſen zur Zeit des Berliner Kongreſſes geſchickter 
vertreten worden, dann hätte es Albanien als Kompenjation für den öfter- 
reihifhen Erwerb in Bosnien gewinnen können. Als es dann feit 1896 feine 
Blicke auf Albanien richtete, mußte es ſich mit Vfterreich in den Einfluß teilen. 
Sn den Abmachungen von 1897 und 1900 verſprachen beide Mächte, das Land 
nicht als politifhes Erpanfionsgebiet zu betrachten. Im Sinne diefer Verein. 
barungen wurde verfahren, als nad) dem Zufammenbrud der Türkei Dfterreich 
und Stalien durchfeßten, daß ein unabhängiges Albanien geichaffen wurde. 
Unter der Ted. folder Schiedsorrtiäge ift aber die Nivalität der beiden ver- 
bündeten Staaten immer lebendig geblieben. Dabei ift Äſterreich aus ber 
günftigen Stebung, die es anfänalid, vor allem als katholifhe Vormacht, hatte, 
allmählich verdrängt worden; felbit in dem ihm zunächſt gelegenen Nordalbanien 
wurde der italienifhe Einfluß vorherrihend. Stellten fih doch fogar die von 
Oſterreich unterhaltenen Schulen in ven Dienft der Stalianifierung. Wenn 
Stalien jebt die Verlegenbeiten des Rivalen benugt, um ſich in Valona einzu. 
niften, zieht e8 nur das Fazit einer ihm günftigen Entwidlung, die es ber 
geſchickten Vertretung feiner Intereſſen zu verdanken bat. 

Für die Durhdringung Nordalbaniens war es von größter Bedeutung, 
daß Montenegro dem Italienertum einen feiten Stüßpunlt bot. Seitdem 1896 
die montenegrinifhe Prinzeſſin Eiena dem italienischen Thronfolger, dem heutigen 
König, angetraut wurde, verfnüpften feite Bunde beide Staaten. Wirtſchaftlich 
tft Montenegro eine italienifhe Kolonie: Staliener haben das Tabatmonopol 
tn der Hand und führen unter montenegriniicher Flagge die Schiffahrt auf dem 
Seutarifee, Italiener haben den Ausbau des Hafens von Antivari und den 
Bau einer Eifenbahn Antivari— Pirbazar unternommen. Der ttalienifhe Einfluß. 
ift fo ftarl, daß er zuweilen unter den Montenegrinern Unzufriedenheit er- 
regt bat. 

Montenegro war auch das Bindeglied zwiſchen Italienern und Serben. 
Beide Nationalitäten liegen in itrien und in Dalmatien miteinander im Kampf. 


Italiens Politit auf dem Balfan und in der Levante 67 


Zrogdem bat Italien die ferbifchen Afpirationen begünftigt und den gemein- 
famen Gegenfat gegen das fpezififch deutfche Dfterreichertum betont. Ein ſerbiſch⸗ 
italieniſches Komitee entfaltete eine rege Tätigkeit. 

Italien bat die Unabhängigkeitsbeftrebungen der Ballanvöller ſtets ge- 
fördert, und diefe Politi! war um fo populärer, als man dabei gern des 
eigenen Einheitsfampfes gedachte. Mafgebend war aber nur die fühle Er- 
wägung, daß Stalien eine Machtverſtärkung Rußlands oder Ogſterreichs abzu- 
wehren hätte. Für diefe beiden Mächte war es eine große Enttäufchung, daß 
die Ballanvölker ihre Schidfale in voller Unabhängigkeit geitalteten, weil das 
Syitem nationaler Staaten der eigenen Ausdehnung feinen Raum mehr läßt; 
gerade aus diefem Grunde mußte jener Vorgang für Italien ſehr erwünſcht 
fein. Der Gedanke eines Balfanbundes bat bei Feiner Großmadt jo früh 
Anklang gefunden wie bei Italien. Schon Mazzini hatte ihn verfündigt, und 
Erispi nahm ihn auf: „Die italieniſche Nationalpartei würde den Apfchluß eines 
Balfanbundes mit Konftantinopel als Hauptftadt gerne ſehen. Aber der Zar 
muß in feinen heutigen Befitungen bleiben, und der Sultan muß nad Aſien 
binübergehen.“ Im Jahre 1889, nad) der bulgarifchen Kriſis, machte Erispt 
einen Verſuch, jenen Bundesplan zu verwirklichen; er fchlug eine Militär- 
fonvention zwifchen Rumänien, Bulgarien und Serbien vor, mit dem Zweck, 
dem Einbrud Rußlands auf den Balkan einen Damm entgegenzumwerfen. Während 
des ferbifch-öjterreichifehen Konflikts 1908 bi 1909 Hat Tittoni ähnliche Pläne 
verfolgt, und zur Zeit des italieniſch⸗türkliſchen Krieges find fie Wirklichkeit 
geworden, offenbar mit Italiens Hilfe. 

Ein Balfanbund ift, wie wir feben, für Italien ebenfomohl eine Waffe 
gegen Dfterreih wie gegen Rußland. ſterreichs Vormarſch gegen Saloniki, 
mochte er aud) nur auf wirtſchaftlichem Gebiete erftrebt werben, ftieß auf die 
Gegnerſchaft Italiens. Den Ährentalfhen Eifenbahnplänen gegenüber wurde 
das Projekt einer Dorau—Adriabahn unterftügt, das auch von Serbien be- 
vorzugt wurde. Daß Öfterreich bei der Annerion Bosniens auf den Sandihal 
Novibazar und auf die Einſchränkungen der Souveränität Montenegros, wie fie 
Artitel 29 des Berliner Vertrages bedingte, verzichtete, ift auf die Einwirkungen 
des Dreibundsgenoflen zurüdzuführen. An Macedonien fühlte fi Italien aus- 
geichaltet, folange Rußland und Dfterreich dort gemeinfam nad) dem Mürz 
fteger Programm verfuhren, und in dem Grünbuch, das die römifche Regierung 
1906 über Dtacedonien veröffentlichte, tritt dee Unmut über diefe Zurückſetzung 
deutlich zutage. 

Italiens Stellung . verbefierte ſich, als das erftartende Rußland auf dem 
Balkan wieder feine eigenen Wege ging. Das ruffilch-ttalienifche Einvernehmen 
von 1909 ift mit Yubel begrüßt worden: nun fei man erft ganz unabhängig 
von dem deutfchen Blod. Aber eine ruffifcde Übermacht auf dem Balkan wäre 
für Stalien nicht minder unerwünſcht als eine öſterreichiſche. Man hat Rußland 
zu gelegener Zeit gerne gegen Äſterreich ausgefpielt; aber „das legte Ziel des 

5" 


68 Italiens Politit auf dem Balkan und in der Kevante 


Kalten und Rußland einigenden Kampfes birgt den Keim unentrinnbaren 
Gegenſatzes zwiſchen den Kämpfenden in fi. Die Verdrängung Oſterreichs 
von der Ballanbalbinfel würde den ruffifden und den italieniſchen Einfluß mit 
voller Gewalt aufeinander prallen laſſen“ (Robert Michels). Daß die Be 
herrſchung der Dardanellen durch Rußland für Italiens Mittelmeermadt einen 
ſchweren Schlag bedeuten müßte, das ift oft wiederholt worden, feibem Cavour 
mit diefem Sat den Eintritt in den Krimfrieg motivierte. Rußlands Vor⸗ 
berrfhaft auf dem Ballan wäre die gefährlichite „Begrenzung“, die Italien im 
Diten finden Tönnte. 

Die Dinge find an einem Punkte angelangt, an dem ſchon die Konkurrenz 
der jungen Nationalftaaten des Balkans fih für Italien unliebfam bemerkbar 
macht. Seit dem Balkankrieg hat die offizielle italieniſche Politik vereint mit 
der dÖfterreichifchen die Anſprüche Serbiens auf Nordalbanien befämpft. Gie 
bat es in meifterhafter Gefchiclichleit verftanden, trogdem den Serben gut Yreund 
zu bleiben. Aber es ift deutlich, daß ein großferbiicher Staat an der Adria für 
das Regno ein um fo weniger angenehmer Hausgenofje wäre, als er von der 
Macht des Panflamismus getragen würde. Man liebt es augenblidlidh in 
Italiens Preffe, diefe Gefahr gering anzufchlagen, um von Sorgen ungetrübt 
bie feindlichen Empfindungen gegen Dfterreich frei walten Iaffen zu können. 
Daß die flawifhe Gefahr im Grunde au von italieniihden Politikern Tlar 
erfannt wird, ift aber daraus zu erjehen, daß vielfach geraten wird, die Gegner⸗ 
ichaft gegen Griechenland zurädtreten zu laſſen, um fih in ihm einen Der- 
bündeten gegen das Slawentum zu fichern. 

Auch Griechenlands Auflommen bat Italien begünftigt. In der Frettichen 
Trage bat es ſchon in den neunziger Jahren die türfenfreundliche Haltung der 
anderen Dreibundftanten nicht unterjtübt. Das Großgrieddenland von heute 
droht aber ein nicht ungefährlicder Rivale im öftliden Beden des Mittelmeeres 
zu werden. Die Erpanfion beider Staaten ftößt in Epirus und in der Levante 
aufeinander. Im Ägäiſchen Meer bat Stalien während des Tripolistrieges 
den fogenannten Dodelanes, zwölf Infeln an der Tleinaftatifhen Küfte, darunter 
Kos und Rhodos, befegt. Im Friedenſchluß verjpra es, fie herauszugeben, 
fobald Lybien von den Türken geräumt fei. Bevor das geſchah, brach der 
Ballankrieg aus, und Griehenland würde ficherlich wie die anderen türfifchen 
Inſeln auch den Dodelanes bejebt haben, wenn dort nicht noch italieniſche 
Zruppen geftanden hätten. Deshalb verlangten die Griechen, daß die zwölf 
Inſeln an fie, nicht an die Türken herauszugeben wären, um fo mehr, als bie 
faft völlig griechiſche Inſelbevölkerung Kundgebungen in diefem Sinne unternahm. 
Die römiſche Regierung hat fi bisher mit Erfolg gemeigert, eine Entſcheidung 
in diefer Frage von anderen Großmächten, das heißt vor allem von England, 
anzunehmen; fie behält das Fauftpfand einftweilen in der Hand und Hat damit 
aud einen Stüßpuntt für jede weitere Altion. Da Frankreich Griechenlands 
Anſprüche unteritügte, fieht fie die Gefahr eines franzöſiſch⸗griechiſchen Bünd⸗ 


Italiens Politit auf dem Balfan und in der Levante 69 


nifjes vor ih. Deswegen find Stimmen laut geworden, man müſſe Griechenland 
für fi gewinnen, und zwar unter einer antiflawiihen Parole. San Giuliano 
ſchrieb ſchon 1902: „Der Hellenismus iſt eine Kraft, die zu Verbündeten zu 
baben unter Umftänden ſehr nüslich fein Tann, und welche, wie die Freundfchaft 
der Rumänen, der Albanier und der Magyaren, uns einmal als Wehr gegen 
da3 auf die Ballanhalbinfel eindringende Slawentum dienen Tann.” 

Man fieht: als der gefährlichite Feind gilt unbefangener Betrachtung eben 
doch der Panflawismus. Ihm gegenüber pflegt man auch die Verbindung mit 
Rumänien. Daß die vielberufene Stammesverwandtihaft Rumäniens weniger - 
eine ethniſche Tatſache als ein antiruffiiches politifches Programm bedeutet, 
da bat uns ein Italiener (Amadori Birgilj) gelehrt: „Das rumäntiche 
Boll, namentlich das Landvolk ift ſlawiſch geblieben. Die führenden Klafien 
fehen aber in dem Latinismus ein ganzes politifches Programm, die Behauptung 
einer glüdlihen Unabhängigfeit, nicht fowohl gegen die flawifchen als gegen 
die ruſſiſchen Mächte, die das Land umgeben; fie erllären fich deshalb für 
Xateiner, fie erwärmen fich bei ber Erinnerung an Rom, das das opportuniftifche 
Zeichen ihrer Unabhängigfeit ift.“ 

In der Zürlei hat Italien in den legten fünfzehn Jahren feinen Einfluß vor 
allem auf Koften Frankreichs auszudehnen verſucht. Die Tirchenfeindliche dritte 
Republit bat dem „Lirchenräuberifchen” Italien einen Teil feines Protektorats 
über die katholiſchen Chriften im Drient abgetreten. Darüber find im Auguft 
1905 beftimmtere Abmadungen erfolgt, und Italien entfaltet dort feitdem eine 
lebhafte wirtfchaftliche und kulturelle Energie. Für die Unterſtützung religiöfer 
Werle in der Levante gibt der italieniſche Staat mehr als eine Million aus, 
und durch Schul- und Banlgründungen in Smyrna und Konftantinopel fucht 
er feinen Einfluß zu ftärlen. Der Patriarch von Serufalem ift ein Staliener. 
Das Beltreben, Preftige zu gewinnen, illuftriert der Heine Bug, daß bie 
Staliener in Kreta und in Kleinafien archäologiſche Ausgrabungen veranftalten, 
obwohl doch der heimifhe Boden der unbehobenen Schäge die Hülle und 
Fülle birgt. Der Sieg über die Türkei wurde dazu benutt, in Kleinafien 
wirtſchaftliche Vergünjtigungen zu gewinnen. Man verjuchte in den Vilajets 
Brufla und Aidin, alfo im Norden wie im Weiten, fi) Einfluß zu jchaffen. 
‘m September 1913 wurde einem italientiden Konjortium die Konzeſſion 
für die Bahn Adalia—Burdur erteilt, die dem italienifhen Handel die Be» 
berrfäung des Vilajets Adana im alten Pamphylien ermöglichen fol. Wie 
man fieht, richtet ſich dieſe wirtſchaftliche Tätigkeit nicht auf ein beftimmtes 
Gebiet, fondern auf ganz Anatolien. Die bisherige italieniſche Drientpolitif 
war leineswegs auf eine Teilung der Türkei berechnet, wie es von der Rußlands 
und Englands gejagt werden kann. Geit dem Ballanfrieg beftand denn auch 
in Rom das aufrichtige Beitreben, die Stellung der Türkei zu Träftigen. 
Freilich bedeutete der Eintritt der Zürlei in den Weltkrieg für Italiens 
Keutralitätspolitit eine Kraftprobe; denn die Erflärung des heiligen Kriegs 


70 Italiens Politif auf dem Balkan und in der Levante 


bat eine gewiſſe Intereſſengemeinſchaft der über Länder des Islams gebietenden 
Staaten gefhaffen. Bon Anfang an wurde aud) in der italienifhen Kriegspreſſe 
der Gedanke vertreten, Italien müffe fih aus dem wahrjcheinlihen Zufammen- 
bruch der Türkei die Beute retten. Solange aber diejer Augenblid nicht 
offenfundig gelommen tft, wird Italien, allein aus diefem Grunde, wohl faum 
den Anftoß zu einer Ummwälzung geben, die die Befißverhältniffe im Mittelmeer 
in nicht abfehbarer Weife ändern müßte. Nach dem engliſch⸗ruſſiſchen Teilungs- 
plan fcheint für Ktalien ein Gebiet in Stleinafien beftimmt zu fein. Diefer 
Erwerb würde aber nicht im Verhältnis ftehen zu dem Anteil an der wirtichaft- 
lihen und Zulturellen Erſchließung des Drients, den Italien zu gewinnen im 
Begriff ftand. Wird SKonftantinopel und Kleinaflen ruffifh, die Ägäis ein 
griechifcher See, gerät Syrien und PBaläftina in franzöfiſche und englifche Hände, 
dann ſteht Ytalien, mag es auch feinen Anteil erhalten, im Dften vor der 
gleihen „Begrenzung“ wie im Weiten. Der Tonzentrifche Drud, den beute 
fhon die europäifhen Völker auf das Mittelmeer ausüben, wird erheblid 
gefteigert werden, und Stalien mag dann erfahren, was es heißt, ein „Reid 
der Mitte” zu fein, das nach Feiner Seite freie Hand hat. Sein bisheriges 
Verhalten weiſt e8, folange die Türkei ftanphält, auf eine Politit der offenen 
Zür, die es vermutlich ebenfo der Zripleentente wie den Zentralmächten 
gegenüber zur Geltung bringen würde. Den vollen Sieg wird Stalien. feinem 
der beiden fämpfenden Parteien wünſchen; an ihm mag Mar werden, was ein 
ſcharf denfender Schriftfteller (Ruedorffer) Turz vor Kriegsausbruch propbezeite: 
daß von einem modernen Kriege nicht die Sieger, fondern die Zufchauer den 
größten Gewinn haben würden. 








Die Dolksfirhe und ihre vaterländifche Sendung 


Don Artur Braufewetter, Ardıdialonus a, d. Ober» Pfarrfirche 


zu St. Marien in Danzig 


was der Kirche der Gegenwart entipridht, und was ihr not tut. 
u Die Seele des einzelnen tritt in den Mittelpunft allen Suchens, 
fie trägt zugleich ale Verantwortung. Jede Bevormundung hört 
auf; es ift Pflicht des einzelnen, feine Stellung zu Gott ein- 
zunehmen und zu behaupten. Und mie feine Pflicht, fo ift es auch fein 
Recht. 

Damit ift Religion und Neligionsübung bewußt in die Sphäre des 
Geiſtes verjegt, der Unterfchied zwifchen: Klerus und Laien getilgt und jeder 
Stand vor Gott gleichgeitelt. Eine freiere und innerlichere Glaubengjtellung 
it angebahnt, einer deutfchen Einheit und bdeutfchen Kultur ein neuer Weg 
gewiejen. 

Aber in diefer Kraft einer auf das Geiltige gebauten Kirche Liegt — 
das bürfen wir nicht vergefien — zugleich ihre Gefahr. So gut nämlich 
die Kirche der Gegenwart verfchiedene Meinungen tragen Tann und fol, fo 
fehr individuelle Eigenart ihr Farbe und Leben leihen, fo frhr ift die Mahnung 
am Plate: das Ganze nicht ber dem Individuellen, das Allgemeine nicht 
Über dem Perfönlichen zu vergefjen. Ein gar zu ausgeprägter Andividualismus, 
ein zu eng und zu empfindungsvoll gefaßter Perfönlichkeitsbegriff, das ift die 
Gefahr, von der ich ſpreche. 

Die alte Dogmatil unterfcheidet geiſtvoll zwiſchen einer „fihtbaren” und 
einer „unfihtbaren” Kirche. „Sichtbar“, weil organifch geordnet und zahlen- 
mäßig und ſtatiſtiſch nachweisbar, ihre Mitglieder: alle auf den Namen Jeſu 
Ehrifti Getauften. Ihr jedoch mit ihren Fehlern und Gebrechen gegenüber. 
ftehend die unfichtbare, die Idealkirche, und ihre Glieder alle wahrhaft 
Släubigen, alle nicht mit dem Namen und dem Munde, fondern mit der Tat 
und dem Herzen Belennenden, gleichviel zu welcher der fichtbaren Gemeinde 
fie gehören. Gie ift die „Eine“, die „Allgemeine“, die „Gemeinde der 





723 Die Volkskirche und ihre vaterländifche Sendung 


Heiligen”, ein Gegenftand des Glaubens mehr, als des Schauens, bes Sehnens, 
als des Wiſſens. Die Aufgabe der fihtbaren Kirche aber im letzten Grunde: 
ihre Glieder zu ſolchen der unfichtbaren zu erziehen. 

Wir veritehen dieſe jpelulativen Gedanken auch heute noch, wir fühlen, 
wie die Sehnfucht unferer Zeit auf jene Ideallirche gerichtet ift, die, der lebten 
Wahrheit nahe, alle Glieder zur Einmutigkeit in fich ſchließend, das große 
Wort Chrifti zur Wirklichkeit madt: Eine Herde und ein Hirt. 

Für die ernfte Realität des Lebens der Gegenwart freilich liegt ein 
anderes Ziel näber: die Staatsficdhe, in der wir leben, zur Bollsfirche zu 
geitalten. 

Man wollte e8 auf dem vielen erftrebenswerten Wege zu erreichen fuchen: 
Loslöfung der Kirche vom Staate. 

Ich möchte vor diefem Wege warnen. Nicht in der Loslöfung vom 
Staate, im Gegenteil, nur in der Verbindung mit ihm kann die Kirche Volls⸗ 
fire werden. Denn nur fo ift ihr die Möglichkeit gegeben, von aller 
Soliertheit entfernt, das Volksleben religiös, ethiſch und kulturell zu durch⸗ 
dringen. Nur fo lann fie ihre Ordnungen rechtlich gefhübt fehen, und nur 
fo Schließlich ihrerſeits die ftantlich foziale Tätigkeit mit freien Lebensträften 
erfüllen. Zweifellos entiprang der Gedanke einer Loslöfung der Kirche vom 
Staate ideellen Motiven, feine Verwirklichung aber wäre, wenn überhaupt 
möglich, mit Bedenlen verbunden, die unter Umftänden die Eriftenz der Kirche 
gefährden Fönnten. Das ward in warm liebendem Eifer überfehen. Aber auch 
für den Staat wäre eine folde Trennung eine Gefahr. Denn die enge Der- 
bindung mit der Kirche bewahrt ihn davor, religionslos zu werden. Daß 
außerdem bei einer Loslöfung die theologiſche Ausbildung der Prediger auf 
ben Univerfitäten, die Anftellung der Profefioren heute gar nicht zu überſehenden 
Schwierigkeiten begegnen würde, fol nur nebenhin erwähnt werden. Wie es 
ja überhaupt nit in der Richtung und Abficht diefes Auffabes Iiegt, das 
Gebiet der Loslöfung der Kirche vom Staate eingehender zu erörtern. Nur 
geftreift ſollte es werden und denen, bie fi auch heute noch nicht von dem 
Wunſche einer ſolchen Trennung Iosfagen können, die Frage vorgelegt werden: 
ob fie wirklich meinen, daß die Kirche ftarf genug wäre, eine Tages ganz 
auf fi felbft geftellt zu fein? Ich glaube, fie braucht den Staat, wie ber 
Staat fie braudit. 

Freilih mit der Staatskirche allein wäre es auch nicht getan. Das fahen 
die bald ein, denen die freie Entmwidlungsfähigleit der Kirche am Herzen lag. 
Darum trat an Stelle des Schlachtrufes: „Hie Staatliche”, „hie Freilirche!“ 
bei den Einfidtigen das Beſtreben zutage: anjtatt fih im zwei Lager zu 
zerfplittern, lieber alle Kräfte darauf zu richten, die Staatskirche zur Volkskirche 
umzuwandeln. 

Aber nun zeigten ſich erft recht die Schwierigkeiten, die ſich einer Volls⸗ 
tümlichleit der Kirche entgegenftellten. Nicht die ſtark einfeßende und methodiſch 


Die Volkskirche und ihre vaterländifhe Sendung 73 


um fi) greifende Austrittsbewegung war bie größfte unter ihnen. Sie wurde 
weit überfhägt und Hatte für VBeftehen und Bedeutung der Kirche durchaus 
nicht den Wert, deu man ihr anfangs zumal. 

Eine bei weiten größere war ber auffällige und unaufhaltfame Rüdgang 
des proteſtantiſchen Bevölferungsanteils, der ſich mit der Notwendigfeit eines 
natürlichen Creignifjeg vollzog. Er war weniger durch religtöfe als durch 
wirtfchaftlide und ethiſche Motive begründet. Und zwar buch den Rückgang 
der Geburten insbejondere in den germanifchen Ländern, die fämtlich einen viel 
ftärferen Rüdgang zeigten als die ſüdromaniſchen und flamifchen. 

Ein weiterer Hinderungsgrund für die Vollstümlichlett ‘der Kirche war 
die religiöfe und kirchliche Gleichgültigfeit, der fie unter ihren eigenen Gliedern 
begegnete. Es gab wohl Gemeinden und Drte, in denen die Beliebtheit oder 
befondere Befähigung eines Geiftlichen einen ſtarken Kirchenbeſuch hervorrief, 
in denen gute Gewohnbeit fajt ausnahmslos Taufen und kirchliche Trauungen 
verlangte, und die Begräbniffe ftetS unter geiftliher Begleitung ftattfanden. 
Hieraus aber den Schluß der Voltstümlichkeit der Kirche als folcher zu ziehen, 
wäre gemagter Optimismus gewefen. Gerade in diefer regen Entfaltung 
firhlicder Gepflogenheit ftagnierte oft das Firchliche Leben, Tonnte von feinem 
Eindringen in das Boll Teine Rede fein. Jenen Streifen ftanden andere 
gegenüber, — und oft waren e8 ernft und aufrichtig fuchende — die ſich durch 
die für die große Menge berecjneten Leiftungen der Kirche, durch ihre Gottes- 
dienfte, in denen der Geiftlihe, wohl auch die Gemeinde als ſolche zu ihrem 
Rechte Tamen, aber nicht der einzelne mit feinem religiöfen Verlangen und 
feiner perfönlichen Anteilnahme, von der großen kirchlichen Organifation ab⸗ 
geftoßen fühlten. Das fchuf den zahllofen Selten den Boden, vor allem aud) 
den wadjjenden Gemeinſchaftsbewegungen, die bald eine größere Vollstümlichkeit 
befaßen als die Kirche. 

Zu diefer Gleichgültigfeit und Abwendung uon der Kirche gefellte fich, 
insbeſondere in ſtark induftriellen Ländern oder Großftädten, etwas anderes: 
ausgeſprochene Feindſeligkeit. Mochte diefe nun fozialen oder politifchen 
Urfprungs fein, mochte fie in der wachſenden Kirchenfteuer oder in anderen 
wirtſchaftlichen Einrichtungen begründet fein, modten die Selten fie fchüren 
oder die Agitation der Konfeffionslofen, jedenfalls hinderte fie die Kirche 
vollstümlid) zu werden. 

Die Kirche erfannte die ihr drohenden Schwierigleiten und war auf dem 
Plane. Gie teilte ihre Gemeinden, beſonders in den größeren Städten, zwecks 
ftärferer Durchbringung und intenfiverer Arbeit, in einzelne Seelforgerbegirke, 
fie ordnete, um dem Gemeinſchaftsbedürfnis erfolgreih entgegenzulommen, 
regelmäßige Bibelftunden im engeren Kreiſe an, fie förderte und fpornte bie 
Bereinstätigleit, fie veranftaltete Familien- und Clternabende und widmete den 
Kindergottesdieniten erhöhte Aufmerkſamkeit. Sie veranftaltete Vorträge apologe- 
tiſchen Charakters oder ließ Fragen ethiſchen und kulturellen Inhalts im Rahmen 


174 Die Volkskirche und ihre vaterländifche Sendung 





ihrer religiöfen Anſchauungen behandeln, fie beichäftigte fi mit dem Plane 
einer Neugeftaltung der Agende und bemühte ſich, weniger abgejtandene Doktor 
fragen in ihren Synoden zu behandeln. 

Gewiß, das alles blieb nicht ohne Wirkung und Frucht. Aber die Bolls- 
kirche ſchuf es nicht. Das Volk als folches ftand der Kirche zu einem jehr 
großen Zeile immer noch abmwartend, ja ablehnend gegenüber, die matte 
Gleichgültigkeit war nicht gehoben. 

Da kam ein Reformator. Der faßte zu mit ſtarker Hand, der ſchuf aus 
MWundern fein großes Werl. Schneller, als es irgendwer geabnt, ließ er das 
firhliche Leben, da8 an vielen Wunden blutete, genefen. Was vielen machtlos 
erſchien, jchuf er zur Macht, was fie alt und entkräftet wähnten, machte er zur 
Jugend und zur Kraft. Aus dem Zmiejpältigen fchmiedete er das Geeinte, 
aus den Parteiungen das Ganze. Diefer Neformator hieß der Strieg. 

Vom eriten Mobilmahungstage an jchien eine neue Zeit für die Kirche 
gefommen. Sie bildete in Gottesdienften und Abendmahlsfeiern den Sammel- 
punft aller Kreife des deutſchen Volles. Die in langer, lauer FriedenSzeit 
manden ſchon als überflüjfig anmutende Kirche war zu einem Felſen in ber 
Brandung rings umber geworden. Gie hatte volkstümliche und nationale 
Bedeutung gewonnen, war aus ihrer mehr fepariftiichen Stellung erhoben und 
zu einem Allgemeingut des Volles geworden. Cine ecclesia militans, abet 
nit mehr in dem Sinne, daß fie gegen die Widerftände der Welt-Lämpft, 
fondern daß fie an den ernten Aufgaben des Vaterlands mit lämpfen, mit ihm 
eins fih fühlen konnte. Das fo viele Jahre hindurch mit heißer Sehnſucht 
erftrebte Ziel war Wirflichleit geworden: die Kirche nicht mehr einzelner 
Gläubigen und Frommen im Lande, fondern die Kirche des Volkes. 

Ein wejentlider Umſtand erleichterte dies neue Werden: unter den 
gewaltigen Eindrüden der Ereigniffe fiel der fo lange herrſchende Hader ber 
Konfeffionen und der kleinliche Kampf der Parteien und Richtungen, der wie 
im ganzen Daterlande, fo leider auch in der Kirche feine unheilvolle Rolle 
geipielt, in fih zufammen. In einer Zeit, in der der Proteftant wie der 
Katholik in einer Front für eine Sache Leib und Leben gaben, reichten fich die 
getrennten Konfejfionen über des Vaterlandes heiliger Not die Hand, das aufge 
ſprochene Schutz⸗ und Trutzlied der evangelifchen Kirche, das fonft bei proteftantifchen 
Verfammlungen und an proteitantifchen Fejttagen gefungen wurde: „Eine feite 
Burg iſt unfer Gott“ wurde chriftliches Nattonallied, das da draußen wie 
daheim als Kampf: und Giegesgefang neben der „Wacht am Rhein“ und 
„Deutichland, Deutichland über alles“ vor dem Kaiſerſchloß in Berlin, bei dem 
Tale Antwerpens und in den Schühengräben erklang. Nur das GEinigende 
herrſchte; das Chriftlich-Deutfche. 

Das zeigte fih am ftärkiten auf dem Felde der Caritas und materiellen 
Hilfeleiftung. Wer hieß evangelifh, wer fatholifh, wenn es darauf anlam, 
einem bebrängten Baterlande, notleidenden Brüdern oder Schweftern zu helfen? 


Die Volkskirche und ihre vaterländifche Sendung 75 


Wo gab es da noch eine Kudenfrage? Wo die früher bis zum Überbruß 
gehetzten Begriffe: liberal, konfervativ, fozial? 


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Nun freilih gilt e8 die Hauptfadde: wird e8 der Kirche gelingen, ihre 
fo unverbofft gewonnene Stellung zu behaupten, eine Vollskirche zu werden 
und zu bleiben? 

Damit ftehen wir vor den nationalen Aufgaben, die der Fire aus 
diefer ſchickſalsſchweren Zeit erwachſen. Sie fordern feine Ummandlung, fein 
Abweichen von richtig erkannten Bahnen; wohl aber ein Sichanpaſſen, mehr 
ein Hineinwachſen in die Zeit. | 

Es liegt auf der Hand, daß die über alles Erwarten fchnell erreichte neue 
und gemaltige Bedeutung der Kirche eine ſchwere Verantwortung auferlegt. 
Denn mas fo rafd) geworden könnte unter glüdlicdy veränderten Verhältniſſen, 
die wir Doch alle erhoffen, wieder wie Spreu verfliegen. Mit der Not der Zeit 
Iönnte der Wert der Kirche für die weiten Kreife weichen und alles bald auf 
dem alten Standpunkte fein. Der Kirche aber müßte es darauf ankommen, 
fid ihre Stellung als Volkskirche unter allen Umſtänden, komme es in der 
politiſchen Lage unferes Vaterlandes wie e8 wolle, zu erhalten. 

Jetzt ift die Zeit für fie gefommen. Jetzt oder nie. Was beute verfäumt 
wird, kann nie wieder gut gemacht werden. In den Tagen, die alle Kräfte 
anfpannen, Wert und Unmert nicht nur der einzelnen Perfönlichkeit, fondern 
zugleih aller Einrichtungen, der gefellichaftlichen, ſtaatlichen oder lirchlichen 
Drganifationen auf eine enticheidende Probe ftellen, hat die Kirche Gelegenheit, 
ihre Kraft und Notwendigkeit zu erweifen, was fie bewahren will, zu bewähren. 

Und wie die Zeit find die Umftände ihr günftig. Der ſtarke Anſchluß 
an die Kirche iſt keineswegs, wie Schwarzfeher vorausfagten, eine vorübere 
gehende Folge der Erregung und des Ungemwohnten geworden, der fi) im 
Kaufe des Krieges abſchwächen würde. it er naturgemäß auch nicht ganz fo 
ftarf mehr wie in den eriten Tagen, fo hält er ſich jet noch, nad) faft neun 
Monaten, auf beträchtlicher Höhe. Menſchen, die früher feine befondere Neigung 
für eine gottesdienftlihe Betätigung zeigten, fühlen jest einen Zug zu ihr hin. 
Es ift fo viel der zehrenden Unruhe in ihnen und der bangen Ungebuld, fie 
fuden die Ruhe, „die noch vorhanden ift dem Bolfe Gottes”. Oder fie haben 
viel Schweres erfahren, ihre Philofophie verfagt, ihre Arbeit gibt ihnen nicht 
mehr die alte Kraft. Sie verfuhen es mit dem feiernden Gotteshaufe. 

Ein anderer Prediger treibt in die Kirche: der Tod. Gemiß, er ift 
immer da gemwejen. Aber man hat nicht gerne an ihn gedacht, hat ihn ignoriert, 
folange es eben ging. Jetzt gebt es nicht mehr. Wir find von feiner 
Wirklichkeit umfangen. Der Tod ift in der Welt. Nicht nur auf dem Schlacht» 
felde, fondern auch bei uns daheim. Die Kreife um uns lichten fi), Die 


76 Die Dolfstirche und ihre vaterländifhe Sendung 





Häufer werben leer. Wir gehen, ein jeder auf feine Weiſe, den Gedanken bes 
Todes nach und vergraben uns in feine dunklen Geheimniſſe. Die einen fuchen 
die Löfung wieder in der Philofophie, die anderen in der Arbeit, viele aber 
treibt der Todesgedanle in die Kirche. Das tft von Anbeginn jo ge- 
wejen. 

Auh von den Tapferen da draußen hören und lejen wir immer aufs 
neue, daß ihnen ein Gottesdienft oder eine Feldandacht viel der Kraft 
und Aufrichtung gibt. Das Verlangen nad) einer größeren Anzahl von Feld 
geiſtlichen wächſt. 

Alſo das kirchliche Bedürfnis, das eine Reihe von Jahren geſchwiegen 
hatte oder latent geblieben war, iſt mit Nachdruck erwacht. Das iſt zweifellos. 
In ſeinen erhebenden wie niederdrückenden Ereigniſſen iſt der Krieg ein gewaltiges 
stimulans für das kirchliche Leben geworden, und es kommt lediglich darauf 
an, die ſäenden Kräfte fruchtbar zu machen. 

Das gilt nun aber in allererſter Reihe von der Predigt, der in dieſer 
ernſten Zeit eine beſondere Bedeutung zukommt. Wir haben bereits geſehen: 
fie war nicht immer von der Kraft getragen, die ihr notwendig war. Sie 
erörterte dogmatiſche Fragen, die für unfere Zeit eigentlich leinen beſonderen 
Wert mehr befaßen. Da es eine große allgemeine Not nicht gab, fo drehte 
fie fih gar zu leiht um die einzelne Meine. Das raubte ihr den Zug ind 
Große und lieh ihr einen gemiflen fentimentalen Charakter, der nicht jedermanns 
Sache war. 

Darin iſt jet Wandel geichaffen. Die Nöte unferer Zeit finden ihren 
Widerhall in jeder Seele, das Einzelleid ift weſenslos geworden, es gebt auf 
in dem allgemeinen für das Vaterland. Jene Art überperjönlidder Predigt, 
wie fie die lange, laue Friedenszett gezüchtet, ift heute einfach unmöglich. Die 
Chriften ftehen alle für einen, einer für alle. Die Perfönlichkeit Jeſu Chriftt, 
der man auch bereitS einen gewiſſen Zug ins Sentimentale gegeben, lebt jet 
auf in ihrer ehernen Größe. Nicht nur die weidhen Worte feiner Liebe, auch 
jenes andere erwacht zum Leben: „Ihr follt nicht mwähnen, daß ich gelommen 
fei, Frieden zu fenden auf Erden. ch bin nicht gelommen, Frieden zu fenden, 
fondern das Schwert.” Und mit der propbetiichen Wahrheit feines Wortes 
fommt feine große Tat unter den reigniffen diefer Zeit zu ganz neuer 
Bedeutung: die opfernde Hingabe feines Lebens für die Menjchbeit. 

Und mit ihm erhebt fich neugeboren und neufporend eine andere Perfönlich- 
feit: Martin Luther. In einer Zeit, in der wir für die heiligen Güter 
deutfcher Kultur und Freiheit bis auf den legten Blutstropfen kämpfen, bat er 
uns naturgemäß viel zu fagen; denn auch bei ihm und feinem Kampfe handelte 
es fih um die höchſten Güter der Freiheit und Kultur. Uber wir Tennen 
Luther noch zu wenig. Gerade die Geiftesgebilbeten unferes Volles fehen in 
ihm zwar einen religiöfen Genius, find fich jedoch über den Umfang und die 
univerfale Kraft feiner Schöpfung zu wenig Mar. Als der eiferne Mann in 


Die Volkskirche und ihre vaterländifche Sendung 77 


eiferner Zeit fteht er heute vor uns, der als guter Chrift dennoch das Wort 
geiprodden: über den Krieg müfje man männlich denken. 

Keiner Tennt die Schreden bes Kriege wie er, Teiner weiß zugleich fo 
Nar und nüchten über ihn zu reden. Der Krieg ift „ein furchtbares, graufiges 
Schrednis”", Teuerung und Peſtilenz find „wie Fuchsſchwänze, ja, nicht zu 
vergleihen mit dem Kriege. Wer ibn anfängt, der frevelt wider Gott und 
fol gefchlagen werden.” Aber biefer „Kriegsluft” fteht ein anderes gegenüber: 
der „Notkrieg“. „Der erſte ift des Teufels, dem gebe Gott fein Glüd, der 
andere ift ein menſchlich Unfall, dem Helfe Gott... . E8 wird die Zeit jelbit 
Ernft genug mit ſich bringen, daß den zornigen, trogigen, ſtolzen Eifenfreffern 
die Zähne follen fo ftumpf werben, daß fie nicht mal friſche Butter beißen 
fönnen.“ 

Auch die jeht oft fo müßig aufgemorfene und breitfpurig behandelte Frage: 
wenn e3 einen Gott gibt, jo müfje er der gerechten Sache den Sieg verleihen, 
wird von Luther treffend und kernig beantwortet: „Mann, Waffen, und alles, 
fo zum Streite gehört, fol man haben, fo es zu belommen tft, auf daß man 
Bott nicht verfuhe. Aber wenn mans hat, fol man nit darauf trogen, auf 
daß man Gott nicht vergefle oder verachte, denn es ſteht gejchrieben: aller 
Sieg kommt vom Himmel. ... Wahr ift es, rechte gute Urfache haft du, zu 
friegen und dich zu wehren, aber du haft darum noch nicht Siegel und Briefe 
von Gott, daß du gewinnen werdeſt.“ 

Aber anderfeitS verheißt er: „Wer mit gutem, woblberichtetem Gewiſſen 
ftreitet, der fann auch wohl ftreiten, fintemal es nicht fehlen fann, wo gutes 
Gewiſſen ift, da ift auch großer Mut und fedes Herz; wo aber das Herz led 
und der Mut groß fit, da tft die Fauft noch deſto mächtiger, und beide, Roß 
und Mann, frifder, und gelingen alle Dinge befler, und fchiden fi auch alle 
Fälle und Saden deito feiner zum Siege, welchen denn Gott auch gibt.“ 

Das ift der männlich deutfche Klang, in dem uns die Verfündigung des 
Wortes in diejer Zeit und aud in der kommenden geboten werden muß. Denn 
wer kann fih heute, Tann fi für eine fehr lange Zukunft eine Predigt voritellen, 
die nicht national gefärbt ift, in der das Deutſche und das Chriſtliche nicht in- 
einander übergeben? Wer will überhaupt noch etwas hören, das mit den gewaltigen 
Beitereigniffen nicht in irgendweldem Zuſammenhange fteht? 

Aber ich gehe weiter. Die vaterländifhe Aufgabe der Kirche bat noch 
andere, ausgeſprochen praktiſche Ziele: ethiſche und wirtfchaftlide Aufklärung 
unſeres Volkes. 

Es iſt fraglos und wird jeden Tag durch die Erfahrung aufs neue 
beſtätigt, daß trotz aller behördlichen Maßnahmen weiten Kreiſen der tiefe Ernſt 
unſerer wirtſchaftlichen Lage noch nicht aufgegangen iſt. Dies liegt ſehr oft 
weniger am böſen Willen als an mangelnder Aufklärung. 

Und hier iſt meines Erachtens eine neue hochbedeutende vaterländiſche 
Aufgabe für die Kirche geſchaffen. Denn in ihr ſammeln ſich die Menſchen 


18 Die Volkskirche und ihre vaterländifche Sendung 


aller Kreife. Hier hat der Geiftliche den Arbeiter, das Dienſtmädchen wie den 
Gebildeten zu feinen Zuhörern. Hier tft zugleih die größte Cmpfänglichfeit 
und der Wille anzunehmen. Was der Pfarrer von der Sanzel jagt, wird 
anders aufgenommen, als was gejchrieben oder angeordnet wird. ine geeignetere 
Stelle zur ernften aufflärenden Mahnung iſt alfo nicht denkbar. 

Dder wollte man einwenden: eine ſolche praftiihe Belehrung über wirt- 
Ihaftliche Dinge würde eine bedenkliche Annäherung an den flachen Nationalismus 
der Aufflärungszeit bedeuten ? 

Das wäre falſch. Eine ethiiche Aufflärung zu unferes Vaterlandes Heil 
würde im Gegenteil einer Vertiefung religiöfen Lebens und Handelns glei 
fommen. Bon jeher haben die Kraft und Größe des Chriftentums in der Ber- 
fündigung eines Glaubens beftanden, der tätig ift in der Liebe, haben fie ſich in 
der Hinwendung zu den täglihen Aufgaben und Bebürfniffen des täglichen 
Lebens gezeigt. Aus ihnen erwuchſen die unvergleichlichen Neden und Gleich⸗ 
niffe, mit denen Chriftus fo gewaltig an den Nero des Volfslebens zu fallen 
wußte. Was uns heute not tut, das ift ein praftifhes Chriftentum, das nicht 
immer „kirchlich“ fein will, fi) vielmehr auch außerhalb der kirchlichen Formen 
fruchtbar an den rein humanitären Arbeiten freier oder ftädtifcher oder ftaat- 
liher Einrichtungen beteiligt. So allein bemährt es die Kraft des Sauerteiges, 
der die Welt durchdringen joll. 

Es tit ſich bereit3 feiner vaterländifhen Aufgaben bewußt gemorden. Aus 
Pfarrhäufern, von Presbyterten und Gemeindevermwaltungen find zahlreich bie 
Liebesgaben und TFeldpoftpalete an unfere Srieger herausgegangen. In ben 
Lazaretten und anderen Einrichtungen des roten Kreuzes haben Geiftliche, ihre 
Frauen und Töchter hingebend gearbeitet. Die innere Miffton, der evangelijche 
Bund und fonftige kirchliche Einrichtungen haben die Sonderaufgaben, derent⸗ 
wegen fie ins Leben gerufen wurden, bintenangeftellt um lediglich vaterländifche 
Arbeit zu tun. Don der nationalen Bedeutung, die man der Kirche jetzt allgemein 
zuerlennt, zeugt aud der häufig gemachte, hier und da bereits in die Tat 
übergejegte Vorſchlag: man möchte die traurigen, mit der Auffchrift „tot“ oder 
„gefallen“ zurüdgefandten Briefe ebenſo wie offizielle Todesbenacdhrichtigungen 
an das zuftändige Pfarramt fchiden, damit der Geiftlihe hingehen und die 
Angehörigen in der rechten Weife vorbereiten könne. | 

Bon wie vielen Pfarrern haben die Zeitungen berichtet, daß durch ihre 
Predigten und ihr Wirken Unfummen von ängfıli verſteckt gehaltenen Gold⸗ 
ftüden herausgegeben und der Reichsbank überwieſen wurden. 

Aber auch ſchon in Friedenszeiten haben fich die Geiftlichen als Borfigende 
oder im verborgenen arbeitende Mitglieder der Krieger-, Dfimarlen-, Flotten- 
und anderer nicht „tirchliher” Vereine in den Dienft des Vaterlandes geitellt. 

Wil die Kirche zur Volkskirche werden, fo muß auf diefer Linie erfolgreich 
begonnener patriotifcher Zätigleit unentwegt weitergearbeitet, muß auf fozialem 
wie vollSwirtfchaftlidem Gebiete vieles gefchaffen werden, was nicht „kirchlich“ 


Die Volkskirche und ihre vaterländifche Sendung 19 


ift und dieſe Bezeichnung dennoch als die Liebesbetätigung einer religiös fittlichen 
Gefinnung verdient. 

„Bebt jedes Goldſtück fofort in den Verkehr oder bringt es auf bie 
Reichsbank, tragt keinen Pub, bezähmt eure Vergnügungsſucht, meidet bie 
ſchalen Schauftellungen der Kinos, die widerwärtigen Operetten nad) franzöfiſchem 
Rezept, die elende Theater anitatt gejunder Soft felbft in dieſer bittererniten 
Zeit vorzufegen den Mut haben, fchraubt mit jedem Tage eure Anjprüce 
um ein weniges herab, feid genügfam und gebt von dem, was ihr jo ohne 
große Mühe erfpart, denen da draußen oder den Notleidenden!” das wäre 
eine Behandlung der vierten Bitte: „Unfer täglich Brot gib uns heute” in neuer 
nationaler Bedeutung. ine fehwere, aber heilig große Zeit voller Würde und 
Kroft auf fich zu nehmen, das iſt das Ziel, dem wir entgegenreifen, und an 
dem die Kirche in erfter Reihe mitzuarbeiten berufen iſt. 


* 
* 


Und wieder gehe ich einen Schritt weiter. Sol die Kirche ihre vater- 
laͤndiſche Aufgabe erfülen, fol fie ins Voll dringen und eine „Volklslirche“ 
werden, dann darf fie nicht mehr eine Kirche der Paftoren bleiben, wie fie es 
leider immer noch ift. 

Das ift ja der ganze Widerſpruch und das Verhängnis, an dem insbefondere 
die evangelifche Kirche leidet: fie will eine Kirche des Volkes fein, fie proflamiert 
das Prieftertum aller Gläubigen, fie vermwirft die ängftlide Trennung von 
Klerus und Laien — und fie bleibt doch die Kirche der Paftoren, bleibt doch 
von jeder wirfliden Mitarbeit der Volkskreiſe weit entfernt. Sie bat ihre 
Bemeindeorganifation, ihre Kirchenälteften, ihre Gemeindevertreter aus bürger- 
lichen Kreijen, beruft aus ihnen ihre Synoden: Kreis⸗, Provinzial-e und 
Generalfgnode. Aber die Nedenden und Handelnden find faft immer bie 
Geiſtlichen. 

Sie hat ihre Gutes wollenden Vereine: Guſtav⸗Adolf⸗Verein, Evangeliſcher 
Bund, Innere und Äußere Miſſion. Aber die leitenden Perſönlichkeiten find 
Baftoren oder Mitglieder der Konfiftorien. Grundfalid. Das gerade ift es, 
was die Kirche hindert, ins Volk zu dringen. in mitten in der Arbeit des 
Tages, mitten im Strome bes Lebens ftehender Mann müßte in ihnen die Führung 
übernehmen, gleichviel, ob er den eriten oder den einfachen Geſellſchaftskreiſen 
angehört — nur nicht der Geiftliche, von dem jedermann fofort die Über- 
jeugung bat, er müſſe ſolche Arbeit „von Berufs wegen“ leijten. 

Jetzt ift wiederum die Zeit da, wo es einer von ihrer vaterländifchen 
Sendung erfüllten und diefe mit allem Eifer treibenden Kirche nicht fchwer 
fallen follte, ſolche Perfönlichleiten aus ben Streifen der „Laien“ zu finden und 
für ihre Aufgaben und Ziele warm zu madıen. 

Zielbemußte Heranziehung der Vollskreiſe zur Mitarbeit, rechtes Verftändnis 
für nationale Wirkfamfeit, eine der großen Zeit angepaßte großzügige Predigt, 


80 | Gobinean über Dentfhe und Franzoſen 


Teilnahme an allen ethiſchen, aber auch fozialen und vollswirtſchaftlichen Auf⸗ 
gaben, die uns heute dringender als je am Herzen liegen, das find bie neuen 
Wege und Ziele, die fih für die Kirche auftun. 

Aus diefem Grunde trete ih auch für das kirchliche Stimm⸗ und Wahl. 
recht der Frau ein, fowohl für das. altive wie daS paſſive. Denn in dem 
Streben, die Kirche ind Boll zu tragen, fällt ohne Zweifel ber Fran eine 
große Aufgabe zu. 

Und erſt wenn alle Kraft darauf gerichtet ift, die Staatskirche zur Voll 
fire zu geitalten, ihre rein „kirchliche“ Sendung zu einer nationalen und 
vaterländifhen umzuändern, dann kann fie ihre Aufgabe erfüllen: Erzieherin 
des Volles, Teilnehmerin an feinen Erhebungen und Leiden und das — 
Gewiſſen der Geſellſchaft zu ſein. 





Gobineau über Deutſche und Franzoſen 


Von Prof. Dr. £udwig Shemann 
Schluß) 


Gobineau geht von der Tatſache aus, daß eine ähnliche Kataſtrophe wie 
die Frankreichs im Jahre 1870 kein anderes Land in alter und neuer Zeit je 
betroffen habe und begründet dies damit, daß es ſich bei jener Kataſtrophe 
nicht etwa nur um eine Reihe von Niederlagen, um die Beſetzung zahlreicher 
Provinzen, die Einnahme der Hauptſtadt und die ungeheure Schwächung der 
Finanzkraft, ſondern um das völlige Verſagen der Armee, der militäriſchen wie 
der Zivilverwaltung und um eine weitgehende Entwertung des Vollkes, des 
ländlichen, noch mehr des ftädtifhen, gehandelt habe, fo daß Frankreich am 
Ende nur noch das Bild eines moralifhen Trümmerhaufens geboten habe. 

Eine ſolche allgemeine Auflöfung muß ihre tieferen Gründe haben, ihre 
Urſachen müfjen weit zurüdgehen. Um ihnen auf den Grund zu lommen, hat 
man fi vor allem von dem SKarbinalmahn ber modernen Franzofen frei» 
zumachen, als fet das berühmte Jahr 1789 ein Erneuerungsjahr gewefen, als 
babe die Revolution der Welt eine Normalordnung befchert. In Wahrheit 
hat dieſe vielmehr ledigli der Zentralifation und dem Staatsabfolutismus, 
welche durch die großen Minifter und die großen Monarchen des ancien r&gime 
ſchon auf die denkbar höchſte Stufe gebracht waren, den lebten Abſchluß gegeben. 
„Die Revolution hat durch eine ungeheure Mine in die Luft fprengen zu 


Gobinean über Deutfche und Franzoſen 81 


möflen geglaubt, was mit ein paar Axtſchlägen umzuwerfen war.” Die not 
wendigen Ummälzungen, die fie herbeigeführt bat, wären, fo gut wie in ben 
übrigen europäifden Staaten, auf geſetzlichem Wege zu bewerfitelligen geweſen. 
Sie bat nidht einen neuen ernften Gedanken zutage gefördert, fondern nur 
alles Alte potenziert. Sie bat, wiewohl immerfort Recht und Freiheit im 
Munde führend, welche fie übrigens nur auf die ſchrankenloſe Herrichaft der 
Majoritäten zu begründen wußte, in Wahrheit vielmehr jene mit Füßen getreten, 
alle nod übrigen Freiheiten der Provinzen, der Gemeinden wie der Individuen 
nnterdbrüdt und in ihrem Berlauf zu Ausfchreitungen der Staatsomnipotenz 
geführt, weldhe alles Frühere weit hinter ſich und die vielberufenen „Prinzipien 
von 89" als eine reine Ylufton, ja als eine Myſtifilation erfcheinen laſſen. 
Hand in Hand mit diefem ging ein anderes Übel, das ebenfall$ um jene 
Zeit bejonders ſtark ausgebildet erfcheint und das für die Unglüdsfälle von 
1870 mit in eriter Linie verantwortlich zu maden fein dürfte: die National« 
eitelfeit. In früheren Jahrhunderten hatten ſich die Yranzofen offene Sinne 
und Augen für die Vorzüge des Auslandes bewahrt; und dem entfprad) ihre 
rege Betätigung daſelbft. Man fand Franzofen in Hülle und Fülle in ganz 
Europa, ja in der ganzen Welt. Erft unter Ludwig dem Vierzehnten begann, 
nad dem verhängnisvollen Vorbilde diefes Monarchen, jene Selbftvergötterung, 
welche ein entſprechendes Sicherheben über und Sichzurüdziehen von den anderen 
Böllern im Gefolge hatte. Das übrige Europa hat allerdings nicht wenig 
Dazu beigetragen, durch feinen Kultus alles Franzöſiſchen dieſen bedenklichen 
Zug nod zu fteigern. 
Und doch Hätte gerade im achtzehnten Jahrhundert jo manches hiervor 
warnen follen, da es damals fo ziemlid auf allen Gebieten mit Frankreich 
bergab ging. Statt deſſen ifolierte man fi nur immer mehr und glaubte ſich 
vollends durch die Revolution (deren gefunde Keime und Beftrebungen allen 
Hauptoölfern Europas gemeinfam waren) zu einem einzigartigen Weltheiland, 
zum höchſten Heilbringer der Völfer, zum bevorzugten Kulturträger, zum oberiten 
Hüter von Vernunft, Freiheit und Necht berufen. Der Wahn der Unbefleg- 
barfeit, Hand in Hand mit dem einer geiftigen Überlegenheit (gloire — esprit), 
fette fi dermaßen in der franzöfifhen Vollsſeele feit, daß felbft die furcht- 
baren Schläge, unter denen das Kaiſertum niedergemworfen wurde, ihn kaum 
zu erſchüttern vermochten. Immerhin brachten Reftanration und Julilönigtum 
einigen Rückſchlag wenigftens infofern, als in der geiftigen Welt einzelne 
Strömungen, wie vor allem die Romantik, dem Auslande wieder ernftlichere 
Beachtung und der Nationaleitelleit entſprechende Abzüge zuteil werden ließen 
und in ber politifhen die Regierungen jener beiden Epochen fi den übrigen 
eutopäifchen gegenüber. zur Anerfennung und Borausfegung einer Gleich⸗ 
berechtigung bequemten. Die Nation freilich ließ ſich durch die Damit gegebenen 
Beifpiele in keiner Weife, es fei denn gegneriſch, beeinfluffen, jo daß fie in 
das zweite Kaiferreich vielmehr in einer Verfafjung und mit einer Anſchauung 
Grenzbsten Il 1915 6 


82 Gobineau über Deutſche und Sranzofen 

von fi) felbft und ihrem Allerweltsſchiedsrichterberuf eintrat, die mit der von 
ben übrigen Völlern gegen fie gebegten Geſinnung mehrfach ſcharf Tontraftierte. 
Satte doch die beftändige Unruhe, welche Frankreich feit achtzig Jahren dazu 
trieb, von einer Revolution in die andere zu taumeln, eine Regierung nad) 
der anderen zu ftürzen, e8 am Ende nicht nur bei denjenigen Ländern, welche 
für ihr eigenes Staatsleben der Ruhe bedurften, in Mißkredit gebracht. 

Nach diejen Feitftellungen — der politiſchen Unbeftändigleit, der fchranten- 
Iofen Eitelfeit und der daraus erwachſenden Iſolierung — kommt Gobineau 
wieder auf die Zentralifation zurüd, für welche man fälfchlich öfter den Adel 
babe verantwortlich machen wollen, während fie in Wahrbeit viel eher auf bie 
Bourgeoifie zurüdguführen fet, die weit früher, als man gewöhnlich annehme, 
in Frankreich eine Rolle geipielt und zu deren engen und Furzfichtigen Gefichts- 
punkten das bequeme deal einer allfeitigen und allgewaltigen Verwaltungs 
maſchinerie vortrefflid gepaßt habe. Gobineau tft Übrigens weit entfernt, an 
dieſem Schaufpiel nur die ſchlimmen Seiten zu fehen: er erfennt ausdrücklich 
an, daß ihm die Größe nicht fehle und daß e8 „die volle Schönheit aller 
Fonfequenten und notwendigen Werke“ beſitze. Ein politifcher Gedanke Tann 
großartig fein, ohne darum abfolut wahr und unbeftreitbar nützlich zu fein. 
In jedem Falle tft die franzöflfche Zentralverwaltung dem eigenften Weſen des 
Franzoſen entſprechend, dem innerften Geiſte feiner Raſſe entwachſen. Bon 
Abt Suger bis auf Louvois, von Louvois bis auf Robespierre, von Robespierre 
bis auf die Heutigen bat ein Geiſt alle leitenden Franzoſen beſeelt. Wo 
immerfort nur einem Pole zugeſtrebt wird, kann man faſt von einem ethniſchen 
Verhängnis (fatalitéé ethnique) reden, dem ein Staat am Ende unterliegen 
muß, in welchem alles, felbft die Religion, abminiftrativ geworden: tft. 

Das überwuchernde Beamtentum, das einen folden Staat vornehmlid 
charalterifiert und vertritt, iſt zugleich alles und nichts, eine anonyme, unver 
antwortliche Kraft ohne eigenes Dafein, abwechſelnd königlich, kaiſerlich, national, 
obne innere Beziehung zur jedesmaligen Regierung. Diefe tft vorübergehend, 
die Verwaltung bleibt, fie tft der Staat. 

Nach einem unerbittliden Naturgeſetz verfällt eine jede Macht ber Welt 
von dem Augenblide an der Entwertung, da fie feinen Widerftand mehr findet. 
So tft e8 auch ber franzöfifden Verwaltung ergangen. Nachdem fie in ihren 
guten Zeiten Außerordentliche geletitet (mas Gobineau für die verfchiedenften 
materiellen wie geiftigen Gebiete nochmals ausdrücklich anerkennt, wenn er auf 
binfihtlich deffen, was von den Lobrednern ald Krönung des Gebäudes gefeiert 
wird, nämlich Parts, feine befannten Vorbehalte macht), ſchlug ihr bie Stunde 
in dem Augenblide, da fie in die Hände der Unfäbigfeit und des Leichtfinns 
geriet, da die reine Routine an die Stelle einer intelligenten Leitung trat. 

Es folgt ein vernidhtendes Urteil über die Beamtenfchaft des zweiten 
Kaiſerreichs, unter welchem Leichtfertigleit, volllommene Ignoranz, joviale 
Phrafenmacherei die Hauptmerfmale der franzöfifden Verwaltung nach innen 


Gobineau Aber Deutfche und Sranzofen 83 


wie nad) außen geweſen find. Alle diefe Menfchen, denen die höchſten Sintereffen 
des Landes anvertraut waren, haben ſich tänzelnd, ein graziöfes Lächeln auf 
den Lippen, dem Untergange zubewegt und leider Frankreich hinter ſich herge⸗ 
zogen. Denn mit den Hebeln ihres Emporlommens, Unwiſſenheit und geringer 
Moralität, Haben fie nur zu fehr Schule gemacht; ja, fie find im Grumde nur 
ein Ausſchnitt aus einer Gefellfchaft, in der die drei genannten Gigenfchaften 
ſich feit langem krebsartig feſtgeſetzt haben. 

Bon unten nad oben auffteigend, unterzieht Gobineau barauf bie einzelnen 
Schichten diefer Geſellſchaft einer tiefernften Prüfung. An die Stelle des 
Bauern von ehedem, der noch religiöfen Sinn Tannte und feinem Geiſtlichen 
mannigfache Unterweifung dankte, ift ber moderne Hkonom“ (cultivateur) 
getreten, ber jeinem Vorgänger an Unwifjenheit weit voraus, an feeliicher und 
lörperlicher Gefundheit weit nachſtehend erſcheint. Das dunkle Kapitel bes 
Alloholismus, des gejundheitlichen Niederganges® und des Geburtenrüdgangs 
erfährt ſchon hier eine fhonungsloje Beleuchtung. Seine politifhe Weisheit 
bezieht der Bauer von beute mit wachfender Borliebe von dem Arbeiter, mit 
dem er in der Schenfe zufammentrifft; und da fie in der Hauptſache auf die 
befannten Schlagworte von der Gleichheit und auf die Lehre hinausläuft, daß 
das Bolt (morunter ein jeder vor allem ſich jelbft verfteht) alles und das 
übrige nichts ſei, fo tft das Ergebnis einer ſolchen Belehrung, daß der früher 
ſchon ſtark entwidelte Egoismus des Bauern in die volllommenfte Gleichgültigkeit 
gegenüber den Gefchiden bes Baterlandes ausartet. Er kennt für gewöhnlich 
nur noch das eine Sinnen und Sorgen, fi den Pflichten gegen lebteres auf 
jede Weife zu entziehen, er ift „ein Lafttier, da8 von feiner wahren Beftimmung 
abgelentt iſt“, und kann der elenden Geſellſchaft, die ihn nicht mehr an feinem 
Plage feftzubalten weiß, nur noch zum Schaden gereichen. 

Immerhin kann man fagen, daß er nur nichts Gutes mehr zu ftiften 
vermag; der Arbeiter aber vermag geradezu Böfes zu ftiften. Die mandherlei 
Bildungsverſuche, die man mit den Arbeitern angeftellt bat, haben für bie 
Maſſe derfelben nur dahin geführt, daß fie ſich mit Phrafen vollgefogen haben. 
Sie handhaben diefe mit einer felbftbemußten Sicherheit, al8 wären es ſibylliniſche 
Orakel, und in den Tagen der Unruhen Fönnen fie daher im Munde kalter 
Fanatiler zu den verbängnisvollften Lofungsworten werden. Die Regierung 
bat die Arbeiterfchaft fett Iangem mit berechtigtem Mißtrauen betrachtet, fie 
hätte e8 gerne gefehen, wenn bie Kirche ihre Bemühungen, diefen Stand in 
unſchädlichen Bahnen zu erhalten, gefördert hätte. Aber der Arbeiter. will von 
Religion nichts wiffen, er wirft ſich Lieber den Genüffen, den Ausichweifungen 
in bie Arme. 

Ras zweite Staiferreih, das fein Emporlommen der wahllofen Benubung 
der allerverfchiebenften Elemente verbantte und ſich genötigt fab, fie fih alle 
mwarmzubalten, verfiel der Arbeiterflaffe gegenüber auf den Gedanken, ihr durch 
eine Unternehmung allergrößten Maßftabes zugleich Arbeit und Berbienit- und 

6° 


84 Gobinean über Deutſche und Sranzofen 


Genußmöglichleiten zu verſchaffen, wie fie fie bisher nicht gefannt. Napoleon der 
Dritte ordnete den Umbau von Baris an. Die Hauptitadt Frankreichs follte die 
Hauptftadt Europas werden. Mit allen erdenkbaren Mitteln ſuchte man alle 
Welt dahin zu loden, und nur zu viele Parifer bekamen diefem großartigen 
Aufſchwung den entſprechenden ihrer eigenen materiellen Lebenslage zu danken. 
Diejenigen freilih, auf die es im erfter Linie abgefehen war, vermodite man 
- dennoch nicht zufriedenzuſtellen: mit der Aufbeflerung ihres Looſes wuchs zugleich 
die Begehrlichleit der Arbeiterfhaft, und Dank und Liebe, wo wären die von 
feiten eines Volles je zu finden, es fei denn als Ausflug jahrhundertelanger 
Tradition, innigen Zufammenmwadfens von Regierungen und Negierten, wovon 
in Frankreich feit langem Teine Rede mehr fein Tann. 

Und doc ift die Bedeutung des Arbeiters gerade in dieſem Lande eine 
ganz außergewöhnliche, ja man kann es in gewiflem Sinne als ein Land von 
Arbeitern bezeichnen. Handwerk, Kunſthandwerk, Induſtriekunſt find im modernen 
Frankreich in der Zat auf vorbilblide Höhe gebracht worden. Freilich ein 
magerer Triumph, über welchem noch dazu die höheren Anliegen eines Volles 
völlig außer acht gelafien wurden. Die Befriedigung des beſcheidenen Ehr- 
geizes, Kapitalien nad) Paris zu ziehen, das Land zu bereichern, das Leben 
darin immer bequemer und eleganter zu geftalten, bat in keiner Weile dazu 
beigetragen, diejem letteren num auch Ruhe und Frieden einzuflößen, es weiler 
einzurichten, oder gar zu veredeln. Solange aber der Mann des Handwerks 
— bier im weiteften Sinne genommen — nicht wieder dem Beiſpiele feiner 
Bäter folgt und fih auf die Arbeit zurüdzieht, wird Teine Sicherheit, feine 
Würde für ein Volk denkbar fein, das beider fo dringend bebürfte. 

Der allgewaltigen franzöfifden Verwaltung ift es alfo nicht gelungen, ihre 
Bauern aufzullären, ihre Arbeiter zu bilden, die Intelligenz ihrer Werkzeuge, 
der Beamten, zu entwideln. Sie bat Iediglich das materielle Dafein biejer 
brei Klaſſen verbefjert, fie von allerlei Verantwortungen entlaftet, ihre gemeinen 
und groben Inſtinkte gepflegt, jeberlei moraliſche Einwirkung, jeberlei höhere 
Ideen aber ihnen fo ſyſtematiſch ferngehalten, daß irgenbwelde Kundgebung 
folden Geiftes aus diejen Streifen wie eine romantifhe Anmwandlung erjcheinen 
fönnte, welde den, von welchem fie ausginge, um dem Ruf des gefunden 
Menfchenveritandes und praltiſchen Sinnes bringen müßte. Dabei ift e8 dieſem 
Syſtem nicht einmal gelungen, mittel des ibm beigemifchten weidhlichen Zuges 
bie gehäffigen Leidenfchaften abzudämpfen, die alte Wildheit auszugleichen, bie 
vielmehr in den Tiefen der Volksſeele unvermindert fortwuchert. 

In der Mufterung der einzelnen Volkskreife fortfahrend, lommt Gobineau 
fodann auf bie eigentliden oberen Klaffen zu fprechen, die nicht weniger als 
bie unteren dem Kultus der Materie verfallen, ohne Wärme, ohne Begeifterung, 
ihre Pflicht nicht mehr Tennen und das Recht und die Fähigkeit verwirkt haben, 
dem Volle als Leiter und Führer zu dienen. Und doch ift ein Hochhalten 
eines Volles und Staates einzig von diefen von der Natur gegebenen Sphären 


Sobineau über Deutfhe und Sranzofen 85 


der Autorität aus denkbar: nur von oben herab Tann es durch die rechte 
Fürforge für die Niederen bewirkt werben, daß auch unter dieſen genügend 
viele tächtige Individuen fich entwideln und auf der fozialen Leiter emporfteigen, 
während das in Frankreich geübte Verhätſcheln und Umfchmeicheln der Maflen 
diefe nur durch einen falſchen Enthuflasmus entnerut und entfittlicht. 

Was aber haben die oberen Klaffen feit zwanzig Jahren getan, um ihrer 
doppelten Aufgabe als Inhaber der ſtaatlichen und geſellſchaftlichen Autorität 
und als Vorbilder des Volles gerecht zu werden? Furchtbar lautet die Antwort, 
die Schilderung der Fäulnis, die ſich in diefen Schichten feftgefegt bat, in 
biefer Parifer Gefellfhaft zumal, die, genährt, bereichert, ergößt von dem 
Alerweltsfamneval, den fie nad) ihrer Stadt zu ziehen vermocht hat, nun fein 
anderes Ziel in der Welt mehr kennt, als diefen Karneval immer mehr zu 
vervolllommnen und auszudehnen, und die in der Literatur, die fie fidh 
geihaffen, ein ihrer würdiges Spiegelbild findet, ihren tieferen Grund wohl 
aber ſchon in der Erziehung haben muß. Ein unendlich) trauriger Ausblid in 
bie Zulunft, wie ihn Gobineau das Bild der Parifer Schuljugend eingibt, 
beihließt diefen erften Teil: „Die franzöflfhe Jugend verläßt die Schule, ohne 
Jugend des Herzens, ohne Friſche der Ideen, geiftig abgenust, fleptiih und 
tief unwifjend. Man braudt nur Scharen diefer Schliler die Straßen von 
Paris durchziehen zu fehen, um fi von den traurigften und wiberwärtigften 
Eindrüden erfaßt zu fühlen. Diefe unglüdlichen Kinder, meift vereinzelt gehend, 
ohne Haltung, ohne Anftand, auf ihren fahlen, bleifarbenen, ungefunden oder 
fkanfhaften Gefichtern den Ausdruck herausforderndfter Frechheit, verheißen nichts 
Butes für ihre Zukunft.” Diefe Jugend der Bürgerklafien kennt nur ein Ziel, 
einen Gedanken: reich zu fein oder vielmehr zu werden. Zu genießen, nichts 
zu tun erjcheint ihr das einzige Glück, die einzige Ehre in der modernen Welt. 

Hier bricht, Ieider mitten im Thema, das Manuffript des erften Teiles 
ab. Gewiſſe Gedankengänge, die für diefen zweifellos noch vorgeſehen waren, 
baben nad) Jahren in der Schrift über die dritte Nepublil*) (die überhaupt 
als eine Fortſetzung derjenigen über den Krieg betrachtet werden kann) ihre 
teilweiſe Ausführung gefunden, doch bieten fie dort Leinen vollgültigen Erfah 
für das uns bier Entgangene, da zwiſchen beiden Arbeiten ein merflicher 
Ahftand in Ton und Gehalt befteht und Gobineau die Höhe, auf die ihn die 
Außerordentlichleit der Lage von 1870 erhoben Hatte, unter den abgejhmwächten 
Berhältnifen von 1877 nicht wohl wieder erreichen konnte. 

Der zweite, den Striegsereigniffen gewidmete Teil fhildert zunächſt in 
grellen Farben den Gegenſatz zwiſchen den Borfpiegelungen und Selbſttäuſchungen, 
den Stimmungen und Abfichten der Berantwortlidden und deren Leiftungen und 
Vorkehrungen in der Wirflichleit. Nur eine beifpiellofe Verblendung konnte 


„La troisiöme R&publique frangaise et ce qu’elle vaut.“ Neröffentlicht bei Trübner 
in Straßburg, 1907. | 


86 Gobinean über Deutfde und Sranzofen 


für einen biplomatif und militäriſch fo fchlecht vorbereiteten Feldzug das 
archipr&t eingeben. Die Behauptung, dab das Boll den Krieg gewollt habe, 
wird gründlich widerlegt, das fo ſcham⸗ wie würbelofe Treiben der Prefie in 
jenen Tagen gebührend gebrandmarlt. Wenn nun aber auch zuzugeben ift, 
daß die Zuftände in Armee und Heerführung die denkbar unmöglichiten waren, 
daß überall Verwirrung herrſchte oder doch die rechte Organiſation mangelte, 
wenn die Kriegsſcheu großer Kreife des Volles, namentlich des Ländlichen, von 
Haufe aus die Ihlimmften Ausfichten eröffnete, fo tft es darum doch unbillig, 
bie Berantwortung für dies alles mit der vollen Wucht eines einzelnen 
Anlafies auf das Katjertum zu ſchieben, defien frühere Kriege um fein Haar breit 
weniger abenteuerlih und unfolide, fondern nur zum guten Teile von mehr 
Slüd begleitet waren. War es damals gut gegangen, warum follte es nicht 
diesmal wieder gut gehen? So fchritt man, bie Taten dem Gegner überlafiend, 
zu dem miferablen Theatercoup von Saarbrüden, für den Gobineau nur die 
allerichärfiten Worte der Verdammung findet. Wörth war bie Antwort, bie 
jedem, auch dem lebten Yranzofen wie ein betäubender Schred ins Mark fuhr. 
Und als fi nun gar zeigte, daß felbft dies unerhörte Ereignis nur ein Glied 
einer Kette war, da wurde zugleich Mar, dab das nicht mit rechten Dingen 
zugeben könne. Es erſchollen die in Frankreich feit Jahrhunderten üblichen 
Berräterrufe, es erfolgten Ausbrüde der Niedrigkeit in der Bevöllerung, der 
Andisziplin im Heere. Eine angftoolle Verwirrung bemädhtigt fi) der &emüter. 
. Der arme Kaiſer finkt wie von felbft von feinem Kommandofige herab. Die 
Verwaltung gebt aus den Fugen und das durch fie nachgerade zum Automaten 
gewordene franzöfiihe Voll verfinkt damit in völlige Regungsloſigkeit. Es 
regnet Dekrete, aber es geſchieht nichts Praltiihes. Der fo überaus frag- 
würdigen Einrichtungen der Nationale und Mobilgarden, des ſchlechten Zuftandes 
ber Kriegsfreiwilligen wurde bereit8 oben Erwähnung getan aus Anlaß der 
eigenen Erfahrungen, die Gobineau mit ihnen madte. Dieſe kommen bier 
eingehend zur Sprade, wie denn überhaupt die Mitteilungen dieſes zweiten 
Zeiles ſehr vielfah einen befonderen Charakter von Authentizität von bem 
boppelten amtlichen Hintergrunde — Gobineau war Generaltat feines Kantons 
und Maire von Trye — her erhalten, dem fie entwachſen find. Den Glanz 
punft dieſes ganzen Abſchnitts bildet die Haffiide Schilderung und Beurteilung 
des Franktireurtums und feiner Vorgänger und Geitenftüde aus anderen 
Ländern. Es verfteht fi von felbit, daß Gobineau, wenn er auch nicht blind 
tft für das „poetifche Ideal“, für die romanbafte Seite dieſes Zreibens, wenn 
er bementiprechend gegen bie harmloferen und mehr phantaſtiſchen Vertreter Des 
FScanktireurtums, Schriftfteller, Yournaliften, Ärzte, Studenten, mildere Saiten 
aufzieht, im ganzen doch über dieſe „autorifierten Übeltäter“, die das in 
Frankreich fo beliebte Ordnung⸗ durch Unordnung-Stiften auf die Spitze 
treiben, erbarmungslos den Stab bricht und zu bem Schluffe fommt, daß dies 
einem auf den Geift der Ordnung begründeten Körper eingefügte unorganifche 


Gobinean Aber Deutfche und Sranzofen 87 


Element der franzöfifhen Heer- und Kriegsführung unermeßlichen Schaden 
zugefügt babe. 

Ein paar Worte bitteren Spottes fallen noch ab für die Spionenjchnüffelet, 
welde damals einen wahrhaft ungeheuerlihen Umfang und die burlesteften 
Hormen annahm”). Dann faßt Gobineau das innere Leben Frankreichs 
während der letten Zeiten des verendenden Kaiſertums zujfammen als 
„unfruchtbare Aufregungen und Bemühungen ohne Tragweite, verunglüdte 
Berfuche, böfer Wille, wuchernd wie das Unkraut, lächerlide Einfälle, die 
ſchließlich in die verrüdteften Tollheiten ausarteten.“ 

Sedan bringt den äußerſten Tiefitand der franzöſiſchen Geſchichte und 
hätte, nad) Gobinean, den Frieden bringen müflen. Aber das Frankreich, das 
das Katfertum geftürzt und fi eine neue Negierungsform mit der Leichtigleit 
gefchaffen hatte, mit der ungefunde Frauen ihre Kinder in die Welt ſetzen, wollte 
es anders. Die Nepublif glaubte dem falſchen Nimbus, den fie fi) nach dem 
Borbilde ihrer erften Borgängerin begrifflich Tonftruierte, die Fortführung des 
Krieges zu ſchulden. Man bat diefe Fortſetzung zu einem Vollskriege ftempeln 
wollen. Sie war e8 nit. Ein großes heroifches Aufraffen des ganzen 
Bolfes bat es im zweiten Kriege fo wenig wie im erften gegeben. Die Mittel, 
welche die Regierenden anmwandten, um jenes aufzuftacheln, waren bie denkbar 
verwerflichften: Verleumdungen des Feindes und falſche Siegesberichte. Bei 
diefem Lügentreiben bedienten fie fi mit Vorliebe jener dunklen Ehrenmänner, 
der Unruhlöpfe von Profeffion, deren Weizen in Zeiten der Revolution zu 
blühen pflegt. Diefe trieben es zeitweile jo arg (Gobineau gibt einige Proben 
des damals Iosgelafienen Schwindelfeuerwertes), daß die Regierung felbft 
dagegen einfchreiten zu müfjen glaubte. Aber die franzöfifhe Volksſeele blieb 
vergiftet, und alles Lärmen fchredte doch ſchließlich nur, fo daß Die Herzen 
Immer mehr erftarrten und ſich zufammenzogen. Dabei verliert alle Welt den 
Kopf, die unfinnigften Anordnungen werben getroffen, wie die Maffenverwüftungen 
und +»zerftörungen im weiteften Umkreiſe von Paris, eine halb theatralifche 
Maßregel, bei der wiederum, wie bei der Yranktireurserhebung die Volls⸗ 
aufftände der Spanier und Ealabrefen, fo diesmal das ruſſiſche Beifpiel von 
1812 die Lofung gegeben zu haben fein. Ein allgemeines Flüchten, 
namentlich der Landbevöllerung, beginnt, von der Regierung gar nicht ungern 
gefeben, da es die verhaßten Deutſchen in das von ihr gewünfchte Licht zu 
rüden fcheint, während Gobineau and) hier wieder feine Gelegenheit verfäumt, 
ihnen Ehrenerflärungen ausguftellen. 

Die lebten Blätter der Schrift find den Iofalen Vorgängen in Sobineaus 
engerem Baterlande, dem Beauvaifis, gewidmet. Die Belegung von Beauvais 
durch die Sachſen ſchließt das Ganze, ſehr unvermittelt und proviforifh, ab, 


*) Einmal brachte man Gobineau ſogar ein paar Taubſtumme als Spione und ließ 
ſich auch ſpäter nicht davon abbringen, daß er von dieſen armen Teufeln getäufcht worden fei. 


88 Gobinean über Dentfhhe und Sranzofen 


fo daß das gewaltige durdans tragiſch anmutende Gefchichtsbilb in feiner 
nunmehrigen fragmentariihen Faflung in eine Halb idylliſche, Halb 
ironiſche Schilderung, wie fie den Heldentaten dieſer Krähwinkler entfpricht, 
ausflingt. 

Es muß dahingeftellt bleiben, ob nur äußere Gründe die Fortfegung und 
Vollendung diefer Denkwürdigleiten verhindert oder ob auch innere Stimmungen 
dazu mitgewirkt haben, daß fie Tiegen geblieben find. Unwahrſcheinlich ift 
legteres nicht. Gobineau macht in der Schrift felbft durchaus fein Hehl daraus, 
daß nad) feiner Anfiht ſchon nach den erften Niederlagen, zum mindeften aber 
nad) Sedan, hätte Frieden geichloffen werden follen. Diefe Anfiht mag manchem 
parador erſcheinen, hatte bei ihm aber jedenfalls einen tiefen Widermwillen gegen 
den ganzen fpäteren Teil des Krieges im Gefolge, den er durchaus für Mache, 
nicht für einen Ausflug der Bollsftimmung, für eine Regung und Leiftung der 
Bolksträfte hielt. Und noch größer war fein Widermwille gegen den Mann, der 
die Seele diefer Kämpfe war, weil er an defien Bollsliebe und Patriotismus 
nicht glaubte, ihn als durch fein echtes Band mit Frankreich verbunden anerkennen 
mochte. . 

Wie dem auch fei, wir haben uns damit abzufinden, daß er eine feiner 
bedeutfamften Schriften — denn das bleibt fie auch als Torfo — nicht ab» 
geſchloſſen hat. Was deren in vieler Beziehung einzigartige Bedeutung ausmacht 
tft dies, daB, wiewohl jedes Wort darin mit dem ehernen Griffel des unerbittlichen 
Nichters niedergefchrieben fcheint, dennoch gerade dieſe Umerbittlichleit zugleich 
die Gewähr allerhöchfter Wahrhaftigkeit in ſich trägt, einer Wahrhaftigkeit, bie 
dabei in foldem Grade mit einer vielfach an Urkundlichkeit grenzenden Sachlichkeit 
gepaart ift, daß man auch ihre objeltiven Erträgniſſe als Iautere Wahrheit wird 
anfprechen dürfen, bei der allenfalls nur einmal ein dem Grade nad) zu ftarles 
Auftragen, nie aber ein Vergreifen im Weſenhaften denkbar bliebe. Gobinean 
hätte diefe Dinge nie fchreiben können, wenn er ſich nicht in jedem Augenblide 
bewußt gewefen wäre, daß bier nichts Perfönliches mitſpreche, daß einzig ein 
Höberes, daß bie Geſchichte ſelbſt — die geichichtlihe Wahrheit — aus ihm 
rede. Diefer höheren Authentizität tut e8 auch Leinen Abbruch, daß manche 
Partien der Schrift mit bitterem Hohn durchfegt find: tragen die betreffenden 
Zatfachen ſolchen nicht vielmehr in fi, wie zum Beiſpiel die Ausgeburten, zu denen 
die preußifchen Ulanen in der franzöflihen Vollsphantafle geworben find? Auch 
find die Regungen des Schmerzes, ja des Ingrimms durchweg bemundernswert 
unterbrüdt; das „Werde hart!” ift hier an einer lekten, größten Probe dermaßen 
durchgeführt, daß man die blutigen Tränen kaum mehr ahnt, die dieſer Mann 
dennod) geweint haben muß, ehe er fte beitand. Gewiß tft; daß fein menfchliches 
Zeil nur fehr leife bier und da aus feinem düftern Bilde mit hervorlugt, am 
eriten noch etwa da, wo er — wiederholt — es beflagt, daß feinem Volle alle 
GSeelenbande nach oben verloren gegangen feien oder in den wie ein Aufichrei 
(anläßlid Saarbrüdens) fi ihm entringenden Worten, daß Ehre und Edel⸗ 


Gobinean über Deutfche und Sranzofen 89 


fin in dieſem Kriege auf franzöfifcher Seite eine gar fo geringe Rolle 
gefpielt haben. 

Wenn Ion Zeit- und Landesgenofien, welche von biefen Denkwürdigkeiten 
noch feine Kenntnis haben Ionnten, Bezeichnungen wie „Alceste du patriotisme“ 
(von dem Helden des Moliereſchen Miſanthrope hergenommen) oder „Connetable 
des lettres“ (nad) dem unter anderm von ihm felbft in der Renaiffance ver- 
ewigten Eonnetable von Bourbon) auf Gobineau anwandten, fo wird doch erft, 
wer die Betrachtungen jener faft allgulange der Welt vorenthaltenen Blätter in 
ihrem vollen Umfange und Zufammenhange in fi aufgenommen hat, den Sinn 
und die Berechtigung derartiger Bezeichnungen ganz ermeflen und fi} die Leiden 
ausmalen können, weldhe ein foldher Patriotismus des Wahrheit⸗ und Wahr- 
beitenfagens feinem Träger einbringen mußte. 

Aber ein vollftändiges Bild des Gobineau von 1870 würden darum biefe 
Kriegsbetradjtungen noch lange nicht ergeben. Sie enthalten nur erft die eine, 
gewifiermaßen die negative Seite. Die pofitive gehört aber unbebingt hinzu, 
wenn man dem Manne gerecht werben will, biefem Manne, der im gleichen 
Atem, da er (beim Ausbruch des Krieges) die berbiten Urteile über fein Bolt 
zu äußern fi) gebrungen fühlt, mit den Worten „aber jebt it feine Zeit zum 
Anklagen, fondern zum Handeln“ ſich aufrafft, ſich beſinnt, daß er Hier nicht 
mehr Geiſtesmenſch, fondern ganz Wirklichleitsmenih zu fein babe und num, 
in amtlicher wie reinmenſchlicher Eigenfchaft, für die Beruhigung und richtige 
Anleitung feiner Umgebung, für. die Drganifierung der Verteidigung, die Ver⸗ 
pflegung der Truppen, insbefondere auch die Pflege dee Berwundeten, für den 
amtlichen Verkehr mit dem Feinde und für die Milderung der feinem Departement 
von diefem auferlegten Bedingungen unter fortwährenden eigenen Kämpfen und 
Gefahren — er hat einmal fogar eine Einfperrung durch den falfchen Übereifer 
eines deutſchen PBräfelten erlitten — fo außerordentliche leiftet, Daß wenigflens 
in diefem Falle einmal die maßgebenden Wortführer feines Bolfes rüdhaltlos 
anerfannt haben, es jet dies wahrhaft vorbildlich geweien und über das Maß 
befien binausgegangen, was man felbit von einem Edelmann feiner Art an 
Batriotismus gewohnt geweien fei. Mit Recht konnte denn auch Lord Lytton 
damals ihm fagen: „Hätte Frankreich mehr Männer wie Ste, würde es diefen 
unfinnigen Krieg nicht angefangen, einmal angefangen aber nicht fo verloren, 
einmal verloren aber fi ganz anders wieder davon erhoben haben.“ 

In jenen Tagen baben denn auch feine Landsleute einmal Berftändnis 
für ihn bewiefen, ja er war eine Zeitlang wirklich populär, und man hoffte 
feine Dienfte dem Baterlande in ähnlicher Weile, mie während des Krieges, auch 
fernerbin erhalten zu können. Aber Gobineau bat von diefer Popularität feinen 
Gebrauch gemacht, Senats- und Deputiertenlandidaturen abgelehnt, womit von 
felbft auch die Hoffnung einzelner Freunde, daß er etwa die Yührung ber 
Konfervativen in Franfrei in die Hand nehmen könne, wozu er vor anderen 
berufen ſchien, hinfiel. Er glaubte wohl im Innerſten nicht mehr an eine rechte 


90 Gobineau über Deutfche und Franzoſen 


Zuhmft feines Landes, mindeftens nicht auf dem Wege über Paris und das 
dortige Parlamentsreden und »treiben, fondern nur allenfall$ auf dem Wege 
über die Provinz, durch Neubelebung aller der Einzelherde des ſtädtiſchen und 
departementalen Gefüges, von der er fich eine ähnlich regenerierende Rüd- 
wirtung auf das Ganze veriprady, wie einft Preußen in feiner ſchlimmſten Zeit 
eine Wiedergeburt auf diefer Grundlage erlebt hatte, Seinem Wirken in des 
Provinz iſt er denn auch noch einige Jahre treu geblieben, bis es ſich mit 
feiner Gefandtentätigfeit nicht mehr vereinigen ließ. 

Die Entwidlung der jungen NRepublil vollzog fi) fchnell genug und mit 
großer Entichiedenheit in Bahnen, melde von den Gobineau vorſchwebenden 
Richtlinien denfbar weiteft abführten. ALS er nad Jahren über diefe Dinge 
wieder das Wort ergriff (in der vorerwähnten Schrift über die dritte NepubHf), 
nahm dies wie von felbft wiederum die Yorm eines fchärfiten Proteftes an. 
Zwar fein zum Schluß nochmals mit der ganzen Energie bes wahren Bater- 
Iandsfreundes ausgeftoßener Ruf nad) den Provinzen iſt fpäter vielfach auf 
gegriffen worden, und der „Negionalismus“ zählt im heutigen Frankreich eine 
große Dienge Anhänger. Aber berrichend blieb doch das Pariſer Syſtem, bie 
Allmacht des Parlaments, das Drauflospolitifieren aller, die Ausbeutung einer 
blind und mwahllos ausgebildeten Demokratie dur im letzten Grunde rein 
pintofratiide Cliquen — was alles Frankreich dahin geführt hat, wo wir es 
heute feben. 

Nah alledem wird die eingangs wiebergegebene Frage, wie Gobineau fi 
zum Kriege geftellt haben würde, fehr leicht zu beantworten fein. Kaum gejagt 
zu werden braudt e8, daß die abermalige blutige Auseinanderfegung mit 
Deutihland ihm, inſoweit er überhaupt noch als Franzofe zu empfinden ver- 
möchte, den ſchwerſten Stoß ins Herz gegeben haben würde. Yür ihn war es 
von Anfang an Har, daß Frankreich ſich durch fortgefegten Antagonismus gegen. 
das ihm als das zulunftsreichere erfchtenene Land um feine lehten großen 
biftortfhen Möglichkeiten bringen und ein gutes Stüd weiter dem Abgrunde 
zurollen müſſe. Auch über die verhängnisvolle Rolle, die feine Bundesgenofjen 
dabei gefpielt, würde er ſich feinen Augenblid getäuſcht haben. Bielleicht hätte 
e3 ihm eine traurige Genugtuung gewährt, zu fehen, wie bie Logik der Tat⸗ 
ſachen im lebten kritiſchen Augenblid die Logik der Dolteinen zuſchanden macht 
und erfegt; bat doch Frankreich gerade 1914/15 wieder gezeigt, daß, wenn es 
noch über Erwarten viel zu leiften vermochte, e8 dies hauptjächlich dem Zurück⸗ 
greifen auf feine alten Kräfte, auf bie nicht-⸗parlamentariſch⸗demokratiſchen 
Grundfäge und Methoden verdankt. Man denke unter anderem an SYoffres 
diltatorifhe Maßnahmen, wie fein Aufräumen mit den politiſchen Generalen. 
Auh die alte berühmte ftraffe Bureaukratie hat fid diesmal offenbar befier 
bewährt als 1870. 

Aber alles in allem würde Gobineau die heutigen Ereigniffe wohl mit 
eher noch größerem Kummer und Abfcheu betrachten, als die damaligen. Stein 


Kriegstagebuc 9: 


Wort der Verachtung wäre ihn zu ſtark geweſen angeſichts des Raſſenverrates 
der Weitmädhte, angeſichts bes Winfelns und Buhlens feiner Landsleute um bie 
japaniſche Hilfe”). Wir wiffen ja, daß die Ideale und Pflichten ber weißen 
Kaffe, die heute einzig noch von Deutichland und feinen führenden Männern 
hochgehalten werben, von feinem anderen Denker mannbafter und großartiges 
verfochten worden find, als von Gobinean. 

Es würde über den Rahmen diefer Arbeit hinausgehen, zu zeigen, wie 
diefer in feinem Abſchiedswerke, der Heldendichtung „Amadis”, die welt 
geſchichtlichen Auseinanderfegungen unferer Tage gerade unter dem Raſſen⸗ 
geſichtspunkt in einer gewaltigen Allegorie prophetiſch vorausgefchaut hat. Das 
aber möge bier wenigftens noch angeführt werben, was faft noch merkwürdiger 
erſcheinen dürfte, daß Gobineau (in einem Briefe an einen englifchen Freund, 
Bilfrid Blunt) kurz vor feinem Tode fogar das gemweisfagt hat, daß Germanen 
es fein würden, welche einft den Gelben verräteriih über das Abendland 
bereinführen würden. 

So weilt heute Gobineaus Geift mitten unter uns: im Amabis bat ex 
bie idealen Werte der Menichheit („Ehre, Freiheit, Liebe”), für die das deutſche 
Bolt jebt in den Kampf gezogen tft, und die unter der Weltberrichaft Englands 
ut Füßen getreten worden find, verherrlit. Er wird uns mit jedem Schritte 
näberlommen, den wir, wenn uns erft die Führung der Völler anheimgefallen, 
in der Bahn germaniſchen Heldengeiftes, wie er ihn bejeelte, vorwärts tun werben. 


*) Ein eigentümlicher Zufall will e8, daß der Sauptverlörperer ſolcher tiefften nationalen 
Demätigung, Pichon, in feinen Anfängen Gobinenu in Rio noch begegnet ift und ihm 
damals offenbar die größte Abneigung eingeflößt hat. 





Nrkegstagebuch 


18./19. Xanuar 1915. In GOftafrila wird der Feind in zwei⸗ 
tägigen Kämpfen bei Jaſſini gefhlagen. Die Engländer verlieren 
etwa 200 Gefallene, 4 Kompagnien an Gefangenen, 850 Gewehre, ein 
Maſchinengewehr und 80000 Patronen. Gefamtverluft des Gegner an 
Mannſchaften etwa 700. Unſere Berlufte 18 Europäer tot, 87 verwundet. 

21. März 1915. Abgeſchlagene franzöfifhe Angriffe auf die — 
hoͤhe, in der Champagne und am Reichsackerkopf. 

21. März 1915. Die Ruſſen aus Memel verjagt, zuructeſchlagene 
zuffifche Angriffe bei Mariampol, bei Jadnorozek, bei Prafanyiz und bei 
Ciechanow. 

22. März 1915. Feindliche Flieger bewerfen die offene Stadt 
Freiburg 1. Br. mit Bomben; das Flugzeug gum Landen gezivungen, bie 
Inſaſſen gefangen genommen. 


92 





Kriegstagebuc 


22. März 1915. Die Feſtung Praemysl dur Nahrungsmittel 
mangel nad) viereinhalbmonatlicher Belagerung dur die Auflen zur fiber 
gabe gezwungen. Die HÖfterreicher zerftörten vorher alle militäriichen 
Anlagen, Brüden, Munition ufiw. 

22. März 1915. Franzoͤſiſche Angriffe bei Arras, in ber Eham- 
pagne, bei Combres, Apremont, Flirey und Badonviller abgeiwiefen. 

22. März 1915. Nuffiih-Krottingen genommen, dabei 3000 aus 
Oſtpreußen verfchleppte deutihe Einwohner befreit. 

22. März 1915. In den Karpatben 4000 Ruſſen gefangen. 

22. März 1915. Engliide Schlappe in Deutid - Südwelt - Afrika 
zwiſchen Swalopmund und Windhuklk. 

28. März 1915. Rördlich Memel 500 Ruſſen gefangen, drei Ge 
füge, drei Maſchinengewehre erbeutet; ruffiihe Angriffe bei Laugezargen 
unter ſchweren Berluften der Ruſſen zurückgeſchlagen, ebenfo bei Mariampol 
und öftlih Bloc. Bei Oftrolenta über 2500 Ruflen gefangen genommen, 
fünf Maſchinengewehre erbeutet. 

24. März 1915. Ruſſiſche Angriffe bei Auguſtow und bei Jadnorozek 
aurüdgeichlagen. 

24. März 1915. In ben Karpatien am Usgfoter Paſſe ſchwere 
ruſſiſche Angriffe abgeſchlagen, 1500 Gefangene. 

24. März 1915. Das Moratorium in Ungarn bis 81. Juli dere 
längert. 
25. März 1915. Südlich Zaleſzezyki elf Stützpunkte der Ruſſen 
erobert, 500 Gefangene gemadit. 

25. März 1915. Türkiſche Erfolge bei Madam am Suezlanal und 


‚bei Baflora. 


26. März 1915. In den Bogeſen befegen die Franzoſen bie 
Kuppe des Hartmannsweilerlopfes. Bapaume und Straßburg von fran⸗ 
zoͤſiſchen Fliegern mit Bomben beivorfen, wir belegten Calais mit einigen 
Bomben. 

26. März 1915. Die Ruſſen bei Laugszargen unter ftarfen Ver⸗ 
Iuften geſchlagen und über die Jeziorupa hinter dem Juraabſchnitt zurüde 
geworfen. 

26. März 1915. An der Bulowina werfen die Oſterreicher bie 
Nufien bis an die Neichdgrenze zurüd, fie machen über 1000 Gefangene 
und erbeuten zwei Geſchũtze. — Schwere Kämpfe an ber Sarpatdenfront. 

27.. März 1915. Heftige Kämpfe auf den Maashöhen bei Combres 
und im Wokðvre, die fämtli zu unferen Bunften entſchieden wurden. 

27. März 1915. Ruſſiſche Vorftöße im Auguftower Walde, zwiſchen 
Biffel und Omulew und bei Wad, wo 800 Ruſſen gefangen wurden, zurück⸗ 
geihlagen. 

27. März 1915. Im Ordopa- und Laborcezatale ruffifhe Angriffe 
blutig abgeiwiefen. An der ganzen Karpathenfront heftige Kämpfe; 1280 
Nuflen gefangen, in der nördliden Bulowina weitere 200. 

28. März 1915. Tauroggen im Sturm iedergenommen, 1000 
Gefangene gemadt. — Bei Bilwilzli und bei Ciechanow ruffiihe Angriffe 
unter ſchwerſten Zerluften zurüdgelichlagen, bei Krasnopol über 8500 Ge⸗ 
fangene gemacht, fieben Maſchinengewehre, ein Gefchüg erbeutet. 

28. März 1915. Heftige Karpathenlämpfe, nördlih des Uzſoker 
Paſſes und weſtlich Banyavoelgy. 





Kriegstagebud 


98 





28. März 1915. Der engliihe Dampfer „Fallaba” von einem 
deutichen Unterſeeboot verſenkt. 

29. März 1915. An der Szlkwa bei Klimki 800 Ruſſen gefangen, 
Angriffe bei Olfzyny abgewiefen. 

80. März 1915. Weſtlich Pont⸗à⸗-Mouſſon franzöfiihe Angriffe 
aurüdgeichlagen. 

80. März 1915. In den Karpathen nördlih Ciſna, nordöſtlich 
Kalnica, nördlih des Uzſoler Paſſes ruffiihe Angriffe abgeidhlagen, 
1900 Auffen gefangen. Im März wurden indgefamt rund 40 000 Ruſſen 
gefangen, 68 Mafchinengewehre erbeutet. 

80. März 1915. Die engliiden Dampfer „Flamenian” und 
„Crown of Eaftile” durch Unterfeeboote verfentt. 

81. März 1915. Bei Dirmuiden ein Klofterhoelgehöft genommen, 
45 Belgier gefangen. 

81. März 1915. Ruſſiſche Angriffe an der Rawka und bei 
Opocno zurüdgefhlagen. — Das deutſche Oſtheer nahm im März im 
ganzen 55800 Ruſſen gefangen und erbeutete neun Geihüge, 61 Mafchinen- 
gewehre. 

1. April 1915. Heftige Kämpfe zwiſchen Maas und Moſel. 

1. April 1915. Zwiſchen Pruth und Dujeſtr ftarke ruffiihe An⸗ 
griffe abgeſchlagen, ebenfo an der unteren Rida. 

1. April 1915. Feindliche Flieger beiwerfen die offenen Städte 
Mäullheim i. B. und Neuenburg a. Rh. mit Bomben. 

2. April 1915. Im Priefterwald und bei Niederaspach mißlungene 
franzöfifhe Angriffe. 

8. April 1915. Den von Belgtern befekten Ort Drie Graditen 
genommen. 

8. April 1915. In den Kämpfen im Laborczatal und öſtlich Virava 
2020 Ruſſen gefangen. 

8. April 1915. Erfolgreicher Vorſtoß der türkiſchen Flotte nad 
Ddefla, der Kreuzer „Medjedie" auf eine Mine gelaufen und gefunten. 

8. April 1915. Warmbad in Deutih-Südwelt-Afrifa ohne Kampf 
bon den Engländern bejegt. 

4. April 1915. Starke franzöfifhe Angriffe weſtlich Boureuilles 
und weitlih Pont-A-Moufion abgewiefen. 

4. April 1915. Ruſſiſche Angriffe auf Mariampol abgeichlagen. 

4. April 1915. Am Dnjeftr, öſtlich Zaleszezyki im beftigem Kampf 
1400 Ruſſen gefangen, fieben Mafchinengewehre erbeutet. 

5. April 1915. Heftige franzöfifhe Angriffe zwiſchen Maas und 
Mofel, bei Berdun, Ally, Apremont, Frlirey und PBont-d-Mouffon, ſämtlich 
obne Erfolg für den Angreifer. 

5. April 1915. Rußland beruft den Jahrgang 1916 ein. 

5. April 1915. In den Karpathen im Laborczatal und anfchliegenden 
Abſchnitt eroberten deutihe und öfterreihifhe Truppen ftarte ruffiihe 
Stellungen im Sturm und madten 7500 Gefangene; zwei Geſchütze, fieben 
Maſchinengewehre erbeutet. 

6. April 1915. Bei Andrzejewo, 30 Kilometer füdöftlih Memel, 
bernichtete unſere Kavallerie ein ruffiihes Bataillon, getötet und ſchwer ver» 
wundet wurden 120 und 150 Mann, gefangen 865. Unſere Verlufte ſechs 
Tote. — Abgeichlagene ruſſiſche Angriffe bei Kalwarja und öftlih Auguftow. 


94 





Kriegstagebud 


6. April 1915. Schwere Angriffe der Franzoſen öftlih und füd- 
oͤſtlich Verdun unter außergewoͤhnlich ſchweren Berluften zurüdgeichlagen. 
An der Eombres-Höbe zwei franzöfifhe Bataillone aufgerieben, bei Ailly 
ein erfolgreiher Gegenangriff unſerſeits. Geſcheiterte franzöfifche Angriffe 
bei Apremont und Flirey. 

6. April 1915. Die Beſchießung der offenen Stadt Orfova dur 
die Serben wird durch kurzes Bombarbement Belgrads beantivortet. 

6. April 1915. Der Hilfsfreuger „Bring Eitel Friedrich“ in Rein» 
portnews interniert. 

7. April 1915. „U. 29” wird mit der gefamten Befagung verloren 
gegeben. 

7. April 1915. Bis Anfang März wurden durch unfer Weſt⸗ und 
Oſtheer im ganzen 5510 Geichüge erbeutet. 

7. April 1915. Grbitterte Kämpfe zwiſchen Maas und Mofel, wo⸗ 
bei die Sranzofen an allen Stellen geivaltige Berlufte erleiden. 

8. April 1915. Bei MWiedereroberung von Drie Grachten 
127 Belgier gefangen, fünf Maſchinengewehre erbeutet. — Rördlih Beau 
Séjour mehrere franzöfiihe Gräben genommen, zwei Raſchinengewehre 
erbeutet. — Bei einem mißglüdten Angriff in den Argonnen berivenden 
die Srangofen Bomben mit betäubender Gaſswirkung. — Die Kämpfe zwiſchen 
Maas und Mofel dauern mit gefteigerter Heftigfeit an. 

8. April 1915. Ein Attentatsverſuch gegen den neuen ägyptiſchen 
Sultan feiten® eine® Agypters. 

8. April 1915. 1600 Ruſſen bei den aarpathentampfen gefangen. 

9. April 1915. Schwere Niederlage der Franzoſen zwiſchen Orne 
und den Maashöhen. Bei Bezange la Erande eine franzöfiihe Kompagnie 
gängli aufgerieben, 108 Gefangene gemadit. 

9. April 1915. In den Karpatben erobern deutfhe Truppen 
nördlih Tucholka eine ruffiihe Höhenftellung, über 1000 Mann gefangen, 
15 Maſchinengewehre erbeutet. Weitere 1150 Ruſſen an anderen Karpathen- 
punkten gefangen. 

10. April 1915. Südlich Drie Grachten einige Gehöfte genommen, 
40 Belgier gefangen. Im Priefterwald vier franzöflihe Maſchinengewehre 
erbeutet; bei ben Kämpfen zwiſchen Mans und Moſel 815 Franzoſen 
gefangen, fieben Mafchinengewehre genommen. 

10. April 1915. Abgeſchlagene ruffiide Angriffe bei Mariampol, 
Kalwarja und bei Klimfi an der Szkwa, bei Bromierz 80 Ruſſen gefangen, 
drei Maſchinengewehre erbeutet. 

11. April 1915. Nancy in Erwiderung des Bombardements der 
offenen Stadt Müllheim ausgiebig mit Spreng⸗ und Brandbomben belegt. 

11. April 1915. Bei einem Vorſtoß aus Mariampol 1859 Ruſſen 
gefangen, vier Mafchinengeivehre erbeutet. Die Ruſſen verwenden bei 
Zomza Bomben mit erftidenden Gafen. 

12. April 1915. MIS Vergeltung gegen bie Behandlung deutſcher 
gefangener Unterſeebootmannſchaften als Strafgefangene ſeitens der Engländer 
werden 89 engliihe Offiziere in das Gefängnis überführt. 

12. April 1915. Der britifhe 9600 Tonnen große Dampfer 
Wayfarer“ bei den Scillyinfeln torpediert. 

12. April 1915. Die von den Engländern belegten Orte Poperinghe, 
Hazebrouk und Caſſel ausgiebig mit Bomben beiworfen. — Weitere ſchwere 
Kämpfe zwiſchen Maas und Mofel. 


Kriegstagebud 95 





18. April 1915. Schwere Kämpfe an der Linie Maizerey— 
Warcheville, im Aillywalde, an der Straße Eſſey —Flirey und am Schnepfen« 
riethlopf; überall wurden die Franzoſen zurüdgeworfen. 

18. April 1915. Nördlich des Ugfolerpafie® eine von den Rufſſen 
bejegte Höhe durch ein ungariſches Regiment erobert. 

14. April 1915. Unter ſchweren Berluften gefcheiterte franzöfiiche 
Angriffe bei Marcheville, Efiey—Flirey, nordöftlid von Manonpiller und 
füdlih de Hartmannsweilerkopfes. 

14. April 1915. Ein Zeppelin bombardiert Ortfhaften an ber 
englifhen Ofttüfte in Nortfumberland. 

14. April 1915. Bei Wyſockowz am Stry nahmen die Öfterreicher 
eine wichtige Höhe, wobei 865 Ruſſen gefangen wurden. 

14. April 1915. In Mailand finden ernfte Arbeiterfrawalle ftatt. 

15. April 1915. Bei Kalwarja 1040 Ruſſen gefangen, fieben 
Maſchinengewehre erbeutet. 

15. April 1915. Der Holländifhe Dampfer Katwyl“ bei Noord⸗ 
hinder angeblich von einem Unterſeeboot torpediert, die Beſatzung gerettet. 
15. April 1915. Deutſche Marinelufifchiffe bewerfen mehrere ver» 
teidigten Pläge an der englifhen Südküfte erfolgreich mit Bomben. 

15. April 1915. Als erfte Rate auf die Kriegsanleihe find über 
6 Milliarden Mark, das beißt faſt 2°/, Milliarden mehr eingezahlt, als 
fällig waren. 

16. April 1915. Straßburg i. E. dur ein feindliches Luftſchiff 
mit Bomben beivorfen. 


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96 Kriegstagebucd; 


16. April 1915. Bei Perthes in der Champagne eine franzoͤſiſche 
Befeftigungsgruppe im Sturm genommen, ebenfo aud eine feindliche 
Stellung bei Urbeis. 

16. April 1915. In den Waldlkarpathen 1290 Auflen gefangen. 

16. April 1915. Bei erneutem Angriff auf die Dardanellen ver 
Ioren die Engländer das Unterfeebot „BE 15” und zwei WBaflerflugzeuge; 
das Panzerſchiff „Lord Reljon” fowie das Linienfhiff „Majeftic" wurden 
beſchaͤdigt. 

17. April 1915. Südöſtlich Ypern heftige Kämpfe mit Engländern 
um unfere Höhenftellung, der Feind im Gegenangriff geivorfen. — In den 
Bogelen bei Stoßweier eine frangöfiide Stellung genommen. 

17. April 1915. In den Waldlarpaiben 14823 Ruſſen gefangen. 





Uhen Manuſtripten ift Porto hinzuzufügen, da anberufalis bei Ubichuung eine Nüdfenbung 
nicht verbürgt werben kaum. 


Nachdruck Tämtlider Unffäge nur mit ausdrücklicher Erlaubnis bed Berlagd geſtattet. 
Berantwortlih: der Herausgeber Georg Eleinom in Berlin Lichterfelde Weil. — Banuitriptfendungen und 
Briete werden erbeten unter ber Adreſſe: 

Un den Herausgeber ber Grenzboten in Berlin - Lidhterfelde Wet, Steruftrahe 56. 
— bes Rn: Amt Vichterfelde 498, des Verlags und der Schriftleitung: Amt Bägomw 6510. 

g: Verlag ber Grenzboten ©. m. b. H. in Berlin SW 11, Tempelhofer Ufer 85a. 
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Schweden und der Weltkrieg 


Don Dr. Elfe Hildebrandt 


Jie große Maſſe des deutſchen Volkes erwartete nad) Beginn bes 
Krieges ein Heraustreten Schwedens aus feiner Neutralität. 

u Häufig hörte man die Anſicht, daß das nordiſche Reich eine 
— — aktive Politik treiben müſſe, um ſich das in dem unglücklichen 
— Kriege mit Rußland 1809 verlorene Finnland wiederzugewinnen. 
Gerade dieſe Anſicht zeigt, wie wenig genau man im allgemeinen in Deutich- 
land die Stimmung in Schweden fennt. Finnlands Schidfal ging Schweden ohne 
Zweifel recht nahe, die demokratiſche Grundlage ſeiner Verfaſſung und der 
meiſten ſeiner Einrichtungen ließ es doppelt ſchwer die Vergewaltigung des 
Landes empfinden, mit dem es durch die jahrhundertlange Gemeinſamkeit des 
Schickſals ſo eng verknüpft iſt. Aber das Schwert für die Wiedergewinnung 
des Nachbarlandes zu ziehen, daran hat in den letzten Jahrzehnten weder 
im Volle noch in offiziellen Kreiſen irgendjemand gedacht. Iſt doch auch die 
Stammverwandtſchaft nicht jo groß, wie man im allgemeinen meint: Finnland 
befißt heute neben 86 Prozent Finnen nur 13 Prozent Schweden. 

Schweden bat in dem Weltkrieg verjtanden, im Forreften Sinne feine 
Neutralität zu bewahren. Diefe Tatſache hindert jedoch nicht, daß das Bolt 
und die einzelnen Parteien eine mehr oder weniger freundliche Stellung zu den 
einzelnen friegführenden Staaten einnehmen. Die ſchwediſche Bollsvertretung 
wird von nur drei Parteien gebildet: den Rechten, die wohl unjeren National- 
liberalen am nächſten ftehen — SKonfervative im deutjchen Sinne gibt es in 
Schweden nit —, den Freifinnigen und den Sozialdemokraten. Seit den 
legten beiden Wahlen haben die Liberalen einen großen Teil ihrer Mandate 

Grenzbsten II 1915 7 





98 Schweden und der Weltkrieg 


verloren, bie faft in gleichem Berhältnis der rvechtftehenden Partei und ben 
Sozialdemofraten zugute gelommen find, fo daß heute die Rechte 86, die frei- 
finnige Partei nur 57 und die Sozialdemokratie 87 Site innehat. Im all- 
gemeinen fann man aus noch im einzelnen darzulegenden Gründen fagen, daß 
die Rechten — wir fagen die Konfervativen — durchweg deutſchfreundlich 
gefinnt find, die Sozialdemofraten und die Linfsliberalen aber im allgemeinen 
Deutihland nicht ſympathiſch gegenüberftehen. 

Trotz dieſer deutichfeindliden Strömungen Tann man jedod ohne 
Übertreibung behaupten, da die alademiſch gebildeten Kreiſe Schwedens 
eng mit Deutfchland verfnüpft find. Die Raſſenverwandtſchaft als Be 
‚gründung anzuführen genügt nicht. Neben den politifden Berhältnifien 
bat in erfter Linie deutſche Wiffenfchaft die beiden Bölfer aneinander geknüpft. 
Auf den Univerfitäten Lund und Upfala werden zum Studium wohl mehr 
deutfche als ſchwediſche Werke benupt. Die ſchwediſchen Studenten bringen häufig 
ein oder mehrere Semefter an deutichen Univerfitäten, unter denen beſonders 
Sena bevorzugt wird, zu. Diele ſchwediſche Wiſſenſchaftler find eifrige Mit- 
arbeiter an unferen wiſſenſchaftlichen Zeitſchriften. Schwediſche Profefioren 
gehörten wiederholt in den Ießten Jahren deutſchen Dozentenkollegien an. Ich 
erinnere nur an den Religionshiftoriler Söderblom in Leipzig, der im lebten 
Jahre Biſchof von Upfala geworden tft und zu Beginn des Krieges mit fo 
warmem Enthufiasmus flammende Worte der Anklage an den Erzbiſchof von 
Canterbury geritet Hat. Auf allen Gebtelen, tnsbefondere auf dem 
pädagogiſchen und ſozialpolitiſchen, verfolgt man alle deutſchen Einrichtungen 
mit eifrigem Intereſſe und fucht aus ihnen zu lernen. 

Bielleiht Tann man in Schweden von einer befonderen politifden Färbung 
einzelner Landſtriche ſprechen. So tit ohne Zweifel Göteborg auch in Friedens- 
zeiten mehr england- als deutſchfreundlich. Und diefe Stimmung hat fi in 
Kriegszeiten zu einer gewiffen Deutfchfeindlichleit ausgewachien. Die Urfachen 
find wohl tn erfter Linie in wirtichaftlicden Verhältnifien zu ſuchen. Göteborgs 
Handel tft feit langem vorwiegend nad England gerichtet, fo daß die Inter⸗ 
efien der Böteborger Kaufleute eng mit dem Schickſal Englands verknüpft find. 
Schweden bat überhaupt eine weitaus ftärlere Ausfuhr nach England als nad) 
Deutihland, denn während fie nad) Deutfchland 1911 nur 134 Millionen 
Kronen betrug, belief fich die ſchwediſche Ausfuhr nach England auf 196 Millionen 
Kronen. Aus diefen Gründen erfcheinen der „Söteborg Poſt“ die wirtichaftlichen 
Ausfiten für Schweden bei einem Stege Deutichlands in nicht allzu rofigem 
Lichte. Man beginnt mit englifhen Augen zu fehen und Deutſchland als 
feinen wirtſchaftlichen Nebenbuhler zu betrachten. So glaubt man, daß ein 
fiegendes Deutſchland Schweden auf dem ruffifhen Marlte, wo es fi im 
legten Jahrzehnt einzelne Gebiete erobert bat, vertreiben könnte. Deutichland 
werde monopolartig den ruffiihen Markt beherrſchen und dadurch die ſchwediſche 
Unternehmungsluft zum Berfiegen bringen. Deutſchland werde ſich audh des 


Schweden und der Weltkrieg 99 








Tranfithandels von Dften nad) Weiten bemächtigen, von dem Schweden und 
befonder8 Göteborg fo viel erhofft hatte. Wie zur Zeit der Hanfa, fo meint 
die „Böteborg Boft“, wird fih der Handel in beutichen Händen konzentrieren. 
Au „Social-Demokraten” glaubt, daß es ſchwediſchem Fleiße gelingen müffe, 
deutiche Fertigfabrifate — insbefondere Iandwirtichaftlihe Maſchinen — durch 
eigene Erzeugniffe auf dem ruſſiſchen Markte zu verbrängen. 

Die rechtsitehende Partei ift es, die ihrem Baterlande immer wieber feine 
ſchwachen militäriſchen Machtmittel vorwirft. Was bedeutet auch für die Ver⸗ 
teidigung eines Landes, das faft die Größe Deutichlands befikt, ein Heer von 
einer halben Million Kriegsitärle? Die Löfung der Wehrfrage bildete feit 
Yahren das wichtigfte innerpolitifche Problem Schwedens. Die Rechte hielt in 
der Hauptfadde die Übungszeit für zu gering und verlangte den Bau moderner 
Panzerſchiffe, während die Sozialdemokratie für eine Verminderung der Militär- 
laſten agitierte. Eine Kommiffton, die ſchon feit 1907 tagte, brachte weder 
unter dem fonfervativen noch fpäter unter dem liberalen Miniftertum die end⸗ 
gültige Löfung der Frage. Der Bau eined modernen Linienfhiffs von 
7000 Tonnen wurde, nachdem er ſchon befchloffen war, wieder ſiſtiert. Dieſe 
Tatſache führte zu einer ungeheuren Opferwilligleit innerhalb der ſchwediſchen 
Bevöllerung: während eines Vierteljahr wurden im VBorfommer1912 18 Millionen 
Kronen geipendet, um durch dieſe freiwillige Gaben den Bau des Schiffes zu 
ermöglichen. Der Bau der „Sverige“ wurde auf den Götawerlen in Stodholm 
im Februar 1913 begonnen”). Es mag bier erwähnt werden, daß mit zwei 
Ausnahmen alle Kriegsichiffe auf ſchwediſchen Werften gebaut werden, was für 
die Entwidlung der ſchwediſchen Vollswirtſchaft Tennzeichnend ift. 

Man erinnert fih noch, wie im vorigen Frühjahr die Militärfrage zur 
Krifis führte, in der das liberale Minifterium Staaff geftürzt wurde. Die 
Rechte hat ihm vorgeworfen, das Wehrproblem nicht ſchnell und energiſch genug 
gelöft zu haben. Die Bauern griffen durch eine Kundgebung in die Lage ein, 
indem fie anfangs Februar, 32000 an der Zahl, aus allen Landesteilen 
Schwedens vor das Schloß des Königs zogen und ihn um eine fofortige 


*) Ihre Beftüdung beträgt vier Schnellfeuerfanonen von 28 Zentimeter, fünf von 
15 Bentimeter und ſechs von 7,6 Zentimeter Kaliber. Sie Hat zwei Ausſtoßrohre unter 
Bafler für 53 -Bentimeter- Torpedo. Die Panzerung beträgt für die Wwidtigften Zeile 
2300 Zentimeter, die indizierten Pferdefräfte 20 000. Die übrigen Beftandteile der alten 
ſchwediſchen Flotte find bedeutend Tleiner und viel ſchwächer armiert. Der einzige Panzere 
treuzer „Fylgia” hat nur eine Wafjerverdrängung von 4800 Tonnen und die zwölf Küften- 
panzerſchiffe faflen alle zufammen nur 35400 Tonnen. Dazu kommen neben einigen Panzer⸗ 
booten zweiter und dritter Klaſſe vier jehr alte Kanonenboote von 400 bis 600 Tonnen und 
acht Torpebobootzerftörer von etiva 450 Tonnen, fünf von etwa 800 Tonnen, die eriten mit 
etwa 80 Knoten Schnelligkeit und zwei Dedlanonen für 45. Bentimeter-Torpedos, die letzt⸗ 
genannten mit etwa 20 Knoten und ein Unterwafferausftoßrohr für 88-Bentimeter-Torpedoß. 
Bon einer nennenswerten Flotte Tonnte daher bis jegt Teine Rede fein. Allerdings befigt 
Schweden 81 Torpeboboote erfter und 14 zweiter Klaſſe und etwa jechd Unterſeeboote. 

70 


100 Schweden und der Weltkrieg 


Löſung der Wehrfrage baten. Diefe Handlungsweiſe ift für dem, der die 
ſchwediſche Geſchichte Tennt, nicht fo wunderlich: feit Jahrhunderten beftand ver- 
faflungsgemäß neben den drei üblichen Ständen der meiften europätfchen Sroßftaaten 
in Schweden der vierte Stand, der ſchon im Mittelalter Sig und Stimme im 
Reichstag hatte, der Bauernftand. — Beim Empfang ber Bauerndeputation 
ergriff der König felbft Partei in der Wehrfrage, indem er ihre baldige Löfung 
verfprad. Diefer Eingriff des Lonftitutionellen Königs erregte bei den Sozial⸗ 
bemofraten und einem Teil der Liberalen einen großen Sturm der Entrüftung. 
Staaff mußte fein Amt niederlegen. Der wichtigſte Punkt des MWehrprogramms 
des neu einberufenen Miniſterums, das unter dem Borfi von Hammarſljöld 
gebildet wurde, war die Verlängerung der Übungszeit für alle Waffengattungen 
auf ein Jahr — big jet hatte nur die Kavallerie eine jo lange Dienitzeit — 
und der Bau größerer Panzerſchiffe. Die neue zweite Kammer, die nad 
Auflöfung der alten im April gewählt wurde, brachte eine ftarle Verminderung 
des Freifinns (von 101 auf 71 Mandate) — er hatte überall an Vertrauen 
verloren — und eine bedeutende Zunahme der Site der Rechten (von 65 auf 
86) und der Sozialdemokratie (von 64 auf 73). An die Sozialdemofratie 
hatten fich alle diejenigen angeſchloſſen, denen die beftehende Dienjtzeit noch zu 
hoch war und die für eine Verminderung des MilitärbudgetS eintraten. Das 
Budget für Heer und Marine, das 1912 bei einem Gefamtetat von 263 Millionen 
Kronen 88 Millionen betragen hatte, follte nad ihren Wünſchen in Zukunft 
70 Millionen nicht überfteigen. Kaum jemals ift wohl in Schweden der Wahl- 
fampf von allen Seiten mit folcher Erbitterung und Leidenfchaft ausgefochten 
worden. | 

Nah Ausbruch des Krieges febte ſelbſtverſtändlich die Agitation für eine 
erhöhte Dienstzeit im verftärkten Maße ein, und im September wurde nun aud 
endlich die Übungszeit für die Infanterie im erften Jahre auf 280 Tage herauf 
gefegt — noch weitere Übungen folgen — und auch die Forderungen für den 
Landfturm murden erhöht. Noch 1914 wurde auch die Verftärfung der Flotte 
vom Reichstag beſchloſſen. In einer fünfjährigen Periode, von 1915 bis 1919, 
jollen neben der „Sperige” zwei weitere Linienjchiffe von demfelben Typus und 
berfelben Beſtückung gebaut werden, ferner vier Torpedobootzerftörer verbefferten 
Typs mit 460 Tonnen Wafjerverdrängung, 30 Knoten Schnelligkeit, vier 
Schnellfeuerkanonen von 7,5 Zentimeter und ſechs Ausftoßrohren von A5«Zentie 
meter-Zorpedos und endlich eine Anzahl Unterfeeboote. 

Immer wieder hatte die Rechte zur Agitation für die Erweiterung des 
Verteidigungsweſens die rufftiihe Gefahr für Schweden hervorgehoben. Wie 
befannt, haben ſich beſonders Sven Hedin und Bontus Fahlbed in mehreren Flug- 
ſchriften für eine Vermehrung der Flotte eingejebt. Auch die Ruffifizierung Finnlands 
fol nad) der Meinung der Ronfervativen für die Zukunft Schwedens nicht unterfchäßt 
werben, bat doch feit der Ara Bobriloff Schweden Finnland als Bufferftant 
verloren. 


Schweden und der Weltkrieg a ee 101 — 





Die ausführliche Darlegung der Stellung der einzelnen ſchwediſchen Parteien 
zur Wehrfrage zeigt gleichzeitig auch das Verhalten des Volles gegenüber Deutſch⸗ 
land, allerdings nur infomeit, als die Zufammenfegung der Volfsvertretung bie 
Bollsftimmung wiedergibt. Den ſchwediſchen Sozialdemokraten tft Deutſchland — 
wie auch einem Teil der Liberalen — das Land des Milttarismus. Von dem 
deutfhen „Militarismus” bat man in diefen Streifen fo faliche Vorftellungen 
wie überall da, wo man diefen Begriff benugt, um Stellung gegen ung zu 
nehmen oder andere Völfer gegen uns aufzubegen. Für. den Militartsmus haben 
fie auch das ſchöne Wort „Preußeriet” geprägt; denn Preußen tft es ja, das 
vom Milttarismus durchſeucht ift und jebt auch die anderen. Bundesftaaten 
angeftedt hat. Auch die ſchwediſche Sozialdemokratie verfennt fo völlig die 
Bollsftimmung in Deutſchland, daß fie ſich einbildet, das deutſche Boll vom 
Milttarismus befreien zu müſſen, ohne fi darüber Mar zu werben, daß zu 
einer Befreiung auch die Geneigtheit des Volles, um das es ſich bei dem 
Befreiungswerk handelt, gehört. | 

Auch Ellen Key glaubt im „Forum“, einer linksſtehenden Beitfchrift, ihre 
Stimme gegen das „verpreußte” Deutſchland erheben zu müſſen. Bei ihr hätte 
man wohl eine befjere Kenntnis unſeres Baterlandes vermuten und Auslafjungen 
erwarten dürfen, die mehr Originalität verraten. Anftatt deffen gibt fie nur 
Shawſche Gedanfen wieder, wenn fie ſehnſüchtig das von ihr bewunderte 
Deutfhland Kants und Goethes zurückwünſcht, und wenn fie erklärt, daß für 
den, der den germanifchen Geift Tiebt, nicht DMosfau oder. London Deutichlands 
größter Feind ift, jondern Potsdam. Die Ziele der augenblidlichen ſchwediſchen 
Bolitit fieht fie in einem. Verteidigungsbündnis der flandinavifhen Staaten. 
„Die jegigen Schweden, deren Väter fo warm für die Gemeinſamkeit Skandi⸗ 
naviens eintraten, haben” — nad) ihrer Anfiht — „nicht das Recht, Nord- 
ſchleswigs Schickſal zu vergeffen“. In voller Übereinftimmung mit ihrer Auf- 
fafjung von Deutſchland gibt „Social-Demofraten“ einen Teil ihrer Ausführungen 
wieder und bringt zum Schluß die Auslaffung eines dänifchen Parteifreundes, 
der als warmer Deutfchenfreund (!) wünſcht, daß das „jebige verpreußte Deutich- 
land im Weltkriege unterliege”. 

Diefelbe Färbung wie das führende Stodholmer Parteiorgan zeigt auch 
die Zeitihrift „Ziden”, die ebenfalls von dem Führer der Sozialdemokratie, 
Hjalmar Branting, geleitet wird. Branting bat feinem Lebensgange gemäß 
enge Beziehungen zu Frankreich, deſſen Kultur er durch den Weltkrieg gefährdet 
fieht. Er haßt deshalb Deutichland, ohne zu bedenfen, daß deren Untergang 
wohl jeder gebildete Deutfhe mit gleihem Schmerze beflagen würde. Die 
Provinzpreſſe meicht niemals ohne wichtige Gründe von der Anficht ihres . 
Führers ab, und fo nimmt fie im ganzen bdiefelbe Haltung ein wie das 
führende Parteiorgan. 
| GSelbitverftändlich verfucht auch bie ſozialdemokratiſche Preſſe nachzuweiſen, 
daß Deutſchland den Krieg gewollt hat. Deutſchland, ſo legt ein Verfaſſer 


2 109' ee — Schweden und der Weltkrieg 


eines Artikels im Auguſtheft von, Tiden“ dar, habe „feine Stunde richtig gewählt“, 
und feine „Beredänungen würden vielleicht binnen kurzer Zeit ſich verwirklichen 
und Deutichland der Herr der Welt fein“. In derſelben Rummer verftattet 
man aber noch einmal auch einem Verteidiger Deutichlands das Wort, der die 
unberechtigten Anlagen gegen unfer Land abweiſt. Er zeigt Deutichlands 
Berfuche, den Frieden zu bewahren und legt bar, daß es einen gerechten Krieg 
führt, weil es durch eine große Übermacht gezwungen wurde, die Waffen zu 
ergreifen; — num kampft es für bie Aufrehterhaltung feiner Exiſtenz. 

Stelt man fi einmal auf den Standpımit, daß Deutſchland den Krieg 
gewollt bat, fo wird man ihm gegenüber eine um fo feindlichere Stellung 
einnehmen, je mehr das eigene Land unter dem Sriege zu leiden hat. Die 
Wirkungen der jebigen Lage find aber für Schweden ſehr bedeutend geweſen; 
insbejondere haben die breiten Schichten des Bolles, die Arbeitermaffen, bie 
ungünftige Lage des Arbeitsmarktes und die Berteuerung ber Lebensmittel ſehr 
geipürt. Die Arbeitslofenziffern waren im Degember in Schweden höher als in 
Deutihland. Während fie dort im lebten Vierteljahr des Jahres 1913 
2,2 Prozent, 2,6 Prozent und 4,4 Prozent betrugen, zeigen fie 1914 mit 
7,7 Prozent, 8,1 Prozent und 10,3 Prozent die eingetretene Krifis. Sekbft- 
verftändlich find es befonders die Arbeiter der Exrportinduftrien, bie durch dem 
Krieg ſtark betroffen werben. Groß war die Arbeitslofigfeit in der Stein- und 
Toninduftrie, die 1911 von den 805000 ſchwediſchen Induſtriearbeitern 
rund 31000 beidäftigte. Der Wert der Steinausfuhr betrug 1911 rund 
141/, Millionen Kronen, das Hauptabfagland tft Deutſchland. Auch das Bau- 
gewerbe hatte noch unter einer ftärleren Arbeitslofigleit zu leiden wie tn 
gewöhnlichen Wintern. Die Preiſe einiger Lebensmittel — insbejondere Fleiſch — 
find in Schweden fehr ſtark geitiegen. 

Als die deutſche Regierung am 23. November bearbeitete und un- 
bearbeitete ſchwediſche Hölzer als relative Kriegskonterbande erflärte, da 
verfäumte man in fozialdemofratifchen Seifen nicht, die Handlungsweiſe 
Deutſchlands zu brandmarken. Nur die rechtsftehende Preſſe wies energiſch auf 
den Handelskrieg Englands Hin, der die Intereſſen der ſtandinaviſchen Staaten 
tödlich verlegt. Gerade für Schweden hatte die Erklärung der relativen Konter⸗ 
bande zur abjoluten die fchwerften Folgen. Allerdings ift der Holzerport für 
die ſchwediſche Vollswirtſchaft Lebensbedingung. 52 Prozent des Landes finb 
mit Wald bededt und die zahlreihen Flußläufe und Seen ermöglichen einen 
billigen Transport der Hölzer. 1911 betrug die Ausfuhr unbearbeiteter, 
behauener und gefägter Hölzer ſechs Millionen Kubikmeter. Bon beionderer 
Bedeutung war die Verordnung vom 23. November dadurch, daß mehr wie 
der dritte Zeil der ſchwediſchen Holzausfuhr nad Großbritannien gerichtet ift. 
Eine Krifis in der Sägemühleninduftrie muß ſchon deshalb von fchweren 
Folgen begleitet fein, weil allein rund 40000 Arbeiter dort beichäftigt find. 
Aber die Erflärung vom 23. Rovember bat trogdem nicht jo einſchneidend 


Schweden und der Weltkrieg 108 


gewirkt, wie man nach der Bedeutung bes Holzexports für die ſchwediſche 
Bollswirtihaft annehmen ſollte. Denn während der Wintermonate tft der 
Transport über die Ditfee — die Weſtküfte kommt Taum in Betracht — wegen 
bes Eifes doch nicht möglich. Übrigens fcheint man jetzt die Beftimmung, die durch 
das eingetretene Taumwetter von großem Belang würde, verändern zu wollen. 

Hat die ſozialdemokratiſche Prefie nicht verfäumt, Kapital aus der deutſchen 
Konterbandeerklärung zu ziehen, fo ift fie nur allzu maßvol in der Kritil des 
ungerechifertigten Anhaltens ſchwediſcher Dampfer von feiten Englands, während 
wir diefe Berhältnifie in der übrigen Prefie mit großer Ausführlichleit dar⸗ 
gelegt finden. Nahezu ımerträglich wird für die ſchwediſche Geſchäftswelt jetzt 
die engliſche Zelegrammzenjur. 

Intereſſante Aufllärungen über die Stellungnahme der einzelnen 
Zeitungen werden uns, wenn wir ihre *2eltüre etwas mehr philologiſch 
behandeln: in fett gebrudter Überfchrift finden wir in „Social - Demokraten“ 
die Worte „bie deutſchen Seekriegsmethoden“. Darunter did gebrudt: „Der 
Berftörer der ‚Zalaba‘ ging unter engliſcher Flagge,“ dahinter fteht ein Punkt. 
Der Leier empört fi) über Dentichland. Ganz unten im Text fcheint aber der 
Redaktion des „Soctal- Demokraten” das Gewiſſen geichlagen zu haben, und fie 
verfieht die Hein gedrudten Worte „Die deutfchen Unterſeeboote unter engliſcher 
Flagge” mit einem Fragezeichen. 

Um gegen die Steigerung des Berteidigungsweiens auftreten zu Lönnen, 
muß die liberale und fozialdemofratiiche Preſſe der Annahme einer ruſſiſchen 
Gefahr entgegentreten, deren ftarle Hervorhebung von feiten der Rechten bie 
Zinle vor dem Kriege für übertrieben bingeftellt hat. Man leugnet, daß 
Rußland beftrebt ift, fich in den Bells von Narvik und dadurch eines Hafens 
am atlantiidhen Dzean zu ſetzen“). Es braucht nicht an die norwegiſche Küfte 
vorzubringen, wenn e8 Konftantinopel erobert hat, jo argumentiert man. Die 
Yolge diefer Auffaffung if, daß man Rußland ein fiegreihes Bordringen in 
den Dardanellen wunſcht. Sollte dies unmöglich fein, fo bleibt dem öftlichen 
Nachbar immer noch die Möglichkeit, einen Kriegshafen an der Murmantküfte 
anzulegen, der die Befignahme Narvils unnötig macht. Es genügt aber ber 
Iinfsftehenden Prefje nicht, mit diefer Beweisführung die ruſſiſche Gefahr zu 
befeitigen, fie verfucht fogar, wie wir gefehen haben, eine Gefahr, die von 
Deutſchland beranzieht, zu Lonftatieren. 

Wie ein ſchlechter Spaß mutet e8 uns jedoch an, wenn „Social-Demoftaten“ 
und „Dagens Nyheter“ feit ein paar Tagen eine ruſſiſch⸗ſchwediſche Konferenz 
von ruſſiſchen Dumamitgliedern und ſchwediſchen Reichsſtagsabgeordneten befür- 
worten **). Auffifcherjeits ſoll man ſchon die Grundlagen einer ſolchen Konferenz 


®) Bergleihe Die Grengboten vom 20. Xanuar 1915. Seite 74. 

““, Auf den Entrũſtungsſturm, der auf diefen Vorſchlag in der rechtsſtehenden Preſſe 
folgte, erflärte „Dagen® Nyheter“, die zuerſt den Gedanken verfolgte, „daß die Konferenz 
leineswegs eile”. 


104 Schweden und der Weltfrieg 


erwogen haben und die Behörden follen großes Intereſſe für den Plan be- 
tunden. Was fol in aller Welt, fo wird man Lopffchüttelnd fragen, das Thema 
einer ſolchen Zuſammenkunft bilden? Nichts Geringeres als die Zukunft Yinn- 
lands. In „Social⸗Demokraten“ felbft hat man eine Artifeljerie veröffentlicht, 
in der dargelegt wird, daß das finnifche Volt felbft Leine Hoffnung mehr bat, 
bei Aufrechterhaltung der Zarenmacht feine Selbftändigleit und Freiheit zu be- 
wahren. Trotzdem hält man in der ſchwediſchen Sozialdemokratie die Zeit für 
gelommen, die Hinderniffe, die „einer vertrauensvollen und freundfchaftlidden 
Verbindung der beiden Völker im Wege ftehen, wegzuräumen”. Merkwürdiger 
Meile zittert „Social⸗Demokraten“ bier nicht die Stelle aus Ellen Keys oben- 
genannten Aufſatz, „daß jeder Blutstropfen in einem fchwedifchen Herzen den 
Gedanken, die Hand über das niedergetretene Finnland unſerm öftlichen Nachbar 
zu reichen, abmeifen ſollte“. (Allerdings Iehnt fie in dieſem Zuſammenhange 
auch jede Waffenbrüderfhaft mit dem ſüdlichen Nachbar über das niedergetretene 
Nordſchleswig ab). Wir lönnen uns nur wie ein rechtsftehendes ſchwediſches Blatt 
wundern „überdas Zuſammenwirken des ruſſiſchen Abfolutismus und der ſchwediſchen 
Sozialdemokratie”. Ob Finnlands Ausſichten durch eine ſolche Konferenz wachſen 
werden? „Svenska Dagbladet” erinnert mit Recht an den Beſuch ruffifcher 
QDumamitglieder in England und macht darauf — daß die Furſprecher 
Finnlands in England ſeitdem verftummt find. 

Mit diefen Ausführungen fol nun feloftverftänbtid nicht nachgewieſen 
werden, daß jeder Sozialdemofrat der Meinung des Stodholmer Parteiorgans 
wäre. Für die Sache Deutihlands bat der befannte ſchwediſche Revifionift 
und Sozialdemokrat Guſtav %. Steffen in ſchwediſchen umd deutſchen Zeitungen 
Partei ergriffen. Wegen feiner Stellungnahme zur Verlegung der belgifchen 
Neutralität in der „Voſſiſchen Zeitung“ mußte er aus dem Bertrauensrat ber 
ſchwediſchen Sozialdemokratie ausſcheiden. Er hat in feinem Buche „Krieg und 
Kultur” (Erſter Band, deutfch, bei Eugen Diederichs, Jena, 1915), von dem 
foeben au der zweite Zeil im ſchwediſcher Sprade erſchienen ift, ſich 
mit den deutſchfeindlichen Außerungen der Engländer und Ruſſen ausein- 
andergefegt und wichtige Dokumente für die Denkungsart unferer Feinde bei- 
gebracht. Befonderen Wert erhält feine Beurteilung durch Die tiefgehende 
Kenntnis, die er von der Kultur, insbefondere von der Vollswirtihaft Groß- 
britanniens befigt; er bat mehr wie ein Jahrzehnt in England "gelebt. 
Mit fetner Ironie behandelt er die Art, mit der die Engländer verſuchen, ihr 
Bündnis mit Rußland zu rechtfertigen, den ruſſiſch-engliſchen Kampf für 
„Demokratie und Freiheit” zu erflären. Allerdings balten es die meiften 
Engländer für befler, über das Zufammenmwirlen beider Reiche fein Wort 
zu verlieren, nur einige ſprechen fich offen, fogar in Privatbriefen an Steffen 
aus: man will mit Hilfe Rußlands den größten Konkurrenten, Deutjchland, 
niederzwingen, um nachher dem Koloß feine Friedensbedingungen zu biltieren. 
Mit gutem Verjtändnis weiſt Steffen die englifchen Anflagen gegen den deutſchen 


Schweden und der Weltkrieg 105 


„Militarismus“ zurüd. Im zweiten Teile legt er unter anderem zahlenmäßig 
dar, daß Englands und Franfreihs Ausgaben für Heer und Marine pro Kopf 
der Bevöllerung bedeutender find als die Deutſchlands. Für die unglaublichen 
Kriegsberichte englifher Sournaliften weiß Steffen nur eine Erflärung: fo wie 
England zum größten Teile aus Jagdgründen befteht, fo fieht der Engländer 
auch die ganze übrige Welt als fein Jagdrevier an; denn ber Sport und be- 
ſonders die Jagd erfcheinen ihm ja als notwendiger Ausgleich der Schäden 
bes modernen Induſtrialismus. So tft ihm die Vorliebe geblieben für Kriegs- 
ſchilderungen, die ſich nicht von ben alten Indianergeſchichten unterfcheiben. 
Die krafſen Urteile gebildeter Engländer über Deutſchland erflärt Steffen mit 
der Beichränftheit der engliſchen Infularität. Aus jeder Zeile Steffens ſpricht 
Hochachtung für das deutſche Volt und feine Kultur. Befonders für felne 
Kraft der Organifation — die er ſowohl in dem deutſchen Militarismus wie 
in ber deutichen Sozialdemokratie findet — hat er volle8 Verftänbnis und 
Worte hoͤchſter Anerkennung. | 

Die rechtsſtehende Partei Schwedens geht weiter wie Steffen. Sie tft feit 
Kriegsausbruch mit der offiziellen Politik unzufrieden und wünſcht ein ‚aktives 
Eingreifen zugunften Deutſchlands. Mit fcharfen Worten hält fie immer wieber 
dem Volle die ruffifche Gefahr vor Augen, die jegt nad Ausbruch des Krieges 
die lintsſtehende Preſſe wegzubisputieren fucht*). Sollte Rußland auch die Befig- 
nahme Konftantinopel® gelingen, fo wird es beshalb nicht aufhören, alle 
Mittel in Bewegung zu feben, um fi} in den Belt eines Hafens am atlantiſchen 
Dzean zu ſetzen. Kann doch ein Hafen am mittelländtichen Meer, in deſſen 
Beherrſchung fi vier Großmächte teilen, nicht den fo erfehnten am Weltmeer 
erfegen, gar nicht zu reden von NAlerandrowf? an der Murmanlüfte, daS bei 
weiten nicht diefelben günftigen Bedingungen eines Kriegshafens aufweiſt wie 
Narvik. 

Aufſehen erregende Artikel erſchienen in der Zeitſchrift „Det nya Sverige,“ 
deren Herausgeber der Leiter des Nationalvereins gegen die Auswanderung, 
Adrian Molin, iſt. Belanntlich war ja eines der Hauptprobleme der ſchwediſchen 
Bolkswirtſchaft in den letzten Jahrzehnten die Verhütung der Auswanderung. 
Hat doch das Land von 1850 bis 1910 mehr aß eine Million Menſchen 
verloren, faft ein Fünftel feiner jebigen Bevölkerung. Der Verein verſucht 
durch Anfteblung von Bauern die Leute in der Heimat zu halten und Rück— 
wanderer von neuem an bie Heimat zu feſſeln. Schon aus der Tätigfeit des 
Bereins, deren Direltor — wie gejagt — der Herausgeber der Zeitichrift 
„Det nya Sverige” ift, Täßt fich ihre Tendenz erfennen: Erneuerung der ſchwediſchen 
Rultur auf nationaler Grundlage. Molin will in feinen Artileln „Starte und 
ſchwache Neutralität“, „Schwedifche Neutralität”, „Narvik oder die Dardanellen” 


*) Zur Achtſamkeit auf ruffiihe Eroberungspolitit riet auch die immerwährende uner- 
börte Spionage von feiten Rußlands in Schweden. 


106 Schweden und der Weltkrieg 








beweifen, daß im Unterfchied von Italien Schweden durch feine Reutralität 
nur verlieren Tann. SYtalien läßt in jedem Yalle die Großmächte den Kampf 
auch für fi ausfehten. Es wird am Tage des Friedens feinen Nuten aus 
dem Weltkrieg ziehen, weil beide friegführenden Parteien — dank jeiner 
kräftigen Machtmittel — ihm jederzeit eine altive Politik zutrauen, fie berbei- 
wünfchen oder fürchten, Schweden aber wegen feiner geringen Machtmittel nicht 
ernſt genommen wird. 

Deutihland — fo fährt Molin fort — ift der einzige Staat, ber Schweden 
Stüße gewähren kann. Man wird es ihm aber beim Yrieden nicht verübeln 
lönnen, wenn ihm die Türkei, die aktiv eingriff, naͤherſteht als der ſtandinaviſche 
Stammesgenofie._ Es wird niemand wundern können, wenn es für bie 
Sarantierung ber Integrität ber Türkei Rußland nichts mehr in den Weg 
legt, fih den fo notwendigen Hafen an der Küfte Norwegens zu ſuchen. 
Sicher muß man Molin recht geben, wenn er behauptet, daß eine Beſchluß⸗ 
faffung nichts bedeutet, wenn man nicht bie Möglichkeit befikt, jederzeit für 
ihre Nichtachtung das Schwert zu ziehen. Doppelt Har wurbe uns biefe 
Erienntnis durch das felbftherrliche Verhalten Englands gegenüber den neutralen 
Staaten. Ob wir trotz diefer Umftänbe aber fo ſcharf in unjerer Beurteilung 
fein dürfen und der Malmözuſammenkunft feine andere Bedeutung zufprechen 
können als bie einer Demonftration, fcheint mir fraglih. Wirb es doch 
fiher Ion von erheblicher Wirkung fein, wenn fi) die ſtandinaviſchen Staaten 
einig geworden find, auf jeden Fall den finniſch ⸗ſchwediſchen Bahnanſchluß zu 
verhindern und bie Neutralität ftreng zu bewahren. 

Großes Auffehen erregte in Schweden Molins Widerlegung der Anfichten 
jener Männer, die die Ubermacht eines fiegenden Deutſchland fürchten. Wir 
wollen die Worte Molins bier ohne Kommentar wiedergeben: „Würde uns 
wirflih Gefahr von feiten eines Deutſchland drohen, das feine Feinde mit 
Glüd befämpft hat, fo wäre e8 für Schweden an der Zeit, ernftlich zu über- 
legen, welches Schidfal e8 vorzöge: Bayerns oder Finnlands.“ 

Diefe Äußerung könnte glauben machen, daß es den Schweden an Rational- 
gefühl gebriht. Das Gegenteil beweift ſchon die Tendenz ber erwähnten Beit- 
fohrift. Eher könnte man die Strömung, die jebt in Schweden in ben ver 
ſchiedenſten Kreifen, Liberalen und Konfervativen, ſcharf zutage tritt, mit den 
Worten bezeichnen: Schweden für die Schweden. Selbit Sozialdemokraten 
äußerten fi mir gegenüber empört, daß fo viele Unternehmungen fidh in ben 
Händen von Ausländern befänden. BDiefe Stellungnahme tft allerdings nicht 
fo verwunderlich, da die ſchwediſche Sozialdemokratie ja ſchon vor dem Kriege 
bedeutend nationaler gerichtet war, als bdiefelbe Partei in anderen Ländern. 
Heute würde man es in vielen Kreifen mit Freude begrüßen, wenn man getreu 
dem Prinzip „Schweden für die Schweden“ den Erwerb von Grundbefit für 
Ausländer erſchwerte. Diefe Auffaffungen find um fo fhwerer zu verftehen, 
als Schweden, das nur fünfeinhalb Millionen Einwohner befigt, in erfter Linie 


Schweden und der Weltkrieg 107 


für eine Träftige Entwidlung feiner Vollswirtſchaft Menſchen fehlen. Menſchen 
fehlen ihm ſowohl für die Urbarmachung feiner Moore, die einen großen Teil 
des Bodens, befonders in ben nörbliden Brovinzen, bebeden, als auch für den 
weiteren Ausbau feiner Induſtrien. 

Bir haben leider die Anſchauung, daß Schweden fchlechthin und durchweg 
deutſchfreundlich gefinnt ift, ſtark einfchränten müflen. Aber wir dürfen uns 
im ganzen — ohne leichtfertig zu fein — der Anficht eines bekannten Sozial- 
demofraten anfchließen, der mir diefer Tage fchrieb: „Denutichland hat im 
Mwebiichen Volle mehr Freunde als Feinde.” Bor allem aber fteht bie 
Intelligenz im allgemeinen auf unferer Seite. Daher kommt es aud), daß 
diefenigen, die in Schweden ftubienhalber reifen, den Eindrud gewinnen, gleich 
gefinnte Stammesbrüder zu finden. 








Die Befteuerung des Hriegsgewinns — 
eine Steuerungerechtigfeit 
Don Prof. Wittfhemffy 
RE ie großen geichäftlichen Vorteile, die einer Minderheit unjerer 


erwachſen, haben den Gedanken auffprießen laſſen, die erzielten 
Geſchäftsgewinne mit einer befonderen Steuer zu belegen. Warum 





—— das geſchehen ſoll, iſt nicht ohne weiteres klar erkennbar. Gewiß, 


zum Kriegführen gehört Geld, ſehr viel Geld, und wenn der Staat in argen 
Geldſchwierigkeiten ſteckt, ſo langt er nach den Geldmitteln, die ihm am leichteſten 
zugänglich erſcheinen. Die Vermögensbeſteuerung wäre, falls das Steuerſchiff 
nebſt den anderen Geldſchiffen in ſchwerem Kriegsſturm auf einer Sandbank 
feſtſäße, eine Angelegenheit, über die ſich reden ließe. Aber, wie angedeutet, 
nur die äußerſte Notwendigkeit könnte eine Maßregel rechtfertigen, durch Die 
von den Kapitaliſten ein außerordentlicher Kriegstribut eingefordert wird, ohne 
nachdenklichen ſteuerpolitiſchen Erwägungen ſich hinzugeben. Dieſer Fall liegt 
jedoch im Deutſchen Reich offenbar nicht vor. Über die Stärke unſerer finanziellen 
Kriegsrüſtung wiſſen wir nach dem Ergebnis der beiden Kriegsanleihen 
genügend Beſcheid. Und werden die zur Verfügung ſtehenden Milliarden auf 
gebraudit fein, fo daß die vom Reichstag bemilligten weiteren Krebite in Anfprud) 
genommen werden müfjen, fo dürfte eine etwa aufzuerlegende „Sriegsfteuer" 
auch nicht die rohe Form eines einfachen Nüdgriffs auf den privaten Ver 
mögensbefib annehmen. DBeiläufig fei hierzu eingefchaltet, daß der in ber 
bureaufratifhen Tretmũhle noch jugendfrifhe neue Reichsſchatzſekretär den 
Gedanken einer Reichsiteuer vorläufig überhaupt abgelehnt hat. Die Einführung 
einer Kriegsgemwinnfteuer ift demnach durch fiskaliſche Erforderniffe keineswegs 
bedingt. Andere Gründe müſſen alfo für das Wohlwollen maßgebend fein, 
mit dem ein folder Steuerplan von der öffentlichen Meinung aufgenommen 
und auch in den Parlamenten bewilllommnet worden ift. 

In den Grenzboten (Nr. 13) tft eine Steuer auf Kriegsgewinn unter dem 
Titel einer „Einkommenvermehrungsfteuer” aus Gründen des Billigkeits⸗ 
empfindens empfohlen worden. Etwas ausführlider hat kürzlich Juſtizrat 
Bamberger in der Tägliden Rundfchau (Nr. 118, 135, 178) denfelben Gedanken 





erne 


Die Beftenerung des Kriegsgewinns — eine Steuerungeredhtigfeit 109 


vertreten, nachdem er vorgängig die gewichtigen Bedenken gegen bieje Steuer 
felbft hervorgehoben hat. Die praltiihen Einwände zerfließen ihm aber gegen- 
über dem pfychologifhen Moment, daß ein weit verbreiteter Unmillen beſteht 
über die Art, wie der furchtbare Krieg ähnlich einer beliebig anderen geichäft- 
lien Konjunktur zur materiellen Bereicherung einer Pleinen Minderheit aus⸗ 
genugt wird. Diefes Gefühl, meint AYuftizrat Bamberger, fol man ſich nicht 
verwirren laffen. Und er weift auf die Duelle des Mikmuts bin, wenn er 
ſchreibt: „Das allein ift nicht entſcheidend, daß der Nuben in einem Mißver⸗ 
bältnis zu der aufgewendeten Arbeit ſteht, auch nicht, daß innerhalb der kurzen 
Zeit von wenigen Monaten Vermögen erworben werden, die fonft faum bie 
Frucht der Tätigkeit von vielen Jahren bilden, fondern entſcheidend ift bie 
Zatjache, daß der Krieg es ift, der eine fo außerordentliche Bereicherung her⸗ 
vorruft.” Es fet nicht mehr als recht umd billig, daß die Begünftigten einen 
Heinen Zeil des erlangten Nubens in Form einer Steuer der Gefamtheit 
überlafjen. 

Nach der bier verlautbarten Auffaffung ſoll alſo nicht jo fehr die Tatſache 
bes Gewinns an fi, aud nicht die ungewöhnliche Höhe der Gewinne für die 
Beitenerung maßgebend fein, fondern vor allem wird die finanzielle Rubbar- 
machung der Sriegszeit für privatwirtſchaftliche Erwerbszwecke als anſtößig 
erachtet. Dem Kriegsgewinn wird damit der Stempel unmoraliſchen Verdienſtes 
aufgeprägt. Andernfalls wäre die Entrüſtung nicht recht zu verſtehen, die über 
dieſe Gewinnmöglichkeiten beſteht und auch vom Juſtizrat Bamberger als voll⸗ 
auf begreiflich anerkannt wird, ohne Nüdfiht darauf, ob die wucheriſche 
Ausbeutung von kriegswirtſchaftlichen Ausnahmeverhaltniſſen wirklich nachweisbar 
ift oder nit. Nun aber follte gerade in der Steuerpolitit das moraltiche 
Moment niemals fi von felbft verftehen. Seine Einhaltung in die Grund⸗ 
ſätze der Stenergerechtigleit müßte den Steuerpraftiler auf gefährliche Irrwege 
führen, indem fhließli die moraliihe Sefinnung der Steuerpflichtigen bei der 
Steuerumlegung in Betraht zu ziehen wäre. Wenigſtens fehlt ohne bie 
moraliihde Bewertung die Begründung, warum an Sriegslieferungen nicht ver- 
dient werden darf und warum biefe Gewinne nicht entiprechend höher fich jtellen 
dürfen als zu normalen Zeiten. Daß diefe höheren Gewinne in die Kriegszeit 
fallen oder gar dur) die Bedürfniſſe der Kriegführung überhaupt erft erzielt 
worden find, Darf unſeres Erachtens als unſchicklich nur dann gelten, wenn 
Kriegsgewinne unter allen Umftänden mit Bebenklichleiten behaftet find. Das 
wird aber ſchwerlich behauptet werden, denn ſonſt würde das auch für die 
Heeresleitung ungemein wichtige Geſchaͤftsintereſſe erlahmen. Kriegsgewinne 
find aljo grundfäglich nicht verwerflich, können aber zu Quellen des Unmuts 
werben, wenn fie durch ihre Höhe den Eindrud einer wucheriſchen Machenſchaft 
hervorrufen. Man follte fih hüten, geſchäftliche Einkünfte beträchtlichen. 
Umfangs, denen bäßliche fpefulative Umtriebe nicht zugrunde liegen, deshalb 
zu verurteilen, weil fie aus der Kriegsbafis emporgeitiegen find. Wenn das 


\ 


110 Die Befteuerung des Kriegsgewinns — eine Stenerungerectigfeit 


in der oͤffentlichen Meinung vielfach geichieht, fo fpielt eine große Gedanken⸗ 
loſigkeit hierbei die Hauptrolle, die den inneren Zufammenbang tn biefen weit- 
ſchichtigen geſchaͤftlichen Transaktionen nicht überfieht oder nicht erkennen will. 
Unmoralif find lediglih Wuchergewinne, die als ſolche zweifellos feitgeftellt 
find, denen man aber in anderer Weife als mit der Stenerrute entgegenzutreten 
hätte, denn die Aute würde mit den Ungerechten auch viele Gerechte treffen. 

Die Schwächen der fteuertheoretifchen Begründung einer Gemwinnfteuer, die 
ihre Spige nur auf die „Kriegsgeichäfte” richtet, find ber Ausfluß einer das 
deutſche Bolt gegenwärtig beberrichenden Gefühlspolitit, die mehr von vater 
ländifhen Empfindungen al8 von ftrenger Sachlichleit ſich leiten läßt. Im 
Hinblid auf die gewaltigen Opfer an Gut und Blut, die der Srieg allen 
Bollsfreifen auferlegt, regt ſich Iebhafter Unmut über diejenigen, die anjcheinenb 
ein Defizit an opferwilliger Gefinnung befunden, indem fie die ihrem Geichäfts- 
geift günftigen Kriegskonjunkturen zu flotter Mebrung ihres Einlommens trefflich 
zu verwerten befliffen find. Heldenhaftes Fühlen lehnt ſich gegen den Hänbdler- 
geift auf. Die opferwilligen Laftenträger verurteilen die geichäftstüchtigen 
Gewinnjäger. Eine Unterſcheidung von Fall zu Fall ift nicht angängig, inwie⸗ 
weit die Vorwürfe wegen fpelulativer Ausnugung der verworrenen Marktlage 
näberer Prüfung ftandhalten. Der Ruf nad dem Stenererheber lommt einer 
Berurteilung in Baufh und Bogen gleih. Mit folden Gefühlsäußerungen, 
deren löblicher Untergrund nicht unterfhäst werden foll, tft aber das Syſtem 
eines gerecht veranlagten Steueraufbaues nicht wohl vereinbar. Gewiß joll die 
Einfommenvermehrung oder bie Vergrößerung des Bermögensbefites dem fteuer- 
fistalifden Arme nicht entzogen werden, die Sonderfteuer verjtößt aber gegen 
die Steuergerechtigkeit, wenn fie fi) auf die Gefühlsmomente deuticher Patrioten 
beruft. Die Ausfonderung der „Kriegsgewinne” aus dem Rahmen der durch 
Reichs⸗ und Staatsfteuern zu erfaflenden Einkünfte läßt faft vermuten, daß Die 
Gewinner für ihren Erfolg abgeftraft werden follen. Bon manden Freunden 
dieſer Beftenerung, beifpielsweife au von Herrn Juſtizrat Bamberger, wird 
das mittelbar zugegeben, wenn fie Kriegszeit und Geſchaͤftsgewinn miteinander 
verbinden und hieraus ihre Steuerforderung berleiten. Da die von der Börlen- 
ſpekulation eingeftrihenen, unter Umftänden riefenbaften Gewinne von ſolchen 
Steuerattacken unbehelligt bleiben, fo kommen wir nicht darüber hinweg, daß 
für den Krieg eine bejondere Geſchäftsmoral gelten und durch die Steuer auf 
den Zabelftuhl gefebt werden fol. Das wäre, wie bereitS bemerft, ein fteuer- 
politifher Fehltritt. Auch der Kriegsgewinn tft ein legitimer Kapitalertrag, 
dürfte daher nicht unter ein Sonderrecht gebradgt werden. Wenn zum Beifpiel 
die Altien der Waffenfabrilen fprunghaft in die Höhe gehen ober die großen 
Mahlmühlen eine dreifach höhere Dividende zu zahlen in der Lage find, fo 
erwaͤchſt den glüdlichen Beſitzern der betreffenden Wertpapiere eine Bergrößerung 
ihres Nentenlapitals, zu einer Belrittelung dieſes Kriegsgewinns“ liegt aber 
nicht die mindefte Veranlaffung vor. j 


Die Beftenerung des Kriegsgewinns — eine Stenerungeredtigteit 111 


Die Kriegsgewinnfteuer wird noch von einer anderen Seite ber empfohlen, 
wobei das moraliſche Element unberüdfichtigt bleibt umd lediglich die einfache 
Tatſache als entſcheidend ins Feld geführt wird, daß inmitten des Rückganges 
in ben allgemeinen Einlommensverhältnifien eine Tleine Gruppe  gewandter 
Geſchäftsleute und begünftigter Induftrieller durch Beteiligung an der Herftellung 
und Lieferung von Kriegsbedarf jeglicher Art eines ungewöhnlich hohen Geſchäfts⸗ 
profits ſich zu erfreuen vermag. Die Steuergerecdhtigleit wird als Motiv für 
die prozentuale Schröpfung dieſes Profit8 angerufen. In Wirklichkeit würde 
mit einer ſolchen Befteuerung eine arge Steuerungerechtigkeit begangen werden. 
Bom Beigeorbneten Rohde ift in den „Grenzboten“ dargelegt worden, wieviel 
günftiger die Finanzlage der gewinnenden Minderheit ift im Vergleich zu der 
großen Mehrheit, die durch den Krieg einen beträchtlichen Zeil ihrer Jahres⸗ 
einnahmen einbüßt. Hieran anknüpfend wird der unferes Erachtens fehr 
bedenkliche Grundſatz aufgeftellt, daß in Notftandszeiten von den Glüdsgüter 
Ermwerbenden ein befonderer Steuertribut erhoben werden dürfe. Bon Not⸗ 
ftänden in der einen oder anderen Form werden wir häufiger heimgefucht, und 
der Gegenſatz zwiſchen wenigen großen Gewinnen und vielen fchweren Ber- 
Iuften ift eine faft alltägliche Erſcheinung. Wollten wir die dadurch verurfachten 
finanziellen Ungleichheiten durch die Anwendung der Steuerfchraube ebnen, fo 
geraten wir in ein Fahrwaſſer fogialiftifcher Ideen. Dur) die progreifive 
Befteuerung findet ein gewiſſer Ausgleich zwiſchen großen und Heinen Ein- 
Iommen obnehin ftatt und werben auch die Kriegägewinne erfaßt, jo daß eine 
zeitlich begrenzte neue Stenerauflage auf eine mehr oder weniger willfürlidh 
fonftruierte Gruppe von Steuerpflichtigen den geltenden Grundfägen unferes 
Steuerwejens widerfpreden würde. Was zugunften eine außerordentlichen 
Zuſchlags zur Einfommenfteuer unter Berufung auf den Krieg angeführt wird, 
fönnte zu erwägen fein, falls aller Kapitalbefits und alle größeren Einkommen 
mit einer Kriegsabgabe belegt werden müßten, ſchafft aber ein gehäffiges Aus- 
nahmerecht, wenn nur beftimmte Geſchaͤftsgewinne bejchnitten werben follen. 
Die Gewinnempfänger werden es ftetS als eine unverbiente Kränlung empfinden, 
daß man fie mit einer Ertranuflage bebentt, weil fie während des Srieges 
mebr als ihre Nebenmenſchen verdient haben. Zwar wird uns vorgehalten, 
daß der Steuerpflichtige, der fein Einlommen vermehrt, aus Freude bierüber 
gern einen befonderen Zufhlag zahlt. Für dieſe Anfiht würden fi aber 
nicht viele Zeugen beibringen lafien. Zum mindeften wird jedoch der Befteuerte 
verlangen, daß bei feiner Steuereinſchätzung nit das einzelne Erntejahr bes 
Krieges als Einfommensmaßftab zugrunde gelegt wird, fondern feine finanziellen 
Berbältniffe aus mehreren Jahren zufammengehalten werden. Denn entiprädhe 
es etwa der Billigkeit, daß gefchäftliche Unternehmungen, die in den Jahren 
vor dem Kriege vielleicht mit ftarfer Unterbilanzg gearbeitet haben, nun aber 
durch günftige Umftände vorübergehend einen günftigen Aufihwung nehmen, 
ftenerlich fo herangenommen werden, al$ wenn fie in bauernder Üppigkeit ſich 


112 Die Befteuerung des Kriegsgewinns — eine Stenerungerecdtigkeit 

befunden hätten? In Wirklichkeit kommen fie ſchlechter Davon wie fonft ertrag- 
reihe Unternehmungen, bie aber infolge der Kriegswirkungen tm Jahre 1914/15 
einen einmaligen Ausfall erleiden. Eine derart ungleihmäßige Bewertung der 
Einfommensgrößen ift mit der Steuergeredtigleit ſchwer vereinbar. Mag ber 
Krieg mauche finanzwirtſchaftliche Grundſätze zeitweilig durchbrechen, ſofern die 
Kriegsnot hierzu verpflichtet, er ſollte aber nicht ohne erſichtliche Dringlichkeit 
zu einer Steuerpolitik ab irato verführen. 

Mit der Möglichkeit, daß die Steuerſchraube in Bewegung geſetzt wird, 
don um die fünfhundert Millionen zur Berzinfung von zehn Milliarden Kriegs- 
anleihe zu beichaffen, tft immerhin zu rechnen. Naheliegend ift auch der Plan, 
einen Hanptteil der Steuerlajt auf das Einlommen und Vermögen zu legen. 
Dagegen ift mwejentliches nicht einzuwenden. Die Einlommenseinfhägung und 
die Vermögenszumachsiteuer find auch das natürliche Fundament, auf dem die 
Beitenerung der Kriegsgeminne fih würde aufbauen müſſen. Zu vermeiden 
ift hingegen eine bejondere Steuer, die die während des Krieges und im Zu 
fammenhang mit ihm entftandenen Mehreinlünfte als ein neues Steuerobjelt 
zu erfaffen ſucht. Hierzu liegt aus den angeführten Gründen feine Veranlaflung 
vor. Der Einwand, dab das Reichsbeſitzſteuergeſetz ſchleunigſt „kriegsbrauchbar“ 
gemacht werden müßte, weil die gewonnenen Stapitalien bis zur Erhebung 
vom 1. April 1917 gar leicht wieder zerronnen fein könnten, ift in unjeren 
Augen nicht ftihhaltig. Der Kriegsgewinn, jelbft wenn er noch fo hoch ift, 
läßt fich jteuertechnifh nicht mit einiger Sicherheit erfaſſen. Wer für die 
Lieferung beftimmter Bedarfsartifel der Heeresverwaltung, nehmen wir an, eine 
Million mehr ausgezahlt erhält als nad den marktgängigen Preifen vor dem 
Kriege erforderlich, hat deshalb noch lange nicht eine Million verdient. Die 
ganze Neihe der Hintermänner, Agenten und Lieferanten beifht aus biejem 
Berdienft feinen Anteil und bewirkt, daß der Einheitsprofit in eine unabjehbare 
Menge von Kanälen auseinanderfließt. Anderſeits vergegenwärtige man fi 
die ungebeuren Umſätze in Nahrungsmitteln zu bohen und höchſten Preifen, 
bei denen den Produzenten oder Zwiſchenhändlern Millionen al8 Diehrerträge 
gegen früher zugefloffen find. Auch hier handelt es fi um Konjunkturgewinne, 
die der vielgerühmten, aber zumeift unhandlichen Steuergeredhtigleit zuliebe, 
jteuerlichd gemaßregelt werden müßten. Wie aber das geſchehen foll, wenn man 
den feiten Boden der beitehenden Steuerorbnungen nicht preisgeben will, könnte 
das Thema einer Preisaufgabe bilden. In jedem Falle würde bie Steuer 
ungerechtigleit grell hervortreten. 





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Für die Kriegsgewinnſteuer 


Don Juſtizrat Bamberger 


Tu ie Sinwendungen, die Profeſſor Wittſchewſty gegen die Kriegs⸗ 
gemwinnfteuer erhebt, haben Feine überzeugende Kraft. Es ift 
nicht verftändlih, weswegen nur die äußerfte Notwendigkeit es 
rechtfertigen fol, eine SKriegsftener von den Sapitaliften zu er⸗ 
erheben. Bon mittellojen Arbeitern und Handwerkern kann man 
fie gewiß nicht einfordern. Übrigens handelt es ſich bei der Steuer, für bie 
auffteigende Säbe von 5 bi8 20 Prozent empfohlen find, nicht nur um Sapitaliften, 
fondern um alle diejenigen, die in den Striegsjahren mehr verdienen, als im 
Durchſchnitt der drei vorhergehenden Nechnungsjahre. Liegen diefe Voraus⸗ 
fegungen vor, fo wären auch Landwirte und Rentner in Höhe des Über- 
ichuffes zu der Steuer heranzuziehen, die lehteren beilpielsweife, wenn ihre 
Befi an Aktien, etwa von Waffenfabrifen, ihnen ein höheres Einkommen ge- 
währen follte, als in Friedenszeilen. In allen diefen Fällen ift Kriegsgewinn 
vorhanden. Doch muß dem Gteuerpflidätigen für den einzelnen Fall der 
Gegenbemweis offen jtehen. — Im allgemeinen fann man davon ausgeben, daß 
jeder nad) der finanziellen Seite bin zufrieden ift, wenn er in biefer Zeit bes 
Krieges annähernd fo geftellt ift, wie vordem, und wer zufegen muß, ift zu- 
frieden, wenn er etwas zuzujeben bat. Wer hingegen infolge des Krieges ein 
höheres Einkommen hat, als vorher, der ift fo begünftigt, daß man ihm nicht 
zu nahe tritt, wenn man ihn zu einer Abgabe vom Überfhuß an die Gefamtheit 
beranzieht.. Das ift das gute Recht der Gefamtheit, weil aus ihren Mitteln 
dem einzelnen fein Gewinn zugeflofien iſt. Es beiteht doch ein jchroffer 
Gegenfag zwiſchen der Lage der großen Mehrheit der Bevöllkerung, die für den 
Unterhalt ihres Lebens jebt auf beſcheidene Unterjtügungen angewieſen tft, und 
‚ber Lage einer Minderheit, die in derſelben Zeit und aus demfelben Anlaß 
Gewinne bis in die Hunderttaufende und Millionen einftreiht. Der Wider- 
ſpruch verlangt nad) einem Ausgleid. Wenn Wittſchewſty die Erſchließung 
diefer Einfommenquelle für das Neid als überflüſſig erachtet, indem er auf 
das günftige Ergebnis der beiden Kriegsanleihen binmeift, jo feheint er zu 
überjehen, daß der Krieg noch nicht beendet ift und daß das Neid im Wege 
der Anleihen doch nur Schulden gemacht bat, 14000 Millionen Dart Schulden, 
Grenzbsten II 1915 8 





114 für die Kriegsgemwinnfteuer 


die jährlid 700 Millionen Mark Zinfen erfordern neben den 180 Millionen 
Zinſen, die auf die bisherige Schuld der fünf Milliarden aufzubringen find. So 
ganz überflüflig iſt es alfo wohl nicht, allmählich an die Dedung der Schulden 
oder doch der Zinfen zu denken, wenn es nicht geboten fein follte, den Ertrag 
der Kriegsgewinnſteuer als Grundftod für die Verforgung der Kriegsinvaliden, 
der Witwen und Waifen der Gefallenen beifeite zu ftelen. — Daß die 
Kriegsgewinne nicht verwerflih und nur ausnahmsmeife auf eine unerlaubte 
Ausbeutung von Ausnahmeverhältniffen zurüdzuführen find, ift gern einzu- 
räumen. Meinerfeit3 habe ich nie etwas andere behauptet, fondern wieder- 
holt betont, außergewöhnlich hohe Aufträge müßten einen außergewöhnlich hoben 
Nutzen abwerfen und es fei nicht zuläflig, deswegen von ſchamlos hohen Ge- 
mwinnen zu ſprechen. Gleichwohl erſcheint mir eine befondere Beiteuerung dieſer 
Gewinne, die der Natur der Sache nad über das Maß des Gewöhnlichen 
hinausgehen, wohl gereäötfertigt, weil fie nur durch die fchweren Opfer er- 
möglidht werden, die die Allgemeinheit für den Schub des Vaterlandes dar⸗ 
bringt. Niemals läßt fich die Berechtigung einer Abgabe mathematifch bemeifen. 
Es geht aber gegen die allgemeine Empfindung, wenn man bört, daß eine 
einzelne Sprengftoffabrit möchentlih 200000 Mark durch Kriegslieferungen ver- 
dient; man Tann fi) dabei des Gedankens nicht erwehren, von diefem außer- 
ordentlichen Gewinn könne fie mehr abgeben, ald von ihrem regelmäßigen Ver⸗ 
dienst in Friedenszeiten. Wenn Wittſchewſky glaubt, daS moralifhe, das 
Gefühlsmoment aus der Steuerpolitil ausfchalten zu jollen, fo kann ich ihm darin 
nichtfolgen. „Die gerechte Beiteuerung muß derTheorie und Praxis das hohe, heilige 
Ziel bleiben,“ fo fagt mit Recht einer der herporragendften Lehrer der Finanz 
wiſſenſchaft). Was aber gerecht ift, darüber entfcheidet in erfter Linie das 
Gefühl. In den Urteilen der Gerichte find es auch nicht die Gründe, die uns 
überzeugen, mögen fie noch fo viel Scharfiinn und Geſetzeskenntnis verraten, 
fondern die Entſcheidung felbft ift es, wenn fie unferem Rechtsgefühl entipricht, 
dem Rechte, das mit uns geboren ti. Ganz dasfelbe gilt auf dem Gebiete 
der Befteuerung. Je länger, je mehr kommt in der Finanzmwiflenfchaft die 
Lehre von der ausgleichenden Gerechtigkeit zur Geltung. Diefem hohen Grund» 
fab im Siege, wie im Frieden zum Giege zu verhelfen, das ift das Ziel, 
welches die Anhänger der Sriegsgemwinnfteuer verfolgen. Sie find weit davon 
entfernt, plitterrichtend die Auferlegung einer Strafe zu betreiben, fie laſſen 
fih auch nicht von einem Gefühl der Entrüftung leiten, für welches die Be- 
gründung in der Regel fehlt, fondern fie ftreben nach einem gerechten Ausgleich 
eine8 aus natürliden Gründen entftandenen Gegenſatzes und fie find Tühn 
genug, zu glauben, daß eine Löfung, wie die vorgeichlagene, vielen der 
Beteiligten felbft ein mwilllommenes Mittel fein wird, einen begreiflicden inneren 

*) Franz Meifel im Jahrbuch für Gefeggebung, Verwaltung und Volkswirtſchaft von 


Guſtav Schmoller. Jahrgang 85, Heft 1, Seite 868. Vergleiche auch meine Schrift: 
„Finanzvorſchläge.“ Carl Heymanns Verlag, Berlin. 1915. 


$tanfreihs Werben um Belgien 115. 


— — 


Zwiefpalt der AIntereffen zu einem für alle Teile befriedigenden Abſchluß zu 
Bringen. — Im Auslande madt man fih weniger Schwierigkeiten mit ber 
Regelung folder Fragen. Der aus fünf Paragraphen beftehende däniſche 
Gefegentwurf über die Beſteuerung der Kriegsgemwinne, der am 24. Yebruar 1915 
dem Folleting vorgelegt ift, enthält in feinen turzen „Bemerkungen zum Entwurf“ 
als Begründung nur die folgenden beiden Sätze: 

„Es wird beabfichtigt, zur Vermehrung der Staatseinnahmen von ben- 
jenigen Bürgern eine befondere Steuer zu erheben, die infolge des Weltkrieges 
erhöhte Einnahmen erlangt haben. Man wird e8 nicht unbillig finden, in 
einer Zeit, in der fo viele unter ſchwerem und fteigendem wirtfdhaftliden Druck 
zu leiden haben, diejenigen, die unerwartet zu einer Erhöhung ihres Einkommens 
gelangt find, ftärker zu den Steuern heranzuziehen, damit der Staat imftande 
bleibt, feinen großen Verpflichtungen nachzulommen.“ 





Sranfreichs Werben um Belgien 


Don Dr. Srig Roepke 


Fie Überrennung des belgiſchen Spießgefellen bildete und bildet 
m noch den Mittelpunft der feindlichen Hehe in neutralen Rändern. 
Die Fabel von dem unſchuldigen belgiſchen Lamm, das von dem 
brutalen, beutegierigen deutſchen Wolf zerriffen wird, war die 
vergiftete Waffe des Dreiverbandes, mit der man uns moralifc 
toımaden wollte. Daß diefe beuchlerifhen Verleumdungen Erfolg hatten, ver- 
danfen die Verbündeten zum Teil dem befonderen GSeelenzuftande mancher 
Reutralen; dann aber auch ihrer frechen Geſchicklichkeit, mit der fie es verftehen, 
die Dinge auf den Kopf zu ftellen und den Leuten weiszumadhen, Das wäre 
der richtige Standpunkt. 

Die enge diplomatifhe und militärifhe Fühlung Belgiens mit England 
und Frankreich ift durch die amtliche Veröffentlichung der geheimen Schriftftüde 
deuticherjeit8 einwandfrei feftgeftellt worden. Die beiden Mächte hatten Belgien 
vollftändig in ihrer Gewalt, als der Krieg ausbrach. Das franzöſiſche Volk ift 
auch manchmal aufridhtig genug, den belgiſchen Widerftand als ein Opfer zu 
feinen Gunften anzufehen. Das belgifhe Volt war das Bollwerk, an dem die 
deutfhen Angriffe gegen Frankreich und England zerbrechen follten. 

Es wird unferen Feinden Geld und Arbeit genug gekoſtet haben, um eine 
Derartig ftarfe und einflußreiche deutfchfeindliche Partei in dem neutralen Belgien 
zu ſchaffen. Die bisher veröffentlichten Schriftftüde geben uns nicht viel mehr 
gr 





116 Stanfreihs Werben um Belgien 


als die bereit vollzogenen Tatſachen. Über die Mittel und das Verfahren 
der geheimen biplomatifhen und agitatorifchen Tätigkeit wird uns Hoffentlich 
die Zulunft noch aufllären. Sie wurde aber noch von einer halboffiziellen 
und fichtbaren unterjtüßt, die unter dem Schube der belgiihen Neutralität den 
Raffenftreit zwiſchen Wallonen und Flamen für ihre Zwede ausnubte. Frankreich 
fand dabei eine ausgezeichnete Hilfe in einem Mittel, das der deutſchen 
Beeinfluffung fo gut wie ganz entgehen mußte, in der gemeinfamen Sprade, 
die noch dazu eine der wichtigften und gangbarften Weltſprachen ift. 

Seitdem Frankreich im Jahre 1815 Flandern und Brabant verloren hatte, 
hörte e8 nicht auf, Belgien als politiſches oder geiftiges Stolonifationsgebiet zu 
betrachten. Die Erinnerung an das ruhmreiche Kaijertum war noch zu ftark in 
ihm lebendig. Anderſeits war e8 aud) hier in feiner völfifchen Überhebung 
von der alleinfeligmadhenden Sendung überzeugt, die das Franzoſentum in der 
Melt zu erfüllen habe. In feiner naiven Unkenntnis und Mißachtung fremder 
Eigenheiten und Bebürfniffe bat es immer verfudt, fein deal den anderen 
aufzuhalfen. Zuerft unbewußt und ohne praktiſche Nebenabſichten, nur getrieben 
von dem geiftigen Hochmutsgefühl der nach Belgien geflücdhteten Franzofen, 
ftellte fich diefe Ausbreitung franzöfifchen Geiftes allmählich in den Dienft der 
politiiden Propaganda, bis fie in den letzten Jahren der dritten Republit als 
balboffizielle Stimmungsmade mit der ftillen diplomatiſchen Arbeit Hand in 
Hand ging. 

Bot das Königreich der Niederlande noch wenig geeigneten Boden für eine 
franzöfifche Erpanfion, fo war das im Jahre 1830 gegründete Königreich Belgien 
infolge des Ausſcheidens wichtiger und tätiger germaniſcher Beitandteile dem 
Bordringen des Romanentums weit günftiger. Die Entftehung der erften geifiig 
bedeutenden und einflußreichen franzöfifchen Kolonie im neuen Königreich wurde durch 
den Staatsftreih vom Jahre 1851 veranlaßt, als die führenden Anhänger der 
Nepublif den Boden Frankreichs verlafien mußten. Die meiften gingen nad) 
Belgien: Victor Hugo, Deschanel, Challemel-Lacour, Montjau, Bancel, Alerander 
Dumas. Ihre Haupttätigleit verlegten fie nach Brüffel und Antwerpen; dort 
bielten fie entweder im engen Kreiſe, wie im Cercle artistique, oder in breiter 
Dffentlichfeit hauptſächlich Vorleſungen über franzöſiſche Literaturgeſchichte oder 
freigeiſtige Philoſophie. Ihr Einfluß war trotz des ziemlich geringen literariſchen 
Intereſſes der Belgier fo groß, daß Baudelaire ſpäter das Urteil fällte: „Gott⸗ 
lofigfeit und Neligionsfpötterei ftehen hoch in Ehren, dank der Lehre der 
franzöfiihen Emigranten” (Sn „La Belgique Vraie“). 

Die bewußte Propaganda mit politifhem Hintergrund entjteht ungefähr 
um das Jahr 1900. Sie hat eine ganze Reihe von Sprad- und Rultur- 
vereinen hervorgerufen, Reden, Aufführungen, Zeitfchriften, Kongreſſe, Banlette, 
Ausftelungen (fo 3. B. in Roubair 1911 und Valenciennes, beide dicht an der 
belgijhen Grenze), Verbrüderungsfejte ufw. veranlagt und fi) langſam in das 
Gehirn der Belgier hineingebohrt, bis nichts anderes mehr Platz batte. 


Sranfreihs Werben um Belgien 117 


In diefen legten vierzehn Jahren find unter anderen folgende bedeutendere 
Vereine zum Zwecke der Verbreitung franzöſiſcher Sprade und franzöfiichen 
Einflufjes gegründet worden: 

Alliance Frangaise, in mehreren Städten. Das Mutterinititut in Paris 
hält Prüfungen ab und verleiht Zeugniffe, ift alfo eine ſtaatlich anerfannte 
Anftalt. 1. Kongreß 1905 in Lüttih; 2. Kongreß 1909 in Arel; 3. Kongreß 
1913 in Gent. 

Amities Frangaises, gegründet 1907 in Lũttich, Sit ebenfalls in mehreren 
Städten. Rah den Sabungen wollen fie „in einer mächtigen und tätigen 
(agissante) Geſellſchaft alle diejenigen vereinigen, welcher Partei oder welchem 
Lande fie auch angehören, bie in der franzöfiichen Kultur eine gemeinfame Lebens⸗ 
form fehen“ (Marches de l’Est 1910/11, Seite 75). Die ftändige Geſchäftsftelle 
befindet fi in Paris und wird von drei Franzoſen geleitet. 

Cercles des Annales. Die Parifer Annales, die Zeitfchrift des jentimentalen 
Chauvinismus, gründete an mehreren Drten geſchloſſene Klubs; fie hatten mit 
den vornehmeren SKreifen Fühlung. 

Federation internationale pour l’extension et la culture de la langue 
frangaise, gegründet 1905 in Lüttih. Jährlich ein Kongreß. Der fiebente 
fand 1913 in Gent ftatt. Chrenpräfident ift der franzöſiſche Alademiler Henri 
de Regnier. 

Les Amis de la langue frangaise. Sig Löwen. 

Diefe Vereine vermittelten allen Städten Belgiens, in denen auch nur 
ein geringer Bruchteil der Bevölkerung franzöfifeh ſpricht, wie zum Beifpiel 
in Gent und Arel, alle Regungen des Parifer Geiſtes. Daß diefe Vereinigungen 
faft fämtli einen deutſchfeindlichen Charakter trugen, ift bei den Zielen ber 
ganzen gegen den germaniſchen Einfluß gerichteten Beitrebung jelbftverftändlich. 
Sehr gern wird deshalb über Eljah-Lothringen geiprodhen; jo von Georges 
Ducrocq, dem Herausgeber der treibenden Pariſer Zeitfchrift „Les Marches 
de I’Est“, und von Ruyſſen, Profeffor an der Univerfität Bordeaux. Gie 
bezweden damit, auch den Belgiern die franzöfiihen Scheuflappen anzulegen 
und ihnen die Anſchauung beizubringen, daß es eine elfaß-lothringiihe Frage 
gibt, die mit internationaler Hilfe gelöft werben muß. 

In Brüffel hatten fi im Jahre 1913 die Vereine [don derartig vermehrt, 
daß Willmotte fie gar nicht mehr aufzählen kann. Derſelbe Lütticher Hochſchul⸗ 
lehrer gibt auch einen offenberzigen Bericht über die Tätigkeit und Ziele der 
Bereine (Revue de Belgique, 1913, Seite 1044): Eine einzige Vereinigung 
bat innerhalb fieben Jahre fechzig franzöſiſche Redner eingeladen. Es handelt 
fi) meiftens um ftreng gefchloffene Gejellihaften (jalousement fermees). Die 
Zaienprebigten der franzöfifhden Redner feien nicht ohne Einfluß auf bie 
Gefinnung der Bevölkerung geblieben. Das Publitum babe ſich gewöhnt, von 
den „Propagandiften Überzeugungen zu verlangen“. Die Tätigleit der einen fei 
bewußt und programmmäßig feitgelegt; die anderen wirkten auf Ummwegen und 


118 Stanfreihs Werben um Belgien 


faft unfreiwillig. Aber alle verherrlichten täglih die franzöfſiſche Kultur 
Selbft folche Vereine, deren Zwed die Beichäftigung mit der belgiſchen National- 
literatur wäre, hätten dabei ihre feſt umgrenzte Aufgabe. Sie feien bie 
Verlörperung einer furdhtbaren bee. Sie hätten ihre Yahne und “Parole, 
und morgen Fönnten fie in den Kampf ziehen. „Ihr Ziel tft fein anderes als 
den DVertrag von 1830 zu zerreißen, das nationale Xeben zu fpalten, das 
Parlament machtlos zu maden und den König zu zwingen, zwiſchen feinen 
Untertanen zu wählen.” Alſo der König zwiſchen zwei Stühlen. Das beißt, 
er dürfte fi nur auf ben feen, der ihm angeboten würde. Und die Wallonen, 
die das Entitehen der Republik miterlebt und ihre Ideen mitempfunden hatten, 
die feit fechzig Jahren von freigeiftigen und radilalen Franzoſen bearbeitet 
werden, deren Sauptorgan, die Independance beige, einen ausgefprocdhen 
antiflerifalen Charakter trägt, follten fi dann nicht zu Frankreich neigen? 
Deutlicher Tann man das politiſche Ziel der Alliance Francaise und ihrer 
Genoſſen nicht zum Ausdrud bringen. 

Die franzöfiiden Behörden haben oft genug gezeigt, welche amtliche Teil- 
nahme fie für die Beitrebungen der Vereine empfanden. Den franzöfifchen 
Geſandtſchaften und Konfulaten wurde Geld zugeftellt für alle, die im franzöfifchen 
Anterefie arbeiteten. An Drden und Auszeichnungen wurde nicht geſpart. So 
berichtet das flämifche Blatt „Unze Stam“: So maden die Französler alles 
zugunften Frankreichs, feiner Sprade, Ideen, Kultur und Sitte. Frankreich 
ernennt fie, um fie für diefe Zwecke zu belohnen, zu officiers d’Acad&mie 
oder officiers d’instruction publique.. Im Sonderzuge wurden die Mit- 
glieder der Amities Frangaises nad Balenciennes gefahren, wo fie der Unter- 
präfelt, alfo ein Staatsbeamter, feitlid empfing, bemirtete und beweihräucherte 
(Marches de I’Est, 1912/13, Seite 775). Auf den Kongreſſen der Alliance 
Frangaise bat der franzöfiide Gefandte Gerard mehrmals die erfte Rolle 
geipielt.. Zum Weihnachtsfeſt derjelben Bereinigung in Luxemburg erſchien 
fogar General d’Amade, der befannte Befieger Maroflos, damals Befehlshaber 
des 6. Armeelorps, nahdem man einige Tage vorher mit franzöfifchen Luſt⸗ 
ipielen und franzöfifder Muſik Stimmung gemadt hatte. „Wie gewöhnlich 
verſchönten zahlreiche Dffiziere den Ball, die aus den benachbarten Grenzgarnifonen 
herbeigefommen waren“ (Marches de I’Est, 1912/13, Seite 651). Ja, ber 
Bürgermeifter von Lyon, Herriot, trieb die Dreijtigkeit foweit, auf einer Tagung 
der erwähnten Fédération internationale öffentlich für den franzöfifchen Charakter 
der Univerfität Gent einzutreten, die von den Flamen beanfprudt wurde. Wenn 
der Bürgermeifter ber drittgrößten Stadt Frankreichs es wagt, in einer fo wichfigen 
innerpolitiihen Frage das belgifche Volt zu beeinfluffen, dann handelt es fidh 
natürlich nicht um eine Kathederrede von rein ſprachlicher oder Fultureller Be- 
deutung, jondern um die offenbare Ausnugung der belgifchen Neutralität zu 
politiihen Zmeden. Wenn dann der tölpifhe Belgier allzu Iaut erfennen 
läßt, daß er die franzöfifhen Abfichten verjtanden bat, und die Forderung 


$ranfreihs Werben um Belgien 119 


aufftelt, die Alliance Frangaise folle in die belgifhen Wahlen eingreifen, 
Frankreich folle alle franzöfifchen Blätter in zweiſprachigen Ländern fubventionieren 
(Alldeutihe Blätter, 1909, Seite 13), fo ſpricht er nur offen aus, was der 
feinere und diplomatifch gefchichtere Franzoſe gedacht und im ftillen getan bat. 

Die ſchönſte Gelegenheit, das franzöfifhe Banner zu entfalten, boten die 
beiden belgifhen Weltausjtellungen von Lüttih und Gent. Hier wurde die Auf- 
forderung zum allgemeinen friedlichen Wettbewerb von der franzöfilhen Regierung. 
und allen Kampforganifationen ausgiebig benugt, um Frankreich zu verherrlichen 
die belgiſche Bevölferung zu blenden und zu überreden. Alle Vereine bielten 
während der Ausitellung Kongrefje ab und veranftalteten Vorträge. In Lüttich 
trieb e8 die Alliance Frangaise fo arg, daß die belgiiche Negierung ſich bei 
ihrer Tagung nicht vertreten ließ. Die Mitglieder fangen die Marſeillaiſe auf 
den Straßen und in den Kneipen und liefen mit einer Trifolorelofarde herum 
(Ald. Bl. 1909, ©. 13.) Auf der Genter Weltausftelung überragte die Be- 
teiligung Frankreichs die der anderen fremden Staaten fo ftarl, daß feine 
Gebäude für fih allein einen größeren Flächenraum bededten als die der 
anderen auswärtigen Länder zufammengenommen. Die Beteiligung Frankreichs 
war auch im Gegenfaß zu der der übrigen Staaten eine offizielle. Willmotte 
beridhtet (Revue de Belgique, a. a. O.), daß „Frankreich Hundert Redner 
herũbergeſchickt hatte, die alle die Wunder der franzöſiſchen Austellung unter 
fämtlihen Geſichtspunkten erläuterten”. Daneben überftürzten ſich faft die 
Kongreffe der verjchiedenen Dereine, die fi zu dieſem Zwecke wieder in 
Geltionen geteilt hatten und in deren Mitte Männer wie Doumic, Ribot, 
Nichepin, Donnay, Capus, Victor Margueritte den geiftigen Anfchluß Belgiens 
an Frankreich beforgen follten. Zum Yebruar wurden die Genter Stabtver- 
ordneten von der Stadt Paris eingeladen. Die Gegeneinladung erfolgte im 
April. In diefem Monat wurde die Ausftellung eröffnet, was franzöfifchen 
Miniftern und anderen Vertretern der Republik eine willlommene Gelegenheit 
bot, nah Gent zu fahren und die Belgier der franzöfiihen Freundſchaft zu 
verfidern. Beim Gröffnungsbanlett, am 26. April, ergriff außer belgifchen 
Miniftern, Bürgermeiftern ufw. von ausländifchen Vertretern nur der franzöfifche 
Generalkommiſſar Marraud das Wort. Bald darauf befuchte der franzöfifche 
Unterftaatsfelretär der ſchönen Künfte, Leon Berard, offiziell die Kunftaus- 
ftellung. Bei Eröffnung der franzöfifchen Abteilung fand ein offizielles Bankett 
mit belgifden Gäſten unter Vorfitz des Generallommiffars ſtatt. ALS Die 
franzöſiſche Kolonialausſtellung eröffnet wurde, feterte man ein neues Felt, an 
welchem der franzöſiſche Kolonialminiſter und franzöfiihe Abgeordnete teil 
nahmen. Wer fi) die Mühe nimmt, die Independance beige aus jener Zeit 
burchzublättern, der kann fi von dem Umfang der franzöfifhen Werbearbeit 
einen Begriff mahen. Daß es ihr nicht nur um die Gewinnung der idealen 
Anhänglichleit Belgiens zu:’tun war, hat Willmotte offen zugegeben. Er bat 
auch angedeutet, daß fie ein ganz konkretes politifches Ziel erreihen mollte: 


120 Ein Blid in die Wo&vre, das Porland von Coul und Derdun 


die Spaltung Belgiens und die friedliche Decupierung des franzöſiſch Iprechenden 
Teils durch die Republik. Die Durchdringung mit franzöſiſchem Geiſte wurde 
um fo energifcher und eindringlicher ins Werk gefegt, je deutlicher es in ben 
legten Jahren wurde, daß Deutichland eine wirtſchaftliche Notwendigleit für 
Belgien war. Man wollte, daß die Wallonen den Blid ſtarr auf Frankreich 
hefteten und in ihm dem unentbehrlichen, ftarfen Freund ſahen. Die gemeinfame 
Sprade bildete dabei, wie gejagt, ein wichtiges Mittel zur Schaffung bes 
nötigen Gemeinfamleitsgefühls; fie erleichterte und verbedte auch die ſtarke 
Mitwirkung ber franzöfifhen Regierung. Und wie der, Spradenitreit 
ſchließlich in einen politiihen Kampf ausartete, jo war die ganze Vereinstätigfeit 
nur die Vorbereitung und Verfchleierung des politiſchen Einverjtändnifjes, das 
ür die Franzoſen befonders wichtig war, weil Belgien nad) der vollitändigen 
Durchführung der Heeresreform eine Militärmacht von nicht zu unterfdägender 
Bedeutung hätte werden können. 

Daß diefes Bündnis uns nicht zu gefährlicd wurde, dafür haben Heer 
und Führer geforgt. Aber wir werden genug zu tun baben, um all das 
wieder zu vernichten, was die Franzofen unter Mißbrauch der Neutralität an 
Deutſchenhaß und Verblendung in Belgien gefät haben, und um die germanijch- 
romaniſche Kulturgrenze aus der gefährlihen Nähe wieder nad Weiten 
bin zu rüden. 





Ein Bli in die Woepre, das Dorland von 
Toul und Derdun 


Don Prof. Dr. Reihlen 


enn beutzutage von Toul und Verdun bie Rede ift, jo find 
untrennbar damit verbunden die Namen Argonnen und Moore. 
So geläufig bei uns feit jeher der Name des Argonnerwalbes 
RN iſt — vielfach allerdings nur der Name —, fo fremd war wohl 
a pisher für die meiſten Deutfchen nad) Name wie Lage bie 
Woëvre, da8 Borland von Toul und Verdun, oder genauer das Borland der 
Côte Lorraine, Hinter deren Abdadhungen die großen Maasfeſtungen Tiegen. 
Und doch haben viele deutfche Touriften die Woevre gejehen, all die zahl⸗ 
reihen Befucher der „Schlachtfelder“ bet Metz haben ihren Rand betreten. Wer 
bei fichtigem Wetter von dem Fleinen Hügel bei Mars-la-tour, der das 
befannte franzöfifde Schlachtendenkmal trägt, hinausgeſchaut bat, ber bat den 
größten Teil der Korn- und Schlachtenebene der Woëvre überblidt. Schaut 
man von jenem Denkmal nad) Norden, fo fließt die breite Ebene erft mit 






Ein Blick in die Wo&ore, das Dorland von Toul und Derdun 121 


dem Horizont ab, im Süden verliert fie fi unbeftimmt in dem hügeligen 
Gelände zwiſchen Toul und Nancy. Scharf abgegrenzt dagegen ift die Wodore 
nah Weiten, gegen Berdun— Paris zu. Da ftarrt wie eine Mauer bie 
Eöte Lorraine, ein natürlicher Riefenwall für die Sperrfortskette Toul — Verdun. 
Gegen Deutfchland bildet die Grenze der Woëvre die Hügelfette, welche der 
Mofel vorgelagert if. Wenn man die etwa 60 Kilometer lange und 
15 bis 25 Kilometer breite, faft topfebene Senle zwiſchen den beiden Höhen- 
zügen ins Auge faßt, fo wird man dem Geographen Frankreichs, Joanne, bei⸗ 
pflidten, wenn er die Woeëvre als eine eine natürliche Provinz bezeichnet, 
wie wir etwa die Wetterau. Was ihren, für unfer Ohr fo feltfam Flingenden 
Namen anbelangt, fo gibt Joanne nur an, daß er in der Meromwinger Zeit 
al3 pagus Vabrensis auftritt; eine Ableitung oder Erllärung des Wortes 
verſucht er nicht; vorausfichtlich ift e8 uralt und keltiſchen Urſprungs. 

Folgt man der Hauptverfehrsader der Landichaft, ver Straße und Eifen- 
bahn, die von Meb ausgehend über Ehambley, Mars⸗la⸗tour nad dem großen 
Knotenpunkt Bonflans— Jarny und weiterhin nad) Eteint zieht, jo bat man 
immer dasjelbe Bild vor fi, eine Ebene, in der man kaum da und dort 
einen Waflerlauf leicht eingefchnitten fieht und deren Eintönigleit nur durch die 
Steinhaufen ihrer Dörfer unterbrochen if. Wenn ich fage „Steinbaufen”, fo 
ſoll das nicht etwa beißen, daß die ziemlich fpärlihen Dörfer alle zu- 
ſammengeſchoſſen wären — obgleich einzelne ziemlich gelitten haben —, fondern 
id mödte nur den Eindrud wiedergeben, den diefe aus Brudjfteinen aus—⸗ 
geführten Häufer machen, wenn fie nicht verpußt find oder wenn der Verpuß, 
wie e3 meiftens der Fall iſt, den ſchmutzigen Lolalton angenommen hat. Einen braud)- 
baren Hauftein Liefert die WoEore nirgends. Die meiften Häufer haben an ber 
Straßenfeite einen kunſtvoll regelmäßig gezogenen Spalierobjtbaum, aber bie 
Dbftwälder, die ſuddeutſche Dörfer fo freundlich einhüllen, find nur andeutungs- 
weife vorhanden; dadurch wird der kahle Eindrud noch geiteigert. Die Dörfer 
find Straßendörfer, die in der Hauptſache nur aus einer Häuferzeile längs der 
durchziehenden Landitraße beftehen. Manche ſehr große Scheunen laſſen auf 
Wohlhabenheit einzelner Bauern fchließen, im ganzen maden die Dörfer aber 
einen ziemlich ärmlichen Eindrud. Die Kirchen, deren Bau und Ausftattung 
immer einen gewiſſen Gradmeſſer für den Wohlftand einer Gegend abgeben, 
betätigen das Geſagte. Die Einwohnerzahl der Woẽevre ift auch ſchon lange 
im Rüdgang. Etwas wohlhabender fehen die an der Bahn liegenden Drt- 
haften aus, zum Beiſpiel Mars-Ia-Zour, das aber im mefentliden auch nur 
aus einer fehr breiten, fchlecht gebaltenen Straße beſteht. Die Häufer find 
obne Zwiſchenräume aneinander gebaut, ſehr gleichartig und ihre ziemlich 
fladen, vielfady gleihhohen Dächer, veritärken noch das Gleihmäßig-Langweilige 
in dem Bild dieſes balbitädtifchen Dorfes. Immerhin haben die alten Teile 
ber an der großen Straße liegenden Ortſchaften da und dort etwas Eigenartiges 
und mandmal macht ein altes Herrenhaus mit mauerumfchloffenem Park oder 


122 Ein Bid in die Wokvre, das Dorland von Toul und Derdun 





eine Kirche das Ganze etwas anſehnlicher. Eine irgendwie baulich bervor- 
tragende Kirche habe ich indeflen nirgends geſehen, es fei denn bie beinahe 
als franzöfifhe Ruhmeshalle ausgeftattete, neue Kirche in Mars - la» Tour. 
Hin und wieder erzählt ein vermwittertes Haus mit ftattlichem Hoftor und 
gepflaftertem Hof von befjeren Seiten, ober ein mit hoher Steinmauer 
eingefriedigter Garten mit gefchnittenen Lauben und buchsbaumeingefaßten 
Beeten erinnert an franzöfiide Gartenkunſt. Aber auch da, wo ein Haus 
etwa8 weniger Tahl ausfieht und Mohnlichkeit ahnen läßt, glänzen Die 
„Tanitären Einrichtungen“ durch Abweſenheit ober äußerft rubimentäre Be⸗ 
ſchaffenheit. Ich habe mich deshalb nicht enthalten können, die von unferen 
Truppen errichteten diesbezüglichen Einrichtungen, die fich in ihrer Ausgeftaltung 
nad militäriſchen Rangſtufen unterfeheiden, als Kulturdenkmäler auf die Platte 
zu bannen. Ein weiteres Zeichen der Anweſenheit deutfcher Truppen find aud) 
riefige, wohlgepflegte Dungjftätten und —. Auf jenen tummeln fi) gadernde 
Hühnervölfer, ein Beweis, daß nicht alles Eßbare den plündernden Barbaren 
zum Opfer gefallen ift. 

Biel malerifcher als die Dörfer find die „Fermes“. Es find dies, wie 
ber Name fagt, geichloffene, oft recht anfehnliche Höfe, für deren Anlage mit 
Borliebe eine Kleine Bodenmwelle gewählt tft; fie ähneln mit ihren faft fenfter- 
Iofen Außenwänden den alten Räuberneftern in den Gebirgen Italiens, bergen 
im Innern aber manchmal ftattliche Räume und guten Hausrat. 

Die Eintönigleit der Woevre⸗Landſchaft ift bedingt durch die Gleich- 
mäßigfeit der geologifchen Unterlage. Sie befteht aus tonig-falligen Ausbildungen 
bes braunen Jura, die wenig wafjerdurdjläffig find und eine ſchwer zu bearbeitende 
Aderfrume entftehen laſſen. Wo nicht für genügende Entwäflerung gejorgt ift 
oder geforgt werden kann — und dies ift auf ziemlich großen Flächen der 
Fall — findet man naffe Wiefen, die in wirklich fumpfiges Gelände übergeben 
können. Da und dort find auch Heine Waldſtückchen, die aber in der eigentlichen 
Moore zu Hein find, um das Landfchaftsbild zu beeinfluffen. Im Frühling und 
Sommer mag das gemaltige Korn: und Wiefenmeer der Woëvre mit dem 
weiten Himmelsdom darüber etwas Herrliches, Großartiges haben, aber fo wie 
ih die Gegend angetroffen habe, in einem lauen, regnerifchen Dezember, der 
den Boden allenthalben mit Waffer durchtränkt batte, jahen die abgemauften 
Telder, in denen Roß und Mann beinahe fteden blieben, die ſchnurgeraden 
Straßen mit ihrem unregelmäßigen Beſatz ſchlecht gewachſener oder veritümmelter 
Maldbäume und die Meinen Waldftüde recht trübfelig aus. Diefe Waldfetzen 
erinnern ganz an die VBeichreibung der Argonnen: alles voll Unterholz und 
darunter viel Dorngeiträpp, Arten, die auch bei uns für Hände und Stleider 
nicht harmlos find, die dort aber eine ganz ungeahnte Bösartigleit, jo etwas 
Verbiſſenes, Franktireurartiges entwidelt haben. 

Wenn man über die Woëẽvre binmwegfchaut, fo findet man, wie nad) dem 
Gefchilderten nicht anders möglich, nirgends eine rechte Landmarle, auf der 


Ein Blick in die Wo&ore, das Dorland von Conl und Derdun 123 


da8 Auge ausruhen und ſich einftellen könnte. Um fo ficherer zieht es ben 
Blid immer wieder hinauf zu dem gleichmäßigen Kamm des mächtigen Berg- 
walls der Côte Lorraine, der das Bild abſchließt. Wir müſſen immer wieder 
hinũberſchauen, aud wenn uns nicht ein Flieger, der hoch über den Bergen 
kreift, oder die Schrapnellmölfchen, die ihm folgen, in ihren Bann ziehen. 

Das Fehlen von Landmarken verhindert in auffälliger Weiſe ein richtiges 
ESchätzen der Entfernungen, und man ift erftaunt, wenn man ſich dem Fuß 
der von weitem jo ſtattlichen DBerglette nähert, daß dieſe immer niebriger 
wird und auf eine Erhebung von 200 Metern über die Ebene zufammenfchrumpft, 
deren Meereshöhe felbft ebenfalls 200 Meter beträgt. Dafür fieht man dann, 
daß die Cöte nicht jo ungegliedert ift, wie es von weitem fcheint; man erfennt 
da und bort eine Bergnafe und findet die vielen Runſen heraus, durch die die 
zahlreichen Bächlein berunterriefeln, welche bei „Sonflans“ zufammenfommen, 
um mit der Drne der Mofel zuguftrömen. 

Während wir den Oſtabhang der Cöte betrachten, ſchweifen unfere Ge- 
danken unmwillfürlich hinüber über die Höhe nah Gt. Mihiel und Camp des 
Romains, wo die tapferen Bayern ftehen und meiter nad Verdun. Ein 
franzöfifcher Kriegsichriftfteller ſchrieb, offenbar unter dem frifchen Eindruck von 
Mars-la-tour und St. Privat, daß die Moore der Schauplatz ſchrecklicher 
fünftiger Zufammenftöße fein werde. Diefer Traum von großen Feldſchlachten 
mit Reiterlämpfen in ber allerdings dazu wie geſchaffenen Ebene ift bis jet nicht in 
Erfüllung gegangen und wird auch ſchwerlich in Erfüllung geben; dagegen ift 
die Woẽëvre mit ihrer Hauptitraße Met, MarS-lastour, Conflans, Etaint 
widtig geworden als Etappengebiet, und — vielleiht wird man nach dem 
Feldzug von ihr hören. 

Es ift nicht allgemein belannt, daß im Frankfurter Frieden bei der Ab⸗ 
grenzung bes „Glacis von Met“ nicht bloß militäriſche Geſichtspunkte maß⸗ 
gebend waren, fondern auch wirtichaftlihe. Auf den Nat eines Geologen war 
beſchloſſen, auch die der Feftung in weiterer Entfernung vorgelagerten Erzlager- 
ftätten in deutſchen Beſitz zu bringen, obgleich deren Wert damals noch nicht 
voll geſchätzt werden konnte. Das lothringiſche Eifenerz, die „Minette“, ein 
bis zu 49 Prozent elfenhaltiges Geftein, enthält auch viel Phojphor, und das 
„Zhomasverfahren“, welches die Verwertung diefer mit Phoſphor „verunreinigten“ 
Erze erft recht ermöglicht, lag damals no in den Windeln. Mittlerweile 
bat fi berausgeftellt, daß das Gebiet der Minette, des juraffiihen Eifen- 
fandfteins, unterirdifh weit in das damals bei Franfreich belafjene Lothringen 
binübergreift. In der Gegend von Conflans ift 3. B. bei Droitaumont ein 
praͤchtiges Minettewerk, da8 der Firma Schneider in Ereuzot gehört. Port 
fördert ſchon lange ein preußifcher Ingenieur mit den vorgefundenen ein- 
beimifhen Arbeitern und einem franzöfifhen Ingenieur das Erz zu Tage, das 
für franzöfiihe Kanonen und Panzerplatten beftimmt war. Auch deutſche 
Sroßinduftrielle haben dort Belt. Diefe großartigen Werle mit ihren hoben 


124 Ein Blid in die Woëvre, das Dorland von Toul und Derdun 
Sördertürmen und mächtigen Waflertürmen und mit den großen Arbeiter⸗ 
anfiedlungen haben in den lebten Jahrzehnten einen ganz neuen Zug in das 
Bild der aderbauenden Woeore gebracht, und auch in das der Bevölkerung. 
Die einheimifche Bevölkerung ift von Mittelgröße oder auch etwas darunter. 
Die ziemlich Träftig ausgebildeten Dber- und Unterkieferknochen, altgallifche 
Merkmale nad) Joanne, verleihen den Gefichtern etwas Hartes, das namentlich 
bei der Weiblichkeit, wenn fie nicht mehr ganz jugendlich ift, unangenehm 
auffält. Da diefe offenbar feit Urzeiten hier angefeffene Raſſe wenig kinderreich 
it und dazu den fargen Boden der Heimat in Scharen den Rüden gewandt 
bat, find es jebt vielfach taliener, die in den mit, Zirkel und Lineal her⸗ 
geftellten Arbeiter- Kolonien haufen. Die italienifchen Arbeiter felbft waren 
natürlich während des Krieges nicht mehr anzutreffen, aber ihre „Cafes“, die 
von italieniſchen Fabrikgegenden ber befannten Lotterfallen mit den verlodenden 
Namen zeugen von dem neuen Bevöllerungsbeitandteil der Woſsvre. Das 
Etappenkommando bat ſich Übrigens veranlaßt gejehen, dieſe Wirtichaften zu 
fließen. Das große Schneider'ſche Wert bei Gonflans dient indeflen dem 
Reich gegenwärtig nicht bloß durch feine eigentliche Beitimmung, fondern aud) 
durch feine wirklich gediegene große Braufebadanlage: das Werk heikt in der 
Umgebung bes großen Etappenortes Conflans nur „das Bad” und immer 
wieder kann man Zügen von Soldaten begegnen, die aus ber ganzen Gegend 
mit ihren Handtüdern unter dem Arm der gaftlicden Stätte zuftreben. Um 
die Gunjt der Verhältniffe ganz auszunüten, bat fi das Wert auch noch als 
Klinik für wegemüde Automobile aufgetan. 

Was aber im Winter 1914/15 der fonft fo Stillen, weltabgelegenen Wo&vre 
ein befonderes Gepräge aufgebrückt bat, ift der Riefenverlehr auf ihren Landftraßen, 
die dem guten Ruf der franzöfifden Landftraße Ehre machen. Ber cdhauflierte 
mittlere Zeil der „Straßen erfter Ordnung“ ift in einer für zwei Wagen 
reichlid genügenden Breite troß der großen Inanſpruchnahme im Dezember 
noch in gutem Stand gewefen; zu beiden Seiten aber befand fi in Breite 
von etwa einem Meter, offenbar an Stelle des früheren Gehmeges, eine 
Schlammgaffe, in der ausweichende Fuhrwerle tief einſanken. Unausgeſetzt be- 
gegnen fi auf diefen Verkehrsadern lange Wagenreihen mit Nahrungsmitteln, 
Stroh, Schügengrabenöfen, Feldpoft, Munition und andern nötigen und an⸗ 
genehmen Dingen. Zwiſchen den mühſam ausweichenden Kolonnen raſen 
Automobile hindurch, die in einem Augenblid den Wanderer in die Lokalfarbe 
der Wodore Heiden, wenn er e8 wagt, ſich zwiſchen all dem Fuhrwerk durchzu⸗ 
arbeiten, um da und dort einen Blid zu erhaſchen, wie ihn eben nur der 
Fußwanderer auffangen kann. 


— —FVE NR 


2 En | 3 


> 2 


Abichied 
(Im Bollston) 


Morgen geht's hinaus ins Feld! 
Mußt dic) drob nicht grämen! 
Mußt, wie ich, als tapf’rer Held 
Deinen Schmerz bezähmen! 

Bit du nicht von deutfchem Blut, 
Deutfher Art und deutfhem Mut? 
Halt dich gut, 

Mädel! Sollft dich fchämen! 


Slaubit, ich könnte, dummes Ding, 
Jemals dein vergefien? 

Nie bat jo der gold’ne Ring 

Feſt wie heut gefefjen ! 

Do bat alles feine Reih': 

Eh’ wir Hochzeit machen, fet 
Deuiſchland frei! 

Merk's und freu’ dich deifen! 


Fürchteft du der Feinde Droh'n, 
Die uns rings umlauern? 

Hab’ Vertrau’n, ihr Haß und Hohn 
Kann nit ewig dauern. 

Schlagen deutiche Fäufte zu, 
Tindeft Frieden, findeft Ruh' 

Bald au du! 

Braudft darum nicht trauern! 


Und wenn mich Gevatter Hain 
MWirfli will verderben, 
Soll mein letzter Seufzer Dein 
Denken no im Sterben! — 
Burfchen gibt es mehr mie mid! 
Alles and’re findet fich! 
Tröfte dich! 
Sollſt das Ringlein erben! 

Roderich Ley 


IE 








Maßgebliches und Unmaßgebliches 


Dolitit 

Unfer Better Tartuffe oder Wie England 
feine Kolonien erwarb. Bon Dr. Richard 
Hennig. Herausgegeben von Weltverkehr 
und WVeltwirtfchaft, Berlin, Hermann Baetel, 
Verlag, &.m.5.9., 1914. Preis M. 1.20. 
47 Seiten. 

Diefes Bud ift eine fehr intereffante Er⸗ 
fheinung. In unferer Jugend hat man unter 
dein Drud der Zeit die deutſche Geſchichte in 
der Schule dargeftellt als nur beeinflußt von 
der politifhden Haltung Frankreichs gegen 
Deutichland. Darüber ift England ftiefmütter- 
ih vergefien worden, und infolgedefjen ift 
auch unter den fogenannten Gebildeten Deutſch⸗ 
lands vielfach unbekannt, welche weltgeſchicht⸗ 
Iihe Bedeutung die Gründung der oftindifchen 
Kompagnie am 22. September 1599 batte. 
Bon ihr datiert Hennig mit Recht die Ente 
ftehung des britifhen Weltreiches, an deſſen 
Schaffung und Mehrung jeder engliiche Staats 
mann mit fehr viel Klugheit, aber mit noch 
größerer Geiwiffenlofigfeit gearbeitet hat. Mit 
Geſchiclichkeit und objektiver Wiſſenſchaftlichkeit 
ftellt Qerfaffer dar, wie England feine koloni⸗ 
fierenden Nebenbuhler, Spanien, Portugal, 
Sranfreih, Holland ſtrupellos niedergerungen 
bat. Bon dem Augenblid ab, in dem Bismard 
deutſche Kolonien erivarb, war ed jedem Eng⸗ 
länder ar, daß der Zufammenftoß der ger« 
manifchen und englifhen Welt unvermeidlich 
wurde. Hennigs Schrift beiveift, daß die 
Borfehung uns einem Feinde gegenüber ger 
ftellt hat, dem der Krieg feine fittlidhen Ber 
ſchwerden madt, der den Willen zur Macht 
für weniger Loftipielig hält, als die juriſtiſch⸗ 
diplomatifhe Gewähr und ihr Gefolge, die 
Schwäde. Eine große Menge wiſſenswerter 
Einzelheiten ift aufgehäuft, die und nötigen, 


umgulernen und zugulernen, bedeutfame Augen⸗ 
blide ber Kolontalpolitit aller Länder dem 
Gedächtnis einzuprägen. Als ein Motto neben 
anderen bat der Verfaſſer da® Belenntnis 
einer fhönen Seele, des Lord Derby, gewählt, 
der ſchon im Sabre 1857 fagte: „Unfer 
ganzes Verfahren gegen andere Nationen ifl 
ſchamlos in hohem Grade Gereihen die 
Megeln des Völkerrecht? zu unferen Gunften, 
fo dringen wir auf Vollzug, find fie es nicht, 
fo laſſen wir fie ungeftraft übertretien. Die 
Geſchichte des Seerechts, des Seeunrechts, 
ſteht da als unvertilgbares Zeugnis der 
grenzenloſen Selbſt- und Habſucht des eng⸗ 
liſchen Volkes und feiner Regierung.“ 
Heinrich Neuß 


Heeresweſen 


Als vor zwei Jahren die kriegeriſchen 
Ereigniſſe auf dem Balkan über ganz Europa 
Wellen der Erregung ſandten, brachten die 
Grenzboten einen nachdenklichen Aufiag*), 
dem ein Werk zugrunde lag, das trotz ſeines 
ehrwürdigen Alters heute noch mehr als da⸗ 
mals wahrhaft zeitgemäß iſt. Auch wenn 
nicht das Erſcheinen einer neuen, verbeſſerten 
Auflage (jetzt im Verlag von B. Behr 
[Friedrich Fedderfen], Berlin⸗Steglitz. Preis 
gebeftet 7 M., in Halbleinen 8,50 M., in 
Halbleder 10 M) den befonderen Anlaß 
böte, wieder auf das Bud „Vom Kriege” des 
Generals von Clanſewitz hinzuweiſen, müßte 
inmitten unfere® großen Kampfes daran er» 
innert werden, baß mir in dieſer Riederfchrift 
von Gedanken, die vor beinahe Hundert 
Jahren Clauſewitz' machtvollen Geift bewegten, 


*, Vom Kriege? Von Janus. Grenz⸗ 
boten 1913, Heft 16. 


Maßgeblihes und Unmaßgebliches 


einen Schatz befifen, um den uns jede 
Ration beneiden muß. Lffenbar ift e8 der 
Umftand, daß bier ein General „vom Kriege” 
bandelt, der die weiteren Sreife leider zu oft 
dapon zurüdhält, diefen Schatz zu heben. 
Seder aber, der e8 wagt, erfennt fehr bald, 
daß es ſich hier um Betrachtungen handelt, 
die weit über das rein Militäriiche hinaus 
greifen. „Der Krieg ift eine bloße Fort⸗ 
jegung der Bolitit mit anderen Mitteln,” 
fagt Clauſewitz, und wir ziehen daraus bie 
Holgerung, daB in ihm diefelben Momente 
wirfiam find, die das Wechſelſpiel des Lebens 
beherrihen, dad in der Politik Fryftallifiert 
eriheint. Da der Krieg, nad Clauſewitz, 
eine moralifhe Größe ift und es „eine arms 
felige Philofophie ift, wenn man nad alter 
Art feine Regeln und Grundſätze diesfeits 
aller moraliihen Größen abichließt”, findet 
Clauſewitz auf Schritt und Tritt Gelegenheit 
zu feinen pſychologiſchen Beobachtungen, die 
and die Analyſe des Krieges zu einer 
Bhilofophie des Lebens werden lafien. Diele 
aber ift da® Wert einer Trafıvollen Perſön⸗ 
lihfeit, die mit Bismarckſcher Treffjiherbeit 
und ausgeprägtem Schönheitögefühl den 
rechten Außdrud für jeden Gedanken zu finden 
weiß. Wer niht Muße findet, den Verfafier 
durh das umfangreihe Wert zu begleiten, 
wird ſchon durch die Lektüre einzelner Ab⸗ 
ſchnitte reihlih Genuß und Belehrung finden. 
Bir möchten überdied wiederholen, was bor 
zwei Jahren an diefer Stelle gejagt wurde: 
„Das Bud gehört in die Volksbibliotheken 
und in die Öyninafien, dorthin, wo fich der 
Geift fehnt nad Hilfe und Klarheit in dem 
betörenden Wirrwarr der Innen» und Um⸗ 
welt.” Heute, da uns das Leben vor feine 
größten Rätſel ftellt, ift aber diefed Sehnen 
mebr denn je lebendig. 

Die Benugung des Werled wird dur 
das für die vorliegende neue, neunte Auflage 
vielfah vermehrte Sad» und Namenver⸗ 
zeichnis mefentlih gefördert. Möge dem 
Wunſch feines Verfafferd, des Oberftleutnants 
a. D. Paul Ereuginger, daß e8 da3 Studium 
der Lehre unſeres großen Sriegsphilofophen 
erleihtern, frudtbar maden und zu ihrer 
Zortentwidiung beitragen fol, Erfüllung 


werden. er " 


Schöne Kiteratur 


Ferdinand Gregorovius als Dichter von 
Dr. Johannes Hönig; der Breslauer Beiträge 
zur Literaturgefchichte in neuer folge Band 39. 
3. 8. Metzlerſche Buchhandl., Stuttgart 1914. 

Durd die Vorgänge in Oftpreußen ift der 
in weiteren Streifen etwas in Vergeſſenheit ge⸗ 
ratene Hiſtoriker⸗Poet Ferdinand Gregoropius 
fogufagen wieder altuell geworden. In Lite» 
rariihen Kreiſen erregte die Nachricht von 
der durch die Ruſſen erfolgten Zerjtörung des 
Gregoroviusfhen Geburtshaufes und Rad 
lafje® in Neidenburg lebhaften Unwillen. 
Letzterem bat zwar der rufjifche Vandalismus 
nit viel anhaben können. Die handſchrift⸗ 
liche Hinterlaſſenſchaft befindet fid in den 
Händen von Privatperfonen, die Bücherei 
in der Münchener Kgl. Bibliotdel. Nur das 
bon Schumader gemalte Bild von Grego« 
rovius dürfte verloren gegangen fein. — Ange 
fiht3 unfere8 gegenwärtigen Verhältniſſes zu 
Rußland ift es gewiß recht intereffant, ſich 
eine® Urteil® Sregoroviuß über Rußland zu 
erinnern. Er ſchrieb: 


Nom, 10. Juni 1858. 

„Sie (die Ruſſen) haben fühne Ideen und 
Balten Rußland noch für jung. Ihre Pros 
jette gehen auf SKonftantinopel, Prag und 
Zemberg, kurz, auf die Herſtellung des 
oftrömiichen Reiches durch den Banflawismus. 
Aber Rußland ift ein halb mongoliſches Wefen, 
ohne Genie und Tatkraft. Der Deutihenhaß 
dort fließt aus dem Bewußtjein der geiftigen 
Abhängigkeit vom Germanentum, vielleicht 
auß der inftinktiven Ahnung eines bevor» 
ftehenden Zuſammenſtoßes mit Deutichland, 
wenn diejed ein einige® Reich geworden fein 
wird... — 

Wenn auch der Roman von Gregorovius 
„Werdomar und Wladislaw“ (1845) oder fein 
Zejedrama „Der Tod des Tiberius” oder 
dad Epos „Euphorion“ (1856) gegenwärtig 
kaum auf Intereſſe rechnen können, fo ift 
doh die „Gelchichte der Stadt Nom” auch 
in unferer Zeit noch wertvoll, nicht zuletzt 
um ihres poetifhen Gehalts willen, den die 
ſtrenge Fachkritik allerding® als Mangel an 
diefer geſchichtswiſſenſchaftlichen Großtat emp⸗ 
findet. Hönig, dem auch umfaſſende hiſtoriſche 


128 


Kenniniffe zur Verfügung ftehen, fucht Hier 
Licht und Schatten gerecht zu verteilen: „Ver⸗ 
ſucht man aus der Verſchiedenheit der Anfichten 
Gregorovius unbefangen eingufchägen, fo wird 
man zu dem Ergebni® kommen, daß bei ihm 
eine das Durchſchnittsmaß wiſſenſchaftlicher 
Forſcher bedeutend überſteigende dichteriſche 
Begabung Form und Stil feiner Werke ge⸗ 
boden und dem Ganzen den Stempel eines 
hervorragenden Geiſtes aufgedrüdt bat. 
Gegenüber einer nicht zu beftreitenden Unzu⸗ 
länglichteit, die indes nicht fo bedeutend fein 
fann, daß fie feinen Schriften auch ald Fach⸗ 
fhriften den Wert nähme, ergibt fi) das 
unleugbare Berdienft einer großen fchrifte 
ftellerifden Tat.” — Diefe vorfihtig wägende 
Objektivität ift neben der genauen, Sad) 
fenntni® und der fehr fleißigen Sammlung 
des Materiald ein bejonderer Vorzug der 
Hönigihen Monographie. Nicht nur die rein« 
dichterifchen Werke werden einzeln abgehandelt, 
fondern au die Hiftorifhen erfahren eine 
erihöpfende Würdigung ihres poetiſchen Mite 
gehaltes, desgleihen die Reiſeſchilderungen 
und Geſchichtswerke. Die Beziehungen zwiſchen 
Leben und Schaffen find nad Möglichkeit 
aufgebellt, ſoweit fih da8 bei dem Mangel 
an Briefmaterial eben tun läßt. Gregor» 
rovius Hat befanntlih feine Freunde ger 
beten, alle Briefe, die fie von ihm erhielten, 
zu vernichten, welche Bitte ihm zumeiſt erfüllt 
worden ilt. Der Literarhiſtoriker muß ſich daher 
in der Hauptiadhe auf die autobiographifchen 
Bublifationen don Gregorovius, auf Mit 
teilungen feiner Freunde und da3 geringe 
brieflide Material ftügen, da® man bisher 
vorfand. König hat daraus ein abgerundetes 
Lebensbild gu entiverfen verftanden. — 
Dr. phil. 4. 8. Rofe 


Sozialwefen 


Allgemeine Dienftpflidt. Angeſichts der 
ſcharfen Rekrutierung in Frankreich empfinden 


Maßgeblies und Unmaßgebliches 


wir Deutfhen mit ftolger Genugtuung, 
daß wir e8 unß leiften Tönnen, nur die un⸗ 
bedingt Tauglichen ind Heer einzuftellen. 
Anderfeits ift e8 befannt, daß vor dem Kriege 
nicht einmal Mittel vorhanden waren, alle 
Tauglichen militärifch auszubilden, noch 1914 
mußten mindeften® 40000 Mann zurüdgeftellt 
werden. Da erhebt fich die Frage, wie fangen 
wir es an, diefe Nichtausgebildeten dennoch 
dem Staate unmittelbar nugbar zu machen, 
die Ungerechtigfeit gegen die ein oder "zwei 
Sabre verlierenden Außgebildeten auszu⸗ 
gleihen und auch den nicht gang Tauglichen 
Gelegenheit zu bieten, ihre Kraft dem Vater⸗ 
lande zu widmen, oder furg: wie fönnen wir 
die Arbeitöfraft der militärifh nidt Aus⸗ 
gebildeten zugunften des Staat organifieren? 
Dies Problem erörtert eine jüngft im Berlag 
bon Karl Eurtiuß, Berlin, erjhienene Bro⸗ 
fhüre von Ludwig Bordardt: Allgemeine 
Dienftpfiiht, die natürlide Folge der 
allgemeinen Wehrpflicht. Ber Verfafler tritt 
dafür ein, daB jeder vom Militärdienft Be⸗ 
freite ſchon in riedendzeiten zu einer 
feinem Bivilberuf möglichſt nabeliegenden 
Arbeitsfraft auszubilden ift, die in die durch 
die Mobilmahung in Staatd-, Induſtrie⸗ 
und landwirſchaftlichen Betrieben, Schulen ufw. 
entitandenen, bei den gegenwärtigen Verhält⸗ 
niffen oft ſchwierig audzufüllenden Lüden 
eintreten fann. Auf dieſe Weife Tann jedem. 
Arbeitermangel nad) Kriegsausbruch abge⸗ 
bolfen, Tönnen viele fonft reflamierte Kräfte 
für da8 Heer frei gemadt, kann die Arbeits⸗ 
Iofenfürforge um ein Bedeutendes entlaftet, 
endlid die in der Qualität anfangs oft recht 
minderwertige reiwilligenarbeit auf das 
Maß des Erforderliden gehoben werden. 
Daß der Vorſchlag auch vollswirtichaftlich- 
ohne große Koften durchführbar ift, wird klar 
und bündig nachgewieſen. Allen Vaterlands⸗ 
freunden fei die ausgezeichnet gejchriebene kleine 
Schrift daher warm empfohlen. Dr. R.S. 


Allen Manuſtripten ift Borto hinzuzufügen, da andernfalls bei Ablehnung eine Nädfenbung. 
nicht verbürgt werden kann. 


Nachdruck ſaämtlicher Aufſaätze nur mit ausdrücklicher Erlaubnis bed Berlags geftattet. 
Berantwortli: der Herausgeber Georg Cleinow in Berlin- Lichterfelde Weit. — Wanuftriptiendungen und. 
Briete werden erbeten unter der Abreile: 

An den Serausgeber der Grenzboten in Berlin - Lichterfelde We, Steruftraße 56. 

Fernſprecher bed Herausgebers: Anıt Lichterfelde 498, bed Berlagd und der Schriftleitung: Amt Lügow 6510. 
Verlag: Berlag der Grenzboten &. m. b. 9. in Berlin SW 11, Tempelbofer Ufer 85a. 


Dıud: „Der Reichsbote“ 


®. m. 5. 9. in Berlin SW 11, Defiauer Straße 36/37. 





Das Nationalitätsprinzip und die natürlichen 
Örenzen des Staates 


Don Dr. jur. R. Strahl 


rennender als je tritt heute die Frage nach der Bedeutung des 
Nationalitätsprinzips und feiner Tragweite für den Aufbau der 
Staaten an uns beran. 
| Baufteine der Geſchichte, Schadhfiguren im Spiele der Welt- 

politif find die Staaten. Die Staaten ſelbſt find veränderliche 
Größen. Werden und Vergehen, Wechjel der Kräfte, der ewige Wandel des 
Irdiſchen ergreift auch fie. Sie laſſen fich Iebenden Organismen vergleichen: 
Anziehen und Abftoßen, Bereinigung und Trennung, Entftehen, Wachſen und 
Verfall find Erjcheinungen im Staatenleben, denen fie in ähnlicher Weife wie 
alle Lebeweſen unterworfen find. 

Die beiden großen Grundlagen für die äußere Geftaltung des Staates 

find Staatsgebiet und Staatsvoll. 

Man hat fi) zu allen Zeiten mehr oder weniger bewußt bemüht, aus 
diefen beiden Faktoren Normen für den natürlichen Umfang, für die vernunft- 
gemäße Einheit der Staaten zu gewinnen: beide Begriffe in ein regelrechtes, 
zwedentjprechendes Verhältnis zueinander zu bringen. Lange Zeit hindurch jah 
man das Staatögebiet als das grundlegende Prinzip an, dem fi die Bildung 
des Staatsvolfes anzupaſſen und anzubequemen hatte. Erjt im neunzehnten 
Jahrhundert brach fi die Anſchauung mehr und mehr Bahn, daß umgefehrt 
völfiihe Eigenart für Umfang und Begrenzung des Staatsgebietes maßgebend 
fein jollte. Seinen Ausdrud findet diefer Gedanke in dem Nationalitäts- 
prinzip: die Nation, die fih aus Blutsgemeinfchaft berleitende Sprach- und 
Kultureinheit, follte danach die natürlihe Grundlage auch für die territoriale 

Grenzboten II 1915 9 





130 Das Nationalitätsprinzip und die natürlichen Grenzen des Staats 


Begrenzung der Staaten bilden. Die Begriffe Nation und Volt — in dem 
Sinne der Befamtheit der Angehörigen eines Staates, Staatsvol! — follten 
fi) demgemäß deden. Eine Theorie, die ungeheuere praftifche Bedeutung tn 
Geſchichte und Politik gewonnen bat. Und zwar praftiihe Bedeutung in 
zweierlei Hinficht: einerfeitS als politifdes Programm der Staaten als folder 
als öffentlich proflamieries Ziel der Regierungen in der internationalen Politik; 
und anderfeitS als Wunſch und Hoffnung in dem Streben der Völtfer. 

Das Nationalitärsprinzip fegt, um wirflide Kraft zu erhalten, bei feinen 
Anhängern und Verfechtern einen gemwiffen Grad politiiher Bildung und Auf. 
Härung voraus. Daher erllärt es fich, daß es Bedeutung erft in einer Zeit 
gewonnen hat, in der der politiſche Blid größerer Kreife durch weitere Ver⸗ 
breitung diefer Grundlagen gefhärft war: eben im neunzehnten Jahrhundert. 
Es iſt ein feinem Wefen nad) demofratifher Gedanke. Das Streben nad) 
nationaler Zufammenfaffung ift bedingt durch eine gewiſſe Bollstümlichkeit. 
Erft wenn politifche Anteilnahme in breiteren Schichten erwacht und fich mit ber 
durch Erleichterung des Verkehrs und der durch Schule und Preſſe vermittelten 
Kenntnis der Zuftände außerhalb der eigenen Grenzpfähle verbindet, tft der 
Boden des Prinzips vorbereitet und gefchaffen. Solange diefe Borausfegungen 
fehlen, und die Polıtit mehr oder weniger der Beruf einzelner oder eng um⸗ 
grenzter herrſchender Klaſſen bleibt. mag es wohl gelegentlid ein meift an 
beitimmte Zmede gebundener Gedanke befonderd Aufgellärter geweſen fein, 
aber es fehlt ihm die eigentlihe Unterlage. Gegenſtand gewinnt es erit 
dadurch, daß es die Willensrichtung aller oder doch der Mehrzahl derer wird, 
die e8 angeht: der Nation in ihrer Gemeinſchaft. Erſt nachdem die Bluts- 
und Spradgenofjen ſich eine8 Zufammenhanges gemeinfamer Ideen und Ziele, 
auch gemeinfamer Gegenfäge bemußt geworden find, fchlägt die eigentliche 
Geburtsftunde des Nationalıtätsprinzips als realpolitiihen Programms. 

Ganz verfcieden find die Äußerungen des Prinzips, die tatfächlichen 
Solgerungen und Forderungen, die fih aus ihm herleiten. Sie werden beftimmt 
dur das Verhältnis, in dem fich die Verteilung der Nationen in den be 
ftehenden politifhen Stautegebilden befindet. 

Da, wo es dem Sinne nad erfült ift, wo Staat und Nation gemiffer- 
maßen eins find und denſelben Begriff bilden — wie beijpielsweife in 
Frankreich und England für Franzofen und Engländer — wo alfo kein be 
fonderer Sraftaufmand nah außen bin notwendig ift, zur Wahrung ber 
nationalen Eigenart, fehlt ihm das eigentlidhe aktive und offenfive Ziel. Hier 
fann es allenfalls innerpolitifh und kulturell in abgeleiteter, veränderter Form 
in Betracht kommen, verliert aber feinen eigentlihen Charalter. 

Anders da, wo national zufammengehörige Bevölferungen ſtaatlich geteilt 
und zerriffen find, oder wo nationale Minderheiten, die ihre Eigenart zu er- 
halten beftrebt find, in einen Gegenfag geraten zu der Mehrzahl der Be- 
völferung eines Staates, in den fie eingefchloffen find. Hier beginnt die 


Das Hationalitätsprinzip und die natürlihen Grenzen des Staats 131 


eigentliche aktive Rolle des Prinzips, denn es ift in erfter Linie eine Oppoſitions⸗ 
und Kampfparole. Neben dem idealen Ziele der Erhaltung alter Über 
lieferungen jegen unter Umftänden auch realere und materiellere Zwecke dabei als 
Triebfedern ein. Außer dem Wunfche, Sprade und Gefchichte zu bewahren, 
zeigt fich in Zeiten, in denen Anteilnahme des Volles an Regierung und Ber- 
waltung, Mitbeftimmungsrecht des Volles bei der Entfchlteßung über die ftaat« 
lichen Schidfale allgemein anerkannte Grundfäge geworden find, der Wille ber 
fh auf diefen Gebieten zurüdgefegt Glaubenden, gerade als nationaler Faktor 
Berüdfihtigung zu finden. 

Zugrunde liegt dem Streben nad) praltifder Durchſetzung des Nationalitäts- 
prinzip ſtets der Wille nad Herrſchaft. Daher iſt fein Urfprung oft der 
perfönliche Ehrgeiz einzelner. Da es fi aber um die Durchführung einer 
allgemeinen völkiſchen bee handelt, jo gewinnt es erft wahre Bedeutung, wenn 
die Mafje der Volksgenoſſen der MWillensrichtung einen breiteren Boden verleiht. 
Es entfteht daher um fo eher und wirkt um fo ftärfer, je mehr Nationalteile 
in der beftehenden Staatenordnung ſich unterdrüdt und von der Mitbeftimmung 
ausgefchloffen fühlen. Dabei tft zu beachten, daß das Rationalitätsprinzip Tebtlich 
über die Forderung nad innerer nationaler Gleichberechtigung im Staate 
hinausgeht im Verlangen der Verlörperung der Nation in einem politifchen 
felbftändigen Staatswejen. Es iſt alfo ftetS auf Abtrennung gerichtet. Und 
zwar je nad) der Berteilung der Blutsgenoſſen in einem oder mehreren Staats- 
wefen auf Neugrändung und Schaffung eines bisher nicht beftehenden Staates 
oder Anſchluß an einen folchen, in dem die anderwärts unterdrüdte Nationalität 
die berrichende ift. | 

Da in der Regel der Staat, in dem fih folde Strömungen geltend 
machen, fih nicht widerftandslos den AbfonderungSbeftrebungen fügen wird, 
weil er durch diefe und eine aus ihnen hervorgehende drohende Gebietsver- 
änderung und Bevölferungsminderung Machteinbuße zu befürchten bat, fo kann 
damit ein Konflilt auf Leben und Tod entitehen. Dazu kommt, daß meift 
aud) die äußeren Gegner des betroffenen Staates derartige Gegenſätze nicht 
unbenupt laffen, um durch offene oder heimliche Unterftühung der Unzufriebenen 
eine Shwähung des Yeindes herbeizuführen. Ya, oft wird die Gegnerfchaft 
gerade aus ſolchen Anſchlußbewegungen heraus geboren, oder durch ihr Hinzu- 
treten verfchärft werden. Ein Ende fann der fo entftandene Kampf nur mit 
dem Siege der einen oder der anderen Partei finden: entweder Loslöfung der 
widerftrebenden Bollsteile oder Unterdrüdung und Aufgabe der nationalen 
Bewegung. 

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ift mit dem Nationalitäts- 
prinzip noch eine andere Theorie in enge Beziehungen geſetzt worden, die ſich 
auf verwandte Gedanlengänge gründet, gemwifjermaßen eine Ergänzung diejes 
Prinzips bildend: die Forderung des nationalen Selbftbeftimmungsrehts. Wie 
den Untertanen im Staate ein Net zur Anteilnahme bei der Verwaltung 

9* 


132 Das Nattonalitätsprinzip und die natürlichen Grenzen des Staats 


und, noch bierüber hinausgehend, bei der Entſcheidung über die äußeren Schid- 
fale des Staates zuftehen fol, fo fol ihnen in ähnlicher Weife, der inneren 
Freiheit entſprechend, als blutsverwandten Gliedern einer Nation das Recht 
der Beftimmung der äußeren, in der Staatsform fi Tundgebenden Selbſt⸗ 
ftändigfeit zugebören. „National felbftändig gewordene Bölfer haben das 
natürlide Beitreben, das errungene Gelbitbeitimmungsret auch darin zum 
Ausdrud zu bringen, daß fie fi den übrigen Nationen gegenüber ftaatlich 
als eine Einheit darftellen und ihre nationale Eigenart zum einheitlichen ftaat- 
Iihen Ausdrud bringen.“ 

Für alle diefe verjchiedenen Momente in der Entwidlung des Nationalitäts- 
prinzip8 mangelt e8 nicht an Beifpielen in der Geſchichte. Nationale Einheits- 
beftrebungen finden wir in deutſchen, italieniſchen, polnifchen, griechifchen, 
rumänifden und zahlreiden anderen Freiheits- und Cinheitsbewegungen. 
Sonderbarermeife wird das Prinzip vielfach mit der Perſon Napoleons des 
Dritten verknüpft. Diefer ift allerdings, wenn auch nicht der Schöpfer der 
dee, fo doch einer ihrer eifrigften Borlämpfer gemweien, und bat au das 
Selbſtbeſtimmungsrecht grundfäglich anerlannt, zum Beifptel durch die Vornahme 
von BollSabftimmungen bei der Angliederung neuer Gebietsteile, wie von 
Nizza und Savoyen an Frankreich im Jahre 1860. 

Dazu tft zu bemerken, daß es ſich hier allerdings meniger um ein Selbft- 
beſtimmungsrecht in nationalem Sinne handelt, als vielmehr um ein Recht der 
Einwohner beitimmter ftaatlicher Gebietsteile, beruhend lediglich auf der Grund- 
lage territorialen Zufammenleben®. 

Überhaupt ftößt man in den Fällen, in denen die genannten Prinzipien 
in die Praris überfegt worden find, häufig auf gewiſſe innere Widerſprüche. 
Sind doch aud die eifrigften Verfechter des Nationalitätsprinzips zum Beifpiel 
in Polen und im Elfaß vielfach folche, die ihrer Abftammung nad) feineswegs zum 
Blute der Nation gehören, deren angebliche Rechte fie fo leivenfchaftlich vertreten. 

Theoretiſch ift man nun nicht beim Nationalitätsprinzip ftehen geblieben. Ye 
nachdem man den Geſichtspunkt der Raſſengemeinſchaft als der Blutsverwandt⸗ 
ſchaft im weiteſten Sinne in den Vordergrund ſchob (Panſlawismus), oder 
Sprachzuſammenhänge umfaſſendſter Art damit verband (Panlatinismus), 
oder Kultur- und Religionsbande beſonders betonte (Panislamismus), iſt 
eine Fortbildung und Erweiterung des Nationalitätsprinzips erfolgt. Endlich 
dat Ah in Oppoſition zu dieſen Prinzipien das Streben nad) großen 
internationalen ntereffengemeinihaften zur Wahrung mirtihaftlider und 
politifher Ziele und Anfhauungen hauptfählih innerhalb der Arbeiterfhaft 
(internationale Sozialdemokratie) geltend gemacht. 

Schon hieraus ergibt fi, daß das Nationalitätsprinzip fein allgemein an- 
erfanntes ift. 

Und gerade in diefen Fortbildungen zeigt fi mehr noch als dies ſchon 
bei der früheren praftiihen Anmendung des Nationalitätsprinzips ber Fall war, 


Das Hationalitätsprinzip und die natürlichen Grenzen des Staats 133 


daB es fi für viele nicht um die Verwirklidung allgemeiner Menfchenrechte, 
fondern um politifche Macht- und Intereſſenfragen handelt. Aufgeworfen und 
verfochten oft von foldhen, die in der Heranziehfung und Dereinigung mit ab- 
getrennten und veriprengten Vollsteilen ein Mittel zur Stärkung, eigenen 
Gewichts⸗ und Einflußzuwachs erftrebten. Auh da, wo es fi um Unab- 
bängigfeitSbeftrebungen angeblich unterjocdhter Völler bandelt, iſt der leitende 
Gedanke bei den Führern der Bewegung oft perjönlicher Ehrgeiz und Eigennup, 
anderfeits oft auch in Fällen, in denen an der Lauterfeit der Motive nicht zu 
zweifeln ift, kritikloſer Idealismus geweſen, der eher Fulturfeindlich als Kultur- 
fördernd zu wirken imftande war. 

Gerade die Politik Napoleons des Dritten, des meiltgenannten Verfechters 
des Nationalitätsprinzips, ift eher geeignet den Glauben an die Durchführbarkeit 
des Prinzips zu erjchüttern als ihn zu ftüben. Pier mag eine furze und 
treffende Wertung angeführt fein, die ein Engländer, W. Morton Fullerton, mit 
echt engliihdem Sinne für realpolitiihe Geſchichtsauffaſſung in dieſer Hinficht 
über Napoleon den Dritten fällt: „Napoleon der Dritte war ein Idealiſt; 
fein leidenjchaftliches Verlangen für den modus vivendi der Verträge von 1813 
einen wiſſenſchaftlicheren und logiſcheren Zuftand der internationalen Beziehungen 
zu ſchaffen, mit einem Wort die Landlarte von Europa durch Gruppierung 
der Völler nad) Raſſe und ſprachlicher Verwandtſchaft zu revidieren, war eine 
der doltrinärſten Begriffsverwirrungen, die je ein flares franzöfifches Hirn um- 
nebelte. Es war eine ihrem Wejen nach ebenfo unfranzöfifche, als von fran- 
zöfifchem Intereſſenſtandpunkt aus antinationale Politik. Die Grundlage diefer 
Politik war metaphyſiſche Einbildung und nicht der greifbare Stoff von 
Tatſachen und Umſtänden. Und bei dieſer fanatiihen Hingabe an das 
Nationalprinziff war der Erfolg feiner Politik die Ironie, daß er Frankreich 
jelbft vergaß. Er war fo 'ausjchlieglih mit den Leiden der Polen, taliener, 
Ungarn beſchäftigt, daß er darüber die wirklichen Intereſſen Frankreich überſah.“ 

Diefe berbe, aber zutreffende Kritik des Engländer gibt ein richtiges 
Urteil des praltiſch denkenden Politiler8 über die falſche Anwendung anfecht- 
barer Prinzipien. Sie zeigt den Wert — oder vielmehr den Unmert — den 
eine Theorie bei ihrer grundfäglichen Verwendung durch einen maßgebenden 
Staatsmann gewinnen Tann, der den Blid für die Tatſachen verliert und fie 
über die objeltive Abwägung deſſen jtellt, was feinem Lande von Vorteil oder 
Nachteil ift. 


Gewiß ift, daß die Einheit des Blutes und der Sprache einen der ſtärkſten 
Taltoren für die innere Geſchloſſenheit und Kraft eines Staatsweſens darftellt. 
Ebenfo gewiß kann aber fein, daß fie nicht der einzige und unter allen Um⸗ 
ftänden allein gültige ift. 

Das, was den inneren Zufammenhalt eines Staates vor allem ausmadjt, 
ift das Staatsbewußtfein, der Wille der einzelnen fi) als Glieder des ſtaat⸗ 


134 Das Nationalitätsprinzip und die natürlichen Brenzen des Staats 


lihen Ganzen zu betrachten, ihr Zugehörigfeitsgefühl und ihre Hingabe an bie 
dee des Staates. Zu Zeiten, in denen bie politifhe Anteilnahme und die 
politiſchen Rechte der Untertanen gering waren, wirkte in diefer Beziehung bie 
Macht derer, in deren Hand die ftaatlihen Entſcheidungen verkörpert waren, 
allein maßgebend und ausreichend. Heute, wo alle zivilifierten Staaten tat 
fählih auf mehr oder weniger demokratiſcher Grundlage ruhen, iſt es der 
geichloffene Wille der Staatsangehörigen, der das Gewicht, die Wucht ftaat- 
lihen Handelns bildet. 

Diefer Wille überwindet auch die nationale Verſchiedenheit der Angehörigen. 
Es gibt tatfächlich eine ganze Reihe von Staaten, in denen die Träger unter- 
ſchiedlicher Nationalitäten nicht nur als geringere, wenig in Betracht kommende 
Zufäte beigemifcht find, fondern die geradezu auf der Gleichordnung verſchiedener 
Nationalitäten beruhen. Das befte Beifpiel hierfür ift die Schweiz. 

Die Begrenzung der Staaten ift, wie diefe felbft und ihre Einrichtungen, 
etwas hiſtoriſch Gewordenes. Wenn fi Regeln, große leitende been über 
die Begrenzung der Staaten überhaupt aufitellen laſſen, wenn es gewifjer- 
maßen natürliche Begrenzungen der Staaten — abgejehen etwa von geographiſchen 
Notwendigkeiten — gibt, jo find die Grundfäge bierfür in erfter Linie aus den 
Aufgaben und Zweden der Staaten berzuleiten. 

Staaten find Zwedverbände. 

- hr grundlegendftes Ziel muß fih mit dem Wunſche ihrer Angehörigen 
deden: Schuß gewifjer Rechte und Freiheiten nach innen und außen. Sicherung 
von Eigentum und perjönlicher Freiheit, fpäter Mitbeftimmungsrecht der Unter- 
tanen bei den ftaatliden Entſchließungen, Aufrechterhaltung bes verfafjungs- 
mäßig gefiherten Nechtszuftandes find die legten Interefien der Untertanen und 
damit Pflichten des Staates. Zu ihrer Durchführung bedarf der Staat der 
Dauerhaftigkeii. Damit wird die ftaatlidhe Selbſterhaltung auch Selbitzwed. 

Dabei ift nicht zu überfehen, daß alles ftaatlihe Handeln legten Grundes 
auf Mehrheitsentſchließungen und Machtfaltoren beruft. So lann es geſchehen, 
daß die einfache militäriihe Sicherung eines Staates die Innehabung von 
Gebieten erfordert, deren Bewohner fi) in gewiſſen Gegenfägen zu der über. 
wiegenden Mehrheit der anderen befinden. 

Aber die Entwidlung ijt über dieſe urjprüngliditen Ziele der Staat$- 
erhaltung binausgefchritten. Man ift fih heute darüber einig, daß der Staat 
höhere, idealere Aufgaben hat. | 

Jellinek bat den Staat als den „durch planmäßige, zentralifierende, mit 
äußeren Mitteln arbeitende Tätigleit die individuellen, nationalen und menfche 
beitlicden Solidarinterefien in der Richtung fortfchreitender Gefamtentwidlung 
befriedigenden . . . Verband eines Volles“ definiert. (Allgemeine Staatslehre, 
3. Auflage, Seite 264.) 

Darin ift die heute allgemein anerlannte Anficht ausgeſprochen, daß der 
Staat au der Träger großer Kulturaufgaben fein fol. 


Das Nationalitätsprinzip und die natürlichen Grenzen des Staats 135 

Nun ift nicht zu verfennen, daß gerade die Nationalität — zumal fomweit 
fie in gemeinfamer Sprade und Literatur zutage tritt — eine der wirkſamſten 
Grundlagen für eine gemeinfame verbindende Kultur ift. 

Do bereits wenn man die europäifchen Sulturfreife, wie das vielfach 
üblich ift, in einen germanifchen, anglo fachfonifchen, lateiniſchen und ſlawiſchen 
einteilt, jo ergibt fi daraus ohne weiteres, daß diefe mit ftaatlicher Begrenzung 
nichts Ummittelbares zu tun haben. Wenn man ferner als Kultur die Arbeit 
und deren Ergebnis anfteht, die dazu dienen, den geiltigen und materiellen 
Fortſchritt der Menfchheit zu fördern und die allgemeinen Grundlagen für 
Weiterarbeit im Sinne wachſender Aufflärung und fi fteigernder Nubbar- 
machung der Materie für die menſchlichen Bedürfniffe zu fchaffen, jo wird man 
zu dem Ergebnis gelangen, daß die Borausjegungen hierfür ebenfo fehr und 
vielleicht in nod höherem Maße als dur die nationalen Überlieferungen 
durch ſtaatliche Einrichtungen gebildet werden. Zumal heute, wo Erziehung 
und geiftige Förderung der Untertanen von jedem modernen Staate in fein 
Wirkungs- und ZätigleitSbereich einbezogen find. Gemeinſame Erziehung, ge- 
meinfame ftaatlide und foziale Einrichtungen, gemeinfame wirtidhaftlihe In⸗ 
terefjen, gemeinfame Geſchichte, Religion, gemeinfamer Haß und Liebe gegenüber 
gemeinfamen Feinden und Freunden, wie fie.vielfach durch die ftaatliche Zufammen- 
gehörigkeit vermittelt werden, find oft zuſammenſchmiedende Bande, die ver- 
ſchiedenartige Nationalität überwinden und deren DBertreter dauernd ver- 
einen. 

Der Staat als Kultureinheit, als Kulturförderer fteht nicht nur neben, 
fondern in vieler Hinficht über der Nationalität. 

Dabei ift nicht zu überfehen, daß Borbedingungen für Kulturfortichritt 
wirtſchaftliche Verhältniffe und foziale Einrichtungen find. Dieſe aber fallen 
heute fait gänzlich in daS Bereich der ſtaatlichen Betätigung. 

Mehr denn je haben wir in unferer Geſchichtsepoche die Wahrheit des 
alten Sabes einfehen gelernt, daß der Kampf der Vater aller Dinge ift. 
Früher in dem Sinne friedlichen Wettjtreites der Völker, heute in des Wortes 
eigenfter Bedeutung. Er ift auch der Befruchter der Kultur. Auch die Kultur 
bedarf zu ihrem Fortfchreiten des Anſporns werbender Aufgaben, des Aus- 
dehnungStriebe3. 

Eulen fpriht von dem Gegenüberftehen von franzöfiiher Formlultur, 
engliſcher Nützlichkeitskultur und deutſcher Ganzheitskultur. 

Deutſchland hat das Übergewicht der allen überlegenen ſittlichen Stärke. 
Und es bat das Zeug dazu, auch auf den beiden anderen Gebieten die Gegner 
zu überflügeln. Vielfach hat im deutſchen Wejen die etwas trodene, fachliche 
Nüchternheit und Gründlichleit, die gerade auf die kritikloſe geiftige Mittel- 
mäßigfeit ihre Wirkung oft verfehlt, und die ftraffe Zucht ben werbenden 
Einfluß für ſolche, die mehr auf die Form wie auf die Sade fehen, abgeſchwächt. 
Hier wird Erkenntnis Wandel bringen, ſoweit da8 Not tut. 


136 Das Hationalitätsprinzip und die natürlichen Grenzen des Staats 


Aus alledem geht hervor, daß heute nicht die Nationalität für die äußere 
Begrenzung der Staaten ausſchließlich maßgebend ift. Die Beifpiele, in denen 
bie gemeinfamen wirtſchaftlichen und fozialen Intereſſen, aber auch die rein 
geiftige Kultur größere Angleihungsfähigleit bejeflen haben, als gemeinfames 
Blut und Raffe, laſſen fi aus der Gefchichte erbringen. Für den lebten Punkt 
ift vor allem die jahrhundertelange, ftarfe Hinneigung von Elfaß - Lothringen 
an Frankreich fennzeichnend, aber auch die frühere Vereinigung der Schleswig. 
Holfteinfhen Herzogtümer mit Dänemarl. Oder der Anſchluß rein italienifcher 
Gebietsteile in Nizza und Savoyen an Frankreich ohne nennenswertes inneres 
Widerftreben. In mancher Beziehung auch das jetzt jo heiß umitrittene Belgien, 
wo Einwohner verſchiedener Raſſe und Sprade durch ftaatlihe Einrichtungen 
verbunden ein lebensfähiges Staatsweſen gebildet haben. 

Früher haben bei der Frage der natürlihen Begrenzung der Staaten 
vielfach geographifche Geſichtspunkte eine ausfchlaggebende Rolle geipielt. Ihre 
Bedeutung bat gegenüber den ungeheuren Fortichritten der modernen Technik, 
der Verfehrsmöglichkeiten, an Bedeutung verloren, wenngleich fie militärifch ein 
nicht zu unterſchätzender Faltor bleiben. 

Damit kommt man zu dem Ergebnis, daß der äußere Umfang der Staaten 
lediglich durch ihre innere Kraft beſtimmt wird. Die Begrenzung ift Machtfrage. 
Aber nicht in dem brutalen Sinne, daß ein Staat fi) alle Gebiete einverleiben 
kann, zu deren Niederhaltung ihm die militärifhen Zwangsmittel zur Verfügung 
ftehen. Sondern in dem Sinne, daß für ein Eulturell hochitehendes Staatsweſen 
nationale Gegenfäge nicht abjchredend wirken dürfen, wenn andere Gründe für 
eine Gebietserweiterung fprechen, folange es fih die innere Kraft zutrauen kann, 
über furz oder lang auch den Willen der feiner Gemeinſchaft einverleibten 
neuen Untertanen zu gewinnen. Den Willen, auf dem allein die Einheit und 
Macht des Staates beruht. Das ift eine hohe Kulturaufgabe und e8 erfordert 
eingehende und gemwifienhafte Prüfung im einzelnen alle, ob man rich ihr 
gewachſen glauben darf. Ob man hoffen darf, ausreichende wirtfchaftliche, foziale 
oder geiltige Bande anfnüpfen zu fönnen, um den Einwohnern eines durch die 
Gewalt der Waffen einverleibten Gebietes im Laufe der Zeiten — und Diele 
Zeiten müfjen und dürfen nad) Nahrzehnten reinen — die neue AZugehörigfeit 
auch ſelbſt wünſchenswert erfcheinen zu Laffen. 

Wenn man die Staaten als die Träger der Kultur anfieht, auS deren 
innerem Streben und äußerem Wettjtreit aller menſchliche Fortichritt erwächſt, 
jo bedarf es zu deren Erhaltung ftarfer gefunder Staatsweſen, die nicht 
geſchwächt werden durch innerpolitiſche Gärungen und die nicht gezwungen find, 
ihre bejte Kraft zu roher, gewaltfamer Niederhaltung Widerftrebender zu opfern. Es 
beißt den freien Willen der neuen Staatsgenofjen gewinnen, und das fann nur der, 
der auch etwas Geminnendes zu bieten und zu geben hat: eine überlegene Kultur. 

Glaubt man fi) bierzu imftande, fo braucht man ſich beim Aufbau ber 
, Staaten dur Nationalitätsfragen nicht ſchrecken zu laſſen. 


Das Hationalitätsprinzip und die natürlichen Grenzen des Staats 137 
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Auch nicht durch das ſogenannte Selbſtbeſtimmungsrecht der Nationalitäten. 
Beides find Theorien, aufgeſtellt, um ohnmächtiger Oppoſition einen wiſſenſchaft⸗ 
lichen Mantel umzuhängen. Der Staat, der an die Entſcheidung der Waffen 
appelliert, — einerlei in welder Form das gefhehen mag — hat damit feine 
Seldftbeitimmung ihrem Spruche ausgeliefert. Dem einzelnen, den es betrifft, 
verichafft die Freizügigkeit die Möglichkeit, fich ftaatlicher Neuordnung zu 
entziehen. Materielle Gefichtspuntte können dabei gegenüber ber Tatfache, daß 
ieder Krieg jo viele wirtichaftlihe Werte und Eriftenzen vernichtet, nicht in 
Betracht kommen. Außerdem ift der Einfag im Kriege nicht das Schickſal ber 
einzelnen, fondern die Staatshoheit, die Territorialgewalt. Die Menſchenrechte 
der einzelnen, foweit man in diefem Zuſammenhange überhaupt von folchen 
reden Tann, werden durch den Übergang der Landeshoheit nicht berührt, bie 
heute allgemein anerkannten Perjönlichfeitsrechte dürfen felbftverftändlich nicht 
angetajtet werden. 

„Gerade die neueren Staaten find viel weniger als die alten an bie 
Rationalität gebunden und auf fie beſchränkt, fie haben an derfelben wohl ihre 
natürlide Grundlage, aber die Miſchung der Stämme in den heutigen Kultur 
ländern, die außerordentlihe Steigerung und Erleichterung des Verkehrs, der 
Univerjalismus unferer Religion, der Kosmopolitismus unferer Bildung haben 
die Ausfchließlichleit der alten Nationalftaaten gefprengt und die Möglichkeit 
geihaffen, daß Angehörige verfehiedener Stämme und Sprachgebiete gleichberechtigt 
in einem Staate zufammenmohnen und als Bürger diefes Staates fi) mohl 
fühlen,“ fchreibt Zeller im Jahre 1870. Das gilt heute noch genau fo gut, 
vielleicht mehr fogar wie damals. 

Der Krieg ift heute noch nicht ein Durch fortfchreitende Gefittung in dem alten 
Europa überwundener bhiftorifcher Begriff geworden. Er wird wohl faum aus 
der Welt verfchwinden; einftweilen ift er ficherlich riefenhafter, blutiger und 
allgemeiner geworden denn je zuvor. Die rüdfichtslofe Ausnutzung aller ſtaat⸗ 
liher Machtmittel und der Volkskraft bis auf den legten Mann ift fein Zeichen. 
Es ftehen fich zwei Völfergruppen gegenüber, von denen die eine fich raftlos 
bemüht, auch die nicht unmittelbar Beteiligten mehr und mehr als ausjchlag- 
gebenden Kraftzuwachs an ſich heranzuziehen und dabei auch mit theoretifchen 
Werbe⸗ und Schlagworten nicht geizt. Später bei der auf den Krieg folgenden 
Neugruppierung — wie fie auch fei, — werden fid) bald wieder neue Intereſſen 
gegenüberftehen. Umnvereinbare Gegenfäge werden über kurz oder lang ſtets 
wieder entftehen und durch das Gefchehene belehrt, werden ihre Vertreter eine 
ungeheure Werbetätigfeit entfalten, um fid) fünftige Siege zu fihern. Schon 
jest fehen wir die Erfcheinung, daß gemeinfame Ziele Völker verjchiedeniter 
Abſtammung wenigſtens zeitweije geeint haben. Es ift nicht aufgefchloffen, daß 
dies in Zulunft noch mehr der Fall fein wird; daß dann große gemeinjame 
Seen und Zmwede den Gefihtspunft der Nationalität noch mehr überwinden 
oder doch zurüctreien laffen werden. Militärifch-politiide Gründe erfordern 


138 Das Hationalitätsprinzip und die natürlichen Grenzen des Staats 


heute ſchon vielfah den Zuſammenſchluß von Völfern über die enge Grenze der 
- Rationalität hinaus, wenn anders der Staatszwed des Schußes gegen äußere 
Übergriffe mächtiger Gegner erfüllt werben fol. Was Bündniffe und völfer- 
rechtliche Abmachungen bedeuten können, daß fie häufig nicht das Papier wert 
find, auf dem fie gejchrieben ftehen, hat uns die Gegenwart gelehrt. Dagegen 
fann nur ftaatlide Bereinigung helfen. Hier find natürliche Grenzen gefeht 
in der Macht der Intereſſen, die geeignet find, nationale Verſchiedenheit zu 
überbräden und dauernd zufammenzufhmieden, und in dem Einfluß, den 
innerer Gehalt, Wert und Werbefähigleit der bedrohten Kulturgüter vereinigend 
auszuüben vermögen. Selbitverftändlid dürfen fih dieſe Kräfte nicht in 
geiftlofer AusrottungSarbeit von nationalen, ſprachlichen und gefchichtlichen 
Überlieferungen erſchöpfen, fondern e8 gilt foldhe zu erhalten, foweit fie ihrerfeits 
Kulturwerte darftelen und nur den Willen ihrer Angehörigen — eben durch 
Schub und Pflege gemeinjamer Ziele — zu gewinnen und zu fefleln. Das 
find große Aufgaben für das Staatsrecht und für politiihe Fähigkeiten und Tall. 

Aber es mögen curae posteriores fein. Was das Nationalitätsprinzip 
anbelangt, fo können wir heute jagen, daß es feine Allgemeingültigleit bean- 
ſpruchen Tann, daß es eine Theorie ift, die politiſchen Machtgelüften eine 
wiſſenſchaftliche Form verleihen fol. Was von ihm zu halten ift, hat Meinede 
in dem Sag zufammengefaßt: „Das geſchichtliche Leben ift viel zu reich, um 
in die monotone Formel irredentifhen Nationalismus gepreßt werben zu 
können.“ 








Napoleons Plan einer Invafion Englands 1803-1805 
Don Profef[ior Dr. Willi Mäller 


ah dem Frieden von Luneville, der den zweiten Koalitions- 
4 SS !rieg 1801 beendete, ftand nur noch England in „splendid 
mAh isolation‘“ gegen die franzöfifche Republit im Felde, und als 
| William Pitt zugunften Addingtons von der Leitung der Gefchäfte 
zurücdgetreten war, einigte auch Diefes fi 1802 im Pertrage 
von Amiens mit dem Eriten Konful. Der Tempel de8 Janus war bamit 
geihloffen, aber der neu begründete Zuftand ſchuf nur eine kurze Rubepauje 
in dem Kampfe der Böller. 

Bei allen Schiffahrt treibenden Nationen herrſchte feit langem heftiger 
Groll gegen das übermütige England, das feine Überlegenheit zur See rüdfichtslos 
ausbeutete. Mit Admiral Homwards Siege über die fpanifhe Armada war der 
Grund zu diefer Superiorität gelegt worden, und fühne Piraten wie Drafe 
und Frobiſher, die, weitfehauend, in dem Waſſer das Element erfannten, auf 
das ihres Baterlandes Größe gegründet werden könnte, hatten als Pioniere 
britiſcher Machtentfaltung gewirkt. Infolge der Navigationsalte ri England 
dann den größten Teil des Welthandels an fi, e8 ward die Gebieterin der 
Meere, legalifierte im SKriegsfalle den Seeraub und legte den Begriff ber 
Konterbande nad Willfür aus. Mit Necht Hagte daher Schiller im „Antritt 
des neuen Jahrhunderts“: 

„Seine Handelaflotten ftredt der Brite 

Gierig wie Bolypenarme aus, 

Und das Reich der freien Amppitrite 

Bill er fchließen wie fein eigned Haus.“ 
Dem gegenüber ging auch Bonaparte in der Ausbreitung feiner Macht ſkrupellos 
vor, und feine Übergriffe wurden von dem eiferfüchtigen Mitbewerber um bie 
Weltherrſchaft bald als unerträgliche Anmaßungen empfunden; immer deutlicher 
itellte fi) heraus, daß zwiſchen Frankreich und England fo wenig ein gutes 
Einvernehmen herrſchen könne wie einjt zwifhen Nom und SKarthago, und im 
Mai 1803 erfolgte eine neue Kriegserflärung Britanniens an die Republik 
jenjeit des Kanals. 

Sie weckte in dem unternehmungsluftigen Lenler des franzöſiſchen Stactes 
den Gedanken einer Invafion bes Sinfelreihes. Der Verlauf der Geſchichte 





140 Wapoleons Plan einer Invaſion Englands 1803—1805 


zeigte, daß die Ausführung eines foldhen Planes keineswegs zu den Unmöglichleiten 
gehöre. Wie einft Julius Cäſars Legionäre den Briten die Üüberlegenheit 
römiſcher Kriegskunft vor Augen geführt hatten, jo machten ſich fpäter die 
Angelſachſen, als Hilfspölfer gerufen, zu Herren des Landes, und wenn die 
Dänen, die nad ihnen den Schreden ihres Namens auf der ganzen Inſel 
verbreiteten, ihre Herrihaft den ftammverwandten Normannen zu binterlafjen 
vermocdhten, fo wieſen dieſe jelbit ihre Erbberechtigung 1066 bei Battle-Abbey 
mit dem Schwerte in der Hand fo intenfiv nad, daß Herzog Wilhelm der 
Eroberer fi) bereit3 am Weihnachtsfeſte desfelben Jahres in Weltminfter zum 
König krönen laſſen konnte. Freilich, die britiichen Kelten der cäfartanijchen 
Zage und die fpäteren Bewohner Englands bis ins zweite Jahrtauſend nad) 
Ehrifti Geburt hinein, waren noch nicht das an ftolzer Kraft den kontinentalen 
Nachbarn völlig ebenbürtige Volk, das Napoleon den Fehdehandſchuh hinwarf; 
gegen diefes neuzeitliche Britenreih, das ſich im Vereine mit dem ſchützenden 
Elemente feiner Feinde jehr mohl zu erwehren wußte, tollfühn vorzugehen, 
warnte dringli genug die Umfchrift der befannten Denkmünze: „Afflavit 
Deus, et dissipati sunt.‘“ 

Aber der Konful der ftärkiten Feſtlandsmacht traute fi die Kraft zu, 
fein Ceterum censeo in die Tat umzufegen; nur das war die Frage, wie 
man es fertig bringen würde, den trennenden Graben zu nehmen. Ein Linien- 
Ihiff faßte für ein paar Tage 600 bis 700 Dann, eine Fregatte vielleicht die 
Hälfte. Mean hätte alſo neben den 40 Linienſchiffen, über die man an Drt 
und Stelle verfügte, noch etwa 200 Fregatten nötig gehabt, um eine Armee 
von nur 100000 Dann überzujegen; eine Anzahl Fahrzeuge, die zu ftellen völlig 
unmöglid war, ganz abgejehen davon, daß fi an der ganzen SKüfte von 
Dftende bis Le Havre nicht ein einziger Hafen fand, der imjtande geweſen 
mwäre, fie aufzunehmen. Man dachte unter diefen Umftänden zunächſt an 
ſchwimmende Batterien, wie fie 1781 bei der Belagerung Gibraltars verwendet 
worden waren, fam davon aber bald zurüd und verfiel darauf, flache Boote 
zu bauen, die der franzöfiichen Häfen wegen nur einen geringen Tiefgang haben 
durften und das Stranden zur Ebbezeit vertragen konnten; folder Fahrzeuge 
wurden von Juli 1803 an drei Arten bergeitelt.e. ES waren erftens große, 
folide konſtruierte „Kanonenſchaluppen“ (chaloupes cannonietres, ſcherzhaft 
auch „coquilles de noix“ genannt); dieſe trugen je vier Geſchütze groben 
Kalibers, zwei vorn und zwei hinten, waren aufgetafelt wie Briggs, das heißt 
mit zwei Majten verfehen, wurden bedient durch vierundzwanzig Matrofen und 
fonnten eine Kompagnie Infanterie (100 Mann) mit allem Zubehör faflen. 
Die Fahrzeuge der zweiten Art, die man „Stanonenboote“ (bateaux cannoniers) 
nannte, waren weniger ſtark bewaffnet und weniger handlich; fie beförderten 
außer einer Kompagnie Infanterie auch Feldartillerie. Bon den zwei Kanonen, 
mit denen man fie verjah, war die eine ein Feldgeſchütz, daS auf einer Lafette 
ruhte. Beigegebene Artileriemunition wie zwei in einem Stalle untergebrachte 


Napoleons Plan einer Invaſion Englands 1805— 1805 141 


Pferde ermöglichten, e8 fofort nach der Landung auf feindlidem Gebiete in 
Taͤtigleit zu bringen. Die Bedienung jedes diefer Boote erforderte nur ſechs 
Matrojen; weitere Munition und der Net der Beipannung mußte auf 
Zransportihiffen folgen. Die dritte Art Fahrzeuge, leichter und mobiler, mit 
nur zwei Fuß Tiefgang, beftand aus großen, fchmalen, fechzig Fuß langen 
Kähnen oder „KRriegsbooten” (peniches); fie hatten ſechzig Ruder, Leichtes 
Segelwerk und fuhren ziemlich fchnell. Diefe trugen etwa ſechzig Soldaten, bie 
auch als Ruderer ausgebildet waren, und nur zwei oder drei Seeleute; Angriffe 
abzumehren, ftand eine Heine Haubite zur Verfügung. Da insgefamt mehr 
al8 150000 Mann, daneben 400 Geſchütze und 10000 Pferde übergeſetzt 
werden follten, berechnete man die Kriegsflotte auf rund 1200 und die Zahl 
ber Transportiäiffe auf etwa 1000 Boote. Das ganze Geſchwader umfaßte 
alfo ungefähr 2200 Fahrzeuge. Man mußte in die Zeiten des Kerres zurüdgeben, 
um Ähnliches zu finden. 

In den Seehäfen allein konnte diefer enorme Bebarf nicht bergeftellt 
werden, da es dort an binreichenden Werften wie an Holz und Arbeitsträften 
mangelte; daher bededten ſich die Ufer der größeren franzöftihen Flüſſe mit 
impropvifterten Anlagen für Schiffsbau. Tauſende von Arbeitern holzten bie 
nahen Wälder ab, überall wurde gezimmert und gehämmert (in Paris allein 
lagen gegen hundert Kanonenfchaluppen auf Stapel), und nad) verhältnismäßig 
furzer Zeit fuhren die flachen Boote ohne Schwierigkeit die Ylüffe abwärts dem 
Meere zu. Für die ZTransportflotte, die den SKriegsfahrzeugen Lebensmittel, 
Waffen, Pferde, einen Belagerungspart und mandjes andere nachführen follte, 
wurden auch Filcherfähne, die man am Meeresufer zu Genüge befommen konnte, 
angelaufl. Manche Departements mie auch die größeren Stäbte ftellten der 
Regierung nad) Maßgabe ihrer Mittel Flachboote zur Verfügung; ja es griff 
eine allgemeine Begeijterung Plab, und die in Paris zirkulierenden Subffriptions- 
liften bededten fi bald mit einer Menge Unterfchriften. Dazu wurden ganz 
Frankreichs Gießereien ftark in Anſpruch genommen durch die Herftellung von 
Schiffskanonen; das Departement Cote d’or allein Lieferte Hundert in Creufot 
verfertigte derartige Gejhüte.. Mit Hilfe der Binnenſchiffahrt wurde dann 
Mehl zur Herftelung von Zwieback beſchafft, ferner Neis, Hafer, Pölelfleiſch, 
Wein und Branntwein, aus Holland auch große Mengen Käſe. Und nun kam, 
September 1808, der Augenblid, wo alle diefe Schiffe, die weit zerftreut in 
den Flußmündungen lagen und durch die Engländer ſcharf beobadtet wurden, 
in Boulogne und einigen Tleinen Nachbarhäfen konzentriert werden mußten. 
Die Aufgabe fchien nicht Teicht zu löfen, aber Napoleon wußte Rat. Er befahl, 
dicht am Ufer hinzufahren und die Boote auf den Strand laufen zu laffen, 
fals fie von englifhen Kreuzern bedrängt würden; allzufehr durften dieſe 
der Sanbbänfe wegen fi dem Geftade nicht nähern, und die Boote machte 
das nächſte Hochwaſſer wieder flott. Dazu verteilte er über die ganze Stüfte 
bin SKavallerieabteilungen, denen leichte Artillerie beigegeben wurde; zur 


142 Xapoleons Plan einer Invafion Englands 1803—1805 


Ebbezeit konnte diefe fogar im Wattenmeere operieren und gewährte im Verein 
mit zahlreichen Strandbatterten den franzöfifhen Schiffen genügenden Schub. 

Bor allen Dingen bedurfte der Erfte Konful zu einer Invafion Britanniens 
natürlich aber eines Heeres, das an Zahl und Drganifation nichts zu wünſchen 
übrig ließ, und fo wurde die „Armee von England“, wie er fie nannte, 
verfammelt; bei Boulogne lagen bald 100000 Dann zur Einjchiffung bereit, 
Heinere Abteilungen in der Nachbarſchaft. Die Soldaten fampierten in Baraden, 
die aus den Reiten niedergelegter Wälder bergejtellt waren, und die Pferde 
brachte man in Bretterftälen unter. Das ganze Lager, von langen Straßen 
durchzogen und in Quartiere eingeteilt, gli einer Kriegerftadt. Seit dem 
Herbite 1803 übte man die Leute im Befteigen und Berlaffen der Schiffe, das 
auf Signale erfolgte; die Pferde aber, die ein die untere Leibpartie umfafjendes 
Geſchirr trugen, brachte man mit Hilfe von Gegelftangen, melde als Krane 
verwendet wurden, in die Boote. Seit Dftober fegelte das ganze Gefchwaber, 
wie Thier8 e8 in feiner Histoire du Consulat et de l'Empire anſchaulich 
ſchildert, fleißig zu jeder Tageszeit aus dem Hafen hinaus und übte am nahen 
Meeresgeftade das Ausihffen. Soldaten wie Matrojen, die im beiten 
Einvernehmen lebten, machten diefe Übungen ganz gern, und um fie bei dem 
beſchwerlichen Dienfte in guter Laune zu erhalten, wurde ihnen höherer Lohn 
als gewöhnlich gezahlt. 

Als Zeitpunft der Überfahrt faßte Napoleon zunächſt das Ende bes 
Herbfte8 1803 ins Auge, dann den Anfang und fpäter die Mitte des folgenden 
Winters; aber immer neue Vorkehrungen ſchienen erforderlich und nötigten den 
Termin binauszufdhieben. Dazu begann der Konful nad) den bisher gemachten 
Erfahrungen doch allmählich zu zweifeln, ob er in feinen flachen, ganz auf ſich 
felbft geftellten Booten das richtige Beförderungsmitlel für eine Inpafionsarmee 
geſchaffen habe. Es fehlte ihnen, wie fih mehr und mehr berausitellte, das 
Allerweſentlichſte: Beweglichkeit und Kampffähigkeit. Infolge davon wurde der 
bisherige Plan, der dem Haupte der franzöfiihen Republik den nicht fonderlic) 
ſchmeichelhaften Beinamen eines „Don Quixote de la Manche“ eingetragen 
hatte, endgültig aufgegeben und ein anderer an feine Stelle geſetzt. Napoleons 
fahmännifhe Berater verlangten nunmehr die Unterftüäßung der Ylachboote 
Durch eine ftarke, aus Kriegsichiffen beitehende Begleitflotte. Bet der Verteilung 
der franzöfifhen Marine über ale Meere und ihrer dadurch erſchwerten 
Konzentration mußte dann aber die Ausführung des Projektes noch weiter 
binausgefyoben werden; dazu fam die Inanſpruchnahme Bonapartes durch die 
Änderung der Verfaffung, die aus dem Konful einen Kaiſer machte. Alles das 
drängte die Unternehmung gegen England längere Zeit in den Hintergrund. 
Kaum aber hatte Napoleon die Hände frei, als er fie mit dem alten Eifer und 
friiher Begeifterung wieder in Angriff nahm. In diefer Zeit foll der Amerilaner 
Zulton ihm fein neu erfundenes Dampfboot zum Transporte der franzöfiichen 
Soldaten angeboten haben, aber abgewieſen worden fein, da die auf der Seine 


Hapoleons Plan einer Invafion Englands 1805—1805 143 


gemachten Verſuche den Anforderungen, die man an das Beförberungsmittel 
ftellte, nicht entfprodhen hatten. „Der Herkules des neunzehnten Jahrhunderts“ 
— der Dampf — lag eben no in der Wiege. Auch ein von demfelben 
Erfinder konſtruiertes Unterfeebot mit Torpeboladung erwies fich als unzulänglich 
für den Kampf gegen engliſche Schiffe, die der angreifenden Flotte etwa den 
Veg verlegen könnten. in wenig fpäter ermog man, Truppen durch riefige 
Luftballons, von Gay-Luffac -verbefjerte Montgolfieren, hinüberfchaffen zu laffen. 
Doch auch diefer Plan wurde bald wieder aufgegeben. 

So kam der Hodfommer 1804 mit feinen kurzen, hellen Nächten heran, 
in denen eine heimliche Überfahrt, wie fie der Winter begünftigte, nicht gut 
denfbar war; man mußte auf Kampf und Abmehr gefaßt fein, und dazu eben 
bedurfte man einer Kriegsflotte. Auf Grund folder Erwägungen beftimmte 
en da8 Datum des 2. Yuli tragender Plan Napoleons, der in Toulon 
tommandierende Admiral Latouche⸗Treville folle das ihn beobachtende feindliche 
Geſchwader zu durchbrechen fuchen und mit feinen zehn Linienfchiffen und vier 
Fregatten in See ftehen, ein in Cadiz liegendes franzöfifches Kriegsihiff an 
fih ziehen, die in Rochefort von Collingwood blodierten fünf Linienfhiffe und 
vier Fregatten befreien und dann dem Stanale zuftreben, um die in den 
dortigen Häfen liegende Flottille nad) England zu geleiten — von den vielen, 
ſtets wechſelnden Projekten vielleiht das verſtaͤndigſte. Da traf den Kaiſer ein 
barter Schlag. Mitte Auguft rief der Tod Latouche-Trevile ab, den kühnſten 
und vielleicht bedeutendften der damaligen franzöfifhen Seeoffiziere. Der bald 
ernannte Nachfolger, Billeneuve, mußte fi) erft einleben, konnte vor Dftober 
nicht ausfegeln und vor November nicht im Kanal fein. So ruhten einjtweilen 
notgebrungen die Vorbereitungen zu dem Übergange nad) England, nicht aber 
der raftlofe Geift des Kaiſers, der einen neuen Plan entwarf. Demzufolge 
folten drei Expeditionen nad) verfchiedenen Richtungen bin auslaufen und in 
der Verwirrung, die dieſe vorausfichtlih britiide Kolonien bedrohenden 
Maßnahmen, wie man meinte, in den leitenden Londoner Kreiſen hervorrufen 
dürften, franzöfifde Truppen nah Irland geworfen werden, wo dann ein 
Aufftand gegen die englifhe Herrfchaft mit Sicherheit zu erwarten war. Diefem 
Zwecke zu dienen, wurde die unter Ganteaume ftehende Flotte von Breit 
beftimmt, die fi) allerdings erft dem fie blodierenden Cornwallis entziehen 
mußte. Sie follte 18000 Dann auf die eine franzöfifhe Invafton fehnfüchtig 
erwartende Inſel hinüberführen und dann zurüdkehren, um daS Boulogner 
Geſchwader bei feiner Fahrt über die Meerenge zu estortieren. Aber auch auf 
die Nealifierung diefes Septemberplane® mußte verzichtet werden, weil es 
Santenume nicht glücte, fid den Händen des ihn belagernden Feindes zu 
entwinden. Kür den Reit des Jahres 1804 nahmen dann andere Ereigniffe, 
zumal die Vorbereitungen zur Krönungsfeier, den Kaifer fo ſehr in Anfpruch, 
daß er von der englifhen Unternehmung abgelenkt wurde; doch fiel in dieſe 
Zeit ein ihn hoch willlommenes Ereignis. Spanien hatte fi) zur Zahlung 


144 Xapoleons Plan einer Invafion Englands 1805—1805 


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von Hilfsgeldern an Frankreich verpflichtet, daher griffen engliſche Schiffe am 
5. Dftober eine ſpaniſche Silberflotte, die aus Amerila fam, an; ein Yabrzeug 
flog in die Luft, drei andere wurden nad England gebradit. infolge dieſes 
Vorganges erflärte die Madrider Negierung den Briten den Krieg und ſchloß 
mit Frankreich einen Vertrag, nad) dem fih ihre Flotte unter Admiral 
Gravina bei Fortfall der früher feitgefegten Subſidienzahlungen der franzöſiſchen 
anſchloß. 

Doch war der Kaiſer trotz dieſer Verſtärkung feiner Kriegsmacht infolge 
der Aufgabe oder des Scheiterns aller engliſchen Projekte in leiner beneidens⸗ 
werten Lage. Nach den gewaltigen ſich nun ſchon über einen Zeitraum vom 
anderthalb Jahren binziehenden Rüftungen verlangte die Eitelleit der Franzoſen 
nad) einer Tat. Wo aber fand ſich die Gelegenheit dazu? Es gab nur einen 
Ausweg aus der Klemme: einen Kontinentalfrieg. Und da ſchien das Glück 
feinem Günftling allerdings weiter entgegenlommen zu wollen als bei jeiner 
maritimen Unternehmung; ja — wunderbares Spiel des Schickſals! — aus 
der mißlihen Lage am Kanal half ihm gerade fein bitterfter Hafjer heraus. 
Im Mai 1804 Tehrte, nachdem der ſchwache Addington verzichtet hatte, durch 
die drohende Gefahr der Invaſion gerufen, William Pitt in das Miniſterium 
zurüd, und fofort begannen nun Unterhandlungen mit den Yeltlandsitanten 
und DVerfuche, eine neue Vereinigung gegen Napoleon zuftande zu bringen, bie 
das Schwergewicht feiner Macht von dem Inſelreiche ablenten foltee Und dem 
energifchen und gewandten Vertreter der britifchen Intereſſen blieb die Gegen- 
liebe nicht verfagt. Die Mahnungen Pitts fanden zunächft in Petersburg und 
bald auch in Wien Gehör: die dritte Koalition begann Tatſache zu werden. 
Nun hatte England den Feltlandsfrieg in Ausfidt, der ihm feine drüdendfte 
Sorge abnehmen follte, und konnte der Genialität feines großen StaatSmannes 
mit den Worten feines großen Dichter Huldigen: 

„Die Klugheit will ich fegnen, 

Wenn Frankreichs fih und Oſterreichs Schuß begegnen!“ 
„Britifher Haß und britifches Gold“ waren, wie Napoleon ſpäter bei Ausbruch 
des Krieges feinem Heere zurief, Stifter des Bundes der Kontinentalftaaten 
geworden. England konnte alfo mit dem Verlauf der Dinge zufrieden fein, nicht 
minder aber Napoleon; denn erwies fi der Eintritt in die Welt auf der 
andern Seite des Kanals au) 1805 als unausführbar, durfte er ficher fein, 
auf dem Feftlande Erfolge zu erzielen: feine Boulogner Armee war allen 
Eventualitäten gewachſen. 

Zunächſt freilich dachte er immer nod, vor dem Ausbruch des Kampfes 
auf dem Kontinente mit dem Inſelſtaate fertig zu werden; fobald dann bie 
britifhen Hilfsgelder ausblieben, meinte er wohl nicht mit Unrecht, würden 
die Bündniffe fich von ſelbſt auflöfen. Er faßte das Landungsprojelt im 
Jahre 1805 aljo wieder feit ins Auge, erkannte aber immer deutlicher, daß 
er nicht imftande fein werde, den Kanal zu paffieren, bevor feine Kriegsſchiffe 


Napoleons Plan einer Invaflon Englands 1805— 1805 145 


ihm den Übergang frei gemacht hätten. So wurde denn befchlofien zu ver- 
juchen, ob man nicht infolge einer geſchickten, durch die franzöftiche Flotte aus⸗ 
zuführenden Täufhung auf Turze Zeit die Herrfhaft über die Meerenge zu 
gewinnen vermödte; eine Berlettung glüdlicher Umftände Tonnte ben Plan 
gelingen laſſen. Dieſer lief im einzelnen darauf hinaus, den Hauptteil der 
britifden Geſchwader durch einen Scheinangriff auf außereuropätfche Beflgungen 
Englands aus der Nähe des Mutterlandes wegzuloden, dann ſchnell eine ftarfe 
franzöftfche Flotte im Kanal zu ſammeln und, durch diefe gedeckt, die Flachboote 
mit den Landungstruppen an Bord binüberzuführen. Am 2. März gab ber 
Kaifer die bezüglichen Befehle. Ihnen zufolge follte der, wie oben bemerft, in 
Breit kommandierende Ganteaume fich beim erften Aquinoftialfturme, ber bie 
Engländer die gefährliche Kanalküfte zu meiden zwingen würde, der feindlichen 
Blodade entwinden, nad) Ferrol jegeln, die vor dem Hafen liegenden engliſchen 
Schiffe vertreiben und, verftärkt durch alle dort ftationierten franzöſiſchen und 
ſpaniſchen Fahrzeuge, nad) Weftindien fegeln. Gleichzeitig wurde das Boulogner 
Geſchwader unter Billeneuve beordert, nach Cadiz aufzubredhen, die daſelbſt 
anfernden Schiffe an fi) zu ziehen und dann ebenfalls feinen Kurs nach dem 
Antillenmeere zu nehmen. Bon dort follte dann die gefamte Streitmadht fo 
fchnell wie möglich nad) Boulogne zurückkehren, um die Überfahrt der Landungs- 
flotille zu deden. Man hoffte, der Admiral Nelfon würbe mit einem bedeutenden 
Teile der britifchen Schiffe der verbündeten Flotte folgen, diefe ſich ihm aber 
in dem Labyrinthe des weftindiichen Inſelmeeres entziehen und vor ihm nad 
Europa heimlehren Fönnen. 

Die Ausführung des etwas fomplizierten Operationsplanes ließ fih anfangs 
günftig an: es glüdte Villeneuve, die Wachſamkeit Nelſons, der bei Barcelona 
freuzte, zu täuſchen, am 80. März aus Zoulon zu entlommen, ſich in Gabiz 
mit Gravina zu vereinigen und das gejamte Geſchwader nad) Martinique zu 
führen, der Stätte, wo er mit Ganteaume zufammentreffen ſollte. Doch am 
4. Juni befam er die Nachricht, daß biefer nicht habe auslaufen können; das 
Agquinoftium war — feit Menfchengedenken zum erften Male — ohne die 
üblichen, die ganze Natur revolutionterenden Erſcheinungen vorübergegangen. 
Nelion aber hatte mittlerweile erfannt, wohin die Fahrt PVilleneuves gegangen 
war, und ebenfalls die Antillen aufgeſucht, infolge deſſen trat der Yranzofe 
am 10. Juni die Heimreife an. Er gedachte, den Vorfprung an Zeit, der ihm 
blieb, dazu zu verwenden, Ferrol, Rochefort und Breft zu deblodieren und ſich mit 
den in diefen Häfen ftationterten Geſchwadern zu vereinigen; dann vermochte er, 
mit der enormen Zahl von 56 Schiffen im Kanal aufzutreten. Blieb die Heimfehr 
Billeneuves verborgen, lonnte der Plan in der Tat glüden, denn England batte im 
Augenblid ſchwerlich eine Seemacht zur Stelle, die ſtark genug war, der franzöfifch- 
ſpaniſchen Flotte mit Erfolg zu begegnen. Aber Nelfon, der bald von dem 
Verſchwinden feines Feindes hörte und deffen Abficht, Napoleon die Überfahrt 
nad) England zu ermöglichen, abnte, fchidte feiner nun ebenfalls die europäifchen 

Grenzösten II 1915 10 


146 Napoleons Plan einer Invaſion Englands 1805— 1805 





Gewäſſer aufſuchenden Streitmadt eine fchnellfegelnde Brigg voraus, um bie 
englifhe Admiralität zu warnen. ‘Man vermutete in London fehr richtig, daß 
die Fahrt Villeneuves auf Yerrol gehe, und fand Zeit, ihm fünfzehn unter 
Admiral Calder ftehende Linienfhiffe entgegenzumerfen, denen er ſich plößlich 
gegenüberfah, als fein Geſchwader am 22. Juli bei Kap Finisterre in bie 
Nähe der ſpaniſchen Küfte gelangte. Es kam bier zu einer Schladt, die ument« 
Ichieden blieb. Wielleicht hätte der franzöfiihe Admiral nun immer noch den 
alten Plan ausführen und die ihn ſehnſüchtig erwartende Landungsarmee 
konvoyieren lönnen; aber er mußte natürlih, da feine urſprüngliche Abficht 
augenjcheinlih vom Gegner erraten war, gewärtig fein, bei einer Yahrt nad 
Norden eine ftärlere feindliche Streitmadt, eventuell Nelfon und Calder ver- 
eint, fi gegenüber zu finden, und mit einer foldhen bei der zweifellojen 
Überlegenheit der gegnerifhen Schiffe und Mannfchaften den Kampf aufzunehmen, 
war in ber Tot ein fehr gewagtes Beginnen. So verzichtete er darauf, nad) 
dem Kanal zu fegeln, und begab ſich Mitte Auguft in den woblbefeftigten 
Hafen von Cadiz. 

Napoleon, deffen Vorbereitungen ſoweit gediehen waren, daß er ficher 
glaubte, die Überfahrt im Augujt unternehmen zu können, erfuhr am 20. Juli 
in Paris aus engliiden Zeitungen, Billeneuve fei auf der Heimkehr von 
Amerika begriffen, und begab fi, das Herz von Hoffnung geſchwellt — und 
um fo mehr, als er Neljon noch in Weftindien wähnte — Anfang Auguft 
nad) Boulogne; jeden Augenblid, meinte er, würden feine Schiffe vor dem 
Hafen erfheinen. Dan kann fid) die Unruhe vorjtellen, mit der der Hoffnung?» 
freudige wartete, was die nädjite Zukunft bringen würde; von einem erhöhten 
Punkte des Geftades fchaute er ab und zu nach der britiſchen Küfte hinüber, 
wie einft Mofes’ Auge vom Berge Nebo aus das Land feines Sehnens fuchte, 
das er nie betreten ſollte, und täglich fchritt er die Klippen ab oder ritt rube, 
108 den Strand entlang, den Blid, der die Armada erjpähen follte, geipannt 
auf das Meer gerichtet. Aber die Segel PVilleneuves wollten fih nicht am 
Horizonte zeigen. Nach drei Wochen vergeblihen Harrens erkannte der Saifer 
ſchweren Herzens, daß er auf feine Flotte nicht mehr rechnen dürfe; nun mußte 
die antifranzöfifde Koalition nicht an der Themfe, fondern an der Donau 
gefprengt werden. Über Villeneuve aber goß Napoleon die volle Schale feines 
Zornes aus und legte ihm das Scheitern des ganzen Planes, eines ber 
bedeutendften feines Lebens, zur Laft. Doch ift es ihm damit ſchwerlich Ernſt 
geweſen; war er von der Berechtigung feiner Vorwürfe wirklich überzeugt — 
warum fette er den unfähigen Admiral nit ab? Deſſen Rückzug lieferle dem 
Raifer, der die Schwierigkeit der Erpedition gegen England mit jedem Jahre 
deutlicher erfannte, vielmehr einen höchſt willlommenen Vorwand, davon abzu- 
fteben, ohne daß er jelbit fi in den Augen der Welt blamierte, für die _ 
Villeneuve der Sündenbod blieb. Man Tann kaum zweifeln: der Eontinentale 
Feldzug, in dem der Kriegsfürft bei feiner eigenen Genialität und der Befchaffen- 


Uapoleons Plan einer Invaſion Englands 1803— 1805 147 
beit feines Heeres feinen Mikerfolg zu fürchten hatte, erſchien ihm als ein 
erwünſchter Ausweg, ſich von dem verfehlten Unternehmen loszumachen; er war 
der zweite Pfeil, den der Verfchlagene im Köcher trug. | 
Es bleibt noch die viel erörterte Frage zu beantworten: bat Napoleon 
im Ernſt den Übergang nad) England geplant. oder wollte er feine Feinde 
aur in fteter Angjt vor einer Invaſion halten? Für beide Auffaffungen laſſen 
fi in feinen eigenen Äußerungen Stützen finden, und die Anſichten wohlunter⸗ 
rihteter Zeitgenofjen des großen Mannes gingen darüber fo gut auseinander, 
wie heute noch die Meinungen fompetenter Beurtetler. Aber follten alle die 
gewaltigen Vorkehrungen wirklih nur ein Gaufelfpiel und der ganze mächtige 
Apparat nichts als ein Popanz zur Irritation englifher Narren. geweſen fein? 
Sollte der Kaifer die enormen Koften, die die Seerüftung verurfadhte — fie 
beliefen fi auf viele Millionen — bewußtermaßen für nichts und wieder 
nichts aufgewendet und das ganze Lager von Boulogne von vornherein nur 
errichtet haben, um eine feftländifche Operation zu maslieren? Iſt es denkbar, 
daß die umfangreichen Aftenftüde, die wir in dem. mit wahrem Bienenfleike 
julammengetragenen, Ddidleibige Bände umfafienden Merle Desbrieres 
(Projets et tentatives de debarquement aux iles britanniques) gefammelt 
finden, nur eines Phantasmas megen gefchrieben und die unausgefehten 
Änderungen und vermeintlichen Verbefferungen des Landungsplanes vorgenommen 
fein allein einer Spiegelfedhterei zuliebe? Nein, das Projekt war ficherlich 
feine inte; es handelt ſich vielmehr um ein fehr ernfthaft ins Auge gefaßtes 
urd jahrelang mit wahrer Leidenſchaft verfolgtes Beginnen; äußerte der hart⸗ 
nädige Imperator doch, als er feinen Plan aufgeben mußte, Taleyrand gegen- 
über: „Habe ich den Kontinent zur Ruhe gebradt, werde ih an den Dean 
zurüdlehren, um auf3 neue an dem Frieden zur See zu arbeiten]” 

Und auch die Engländer haben die Drohung des ruhmgefrönten, an ber 
Spige von anderthalbmal Hunderttaufend Mann ftehenden Feldherrn ernft genug 
genommen; das bemweifen ihre Vorkehrungen zur Abwehr. 20000 Seeleute 
und Filcher bielten die Küſtenwacht hinter der vorgefchobenen Linie der Brigas, 
Korvetten und Fregatten, die von der Scelde bis zur Somme, Schiff bei 
Schiff, Ausſchau hielten und fid) fogar nachts durch Signale verftändigten. 
Aber obgleih die Briten mit Recht in erfter Linie Wind und Wellen für die 
Schusgötter ihrer Heimat anfahen und fid, wie einft die Bürger Athens auf 
die „hölzernen Mauern“ verließen — zur Sicherheit wurden doch auch im 
Innern wohlerwogene Vorbereitungen getroffen; es ftanden” die Franzofen zu 
empfangen, 100000 Dann Reguläre bereit, dazu 80000 Milizen und angeblich 
400000 Freimillige — diefe freilihd ohne genügende Ausbildung und unter 
mittelmäßigen Dffizieren. Die britifhe Nation, gewohnt, Kriege zwar mit 
eigenem Golde, aber mit fremdem Blute zu führen, ſah fi nun plößlich 
gezwungen, felbft die Waffen zu ergreifen. Doh man improvifiert feine 
Soldaten und noch weniger Männer, die fie zu führen verjtehen. 

10* 


148 Xapoleons Plan einer Invafion Englands 18053— 1805 














Endlich muß man fragen: Tonnte der Plan einer Invaſion Englands 
überhaupt gelingen? Und da darf man allerdings von vornherein zugeftehen: 
das ganze Projelt hatte etwas Phantaftifches; es war ein Abentener, freilich 
ein gigantifches, etwa wie fpäter der Zug nad) Rußland. Aber damit ift nicht 
gefagt, daß es geradezu als Schimäre anzufehen fei; im Gegenteil, e8 ließ fich 
fo gewiß verwirklichen, wie es forgfältig vorbereitet war; nur etwas mehr 
Glüd mußte der Kaiſer haben. Ohne Zweifel konnte der neue Pharao in den 
Fluten verfinten, ehe er Britannien erreichte; war er aber einmal gelandet, 
wer wollte ihm widerftehen? Die engliſche Armee war bei der Länge ber von 
ihr zu ſchützenden Küfte arg zeriplittert und aud wohl den Truppen nicht 
gleichwertig, die bald bei Aufterlig und bei “Jena bie tüchtigften Heere Europas 
zu Boden warfen. 

„Ringsum den Erdball ftedft du in Brand, um zu plündern im Wirriwarr, 

Ahnlich dem gierigen Hai ftreichft du dahin durch die See“, 
- jo ſchildert der belannte ſchwediſche Dichter Eſaias Tegner die maritime 
Taãtigleit Englands, aber er propbezeit auch: 

„Do an dem Strande einmal fteigt dir der Räder empor”, 

und es fehlte nicht viel, fo übernahm Napoleon diefe Rolle eines Erekutivbeamten 
der feefahrenden Menſchheit. Denkbar ift ja allerdings, daß Nelfon nad) des 
Kaiſers Übergang möglichft viele englifche Schiffe fammelte, fi) mit dieſen 
in den Kanal legte und fo die Franzoſen von ihrer Heimat abſchnitt; dann 
wäre Rapoleon in dem von ihm eroberten nfelreiche gewiffermaßen gefangen 
gewejen. Aber einer fiegreihen Armee gegenüber, die auf britiidem Boden 
ftand, würden bie Engländer aud dann wahrſcheinlich zum Frieden geneigt 
geweſen fein. 

Dod das wogenumgürtete Land, das fie bedrohten, haben bie franzöftfchen 
Krieger nie gejehen; Nelfons Steg bei Trafalgar, faum hoch genug zu bewerten, 
befreite e8 definitiv von der Beforgnis vor napoleonifhen Landungsplänen: der 
Dreizad blieb den Briten, und der Union Jack beherrfchte nach wie vor fraglos 
die Meere. 





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Wehrkraft und Siedlung 


Don Walther Elaffen 


in recht falſches Bild machen fi) die meiften von den Zuftänden 
in Berlin Dft, indem fie fih einbilden, daß ein guter Zeil ber 
Männer im Kriege ift. Leider trifft das für Berlin durchaus 

nicht zu. Nicht einmal ein Drittel der jungen Männer wirb bei 
I der Mufterung militärtauglich befunden. Natürlich ift bier ein 
ziemlich bober Prozentiag von Gebildeten und Kaufleuten zu zählen. Aber 
gerade auch bei den ungelernten Arbeitern ift der Prozentfab der Untauglichen 
fehr groß. Die Statiftil ergibt, daß eine in die Großftadt verpflanzte Arbeiter- 
familie durchſchnittlich in der vierten Generation ausftirbt. Diejenigen, die der 
Arbeitslofigleit ober der Vergnügungsfucht zum Opfer fallen, find bald zufunftslos. 
Unter diefen Umftänden fällt im Dften Berlins beinahe noch mehr als im 
Weiten und im Zentrum die Zahl der Männer auf. Zatfählih ift da kaum 
ein Unterſchied gegenüber Friedenszeiten feftzuftellen, ganz anders als auf dem 
Lande und in den Heinen Städten, mo zumeilen 70, ja 80 Prozent der jungen 
Männer im Felde ftehen.“ 

Diefen Sägen aus einem Bericht der Sozialen Arbeitsgemeinfchaft in 
Dft-Berlin muß man gegenüberftellen, daß in Hamburg, auch in einem fo un- 
gefunden Stadtteil wie in Hammerbroof, die Milttärtauglichleit eine viel größere 
it. Schon im Auguft madte fi) das Fehlen der Männer bemerkbar, und 
foweit meine Beobachtungen reichen, waren die Nefrutenjahrgänge der lebten 
jahre weit beffer als vor etwa zwölf Jahren. 

Was mag der Grund fo abweichender Erſcheinungen fein? Zunädft ift 
Berlin noch viel größer. Daher find eben noch viel größere Maſſen ſchon an- 
gefränlelter Menſchen vorhanden, und ſchieben fi in gewiſſen Stadtteilen 
zufammen. Hamburg aber hat gewifje Vorzüge. Im ganzen aber bin id) 
auch der Meinung, daß der jehige Zuftand des großſtädtiſchen Lebens rettungslos 
zum Untergange führt. Was find die Gründe, daß im Augenblid trogbem 
Hamburg außerordentlich viel militärfähige Männer geftel!t hat? Erſtlich: die 
Hafenarbeit und der Handel überhaupt mit feinen vielen Kutfchern und dem 
bewegten Leben auf der Straße hält viele Männer gefund. Zweitens: Hamburg 
hat einen größeren Kern homogener Bevölferung als Berlin. Die Niederfachien 
aus Holftein, Medlenburg und Hannover herrſchen vor, und aus den breiten, 





150 Wehrfraft und Siedlung 





bäuerlichen Gebieten bringen fie eine fehr wieberftandsfähige Yamilienfitte mit. 
Im bäuerlichen Gebiet ift auch die Arbeiterfamilie im Befl einer ganz er- 
beblihen alten Kultur. Es ift Zucht in diefen Yamilien, und damit fommen 
wir zu zwei Gefichtspunften, welche bisher bei den Erörterungen über die 
Wehrfähigkeit der Jugend viel zu wenig beachtet worden find. 

Eins der ſchwierigſten Probleme bei den Jugendkompagnien ift die Disziplin. 
Wirkliche Zuverläfftgleit und fittliche Willenskraft find ohne Disziplin gar nicht 
berauszubilden. Hier muß man fi) aber Har werden, daß man unmöglid 
in einer Gruppe Menfhen Zucht erzeugen kann, wenn die Umwelt durdaus 
zudtlos if. Wil man die Jugend militärifch ertüchtigen, fo muß man von 
vornherein dorthin feinen Blick richten, wo im bürgerliden und Familienleben 
die Gefahr am größten if. Das ift aber unmittelbar nad) der Schulentlafjung. 
Wir werden gut tun, nad) einem Zeitalter allzugroßer Weichheit auch in dem 
Schulen die Zügel wieder ftraffer anzuziehen, doch nübt das nichts, wenn man 
hernach die Jugend völlig ihren Launen und Leidenfhaften überläft. Die 
freimillige SJugenppflege ift heute an den Grenzen des Möglichen angelangt. 
Auch ftaatliche Unterftügung hilft ihr nicht weiter. Wo die Kinder nad) den 
Schuljahren ins Scidfal der jugendlichen Lohnarbeiterſchaft bineingeftoßen 
werben, da ift feine Hoffnung für Selbftzudt und Selbfterziehung der Jugend 
unter freiwilligen Führern. Die freiwillige Jugendpflege aller Richtungen greift 
über die an Zahl lleiner werdenden Kreife der gelernten Berufe faum hinaus, 
bat viele Landgebiete faum erreiht. Je mehr wir aber Kinder ſchon uner- 
zogener Eltern befommen, um fo fchwieriger wird die Lage. Darum muß die 
ſchulentlaſſene Jugend unter die Disziplin des Staates geftellt werden. Der 
Drt für diefe Arbeit ift die Fortbildungs und höhere Schule. Denn neben 
biefen beiden noch eine die ganze Jugend umfafjende Drganifation zu fchaffen, 
ift unmöglih. Woher follte für die Jugend die Zeit, für den Staat Geld und 
Erzieherftand fommen? Die Fortbildungsſchule allein kann uns diefe Disziplin 
bringen. Die Ausbildung des Lehrerſtandes ift eine der mwichtigften Aufgaben 
für. die Zulunft, auch für die Wehrhaftigfeit unferer Nation. Ein Zeil diefer 
Lehrer wird die förperliche Ausbildung diefer “Jugend übernehmen. 

Anderjeits foll der Sonntag geſetzlich von allen Schulpflichten befreit 
werden. Das ift eine foztale Forderung. Aber auch wichtig für die Wehr- 
fraft, denn auch für jene Gebiete, aus welcher die legten fittliden Kräfte des 
Volles ftammen, muß Raum fein, nämli für daS Leben der Familie und 
au für jene freiwilligen Vereine, melde die für das fpätere Familienleben 
wertvollen Kräfte de8 Gemüt pflegen. Weltanfhauung, Religion, Poefie, 
Kunſt, Wanderluft gedeihen nur im Bereich der Freiheit. Nimmt die Fort- 
bildungsjchule die Jugend in Zucht, fo werden erft die Früchte der freiwilligen 
Arbeit unter der Jugend recht eigentlich reifen. 

Bor allen Dingen aber wird das Alter zwifchen ftebzehn und zwanzig Jahren, 
welches wirtſchaftlich felbititändig wird, für die Arbeit in Turnvereinen, Jugende 


\ 


Wehrkraft und Siedlung oe 151 


— — — — nn — — 


kompanien oder religiöſen Vereinen eine ganz andere Tüchtigkeit mitbringen. 
Der Reichtum deutſchen Weſens und deutſcher Begabung bedarf auch einmal 
der Entfaltung in mannigfacher freier Weiſe. Man kann nicht den Weg vom 
vierzehnten bis zum einundzwanzigſten Jahre bis in alle Einzelheiten vorzeichnen. 

Und damit kommen wir zu dem bis jetzt in der öffentlichen Erörterung 
völlig unberührten Geſichtspunkt: die Wehrfähigkeit eines Volles hängt non 
ſeiner Zucht ab, und die Zucht letzten Grundes von den Müttern. Die 
außerordentliche körperliche Tüchtigkeit und ſittliche Energie vieler großſtädtiſcher 
Rekruten danken wir den Turnvereinen und vielen Jugendvereinen. Aber 
dieſer Erfolg-war nur möglich, weil wir noch die Söhne tüchtiger Mütter 
hatten. Ein feiner Beobachter ſah ſchon die Abnahme der Erfolge voraus, je 
mehr Kinder ſchon unerzogener Mütter heranwachſen. 

Darum muß die förperlihe wie hausmwirtfchaftliche Erziehung eingeführt 
werden für die gefamte weibliche Jugend. Um aber die rechten Wege zu 
finden bei den verfchiedenen gewerblichen und örtlichen Vorbedingungen, muß 
jeßt ohne Säumen und umfaffend noch viel gründliche Vorarbeit geleiftet werben. 

Für eine erfolgreiche Erziehung der Mädchen muß jedenfalls in manchen 
gewerblichen Betrieben die weibliche Arbeitszeit verfürzt werden. 

Aber niemand glaube, daß diefe Erziehung der Mädchen in der Fort- 
bildungsfchule einfach ebenfo gut und volllommen geleijtet werden könne wie die 
der ungen. Bei diefen ergänzt die Schule die Erziehung durch die berufliche 
Arbeit. Und felbft, wo diefe Arbeit einförmig in kaufmänniſchen und induftriellen 
Betrieben geichieht, wird doch in der Kameradſchaft der Arbeit der Junge 
anders gehoben und geftählt als das Mädchen. Zu viele der neueren Berufe 
genügen nicht, um die natürlichen Kräfte und Fähigkeiten des Mädchens zu 
entwideln. So bleibt es babet, daß mit der Auflöfung der Familie als Arbeits» 
gemeinfchaft, Müttern und Töchtern das natürliche Feld zu geiftigem und fitt- 
lichem Wachstum, und damit auch zur vollen Blüte der Gefundheit genommen ift. 

Kiefe Beengung des weiblichen Lebens bebroht die Volls- und Wehrkraft 
induftriel arbeitender Nationen. Nur eines hilft: Verbreiterung für das 
Leben der Familie. Zu eng ift die ftädtifhe Etagenwohnung, wenn aud) 
hygieniſch und künſtleriſch freundlich geftaltet, für eine geſunde Lebensgemein- 
ſchaft. Dieſe braudt mehr Raum und mehr einander dienende und tragende 
Perſönlichkeiten. Darum muß ein Teil der ftädtifchen und induftriellen Be— 
völferung mit Garten und Gemüfeland angefiedelt und die Zahl der wirtſchaft⸗ 
lich jelbftändigen Heinen und mittleren Stellen muß vermehrt werden. Nur 
aus dieſem Arbeitsgrunde können Töchter und Mütter in rechter Kraft der 
Nation erwachfen, und alsdann auch wirflich wertvollen neuen weiblichen Be— 
rufen ſeeliſch und leiblich tüchtig und felbftändig fild zumenden. Und erit dann 
wird großer Segen über der weibliden Fortbildungsſchule fein. 

Alle unfere Beitrebungen für Yugend und Wehrkraft find alſo noch nicht 
auf dem rechten Boden angelommen, folange wir nicht den Boden unter Die 


152 ” Krieg und Schule 
fleißige Hand der felbitändigen Familie geben. England tft uns an geiftigen 
und fittlihen Kräften unterlegen, weil es den Urquell germanticher Vollskraft 
zeritört bat: das Dorf, fo gründlich, daß es im Englifhen für Dorf gar kein 
richtiges Wort mehr gibt. 

Aus dem Dorf iſt die Urform unferer Familie erwachſen, die Familie 
muß wieder breitern Raum haben, dann werden uns auch wieder rechte Mütter 
erzogen. Jeder aus dem Felde heimlehrende Mann fol ein heiliges Gelübde 
tun, für des deutſchen Volkes Zukunft zu fämpfen, indem er hilft, den beutfchen 
Familien den Boden wieder zu erobern. 





Hrieg und Schule 


Don Dr. R. Shadt 


I er Krieg bat auf allen Gebieten des öffentlihen wie privaten 
eLebens fo mannigfache Ummälzungen gebracht, daß es wunber- 
ARE I nehmen müßte, wenn er nicht auch in dem großen Bereich der 
APädagogil nachhaltig eingegriffen hätte. Es war aljo ein nicht 
x = freudig genug zu begrüßender Gedanke, das neu geſchaffene und 
proviforiih an der Potsdamer Straße eingerichtete Zentralinftitut für Erziehung 
und Unterricht, defien Zwede und Ziele die Tagespreſſe hinreichend auseinander- 
geſetzt hat, außer mit einer ausgezeichneten und fehr fehenswerten Ausitellung 
„Biologiſche Schularbeit" mit einer Sonderausftelung „Schule und Krieg“ 
zu eröffnen. Diefe Ausftelung will nad den Worten des Führers „an 
ausgewählten anfchaulichen Beifpielen zeigen, welde Wirkung der Krieg auf 
die Arbeit der Schule und darüber hinaus auf die Erziehung, Bildung umd 
Betätigung der Jugend überhaupt ausgeübt hat und vorausfichtlich weiter ausüben 
wird.” Sie gibt alfo im mwefentlichen auf folgende Fragen Antwort: Welches Bild 
maden fih die Kinder vom Krieg? Wie kann ihre Teilnahme erhalten und 
vertieft werden? Inwiefern kann die Schule Kriegsarbeit leilten? und endlich: 
wie fann der Krieg erzieberifchen Zwecken dienftbar gemacht werben? 

Für den auf Piychologie gerichteten Sinn ift namentlih das die erite 
Trage beantwortende Material von allergrößtem Intereſſe. Alle Alter und 
Klaſſen find vertreten: von den Kleinften, die nur erjt mit ängftliden Augen 
zu ftammeln wiſſen: „Der Krieg ift ſehr groß”, „wir beten, daß der Krieg 
nicht zu uns kommt“, oder am Schluffe ihres Heinen, wenige Zeilen langen 
Geſchreibſels noch in fchönfter Ehrlichkeit verfihern: „Ich mag nicht in den 
Krieg“; den etwas größeren, die fi an ſtark bervortretende zugleich 






Krieg und Schule 153 





laͤcherlich und fchaudernd empfundene Einzelheiten hängen wie: „Die Rufen 
haben Leif“ (Läufe), „Die Franzofen und die Nuffen effen zum Bier 
das Bierfilzl auch dazu und die Ruſſen die Schmierfeife auf das Brot“ (aus 
der Umgegend eines füddeutihen Gefangenenlagers), wie eine Zehnjährige 
ernfthaft belehren: „Und wenn ein Mann bei der Infanterie ift, hat er nichts 
zu laden, denn da pfeift gar oft eine Kugel dur das Regiment“, und 
tapfere neunjährige Jungen, die im Lapidarftil die offenbar höchſt perfönlich 
empfundene Verficherung abgeben: „Der Hindenburg ift ein Mann (nehmt alles 
nur in allem!), er bat fon viele taufend Feinde gefangen“, oder folgenden 
beldenhaften Traum erzählen: „Ich habe auch in den Krieg gemüßt. Da habe 
id vom bin gemüßt. Dann habe ich zwei Negimentern den Kopf berunter- 
geihlagen, dann habe ich das Eiferne Kreuz gekriegt“ (adhteinhalb Jahre); bis 
zu den größten, die ſchon zufammenhängende Erlebniffe und Beobachtungen 
niederjchreiben und mit allerliebften Zeichnungen zu illuftrieren wiſſen, ben 
Primanern und Selundanern, die, was fie über die neueften Waffen ober 
das Flugweſen gelernt haben, wiedergeben oder, freilich meift allzu fchematifch, 
die Urſachen des Krieges erörtern und in an den Vater gerichteten Brief- 
auffägen verfiddern, daß keinerlei Abenteuerluft fie treibt, ſich freiwillig zu melden. 
Lehrreicher noch als dieſe mit zunehmendem Alter faft durchweg unperjönlicher 
und farblofer werdenden Auffäge find unvermutet angeordnete, beitimmte 
Fragen beantwortende Niederfchriften, die am beften zeigen, was den Kindern 
vom Krieg gegenwärtig ift, welche Einrichtungen, Heerführer, Waffentaten den 
meiften Eindrud auf fie gemacht haben. Bor allem aber die freiwillig geführten 
Zagebücher Hamburger und Berliner Gemeindefchüler und -Schülerinnen. Hier 
ift den Kindern volle Freiheit gelaffen, ſich auszufprechen, viel oder wenig ein- 
zutragen, gelegentlich nach freier Wahl in der Schule daraus vorzulefen. Das 
Refultat ift geradezu glänzend, man merlt den Kindern förmlid die Freude 
an der Schilderung an. Kleine Familienbilder von zartem Reiz oder unfreimilliger 
Komik, Straßenerlebniffe, Petroleumnot und Kriegsbrot, Lebensmittelpanif, 
Eintreffen der Siegesnachrichten und im Tialelt geführte Geſpräche find mit 
naiver Kunft in al ihrer typiſchen Lebendigkeit feitgehalten und wenn es 
geihehen könnte, daß die Schreiber nicht8 von einer Veröffentlihdung erführen, 
jo wäre e8 dringend erwünſcht, eine Auswahl des Gelungenjten zur großen 
Freude des Pſychologen, Erziehers und Hiftorifers zufammenzuftellen und durch 
den Drud allgemein zugänglid zu maden. Sehr aufihlußreih find auch 
mandje der Tleinen Gedichte. Allerdings ift auch ſchon mander angelejene 
Schwulft darunter und viel Phrafe, hier und da aber doch auch ein rührender 
oder die Seele warm durchleuchtender unmittelbar ergreifender Naturlaut. So 
wenn ein Duintaner einen „Abend in Dftpreußen“ ſchildert: 
„Es ſchläft ſchon das Kindlein 


Dort hinten in der Hütte 
Die Mutter bat, daß Gott den Frieden ausſchütte.“ (1) 


154 Krieg und Schule 


Oder das ſchlichte Bild von einem zebnjährigen Mädchen: 
(2. Strophe) „Und wenn fie abends fchlafen gehn, 
Bleibt die Mutter vor der Haußtür ftehn. 
Liebe Mutter, auf wen warteſt du? 
Ah liebes Kind, 
Ah weiß nicht, ob uns Vater wiederfind’t.” 

Anderfeits fehlen auch burſchikoſe Verfe nicht, wie das Gedicht einer elf- 
jährigen Heinen Berlinerin auf Hindenburg beweilt, defjen dritte Strophe lautet 
„Er belam da8 Kreuz der eriten Klaflen 

Und ſprach: ich Tann nidt laflen, 
Ich muß die Ruſſen hauen, 
Sonft werden fie und alles klauen.“ 

Dder ein fchlagender Klapperreim wie der folgende: 

„Hindenburg der feine 
Macht ganz Oſtpreußen reine.” 

Mehr erreichen ſchließlich die meisten Erwachſenen auch nicht, und meilt 
bleiben fie dahinter zurüd, weil die angewandte Mühe dem Effekt nicht ent- 
ſpricht. Zu warnen ift entjchieden vor allen Veröffentlihdungen von Kinder 
gebichten, die auf die Kinderpſyche einen geradezu verheerenden Einfluß aus- 
zuüben pflegen. 

Überaus lehrreich ift ferner die große Maffe von Kinderzeihnungen mit 
friegerifhen Vorwürfen. Am beliebteften feheinen bombenmerfende Zeppeline 
und Stürme auf Schügengräben zu fein, aber auch behaglich oder ſchalkhaft er- 
zäblende Blätter von der Ankunft der Liebesgabenautos und ähnliches fehlen 
nicht. Beſonders intereffant ift es dabei, die mit größerem Alter allmählich) 
bewußt oder unbemwußt auftretende Einwirkung bildliher Vorlagen zu ftudieren, 
die übrigens meiltens ſehr frei benußt oder Doch zum mindeſten durch befonders 
bervorgehobene oder ergänzte Einzelheiten ſtark belebt werden. Nur Vereinzelte 
haben den Drang, wirflih Bilder zu malen, der Mehrzahl ift es nur um die 
ſtets Start empfundene Sache zu tun, was natürlich, vor allem bei den ſo⸗ 
genannten Wapierbildern (aus aufgellebten bunten Papierfilhouetten) ſtarle de- 
forative Wirkung nicht ausschließt. Wer fich im einzelnen mit der Piychologie 
der Kinderzeichnung beichäftigt, findet bier reichliches, durch die ftoffliche Ein- 
beitlichfeit und die verhältnismäßig leicht Tontrollierbaren Vorſtellungen des 
Dargeftellten befonders wertvolle8 Material. Auch interefjante plaftifche Dar- 
ftelungen, wie die Heldentat von „U 9“ find bier zu feben. 

Wie die Empfindung und das Intereſſe für den Strieg und das Wiſſen 
von ihm vertieft werden können, dafür gibt die Ausftellung Beifpiele in Hülle 
und Fülle. Die Hauptſache iſt Selbjtbetätigung: man ftellt ganz einfach ganze 
Zweige der Schultätigleit in den Dienft des Krieges, fo wie e die “Jugend 
wehrbewegung, die ebenfall® vertreten ift, mit den ſonſt auf Sport gerichteten 
Kräften tut. Dahin gehören Elternabende zugunften des Noten Kreuzes mit 
Dellamation und Meinen Vorführungen, Lazarettbefuche mit Chorgefängen, Liebes- 





Krieg und Schule | 155 


gabenverfand, Goldſammlung, Stridarbeiten, Selbftanfertigung von illuftrierten 
Boftlarten, Ausſchnitiſammlungen für VBermundete, Anfertigung von Spielſachen 
(aus Zigarrenkiſtenholz au&gefägte, felbitbemalte Tiere ufm.) für unbemittelte 
Kinder; al das ift lehrreich und, wenn es gründlicd gemacht wird, vertiefend 
zugleich. 

Endlich ift der Krieg, wie für die Erwachlenen, fo au für die Jugend 
ein Erzieher geworden. Alle Dinge, alle Wiſſenſchaften, alle geübten Fäbig- 
feiten belommen mit einem Male eine ganz andere Wichtigkeit, einen ganz 
neuen, unmittelbaren Wert. Welche Beziehungen zum Leben gemwinnen jeßt 
unter der Hand eines nur einigermaßen geſchickten Lehrers Geſchichte und 
Geographie, Mathematil, Phyſik und Chemie, wel anderes Echo ermweden 
jegt die Nibelungen, und fogar der ſonſt mühſelig präparierte Cäſar kann ein 
bobes Anfehen gewinnen. Wie kann das Unbedeutende wichtig gemacht werden, 
wie bedeutfiam wird Nealientunde. Db man in einer Rechenftunde die Ge- 
fangenen zufammenzählen läßt oder unter Anwendung der Prozentredinung die 
Brotverforgung erörtert, ob man im Franzöſiſchen oder Engliſchen fremdſprach⸗ 
liche Zeitungen: vorlieft, ob man Flugbahnen der Geſchoſſe oder die Geſchwindigkeit 
von Eifenbahnen und Automobilen berechnen läßt, ob man elementare Nahrungs» 
mittelchdemie treibt oder die ſchlechte Wärmeleitung von Papier demonftriert — 
für all dies findet man eine Fülle von Beilpielen in der Austellung — 
überall trägt die Schulftunde doppelte Früchte: das Willen vom Krieg, von 
unfrer Stellung in der Welt und unſrer Leijtungsfähigfeit wird erweitert, und 
die geleiftete Arbeit wird als notwendig und gewinnbringend erwieſen. Ver⸗ 
ttefung .und Belebung auf allen Gebieten der Schule, daS hat der Krieg, der 
Zerftörende, der Pädagogik gebracht und fih damit wiederum erwieſen als 

„Ein Teil don jener Kraft, | 
Die ftetd das Böſe will und ſtets das Gute ſchafft.“ 

Wer immer die Ausftellung beſucht, wird fie reih an nützlichen Ein- 

drüden verlaffen. 






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Reiters Morgenruf 


Brauner, wach' auf! 

Schon gleißt von Oſten gelb und fahl 

Der gold'nen Sonne erſter Strahl. 

Schon regt's fi rings in Buſch und Strauch. 
Schon weht vom Berg mit fühlen Hauch 
Der Morgenwind das Tal herauf. 

Brauner, wach' auf! 


Brauner, wach' auf! 

Haft lang genug im Stall geträumt! 
Jetzt beißt e8 handeln ungejäumt! 
Der Würfel rollt, e8 reift die Saat. 
Jetzt gilt das Eifen, gilt die Tat, 
Kanonenrohr und Flintenlauf! 
Brauner, wach' auf! 


Brauner, wach' auf! 

Den Sattel ber, und Gurt und Zaum! 
Schon blitzt's am fernen Waldesfaum, 
Schon bebt der Grund vom Roßgeftampf, 
Schon raucht das Land im Pulverdampf, 
Schon liegt die Fauft am Degentnauf! 
Brauner, wach' auf! 


Brauner, wach' auf! 
Zum Himmel gellt Trompetentuf. 
Nun brauch’, mein Braver, Herz und Huf, 
Bis Lanzenftoß und Pallaſchhieb 
Die Feinde auseinander trieb. 
Attadel Vorwärts! Spring’ und lauf’! 
Galopp und draufl! — — — 
Brauner, Brauner, wa auf!! 
Roderich Key 





Uriegstagebuch 


17. April 1915. Ein britiſches Unterſeeboot in der Nordſee verſenkt. 

18. April 1915. Abgewieſene engliiche Angriffe läng® der Bahn 
Hpern—Somines, franzöfiihe Angriffe in den Bogefen zurüdgeichlagen. 

18. April 1915. Feldmarſchall v. d. Golg wird zum Ober 
tommandierenden der 1. türkiſchen Armee ernannt. 

18. April 1915. Rumänien verlängert da® Moratorium um vier 
Monate. 

18. April 1915. Das engliihde Transportſchiff „Manitou“ von 
einem türliihen Zorpedoboot an der Tleinafiatiihen Küfte torpebdiert. 

19. April 1915. Abgeſchlagene franzöfiihe Angriffe in den Ars 
gonnen, bei Flirey und auf den Sillader Höhen in den Bogefen. Erfolg» 
reihe Angriffe unferfeit® am Croix des Carmes, wo wir in die feindliche 
Sauptftellung eindringen, weftlid) Avricourt, wo das Dorf Embermenil im 
Sturm genommen wird und am Hartmannsweilerkopf. 

20. April 1915. Offene Städte im füdlichen Baden von feindlichen 
Zliegern bombarbdiert. 

20. April 1915. Franzöſiſche Angriffe bei Ze Your de Paris, bei 
Megeral und Sondernach abgewieſen. 

20. April 1915. Bialyſtok in Vergeltung für ruffiihe Flieger⸗ 
angriffe auf Anfterburg und Gumbinnen mit 150 Bomben belegt. 

20. April 1915. In den Waldlarpathen im obern Ezirofatal 
beftige ruffifhe Angriffe unter fchiveren Verluften für den Feind zurüd- 
geihlagen, über 38000 Gefangene gemadit. 

20. April 1915. Für die Türken erfolgreiches Gefecht gegen die 
Engländer bei Ahvaz. 

21. April 1915. Abgeſchlagene franzöfiihe Angriffe im Prieſter⸗ 
wald und am Hartmannsweilerfopf. 

21. April 1915. Bei abgewiejenen ruffiiden Angriffen am Uzſoker 
Paß in den Karpatben 1200 Mann gefangen. 

22. April 1915. Bei Ypern die Orte Langemard, GSteenftraate, 
Set Sa und Pilkem im Sturm genommen, den Übergang über den Yern⸗ 
fanal erzwungen, 1600 ranzofen und Engländer gefangen, 30 Geſchütze, 
darunter vier ſchwere engliihe, erobert. Zwiſchen Milly und Apremont 
Infanterienahkämpfe. 

22. April 1915. Die deutſche Nordſeeflotte unternimmt Kreuz⸗ 
fahrten in der Rordſee bis in die engliſchen Gewäſſer und ſtellt feſt, daß 
die Nordſee frei von feindlichen Schiffen iſt. 

28. April 1915. Franzöſiſche und engliſche Angriffe nördlich und 
nordöftlih bon Ypern unter ſchweren Berluften zurüdgewiejen, Lizerne 


158 


Kriegstagebud; 





weitlih de Kanals erftürmt. Die Zahl der Gefangenen bat fih auf 
2400 Franzoſen, Engländer und Belgier erhöht, der Geſchütze auf 35, eine 
große Anzahl Mafchinengewehre, viele Gewehre und fonftige® Material 
erbeutet. Bei Beau Sejour einen feindlihen Schüßengraben gejprengt. 
Am Aillywalde für und erfolgreider Bajonettlampf. 

24. April 1915. Bei Hpern die Orte St. Julien und Kerfielaere 
geftürmt, 1000 Engländer gefangen, mehrere Maſchinengewehre erbeutet. 
Ein engliiher Gegenangriff weftlih St. Julien unter ſchwerſten Verluften 
geicheitert. — Auf den Maashöhen füdweftlihd Combres mehrere hinter⸗ 
einanderliegende franzöfiiche Linien im Sturm durchbrochen, 1600 Franzoſen 
gefangen, 17 Geſchütze erbeutet. 

24. April 1915. Schwaͤchliche ruſſiſche Angriffe weſtlich Ciechanow 
abgewieſen. Bialyſtok in Vergeltung gegen einen ruſſiſchen Fliegerangriff 
auf Neidenburg mit 20 Bomben belegt. 

24. April 1915. Im Orawatal in den Karpathen die Ruſſen im 
Sturm von der Höhe Oftry geworfen, 662 Mann gefangen. | 

24. April 1915. Frankreich verlängert das Moratorium auf 
Wechſel ufw. bis 28. Juli. 

25. April 1915. Nordweſtlich Zonnebeke 1000 Kanadier gefangen, 
die Geſamtzahl der Gefangenen bei Ypern erhöht ſich danach auf 5000 — 
Senegalneger, Engländer, Turkos, Inder, Franzoſen, Kanadier, Zuaven, 
Algerier —, die Zahl der genommenen Geſchütze auf 45. — Auf den 
Maashöhen mehrere Bergrüden weitlih Led Eparges im Sturm ge 
nommen und mehrere bundert Gefangene gemadt, in den Bogefen den 
Sartmanndweilerfopf wiedergenommen und hierbei 7860 Frangofen ge» 
fangen, ſechs Minenwerfer, vier Majchinengewehre erbeutet. 

25. April 1915. Heftige Kämpfe in den Sarpathen, öſtlich des 
Usfoler Paſſes. Ruſſiſche Angriffe zur Wiedereroberung der Höhe Oſtry 
unter ſchwerſten Berluften der Angreifer zurüdgeichlagen, in der Verfolgung 
26 ruſſiſche Schüßengräben genommen. Bei Koziowa einen neuen Stütz⸗ 
punlt des Feindes genommen, über 1000 Dann gefangen. 

26. April 1915. Starle Angriffe auf unfere eroberten Stellungen 
bei Ypern unter außergewöhnlich ſchweren Verluſten abgewieſen; bisher 
bei Ypern 50 Maſchinengewehre erbeutet. Franzöſiſche Angriffe in den 
Argonnen, auf den Maashöhen und am Hartmannsweilerkopf gefceitert. 

26. April 1915. Allgemeiner Angriff der englifhen Flotte und 
Armee gegen die Dardanellen, die engliihen Landungstruppen dur bie 
Türken geihlagen, ein Xorpedoboot verjentt, mehrere andere Schiffe be» 
ſchädigt. 

26. April 1915. Der deutſche Hilfskreuzer „Kronprinz Wilhelm“ 
wird in Newport New3 interniert. 

26. April 1915. Der franzöfiihe Panzerfreuger „Leon Gambetta“ 
beim Kap Santa Maria di Leuca an der Straße von Otranto durch ein 
öfterreichifche® Unterfeeboot verfentt. 

27. April 1915. Heftige Angriffe der Engländer bei Ypern, einen 
franzöfiihen Angriff im Priefterwald zurüdgeichlagen, &efangene gemacht, 
vier Maſchinengewehre, 18 Minenwerfer erbeutet. 

27. April 1915. Rordöftlich und öſtlich von Suwalki auf 20 Kilometer 
Breite ruſſiſche Stellungen genommen, nördlich Praſzuyſz 470 Ruſſen 
gefangen, drei Maſchinengewehre erbeutet. | 


Kriegstagebudh 159 


— — 
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28. April 1915. Schwere feindliche Angriffe auf unſere neuen 
Stellungen bei Ypern unter jehr ftarfen Berluften für die Feinde abgewieſen, 
bieber in den Pperntämpfen 63 Gefhüge erobert. Franzöſiſche Angriffe 
bei 2a Baſſée — Bethune und nördlih von Le Mesnil abgeichlagen. 

28. April 1915. Einen ruſſiſchen Stügpunlt bei Dachowo ſüdlich 
Sodarzew erobert, dad Dorf Kowale bei Kalwarja und die Höhe jüdlich 
davon genommen. — Sn den Slarpatden im Oportal einen ruſſiſchen 
Angriff abgeichlagen. 

29. April 1915. Deutihe Luftihiffe bombardieren die englifche 
Dftküfte. 
29. April 1915. Abgeſchlagene feindliche Angriffe: bei Ypern, bei 
Ze Meznil, auf den Maathöhen. Bei den Kämpfen auf den Maashöhen 
bom 24. bis 28. April über 4000 Franzoſen gefangen. 

29. April 1915. Im nordwelitliden Rußland erreichten unfere 
Vortruppen in breiter Front die Eijenbahnlinie Dünaburg—Libau. Bei 
Kalwarja größere ruffiihe Angriffe abgewiefen, 5600 Mann gefangen. . 

80. April 1915. Dünlirchen dur deutihe Artillerie erfolgreich 
bombardiert. Rerluftreiche abgeichlagene feindliche Angriffe bei Ypern. 

80. April 1915. Ein ruſſiſcher Dampfer an der Beftlüfte Irlands 
durch ein deutiches Unterſeeboot verfentt. 

80. April 1915. Die Türlen jchlagen die Engländer bei Kaba 
Zepe und nehmen mehrere Maſchinengewehre. Ein englifch » auftralifches 
Unterfeeboot „Ae Il“ in den Dardanellen zum Sinten gebradt. 


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160 Kriegstagebud 





80. April 1915. Szawle von ben Ruſſen in Brand geftedi, fie 
ziehen fi auf Mitau zurüd; etwa 1000 Ruſſen gefangen, gehn Mafchinen- 
gewwehre, große Mengen von Bagagen, Munitionswagen und bejonders viel 
Munition erbeutet. Bei Kalwarja ruffiihe Angriffe abgefhlagen, 850 Ger 
fangene gemadt. Südweitlih von Auguſtow eine unferer Borpoften- 
kompagnien durch nädtlihen Überfall ſchwer gefchädigt. 

80. April 1915. Ruſſiſche Angriffe auf die Höhen zwiſchen Orawa 
und Oportal abgewiejen, 500 Gefangene gemacht. 

80. April 1915. Hftlih Trebinje montenegriniide Kräfte durch 
die Öfterreichifhe Artillerie zerftreut. 

1. Mai 1915. Engliſche und frangöfiihe Angriffe bei Ypern ab⸗ 
gewieſen, drei Mafchinengewehre erbeutet. In den Argonnen nördlid Your 
de Parid mehrere franzöfiihe Gräben erobert, 156 Gefangene gemadt, im 
Brieftertvalde 90 Franzoſen gefangen. 

1. Mai 1915. Bei Szawle weitere 400 Ruſſen gefangen, deutiche 
Bortruppen ſüdweſtlich Mitau angelangt, bei Kalwarja 800 Gefangene 
gemacht. 

1. Mai 1915. Einen ſtarken ruſſiſchen Stüßpuntt auf einer Hohe 
bei Oftry in den Karpathen erobert, mehrere hundert Ruſſen gefangen. 

2. Mai 1915. An den Karpatben auf einer Front von 50 Kilo» 
metern die Auffen vollftändig geſchlagen, 40000 Mann gefangen. 





Allen Manuſkripten ift Borto hinzuzufügen, ba andernfalls bei Ablehnung eine Rückſendung 
nicht verbärgt werden kann. 


Nachbdruck fämtlidder Uuffäge nur mit ausbrücklicher Erlaubnis Des Berlags geſtattet. 
rtlich: ber Serausgeber Beorg Cleinow in Berlin Lichterfelde Wei. — Manuſtriptſendungen und 
Briete werden erbeten unter der Abrefle: 
Un den Gerandgcher der Greuzboten in Berlin - Lichterfelde Welt, Sternſtraſe 56. 
Bernipredder bes Herausgebers: Amt Lichterfelde 498, des Verlags und der Schriftieitung: Amt Lüyomw 6610 
Berlag: Berlag der Srenzboten G. m. b. H. in Berlin SW 11, Xempelhofer Ufer 85a. 
Druck: „Der Reihäbote" G. m. 5. 9. in Berlin SW 11, Deflauer Straße 86/37. 


Wir bitten Die Sreunde der :: :: :: :: 


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erneuern zu wollen. — Beftellungen Verlag der 
nimmt jede Buchhandlung und jede Grenzboten 


© m. b. H. 


Poftanftalt entgegen. Preis 6 M. Berlin SW ıı. 





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Agents provocateurs 


5 einer Einrichtung nicht vorübergehen, die eine große, für den 
| AWeſteuropäer unheimliche Rolle fpielt: dem Syftem der Agents 
—M provocateurs. Die Dohrana, die ruffiihe Geheimpolizei, deren 
| = ſchrankenloſe Willkür in Rußland von jeher das Korrelat des 
Abjolutismus war, bedient ſich diefer Einrichtung in einem Umfange und mit 
einer Gemifjenlofigfeit, wie wir fie jonft in der Geſchichte nur in orientalifchen 
Satrapenjtaaten fehen, wo Menfchenleben wertlos find. Die Dchrana fpielt 
dabei um hohen Einſatz. Sie ſchützt den Zaren, jhüßt die hohen Würdenträger 
des Reiches, die ausführenden Organe der abjoluten Madt. Ihr find die 
Pläne der Terroriſten befannt, die gegen Zar und Minifter im Werke find, 
aber die Ochrana ift auch unter Umftänden durch ihre Agenten ſelbſt — und 
das ift das Unheimliche an ihrer Wirkfamleit — Miturheberin diefer Pläne. 
Sie läßt die Attentate reifen, wenn es ihr gefällt, oder fie läßt die Sache 
gehen und ... fommt zu fpät. Manchmal aber wird das Werkzeug, deſſen 
fie fi bedient, ſtärler als der Meifter. Sie hat die Kontrolle über den agent 
provocateur verloren, der als Leiter des Attentats feinen revolutionären 
Freunden gegenüber vielleicht gerade im gegebenen Falle ein Intereſſe daran 
bat, das Attentat zu Ende zu führen. 

Der vollendetfte Typ der „provolagia“, wie der Ruſſe das ganze Syitem 
nennt, war fiherlich Aſeff. Er hat beinahe feit feiner Kindheit im Dienfte der 
Ochrana geftanden, jechzehn Jahre hindurch hielten ihn die Revolutionäre für 
einen der ihren. Erſt Burtzeff, der befannte jetzt nad Sibirien verbannte 
Herausgeber der ruffifchen revolutionären Zeitfchrift Byloje, fonnte ihn entlarven. 
Was für eine Rolle Ajeff bei den Attentaten der jüngften ruſſiſchen Vergangenheit 
gefpielt Hat, fieht man aus einer Zufammenftellung, die Frau Jarintzoff in 
ihrem lejenswerten Buche über Rußland gibt. Cr bat mitgeholfen an der 

Grengbsten M 1915 11 


( N AD enn man das ruffifhe Leben bejchreiben will, fo darf man an 
a 





162 Agents provocateurs | 





Drganifation der Attentate gegen ben Dberften Min, gegen ben Petersburger 
Stadthauptman von der Launitz, gegen den belannten Staatsanwalt Pawloff, 
ber vom Petersburger Publikum der „Henker“ genannt wurde. Die Revolutionäre 
vertrauten ihm blind. Wie follten fie auch einem Manne feinen Kredit geben, 
der die Pläne zur Ermordung von Plehwe und vom Großfürften Sergjei 
entworfen battel Dazu kam feine Teilnahme an den Attentaten gegen Trepoff, 
Kleigels, Unterberger, Durbafloff, Durnowo und andere, von denen jeder feinen 
reichlichen Anteil an der Errichtung der mehr als fiebentaufend Schafotte gehabt 
batte, die Rußland während der Regierung Nikolaus des Zweiten gejehen bat. 
Aſeff hatte fih alfo an der Nahe der Revolutionäre an der Regierung 
wirlfam beteiligt. Aber er hatte anderfeitS Hunderte von Nevolutionären in 
die Hand der Dohrana geliefert, „die Partei Hatte durch ihm ihre Arbeiter 
verloren, wie ein Wald im Herbit feine Blätter verliert.” Wir kennen den 
fchließlihden Ausgang von Afeffs Gefchichte; er wurde im Dezember 1908 in 
Paris vor ein Tribunal feiner einftigen revolutionären Freunde geftellt und 
entlarvt. „Man beichloß, ihn durch fchweigende Verachtung zu ftrafen.“ 

Auch Gapon war ein Provolateur. Zuerft vielleicht fledenlos, hatte er 
ſchließlich den verlodenden Anerbietungen der Dchrana nicht widerftehen können. 

Der Geſchichte wird es überlaffen bleiben, darüber zu urteilen, ob er bereits 
ein Berräter war, als er an jenem denkwürbigen 9. Januar Taufende von 
wehrlojen Arbeitern den Flintenläufen der Soldatesfa des Zaren entgegentrieb. 
Die Arbeiter jedenfalls find es fpäter geweſen, die ihn verurteilt und hingerichtet 
haben. „Das Tribunal der Arbeiter — fo heißt es in feinem Todesurteil — 
Hat untrügliche Beweiſe folgender Tatſachen gefunden: Georg Gapon ftand in 
heimlicher Berbindung mit dem Chef des Polizetvepartements Ratichlomfli und 
mit dem Chef der politiiden Geheimpolizei Geraffimoff. Sie haben ihm die 
Wiedereröffnung der elf Gruppen bes Arbeiterverbandes verfprocdhen, wenn er 
ihnen alles berichte, was er über die Revolution wiffe. Er bat dies getan... 
Gapon erhielt den Speztalauftrag von Ratſchkowſki, einen gewiſſen Revolutionär 
für den Dienft der Gebeimpolizei zu gewinnen. Bei dem Verſuche, diefen 
Auftrag auszuführen, fagte Gapon: ‚Man bietet Dir fünfundzwanzigtaufend 
Nubel nur für ein Kleines Gefhäft — und wenn Du vier zuftande bringft, 
verdienft Du bHunderttaufend Rubel — eine nette Summe Geldes‘ Das 
Arbeitertribunal hat entſchieden: Georg Gapon verdient ben Tod als ein 
verräterifher Provolateur, der die Ehre und das Andenlen des 9. Januar 
befledt hat. Der Urteilsſpruch ift ausgeführt worden.” 

Wir kennen Stolypins tragifhen Untergang an jenem 1. September im 
Theater in Kiew, als er bei der Galavoritellung gegen die Baluftrade 
gelehnt auf das feitliche Parkett herunterblidte und ſich plötzlich dem im Abend» 
anzug feftlich gefleidveten Bogroff gegenüberfah, der ruhig — unter den Augen 
des ganzen Theaters und des Zaren — die todbringenden Revolverſchüſſe auf 
das verhaßte Haupt der Reaktion abfeuerte. „Es gibt einen Augenblid tm 


Agents provocateurs 163 


Leben eines jeden Menfchen, um befientwillen e8 ſich lohnt, gelebt zu haben,“ 
fo hatte Bogroff no ein paar Zage vor dem Attentate gefagt — und als er 
jeinen Plan ausführte, war er ein aufrichtiger Revoluttonär. Aber, wenn aud) 
die Alten über den Prozeß Bogroffs nie veröffentlicht worden find, fo wiſſen 
wir doch, daß er die Eintrittsfarte zu dem Theater von dem Chef der Ochrana 
in Kiew, dem Oberften Kuljablo, erbalten hatte. Auch er bat im Dienfte der 
Dchrana geftanden, und die Ochrana ift e8 geweſen, deren unbeilvollem 
Birken Stolypin, ihr Begünftiger und Befchüger, im Grunde zum Opfer ge- 
fallen  ift. 

Die Tragik diefer Stunde fommt uns nadträgli bei der Lekiüre eines 
hochintereſſanten Briefwechſels zwiſchen Witte und Stolypin, der in der März- 
nummer der Rußkaja Mysl veröffentlicht worden ift, noch Harer zum Bewußtſein. 
Der Anlaß diejes Briefmechjels waren die Attentate auf Witte, die im Februar 
und Juni 1907 von. Alerander Kafanzeff, Waſſili Fiodoroff und Alexei 
Etepanoff unternommen wurden, ohne ihr Ziel, die Ermordung des Grafen, 
zu erreihen. Das erite Mal wurde die Höllenmafchine in dem Rauchabzug 
des Wittefhen Hauſes noch rechtzeitig entdedt, das andere Mal konnte der 
Bombenanfhlag auf das Automobil des Grafen deshalb nicht zur Ausführung 
fommen, weil diefer einen anderen Weg zum Reichsrat einſchlug und teilweife 
zu Fuß ging Die Briefe, die Witte an Stolypin drei Jahre nad) dem 
Attentate fchrieb, find aber nicht wegen dieſes taıfächlichen Materials intereffant, 
fondern wegen der Motive der Mordanfchläge, und der dabei im Dunteln 
wirlenden Kräfte. Auch bier treffen wir wieder auf die Dchrana und auf den 
agent provocateur. Safanzeff, der die zum Morde des Grafen auserfrhenen 
beiden Leuten geleitet und beauftragt bat, war bezahlter Agent der Kchrana. 
Er war von einem Beamten der Mosfauer Dchrana, dem Grafen Buxhöpden, 
in Sold genommen, um hohe Würdenträger gegen Attentate zu ſchützen; — 
oder hatte er vieleiht den Auftrag, diefe hohen Beamten zu töten, weil es 
das Intereſſe des Staates gebieterifch verlangte? Graf Witte, der drei Jahre 
nad dem Tage des Aitentats die Unterfuchhungsalten mit dem Einftellungs- 
defchluß vorgelegt erhält, neigt diefer Anficht zu, und jeder, der unbefangen 
Wittes Ankllagebrief und Stolypins ſchwächliche Antwort darauf lieft, wird ihm 
darin beiftimmen, daß die ganze Art der Ausführung des Verbrechens dieſen 
Schluß zuläßt. SKafanzeff begnügte fih, wie Graf Witte wörtlich fagt, nicht 
mit der Rolle eines Provofateurs, er ging weiter. Ihm war e8 nicht darum 
.zu tun, den oder jenen Marimaliften abzufangen — er benupte ihre Dienſte, 
um ein wirkliches Verbrechen zu begehen. Ver Graf weiſt an ber Hand ber 
Unterfuchungsalten nad, wie im einzelnen das Verhalten von Kafanzeff, das 
Berhalten der Polizei, der Verlauf der Unterfuhung darauf hindeutet, daß man 
feinen Mord unter allen Umftänden wollte, und als er nicht gelang, die Tat- 
fadyen verfjchleierte, die die Wahrheit Hätten ans Licht bringen können. Die 
Bolizei ift „bewußt untätig geweſen“, die Unterſuchung ift „Ihüchtern geführt“ 

11” 


164 j Agents provocateurs 


worden, weil die Aufflärung der Sache „vielleicht ſchlechte Folgen für die 
Karriere des betreffenden Beamten hätte haben können.“ 

Weshalb aber wollten gerade Kafanzeff, Stepanoff und Petroff den Grafen 
Witte töten? Kafanzeff war eifriges Mitglied des „Verbandes der Ruſſiſchen 
Leute”, deilen dunkle Wirkfamleit zugunften der Reaktion allgemein befannt 
ift. Die von dem Verband organifierten Attentate auf Herzenftein und Jollos 
fallen ungefähr in diefelbe Zeit wie die Anſchläge auf Witte SKafanzeff war 
der Mörder des Abgeordneten Jollos. Er ftand mit dem den äußerften rechten 
Parteien angebörigen Buxthöpden in nahen Beziehungen, empfing von ihm 
Geld und einen falfhen Paß. ALS Kafanzeff nah dem mißglüdten Attentat 
auf Graf Witte fi) das Leben genommen hatte, ſchickte Burhönden einen Ver- 
trauten unter falſchem Namen nad) Petersburg, um die Sachen des Kafanzeff 
holen zu laffen. Wenn aud, wie der Unterfuhungsrichter feftftellte, alle dieſe 
Tatjachen nicht ausreichen, um den Grafen Burhönden als an dem Morde des 
Abgeordneten Jollos beteiligt erfcheinen zu laſſen, jo geben fie doch Anbalts- 
punkte dafür, von welden Milieus aus die Tätigleit des SKafanzeff bei dem 
Morde des Jollos und bei dem Attentat auf Witte beeinflußt geweſen fein 
kann. Daß Kafanzeff für die letzte Tat den Petroff ausmwählte, war jehr ge- 
ſchickt. Petroff war ein Mitglied desjelben Arbeiterrats, gegen den Witte als 
PVremierminifter im Jahre 1905 vorgegangen war, fein Attentat mußte alſo 
nad außen bin als Rache der Arbeiter erjcheinen. Auf ihn mußte die ganze 
Schwere der Tat fallen, denn Stepanoff war ein Mann, ber für ein paar 
Groſchen auf jede beliebige Perfon eine Bombe geworfen hätte, und Kafanzeff 
felbft mußte als Mitglied der Dchrana (er hatte eine von deren Chef 
Geraffimoff felbft ausgeftellte Legitimation in der Taſche) jedem Verdachte bei 
der Mordtat beteiligt zu fein entgehen. Witte kommt deshalb zu dem Schluffe, 
daß in Wahrheit der Mordanſchlag gegen ihn — ummittelbar vor der Auf- 
löfung der zweiten Duma und der Ausgabe des neuen Wahlgejegeg — von 
den rechten Parteien infpiriert war. Sein ausfchließliddes Ziel war, nad 
Wittes Anficht, die äffentlicde Meinung des Landes gegen die linfen Parteien 
aufzureizen, Die als Urheber des Mordes gelten mußten, und Nepreffalien der 
Regierung nad) dem Herzen der Reaktion bervorzurufen. Außerdem war die 
Zat natürlich ein politifher Radealt gegen Witte und, was die Hauptfadhe 
war, der fo vielen unbeqgueme Staatsmann, „der Feind des Vaterlandes“ 
wäre durch fie für immer aus dem Wege geräumt worden. 

Die Briefe, die Witte an Stolypin gefchrieben bat, um ihn mit dieſen 
Tatſachen befannt zu machen, atmen tiefe Empörung, beftigiten Unmwillen. Ich 
wünſche nicht für einen Dummlopf gehalten zu werden, mir mangelt e8 nidt 
an Mut, offen darauf binzumweifen, wo diejenigen Leute fihen, die meinen Tod 
wollten, die aber ftraflo8 geblieben find, nicht etwa, weil man fie nicht hat 
finden können, fondern . . ., den Schluß dieſes Satzes zu ergänzen, überläßt 
der Graf feinem Nachfolger, den er zugleich dringend bittet, Maßregeln zu 





Die Nachfolge Bismards 165 


ergreifen, um der terroriftifchen und provolatoriichen Tätigkeit jener heimlichen 
Drganifationen ein Ende zu machen, die zugleih der Regierung und den 
politifden Parteien dienen, an deren Spite Leute ftehen, die ih Im Staats 
dienfte. befinden und die über dunkle Gelder verfügen. „Bewahren Sie dadurch“, 
fo ruft er Stolypin zu, „auch andere Staatsmänner vor ber gleichen ſchweren 
Lage, in der ich mich befunden habe.“ Stolypin hat e8 vorgezogen, auf die 
Briefe des Grafen Witte Hin nichts zu tun. Er braudte wohl die Leute nod), 
deren Befeitigung fein Vorgänger bier verlangte. Nicht Lange danach iſt er 
dem graufigen Schidfal, das Witte zugedacht war, felbit anheim gefallen. Das 
Syftem aber, das Witte fo tapfer und energifch befämpft bat, befteht noch 
biS heute. 





Die Nachfolge Bismards 


Don Maximilian von Hagen 






en 08 Schidjal hat es gefügt, daß wir den Tag der Reichſsgründung 
—— G und ven hundertiten Geburtstag ihres Vollbringers, Dtto von 
RL | Bismard, nicht als Tage nationaler Aufrättelung zu feiern 

Po brauchten, daß wir fie vielmehr begehen durften als Qage ber 
—_ = Grmutigung und der Erinnerung an ähnlich ſchwere Zeiten, aus 
denen wir zu herrlichen Zielen binausgeführt wurden. Denn der große Krieg, 
der eine angemefjene Feier diefer Gedenktage verbot, hat felbjt die Fühnften 
Hoffnungen übertroffen, die der Baumeiſter unferes Staates in die Lebens- 
fähigkeit feines Werkes zu ſetzen wagte. Wie ein Mann bat fi) Deutichland 
erhoben, um das Erbe feines größten Staatsmannes zu ſchützen und in feinem 
Geifte weiterzuführen. Ohnegleichen ift die Einigkeit, die wir folange entbehren 
mußten und bie auch Bismard oft fo bitter vermißte, nachdem er mit der 
Neihsgründung feine eigentliche Lebensaufgabe erfüllt hatte. Der Geiſt der 
Freibeitsfriege und ihres Vollenders lebt wieder in unferem ganzen Bolt, das 
dem Rufe zu den Fahnen mit nie erhörter Hingabe gefolgt iſt und in allen 
Schichten und Generationen an Opferwilligkeit feine Grenzen kennt. Nirgends 
ift Raum für Furt und Sorgen, allgemein nur das Ahnen einer jchöneren 
Zukunft. Vergeſſen find darum die Tage, da wir in Bitterleit über Partet- 
hader und Yeindesbosheit der Vergangenheit gedachten, da wir uns an den 
Taten unferer Vorfahren aufrichteten, wenn der Yriede faul zu werden drohte. 
Nachdem wir uns aber würdig gezeigt ihrer raftlofen Arbeit am Werke der 
deutſchen Zukunft, durften wir auch Markfteine unferer Geſchichte, wie es ber 


166 Die Nachfolge Bismards 


hundertite Geburtstag des größten beutichen Kanzlers war, nicht ungenubt 
Iaffen: nicht zu einer finnlofen Vergötterung feiner unfterblichen Berdienfte, die 
nur ablenfen könnte von den großen Zielen, auf die unfer Blid jetzt allein 
gerichtet fein muß; wohl aber zur Selbftbefinnung über eine wahre, produltive 
Nachfolge, wie fie ſolchen Herven allein geziemt und wie fie au) uns Epigonen 
allein förderlich tft. 

Und ba tft es fein Zweifel, daß wir auch hier umzulernen haben, wenn 
wir nit Sklaven der Vergangenheit bleiben wollen. Schon Fürſt Bülow 
Hagte einmal in einer ebenfo bedeutfamen wie unbeachteten Reichstagsrede Über 
die dogmatifierende Kanonifierung eines mißverftandenen Bismard, durch Die 
der große Kanzler in echt deutfcher Ideologie je nach der Parteirihtung in ein 
Syſtem oder ein Schema gebradt würde, an dem man dann die Gegenwart 
zu meſſen ſuche. Daß eine ſolche Nachfolge Bismards unhiſtoriſch ift, wird 
fih durch ein paar methodiſche Gedanken mit Leichtigfeit erweifen laffen. 

Es ift Mar, daß man Bismard nad einer foldden Praxis an der Hand 
feiner Hinterlaffenfchaften oder gar mit Hilfe von Nachſchlagewerken, bie dieſe 
nach beftimmten Gefihhtspunften „ausgezogen” und ihres Zuſammenhanges 
beraubt haben, ebenfofehr als Kriegsmann mit Küraß und Pallaſch, wie als 
Friedenspolitifer und ehrlichen Makler mit Palme und Wage darjtellen könnte; 
ebenfo auch als überzeugten Imperialiſten wie als „rüditändigen“ Sontinental- 
politifer, als Sozialiften oder als Realtionär, als Gegner Roms und als 
Kanoflagänger, als Freund der Stonfervativen, Nationalliberalen und des 
Zentrums und fo fort. Und doch mürde man mit allem, ſelbſt für den be- 
fchränfteften Zeitraum feiner Amtszeit, niemals das richtige treffen, da Bismard 
fih in feinem ftändigen Kampf mit Parteien und Prinzipien nie anders als 
im Rahmen der Entwidlung erfaffen läßt. 

Trogdem kann eine willenfchaftliche, das ganze Material kritiſch⸗vor⸗ 
ausfegungslo8 verarbeitende, von Haß und Liebe freie, gefhichtliche Darftellung 
eines politiiden Problems, unter dem Sefichtöpunfte feiner Beziehungen zu 
Bismard betrachtet, auch der Politik manch brauchbare Anregung geben, wenn 
man dabei niemals bie conditio mutatis mutandis et cum grano salis außer 
acht läßt. Immer aber wird eine Darftellung, die Bismards Politik zugunften 
einer Parteidoltrin vergewaltigt, wegen diefer Tendenz von vornherein abzu- 
lehnen jein, weil fie von dem ſowohl wifjenfhaftli wie fünftlerif allein be- 
rechtigten “deal hiſtoriſcher Objektivität weit entfernt ift, einem “deal, das einer 
geſchichtspolitiſchen Unterfuchung allein Wert verleihen fann. Dahingegen verlodt 
jede finngemäße Übertragung hiſtoriſcher Ausfprüche ſowohl taltiſch wie fattifch immer 
zur Verallgemeinerung, felbjt wenn diefe vom Berfaffer nicht einmal beabfichtigt 
wird. Denn das ODdium aller Zitate, fofern fie nicht genau lofaltfiert werben, 
bringt e8 mit fi, daß felbft die, welche ſich der kritiſchen Schwierigkeiten ihrer 
Benugung bewußt find, ihrem Zwange vielfach verfallen. Die Worte der 
Bibel find auf dieſe Weife mißbraucht worden zu allen Zeiten. Das Fragen 


Die Nachfolge Bismards 167 


nad Bismard, das Belegen mit Bismard aber bat zu einer Ähnlichen Gefahr 
geführt. Wird nämlich diefes fcheinbar Hiftorifche Bedürfnis unferer öffentlichen 
Meinung zum „praftifch » agitatorifchen Werbrehungsmittel”, fo beginnt biefe 
„Kalamität” (um Fürft Bülows Worte zu wiederholen) unerträglich zu werden, 
gerade weil alle, die e8 anwenden, fi) mit einem naiven Hinweis auf bie 
biftorifhen Belege ihrer Anficht immer zu rechtfertigen verfuchen werden. 
Wenn e8 aber ſchon mißlich ift, aus Bismards Politik, die fi unter 
ganz anderen al3 den heutigen Verhältniſſen entwidelte, feine Stellung in ber 
jevesmaligen gegenwärtigen Situation erraten zu wollen, fo tft es noch viel 
bedenflicher, aus den Ergebniſſen folder Rätfellöfungen die wahre Politik der 
Gegenwart zu fonftruieren. Nun will zwar Tein Bismardpolitifer bismard- 
orthodor beißen, weil er als denfender Menſch unmöglich wünjchen könnte, daß 
die Lehren und Mittel der Vergangenheit als Normalloder für alle künftigen 
Situationen aufgeftellt und befolgt werben follten; er müßte denn den Ent- 
willungsgedanfen ftreihen wollen, den doch Bismard bei allem PVerftändnis 
für die Tradition niemals außer acht gelaffen wiffen wollte, denn „Rom warb 
nit an einem Tage erbaut und fehen auch nicht alle Häufer gleich darin aus, 
jo wenig wie die Einwohner, die dennod alle Römer find”. Auch dürfte er 
es politifh oft recht unpraltiſch finden, die Bahn foldyer Bismardromantit 
fonjequent zu verfolgen. Dennoch) bleibt er dem Gößendienft verfallen, ſo⸗ 
lange er feine Augen „zurüd zu Bismarck“ wendet, um bier die allein gültige 
Antwort auf ein Problem der Gegenwart zu erhalten. Greift er nämlich in 
folder Abficht zu Bismard, fo nimmt e8 bei dem Mangel an organijchem 
Sehvermögen, das bis zu einem gewiflen Grade alle Theoretiker auszeichnet, 
auch nicht wunder, wenn ſich unter feinen Bismardbelegen, die die jedesmalige 
Lage grell beleuchten follen, tendenziös gewählte Worte aus Bismardd langer 
Kanzlerſchaft in trautem Vereine neben Ausſprüchen des Alten vom Sachſen⸗ 
walde einfinden, mit dem Erfolge, duß fie fchiefe Vorftelungen ermeden von 
einer Einheit des politifchen Denkens des amtlichen und nachamtlichen Bismarck. 
Und doch läßt fih nicht leugnen, daß die Zeit feiner inoffiziöfen Politik in den 
Hamburger Nachrichten abhängig war von ber jedesmaligen Stimmung des 
grollenden Achill von Friedrichsruh und feinen jedesmaligen Beziehungen zum 
Berliner Hofe; fie darf darum nit als gleichwertiger Mapftab für feine 
politifde Gefinnung genommen werden, die die Bismardpolitifer freilich als unver- 
änderlich empfinden, wird vielmehr ftet3, auch vom Hiftorifer, nur mit Vorficht, 
ja mit Mißtrauen zu Rate zu ziehen fein. Im Grunde tft fie nur für den 
Biographen pſychologiſch intereffant, für den Politiler aber bleibt fie eine ge- 
fährliche, weil gefchichtlich nicht einwandfreie Duelle. Yreilih hat man gerade 
von feiten der Bismardpolititer die Annahme mit fittlicder Enträftung zurück⸗ 
gewiefen, als ob die Prinzipien ihres politifchen Heiligen jemals ernſtlich zu 
trüben geweſen wären. Allein gerade bei Bismard, aus deſſen dämoniſchem 
Bilde wohl niemand Zorn und Haß bejeitigen könnte oder möchte, war die 


168 Die Nachfolge Bismarcks 


Oppoſition gegen die Politik des „neuen Kurſes“ nur allzu begreiflich, weil 
„allzu menſchlich“. Wer daher feine Außerungen aus jener Zeit mit unbe- 
fangenem Auge lieft, wird fie für einfeitiger halten müffen, als die früheren. 
Daß Bismard in der Politif die Kunft des Möglichen ſah und darum ſchon 
frübzeitig dem Prinzip der Prinziplofigleit huldigte, indem er an Grundfägen 
nur feitzubalten wünfchte, „Tolange fie nicht auf die Probe geftellt werden" — 
ſchon diefe Tatſache allein Tennzeichnet hinlänglich die Yährniffe einer gedanken⸗ 
Iofen Nachfolge des großen Kanzlers. 

Gegen eine ſolche hat fi denn aud niemand mehr al8 Bismard ſelbſt 

gewandt. Denn er wußte, daß e8 niemals zwei ganz gleiche Lagen gibt, und 
daß „nichts In der Welt dauernd tft“, daß man fih daher nicht einmal felbit 
fopteren follte. Jeder, der die „Gedanken und Erinnerungen” zu lejen verfteht, 
weiß, wie fehr er bei dem fortwährenden MWechfel der Situationen und ragen, 
mit denen er fih zu beſchäftigen hatte, von der Vergänglichleit politiſcher 
Marime überzeugt war und wie weit er davon entfernt blieb, mit feinen 
Memoiren ein Dogma für Deutfchlands künftige Politik feitlegen zu wollen. 
Vielmehr war feine damit befolgte Abſicht feine andere, als durch das „Ver⸗ 
ftändnis der Vergangenheit” die Wege für die Zufunftspolitit eriennen zu 
lehren. Denn er fah in der Geſchichte in ihrer Totalität ein Mittel zur Be⸗ 
fämpfung einer allzu boftrinären Betraddtung der Politik, die an Schlagwörter 
gebunden tft. Über diefe aber war er alle Zeit erhaben und darum warnte 
er immer davor, feine Worte zu verallgemeinern und als Evangelium oder 
nur als feine feitftehende Meinung auf den Schild zu beben oder gar aus 
gelegentlichen Außerungen Schlüffe auf eine vermutetete Gefamtanfhauung zu 
ziehen. Das Crfcheinen von Buſchs Tagebuchblättern veranlaßte ihn gegen 
jede derartige temdenziöfe Zitatenausbeute einzufchreiten und feitbem bat er 
fi offenbar auch mit dem biographiſchen Problem erft intenfiver befaßt. 
Aus der Fülle derartiger Gedanken mag eine Anzahl dharalteriftifcher 
Beifpiele aus feinen Briefen und Geſprächen zur Illuſtration des Gefagten 
dienen. Denn fie haben zum Zeil die Schlagfraft von Aphorismen und 
find aud darum intereffant, weil fie den Willensheros als bewußten Geiſtes⸗ 
menjchen erſcheinen laſſen. 

Schon die Braut machte Bismarck des öfteren aufmerkſam, daß die 
augenblickliche Stimmung, die einem Worte die charakteriſtiſche Färbung und 
damit die befte Prägung der Wahrheit gibt, für die Auslegung entſcheidend 
fein muß, und daß dabei vor allem die Grundmelodie zu beachten ift, bie 
„nicht immer deutlih durch die Variationen ber Oberfläche Klingt“; daß das 
geſchriebene Wort dagegen etwas Schwerfälliges und Ungzerftörbares an ſich hat, 
weil ihm der erflärende Ton fehlt, und daß e8 darum wieder leicht zu viel 
fagt, weiter gedeutet ober mißverftanden werden kann; daß ihm endlich nicht 
anzufeben tft, „ob die Tinte, als fie naß war, ein nedendes Auge oder die 
Halten befümmerten Ernftes gefpiegelt bat“. Und an Leopold von Gerlad 


Die Nachfolge Bismard's 169 














ſchrieb er die nachdenklihen Worte, daß es uns überhaupt nicht gegeben fei 
„den ganzen Menſchen zu Papier oder über die Zunge zu bringen, und baß 
wir die Bruchftüde, die wir zutage fördern, andere nicht fo wahrnehmen laſſen 
fönnen, wie wir fie felbft empfinden, teils wegen der Inferiorität der Sprache 
gegen den Gedanken, teils meil die äußeren Tatſachen, auf die wir Bezug 
nehmen, ſich felten unter dem gleichen Lichte darftellen, fobald der eine nicht 
die Anſchauungen des anderen auf Glauben und ohne eigenes Urteil annimmt“. 

Bei diefer tiefen Auffaflung ift e8 erflärlich, daß er mit der oberflächlichen 
Ausnußung beliebiger Zitate für die Darftelung feines Charafter8 oder feiner 
Anſchauungen, wie fie Moritz Buf betrieb, wenig einverftanden war. Des 
öfteren bielt er ihm deshalb entgegen, daß die Art, feinen „inneren Menſchen 
aus fragmentariihden Beobachtungen zu entziffern, zu gänzlich verfehlter Auf- 
faſſung“ führen müſſe, wenn anders er ſich nicht durch feine Pedanterie, bie 
abgerifiene Bruchſtücke von SKonverfationen verwerte, als ob fie „mit der 
Gewifjenhaftigkeit eines vereideten Zeugen vor Gericht“ geführt worden wären, 
veranlaßt fühlen folle, in feinem Augenblid die fchriftlihe Form und ben 
amtlichen Kothurn zu verlaffen! Und von Bofchinger kennen wir den Bismardichen 
Ausſpruch: „Jedes in bemegter Zeit unter vier Augen geſprochene Wort 
gewinnt eine ganz andere Bedeutung, wenn e3, aus dem Zufammenhang gelöft, 
nah Fahren vor das Bublilum gebracht wird, welches die Situation nicht 
felbft erlebt bat.” Bismard weigerte ſich daher mit Recht auch nach feiner 
Entlaffung, für alle in zwangloſer politifcher Konverfation „ohne Zeugen und 
ohne Stenogramm” ausgeſprochenen Anfichten, die feinem „gewohnheitsmäßigen 
Bedürfnis nad) politiiher Ausſprache“ entiprangen und nie den „Charalter einer 
fyftematifden Manifeftation“ batten, die volle Verantwortung zu übernehmen. 
Nach feiner treffenden Beobachtung verfchieben fi) derartige Äußerungen in ber 
Zat im Gedächtnis des Zuhörer und bringen daher, vervollitändigt und 
unterftrichen, auch bei ehrlicher Anfnüpfung an wirklich Geſprochenes doch einen 
dem Urheber fremden und fernliegenden Gedanken zum Ausdrud. — Wieviel 
mehr follten alfo erft wir Epigonen uns hüten, Bismarckſche Worte, die nur 
in ihrer Zeit veritändlich find, auf die Gegenwart anzumenden und auszumüngen! 

Natürlid Haben auch unfere Bismardpolitifer eine Vorftelung von ben 
ſchon vom Altreihsfanzler gerügten Folgen tendenzidfer Geſchichtſchreibung in 
politifher Abfiht. Aber fie würden ihren jedesmaligen Zwed nicht mit dem- 
felben Erfolg erreihen, wenn fie jene prophetiſchen Warnungen im Be— 
mwußtfein ihres Ioyalen, tro allen Kampfes gegen den „neuen Kurs” doch 
auch wieder auf eine Erleichterung der NRegierungspolitif gerichteten Charalters 
beberzigt und befolgt hätten. Darum arbeiten fie lieber, wennſchon vielfach 
unbemwußt, auch weiterhin mit Fleiß an der Mobdernifierung des Bismardbildes, 
das ja politifch immer mweniger in unfere Zeit zu paflen fcheint. Zweifellos 
ift dieſes aber nicht nur mit Nüdfiht auf die hiſtoriſche Objektivität viel zu 
groß, als daß es irgendwelche Übermalung oder Renovierung vertragen könnte 


170 Die Nachfolge Bismards 








Denn fiherlich bedarf Bismard nicht der Ehrenrettung, wenn eine Frage von 
heute in feiner Gefchichte feine Antwort findet. Auch würde er fi mit Recht 
eine Identifizierung feiner Staatsfunft mit der Politik derer, die auf feine Fahne 
ſchwören, beftimmt verbeten haben, da fie oft eine Antizipierung von Gedanken 
darftellt, die feinem Zeitalter fernlagen und fernliegen mußten. Nun aber ift 
jeder, auch der größte Geiſt, ein Kind feiner Zeit, und es ift unerfindlid, wie 
in der Konftatierung diefer hiftorifhen Grundtatfadhe eine Überhebung gefehen 
werden fann. Bismards Genie aber war es, daß er die Sehnſucht feines 
Jahrhunderts erlannte und fo erfüllte, daß alles, was darüber hinaus noch zu 
tun blieb, den kommenden Geſchlechtern überlaffen werden fonnte. Wer zu 
ihm zurüd will, denkt daher nicht in feinem Geifte, der Vergangenheit und 
Zukunft fo wunderbar zu verknüpfen verftand. Unübertrefflih bat dies Fürſt 
Bülow mit folgenden Worten ausgedrüdt, die diefe Gedanken befchließen mögen: 

„Aud der größte Mann bleibt ein Sohn feiner Zeit, und die nad ihm 
fommenden Gefchlechter können fi) nicht darauf beichränfen, feine Urteile, feine 
Auffaffung, oder nun gar feine Alüren blind nachzuahmen und nachzumachen, 
fondern fie müffen mit der Entwidlung der Dinge geben, die nie ftille ftebt, 
die auch das größte Genie nicht vorberfehen, gejchweige denn vorzeichnen 
faın .... Wenn die Entwidlung der Dinge es verlangt, daß wir über 
Bismardie Ziele hinausgehen, fo müflen wir es tun, jelbjt wenn Fürft 
Bismard feinerzeit unter fcheinbar ähnlichen Verhältniſſen anders geurteilt 
bat... . Die Nachfolge eines großen Mannes befteht nicht in der fHlavifchen 
Nahahmung, fondern in der Fortbildung, ſelbſt wenn fie auch bier und da 
zu einem Gegenfage führt. Und als praftifche Politiler, als Männer, welche 
die Aufgaben des Tages zu löfen haben, müſſen wir uns mit der Tatſache 
abfinden, daß wir feinen Fürften Bismard mehr haben. 

Der Name des Fürften Bismard, die Erinnerung an das, was Yürft 
Bismard uns war, wird für alle Zeiten als Yeuerfäule berziehen vor dem 
deutihen Volle... . Sein Name bleibt ein dauernder Befig, eine Mahnung, 
ein Vorbild, ein Wahrzeichen, ein Stolz für unfer Voll, eine Gewähr der 
Zukunft, ein Zroft in forgenvollen oder matten Tagen. Aber die Nation muß 
die Kraft in fich finden, auch ohne einen ſolchen Titanen auszulommen, wie 
ihn die Götter nur fehr felten ... . einem Volle ſchenken. Denn wenn der 
einzelne und auch der größte Genius fterblich ift, jo ift doch die Nation un- 
fterblih. Ahr Dafein hat mit dem Tode des großen Kanzlers nicht geendet. 
Und als Batrioten müſſen wir, jeder an feinem Zeile, darauf hinwirken, daß 
das Wert des großen Kanzlerd erhalten bleibt.“ 





Der Rückgang der englifhen Kohlenausfuhr 
und ihre Solgen 
Don Dr. Richard Hennig 


Jer große Weltfrieg hat nah und nad ſchon ſoviel Unmahr- 
fcheinlichfte8 wahr gemacht, daß alte Anſchauungen, die ftetS wie 
Selbftverftänblichkeiten, wie Dogmen betrachtet wurden, in immer 
größerer Zahl ins Wanken geraten und zujammenbredhen. Zu den 
größten Überraſchungen gehört fiherlich die von weiteiten Kreifen 
freilich unbeadhtet gebliebene und nicht annähernd genug gemürdigte Tatſache, 
daß England, das Kohlenland par excellence, das alle Welt mit Kohlen zu 
verforgen pflegte und insbefondere die Weltſeeſchiffahrt mit dem Toftbaren 
Brennmaterial verfab, jebt aus Nordamerila Kohlen einzuführen und ein von 
vielen Zeitungen ſchon dringend geforbertes Kohlenausfuhrverbot demnächſt 
wabrfcheinli zu erlaffen gezwungen: ift. 

Nichts kann einwandfreier als diefer Umſtand bemeijen, wie gründlich irrig 
Englands forgfältige Berechnungen waren, als fi die Asquith - Greyiche 
Regierung auf den Krieg gegen Deutichland einließ und zuverſichtlich wähnte, 
damit ein gutes Gefchäft, Churchills „business as usual“, zu machen. Nichts 
fann aber auch klarer veranfchaulichen, wie außerordentlich die Wirkungen 
ber beutfchen Unterfeeboot-Sriegführung find, deren ganzer Erfolg ſicher erſt in 
fpäterer Zeit befannt werden wird. Denn die Unſicherheit der Schiffahrt hat 
einen Hauptanteil an biefen nie für möglich gehaltenen wirtfchaftlichen Tatſachen; 
daneben wirken freilih noch einige andere Einfläffe ausfchlaggebend mit, fo 
insbefondere die mangelhafte DOrganifation des meiſt in privatem Beſitz befind- 
Iihen Eiſenbahnweſens und die jehr große Schwierigkeit, den englifhen Kohlen⸗ 
bergwerlen das nötige Grubenbolz zu befchaffen, das man ehedem faſt vollſtändig 
aus Deutichland bezog. Alle fonft dabei in Betracht fommenden Umftände, die 
Lohnbewegungen und Streifprohungen der Kohlen«, Eifenbahn- und Hafenarbeiter, 
die Schwierigkeiten der Reedereien, der Mangel an Schiffsraum, die hohen Ver⸗ 
ſicherungsgebühren, die famt und fonders die englifche KRohlenausfuhr empfindlich 
erſchweren, find erft von felundärer Bedeutung und ihrerſeits erſt Folgen jener 
erftgenannten primären Faltoren. 

Wie ftarl die englifhe Ausfuhr zurüdgegangen ift, erhellt au dem 
Umftand, daß ſchon im Januar 1915, alfo nod vor Beginn des beutjchen 
Unterfeeboot-Handelskrieges, die Kohlenausfuhr um nahezu zwei Fünftel, nämlid) 





172 Der Rückgang der englifchen Kohlenausfuhr und ihre Solgen 


um 372/, Prozent, geringer als im gleihen Monat des Borjahres war 
(3613000 gegen 5795000 Tonnen). Das Ungeheuerlichſte aber ift, daß 
England jelbit an empfindlicher Koblenfnappheit leidet, daß ſchon im September 
die Londoner Gaspreife erhöht werden mußten und daß dieſe abfonderlichen 
Verhältniſſe ſich immer weiter zugeipist haben, bis jet England, wie gejagt, 
gezwungen ift, nach dem Zeugnis des Nemwcaftle Daily Journal große Kohlen⸗ 
mengen in Nordamerifa zu faufen und fi langſam mit dem Gedanken des 
Kohlenausfuhrverhot8 vertraut zu machen! 

Daß damit der Kohlenknappheit in England ſelbſt gefteuert werden wird, 
ift wohl faum zu bezweifeln. Biel bedeutfamer aber für Deutichlands Intereſſen 
an diefen Vorgängen ift einmal die tiefgehende Wirkung auf das englifche 
Wirtſchaftsleben, wie fie ein Kohlenausfuhrverbot durh den Yortfall der 
bedeutenden Einnahmen aus den Kohlenlieferungen zur Folge haben muß, und 
anderfeit3 die geradezu unerträglicde Lage, in die zahlreihe neutrale Länder, 
fowie Englands Verbündete und nahezu die gefamte nichtengliide Schiffahrt 
dur) die ftet3 ftärlere Erſchwerung und baldige völlige Unterbindung der 
Kohlenzufuhr gebracht werden müſſen. Schon heut haben die Dinge vielfad 
einen fehr fritifchen Charakter angenommen. England muß wohl oder übel 
darauf bedacht fein, in erfter Linie feinen Bundesgenoſſen Frankreich und (nad) 
Wiedereröffnung des Schiffsverfehrs mit Archangelſt) Rußland in ihrer nod 
weit ſchwereren Kohlennot beizujtehen. Frankreichs normale Kohlenprodultion 
ift ja feit September zu 72 Prozent in deutſchen Händen, und in feinen übrig- 
gebliebenen Koblengruben ift die Förderung, zumal im Pas de Calais, durch 
Männermangel und teilmeife Bedrohung dur die Sriegsporgänge ftarl 
beeinträchtigt. Frankreich, das ſchon im Frieden mehr Kohlen verbraudt als 
erzeugt, und dem nun die eigenen Kohlen zu rund drei Viertel, dazu bie 
gefamten belgifhen und deutfchen Kohlen abgejchnitten find, muß daher von 
Amerila und England Kohlen beziehen, um wenigſtens den dringenditen Bedarf 
zu deden, und England erlennt, daß es dem Bundesgenoffen, der ohnehin feine 
Haut für britifche Intereſſen zu Markte trägt, in feiner ſchweren Kohlennot bei- 
ipringen muß, teil aus Anftandsgefühl, mehr aber noch um wenigitens die 
franzöfifchen Eifenbahnen und Kriegsſchiffe Ieiftungsfähig zu erhalten. So liefert 
denn England, troß feiner eigenen Schwierigkeiten, mehr Kohlen als in Friedens- 
zeiten nad) Frankreich; die ſtark verringerte englifche Gejamtlohlenausfuhr ging 
im Januar 1915 zu mehr als einem Drittel nad Frankreich (1384000 von 
3613000 Tonnen), während im rieden (Januar 1914) nur etwas mehr als 
ein Fünftel (1236000 von 5795000 Tonnen) Frankreich zufloß. Daß Frankreichs 
Koblendunger durch die Vermehrung der engliiden Einfuhr um nur etwa 10 
Prozent unter den obmwaltenden Umftänden nicht annähernd geftillt werden kann, 
bedarf feiner weiteren Erörterung. 

Daß das Fohlenarme und von der Einfuhr abgefchnittene Rußland in 
vielfader Hinfiht noch übler daran ift als Frankreich, tft bekannt. Auch 


Der Rückgang der englifhen Kohlenausfuhr und ihre Folgen 173 


eines feiner Kohlenreviere, das (1912) über 22 Prozent der ganzen Kohlen- 
erzeugung des europäiſchen Rußland dedte, das Dombroma-Beden an der 
Dreilaifer-Ede, ift feit Anfang Auguft dauernd in deutſcher und öäfterreichifcher 
Hand. Wenn nun au Rußland vielfach die Kohle dur Holz, Torf und 
Naphthaprodukte erfegen Tann, fo leidet es doch unter einer ausgefprochenen 
Kohlennot, um fo mehr als auch im Donez-Beden, Rußlands wichtigſtem 
Kohlengebiet, die Produktion infolge Mangels an Arbeitsfräften um 30 Prozent 
gegenüber der normalen Leitung (1912 21300000 Tonnen) gefallen ift. 
Neuerdings iſt fie noch geringer geworden und betrug im März 80000000 
gegen 135000000 Bud im Vorjahr. Zu diefem Ausfall von mindeftens etwa 
7000000 Zonnen im Jahr kommt aber ein weiterer von mindeftens der 
doppelten Höhe durch Fortfall der deutſchen und öfterreichifcden ſowie eines 
geoßen Zeile8 der engliihen Kohleneinfuhr. Im November 1914, im letzten 
Monat, wo der Hafen Archangelſt noch offen war, erhielt Rußland von 
England nur 2000 Tonnen Kohlen gegenüber 379000 Tonnen im November 
1913. Später bat auch diefe lebte befcheidene Zufuhr aufgehört; mas Amerila, 
Japan, China über Wladiwoftot oder Yufan nad) dem europäiſchen Rußland 
zu bringen vermodten, war wegen ber ungeheuer hoben Bahnfracht nicht der 
Rede wert, und auch die ruffiihe Kohlenzufuhr vom Donez-Beden floß nur 
ſehr ſpärlich, da verringerte Erzeugung, überlaftete Bahnen, empfindlichfter 
Wagenmangel die Berforgung erſchwerten, außerdem auch die Haltung der 
Bergwerksbeſitzer, die aus der Kohlenteuerung reihen Gewinn ziehen und alles 
tun, um bie vorhandene Koblennot zu erhalten und, wenn möglich, noch zu 
fteigern. Petersburg erhielt im Yebruar 1915 ftatt der 1300 Waggons 
Kohlen, deren es durchſchnittlich im Monat bedarf, nur 96. Die Straßen» 
bahnen in Petersburg und Moskau mußten im März wegen Kohlenmangels 
der eleftrifhen Zentralen den Betrieb einjtellen, und die vorhandenen Kohlen 
waren unverhältnismäßig teuer: in Moskau koſtet Anthrazit unter Mittelforte 
5681/, Mark die Tonne, in Petersburg Kol 75 Mark gegen 431/, Mark 
im Borjahr. Anfangs April fah fi die Regierung genötigt, alle privaten 
Koblenvorräte zu beſchlagnahmen. Natürlich hoffte nun alles auf Erleichterung 
ber Kohlennot nad) Eintritt des Frühlings und Wiedereröffnung des Hafens 
Archangelſt. Diefer Hafen ift zwar ſchon Anfang April, infolge der Tätigkeit 
der großen Eisbrecher, wieder benupbar geworden, aber die erfehnte Erleichte- 
tung wird trogdem ausbleiben, weil eben England gar Feine Neigung baben 
wird, die jeßt doppelt und dreifach wertwollen Kohlen in fehr großen Mengen 
einem Bundesgenofjen zuzumenden, deſſen Freundfchaft nur fo lange von Wert 
war, als man noch militärifde Hoffnungen auf feine Millionenheere ſetzen 
konnte. Wie fol man da in England große Luft verjpüren, das koſtbare 
Brennmaterial, da8 man im Lande felbit ſchon hier und da doppelt fo teuer 
wie im Frieden bezahlt, in ſehr großen Mengen nad dem entlegenen und 
unmwirtlihden Archangelſt zu jchaffen, zumal auch die verfügbaren Schiffsränme 


174 Der Rüdgang der englifhen Kohlenausfuhr und ihre Solgen 


jegt viel wertvoller als in anderen Zeiten find? Das militäriihe Bedürfnis, 
die ruſſiſchen Eifenbahnen, Kriegsſchiffe und Kriegsinduftrien möglichſt leiſtungs⸗ 
fähig zu erhalten, mag ja England nötigen, auch den ruffifchen Kohlenhunger 
nit ganz ungeftillt zu laffen; aber allen Wünfchen gerecht zu werden, ' wird 
Bier noch fehr viel fchwerer fein als in Frankreich. 

Mit Englands Bundesgenofien leiden aber auch die mehr oder weniger 
unſchuldigen neutralen Staaten Europa mehr und mehr unter den Hemmniſſen 
der engliihen Koblenausfuhr. Sie erhalten ſämtlich viel weniger Kohlen, als 
fie brauchen, und müſſen das wenige, was ihnen zugeführt wird, ungebührlich 
teuer bezahlen. So belief fih zum Beiſpiel im Januar 1915 die englifche 
Kohleneinfuhr in Italien auf 470000 Tonnen gegenüber 791000 im Vorjahr, 
in Spanien auf 159000 gegen 346000, in Ägypten auf 150000 gegen 
315000, in Südamerifa auf 259000 gegen 565000 Tonnen ujw. Gelbft 
die Stüßpunfte der englifhen Flotte erhielten (mas beſonders bezeichnend ift) 
nicht mehr fondern weniger Kohle als im Frieden, fo zum Beifpiel im November 
1914 Gibraltar nur 20000 Tonnen gegen 41000 Tonnen im November 1918, 
Malta nur 10000 gegen 73000 Tonnen uſw. Dabei mußten die neutralen 
Staaten nicht nur die ſtark geftiegenen Nettopreife der Kohlen bezahlen, fondern 
auch die gewaltig erhöhten Unkoſten der Beförderung tragen. Wie groß bdiefe 
find, mögen zwei Tatſachen Harlegen: die Schiffsfrachten zwiſchen England und 
Spanien waren im März viermal fo hoch wie vor dem Sriege, und die Ge- 
famtmeizeneinfuhr eines Monats war in England der Menge nad) um 11 Prozent 
geringer, dem Werte nach aber um 40 Prozent höher als im gleichen Monat 
des Vorjahrsl Die Rũückwirkung auf die Koblenverforgung neutraler Länder 
tft ſehr beträchtlich. Dies zeigt ſich befonders Mar in Italien, das angeſichts 
der fehr hoben Preife der engliihen und amerilanifhen Kohle in fteigendem 
Maße fein Heizmaterial aus Deutichland bezieht, obwohl feine Yabrilen zum 
Teil eigentli nur auf die Verfeuerung englifher Kohle eingerichtet find. Es 
ift übrigens bisher nicht genügend beachtet worden, daß das Kohlenproblem 
auf Italien einen ftarfen Drud ausüben müßte, alle Sriegsgelüjte fahren zu 
laſſen und feine Neutralität bis zum Ende des Krieges zu bewahren, denn 
fobald Deutſchland dem kohlenarmen talien nicht mehr Liefert, würde fogleich 
Italiens Kohlennot no ſchlimmer als die Frankreichs werden, und bie 
ttalienifhe Handelsihiffahrt, die für das Wohl des Landes von befonderer 
Bedeutung ift, würde ſogleich nahezu lahmgelegt fein, da von England eher 
ein empfindlicher weiterer Nüdgang der Kohlenausfuhr nad Italien als eine 
Steigerung in abfehbarer Zeit zu erwarten ift. Schweizer Zeitungen meldeten, 
daß allein für die italieniſche Negierung täglich acht Güterzüge mit Kohlen aus 
dem Nubrgebiet über die Gotthard» und die Lötichbergbahn nad Italien 
geleitet würden; dazu lommt noch die Verforgung der privaten Induſtrie 
Italiens. Gin Eingreifen Italiens in den Krieg als Gegner feiner einftigen 
Bundesgenofjen würde diefe Quelle natürlich fogleich verftopfen, und der „welfchen 


Der Rüdgang der engliſchen Kohlenausfuhr und ihre Folgen 175 


Vertragstreue” würde in Geftalt einer gewaltigen Koblenteuerung und Koblen- 
nappheit und außerdem mit der erzmungenen Sperrung des Suezlanals, von 
der die Türken bisher nur SYtalien zuliebe abgejehen haben, eine höchſt 
empfindliche Strafe fogleih auf dem Fuße folgen. 

Alle diefe Folgen der erfchwerten Kohlenverforgung einzelner Länder durch 
England haben immerhin in der Haupiſache nur Bedeutung für die jeweilig 
betroffenen Zänder felbit. Bon allgemeinerer und weitertragender Wirkung muß 
aber die ausnehmend hohe Erſchwerung fein, welche die Verſorgung der fried- 
Iihen Handelshäfen und der in ihnen verlehrenden Schiffe mit den benötigten 
Kohlenmengen bereitet. Ein großer Zeil der Weltichiffahrt ift nun einmal an 
die englifche Kohle gewöhnt, deren Heizwert ja unerreicht ift und die daher mit 
einem Minimum an Quantität die jeweilig gewünſchten Leiftungen zu voll» 
dringen geftuttet. Wird die befte engliſche Kohle der Schiffahrt in den 
europäilchen, afrifanifchen, aflatifchen und anderen Häfen auch nur zum großen 
Zeil entzogen, fo werden unabjehbare Folgeerfcheinungen zu verzeichnen 
fein. Someit in den Häfen nicht ein ausnehmend großer Kohlenvorrat 
lagert, wird die Verforgung vielfach geradezu unmöylich fein, und die Kohle, 
die in ungenügenden Mengen noch angeliefert werden fann, wird ſich fo teuer 
fielen, daß alle für normale Friedenszeiten geltenden Rentabilitätsberechnungen 
der Reedereien über den Haufen geworden werden. Wollen fi die Dampfer 
aber für die Dauer des Krieges von der allzujehr verteuertin und nur ſpärlich 
zu beichaffenden englifhen Kohle freimadhen und fi mit geringwertiger Kohle 
begnügen, fo find die Verhältniffe auch um nicht viel gebeffert. Die leichter erhältliche, 
von den Kriegsmwirren nicht berührte andere Kohle, meinetwegen japaniiche oder 
amerifanifhe Kohle, mag viel billiger fein als die englifche, aber fie muß an 
Quantität erfegen, was ihr an Dualität abgeht. Zrogdem mag es bei ber 
gewaltigen Preisipannung zwiſchen engliicher und überfeeiicher Kohle für viele 
Fahrten zweckmäßig fein, auf die engliſche Kohle zuguniten der fremden zu 
verzichten. PVorausfegung freilich ift dabei, daß die Kohlenräume der Schiffe 
darauf eingerichtet find, die ftark erhöhte Kohlenquantität aufzunehmen und daß 
die Fahrzeuge nicht gezwungen werden, vom nubbringenden Frachtenraum 
abzugeben, um nur die ausreichende Koblenverforgung zu ermöglichen. Die- 
jenigen Schiffe aber, die in der Zage find, fi von der engliihen Kohle zu 
emanzipieren, ohne die Rentabilität ihrer Fahrten zu gefährden, könnten ſich 
dann leicht im Kriege derart an die billigere nichtengliihe Kohle gewöhnen, 
daß fie au im Frieden zu ihrer alten Liebe nicht wieder zurüdfehbren. Im 
einen wie im anderen Falle ift das engliihe Wirtſchaftsleben der leidtragende 
Teil — und damit wäre wieder ein bedeutender Erfolg in dem uns auf- 
gezwungenen Wirtichaftsfrieg für Deutfchland errungen! 





Kriegswirtfchaftslehre 
Don Dr. sc. pol. Ernft Oberfohren 


ei einer Durchficht der gangbaren wirtſchaftswiſſenſchaftlichen Nach ⸗ 
ichlagewerfe und Lehrbücher fucht man vergeblih nad) einer 
Behandlung der akuten pathologifchen Erfcheinungen des Wirtſchafts⸗ 
a lebens, die der Krieg hervorruft. Während fonft ſoziale Geſichts⸗ 

| 2 punkte allgemeinfter Art in der bisherigen wirtſchaftswiſſenſchaftlichen 
Forfhung und Lehre nichts Seltenes waren, wurde der Krieg ftarl vernach⸗ 
läffigt, mochte es fich nun um Erſcheinungen handeln, die den Krieg 
modifizieren, oder um foldhe, die durch ihn modifiziert werden. Etwa bie 
Kriegstrifiß den immer wieder auftretenden, für unſere Wirtſchaftsordnung 
charakteriſtiſchen Krifen unterzuordnen, geht nit an; und zwar fon deshalb 
nicht, weil die Kriegskriſis meift plößlich eintritt und alle Zeile der Wirtſchaft 
. gleichzeitig trifft, während die „normale“ Wirtſchaftskriſe einen langſamen 
Verlauf nimmt, indem fie von einer beitimmten Stelle beginnend fi auf die 
anderen Gebiete ausdehnt. Nun ift zwar, wie befannt, in den legten Jahren 
vor dem gegenwärtigen Weltkriege eine ganze Reihe von Schriften über einzelne 
finanzielle Fragen, über die Wirkungen des Kriege8 auf den Aderbau, ben 
Handel einzelner Länder, über den Zufammenhang zwiſchen den Produlktions⸗ 
formen, welche dur den Krieg einerjeits, den Frieden anderjeitS bedingt 
werden, erfehienen; auch find einzelne kriegswirtſchaftliche Unterſuchungen durch 
die verhältnismäßig zablreihen kurz aufeinanderfolgenden Kriege der legten 
Jahrzehnte, die bedeutſames Erfahrungsmaterial geliefert haben (fo der ſpaniſch⸗ 
amerikaniſche Krieg, der Burenfrieg, der ruſſiſch⸗japaniſche Krieg, der italienifch- 
türkiſche Krieg, der Balfanfrieg), veranlakt worden. Wenn man indeflen die 
an fi) vielfach fehr wertvollen Arbeiten durchmuftert, fält einem ein offenbarer 
Mangel an Syftematif auf: die einzelnen Fragen find wohl in der mannig- 
faltigften Weife angefaßt, es fehlt indefien an zielbewußter Zufammenarbeit, 
bie für den wiſſenſchaftlichen Fortfchritt von größter Bedeutung ift. 

Vielleicht hat die hier angedeutete Tatfache darin ihren Grund, daß die 
theoretiihe Nationalöfonomie vielfach, veranlaßt durch naturwiſſenſchaftliche 
Analogien, danach trachtete, eine einzige Wirtſchaftsordnung als „die“ Wirt- 
ſchaftsordnung zu konſtruieren und die verſchiedenen erfahrungsmäßig vor⸗ 
gefundenen als unweſentliche Variationen anzuſehen. Unter dem Eindruck der 





Ariegswirtſchafts lehre 177 


gewaltigen eigenartigen Erſcheinungen des Wirtſchaftslebens, die der gegenwärtige 
Weltkrieg veranlaßt bat und noch veranlaſſen wird, dürfte fich für die Wirt⸗ 
ſchaftswiſſenſchaft infofern ein neues Forichungsgebiet eröffnen, als ihre Träger 
angeregt werden, nicht nur dem Strieg und den mit ihm zufammenhängenden 
Erſcheinungen größere Aufmerkfamleit zu widmen, fondern auch marlante Gruppen 
von Fragen fchärfer zu prägifieren und deren inneren Zufammenhang aufzuzeigen. 

Auf die Notwendigkeit einer ſolchen ſyſtematiſchen Unterfuchung des 
geſamten fpezifiihen Kompleres von Erſcheinungen und Tatſachen, die der 
Krieg hervorruft, hat ganz kurz vor dem Ausbruch des gegenwärtigen Welt- 
frieges der dfterreichifcehe Nationalölonom Dtto Neurath bingewiefen, der im 
Sabre 1913 in der Tübinger Zeitfchrift für die geſamte Staatswifjenichaft über 
„Probleme der Kriegswirtichaftslehre” und im Weltwirtfchaftlichen Archiv über 
„Die Kriegswirtichaftslehre als Sonderdisziplin“ Auffäge veröffentlichte. Neurath 
verjteht unter dem Begriff Kriegswirtfchaftsiehre die ſyſtematiſche Erörterung 
der Bor- und Nachteile des Krieges. Diele Begriffsbeftimmung dürfte indefjen 
erheblich zu eng fein. Es ift von vornherein Mar, daß die Kriegsmwirtichafts- 
lehre ſich nicht erichöpfen kann in eines wirtichaftlichen Schlußbilanz der Aktiva 
und Paſſiva des Kriegserfolges, das heißt in einer Betrachtung des wirtfchaftlich 
geſchäftlichen Erfolges und Mißerfolges, den das NKriegsunternehmen für 
die beteiligten kriegführenden Böller hat. Im Hinblid auf ihre ſpezifiſche 
Aufgabe, den gefamten Kompler von Erſcheinungen, Zatfahen und SKaufal- 
zaulammenhängen, wie fie durch den Krieg hervorgebracht werden, ſyſtematiſch 
zu unterjuchen, müßte fie eine bejondere Nationalölonomie des Krieges werden, 
der als Forſchungsgebiet die Sefamtheit der mit dem Kriege zufammenhängenden 
wirtſchaftlichen Tatbeitände zufiele. Geht man fo daran, die Kriegswirtichafts- 
lehrte in dem Sinne zu betreiben, daß höheren Anfprühen in bezug auf 
ſyſtematiſche und theoretifhe Durchdringung genügt wird, dürfte fild allerdings 
bald herausftellen, daß das Unterfuhungsgebiet begrifflih nur ſehr roh ab- 
zugrenzen if. Manches, was bei fchärferer Analyſe zu eliminieren wäre, wird 
vorläufig einbezogen werden; aud wird der Berfud, ein Syftem zu jchaffen, 
von vornberein mit erheblichen Mängeln behaftet fein. Immerhin fann man 
ganz allgemein jagen, daß die Kriegswirtichaftslehre als eine jpezielle National- 
öfonomie des Kriege in der nämlichen Weife aufgebaut werden müßte wie 
die Wirtichaftswifienihaft überhaupt: zerfallend in eine theoretifche und eine 
praktiſche Kriegswirtichaftsiehre würde fie fih als eine Geſamtlehre von den 
eigenartigen wirtſchaftlichen Zuftänden und Erſcheinungen darftellen, die der 
Krieg bervorbringt, von den Vorbereitungen auf den Krieg bis zu den nachher 
verbleibenden wirtichaftlichen Folgewirkungen. 

Die augenblidliche Situation ift für die Entfaltung der neuen wiflenjchaft- 
lichen Disziplin überaus günſtig. Nicht nur ift der Sinn für allgemeinere 
theoretiſche Zufammenfafiungen gewachſen, gerade unfere Zeit hat auch überaus 
bedeutfames empirifches Material geliefert und liefert e8 in unerjhöpflicher 

Grenzboten II 1915 | 12 


178 Kriegswirtfchaftslehre 
Fülle weiter. Allerdings wird man fi) nicht der Hoffnung hingeben dürfen, 
daß die Ergebnifle diefer Sunderdisziplin rafh gefunden und in wenigen Sätzen 
formuliert werden könnten. Gerade der Balkankrieg bat noch auf das Ddeutlichfte 
gezeigt, wie mannigfultig die Folgen fein können, die der Krieg in den beute 
empirisch vorliegenden Vollswiriſchaften hervorzurufen vermag. Wir fahen, wie 
er bier fchwerfte Störungen, dort nur geringfügige Veränderungen berporrief, 
an anderen Stellen g-radezu anregend wirkte. Die Kriegswirtichaftslehre wird 
die Staaten in Gruppen teilen und überdies auch darauf Rückſicht nehmen 
müffen, in welchem Staatenigitem ſich ein beftimmter Staat befindet. Sie wird 
einen Unterichted zu machen haben zwiſchen ſolchen Gebieten, die im mefentlichen 
die Eiyentümlichleiten der Geldmirtichaft aufmeilen, welche vor allem durch die 
Häufung leicht kündbarer oder furzfriftiger Verträge charalteriftert ift, und 
zwiſchen jenen Gebieten, in denen die Naturalwiriſchaft überwiegt und das 
überfommene Zufammengebörigfeitsgefühl auftaucddende Schäden leichter über- 
winden läßt. Es wird von großer Bedeutung fein, ob in einem Gtaate bie 
Örundbefigverteilung eine aleihmäßige oder ungleihmäßige tft, ob man es mit 
Heeren der allgemeinen Wehrpflicht oder mit Sölonerheeren zu tun bat uſw. 
Schon dieſe flüchtige Überficht zeigt, welche reiche Gliederung die neue 
Disziplin notwendigermeife befigen muß und mwelde Fülle von Problemen der 
Löſung harrt. Darüber darf man fi allerdings nicht täuſchen, daß troß aller 
günftigen Vorausfegungen noch geraume Zeit vergehen dürfte, His ein voll- 
ftändiges Syitem der Kriegswiriſchaftslehre zuftande fommt. Auf der anderen 
Seite darf abır doch auch gejagt werden, daß ein Ausbau der Kriegsmwirtichafts- 
lehre zu einer geſchloſſenen Theorie die Enifaltung der Volkswirtſchaftslehre 
überhaupt weſentlich fördern würde. Abgefehen davon, daß die Kriegsmwirtichafts- 
Iehre die Erforfchung der konkreten Wirklichkeit intvnfioer als bisher ermöglichen 
wird Tann durch ihre Anerlennung als Sonderdiszplin aud der Einficht 
Vorſchub geleiftet werden, daß die volkswirtſchaftliche Theorie in der Lage ift, 
vielerlei Komplere von Ericheinungen zu bejchreiben, die verſchiedene Ver⸗ 
ſchiebungsregeln für ihre Elemente aufweilen. Wären wir in der Volkswirtſchafts⸗ 
lehre foweit fortgefchritten, daß wir ganz allgemein alle möglihen Wirtichafts- 
formen ftudierten und uns die Frage ftellten, wie fi) gegebene Formen verändern, 
wenn dauernd beftimmte Regeln gelten, wie dagegen, wenn eine Negeländerung 
eintritt, dann brauchten wir feine eigene Theorie für den Krieg, da diefelbe als 
Sonderfall ſchon vorgeiehen wäre. Da wir uns aber im allgemeinen nur 
wenig von den vorgefundenen Kombinationen entfernen und es nur felten wagen, 
empirifh gemonnenes Material zu neuen Yormen zu verbinden, fo erſcheint es 
dem jegigen Stande der Vollsmwirtichaftslehre angemefjen, wenn man im engen 
Anſchluſſe an die vorhandenen Gebilde fhrittweife zu Generalifierungen übergeht. 


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Deutſche Hriegsdichtung heut und vor hundert Jahren 
Don Dr. W. Woarftat 


„Was zum Siege uns erforen, 
Bar der Freiheitskriege Geift, 
Der aus tieffter Roi geboren, 
Feſter und zuſammenſchweißt.“ 


Eeeſes Geftändnis finden wir in einer ber Kriegsdichtungen bon 
* heute. Es iſt das Gedicht „Deutſche Kunde“ von Richard May in 





der Sammlung „Deutſchlands Kriegsgeſänge“ von C. Peter. 
(Oldenburg i. Gr. Verlag Gerhard Stalling.) Und blättert man 
die außerordentlich große Zahl von Gedichtfanmlungen und 
jelbftändigen Gedichtbüchern einzelner Dichter durch, die mit der Zahl 1914 an ber 
Stirn unter dem Zeichen des Weltkrieges erfchienen find, fo findet man überrafchend 
oft da8 Beitreben, innerli und auch äußerlich an die Zeit vor Bundert Jahren, 
an den Geift der Befreiungsfriege und an den Ausdrud dieſes Geiltes, bie 
fogenannte „Sreiheitsdichtung“, anzuknüpfen. 

Bon ben Bemühungen, in Außerlidfeiten ſich an jene Zeit und ihre 
Dichtung anzulehnen, fei nur erwähnt, daß in Erinnerung an Rückerts „Geharnifchte 
Sonette” die Sonettform wieder zu Ehren gefommen iſt. Ja, einzelne Dichter 
‚gehen jo weit, jenen berühmten Titel für ihren Bedarf abzumandeln und feine 
allgemeine Belanntheit wenigfteng im Abglanz für fih auszunügen. Richard 
Schaukal, der öfterreihiihe Dichter, Ihmiedet „Eherne Sonette“ (Georg Müller 
in Münden) und zwingt dadurd) den Leſer zu einem Bergleihe zwiſchen diefem 
fogenannten „Erz“ von heute und der „geharniſchten Poefie“ Rückerts, nicht zu 
feinem eigenen Borteil. Denn was dem Schwaben 1813/14 gelungen ift, das ift 
bem Oſterreicher 1914 nicht geglüdt. Iener griff mit geharnifchter Hand in bie 
Herzen feiner Zeitgenofien und rüttelte fie auf durch die monumentale Wucht 
feines Wortes: „Was fchmiedft du, Schmied?" „Wir fchmieden Ketten, Ketten!“ 
„Ad, in die Ketten feid ihr felbft geichlagen.” Es ift ihm gelungen, die gewaltigen 
Ereignifje von 1812 und 1813 in Bilder und Symbole zu faffen, die ihrer wert find. 
Schaufal dagegen begnügt ſich vielfach damit, impreffioniftifch und durchaus geſchickt 
geſehene Einzeleindrüde uns in Verſe und Reime zu leiden. Aber das erfcheint ung 
heute als Spielerei für Sriedensgeiten. Er madt kleine Gloſſen zum großen Gefcheben. 
12” 


180 Deutfde Kriegsdichtung heut und vor hundert Jahren 


Man vergleiche zum Beilpiel die Sonette „Nation“, „An meine Bücher”, „Schön- 
Brunn“, „Die Fremde” u.a. Er jchließt ein Einleitungsfonett „An Friebrich Rüdert“: 
„Roh find wir Eurer würdig, tapfre Ahnen, 
Bir grüßen Euch, Ihr alten Freiheitshelden, 
Und wandeln treu auf Euren alien Bahnen.” 

Mit mehr Glück tritt Hermann Kienzl, der in feinem Gedichtbande „Auf bebender 
Erde” (Schleſiſche Verlagsanftalt von G. Schottländer, Breslau, 1914) eine Anzahl 
‚von Sonetten unter den Gejamttitel „Sonette im Harniſch“ ftellt, in die Fuß⸗ 
tapfen feines Dichterifchen Ahnen. Mit Kraft und Gefchid in der Auswahl feiner 
dichteriſchen Bilder, nicht immer mit Geſchmack im Ausdrud, hält er jo mander 
Schwäche des deutihen Volkscharakters den Spiegel vor und zeigt fie ung, be- 
leuchtet vom Lichte des Weltbrandes, um ung zu ermabnen: 

„Auf, Deutihel Tragt an Deutihlands jungen Morgen 
Die legten Scheite eurer Not zuſammen! 

Laßt alle Bögen, die die Herzen trennen, 

Am reinigenden euer prafielnd brennen! 

Ein Bhönir ſchwebt zum Hochwald der Ardennen.” 

In die Bahnen Rüderts lenkt bewußt, auch in der Bevorzugung ber Sonettform, 
Seinrih Molenaar mit feinen „Kriegsgedichten“. (Leipzig. 1914. Friedrich Ianfa.) 

Aber auch abgejehen von dieſem etwas aufs Außerliche gerichtete Beſtreben 
einzelner Dichter haben wir durchaus die Berechtigung, die Kriegsdichtung von 
heute in Beziehung zu fegen zu der vor Hundert Jahren, fie fih von jenem 
biftorifhen Hintergrunde gewiflermaßen abheben zu lafien. In ber Tat ift ja bie 
Volksftimmung von Heute viel mehr mit der von 1813 und 1814 verwandt als 
etwa mit der von 1870. Nicht nur, dak eine ähnlich große Not, eine ähnlich 
gewaltige Aufgabe den tiefften Ernft und die mädhtigfte Willensanfpannung, das 
Bewußtſein im Volke hervorgerufen bat, e8 handele fich jegt für ung, genau fo 
wie 18183, um Sieg oder lUintergang, Sein oder Nichtfein! Bor allem ift unfer 
Bolt fih Heute in ähnlicher Weile bewußt, unter der erzieheriihen Wirkung 
des Krieges zu ſtehen, dem Sriege eine ſittliche Läuterung und Erhöhung zu ver- 
danken, wie e8 auch 1813 und 1814 der Fall war. Wenn Rüdert fang: 

„Geprieſen fei der Herr in feinem Zorne, 
Der ausgeſendet hat ein frefiend euer 
an’ über mich, der ich ein ungetreuer 
Saatader, wuderte mit taubem Sorne. 
Set will ich wieder tücdhtig fein und wacker, 
Ein gutes Feld, und tragen gute Saaten, 
Denn du, o Herr, ſollſt felber mid) befamen . . . .“, 
fo fingt heute Richard Dehmel: 
„Sei gejegnet, ernftie Stunde, 
Die uns endlich ftählern eint; 
Frieden war in aller Munde, 
Argwohn lähmte Freund wie Feind — 
Jetzt fommt der Krieg, 
Der edrlihe Krieg 


Deutfde Kriegsdichtung heut und vor hundert Jahren 181 


Dumpfe Gier mit ftumpfer Kralle 
Feilſchte um Genuß und Pracht; 
‘est auf einmal fühlen alle, 
Was und einzig felig macht — 
Jetzt Tommt die Not, 
Die beilige Rotl... ."*) 

Das legte Ziel, nad) dem jene erzieheriihe Wirkung Binftrebt, das Ideal, 
unter dem jene fittlihe Erhöhung fich vollzieht, ift ein und dasſsſelbe damals wie 
beute: es ift die Einigung und Verſchmelzung aller perjönlich - indivibualiftiichen 
Interefien in der Unterordnung unter da8 Intereſſe des Ganzen, nämlich be 
Baterlandes, es beiteht in der unbejchräntten Hingabe des einzelnen für das 
Baterland. Unter der Einwirkung des Krieges entfteht eine eigentümliche Ver⸗ 
ſchmelzung perfönlich - fittliher und nationaler Gefühle. Wir nennen dieſe Er- 
weiterung des perjönlidy- individuellen Gefühlskreiſes zum nationalen Semeinfchafts- 
gefühl kurzweg Baterlandsgefühl oder „Rationalbewußifein“. 

Diefed Nationalbemußtfein, welches zugleih ein Gefühl der nationalen 
Gemeinſchaft und Einheit ift, ſpricht fih in der Kriegsdichtung von 1813/14 und 
der von 1914 in gleicher Weife aus. Aber 1813/14 war diefes Gefühl eine eben 
erblübte Knoſpe, die ihr Erblüben nicht allein der Gewalt verbantte, mit der das 
napoleonifhe Unglüd den Ader in den Herzen der Deutichen für fie bereitei Batte, 
jondern auch der Mühe und Wartung, welche die nationalen Erzieher, die Männer 
wie Stein, Arndt, Fichte, Schleiermadher ihr Hatten angedeihen lafien. Daber ift 
der Freiheitsdichtung vor allem ber national-erzieherifche Ton eigentümlid. Er 
findet fih in Rückerts Sonetten, vornehmlih aber in Arndt Gedichten. Der 
grimmige Franzofenbaffer läßt es an Tadel und Ermahnungen nicht fehlen, um 
feine Deutfchen ihrer „Hohen Ahnen“, der alten @ermanen, wert und zu einem 
feines Wertes und feiner Pflicht bewußten Volke zu machen. 

Diefer erzieheriiche Ton tritt in ber Kriegsdichtung von heute nicht fo ftarf 
hervor, braucht nicht fo ſtark Kervorzutreten; denn daß, was damals Knospe ober 
junge Ylüte war, das füllt ung heute als köſtliche Frucht in den Schoß, für ung 
felhft eine Uberraſchung, die das Glücksgefühl über den köftlichen Befig noch erhößt. 
Dieſes Glücksgefühl über die nationale Einheit, über das Verſchwinden der Gegen- 
füge von Rang und Stand, Partei und Weltanſchauung gegenüber der ringsum 
gewaltig und tüdiih drohenden Gefahr, die Wolluft, mit der der einzelne im 
Ganzen verfinkt, findet auch in der Kriegsdichtung immer wieder Ausdrud. Am 
Bäufigfien fchlägt diefen Zon Albert Sergel an: 


„Vereint in Liedern und Gebet An aller Augen ftrahlt ein Licht, 
ein ganzes Bolt zum Simmel fleht. Das fündet Trug und Yuperfict. 
Des Feindes Lift an dir vergeht, Mit ſolchem Bolt erliegft du nicht, 


mein Baterland! mein Baterland! 


„Der heilige Krieg”, Gedichte auß dem Beginn des Kampfes. Taibücher für bie 
veldpoft. Heft 1. Jena, Diederihd. Preis 60 Pf. Dieſes reihe Heftchen fpiegelt ebenfo 
wie da8 Heft „Der Kampf“ [Tatbücher, Heft 4] derfelben Sammlung den Gedanken⸗ und 
Gefühlsgehalt der Kriegsdichtung von heute vielleiht am überfichtlichften wieder. Man ver. 
gleihe auch unten Albert Sergeld ſchönes Gediht „Eiferne Saat” in dem gleichnamigen 
Gedichtbuche dieſes ehrlichen Dichter. Verlag €. I. €. Volkmann Nadif., Berlin-Eharlotten- 
burg. 1916.) | 


182 Deutſche Kriegsdichtung heut und vor hundert Jahren 


Biel Hände reden fi empor, 
fein Herz, das dir nit Treue ſchwor. 
Run brich zum Krieg, zum Sieg hervor 
fürs Vaterland, 
mein Bolt!” 


Selten hat ein Kaiferwort in fo glüdlicher Weife die Volksftimmung wieber- 
gegeben wie jenes: „Ich kenne feine Barteien mehr, ich fenne nur noch Deutichel” 
Aus der Dichtung Hallt dieſes Wort in hundertfachen Abwandlungen wieder. 
Will Vesper fingt in dem Gedicht „Die drei Kumpane“ in der Sammlung „Bom 
großen Krieg 1914" (Münden 1915. ©. H. Bedihe Verlagsbuchhandlung Oskar 
Bed): 

a ....„Da war kein Lärm, da war kein Geſchrei, 
ſtand Bruder an Bruder gereibt. 
Nicht Nord, niht Süd und feine Bartei. 
Alleinig dem Tode geweiht. 
Du heilige Burg, du beiliges Reich, 
Dad die Väter gemauert mit Blut, 
Bor dir ift Kaifer und Bettler gleich, 
Dir gehört all Xeben und But." .... 


Immer wieder befruchtet im Zufammenhange damit dann ber gewaltige 
Eindrud die Phantaſie der Dichter, wie das deutfche Volt mitten in ber Arbeit 
bei der Mobilmahung aufbordt, wie ihm einen Augenblid ber Atem ftodt und 
wie dann Mann für Mann von der Arbeit, von der Ernte zu den Waffen 
eilt. Gerhard Hauptmann beginnt eines feiner Kriegslieder, das in viele 
Sammlungen übergegangen ift, mit ben Berfen: 

| „D mein Vaterland, heilige Heimatland, 
Wie erbleichteft du mit einemmal? 
Banger Atem ging dur Feld und Tal, 
Bleiern wuchs ringsum der Wollen Band.“ 


Eine anſchauliche dichterifhe Seftaltung erfährt die Mobilmahung aud in 
Guftav Schülers Gedicht: „Mobil.“ (In Waffen und Wahrbeit. Leipzig. Verlag 
Arwed Strauch. 1914.) 

„Und alle ſprangen zornfunkelnd vor 

Aus Werkſtatt und Haus und Tür und Tor. 

Aus den rußigen, rauchenden Hammerwerken 

Mit wilden, brechenden Armesſtärken. 

Es haben die hinter den Schreiberstiſchen 

Nicht Zeit, die Federn auszuwiſchen. 

Fort! fortll Die Läden werden leer, 

Und feiner fprit und redet mehr. — 

Alldeutihland fprang aus Tür und Tor 

Sornfuntelnd vor!” 


Ein befondere8 Blatt wird Hierbei ftet3 den Sriegöfreiwilligen gewibmet. 
Dem Körnerfchen: 
„Pfui über di Buben hinter dem Ofen, 
Unter den Schrangen und unter den ofen! 
Biſt doch ein ehrloß erbärmlicher Wicht!“ 


Deutfhe Kriegsdichtung heut und vor hundert Jahren 133 


ſteht aber Beute die Schilderung gegenüber, wie ein ungeftümer Drang, eine 
jelftvergefiene Begeifterung unjere Jugend zu den Waffen treibt. Man vergleiche 
Albert Sergeld „&ebet der Kriegsfreiwilligen” in der oben erwähnten Sammlung, 
ferner Kurt Münger „Der Junge“ in „Taten und Stränge“, Lieder zum Kriege 
1914 (Arel Sunder Verlag Berlin- Charlottenburg, Orplid-Bücer Bd. 13) u. v. a. m. 
Kleine Anekdoten und Ausfprüche bieten den Dichtern willtommenen Stoff. Der 
Kriegsfreimillige bringt fein Pferd glei mit, er beruft fi, wegen zu fchmaler 
Bruft zurüdgewiefen, darauf, feine Bruft fei für eine Kugel und fürs Eijerne 
Kreuz breit genug. Hierher gehört Herbert Eulenbergs Gedicht „Begebenheit“ in 
der Sammlung „Der Heilige Krieg“, Scite 53. 

Den Schmerz des Abſchiedes überwindet der Heilige Zorn gegen bie 
Zeinde, die das Baterland umftelt haben wie die Meute da8 edle Jagdtier. 
Diefer Zorn, der 1813 fi natürlich gegen den nationalen Unterdrüder Napoleon 
rihtete, wenbet ſich heute wunderbarerweife viel weniger gegen Frankreich, als 
vielmehr gegen das barbarifhe Rußland, das Binterliftige Iapan und vor 
allem das verräterifche, lügenhafte und rechtbrecheriihe England. Die Zahl der 
Streit- und Kampflieder gegen unſere Feinde ift groß, die Zahl der Haßlieder 
gegen England aber ift unendlih in unferer Kriegsdichtung. Der klaſſiſche 
Vertreter all diefer Zorn- und Kampflieder gegen England ift der jo Tchnell 
überall voltstümlic gewordene „Haßgejang gegen England“ von Ernſt Lifjauer 
(„Borte in die Zeit.“ Otto Hapke Verlag, Göttingen und Berlin W 8) mit 
dem Leitmotiv: | 

„Wir lieben vereint, wir baflen vereint, 
Wir haben alle nur einen Feind: 
England.“ 

Was heute diefen Zorn, diefen Haß gegen unfere Feinde und gegen 
England im befonberen fo ſchwer und fo tief macht, das ift wohl der fittliche Gehalt 
darin. Immer wieder bringt e8 unfere Kriegsdichtung zum Ausdrud, wie ſchwer 
fh unfer Bolt in feinem Rechtsempfinden und in feinem fittliden Empfinden 
durch den Friedensbruch feiner Feinde verlegt fühlt. Daß man die Nibelungen- 
treue, die der deutſche Hagen feinem öfterreihifchen Bruder Volfer — ein Vergleich, 
den neben Schaufal nody mehrere andere Dichter gebrauchen — gehalten bat, zum 
Kriegsvorwande genommen bat, daß man die verbündeten Völker zwang, mitten 
aus der typifchen Arbeit des Friedens, der Ernte, heraus fi) der blutigen Ernte 
des Krieges zuzuwenden (befonders viele folder Erntelieder find. zum Beiſpiel 
in der fchon erwähnten Sammlung „Der Heilige Krieg“ [Tatbücher Heft 1] 
enthalten, Seite 30 fj.), da8 macht die Erbitterung fo tief. Damit im Zufammen- 
bang entwidelt fi) dann aber das Bewußtſein, für daß gute Net, für bie 
fittlide Sache zu kämpfen, und das feſte Vertrauen auf die Hilfe Gottes. Deutich- 
land, das „Herz der Welt“, kann nicht untergehen, e8 muß feine Sendung erfüllen: 
am deutſchen Weſen ſoll die arge und kranke Welt genejen: 

„Geneſen foll die kranke Welt, 
Bird jegt ihr’ Sad’ auf Recht geftellt — 
- Kommt deutihe Zeit!” F 
(Karl Rosner, „Kommt deutſche Zeit” bei C. Peter „Deutſchlands SKriegsgefänge“ 
Seite 53 ff.) | 


184 Deutſche Kriegsdichtung heut und vor hundert Jahren 





Das Bewußtfein und die Zuverficht göttlicher Hilfe in biefem Kampfe um 
das Recht, für das deutfche Wefen bildet in der Kriegsbichtung von Beute einen 
ebenfo ftarfen, wenn nicht noch ftärferen Klang als in der ver hundert Jahren. 

Auf dein Bewußtſein des guten Rechts und ber Gotteszuverſicht baut fi 
dann die freudige Entichloffenheit zum Kampf und die feſte Siegeszuverſicht auf. 
Für die deutfchen Dichter ift ein Zweifel am glüdlihen Ausgang bes Kampfes, 
an der Kraft des Baterlandes nicht möglid. 

„Deutihland kämpft um fein Leben. 
Es wird nicht untergehn,“ 
fagt Alfred Kerr. 

Es fcheint fo, als ob dieſe aweifelfreie, unbefümmerte, faft felbftverftänblidhe 
Gewißheit und Zuverfiht auf die Stärke und den Erfolg des Vaterlandes in 
Ofterreich nicht in demfelben Make vorhanden ift oder bei Ausbruch des Krieges 
war wie bei ung. Die Ofterreicher Haben anfcheinend eine derartige Wiedergeburt, 
eine derartige Einigung ihres vielzerflüfteten Vaterlandes, wie fie unter dem 
Drude der Not tatfächlich ftattgefunden bat, felbft nicht erhoftt. Richard Schaufal 
ruft in den „Chernen Sonetten“ den „Nörglem“ zu: 

„Wenn wir uns freu'n verheißungsvoller Taten, 
bon läftigern Zweifel gar zu'gern befreit, 
fälſchen fie Schatten von Verlegenheit 

fogleih zu Mißwachs Hoffnungsreifer Saaten.“ 

Und Hermann Kiengl fchildert in der Sammlung „Auf bebender Erbe” jene 
Einigung und Wiedergeburt unter dem Drud der Rot: 

„D, du mein Öfterreih! Nah flotten Weiſen 
Am Walzertatt, wie ritteft du fo Yeiter, 


In alten Schlendriansd gewohnten SKreifen | 
Längft im hiſtor'ſchen Alter eines Greifen, 
Triebft du die Spiele deiner Jugend weiter; 
Zum Ernſte fehlte dir der ernſte Leiter. 

Doch Eifen bricht die Rot, wie Rot bricht Eifen! 


Segt kam der Führer... . .“ 


Erft allmählich bricht die Freude, das Glück über diefe Wiedergeburt durd). 

Da jubelt Schaufal, der in dieſen öfterreihifchen Liedern (Kriegslieder aus Dfter- 
reich 1914. Erfteß Heft. Münden 1914 bei Georg Müller) fein Beſtes ge- 
leiftet bat: 

„Haſt du dich endlich deiner Kraft befonnen, 

mein altes, oft gefcholtenes Oſterreich? 

In deinen Adern ftrömen frifche Bronnen, 

verfüngt bift du bir felber wieder gleich. 

Das ift das Hfterreih der großen Seiten, 

nad) dem wir und in Träumen oft gelehnt . . .“ 


Und biefes Einheitsgefühl fchafft dann auch in Hfterreich Kraftgefühl und 


Siegeszuverficht, den Willen zum Kampf bis auf äußerſte, es greift fogar hinüber 
bis zu dem beutfchen Blutsbruder im Rei. Die beiden Adler, die vereint den 


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Deutfche Kriegsdichtung heut und vor hundert Jahren 185 


Anſturm der Feinde abwehren und die Grenzen hüten, find ein beliebte Symbol 
für dieſes Einigfeitsgefühl zwiſchen Deutfchland und Ofterreich, ebenfo wie das 
Ihon erwähnte Bild vom Bruberfampf Volkers und Hagens gegen die Hunnen. 

Die eigentlihe Kampflyrit findet 1813 ihren beften und befannteften Ber- 
treter in Theodor Körner. Seine aus der Blut bes Gefühls Heraus entitandenen 
Kampfeshymnen Ieben noch heute und tauchen daher in einer ganzen Anzahl 
heutiger Liederfammlungen wieder auf, zum Beifpiel in der Sammlung „Soldaten- 
lieder”, neu gedbrudt im Kriegsjahr 1914 (Arel Junder Verlag, Berlin-Eharlotten- 
burg, Orplidbücder, Band 11). Die Töne, bie auß ihnen flingen, die Kampfes⸗ 
freude und die reiheitöbegeifterung, vor allem die Todesahnung, wirken noch 
heute echt und ſtark. Aber im Vergleich zu ihnen erfcheint ung die Kampfesiyrif 
von heute viel reicher, reicher an Geftalten und reicher differenziert im Gefühls- 
gehalt. Es ift Hier unmöglich, die große Anzahl älterer und jüngerer, befanuter 
und bisher unbefannter Dichter aufzugählen, die zu den Fahnen geeilt find und fo 
Gelegenheit haben, unmittelbar unter dem Eindrud des Geſchehens bichterifch zu 
geitalten. Wir gedenten bier nur ftill einiger von denen, die gleih Körner dem 
Baterlande mit dem Leben zahblten: des Seibedichter8 Hermann Löns, der zu 
unferer heutigen Kriegsdichtung einige der zarteften Lieder von Soldatenluft und 
Soldatenlied im Volkston beigefteuert Bat, des Ofterreicher8 Zudermann, beffen 
„Dfterreichifches Neiterlied“ mit Volfsliedfraft überallhin gedrungen ift*), und 
endlich des jungen Oftpreußen Walter Heymann. 

Roh aber klingt ung die Leyer Richard Dehmels, Rudolf Herzogs, Fritz 
von Unrubs, des jungen begabten Holiteiner8 H. Friedrich Blund und vieler 
anderer. Ein Lied wie F. von Unruhs „An der Marne“ zwingt unwillkürlich zum 
Bergleich mit Körner, e8 liegt Körnerfher Rhythmus darin: 


„Die Sonne fteigt glühend aus Nebeln auf, 
Kanonen donnern und fradıen; 

Wir fpringen auf unfere Gäule binauf, 

Mit dem Schwerte, dem Schwerte zu waden. 
Das lieblihe Tal voller Morgenglanz 
Empfängt unfere fehnenden Herzen: 

Wir wollen den grünenden Giegerfrang 

Bei rauchenden Schladtenterzen. 


Und ftellt fi der Tod von Feld zu Feld 
Dem Stürmen und Drängen entgegen, 
Und fält von Scholle zu Scholle ein Held: 
Bir ſchlürfen des Himmels Segen . . .” 


(„Der Heilige Krieg“, Gedichte a. d. Beginn des Kampfes. Jena, Diederichs, 
Seite 59f.) 

Bemerkenswert ald ein unterfcheidender Zug gegenüber der ibealiftifchen 
Gedankenlyrik Körners ift jedoch das innige Naturgefühl, daß in dem angeführten 


*) Bertonungen für eine Reihe folder volkstümlicher Lieder oder Lieder im Bolston 
die erwähnten find darunter) gibt unter anderen Eugen Diederih8 Verlag in Jena heraus: 
„Kriegslieder fürs deutihe Bolt mit Roten” und „Kriegöflugblätter für eine Singftimme 
wit Slavierbegleitung“. 


186 Deutfche Kriegsdidhtung heut und vor hundert Jahren 


Liede ſchon anklingt, das bei anderen Dichtern fogar eine beherrſchende Stellung 
einnimmt, zum Beijpiel bei 9. F. Blund und Walter Fler. Sener =. fein 
Lied „Batrouille”: 


„Nebel füllt die Yennen. 

Bie Infeln an einem grauen Meer 

Magen die Höhen, budlig und ſchwer; 

Die Kiefern tropfen, feucht ift das Feld, 

Ein ferner Schuß, den der Tannicht hält, — 

Wo blieb der Feind?“ 

(Diefes und ähnliche Beifpiele in großer Zahl ftehen in der Sammlung „Der 
Kampf“ bei Diederich8 in Jena.) 

Was den größten Zeil diefer Kampfeslyrik aber von der Th. Körners und 
ihrem Schillerihden Pathos unterfheidet, daß ift der überall zutage tretende Drang 
nah dem Volksmäßigen, dem Bollstümliden und infolgedefien dem Liedbaften 
und Sangbaren. Der Stil des Volksliedes und des Soldatenliedes herricht vor 
in biefer Lyrik, wenn fie auch von SKünftler - Dichtern herrührt. Den Ton des 
Soldatenliebes trifft zum Beifpiel fehr glücklich Klabund in feinen „Soldaten- 
liedern“ (Gelber Verlag, Dachau bei Münden). Ia, man kann noch mehr jagen: 
die dichteriſche Tätigkeit, da8 Dichten felbft, ift wieder volkstümlich geworden. 
Es jcheint in der Tat jo, als wenn wir auch während dieſes Krieges ein kraft⸗ 
volles Auffladern der Volksdichtung erleben follten. 

Und aud der Inhalt diefer neuen Volksdichtung ift typiſch; die Lieber find 
flott rhythmiſche Kampf- und Dlarjchlieder oder Reiterlieder. Man vergleihe das 
Neiterlied „Mit ſtolz gebauſchten Fahnen“ eines unbelannten Verfaſſers in ber 
Sammlung „Der Kampf“, Seite 74. Bielfach gebt dur fie jener ſchwermütige 
Zon, der da8 Bolfglied jo bang und ſüß madt: der Abfchied, der Zod, die Heimat 
und ihre Lieben, der treue Kamerad und fein Sterben, daß find die Gegenſtände, 
die diefer Kriegslyrik auch Heute wieder ihren Gehalt geben. Beifpiele für ſolche 
Bolkslieder find in den erwähnten Sammlungen, namentlih in denen des 
Diederihsihen Verlages, mehrfadh vorhanden. Die Vorliebe für den Tod und 
die Trauer des Krieges beherrſcht auch jehr merklich Kurt Münzers Liederbüdjlein: 
„Raten und Kränze“. (Arel Juncker Berlag, Berlin-Charlottenburg, Orplid-Bücher, 
Band 13. In der gleihen etwas gejucht wirlenden Ausftattung der Orplid-Bücher 
find zwei SKriegßliederfammlungen erſchienen: „Neue SriegSlieder” und „Saferne 
und Schügengraben”. Die Sammlung „Soldatenlieder” wurde ſchon erwähnt). 

Daneben aber fehlt auch nit der Humor, der ſich an dieſes oder jenes kleine 
Erlebnis anfchließt oder die eigene Lage verjpottet. Biel durch die Zeitungen 
und — durch die Zeldpoftdriefe ift das famoje Lehmlied gegangen: 


„Bol Lehm find unjere Beine, So geht es Woch' um Wochen, 
Bol Lehm aud dad Gelicht, Rur Lehm und Lehm und Lehm, 
Bol Lehm aud alle andre, Es geht bis auf die Knochen 
Was man man zu jeben kriegt. Der ewige Lehm, Lehm, Lehm. 
Bol Lehm der Schütengraben, Da plöglih eine Wandlung, 
Boll Lehm das Nachtquartier, Es gebt in einem Hupp, 

Bol Lehm die ganze Gegend, Jetzt regnet? grad zwei Tage: 


Und alle ringsum bier. Statt Lehm iſts Erbienjupp.” 


Deutfhe Kriegsdichtung heut und vor hundert Jahren 187 


Für Sammler fei noch da8 Liebesgabenlied mit dem Stoßfeufzer: „So viel 
Liebe — und fein Mädel!“ und das Rheumatismuslied mit dem Schluß erwähnt: 
„Uns zieht der Rheumatismus fürs Vaterland durchs Kreuz!” 

Neben dieſe Kriegslyrik tritt nun die Kriegsepik, zu der einerſeits die funft- 
gemäße oder volksgemäße Ballade, anderſeits daB formlofe biftorifche Volkslied 
gehört. An beiden Battungen ift unfere Kriegsdichtung überrafhend reih. Es 
gibt Beute kaum einen Sieg, faum eine Tat unfered Heeres ober der Zlotte, 
kaum einen lleinen oder großen Helden, der nicht mebrfach befungen worden wäre. 
Am wmeiften Lieder vereinigen ſich wohl auf bie Eroberung Lüttichs und die Taten 
des „U 9“ und der „Emden“ und auf bie Männer, an deren Namen biefe Taten 
gefnüupft find. Bon den großen führern wird der Kaiſer und dann natürlich 
Hindenburg gefeiert. Die Geftalt des Kaiſers bat unter dem Einfluß des Krieges 
in der bildenden Kunft und in der Dichtung in gleiher Weile eine Verklärung 
erfahren. Weshalb? Darauf antwortet und Mar Bewer in feinem fnappen, aber 
tiefen Gedicht „Dem Kaiſer!“ 

„Wenn einer wert ift, 

Daß des Ruhmes Krone, 

Des Krieged Lorbeer 

Sintet auf fein Haupt, 

Bift du es, Kaifer, 

Der von allen Herrſchern 

Am längften an den Frieden hat geglaubt.“ 


Hindenburg aber ift nicht bloß im Kampf, fondern au in der Dichtung der 
Blücher von 1914 geworden. In Hymnen und im Dialelt, in Igrifhen und 
epiihen Ergüflen, in Balladen und fomifchen Gedichten wird er und feine Zaten 
gefeiert. Als Probe eines Volksliedes mögen bier zwei Strophen aus einem Liede 
ftehen, da8 Landwehrmänner nach der Weiſe des Tannenbaumliebes am 22. Dezember 
auf dem Bahnhof in Sosnotwice gejungen haben: 

„D Hindenburg! o Hindenburg! wie fhön find deine Siegel 

Du madft nit nur im Breußenland, nein aud in Polen dich bekannt. 
D Hindenburg! o Hindenburg! wie ſchön find deine Siegel... 

Bei Orteldburg, bei Anfterburg, bei Soldau und bei Wlozlau 

Haft du die Ruſſen angelodt und ihnen did dann eingebrodt. 

Bei Orteldburg, bei Infterburg, bei Soldau und bei Wlozlaul ...“ 


Zum Schluffe dürfen in ber Kriegsdichtung von heute auch nicht ſolche 
Stimmen übergangen werden, bie einen anderen Unterton tragen als die bisher 
geichilderte Dichtung der Kämpfenden, feien e8 nun geiftige Kämpfer oder jolche, 
bie mit der Waffe vorm Feind ftehen. Auch ber Gefühle derer muß bier gedacht 
werden, die das Schidfal nicht zum fröhlich - begeifternden Kampf, fondern zum 
geduldigen Warten auf das Leid, auf den Sammer des Krieges beftimmt Bat, 
und bie ihr Heldentum daheim, im ftillen ſich erringen müflen durd) die Art, wie 
fie ihren Schmerz auf fi nehmen und fih mit ihm abfinden. Aud ihre 
Gefühle finden in ber heutigen Kriegsdichtung gelegentlih Dolmetſcher. Kurt 
Münger findet zum Beifpiel für fie gelegentlich padenden Ausdruck („Zaten und 
Kränze“), vor allem aber verjuht Hermann Claudius (Hörft du nicht den Eijen- 
ſchritt? Zeitgedichte. Alfe. Janflen Verlag, Hamburg, 1914) fi mit dem Welt⸗ 


188 Deutfche Kriegsdichtung heut und vor hundert Jahren 


frieg nicht bloß vom nationalen, fondern auch vom allgemein⸗menſchlichen Stand- 
punft außeinandergufegen. Er findet dabei für die Hilflofigfeit des einzelnen 
gegenüber dem Weltgeſchehen, für das Entjegen vor dem Sraufigen des Krieges, 
für die rein menfchlihe Tragik des Sterbens und des Todes ebenfo echte Töne 
wie für die ehrliche Vaterlandsliebe und den opferbereiten Kampfesmut. 

Er und fein Verleger verzichten auch mutig und felbfibewußt auf eine Art 
bon — nun jagen wir — Entſchuldigung, die heute faft zu Häufig in Gedicht⸗ 
büchern zu finden if. Dichter und Berleger verſprechen einen Zeil des Neinertrags 
dem Roten Kreuz. Da ift natürlich die Abſicht nur zu loben. Es Bat aber faft 
den Anichein, als wollten die Dichter ihren Werfen in diefer eifernen Zeit dadurch 
etwa8 mehr Dafeinsberechtigung verfchaffen. Aud) vor hundert Jahren haben zum 
Beifpiel Uhland ähnliche Gedanken gequält. Wir möchten aber all unjeren Dichten 
Beute daS frobe Selbitvertrauen und das Bemußtfein eigenen Wertes wünfchen, wie es 
Will Vesper ſich bewahrt bat. Denen, die da „mit blutigem Schwert Weltgeſchichte 
fchreiben“, gefellt er fich ebenbürtig bei und ruft ihnen zu: 

„Durch den Ader der morfchen Zeit 

reißt ihr breit 

Den eifernen Pflug und wendet daß Land. 
Aber Hinter euch geht 

mit jegnender Hand 

der Sänger und fät 

beilige Saat, 

daß nod in ferniten zukünftigen Tagen 
eure Tat 

‚euren Enteln joll Ernten tragen.” 








WMaßgebliches und Unmaßgebliches 


Theologie 


Kirhengeihichtlihes Seſebuch. Heraus- 
gegeben von Brof. Dr. H. Rinn in Hamburg 
und Pfarrer lic. theol. Yüngft in Gtettin. 
Große Ausgabe. Dritte vermehrte und ber- 


befierte Auflage. Tübingen, Verlag von 
% € B. Mohr. 1915. Preis M. 6.—, 
geb. M. 7.—. 480 Seiten. 


Mit der Herausgabe diefes kirchengeſchicht⸗ 
Iihen Leſebuchs, als deſſen ausſchließlichen 
Verfaſſer man wohl nur Rinn in Anſpruch 
nehmen darf, bat fich der Verfaſſer ein wirk⸗ 
liches Verdienſt um das Studium der Theologie 
und um die Vertiefung des Religionsunter⸗ 
richts an unſeren höheren Schulen erworben. 
Das Buch iſt von der richtigen Voraus⸗ 
fegung aus geſchrieben, daß der religiöfen 
Gewißheit um fo beſſer gedient wird, je ge 
wiflenbafter die Arbeit ift, die über die Ent- 
ftehung und den Werdegang des Ehriftentums 
bon feinen erften Anfängen an quellemnäßige 
Klarheit und Wahrheit verſchafft. Einen 
überreich quellenden Stoff, der fi auf beinahe 
zwei Jahrtauſende erftredt, auf einen ver⸗ 
bältnigmäßig engen Raum zufammenzu- 
drängen, war nur möglich bei der ficheren 
Beberrihung des Material® dur den Be⸗ 
arbeiter, der den Leſer auf möglichft geradem 
und geebnetem Wege dem Ziele der Gegen- 
wart zuführt. 

Dad Buch zerfällt in fünf Adfchnitte. Die 
beiden legten Abſchnitte ded Buches Halten 
wir für die vortrefflihften Teile des ganzen 
Werlkes, obſchon auch die drei erften Abfchnitte 
eine QUuellenfammlung von grundlegender 
Bedeutung find und in wiſſenſchaftlichen 
latboliihen Kreifen ebenjo günftiger Auf⸗ 


nahme begegnen werden wie die beiden 
legten Abſchnitte in proteftantifhen. Zu dem 
Snierefie an der Sade gefellt fih das 
Intereſſe an den Berfönlichleiten. Auch von 
der Kirchengeſchichte gilt das von der profanen 
Geſchichte geprägte Wort: PBerfönlichkeiten 
maden die Geſchichte. So ſucht denn auch Rinn 
den Hauptwert feine® Buches in dem quellen» 
mäßig belegten Werdegang ber Männer, 
die Kirchengeſchichte gemacht haben. Wir 
empfangen höchſt wertvolle Auszüge aus dem 
Leben der religiöfen Helden ded Mittelalter 
bon Auguftin an bis herab zu Erasmus 
Diefe Namen allein berühren bei aller Kürze 
der Erwähnung fo vieles, daß man gar 
nidt daran denten Tann, au nur eine 
fnappe Darftellung gu verfuhen.. Um fo 
wichtiger ift die Perfönlichkeit, die nun der 
ganzen Kirchengeſchichte in der Folgezeit ihr 
dauerndes Gepräge aufdrädt, Martin Luther. 
Trotz der feit dem Jahre 1883 gewaltig an- 
geſchwollenen Lutherliteratur ift das Urteil 
über ihn noch nicht zur Ruhe gekommen. 
Sn leidenſchaftsloſer Einfachheit laßt Rinn 
den großen, gewaltigen Eindrud vor uns 
erftehen, den diefe religiöfe Heldengeftalt auf 
Mite und Nachwelt allezeit gemacht bat; er 
verförpert den jungen Gottesfucher, den un« 
geftümen Beter und Rufer im Gtreit um 
jein Gewiffen und feiner Seele Seligleit, 
die ungeſchlachte Derbheit des in der Notwehr 
um fi fchlagenden Kämpferd, den aus« 
barrenden Mut des ungebeugten Titanen, 
der eine Belt aus den Angeln hebt und doch 
in allem, was er tut, fih beugt unter die 
gewaltige Sand des allmäditigen Gottes. 
Hier Führt und Rinn zu den Höhen der 
Menſchheit, in das Neih des Großen, Er- 


190 


Habenen, Heroiſchen. Luther verfolgt un? 
nun dur das ganze Bud. Im Verlaufe 
der fpäteren Geichichte des Proieftantiämus 
erfheinen lange Zeit feine Perfonen von 
genialer Überlegenheit, bis die neuefle Zeit 
mit dem Pietißmus, der Aufklärung über. 
leitet zu Auguſt Hermann Franle, Zinzen⸗ 
dorf, Reimarus, Leffing, Kant, Schleiermadıer, 
Albrecht Ritſchl, dem legten Kirchenvater. 
Hier mödten wir einmal einen Augenblid 
Halt madhen. Hat die Überfülle dee Stoffes 
den Verfaffer gezwungen, Goethes Religiofität 
fo kurz zu charafterifieren und die Bedeutung 
der Fauftdihtung für das religiöſe Leben der 
Gegenwart beijeite zu jegen? VBiemards 
Religiofität hören wir voll außtönen in feinem 
Berbebrief an Herrn von Puttlamer und 
in der fozialen Botſchaft vom 17. November 
1881. Über diefen Tlaffifhen Helden des 
modernen deutfhen Chriftentums vergißt Rinn 
nit das weitausſchauende, freie, kirchliche 
Vereinsweſen der Gegenwart, das die Rüſtung 
darſtellt, mit der die Kirchen der Gegenwart 
ihre Lebensaufgabe löſen und der Aus—⸗ 
einanderſetzung mit freundlichen und feind⸗ 
lichen Mächten des religiöſen Lebens ſich 
widmen. 

Ein Vergleich der zahlreichen kirchen⸗ 
geſchichtlichen Lehrbücher, die früher und teil⸗ 
weiſe noch heute dem lkirchengeſchichtlichen 
Unterrichte an hoheren Lehranſtalten zur 
Grundlage dienen, mit dem kirchengeſchicht⸗ 
Iihen Leſebuch Rinns madt jene nicht ganz 
überfläjfig, zeigt aber, daß wir in dem Streben, 
den Schüler an die Quellen zu führen und 
ihn fein religiöfe® Urteil felbft finden zu 
lafien, doch immer weiter fortichreiten müffen. 
Sn gedrängter Zufammenjtellung und zweck⸗ 
mäßiger, überſichtlicher Gruppierung gibt das 
Bud einen äußerſt umfangreichen geſchichtlichen 
und biogrophiihen Stoff, deffen Benugung 
und Ausführung dem lebendigen Bortrag 
des Lehrers überlafien bleibt, dem Schüler 
und Studenten aber ein Nachſchlagebuch 
wird, aud dem er immer Wieder neue Ber 
lehrung und Anregung ſchöpft. Das Ganze 
ift in eine fpannende und fließende Dar» 
ftelung gefleidet, für die alte und junge 
Geſchichtsfreunde dem Verfaſſer dankbar find, 
da fie die Durdarbeitung und Benugung 


gefichtet. 


Maßgebliches und Unmaßgebliches 


des Buches zu einem Vergnügen, nicht zu 
einem Zwang macht. Mit unendlichem Fleiße, 
den keine Mühe bleichte, iſt ein reiches Material 
zuſammengetragen, kritiſch verarbeitet und 
Daß der wohlverdiente Erfolg nicht 
gefehlt hat, beweiſt die Tatſache einer dritten 
Auflage, die raſch der erſten und zweiten 
gefolgt iſt und aus dem Werke der erſten 
Auflage in der vorliegenden Ausgabe ein 
ganz neues Buch gemacht hat An der 
kundigen Hand des Verfaſſers koſtet der Leſer 
immer wieder die Freude am Werdegang 
des Chriſtentums und erquickt fich gern an 
der nationalen Bereicherung, die das deutſche 
Bolt durch fein religiöſes Chriſtentum und 
umgekehrt das Chriſtentum durch die 
Religioſitãät des deutſchen Gemüts erfahren hat. 
Heinrich Reuß 


Julius Rupp: Geſammelte Werte. 
Bd. J a/b. Aus der großen Fülle deſſen, was 
Julius Rupp geichrieben hat, gibt der erfte 
Band feiner bei Diederichs ericheinenden ges 
fammelten Werke in zwei Teilen Rupps Auf⸗ 
füge zum Evangelium und zur Xheologie. 
Während aber die im zweiten Zeil zuſammen⸗ 
geitellten Ausführungen zur Theologie größten« 
teild Trisifche Beſprechungen bereits überholter 
theologiſch⸗ wiſſenſchaftlicher Werte enthalten, 
entwidelt Rupp im erſten Teil in ziemlicher 
Ausführlichkeit feine und feiner Gemeinde 
Stellung zu den LZebendfragen des Ghriften- 
tums, alfo gu den Problemen, die aud) uns 
Beute wieder am Herzen liegen. 

Rupps Frömmigkeit ift durchaus männlich 
und tatlräftig, denn fie tft Dur und durch 
fittlih bejtimmt. Das Grundfaftum, durd 
das ihm allererft Religion möylid wird, ift 
die Exiſtens des, Geiltes im Menſchen; unter 
Geiſt verfteht Rupp aber nit etwa den 
Philoſophie, Wiſſenſchaft und Kunſt hervor⸗ 
bringenden Verſtand, ſondern dad Selbſtbe⸗ 
ſtimmungsrecht des Menſchen, das fich in der 
Stimme des Gewiſſens offenbart, den vor 
und über aller Urſächlichkeit wirfenden Willen, 
dasfelbe aljo, was Kant Freiheit oder autor 
nome Vernunft oder intelligibled Subjelt nennt. 
Diefer Geift ift e8, der den Menſchen über 
alle anderen Weſen erhebt und zum Teil- 
nehmer des göttlihen Lebens macht; denn 


Maßgeblihes und Unmaßgebliches 


—— 


Gott iſt diefer Geiſt in feiner Geſamtheit, 
das Geſetz der ewigen Ordnung. Glaube an 
Gott ift alſo gleichbedeutend mit dem , Glauben 
an den Geiſt und deſſen ewige Ideen der 
Gerechtigkeit oder der Gleichheit und Freiheit“ 
(S. 127), und der Grad der Frömmigkeit 
eines Menſchen hängt davon ab, wie weit die 
durh eine freie Tat bed Beiftes beftimmte 
Richtung feined Handelns im Einklang oder 
im Widerfprud mit dem ewigen Geſetz der 
Gerechtigkeit fteht. Nicht auf die einzelne 
Handlung oder den fpeziellen Grundfag kommt 
e8 an, fondern auf die vor allem Handeln 
Itegende Unterfheidung von Gut und Böfe, 
auf das allgemeinfte Werturteil, durch daB 
fih der Menih für das Geiftige oder das 
Ungeiftige entjcheidet. Hierbei darf fih der 
Menſch auf niemanded Beiftand verlaffen, 
auh nicht auf Gottes Hilfe, diefe Ur und 
Grundentiheidung bleibt durchaus und ftetß 
eine Tat feiner Freiheit. 

Mit einer prachtvollen Unbejorgtheit gegen- 
über allen Bedenken der hiſtoriſch⸗kritiſchen 
Theologie erflärt Rupp diefe durchaus Kantiſch 
gefärbte „Boiſchaft von dem Reiche der Er⸗ 
lenntnis und der freiheit” für den eigentlichen 
Anhalt der Predigt Jeſu: „Daß die Be 
friedigung aller Triebe des perjönlichen Daſeins 
dem Leben ded Geiſtes unbedingt unlerzu- 
ordnen fei, daß der Gehorfam gegen da8 
Geſetz der Gerechtigkeit, die Aufnahme der 
göttlichen Volllommenheit in den Willen des 
Menihen als die wahre Beitimmung des 
Menſchenlebens erkannt werde,“ das war der 
neue Bedankte, den Jeſus in dad Bewußtfein 
der Völker einführen wollte (S. 96). Es ift 
überflüffig zu fragen, wie weit died mit den 
biftorifhen Tatſachen übereinftimmt, um fo 
mehr, als eine gültige Beantwortung diefer 
Frage unmöglid) ift; denn angenommen, wir 
mwüßten, welde Sprüde aus dem Neuen 
Zeftament wirklihe Ausfprühe Jeſu find — 
wa3 wir von feinem einzigen mit Sicherheit 
behaupten konnen! — fo könnten wir nad 
Rupps Meinung doch niemals mit Sicherheit 
feftfiellen, welchen Sinn Jeſus mit feinen 
Worten verfnüpft bat. Alſo überlaflen wir 
mit Rupp diefe bei dem jegigen Beſtande 
der Quellen boffnungslofe Unterfuhung den 
gelshrien Theologen, fuhen wir das heraus, 


191 


was und in dem Fortfchritt unferer fittlich« 
religiöjen Erkenntnis fördern kann und vor 
unferm Wahrbeitsfinn ſtandhält! Es ift über» 
haupt grundfäglic verfehrt — darin ftimmt 
Rupp mit dem gejamten Nationalismus mit 
Einſchluß Kantd überein —, die Wahrheit 
eine® Satzes dur den Hinweis auf ein 
hiſtoriſches Yaltum oder eine hiſtoriſche Berfon 
zu beweifen; die Gefhichte kann niemals über 
wahr oder unwahr entiheiden; vielmehr ift 


‚die einzige Inſtanz, die bier gültige Ent- 


fheidungen treffen kann, „der Wille Gottes, 
das Geſetz in unferer Bruft, die Offenbarung 
unſeres Gewiſſens“; dem Richterfpruch diefer 
Inſtanz unterliegt alles, aud) Jeſus! 

Dies ift Rupps ftolger und männlicher 
Glaube, der Haupt⸗ und Grundgedante feiner 
Bertündigung, das eigentliche Thema, das in 
allen Auffägen in immer neuen Abwandlungen 
und Bariationen wiederkehrt. Damit aber 
rüdt Rupp durchaus in die Reihe der großen 
Idealiſten, dor allem neben Fichte und 
Schiller: mag bei Fichte das deal mehr 
moraliſch, bei Schiller mehr äfthetiih, bei 
Rupp mehr religiöß gefärbt fein, da8 dem 
deal zugrunde liegende Welt⸗ und Lebens 
gefühl haben die drei Männer gemeinfam. 
Mit ihnen teilen auch wir jegt in der Zeit 
des Weltkrieges den herzerhebenden Idealis⸗ 
mus, und ſo iſt Rupp für uns die Stimme 
eines Predigers, die nicht ungehört verhallen 
darf 


Rechtsfragen 


Dr. Ludwig Hatſchet, Univerfitätsprofejjor 
in Göttingen: Das Barlamentsreht Bes 
Deutſchen Reiches, im Auftrage des deutfchen 
Neichstages dargeftellt. Eriter Teil. Berlin 
und Leipzig. G. J. Göſchenſche Verlags⸗ 
buchhandlung ©. m. b. H. 1915. 628 ©. 
Preis geh. 16 M. 

Wie Ihon der Titel ſagt, ift das Wert 
im Auftrage de Neichdtaged verfaßt und 
den Neichdtagdabgeordneten Yund und Graf 
Oppersdorff aud Dankbarkeit für mannigfache 
Förderung gewidmet. Lagen au bisher 
ſchon kleinere Vorarbeiten wie 3. B. von Perels 
bor, fo fehlte e8 doch an einer umfaſſenden 
Darftellung des gejamten Reichstagsrechtes, 


192 Maßgebliches. und Unmaßgebliches 





daB biöher nur in den Werken über Reichs⸗ 

ſtaatsrecht überhaupt Berüdfihtigung gefunden 
Batte. Hatſchek als Berfafler eines „englifchen 
Staatsrechtes“ hatte in diefem Wert gerade dem 
Parlamente ald dem Mittelpunfte der eng- 
liſchen Verfaſſung befondere Aufmerkfamteit 
gewidmet. Wenn der beutihe Neichstag es 
daher al3 feine Aufgabe betrachtet, eine 
wiſſenſchaftliche Darftellung feine eigenen 
Rechtes in? Leben zu rufen, fo war ber 
Berfafler dazu fehr wohl geeignet. 

Daß die Arbeit fehr müheroll war, muß 
bon vornherein anerlannt werden. Denn es 
handelte fi nit nur um die Beftimmungen 
der Reichsverfaſſung, des Wahlgejege® und 
der Geſchäftsordnung. Es mußten auch aus 
zahllofen Bänden der Reichstagsdruckſachen 
feit 1867 die Vorgänge feftgeitellt werden, 
um daraus die beftehende Übung zu ent 
iwideln. 

Der Berfafier bat feine Aufgabe auf 
breitefter Grundlage gu erfüllen verfudht. 
Denn er bat nit nur die ſchwer zu er 
mittelnden Quellen des deutichen Barlament& 
rechts feitgeftellt, jondern rechtsvergleichend 
auch die meilten ausländifchen Parlamente 
berangegogen bis gu Griehenland und 
Dänemark herab. Die ruffiide Duma fehlt 


allerdingd. An anderen Stellen, wie bei der 
Bablprüfung, find nur die. Barlamente her» 
angezogen, die beſondere charakteriſtiſche 
&igentümlichleiten darbieten. So wird daß 
Buch in mander Hinſicht aus einem deutfchen 
zu einem Parlamentsrechte überhaupt. 

Am ganzen Iann man bon dem bisher 
allein vorliegenden erften Teile fagen, daß 
Berfafler feine Aufgabe in glänzender Weiſe 
erfült bat. Daß man bei einem fo um⸗ 
faffenden Werte nit mit allen Ausführungen 
des Berfaflers einverftanden fein Tann, if 
felbftverftändlih. Ich möchte in diefer Be 


ziehung nur die an englifche8 Parlamentsrecht 


antnüpfenden Erörterungen über Barlamentse 
brauch und SKonventionalregel bervorheben. 
Ein weiteres Eingehen auf Einzelheiten ver 
bietet fi von felbit. 

Dem beutihen Reichſtage ifl jedenfalls 
in dem Werke für alle fünftig auftauchenden 
Streitfragen eine unerjhöpflide Fundgrube 
geboten, deren Benugung er fi nicht ent⸗ 
geben lafien wird. Möge dem eriten Zeile, 
der nad) einer Einleitung im wefentlichen die 
Organe der Volksvertretung behandelt, bald 
der zweite folgen, der ‚und vorausfichtlich 
ihre Wirkſamkeit kennen lehren wird. 

Prof. Dr. Eonrad Bornhak 








Ulen Manuflripten ift Porto hinzuzufügen, da andernfalls bei Ablehnung eine Nädfenbung 


nicht verbürgt werben Tann, 





Beraxntwertlid: 


rag een füntlider Uuffäge nur mit ausbrädiidher Erlaubnis Des 
ber Serausgeber Georg Cleinow in Berlin Lichterfelde En. - Banuitriptienbungen 


Derlags geſtattet. 


Briete werben erbeten unter ber Abrefſe: 

Un den Herausgeber der Grenzboten in Berlin - Lichterfelde Weit, Sternſtraße 56. 
Beruiprecher des Heransgeberb: Amt Lichterfelde 498, des Berlags und der Schriftleitung: Ant Lägew GEIO. 
Berlag: Berlag der Grenzboten ©. m. b. H. in Berlin SW 11, Tempelhofer Ufer 35a. 

Druck: „Der Reihsbote” ©. u. b. H. in Berlin SW 11, Defiauer Straße 86/87. 


unb 


1 — 


.- 





Der Swec in der Dolitif 


Don Dr. Paul $eldfeller 


ir wären übel beraten, wollten wir ung bei Amateuranthropologen 
und Anhängern einer Rafjentheorie als Weltanfhauung Auskunft 
4 holen, um mas es fich in diefem Kriege handelt. Hat man e3 
N Doch fertig gebracht, aus intereffegeleiteter Liebhaberei, die immer 
die wiſſenſchaftliche Unſchuld verunreinigt, den ftarfen germanifchen 
Einſchlag Britannien zu leugnen. In ſchärfſtem Gegenfag zu dieſem 
Naturalismus und Materialismus ftehen die politifhen Tatſachen. Gegen uns 
lämpft verwandtes Blut, und nicht nur das englif he. Und wenn es wahr fein 
jol, daß die Stimme des Blutes ein geheiligtes Naturgebot enthält, das fi) 
nit übertönen läßt: wie fommt es, daß fie nicht in den Franzofen und 
Ruſſen ſpricht, mit deren Blut fi) doch auch, wenn auch ſchwächer, das unfere 
miſcht? Anderſeits Tämpfen an unferer Seite Polen, Litauer und Juden. 
Sie haben auf das Ehrenprädifat „deutſch-völkiſch“‘“ a priori nicht in geringerem 
Grade Anſpruch als die ſich unnachweislich von reinerer Rafle Dünfenden. Dazu 
ftommt das ganze bunte Völfergemifch Öſterreichs, vom Galizier bis zum Tiroler 
und iftrifhen Italiener. Sie alle eint das Bewußtſein einer gemeinfamen 
großen Sache, die weit hinausgeht über eine einfache bloße Yamiltenfimpelei 
im großen, welche die einfeitige Betonung der Völferverwandtichaft doch ift und 
welde noch niemal3 in der Gefchichte das gegenfeitige Zerfleifchen verhindert hat. 

Mit den germanifhen Stämmen, die zu Hermanns Zeiten daS heutige 
Deutihland bewohnten, haben wir nicht viel mehr gemeinfam als das 
Territorium. Mag für den Zufammenfhluß von Stämmen die VBerwandtichaft 
den Ausſchlag geben, größere Volfsverbände pflegen fi nach) ganz anderen 
Gefihtspunften zu gruppieren. Die Betonung des Blutbandes fteht anfangs 
allerdings obenan. Sie ift der primitive Zwed einer primitiven Politif. Der 
Stammesegoismus Tennt fein höheres Bedürfnis als die eigene politifche Sicher- 
ftellung. Indem er diefe durch Unterwerfung feindlicher Stämme um fo beffer 
zu erreichen glaubt, wird die Eroberung fremden Landes die erjte Konjequenz 

Grenzboten II 1915 18 





194 Der Swed in der Politik 


diefer primitiven Bolitil. Deren Folge wiederum tft die Erweiterung der 
GStaatsgrenzen. " 

Kein Begriff diefer naiven Politik ift fo gweideutig wie der der „Unter 
werfung“. Schauen wir doch auf das antile Rom. Die „unterworfenen“ 
italieniſchen Bundesgenoſſen erftreiten fi das Bürgerrecht und erlangen ent- 
iheidenden Einfluß auf die römiide Staatsmaſchine. Die normannifchen 
Eroberer laſſen fih von der „unterworfenen“ Bevölferung Englands auffaugen. 
Denn zwar wird der Hafe vom Menſchen erlegt und verfpeift. Aber fein 
Fleifh wird nach einem Umſchmelzungsprozeß Teil des fiegreihen Organismus; 
Zeile von ihm können auf diefe Weife fogar das Gehirn erneuern und von bier 
aus den gefamten Organismus Ienten. Das Individuum glaubt einen Alt ber 
Feindſchaft vollzogen zu haben, wo in Wahrheit das folidarifhe Yüreinander 
der organifhen Natur ihre höchften Triumphe feiert. So glaubt auch primitive 
Politik ihren Zwed, die Macht des eigenen Bluts, der eigenen Raſſe zu ftärfen, 
aufs befte zu erfüllen. In Wahrheit forgt die „Lift der Vernunft” dafür, daß 
gerade das Gegenteil erzielt wird: die Raſſe vermifcht fih, und das fremde 
Blut Tann nach vollzogener Eroberung und „Unterwerfung“ unter Umſtänden 
befjer gedeihen und die urjprünglicden Elemente ganz verdrängen. | 

Mas der Eroberer alfo legten Endes bezweckt hat, tft ihm nicht gelungen. 
Statt deſſen aber erzielt er einen anderen, freilich unbeabfichtigten Sieg. Ehe 
die Speife die Funktionen des neuen Organismus mit übernimmt, muß fie ſich 
ihm affimilieren. Den gleihen Ummandlungsprozgeß beobachten wir an dem 
befiegten und einverleibten Volle. Ehe es vom bloßen Dbjelt der Geſetzgebung 
und Verwaltung zum Subjelt wird, muß e8 die oberften Zwede feiner ehemals 
felbftändig gerichteten Politik aufgeben und fi den nationalen Gedanken des 
neuen Volksorganismus aneignen. Unbeſchadet diefer neuen Richtlinie der 
politiiden Zwede aber wird das anneltierte Volt dann die wertvollfte Mitarbeit 
zur Weiterentwiclung des nationalen Lebens leiften können, wenn die Eigenart 
feiner geiftigen Kultur nicht bloß mehr Dbjelt der Staatsfunft und eventuell 
der Unterbrüdung bleibt, fondern wenn ihm die Lebenskraft gelaffen wird, als 
mitbeftimmender Faltor den nationalen Gedanken bereichern zu helfen. Man 
fieht, wie wenig die Vermandtichaftstheorie für die Staatenbildung bedeutet und 
wie unberectigt Die Schlagworte „Slawismus“, „Romanismus“, „Germanismus“ 
dann find, wenn mit ihnen Gegenfäte der Abjtammung, ftatt der Kultur, 
gemeint werden. 

Um dieſen Vorgang der politiihen Motivverſchiebung richtig zu begreifen, 
müſſen wir ihn aus den pſychologiſchen Grundtatfahen zu erflären ſuchen. In 
der phyſikaliſchen Welt gilt das Geſetz der Konftanz und Erhaltung der Energie 
(beziehungsweife das Aquivalenzprinzip). Auf das pſychiſche Geſchehen aber 
kann dies Gefe nicht angewandt werden. Gerade im Gegenteil befteht bier 
das „Prinzip des Wachstums geiftiger Energie”, wie Wundt es genannt hat. 
Ein ausgeprägtes Beifpiel für die Geltung dieſes Prinzips haben wir im der 


Der Zwed in der Politif | 195 


fogenannten Heterogonie der Zwecke, welde das geſamte geiftesgefchichtliche 
Werden durchzieht. Wer kennt nicht die vielen Fälle aus feinem eigenen Leben, 
wo ber urjpränglid allein begehrte Zwed, der Grundmwille, gar bald unvor« 
bergejehene, ja für den Fall, daß fie vorbergefehen wären, unerwünfchte 
Wirkungen und Nebeneffelte zur Folge bat, die dann jpäter vom Willen bewußt 
aufgenommen und zum Hauptzwed gemacht werden Tönnen? Der Schulbub, 
der nur, um der Strafe zu entrinnen, in die Schule geht, weiß nicht, daß die 
Borfehung der Eltern und Lehrer in ihm die Grundlage für ganz andere 
Zwede legt, die fpäter in ihm auftauchen werden. Bald geht er zur Schule 
mit dem ausgeſprochenen Zwed, fich dereinſt felbftändig ernähren zu können. 
Und gerade die Beiten der mit diefer Abfiht die Univerfität auffuchenden 
Studierenden geben auch diefen Zweck als oberſten Geſichtspunkt auf und ftellen 
die felbftlofe Arbeit im Dienſt der Wiſſenſchaft obenan. Meiitens freilich fpielt 
die Natur jene Art „Vorfehung”. Das junge Mädchen im Badfiichalter, deffen 
feimende Liebesneigung keinen anderen Zwed als das perjönlide Glück fennt, 
ahnt noch nichts von der Fülle von Zwedfegungen, die fih in Mutterforgen 
und Familienpflichten dermaleinft aus jenem fimplen Grundwillen ergeben 
werden und von weldhen aus — nicht umgelehrt! — erft diefer Grundwille, 
die Vergangenheit, teleologiich zu deuten ift. 

Was bier im Meinen gilt, fpielt fih in dem jahrtaufendelangen Werden 
des Volles und des BVollögeijtes riefengroß ab. Wenn wir uns zu einer 
idealiftifchen Weltanſchauung bekennen, fo werden wir das „Wefen“, das Wert⸗ 
volle eines Volkes nicht in feiner phyſiologiſchen Zufammenfegung, fondern in 
feinem Geift ſuchen müſſen. Der Geift eines Volles aber offenbart fich in der 
Fülle und Qualität feiner Kulturzwede. Haben wir nun erlannt, daß Die 
feelifche Energie. ganz unverhältnismäßig wächſt, daß der Reichtum der Kultur- 
zwede geſchichtlich aus dürftigen, jeder Geiftigleit baren Urmotiven, ja zulebt 
und urſprünglich aus einem pſychiſchen Nichts hervorgegangen ift, dann wifjen 
wir, daß der Volksgeiſt an dem relativen Ende der Entwidlung, nit an 
ihrem Anfung, zu ſuchen ift. „Das Deutſchtum in phyfiologiicher Konftanz der 
Raſſe zu ſuchen, ift grober materialiftiiher Naturdienft und Verachtung des 
Geiſtes“ (Adolf Lafjon, Deutſche Art und deutſche Bildung Seite 19). Und 
in der Tat bat die heutige deutſche Politik mit derjenigen zu Hermanns oder 
Chlodwigs Zeiten jo menig gemeinfam mie die Zwede in der Lebensführung 
des Mannes mit der feiner Kindheit. Ja es wäre eine jchlechte Anerkennung, 
bier feine Disfrepanz, feine ſcharfen Gegenſätze zu erblidenl Die nadten 
Raſſeninſtinlte, wenigftens innerhalb der europäifhen Menjchheit, find nur auf 
primitiver Kulturftufe und im Naturzuitande wirkfam. Wenn wir heute vom 
„deutihen Volk” ſprechen, jo meinen wir etwas anderes als die Summe der 
blauäugigen, blondhaarigen ujm. Menſchen. Wir gebrauchen dann vielmehr 
einen Begriff, von deſſen Gerüjt einiges jtehen geblieben it, der aber im Laufe 
der Zeit feinen Inhalt gänzlich geändert bat. 

18* 


196 Der Swed in der Politik 


„Deutſch“ ift eine beftimmte Geiftesrichtung, eine Gefinnung, ſo gut 
„helleniſch“, „byzantinifch“, „chriftlich“, eine befiimmte Denkungsart, ein Kultur- 
ideal bezeichnen, ohne daß wir hierbei an ein ganz beftimmtes Bolf im natur- 
wiſſenſchaftlichen Sinne denken, in deſſen Mitte einmal die betreffende Kultur 
ihren erften bejcheidenen Anfang nahm. Was uns in dem Begriffe vom 
idealen deutſchen Vollsgeifte, vom Ewig ⸗Deutſchen, vorſchwebt, läßt fich höchſtens 
an dem Sdealbilde des Emwig-Hellenifhen meſſen. Diefer Vollsgeiſt iſt im 
Entftehen, und wehe uns, wenn wir ihn zurädichrauben wollen auf die Tierheit 
brutaler Raſſeneiferſucht! Er fest fih Kulturzwede, von denen unfere böblen- 
bemohnenden leiblihen Vorfahren ſich nichts träumen ließen. Er ſucht feine 
wahren Vorfahren, außer bei den Großen der eigenen geſchichtlichen Ver⸗ 
gangendeit, vor allem in Hellas, dem ewig jungen Lande der Griechen, und 
erlangt fo durch eine ununterbrochene Sette geichichtlicher Kontinuität eine 
Bürgſchaft für die Stetigkeit und Legitimität unabläffig fortfchreitender Kultur. 

In irgendeinem Snotenpunfte der Entwidlung beeinflußt dies Kultur⸗ 
bemußtfein die Zwede der Politik. Das großartigfte Beiipiel aus dem Altertum 
ift die Eroberungspolitit Aleranders des Großen, die dem weltgeſchichtlichen 
griechiſchen Geifte auch eine weltpolitiihe Bedeutung geben wollte. Hehre 
Zwede eines idealen Kulturbemußtfeins juchte die Weltpolitif des ftaufifchen 
Kaiſerreiches zu verwirkliden. Wir lieben heute diefen tdealen deutfchen Geift, 
ohne uns ſtklaviſch an feine Dffenbarungen von damals Halten zu wollen. 
Und wieder ift für unfer Voll eine Zeit gelommen, noch überfließender an 
überſchüſſiger geiitiger Kraft, Großes veriprechend, mit ſtärkerer Einficht, wacherem 
Bewußtſein höchſte Kulturzwede in fein politifches Denken aufnehmend. Denn 
uns genügt heute feine Politik mehr, die nicht an großen Kulturzweden orientiert 
ft. Die fi fortwährend ändernden Bedingungen der politiihen SKtonftellation, 
vereint mit wachlender DBertiefung der Weltanfhauung, des fittlihen Ver⸗ 
antwortungsgefühls, des künſtleriſchen Genießens ſchufen fortgejegt neue Zweck⸗ 
ſetzungen des Volksgeiſtes, die umd deren Erreihung jamt den eigens dazu 
beſchafften Mitteln nun wieder die Bedingungen für neue, höhere Zweckſetzungen 
abgaben. Allmaͤhlich fehen wir diefe anfänglich ſcheinbar weltabgewandten, 
rein geiftigen Zmwede auch mit dem politiihen Denken verwachſen. In Kants 
praktiſcher Philojophie fängt das an. Ganz deutlich ift es bei Fichte zu fehen. 
Hegel läßt das fittlihe Leben im ftantlihen aufgehen. Gerade die Befreiungs- 
friege braten die Bedingungen für höhere geiftespolitifhe Bedürfniſſe und 
Zwedfegungen, deren Erfüllung in den Berfafjungsfämpfen und der Gründung 
des neuen Reiches abermals neue, unvorhergefehene Zwecke im Bemußtfein der 
Nation erwachſen ließ. Stehen wir jett wiederum in einem folchen hochbedeut⸗ 
famen Knotenpunkt der politiihen Entwidlung, jo dürfen wir in der Stärkung 
der fittlihen Kraft und der ganz neuartigen Böllergruppierung, die für ben 
neuen deutſchen Geiſt Karakteriftiich ijt, die Bedingungen für Kulturzmede 
jehen, die, dem demofratiihden Zug der Verfaffungen und der Zeit entiprechend, 


Der Swed in der Politik 197 


von jelbft auch zu politiiden Zmeden werden. Der Geift des beutichen, wie 
jedes großen Volles läßt ſich nicht definieren, zumal er ftändig abmwirft und 
fi) erneuert. Mit ein paar Begriffen tft da wenig getan. Aber etwas Neues 
ift er, unvergleichbar mit Geweſenem, wie alles, was ber Geiſt ſchafft. Der 
deutfche Geiſt hat bewußt die beengenden Fefjeln dhimärenhafter anthropologifcher 
Erflufivität gefprengt. Das tft vielleicht der wichtigfte Gewinn biefes Krieges 
und eröffnet weiteite Perfpeltiven. Denn wenn ein nationaler Gedanke der 
Gegenwart für eine geiftige Weltkultur in Frage kommt, die ſich bermaleinft 
ebenbürtig der belleniichen würde an die Seite ftellen können und dabei zugleich 
auch eine reale politiſche Weltmacht darftellt (was fi von vornherein gegen- 
feitig gar nicht ausfchließt), fo ift dies der deutfche Geift. 

Durch diefe Erflärung der Motivverfgiebung verliert die fälfchlih als 
„Dorjehung“ bezeichnete Erſcheinung ihr Geheimnisvolles. Da die Zwede immer 
reiher und erhabener werden, der geiftige Fortſchritt ftetig zunimmt und bie 
eben erft erreichten Zwede zu Mitteln wieder höherer Zwecke macht, fo ſcheinen 
für das unkritiſche Auge die lebten und höchften Zwecke bei der eriten Ziel. 
fegung des primitinen Grundwillen® von einer höheren Macht und Weisheit 
bereit3 vorweggenommen und ihr zugrunde gelegt zu fein. Solche Auffafjung 
will bereits Jahrhunderte vorher das Gras wachſen hören, iſt aber auch ethifch 
bedenklich, da fie die fittlicde Aktivität diskreditiert. Denn geichichtlich Iekte und 
höchſte Zmede gibt es für die Politik nicht, weil jede Zweckſetzung ſchon eine 
höhere im Keime birgt. Wir follen wifjen, daß allein die perfönliche Aktivität fi 
im gegebenen Augenblide auch ihrer Zwede bemußt werben und fie erfüllen fann. 

Erft wenn mir die Cierſchalen ſolch fataliftifhen Glaubens an ein vor- 
gezeichnetes Verhängnis, wie er auch dem Naturalismus zugrunde liegt, ab» 
geitreift haben, wenn der anthropologiſtiſche Aberglaube geſchwunden fein wird, 
fann der Geift als bemußtes Prinzip die Völkerſchickſale geftalten. Die alten 
natürlih und gefdhichtli gewordenen Formen wirken dann nur wie leider, 
die ihre Inhaber wechfeln. Das ift ja das Merkwürdige, daß alle diefe vom 
Egoismus der Perſonen oder Völker gefchaffenen Formen ſchließlich vom Geifte 
als neuem inhalt erfüllt und damit fozial nutzbar gemacht werden. So bietet 
die ganz eigennüßig entitandene Hausmacht der Habsburger heute das rettende 
geiftige Band für Völker, die nicht von dem Moloch des Ditens verfchlungen 
werden wollen. Der Staat überhaupt, der mit "feinen Gefegen und Ein- 
richtungen zuerft die Intereſſen bevorredhteter Individuen und Klafien ver- 
förpert, wird zum Bollsftant. Aus dem Machtſtaat wird ein Rechtsſtaat, aus 
dem Bolizeiftaat ein Kulturftaat. Schließlih nehmen wir bewußt unfer eigenes 
Schickſal in die Hand. Nicht Intereſſen der Abftammung noch des Handels, 
fondern allein der Beſitz einer unerfjehlichen Ydealkultur gibt erft das moraliſche 
Recht zu politifcher Weltftellung. 





Der Imperialismus in englifcher Auffafiung 


Don Dr. Elfe Hildebrandt 


end 8 Tann fein Zweifel beitehen, daß die Mebrbeit des deutſchen 
Dr Volles von der Teilnahme Englands am Kriege völlig über- 

Di R, raſcht worden ift. In diefer Verwunderung liegt gleichzeitig das 

—82 Eingeſtändnis eines Fehlers. Wir wußten nicht ausreichend 
a Beſcheid über die Denkart unſeres Feindes und überſchauten 
nicht in genügender Klarheit die Tendenzen ſeiner Geſchichte. Wir beſchäftigten 
uns nicht eingehend mit den Publikationen der letzten Jahrzehnte, die in 
England große Verbreitung gefunden haben, und aus denen wir deutlich die 
Ziele engliſcher Politik und ihre Stellung zu Deutſchland hätten entnehmen 
können. Das Verſäumte nachzuholen iſt ſelbſtverſtändlich für uns von großer 
Bebeutung.*) 

Als der charakteriftiichite Zug englifher Geſchichte und Verfaſſung galt 
im allgemeinen die Entwidlung Englands zur „Demokratie und Freiheit“. 
Bon englifchen Autoren werden wir eines beſſeren belehrt: der Grundgedant 
in der Gefchichte Englands ift die Tendenz zum Imperium, zu „Öroß-Britannien“ 
und zu „Größer-Britannien”, Demokratie und Freiheit find eigentlich nur Mittel 
zum böherjtehenden Ziele. Ä 
Diefe Gedanken entwidelte zuerft der Profeffor der neueren Geſchichte an 

der Univerfität Cambridge, J. R. Seeley. Ungeheures Aufſehen madten des 
Autors Vorlefungen über „Englands Erpanfion”. Welche Bedeutung man den 
geäußerten Anfichten in Großbritannien zumies, zeigen die unzähligen Auflagen, 
die die 1883 in Buchform erfchienenen Vorlefungen erlebten**). 





*) Im zweiten Bande feines in ſchwediſcher Sprache erfchienenen Buches „Krieg und 
Kultur“ ftelt Guſtav F. Steffen für da8 imperialiftiiiche Problem ein reiche® Quellenmaterial 
zufammen. Der erite Band iſt bereit? in deutſcher Überfegung bei Eugen Diederichs in 
Sena erichienen. Vergleiche die Grenzboten Nr. 17 d. J. 

**) Vergleiche die etwas verfürgte Ausgabe des Werfes bei Velhagen und Klaſing „English 
Authors‘ 86. Lieferung. Bielefeld und Leipzig. 1903. Geeley bat aud) in einem anderen 
Werk, „The Growth of British Policy“, (Cambridge 1895) die Geſchichte und Zukunft des 
britifhen Kolonialreichs, don denfelben Geſichtspunkten aus, beleuchtet. Sein Anterefje für 
deutſche Literatur und Gejichichte bezeugt er in feinen Werfen „Life and Times of Stein, 
or Germany and Prussia in the Napoleon Age, Leipzig 1879“ und „Goethe reviewed 
after sixty Years (1893)‘, 


Der Imperialismus in englifher Auffaffung 199 


Der Grundgedanke der Seeleyfhen Geſchichtsauffaſſung iſt für das gefamte 
englifde Denken kennzeichnend: er mill feiner Gefchichtsichreibung eine praktiſche 
Richtung geben, fie fol eine Vorbereitung fein zum politifchen Handeln. Schon 
in feiner AntrittSvorlefung in Cambridge ſprach er über die MWechfelbeziehungen 
zwiſchen Geſchichte und Politik. Die Gefchichte nannte er die Politik der Ver- 
gangenbeit und die Politit die Gefchichte der Gegenwart. Die Gefhichte muß 
eine Schule der Staatskunft werden; ohne praftifches Ziel tft fie immer nur 
ein Spiel, das höchſtens kurzweilige Bücher hervorbringen Tann. 

Vielleicht erflärt gerade diefe Tendenz bes Werkes feine ftarke Verbreitung 
auh in größeren Volkskreiſen. Denn im allgemeinen ift ja der Engländer 
ftolz auf feine mangelnde theoretifhe Begabung, weil er glaubt, daß diefe mit 
jein enpraltifchen Talenten unvereinbar ift. „In der Regel können wir” — fo 
führt der Engländer Sydney Low gelegentlid) aus — „feinen Bolitifer ver- 
tragen, der Theoretiker ift, feine Anſchauungen wirklich durchdenft und fie 
ſyftematiſch ordnet. Er erfcheint uns zu alademifh und intelleftuell. Wir 
reden wohl mit Achtung von ihm, aber er hat feine Bedeutung in ber poli⸗ 
tiſchen und realen Wirklichkeit. Man hält nur den profeffionellen Parteipolitifer 
für fompetent.” 

Die fünf Perioden, in die Seeley die neuere Geſchichte Englands fett 
1500 einteilt, bejtätigen feine Grundanfhauung über die Entwidlung Groß- 
britanniens zum Imperialismus. Dus erfte englifche Imperium fchließt mit 
dem Abfall der nordamerifanifhen Kolonie, aber das zweite fchließt ſich nad 
Seeley an das erite an. Er ftudiert die Organifation, die Urfachen und die 
Wurzeln des englifhen Imperialismus, um daraus Schlüffe zu ziehen und 
feine Erhaltung für die Zukunft zu ermögliden. Er gehört zu den Politikern, 
die einfehen, daß es viel leichter ift, ein Weltreich aufzubauen als es zufammen- 
zubalten. Aus diejer Erkenntnis ftammt die Forderung der allgemeinen Wehr- 
pflicht, für die [don vor dem Weltkrieg außer dem alten Feldmarfhall Lord 
Mobert3 der Schüler GSeeleys, der Hiftorifer Cramb, mit großer Energie 
eintrat. 

Der engliſche Staat beruht von Anfang an — wie Seeley darlegt — nicht 
auf friedlicher Arbeit, fondern auf Eroberungen: der angelſächſiſchen, nor- 
manifhen und iriihen. Milde gegen die Cingeborenen Tannte er niemals. 
Schlimmer als andere Nationen befledte fi) die englifche mit den Graufamleiten 
des Sflavenhandels. Aber Seeley wie feine Schüler machen wegen diefer Tat- 
fadhen ihrem Baterlande feinen Vorwurf, denn immer wieder betonen fie, daß 
ein fo gewaltiger Organismus wie ein Weltreih feinen eigenen Entmwidlung3- 
gejeten folgt. Nach Cramb ift der Entwicklungsgang der Imperien den Wünſchen 
und Abfichten einzelner unzugänglid, für fie ift daS Wort Napoleons charal- 
teriftifih: La politique est la fatalite. Auf Ddiefelbe Weife wird von Conan 
Doyle die Politif Englands im Jahre 1807, das Bombardement Kopenhagens 
und die Wegnahme der dänifchen Flotte entjchuldigt. Mit andern Worten: der 


900 Der Jmperialismus in englifder Auffaffung 


Bruch der Neutralität eines Tleinen Staate8 war geredhtfertigt, weil vitale 
Sntereffen auf dem Spiele ftanden. Das engliſche Imperium iſt beftimmt 
— fo drüdt fi ein anderer Schüler Seeleys, Charles Wentworth Dilfe*), von 
dem übrigens der fo populäre Ausdrud „Greater Britain“ ftammt, aus — 
das „Oberimperium“ der Welt zu werden, denn der engliſche Imperialismus 
ift feinem Wefen nad) „Überimperialismus“, und auch der englifche Nationalismus 
ift ein befonderer Nationalismus — ein „Übernationalismus“. Nah Dilte 
liegt die zukünftige Geſchichte allein in der Macht des englifhen Bollsftanmes, 
nur noch die Vereinigten Staaten und Rußland läßt er neben England gelten. 
Cr unterfucht die Bedingungen, unter denen die beiden angelſächſiſchen Reiche das 
Übergewicht gegen Rukland bewahren können. China wird nad) feiner Anficht 
jpäter unter den Einfluß Indiens und ber britifhen Kronlolonien kommen. 
Tür Deutfchland findet ſich fein maßgebender Platz in der zulfünftigen Welt- 
geſchichte. 

Die Entwicklung zum Weltreich bleibt aber den genannten Hiſtorikern 
zufolge keineswegs ohne Einfluß auf das innerſtaatliche Leben. Es muß, um 
die Erhaltung des Weltreich zu gemwährleijten, feine Bürger zu tieferem 
fozialen Bemußtfein erziehen. Es braucht imperialiftiih und demokratiſch 
denfende und fühlende Staatöglieder. Die Weltmacht beiteht nicht allein in 
äußerfter Ausdehnung des alten Nationalſtaates, fondern in der Ausbreitung 
britifchen Geifte8 über die übrige Welt. Alle Menſchen, die dem englifchen 
Imperium unterworfen find, follen in den Stand gefegt werden, die Menfchheit, 
ihre Bergangenheit und ihre Zukunft von engliſchem Geſichtspunkt aus zu feben. 
Die unterworfenen Bölfer follen religiöfe Toleranz und Liebe zur foztalen 
Hreibeit von dem Mutterlande Iernen. Für Korb Milner, einen ber bervor- 
ragendften Imperialiſten, hat der Imperialismus die Tiefe und Bedeutung eines 
religtöfen Glaubens und in höherem Maße eine moraliſche als eine materielle 
Bedeutung. Seiner Auffaffung nad) liegt das Prinzip des wahren Ymperialismus 
in der Bewahrung ber Einigleit und bes Zuſammenhaltens innerhalb eines 
großen Volles, fo daß dieſe politifde Einheit imftande ift, ſich weiter frei zu 
entwideln, indem fie den Gefeten ihres eigenen Wefens folgt. 

Diefer englifche mperialismus war nicht immer ein bewußter. Seeleys 
Buch bezeichnet von diefem Geſichtspunkt aus betrachtet den Beginn einer neuen 
Epode. Daß gerade in den achtziger Yahren der Übergang vom unbewußten 
zum bewußten imperialiftifden Streben notwendig wurde, lag in dem Aufblühen 
Deutichlands, des Konkurrenten Englands. Daneben machten fih im Innern 
des englifchen Weltſtaates Zuftände bemerkbar, die eine theoretijche —— 
imperialiſtiſcher Probleme gebieteriſch forderten. 


*) Vergleiche Problems of Greater Britain, London 1890. Auf ähnlichem Stand⸗ 
punkt fteht James Anthony Yroude in feinem Werke „Oceana or England and her Colonies“ 
(2ondon 1886). 


Der Imperialismus in englifher Auffaffung 201 


Daß Deutſchland der Feind Englands ift, ift auch die Anſicht bes 
Hiſtorilers Cramb, der das Land nicht, wie die meilten Engländer, nur 
vom Hörenfagen kennt. Cr war Hörer Treitichles. Seine Urteile über 
Deutihland find deshalb nicht die „beſchränkter englifcher Inſularität“. 
Die Fahre des Studiums in Deutſchland haben ihm ein merkwürdige Ver⸗ 
ftändnis für den deutſchen Geift eingepflanzt. In feinen Borlefungen, die 
1913 unter dem Titel „Germany and England“ in Buchform erfchienen und 
ſechs Auflagen erlebten, nennt er Deutihland einen würdigen Gegner Englands- 
Deutſchland ift der heroifchite Feind, den England in feiner taufendjährigen 
Geſchichte gehabt hat. Das Deutfhland des zwanzigften Jahrhunderts iſt 
„größer in feiner Weltanfchauung, in feinen Gedanken, in allem, was menfchliche 
Werte ausmachen, als das Spanien Karl des Fünften und Philipp des Zweiten, 
als das Holland de Witts und das Frankreich Ludwig des Vierzehnten“. Es 
ſcheint, als ob Cramb in feiner Auffaffjung der engliihen Geſchichte von 
Treitichle beeinflußt fei, als ob auch er glaube, daß die Glanzzeit Englands 
abgeſchloſſen fei mit dem fiebzehnten Jahrhundert, mit dem Zeitalter Cromwells 
und Miltons. Ex fehildert die Überzeugung Treitfchles, daß Englands Welt⸗ 
berrichaft in feinem Verhältnis fteht zu feiner wirklichen inneren Kraft, zu 
feinem politifchen, fozialen, individuellen und moralifhen Werte. Er wagt e8, 
feinen Landsleuten zu erzählen, daß Treitichle und Napoleon England wegen 
feiner eingebildeten, anfpruchsvollen, kleinbürgerlichen Selbftgenügfamleit gehaßt 
haben, einer Selbitgenügfamleit, die durchaus nicht Vaterlandsgefühl genannt 
werden und die nicht verglichen werden kann mit dem deutſchen Patriotismus 
von 1813 und 1870. Aber die Hauptfache bleibt doch: Deutſchland ift Englands 
Seind, fein fchlimmfter Feind, und zwar nit nur in quantitativem Sinne 
durch die Millionen feiner Soldaten, fondern auch durch feine „feeliiche Größe”. 

Nah dem Verlauf der englifhen Geſchichte wäre alfo die Belämpfung 
Deutſchlands im gegenwärtigen Augenblid — auch ohne theoretifhe Begründung 
— eine innere Notwendigleit. Seit dem fechzehnten Jahrhundert bat England 
jeden Staat, der als fein ernithafter Konkurrent auftrat, befämpft. So ver- 
nichtete e8 die Armada Spaniens, fo lämpfte es die aufitrebenden Niederlande 
nieder. Aus demfelben Motiv mifchte es fich unter der Leitung Marlborougbs 
in die Kämpfe Ludwig des DVierzehnten. Seit Jahrhunderten dehnten Die 
Engländer ihre Macht mit fchranfenlofer Rüdfichtslofigleit aus. Aber wir hörten 
fon, mie imperialiſtiſche englifde Hiftorifer diefen Hauptzug des britischen 
Smperialismus begründen: eine höhere Ordnung bat England zum Imperium 
gemacht. Deshalb find alle Verlegungen des Völkerrecht gerechtfertigt und 
undiskutierbar. Sie find erlaubt — aber nicht zu vergeflen — nur für einen 
Staat: Großbritannien. Wehe einer anderen Nation, die ebenfo handeln will 
wie England; ihr ift von dem Schickſal nicht diefelbe gewaltige Aufgabe zuteil 
geworden. Was für Britannien ein Gebot innerer Notwendigkeit fein Tann, ift 
für jeden anderen Staat unmoralifh und verwerflid. 


202 Der Imperialismus in englifher Auffaffung 








Die Alleinberechtigung des englifchen Imperialismus wird befonders dadurch 
begründet, daß man die Nichtberechtigung der imperialiftifhen Beitrebungen 
eines anderen Staates nachweiſt. Es bleibt alfo den engliſchen Imperialiſten 
die Aufgabe zu zeigen, daß die Ausdehnung des Staates, der im Begriff ift, dem 
englifchen Imperialismus SKolurrenz zu machen — des Deutihen Reiches —, 
unberechtigt ift: dieſes Deutſchland ift im Gegenſatz zu England ein Kunftproduft, 
das 1870 mit Blut und Eifen zufammengezwängt wurde. Das neue Deutſche 
Reich ift etwas weltgefchichtlich Überflüffiges, das am beften wieder aus ber 
Melt gefhafft wird. Man weit nad, daß, während England mit der Auf 
richtung feiner Weltmacht überall Demokratie und Freiheit verbreitet bat, 
Deutfchland mit feiner Waffenmacht diefe Kulturerrungenfchaften in der ganzen 
Melt zerftört und die nationale Gelbitändigfeit der Nationen bridt. Im 
Zufammenhange hiermit ftehen die ‘Prinzipien der Deutſchen: „Macht geht vor 
Recht“ und „Der Stärlere fol herren“. Der deutſche Militarigmus wird 
als Weltgefahr Hingeftellt, er ift fchlimmer als der Abfolutismus Rußlands, 
und wie das ruffiiche Volk von diefem, jo muß das deutfche von jenem befreit 
werden. Man zeigt ferner, wie Lloyd George in einer Rede im September norigen 
Jahres, daß die Zivilifation der Deutfchen felbftfüchtig und nur auf Materielles 
gerichtet ift. Deshalb können fie auch nicht Englands Stellung in dem Welt- 
frieg verftehen. Daß man fih wie Franfreih aus Gelüften der Revande um 
die Erlangung eines Landgebiets jchlägt, können die Deutfchen begreifen. Aber 
der Gedanfengang Großbritanniens, feine NReichtümer, feine Macht, daS Leben 
feiner Kinder, feine gejamte Exiſtenz zu opfern, um eine Heine Nation zu - 
befhügen, ift einem Volke wie dem deutſchen vollftändig unerllärlid. „Die 
deutſche Nation will die Menfchen bilden nah dem Mufter eines Diefelmotoren, 
zuverläffig, folid und Stark, aber ohne Spielraum für die Regungen der Seele.“ 
„Aber Deutichland,” fo fährt Lloyd George fort, „will nod) mehr, e8 will das 
Chriftentum zerftören, das ihm nur mehr weichliche Sentimentalität be- 
deutet.“ | 

Daß in Deutichland tatfählih vor dem Kriege aggreffive imperialiftifche 
Beitrebungen beitanden, darüber find fi) wohl alle engliihen Publiziiten und 
Hiltorifer einig. Um ihre Ziele zu verwirklichen, braudte man bei uns den 
Krieg. „Ale Machtmittel des deutſchen Volles, die maritimen, die militärifchen, 
die finanziellen, politifchen, journaliftiihen und pädagogiihen hat man in 
Deutichland in den Dienſt der Kriegsvorbereitung geitellt,“ fo argumentiert Lord 
Noberts, und deshalb ift auch der Krieg England durch die pangermaniftifchen 
Ratgeber des deutjchen Kaiſers aufgezwungen worden. 

Um das deutfche Auspehnungsbedürfnis und damit die moraliide Not- 
wendigfeit für England, Deutſchland zu befämpfen, darzutun, verglid man vor 
den Kriege immer wieder dad Wachstum der engliihen und deutfchen Flotte. 
Man bemüht fi, zu zeigen, daß der Bau der englifhen Dreadnoughts nicht 
raſch genug vor fi ging, um den Vorſprung gegenüber Deutichland zu wahren. 


> 
Der Imperialismus in englifher Auffaffung 203 


Als Begründung diefes Übergewicht diente immer wieder die Notwendigkeit 
einer unüberwindlichen englifchen Übermacht auf allen Weltmeeren zur Behauptung 
de3 Imperiums. Für die Briten ift alfo eine ftarfe Flotte ein inneres Bedürfnis. 
Welche Beweggründe zwangen dagegen Deutichland, feine Kriegsihiffe in jo auf 
fallender Weife zu vermehren? Für diefes Vorgehen liegt feine ökonomiſche Not- 
wendigfeit vor, Die deutſche Flotte ift wie das ganze Reich ein Kunftprodult, ein Aus⸗ 
fiuß des „reinen Militarismus“. Jenen engliſchen Flottenimperialiften fiel es nie» 
mals ein, daß eine gewiſſe Herrſchaft über die Weltmeere ein integrierender Beftand- 
teil in jedem modernen Imperium fein muß, befonder8 aber in dem deutfchen, 
da8 wegen feiner geographiſch⸗ökonomiſchen Verhältniſſe feine Eriftenz auf einem 
wachſenden transozeanifchen Handel aufbauen muß. 

Neben diefen militärifhen Entwidlungen werden in allen englifchen Zeit- 
Kriften der lebten Jahrzehnte immer wieder die Gedanken eines Treitichke, 
Niepihe und Bernhardi dazu benugt, um die imperialiftifchen Beftrebungen 
Deutfchlands nachzuweiſen. Die Anfichten diefer Männer werden zitiert, ihre 
zufammenbhängenden Schriften zu leſen, ift man aber in England nicht imftande. 

Wie fieht nun der deutſche Imperialismus in den Augen eines neutralen 
Schmeden aus? 

Steffen ftellt im zweiten Bande feines Werkes „Krieg und Kultur“ den 
deutſchen Imperialismus, wie er ihn jieht, dem englifchen gegenüber, indem er ſich 
mit den genannten englifhen Hiſtorikern auseinanderfegt. Er nennt die deutfchen 
Beftrebungen im Gegenſatzzu den englifchen und franzöfifchen defenfiv. Gerade das 
vielgeſchmähte Buch von Bernhardi beweiſt ihm, daß das beutfche Volf und feine 
leitenden Männer vor dem Kriege nicht die gewaltigen inıperialütijchen Beitrebungen 
batten, wie man im Auslande fo gerne glauben machen wollte. Denn Bern- 
bardis Buch ift ja gerade zur Hälfte mit Wehklagen angefült über die allzu 
friedlide Stimmung des deutichen Bolfes. Immer wieder betont der Verfaffer den 
Unterfhied zwifchen feiner Denkungsart und der des Volles. Bernhardi felbit 
it einer friedlihen Löfung der vorhandenen Probleme durhaus nicht abgeneigt. 
Er zweifelt nur daran, daß Deutſchland vor allem von England Raum gewährt 
werden wird für fein öfonomifches, nationales und politifches Wachſen. 
Imperialiftifche Beftrebungen können Deutfchland allein auf geiftigem Gebiete 
nachgewieſen werden: für die deutiche Arbeit wollte man die Welt gewinnen. 
Der Imperialiſt Rohrbach, den Steffen zitiert, wollte nicht Weltherrichaft und 
Weltmacht für das deutſche Volk erringen, fondern nur freie Bahn fhaffen für 
die Betätigung des deutſchen Geiſtes. Erhebend ift es — fo fährt Gieffen 
fort — wie Rohrbach mit wahrbafter Größe den Engländern Recht wider 
fahren läßt, wenn er fagt, daß es für das britifche Volk hart ift, neben fich 
ein anderes Voll zur Geltung kommen zu fehen. 

Den beutichen Imperialismus militariſtiſch nennen heißt allen Tatſachen 
widerfpreden. Das bemweifen ſchon die Ausgaben für Heer und Marine. Nach 
einer von Steffen angeführten vergleichenden ſchwediſchen Statiftik, die leider Rup- 


— 
204 Der Imperialismus in engliſcher Auffaſſung 


land nicht aufführt, ſteht Großbritannien und Irland pro Kopf der Bevöllerung an 
rſter Stelle, mit 27,50 Kronen, den zweiten Platz mit 25,15 Kronen nimmt Frank⸗ 
reich ein dann folgt erft das Deutiche Reich mit 19,22 Kronen. Im Verhältnis zum 
Geſamtetat fteht Deutfchland mit feinen militärifchen Ausgaben im Vergleich zu 
anderen Staaten erit an vierter Stelle. Sie betragen in Großbritannien 
58 Prozent, in Frankreich 55,2 Prozent, in Schweden 49,9 Prozent, in Sachſen 
48,7 Prozent, in Preußen 48,6 Prozent, in Bayern und Württemberg 44 Prozent. 
Der deutfche Imperialismus ift auch aus diefem Grunde nicht wie der franzöftiche, 
englifde und ruſſiſche feit 1870 auf Eroberungen gerichtet, nicht militärifch. 
Denn man überhaupt von einer Agreifivität des deutſchen Imperialismus 
ſprechen Tann, fo liegt diefer allein auf ökonomiſchem Gebiete. 

Treten jetzt während des Krieges auch in Deutichland in breiteren Volks⸗ 
ſchichten ftärlere imperialiftiide Neigungen hervor, fagt Steffen, fo darf dieſe 
Erſcheinung nicht als eine Urſache des Weltkrieges, jondern als feine Folge 
angejehen werden. Hierin bat ber Verfaſſer mit feinem Berftändnis das rechte 
getroffen: erit durch den Weltkrieg find wir uns unferer inneren Sraft als 
Boll, als Staat bewußt geworden. Bor allem haben wir aufgehört, das 
engliide Oberimperium“ als felbftverftändlih binzunehmen. In den erften 
Jahrzehnten des neuen Reiches waren wir noch zu viel in Anſpruch genommen 
durch unfere innere Sonfolidierung, wir haben die äußere Politik, deren Hand» 
habung wir nicht veritanden, vernadjläffigt. Der Weltkrieg aber bat uns zu 
neuem Leben erwedt: wir haben wieder wie vor 1870 politifche Ziele, die uns 
über das innerftaatlide Leben binausführen. 








Weltkrieg und Dolkszahl 


twa 950 Millionen, alſo weit mehr als die Hälfte der gefämten 
Menſchheit innerhalb und außerhalb Europas ift an dem unge. 
beuren Ringen des jehigen Krieges beteiligt, wenn auch in fehr 
verfchiedenem Maße. Er ift in der Tat der Weltkrieg und ohne 
— gleichen in der Weltgefchichte. Innerhalb unjeres Erbteils befinden 
fh in runden Zahlen 370 Millionen im Striegszuftande; denn unfere Feinde 
zählen etwa 248 Millionen (Frankreich 39,6, Belgien 7,5, Großbritannien 46,1, 
Außland 150, Serbien 4,5, Montenegro 0,4), denen Deutfchland mit feinen 
Verbündeten nur etwa 123 Millionen entgegenftellen Tann CDeutſchland jebt 
68, Dfterreih-Ungarn 52, Europäifche Türkei 3 Millionen), fo daß unfere Feinde 
um das Doppelte an Zahl uns überlegen find. In allen übrigen Weltteilen 
find ſchätzungsweiſe faft 580 Millionen im Sriegszuftande, nämli etwa 
538 Millionen auf feiten unferer Feinde und nur 40 Millionen auf unferer 
Seite (12 Millionen in deutfchen Kolonien und 28 Millionen in dem türfiichen 
Reiche einſchließlich Ägypten). Insgefamt zählen unfere Feinde rund 790 Millionen 
gegen 160 auf unferer Seite. Aber während jene noch nicht ein Dritteil ihrer 
Bollsmaflen in Europa haben, wohnt von den 160 Millionen, die auf unjerer 
Seite ftehen, noch nicht ein Vierteil außerhalb unferes Erdteils“). Die Gefamt- 
mafle unjerer Feinde verhält fih zu der unfrigen mie eins zu fünf. Die 
außereuropäifchen Befigungen fallen mit ihren riefigen VollSzahlen zwar in 
viel geringerem Grade ins Gewicht, weil fie für die enticheidenden Punkte 
wenig verfügbare Truppen befiten und deren Herbeiziehung durch die große 
Entfernung erſchwert wird; immerhin aber haben Kanada, Indien, Auftralten, 
Senegambien, Tunis, Algier, Sibirien Hilfsfräfte fenden müffen, und unmöglich 
it das Eingreifen Japans auf dem europäilchen Kriegsichauplage nicht zu 
nennen. Jedenfalls haben unfere Gegner zahlenmäßig eine geradezu ungeheure 
Übermacht, und fäme es auf diefe allein an, fo wären wir verloren. Glüdlicher- 





2) Sollten Italien (87 Millionen), Berfien (9 Millionen), China (850 Millionen), die 
Bereinigten Staaten von Rordamerifa (96 Millionen) in den Krieg eingreifen, jo würde die 
Bahl der Beiwohner der triegführenden Länder fih auf faft 1450 Millionen, alfo fünf Sechſtel 
der geſamten Menfchheit erhöhen! 





206 Weltkrieg und Dolfszahl 


weife fpielen andere Faltoren eine wichtige Rolle in dem ungeheuren Kampfe. 
Aber immerhin tft die militäriſche Stärke und Leiftungsfähigfeit eines Volles 
doch weſentlich durch die Vollszahl mit bedingt. 

Das volkreiche Rußland verfügt nach Blume (Die Wehrkraft Deutſchlands) 
über ein Heer von 7668000 ausgebildeten Mannſchaften in Kriegsitärle, wobet 
die Gefamtheit feiner mwaffenfähigen Mannſchaft nur in ſehr geringem Grade 
ausgenugt ift, nämlid mit 4,2 Prozent der Bevölkerung. Wäre Rußland 
in der Lage, die Gefamtmaffe feiner Waffenfähigen militäriſch voll zur Geltung 
zu bringen, fo wäre feine Macht tatfächlich für uns erdrückend. Es Tönnte, 
wenn es denſelben Prozentfah der Bevölferung wie Deutſchland mobil zu 
machen vermödte, 15 Millionen ins Feld fchiden. 

Dagegen vermag Frankreich bei feiner feit Jahrzehnten faft ftillftehenden 
Bevölkerungszahl nur 4399000 ausgebildete Mannſchaften aufzubringen, wobei 
bereit 11,8 Prozent der gefamten Bevölkerung herangezogen find, aljo bie 
äußerſte Ausnugung aller halbwegs brauchbaren Kräfte notwendig ift. Jedenfalls 
iſt Frankreich, nicht Deutichland, dasjenige Land, das den Militarismus weitaus 
am jtärfiten ausgebildet hat. 

England fann wegen feiner ganz anderen militäriſchen Verhältniſſe zum 
Vergleiche nicht herangezogen werden. Den Mangel eines, nach dem Maßſtabe 
der anderen Großmächte gemeſſen, ebenbürtigen Heeres, den fein Söldnerſyſtem 
mit fi) bringt, fucht e8 durch feine Übermadt zur See auszugleichen, wie 
dur Heranziehung von Kolonialtruppen. Was fein Anwerben von Freiwilligen 
an Zahl und Tüchtigkeit zu erreichen vermag, läßt fih noch nicht überfehen. 

Neben diefen Großmächten ftellen Belgien, Serbien und Montenegro wohl 
noch 600000 Mann ins Feld, von Japan ganz zu fehmweigen. 

Demgegenüber vermag Deutſchland mit 8 Prozent feiner Bevöllerung 
5262000 ausgebildete Mannfchaften zu ftellen, neben denen es natürlidy 
eine weit größere Zahl noch auszubilden vermag, als Frankreich, das ſchon 
3,8 Prozent mehr ausgebildet hat. Bei gleicher Ausnugung feines Menſchen⸗ 
materials wie Frankreich (mit 11,8 Prozent), könnte Deutjchland noch reichlich 
2,5 Millionen Soldaten mehr aufbringen. R 

Ofterreih- Ungarn nügt feine Kräfte in viel geringerem Maße, nur mit 
4,3 Prozent aus, und vermag dadurch) 2243000 ausgebildete Mannfchaften 
zu jtellen. Bei voller Heranziehung der nicht ausgebildeten, aber waffenfähigen 
Männer würde fi Ddiefe Zahl ungeheuer fteigern laſſen, vielleiht um vier 
Millionen. 

Die Türkei endlid vermag ein Heer von 24000 Offizieren und 600000 
Mann im Kriege zu ſtellen. Ausgebildete Mannſchaften müjjen aber viel mehr 
vorhanden fein. (Aloys Belge: internationaler Armeealmanad. 1913/14.). 

Die jährliden Aushebungsziffern, die fi) (abgefehen von den lebten 
Steigerungen) für Rußland auf 430000, Frankreich auf 225000, Deutichland 
auf 270000, Lfterreid”- Ungarn auf 133000 belaufen, gehen infolge der ver- 


Weltkrieg und Dolfszahl 207 





ſchiedenen Ränge der militärifchen Dienftzeit nicht parallel mit der Zahl der 
ftehenden Heere, die für Rußland 1250000 (7,8 pro Mille), Frantreid) 530000 
(14 pro Mille), Deutſchland 630000 (9,5 pro Mille), Ofterreih-Ungarn 372000 
(7,1 pro Mille), Türkei 155000 (5 pro Mille) betragen. 

Die numerifhen Stärfeverhältniffe haben ſich gegen früher gewaltig ver- 
ihoben. Das kommt weniger für Rußland in Betracht, das jährlih um faft 
zwei Millionen durch Geburtenüberfhuß anwächſt, aber infolge jeiner wirt 
ſchaftlich-kulturellen Rückſtändigkeit diefe Macht militäriſch nicht auszunutzen 
vermag, ſondern vor allem für Frankreich und Deutſchland. 1870 hatte Frankreich 
foft die gleihe Einwohnerzahl wie Deutichland. Heute zählt es nur 39,6 
Millionen, gegen 68 feines Gegners. Bon 27,5 Millionen im Sabre 1801 
war es bis 1870 auf 38,4 Millionen gemadien, aber die Zahl der Lebend⸗ 
geborenen nur von 904000 auf über eine Million in den Jahren 1859/67 
geftiegen, von da bi8 1870 aber wieder auf 944000 gefallen. Auf 1000 Ein- 
wohner zählte Frankreich 1806 31,4, dann 1816 und 1819 die Hödhjftzahl 
von 32,9, aber ſchon 1846/50 nur noch 26,5, 1866/70 25,8, 1871/80 25,4, 
1881/90 23,9, 1891/1900 22,1, 1901/10 20,6, 1911 18,7 Lebendgeborene. 
Dagegen ſank die Sterblichleit von 1816 bis 1910 von 762000 auf 703000 
und ftieg 1911 auf 777000=19,6 pro Mille. Außer den Yahren 1854/55, 
wo Frankreich eine Mebriterblichleit von 69000 und 36000 aufwies, und den 
Kriegsjahren 1870/71, wo diefe 103000 und 445000 betrug, ift feit 1890 
die Sterblichleit fiebenmal größer geweſen, als die Geburtenzahl. Geit 1890 
betrug der Geburtenüberfhuß zufammen nur etwa 580000. Faſt ebenjoviel 
(567000) hat die Bevöllerungszahl Frankreichs durch Einwanderung gewonnen. 
Wenn 1912 einen Geburtenüberfhuß von 57911 aufwies, fo war dies ein 
bejonder3 günftiges8 Jahr, wie 1911 ein fehr ungünftiges. Die militärifche 
Shwähe Frankreichs gegenüber Deutichland, die durch äußerſte Ausnutzung 
feines Menſchenmaterials ebenfomenig, wie durch den Bau faſt uneinnehmbarer 
Seitungen auszugleichen ift, folgt alfo aus feiner fett langer Zeit eingemurzelten 
und immer mehr verbreiteten Beſchränkung der Sinderzahl. Nach Bertillon 
(La depopulation de la France) bildete die Bevölferung Frankreichs im Jahre 
1700 40 Prozent der VBollszahl der Großmädte, 1789 nur no 27 Prozent 
und 1910 nur noch 7 Prozent, wenn man die außereuropäifchen neuen Groß- 
mächte der Vereinigten Staaten Nordamerikas und Japans mitrechnet. Schon 
diefe Zahlen deuten an, wie Frankreichs weltpolitifche Bedeutung geſunken ift. 

Und wie wird nun der Weltkrieg auf die Bevölkerungszahl und damit 
auf die künftigen Machtverhältniſſe einwirken ? 

Man kann öfters lejen, die Verluſte an Menfchenleben, die ein Krieg ver- 
urſacht, feien von feiner nennenswerten Bedeutung für die Bevölkerungszahl. 
In einem Lande wie Deutfchland, das jährlid etwa °/, Million Be— 
völlerungszuwachs zähle, feien fie in einem oder einigen Monaten wieder erjegt. 
Solder Dptimismus wird den Tatſachen doch fehr wenig gerecht, zumal den 


208 Weltkrieg und Volkszahl 
Rieſenzahlen, mit denen in diefem Weltfriege gerechnet werden muß. Der 
Einfluß des Krieges uon 1870/71 auf die Bevölkerungszahl Deutſchlands und 
Frankreichs, der fih genau zahlenmäßig nachweiſen läßt, gibt einen Anhalt, 
um den Einfluß des jebigen Krieges, natürlich unter allem Vorbehalt in” An- 
betradht der Unftcherheit feiner Dauer und feines Verlaufes abzufchähen. 
Ganz Deutichland in feinem heutigen Umfange (mit Ausnahme von 
Helgoland) zählte 
Ehefhliegungen 9. Geburten einſchl. 9%. Sterbefälle einſchl. 9% 
Zotgeburten Totgeburten 
1865 353807 8,9 1561644 39,2 1154443 29,2 
1866 319202 8,0 1569165 39,4 1281469 32,2 
1867 363491 9,1 1532849 38,3 1106636 27,6 
1868 357916 8,2 1544160 38,4 1173053 29,2 
1869 884267 9,5 1594187 39,4 1154303 28,5 
1870 813961 7,7 1635646 40,1 1184315 29,0 
1871 836745 82 1473492 35,9 1272113 31,0 
1872 423900 10,3 1692227 ü 41,1 1260922 30,6 
1878 416049 10,0 1715283 41,8 1241459 29,9 
1874 400282 9,5 1752976 41,8 1191932 28,4 
1875 386 746 9,1 17985691 42,3 1246572 29,3 


Während aljo im Striegsjahre 1866 etwa 24000 Eheſchließungen weniger 
ftattfanden, als im Durchſchnitt nach der Bevölkerungszahl zu erwarten war, 
betrug der Nüdgang der Geburten im folgenden Jahr über 36000, und aud) 
1868 erfolgten noch 25000 weniger al$ 1866. Die Zahl der Sterbefälle war 
1866 um 127000 höher als im Borjabre, während 1867 allerdings mit 48000 
weniger ald 1865 ein ſehr günjtiges Verhältnis aufwies. Die natürlidde Be⸗ 
völferungszunahme ſank 1866 von 10,0 auf 7,2 pro Mille, das heißt von 
397201 auf 287696, alfo um 109505. Wenn fie 1868 dagegen auf 426213 
ftieg, jo kann das nit mit dem Krieg in Verbindung gebracht werden; im 
Gegenteil war ja die Geburtenzahl noch niedriger, al8 vor dem Kriege. 

Biel größer war der Einfluß des Krieges von 1870/71 auf die Entwicklung 
der Bevölkerungszahl. Die Zahl der Cheichließungen ging 1870 um mehr 
als 70000 zurüd und bob fih au 1871 nur um noch nidht 23000. Erſt 
1872 jchnellte fie um 87000 empor. Die Geburtenzahl fan? 1871 um mehr 
als 162000, anftatt entipredhend der Bevölferungszunahme um 20 bi8 30000 
zu fteigen; und die Zahl der Sterbefälle ftieg 1870 nur um 30000, aber 1871 
abermals um 88000. Die Bevölferungszunahme war 1870 infolge der hohen 
Geburtenzahl noch übernormal, 11,1 pro Mille gegen 10,9 im Borjahre, fant 
aber 1871 auf 4,9 pro Mille, um 1872 wieder die etwa normale Höhe von 
10,5 zu erreichen. 1870 wies 451331, 1871 nur 201379 Geburtenüberfhuß 
auf. 1871 allein betrug alfo der Ausfall an Bevöllerungszunahme etwa 
6 pro Mille = 250000. Das ift der wirkliche Einfluß des Krieges von 1870/71, 


Weltkrieg und Dolfszahl 209 


und zwar, obwohl der ganze Krieg im Auslande geführt wurde und, wie das 
Generalftabswer? fagt, Seuchen nicht ausbrachen, während 1866 Cholera und 
Boden ſtark hauften und fo den Bevöllerungszuwachs um etwa 120000 hemmten. 
Die Berlufte durch feindliche Waffen (28628) und durch Krankheit ufw. (12258) 
im deutſchen Heere, welche fi) 1870/71 nur auf 40881 beliefen (außer 12879 
Bermißten), ftellen alfo nur etwa 17 Prozent, nur ein Sechsteil ber durch ben 
Krieg verurfaddten Hemmung bes Bevöllerungsmahstums dar. Noch jett zeigt 
fh die Minderzabl von Geburten im Jahre 1871 darin, da in Preußen am 
1. Januar 1911 vorhanden waren 

im Jahre 1869 Geborene 461 724 

» nn 189700 „478929 

„nr Isrı „406036 

2» 1872 „ 516984 

Der Jahrgang 1871 weiſt alfo gegenüber den Nachbarjahren noch jeht 
eine Minderzahl von faft 73000 bzw. 111000 auf. 

Einen Teil des Ausfalls erfegt allerdings (menigftens vorübergehend) meift Die 
Folgezeit, Da nach beendetem Striege infolge reicher Arbeitsgelegenheit und dergleichen 
die Ehefchließungs- und demgemäß auch die Geburtenziffern über die normale 
Höhe anzuſchwellen pflegen. . u 

Im Kriege von 1870/71 hatten insgefamt 1146355 Mann die franzöfiiche 
Grenze üiberjchritten, während die Höchftzahl der mobilen Truppen im Yebruar 
1871 mit 936915 und der immobilen mit 413872, die höchſte Geſamteffektiv⸗ 
ftärfe alfo mit 1350787 erreicht wurde. Nach Blättermeldungen bürfte die 
Geſamtſtärle des deutſchen Heeres jeht ſchon vielleicht die vierfache Höhe erreicht 
baben und wirb bei langer Ausdehnung des Krieges durch Heranziehung von 
nit ausgebildeten Mannſchaften vielleicht auf die fünf. oder ſechsfache Höhe fteigen. 
Wenn nun 1870/71 der Gefamtverluft an Toten 40881 und einfchlieglich der 
Bermißten, die ihnen wohl glei zu rechnen find, etwa 53500 betrug, das 
heißt etwa 8 bis 4 Prozent der Gejamtftärle des Heeres, und wenn man ferner 
unter Berüdfichtigung der längeren Dauer des Krieges und der größeren 
Erbitterung, mit der gefämpft wird, einerfeitS und der verbefierten fanitären Ein- 
richtungen anderfeits in diefem Kriege mit dem gleichen Prozentſatze rechnen dürfte, 
jo würde der.Berluft des Heeres an Toten ſich auf 163 000 beziehungsmeife 214000 
bis 245 000 beziehungsmeife 320 000 ſchaͤtzen laſſen. Einigermaßen entfprechend dürfte 
dam aud der Ausfall in der Geburtenzahl der Jahre 1915 und 1916 tn 
vier- bis 6facher Höhe zu erwarten fein (je nad) der Dauer des Krieges), nicht 
ganz fo groß, weil diesmal fehr viel fehr jugendliche Kriegsfreimwillige und auch 
mehr ältere Leute zur Fahne herangezogen find, auch die Geburtenziffer auf 
etwa drei Viertel derjenigen zur Zeit des deutfch-franzöftihen Krieges geſunken 
iſt. Aber anbderfeits ift auch die Säuglingsiterblichkeit gejunfen. Wenn der 
Weltkrieg entiprechend den riefenhaften Zahlen der Mitlämpfer auch nur dert 
vierfachen Berluft an Menſchenleben und an Geburtenausfall brädte, fo würde 

Grenzboten 11 1915 14 


210 Weltkrieg und Dolfszahl 


die Verminderung des Bevöllerungswachſtums für Deutſchland auf eine Million, 


aljo ein und ein Drittel der natürlichen Bevölferungsvermehrung eines Jahres 
zu [häßen fein. Vorausſetzung ift dabei, daß auch ferner der Krieg, wie bisher 
faft ganz auf feindlidem Boden ausgelämpft wird. Es tft aber auch weiter 
zu beachten, daß der frühe Tod vieler Taufende von jungen Männern bie 
Heirats- und Geburtenziffer auf Jahrzehnte hinaus ungünftig beeinfluffen muß, 
nur iſt diefer Einfluß verfchleiert und ſchwer in feiner Höhe abzufjhägen. Bon 
einem Erſatze ber Kriegsverluſte in einigen Monaten kann aljo gar feine Rede fein. 

Die ruffiihen Verluſte an Menfchenleben find zweifellos ungeheuer groß. 
Schon im Heere mögen fie nach den Blättermeldungen bisher vielleiht eine 
Million betragen. Zweifellos werden fie aber auch bei der Zivilbenöllerung 
zumal des unglüdlihen Polens durch Entbehrungen, Seuchen, Hinrichtungen 
und Unglüdsfälle riefig fein. Wenn man dazu den gewaltigen Geburtenausfall 
berüdfitigt, fo wird man ſchon jeßt die Hemmung der natürlichen Benölferungs- 
vermehrung auf mehr als 1'/, bis 2 Millionen fchägen müflen. Bei dem 
ungeheuren Geburtenüberfuß von 1°/, bis 2 Millionen jährlich wird sBlau) 
ſolchen Berluft immerhin am erften ertragen können. 

Ganz anders Frankreich. Eine Berluftlifte des Krieges von 1870/71 ift 
für Frankreich nicht veröffentlicht worden. Die Zahl der Gefallenen und Zoten 
im Heere wird auf 90000 bis 150000 geſchätzt. In Wirflichfeit war der 
Berlufi an Menſchenleben natürlich viel größer, da der Krieg auf franzöſiſchem 
Boden geführt wurde, und der Rüdgang an Geburten war ebenfalls beträchtlich. 
1866 bis 1870 hatte die Geburtenzahl durchſchnittlich 948292 betragen, ſank 
aber 1871 auf 826121, alfo um über 122000, das heißt von 25,8 auf 22,9 
pro Mille. 1872 ftieg fie dann auf 966000 (26,7 pro Mille). Dagegen ftieg 
die Sterblichkeit von 874000 auf 1047000 und 1871 auf 1271000, das beißt 
von 24,8 auf 28,4 und 85,1 pro Mille, fo daß die an fih fon äußerſt geringe 
natürlide Vermehrung von 1,5 pro Mille nicht nur gänzlich aufhörte, ſondern 
eine Überfterblichfeit von 2,6 und 12,2 pro Mille eintrat. Anftatt eines dem 
damaligen Durchſchnitt entſprechenden Zuwachſes von etwa 200000 in den 
beiden Kriegsjahren anfammen trat Mebriterblichleit von 548000 ein. Frankreichs 
Berluft an Bevöllerung durch den Krieg betrug aljo (abgejehen von der mehr 
als 11/, Millionen zählenden Bevölkerung von Elfaß-Lothringen) rund °/, Millionen, 
das Dreifache vom Berlufte Deutfchlands, faft 2 Prozent feiner Einwohnerzahl! 
Entſprechend ſank die mittlere Bevölferungszahl von 38440000 im Jahre 1870 
auf 36190000 im Jahre 1871 und 36140000 im Sabre 1872. Auch die 
folgenden Jahre haben von dem Derlufte nichts erſetzt. Allerdings zeigten 
1872 und 1874 einen größeren Geburtenüber[huß von 4,8 und 4,7 pro Mille, 

aber 1873 nur 2,8, 1875 2,9, 1871 bis 1880 durchſchnittlich nur 1,7 pro Mille. 

Wie groß wird nun der Menfchenverluft für Franlreich durch den Welt- 
Trieg fein? Wenn man bedenkt, daß Frankreich alle Kräfte zufammenrafft und 
vielleicht die fünf- bis fechsfacdhe Zahl der Soldaten von 1870 ins Feld ftellt, 





ou rein ann — — 


Weltkrieg und Dolfszahl 211 





daß der Krieg wiederum auf franzöſiſchem Boden geführt wird, daß ein Gebiet 
von vielleicht 8 Millionen Einwohnern ſeit acht bis neun Monaten von den 
Deutſchen beſetzt iſt, daß die Maffe der Flüchtlinge unter ungeheuren Ent- 
behrungen fich heimatlos irgendwo binfriften muß, daß der Krieg mit ungeheurer 
Erbitterung geführt wird und die Zivilbevölferung vielfach mit verräterifchen 
Überfälen in den Krieg aktiv eingriff und bemgemäß geftraft werben mußte, 
fo wird man die Menfchenverlufte Frankreichs in diefem Stiege auch auf das 
vielfacde des Krieges von 1870/71 ſchätzen müſſen. Yünfmal 548000 würde 
faft 2,2 Millionen wirklichen Menfchenverluft ergeben, wozu noch der Ausfall 
an Geburten fäme, fo daß man 21/, Millionen annehmen könnte. Auf weniger 
als 1!/, Million wird nad dem Vergleiche mit 1870 ihn niemand ſchätzen 
fönnen. Sol doch nad) Blättermeldungen die Zahl der gefallenen franzöftichen 
Soldaten bi8 Ende Januar 1915 allein 450000 betragen, was nad dem 
Gefagten wohl glaubli erſcheint. Das bedeutet aber für Frankreich einen 
ungeheuren, einen tatfächli unerjeglichen Verluſt von 3°/, bis 6!/, Prozent 
feiner Volkszahl. Er wäre nicht unerfeglih, wenn Frankreich einen normalen 
Geburtenüberfhuß hätte. Aber nun rächt ſich die Fünftliche Herabdrückung der 
Geburtenzahl in fehredlicher Weile. Es zeigt filh, daß der Neumalthuftanismus 
tatfächlich nichts anderes als der Selbftmord des ganzen Volles war. Denn 
er ſchwaͤchte nicht nur die Wehrkraft Frankreichs in bedenklichſter Weife, Tondern 
führt nunmehr aller Vorausſicht nad) zum befchleunigten Ausfterben des Volkes. 
Denn daß fo tief eingemwurzelte Unfitten durch ſolche Kataſtrophen ausgerottet 
werden follten, ift ſchwer glaublid. Zu oft ift Frankreich vergeblich auf bie 
unausbleibliden Folgen feines „Zweilinderfyftems“ bingewiefen worden. Nun 
ift die Kataftrophe da, von der Frankreich fich nie wieder erholen faın. Um 
das vorauszufehen, darf man nur an die tatfächliche Bevöllerungsbewegung 
denfen. 1911 fanden in Frankreich 307788 Ehefchließungen ftatt. Die Zahl 
der Lebendgeborenen aber betrug nur 742114 = 2,4 auf eine Eheſchließung, 
im Departement Seine nur 1,73, in den Departements Gers, Garonne, Tarn 
und Garonne, Gironde, Lot, Lot und Garonne, Yonne ufw. nur 2 oder 
darunter. Abgeſehen von einigen Departements mit geringer kultureller 
Entwidlung (Finiftre uſw.) iſt das Zmweilinderfgftem ja durchgeführt, nur in 
Departements mit ſehr günftigem AltersSaufbau infolge ftarler Zuwanderung 
verichleiert. Bertillon redet von Departements, in denen auf zwei Wiegen brei 
Gräber fommen. Daß das feine Übertreibung ift, zeigt das Jahr 1911. In diefem 


zählten die Departements Lebendgeborene Sterbefälle 
ss 2882 4700 
GB 222 0202..2802 4451 
Garonne . . . .. 6370 9203 
Zarn und Garonne . . 2525 3949 
" MDome » 2 2 20.20.4272 6168 
Lot und Garonne . . 83604 5345 


14* 


212. | Weltkrieg und Dolfszahl 


und 1912 war es nicht viel beſſer, denn es brachte im ganzen 8000 Geburten mehr. 
Auf 1000 Einwohner berechnet ergaben ſich Geburten in demfelben Jahre in 


Puy de Dome . 18,1 Garne . . . 147 
Gar... .. 180 Cote # Dr. . . 15,8 
Lot und Saronne . 13,6 Rob ..2.2.2.1650 
Zarn und Garonne 15,0 ANhone . . . . 15,7 
.Zaım. -. . . . 165 Mir . . . . 148 
Sere. . . . . 162 Sochpyrenien . . 16,5 
Aude. . -. . .. 160 Seine und Marne 16,8 
Aube. . . . . 166 Vaucluſe . . 16,8 
Bar . 2... 16,6 


Mehr Sterbefälle als Geburten zählten 1911 64, 1912 21 Departement. 
Die — betrug in Tauſenden an 
Lebendgeborenen Sterbefällen Geburtenüberſchuß 


1813/71 2 ... 968 822 181 
1878/82 . . . . 988 841 92 
1888/87 . . . . 928 848 75 
1888/92 . . . . 865 858 12 
1898/97 . . . . 858 812 46 
1898/1902 . . . 844 805 39 
1908/07. . . . 807 772 85 
1908/10. . . . 779 734 45 
191l 2.0.0.7 777 —35 
= 192 ..n 750, 651 698 58 


Frankreich hatte — in den vierzig Jahren von 1878 bis 1912 eine 
natürliche Bevölkerungsvermehrung von nur etwa 2,3 Millionen, daneben durch 
Einwanderung einen Gewinn von 1,1 Million. Hatte e8 den Berluft 
beziehungsweife Ausfall von °/, Million, die der Krieg von 1870/71 ihm 
brachte, erft im Jahre 1879 durch Geburtenüberfhuß ausgeglichen, fo wird der 
Erſatz für den ungeheuren Blutverluſt des Weltkrieges vorausfichtlich in 
abſehbarer Zeit überhaupt nicht wieder zu ſchaffen ſein. Denn die wirkliche 
Geburtenzahl hat ſeitdem um 200000 jährlich abgenommen und der Geburten⸗ 
Aberſchuß betrug in den legten 25 Jahren durchſchnittlich nur 32000 bis 33 000. 
Der Berluft von 2 Millionen würde bei gleichem jährlichen Überfhuß zwar in 
60 Fahren erfegt fein; aber bei dem bisher und vorausfidtlih auch in 
Zukunft (abgefehen von den felbftverjtändliden Schwankungen) beharrlichen 
Ginfen der Geburtenzahl und dem Mangel von Hunderttaufenden von fort- 
pflanzungsfähigen Männern ift anzunehmen, daß überhaupt eine Vollsvermehrung 
nicht ftattfinden, ſondern ftatt deſſen eine chronifche Mebrfterblichkeit fich einftellen 
wird. Das hängt jelbitveritändlid vom Willen des Volles ab; aber durch 
ein Jahrhundert bat diefer fih als fteigende Abneigung gegen eine größere 


Weltkrieg und Dolfszahl 218 








Kinderzahl offenbart. Nur durch Einwanderung wird Frankreich feine Bolls- 
zahl behaupten fünnen. 

Dem entſprechend finft Frankreichs militärifhe und politifche Bedeutung 
immer mehr. Bertillon veranfhaulicht diefen Vorgang durch einen Vergleich 
Frankreichs mit Deutihland. ES Hatte Franfreih 1852 bis 1855 eine 
Geburtenzabl von 9382000 und dementſprechend zwanzig Jahre fpäter eine 
Rekrutenzahl von 291000; 1909 aber nur 770000 Geburten umd zwanzig 
Jahre fpäter wird es nur 269500 Rekruten haben. Deutſchland dagegen hatte 
1852 bis 1855 1228800 Geburten und von diefen fpäter 345800 Rekruten, 
1909 aber 2015000 ®eburten und demnach hat es 594000 Rekruten zu 
erwarten. Das militärifche Stärkeverhältnis, das anfangs der fiebziger Jahre 
wie 100 :119 ſich verhielt, wird dann wie 100:215 fih geftalten. 

Für die Weiterentwidlung und Weltftelung Deutſchlands wird bie Höhe 
feiner Geburtenzahl in Verbindung mit der Kinderfterblichfeit von entfeheidender 
Bedeutung fein. Bei feiner geographiſch gefährdeten Lage muß es numerifch 
ſtark fein, wenn es fi behaupten will gegen eine Welt von Feinden. 
Unbeftreitbar hat e8 bisher einen hohen, günftigen Geburtenüberfhuß aufzumetien, 
fit 1900 13 bis 14 pro Mille jährlich, troß ſtark finfender 
Geburtenziffer, die zum Beifpiel für die Neichshauptftadbt auf 1,93 Geburten 
auf jede Ehefchliekung im Jahre 1912 zurüdging. Wenn aber dieſes Sinken, 
das von 1880 bis 1911 nicht weniger als 10 pro Mille betrug (von 89,1 
auf 29,0) weiter anhält, fo wird auch der Geburtenüberſchuß nicht nur relativ 
fondern abfolut fi) gewaltig mindern. Betrug dieſer doch in fämtlidhen 
deutichen Städten mit mehr als 15000 Einwohnern 1912 nur nod) 10,5 pro 
Mille gegen 13,6 pro Mille im Jahre 1901, und bei den Großſtädten weniger 
als 10, während nad) dem günftigen Altersaufbau der Städte ein höherer 
Geburtenüberſchuß als auf dem Lande zu erwarten wäre. ebenfalls verdankt 
Deutichland feine gewaltigen Erfolge im Weltkriege nicht zum wenigiten feiner 
günftigen Bevölkerungsvermehrung, ohne die feine militärifche Kraft zum Siege 
im großen Entſcheidungskampfe gewiß nicht ausreichend wäre. 

Das Wort „wer die Jugend bat, der hat die Zukunft“, läßt fi auf 
die Weltftellung und Geltung der Völker anwenden: nur ein Boll, das viel 
Jugend hat und die Mübfal und Koften ihrer Auferziehung nicht ſcheut, das 
hat eine Zukunft, das kann fi im Kampfe behaupten. 





IN Ne 


— —— ãæ 





Derdeutfchungen 


Don Rice von Carlowitz⸗Hartitzſch 


Fer erbitterte Kampf ums Dafein, den unfer deutſches Vaterland 
gegenwärtig durchficht, hat überall die Erlenntnis gewedt, dab es 
nicht nur um das politifche Deutichland geht, fondern im lebten 
und tiefften Grunde um beutfches Weſen überhaupt, an dem 
nad) Wagners herrlidem Wort die Welt genefen fol. Darum 
bat diefer Krieg auch fo gewaltig umwühlende feeliihde Wirkung, die in 
ſchlechthin allen VBollsichichten zur Vertiefung und leider oft erft zum Bewußtſein 
bes Deutfehtums geführt bat. Nicht zulebt in der Sprade, die ja Grund⸗ und 
Eckpfeiler völkiſchen Weſens iſt. Berufene und unberufene Kräfte find eifrig 
am Werl, bier die fremden Eindringlinge auszumerzen und mit eigenen Borjchlägen 
zu erfegen. Wir braudden an unferer grundfäglicden Stellungnahme zur Sprad)- 
reinigung*) nichts zu ändern, derzufolge wir alle Berdeutfhungen für Begriffe 
des praftifchen Lebens, alfo eben für vollstümliche Worte von breitefter Geltung 
freudig begrüßen. Das Bolt braudt fie, das Voll ſoll ſie deshalb verftehen 
und möglichft auch ſchaffen. Gerade darum ift hier die Laienmitarbeit von 
unſchätzbarem Werte, die endlich heute in einmütiger Bereitwilligfeit eingefeßt 
bat und dieſer Sprachbewegung boffentli größere Fruchtbarkeit gemwährleiftet, 
als ihren mehr oder weniger zünftigen VBorgängerinnen beſchieden war. 
Daraus ergibt ſich auch die erfte und, man kann fagen, einzige Forderung, 
die von vornherein an jede Verdeutſchung geftellt werden muß: fie ſoll das 
Zeug dazu haben, vollstümlich zu werden. Aber weil man das einem Wort 
eben nicht von vornherein anfehen, fondern nur von hinterher feftitellen kann, 
ift diefe einzige Forderung zugleich die ſchwerſte. Wenn man aljo nidt die 
guten Eigenfchaften benennen Tann, die feine Volfstämlichleit herbeiführen, fo 
Tönnen wir doch vielleicht die jehlechten finden, die fie verhindern. Und damit 
wäre ſchon etwas gewonnen. Ohne im geringften diefe ſchwarze Lifte er- 
ſchöpfen zu wollen, mödjten wir beute auf ein folches Hindernis aufmerffam 
machen, das uns als das hauptfächlichite erf'heint: die Länge der Verdeutſchungen 
oder vielmehr, da fie bloß der äußere Ausdrud ein erinneren Urſache ift — die 
umftändlide Genauigkeit der Begriffsbeftimmung. Jeder fucht feinen Vorſchlag 





2) Bergleihe „Das ftilehte Fremdwort”, Grenzboten 1913 Nr. 2. 


Derdentfchungen 215 


geradezu dadurch zu empfehlen, daß er eindeutig den vorliegenden engbegrenzten 
Begriff, womoͤglich gar genau das Fremdmort dafür wiedergibt, deſſen buch⸗ 
ftäblicden Sinn man nicht felten mit diefem Begriff verwechſelt. Auf dieſe 
Weiſe gelangt man dann bereit3 für das Grundwort zu einer Wortzufammen- 
feßung, die in den notwendigen Ableitungen zu jenen Wortwürmern „geftredt“ 
wird, bei denen man nicht mehr weiß, was Kopf und Beine find. Abgefehen 
davon läuft aber diefe Genauigfeit der Wortabgrenzung der vollstümlichen 
Spradbildung überhaupt zumider. Sie arbeitet mit Logik, das Boll mit 
Phantafie, das heißt fie unterſcheidet begrifflih, wo da8 Boll zum Bilb 
zufammenfaßt. Das Volk will bei feinen Worten: nicht mit einer Vielheit 
belehrt, fondern mit einer Einheit — fagen wir ruhig: — künſtleriſch unter- 
balten fein. Yür eine vollstümliche Verdeutſchung muß alfo der Begriff zur 
fünftleriihen Impreſſion, zum Gefamteindrud verdichtet werden, aus dem man 
das hervorftechendfte Merkmal, die pſychologiſche Dominante diefes Eindrudß, 
al8 Symbol für die ganze Vorftelung berausgreift, das den Namen bergibt. 
Gewiß läßt das Zwiedeutigkeiten zu, weil dieſes eine Merkmal fehr wohl aud 
anderen Begriffen mehr oder weniger deutlih zulommen Tann. Aber gerade 
über dieſes Mebr-oder-weniger enticheidet allein die Gewohnheit. Wenn fie das 
berauögeitellte Merkmal „deutlih”, das beikt ſymboliſch deutbar, und zwar 
fraft piychologiiher Gedankenverbindung zwangsläufig deutbar findet, fo wird 
dem Deutlichen das Eindeutige unbebenklich geopfert. Die Macht der Gewohnheit 
ift, wo pſychiſche Faktoren im Spiele find, nicht hoch genug zu veranfchlagen. 
Wenn fie erft das kurze und kühne Wort in diefe neue Richtung gedrängt bat, 
fteht es bier viel feiter als ein ängſtlich Torreltes Wortungeheuer, daS von 
vornherein „ven Tod auf der Zunge bat“, wie ein hübſcher Ausdrud 
hierzulande lautet. Und die Gewohnheit hängt fich, gewiſſermaßen felbit- 
tätig, an jede möglide Verkürzung, fchon weil fie ihrerfeitS wieder für 
neue Zufammenfegungen Raum gibt. So ift zum Beiſpiel aus dem Beloci- 
ped erit ein Fahrrad oder Zweirad und jetzt einfach ein Rad gemorden. 
Kein Menſcht fagt: „Borge mir dein Zweirad!” fondern: „dein Rad.“ Und 
fühlt ih durchaus nicht beirrt, daß es noch unzählige andere Räder gibt, mit 
denen ihm durchaus nicht gedient iſt. Und wie bequem ift da3 für Zufammen- 
fegungen: radfahren, Radpartie, Damenrad uſw. Aus demjelben Grunde fehen 
wir auch den amtlich gejchobenen „Kraftwagen“ fteden bleiben. Wo nicht die 
Verkürzung „Auto“ beibehalten wird, die nicht nur dem barbariichen latein- 
griechiſchen Bauftard Automobil entftammt, fondern in ihrer Profruftesform 
fogar widerdeutſch“) tit, wird einfah Wagen gejagt: „Welchen Wagen fahren 
Sie?" Ya, man fagt fogar feelenrubig: „Mein Wagen hat vierzig Pferde!” 
obgleich bier die Verfuhung zum Mißverſtändnis verdoppelt if. Gleichwohl 

*) Man überlafie den Zoo, Bneu, Aero ufw. den Kulturvölkern“ Frankreich und 


England. Auch für die Buchftabenfpielereien bei Firmen (Hapag ufw.), Waren (Efbe⸗Corſetts ufw.) 
oder bei Ausftellungen (Bugra, la ufw.) follte bei uns feine Einfuhr fein. 


216 Derdeutfchungen 


iſt dieſe Verkürzung auf den Gattungsbegriff nur Notbehelf und auf Yälle 
befhräntt, wo aus dem Zufammenhang des Sabes oder des ganzen Geiprädhs 
der unterlegte Artbegriff „deutlich“ durchleuchtet. Beſſer ift natürlich ein Wort, 
das gerade das Befondere des Falles betont und dafür die Gattung als etwas 
Gelbitverftändliches außer acht Yäht, fowie auch der Landauer nicht mehr nötig 
bat, fi als Landauer Magen vorzuftellen. Solches beſondere Merkmal des 
Automobils tft zweifellos die Geſchwindigkeit. Es follte darum „Läufer” 
beißen. Darin liegt zugleich das Selbittäge, Spielend-Leichte des Fortlommens 
angedeutet, da „laufen“ gerade von Mafchinen gefagt wird. Dieſes einfache Wort 
läßt fich Dabei zu Zufammenfeßungen ungezwungen ausbauen, fo daß der Chauffeur, 
ber dem breiteiligen Sraftwagenführer nicht Pla machen wollte, vielleicht endlich 
vom „Lauflenfer” bezwungen wird (Lauffahrer oder -führer ift durch die zwei 
aufeinanderftoßenden „f“ zu hart). Wenn davon mit der Zeit nur noch der 
Lenler übrig bleibt, um fo beffer. Die Autogarage würde zum „Läuferjchuppen“ 
(analog Wagenſchuppen, Läuferverfhleiß iſt gefucht, -balle hotelmäßig auf 
gedonnert). Wir könnten „Läuferrennen” abhalten, „Läuferitraßen” bauen, 
und mit „Wanderläufern“ (Tourenautos), „Stadtläufern“ (geſchloſſene Wagen), 
„Laftläufern” oder „Rennläufern” (Sportautos), mit „Benzin- oder Kurzläufern” 
(elettriihe Autos von ihrer gebrungenen Form) nad Herzensluſt „laufen“. 
Dean ftoße fi nicht daran, daß Läufer, abgejehen vom Marathonlänfer, ſchon 
im Schal, auf der Treppe — und im Schweineftall zu finden find. Zut es 
vielleicht den SKreuzern Abbruch, daß fie noch kleine Namensvettern in öfter: 
reichifchen Geldtaſchen oder neuerdings gar Wettbewerber in der Luft haben? 

Ein weiteres Beiſpiel. Da las ich eine lange und furchtbar gewifienbafte 
Abhandlung Über die Verdeutſchung von Invalid, mit dem ſich zu beichäftigen 
gerade jebt fo traurige Veranlaffung if. Mit Recht Iehnte der Verfaffer den 
Vorſchlag „Kriegstrüppel” als roh und Kriegsverſehrter als zu „gelehrt“ und 
unſchön (vier helle Volale) ab. Es ift ausgefchloffen, dab fi) ſolche Worte 
durchfeßen. Wenn er dafür „Kriegskranker“ vorjchlägt, fo ift das ſchon eine 
erhebliche Verbefferung, aber, ich möchte fagen, halbe Arbeit, weil boppelte 
Arbeit. Der unfelige Genauigleitsteufel bat es nicht gelitten, daß der bloße 
Zatbeitand ohne die polizeialtenmäßige Angabe feines Wieſo, Warum und 
Woher bleibt. Statt einer Inappen Marke gibt das Wort eine zwar gebrängte, 
aber vollftändige Lebensgeſchichte. Diefes Ziel aufs innigfte zu wünjden, an 
das fi unfere Sprachverbeſſerer — um ein belanntes Wort zu variieren —: 
mit ebenfoviel Furcht als Vaterlandsliebe Hammern, trägt in die Wortbildung 
ein ganz falfches, fremdes Motiv. Als wenn die Sprade zur Denlerfparnis 
da wärel Gie verlangt im Gegenteil fchöpferifche Mitarbeit. Wo fle deshalb 
nicht neuprägt, was ftreng genommen nur noch in onomatopoetiſchen Erfindungen 
geichieht, wirft fie fih in Umprägung aus, indem fie aus dem Schatz ber 
vorhandenen Wortftämme, der ſchlechterdings für alle etwas Paflendes hat 
wie die Kriegsgarnitur auf Kammer, den beitfigenden herausgreift und ihm 


nn — — — — — 


Verdeutſchungen 217 





ſelbſtherrlich die neue Bedeutung aufſtempelt, vorausgeſetzt, daß fie jung genug 
iſt, Sprachwillen zu haben und ihn durchzuſetzen. Sind wir wirklich ſchon ſo 
greiſenhaft, daß uns die geiſtige Biegſamleit dafür fehlt, den Sprung vom 
Alten zum Neuen zu wagen, der allerdings bei ſolchen Umprägungen erfordert 
wird? Muß immer alles in Buchſtaben gerinnen, was in dem flüffigen 
Begriff gebunden liegt, und darf e8 den armen Hirnchen garnicht zugemutet 
werben, fi aud da, wo Worte fehlen, etwas benfen zu müflen, das heißt 
gewohnheitsmäßig den einen Begriff im andern mitſchwingen zu laſſen, ohne 
daß er eine ſchwarz⸗auf⸗weiße Gedächtnishilfe hat? Auf unferen Striegs- 
franten zurüdzulommen, fo ift hier entweder der Krieg oder der Kranke vom 
Übel. Der Krieg als Merkmal ift nicht „deutlich“ genug, da glücklicherweiſe 
mehr „Srieger“ heil als invalid zurüdtehren. Auch ift das altertümliche Wort, 
das fozufagen in die poetifhe Borratsfammer geftellt wurde, bereits in wenig 
glüdliher Weile von den „Kriegervereinen” aufgegriffen worden. Bleibt alfo 
der Kranke, der entſchieden im Begriff invalid den Hauptton trägt. Kranker 
felbft iſt als Gattungsbegriff wieder ganz farblos. Aber wir haben dafür 
ebenſo gemwifjermaßen in poetiſchen Ruheſtand verfett ein anderes Wort auf 
Kammer: „Der Sieche.“ Hier fehe ich jedoch ſchon wieder die philologifchen 
Gemüter ihr zartes Gewiffen damit beunruhigen, daß umgelehrt krank urfprünglich 
nad) dem friegerifhen Sinn unferer Vorfahren mit Selbftverftändlichleit den 
Wundcharalter einſchloß, wie unfere ſchöne Jägerſprache noch das „kranke“ (an- 
geſchoſſene) Reh bewahrt hat, während gerade fiech die allgemeine Bezeichnung 
für alle Krankheiten im Zivilverhältnis war („Siechenhaus“ ift der Vorgänger 
unferer Krankenhäuſer). Da fpiele ih nun den lebten Trumpf aus: „ber 
Wunde.” Es enthält bei gutem Willen alles, was man will: die friegerifche 
Veranlafjung, die verminderte Gefundheit und ein ſtillſchweigendes Hut-ab! 
Kenn für uns find Wunden Ehrenmale.. Und über dieſen Wertfinn hinweg, 
der in jedem deutſchen Derzen unwiderftehlih mitllingt, fann man das Wort 
auch unbedenflih auf ſolche Kriegskranke übertragen, die ohne „verwundet“ 
zu fein durch den Krieg an der Gefundheit Schaden litten, wie Geiftesfrante, 
Mheumatiler uſw. Die Ehre, ihren gefunden Leib dem Vaterland geopfert zu 
haben, gehört ihnen allen. Dabei läßt „Wunder“ in der Stammform mund 
ihöne und kräftige Zufammenfegungen zu: „Wundgeld“ (Invalidenrente), 
„Wundendant“, „Sanzwunde”, „Wundenheim” um. 

. Bon biefem Grundfaß des einfachſten aber ftärkiten Leitmotivs aus können 
wir aud) hoffen, ein Wort wie Intereſſe zu erfchüttern, das uns immer wieder 
als unüberjegbar entgegengehalten wird. Freilich wenn man es überfegen will, 
lommen wir höchftens auf Teilnahme, teilnehmen, wobei uns bereit8 der Atem 
für die Form „intereffant” ausgeht. Außerdem hat Teilnahme immer einen 
dedauerlihen Klang und für mande Fälle zu wenig kühle Berehnung. Wenn 
ih einem Kaufmann fagen will: ich intereffiere mich für Ihre Artikel und 
bitte um Satalog, und würde fchreiben: „sh nehme an ihren Waren teil und 


218 Derdentfchungen — 
bitte um Verzeichnis,“ fo würde er fich ſchönſtens bedanken. Wir müſſen uns 
vielmehr noch einmal das Befondere des Falles, der mit Intereſſe bezeichnet 
wird, lebhaft vergegenwärtigen. Es ift zunächit ein geiftiger Zuftand: id habe 
Intereſſe, Teine Tätigkeit: ich nehme teil. Und zwar ein Zuftand, in dem 
unfere Aufmerlfamfeit mit mehr oder weniger ausgeſprochenem Beſitzwillen auf 
einen Gegenftand gerichtet ift, ohne daß diefer Wille ſchon irgendwie fidh 
entichieden hätte, alfo ein Zuftand der Erwartung vor der Tat oder mit einem 
Wort: der latenten Energie. Und dafür haben wir das bilbfräftige Wort‘: 
„Spannung.“ Wie eine gefpannte Feder eine unſichtbare, unterdrüdte Kraft 
birgt, die fich jederzeit in Arbeit umſetzen kann, fo hat ein intereffierter Menſch 
feine geiftige Energie auf einen beftimmten Punkt gefpannt mit mehr ober 
weniger klarem Bewußtſein volllommener Freiheit, ob und mann er dieſem 
Druck nachgibt. Und der inneren Blidrichtung als dem zweiten Merkmal des 
Intereſſes trägt Spannung infofern ungezwungen Rechnung, als wir auf etwas 
fpannen wie der Schübe den Bogen auf das Ziel. Setzen wir in allen 
erdenklichen Fällen „Spannung“ für Intereſſe, „ipannend“ für interefiant, 
„Ipannen auf“ für fich intereffleren, „geipannt an“ für intereffiert an, fo 
werben wir überrafcht fein, wie vollfommen der Sinn getroffen if. Einige 
Beilpiele: „Ihre Arbeit babe ich mit lebhafter Spannung gelefen“ oder „hat 
mic) lebhaft geipannt.” „Ich bitte um Mufter Ihrer Neubeit, auf die ich ſpanne.“ 
„Ste fpannt auf ihn.“ „Ein fpannender Menſch.“ „Er bat für nichts Spannung.” 
„Gr iſt an diefes Unternehmen mit 10000 Mark gefpannt.” Wo es nicht paßt, 
wie zum Beifpiel „Ipannende Felsbilbung,“ werden wir bei näberem Zuſehen 
finden, daß auch intereffant fehief angewendet war. Wir belfen uns gerade 
dann leicht anders: reizvolle, fühne, auffallende, merkwürdige, jeltene, bedeutſame 
Telsbildung. 

Menn wir unfere drei Beifpiele „Läufer“, „Wunder“ und „Spannung“, 
fo bunt zufammengemwürfelt fie find, vergleichen, jo haben fie das Gemeinfame, 
daß fie alle nicht nur denkbar einfach find, fondern eben troß dieſer jtrengen 
Einfachheit einen ganzen und reich gefalteten Sonderbegriff deden dadurch, dab 
ihre Bedeutung auf ein finnli anfchauliches Element zurüdgeht. Auch für 
Abftrafta wie Intereſſe ift, wie man flieht, diefer Rückgang vergleichsweiſe 
immer möglid. Und das ein foldhes einfaches Bild durch Gewohnheit mit 
einem ganzen BorjtellungsfreiS von mitzudenlenden Begriffen verfchwiitert 
werben Tann, ift eine pfychologiihe Erfahrung, auf die der Spradbilbner mit 
Sicherheit rechnen Tann — und rechnen muß. m diefer Zeit der fieberhaften 
Worterfindung jcheint es notwendig, diefe pfiychologifhe Vorausſetzung und 
durchgängig piychologifhe Bedingtheit alles Spradlichen in Erinnerung zu 
bringen. Und wenn unfere Beifpiele zur Veranſchaulichung dieſes Grund- 
gedanlens beigetragen haben, ift ihr Zwed erfült. Als Vorſchläge wollen fie 
gern verihminden, wenn befjere gefunden find. 





WMaßgebliches und Unmaßgebliches 


Tagesfragen 


Grete deutfche Blätter. Jahrgang 15 in 
Fortſetzung des „neuen Jahrhundert“. Verlag 
der Krausgeſellſchaft, Münden 27, Möhl⸗ 
firaße 44. Bezugspreis vierteljäbrlih 2 M., 
Einzelbeft 75 Br. 

Bielfah ſchon iſt die Hoffnung aus—⸗ 
geiprochen worden, daß der Burgfrieden in 
die Friedenszeit fortwirten und die Stimmung 


der Barteien, Stände, Gefellihaftsfhichten 


gegen einander dauernd befjern werde. Ganz 
befonder® darf man da8 von den SKtonfeffionen 
erwarten. Die Haltung der Katholilen und 
des Papſtes machen e3 den Broteitanten 
unmöglid, den Katholizismus aud in 
Zukunft noh als eine Gefahr für das 
Deutfche Reich anzufehen. Ahre Schuldigfeit 
baben die preußiichen, die deutſchen Katho- 
Iifen aud 1866 und 1870 ſelbſtverſtändlich 
getan, aber, aus befannten Gründen, mit 
geteilten Herzen. Diesmal find fie mit 
ganzem Herzen dabei; einerjeit?, weil fie, 
ebenfo wie die Sozialdemofraten, einjehen, 
daß es um unfer aller Eriftenz geht, ander» 
feitö, weil neben dem proteftantiihen England 
das durch Katholitenverfolgungen berüdhtigte- 
Rußland und die atbeiftifche Tirchenfeindliche 
Regierung Frankreichs unjere Feinde find. 
Die Gefinnung der Katholifen kommt deutlich 
in ihrer Prefje zum Ausdrud; nit bloß in 
der deutſchen: in Italien ift nur die katholiſche 
Brefie (wie intereffant, daß in dem ganz 
Tatholiiden Zande die wirklichen Katholilen 
eine ſchwache Minderheit ausmachen) ent- 
ſchieden deutfchfreundlid. Und in Nr. 17 
von Kauſens Rundſchau, von der mir zufällig 
ein paar Nummern zugeben, wird über einen 
berrlihen deutfchfreundlichen Bortrag berichtet, 
den Georg Baumberger, Medalteur der 
Tatholiihen Neuen Züriher Nachrichten in 


Konſtanz gehalten babe. Rah dem alten 
Grundfage Catholica non leguntur werde 
in der deutſchen Prefle, die über Spitteler 
lärme, von diefem Vortrage wenig gefprochen, 
und werde Baumberger3 ſehr gut redigiertes 
Blatt in Deutihland nirgends gelefen, während 
man in allen Zeitungskiosls Süddeutſchlands 
die Neue Züricher Zeitung finde, die alle 
Zügen unferer Feinde ohne Redaktions- 
bemerfung abdrude. 

Aber auch an den Katholiken kann bie 
Erfahrung nicht ſpurlos vorübergehen, daß 
die fittliche Mberlegenheit Deutſchlands über 
die Fatholiihen Franzoſen und Belgier ‚zu 
einem guten Zeile der Gefundheit und Kern⸗ 
baftigfeit der proteftantiihen nordbeutfchen 
Stämme und des Hohenzollernhaufes zu 
danken, daß aljo, was übrigen® die Kölner 
Richtung ſchon feit langem anerkennt, nicht 
die Konfeflion fondern das allgemein Ehrift- 
liche das Wefentlihe if. _ Das Vorurteil, 
als ob katholiſche Orthodoxie die Bedingung 
hriftlicher Lebensführung fei, wird gründlich 
geritört, die deutichen Katholiken werden fich, 
ohne auf die ihnen and Herz gewachſene 
Kichenform zu verzichten, ihren proteftantifchen 
Mitbürgern ftärler als bisher feelenverwandt 
fühlen und die evangeliihe Konfeffion nicht 
mehr als eine Härefie anſehen, fondern als 
eine beredtigte Form des Chriſtentums 
würdigen. 

Unter dieſen Umijtänden haben jene 
Katholiken, die für eine freiere Auffaffung 
des Chriſtentums lämpfen, mehr Ausſicht auf 
Erfolg ald bisher, und ihre Beftrebungen 
zu fördern, liegt offenbar im vaterländifchen 
Anterefie. In der oben genannten Zeitſchrift 
haben fie fih ein Organ geichaffen, das die 
Freunde der Grenzboten um fo lieber unter. 
ftügen werden, da ihnen der Seraudgeber, 
Dr. Philipp Funk, duch die Beiprechung 


220 


feines geifte und gemütvollen Buche „Bon 
der Kirche des GBeiftes" im 8. Bande 1914 
der Srenzboten Seite 20 als ein wirklicher 
Geiftipender befannt if. Die Annäherung 
der Konfeffionen wird er mit feiner Zeitfchrift 
fiherlih fördern. Bei den Tatholifchen 
Kirhenbehörden Bat er freilih auf Billigung 
oder auch nur Duldung feiner Tätigfeit vor⸗ 
läufig nit zu rechnen. So erfreulich bie 
politiihe Haltung Benedikis des Yünfzehnten 
ift, im Innerkirchlichen ſcheint fih unter ihm 
nichts ändern zu Wollen: wie Tatbolifche 
Blätter melden, ift Funks wahrhaft dhrift- 
liche, wahrhaft erbaulihe® Buch auf den 
nder gejett worden, was übrigens infofern 
von Vorteil ift, als es ihm in weiten Streifen 
al® Empfehlung dient. Die liberalen 
Katholiten werden ſich durch diefe Unfreund⸗ 
lichleit fo wenig abjchreden laſſen wie durch 
alle früheren Verdammungen; wiſſen fie e® 
do: die Regierung eines geiftlicden Welt⸗ 
reichs, das fo feit gefügt und von fo alten 
und mädjtigen Traditionen gefefjelt ift wie 
die Tatholifhe Kirche, Tann ihren Kurs nicht 
im Handumdrehen ändern. 
Dr. Earl Jentſch 


Kleine Hauslomödien mit Mufil. An 

Heft 9 der Grenzboten d. %. hat Dr. Eric 
Fiſcher unfern Leſern von kleinen Haus 
fomödien erzählt, die er gejchaffen hat, indem 
er bergeflene Klänge unferer beiten Meifter 
and Licht 309g, um fie zu Singipielen zu- 
fammenzufügen. Inzwiſchen bat er vier 
folde Tleine Hauskomödien zur Aufführung 
gebracht: „Der Wäſchetag“ mit Mufif von 
Albert Lorging, „Da Teebrett“ mit Mufif 
bon Joſeph Haydn, „Das alte Lied“ mit 
Mufit von Wolfgang Amadeus Mozart, und 
„Die Überrafhung” mit Muſik von Johann 


Maßgebliches und Unmaßgeblidhes 


Sebaftian Bad. Damit werden uns Fiſchers 
Beftrebungen erft ganz lebendig. Ein eigen- 
artiger Zauber umfängt uns, wenn wohlver⸗ 
traute Stimmen in neuer Weife zu uns 
fpreden, wenn wir zu Melodien Bade 
fröhlich tanzen fehen oder wenn Vater Haydns 
Geift berufen wird, um über dem Zwift eines 
jungen Ehepaars zu ſchweben. Wenn Lorging 
und Mozart zu barmlofer Froͤhlichkeit die 
Klänge fügen, fo will un® dies ſchon eher in 
den Sinn, aber auch bier gibt es über 
raſchungen angenehmfter Art: ja, Mozarts 
„Altes Lied” fchlägt und wohl am ftärfften 
in feinen Bann. 

Es iſt nit Brauch in den Grengboten 
über da, was der Tag an mufilalifden 
Genüflen bringt, zu berichten. Wenn heute 
an diefer Stelle auf die Darbietungen 
Fiſchers hingewieſen wird, fo geſchieht es, 
weil es fih um ein Unternehmen handelt, 
da8 neue Bahnen weift und einen gewiß 
nicht unweſentlichen Teil unfrer Vollserziehung 
in die Hand nimmt — die Pflege eines 
geläuterten muſikaliſchen Geſchmacks. Wer 
die Aufführungen beſucht, die in jeder Be⸗ 
ziehung von künſtleriſchem Geiſt getragen 
werden, wird neben äſthetiſcher Freude reiche 
Anregung für gute Hausmuſik ernten. Uns 
aber ziemt es, unſerem verehrten Mitarbeiter, 
Dr. Erich Fiſcher, ein glückliches Vorwärts⸗ 
ſchreiten auf einem Wege zu wünſchen, der 
uns immer neue, herrliche Ausblicke zu ver⸗ 
heißen ſcheint. 

Jeder, der Luſt und Begabung zum Singen 
und Spielen beſitzt, wird bei den zunächſt 


‚geplanten Aufführungen in Kriegslazaretten 


zur Mitwirkung aufgefordert. Schriftliche 
Auskunft erteilt Dr. Erich Fiſcher, en 
Wilmersdorf, Mokftraße 51. 





Be 
— — 
N 2 Br 





Kriegstagebuch 221 


Uriegstagebudh 


1. Mai 1915. Der engliihe Xorpedobootszerjiörer „NRecruit“ bei 
Galloper Feuerſchiff durch ein deutfches Unterjeeboot vernichtet, beim Roord- 
Binder Feuerſchiff Gefecht zwiſchen zwei unferer Borpoftenboote und einer 
Divifion engliſcher Berftörer, wobei unfere Boote verfentt wurben. 

2. Mai 1915. Das englifhe Kanonenboot „Eolumbia” von einem 
deutfhen linterfeeboot beim Noordhinder⸗Leuchtſchiff vernichtet. 

2. Mat 1915. Bei der Verfolgung der auf Riga flüchtenden NMufien 
weitere 1700 Mann gefangen, vier Geſchũtze, vier Maſchinengewehre erbeutet. 
Südweitlih von Kalwarja ruffiihe Angriffe adgefchlagen, ebenfo nordöftlich 
bon Stierniewice, 480 Mann gefangen. 

2. Mai 1915. Die ganze ruſſiſche Front in Weftgalizien eingedrüdt 
und an zahlreihen Stellen durdjftoßen. Die Trophäen des Sieges laflen 
fih noch nicht annähernd überfehen. 

2. Mai 1915. Der franzöfifhe Banzerfreuzer „Henry IV“ und der 
engliihe Panzer „Vengeance“ vor den Darbdanellen von türlifhen Branaten 
ftart beſchädigt, ein feindliche® Unterfeeboot vernichte. Für die ann 
erfolgreihes Gefecht am Suegzlanal. 

8. Mai 1915. In Flandern die Pläge Zevenkote, Zonnebele, 
Wefthoel, der PBolygoneveldwald, Nonne Bosſchen genommen. 

8. Mai 1915. Südlich Witau bisher 4000 Ruſſen gefangen. 
Abgeſchlagene ruffifhe Angriffe füdweftlih von Kalwarja, ſüdöſtlich Auguſtow, 
nordöftlid Lomza 600 Gefangene gemacht, zwei Majchinengewehre erbeutet. 

8. Mai 1915. Die Beute des erſten Tages in Weſtgalizien beläuft 
fih auf 21500 Gefangene, 16 Geſchütze, unüberfehbares Kriegsgerät jeder Art. 

8. Mai 1915. Gefeht in der NRordfee zivilen einem deutfchen 
Marineluftihiff und englifchen Unterfeebooten, wovon eins zum Sinken 
gebracht wurde. 

4. Mai 1915. Weitere Erfolge öftlih Ypern, die Fermen Vanheule, 
Effterneft, Herenthager Schloßpar! und Het Pappotje genommen. Im 
Briefterwald, nordiweitlihd von Pont⸗àa⸗Mouſſon einen ftarfen frangöfiichen 
Angriff abgeihlagen, im Walde von Ally im Angriff 750 Franzoſen 
gefangen. 

4. Mai 1915. Ruſſiſche Angriffe bei Moffienie, bei Kalwarja, 
Suwalli und öſtlich Auguftow abgewiefen, 500 Gefangene gemadit. 

4. Mai 1915. In Weftgalizien die dritte ruffiihe Stellung an der 
ganzen Front durchbrochen, der Feind auf die Wisloka zurüdgeworfen. 

6. Mai 1915. Bei Ypern einige BHundert Gefangene und 
15 Maſchinengewehre erbeutet. Bei Combres 150 Franzofen gefangen, 
vier Mafchhinengewehre und einen Minenwerfer erbeutet. Am Aillywalde 
den Feind aus feiner Stellung geworfen, mehr als 2000 Franzoſen, 
darunter 21 Offiziere gefangen, zwei Gejhüge, mehrere Maſchinengewehre 
und Mineniverfer erobert. Abgefchlagene franzöfiihe Angriffe nördlich Flirey 
und bei Eroir de Carmes, fowie in den Bogejen nördlid Steinabrüd. 

5. Mai 1915. Kämpfe ſüdweſtlich Mitau, ſüdlich Szadow und 
öftlih Roſſienie, abgefhlagene ruffiihe Angriffe bei Kalwarja und an der 
Pilica. Grodno mit Bomben belegt. 

5. Mai 1915. An den Dardanellen ein englifches Bataillon ver⸗ 
nitet, die Türken erbeuten viele Gewehre und mehrere Majchinengewehre. 


222 


Kriegstagebud 





5. Mai 1915. In Weftgaligien der Feind über die Wisloka ge 
worfen, Dufla von uns bejegt, bisher über 50000 Gefangene gemadit. 

6. Mai 1915. Die Kämpfe füdlih von Szadow und öſtlich von 
Noffienie endeten mit einer großen Niederlage der Ruſſen, die 1500 Ge⸗ 
fangene verlieren. 

6. Mai 1915. In Weftgaligien wird der Feind immer weiter nad) 
Often gedrängt, Tarnow von den Verbündeten bejegt, auch bon der 
SKarpathenfront ziehen ſich die Ruſſen ſchnell zurüd. In den Oſtkarpathen 
heftige ruſſiſche Angriffe abgewieſen. | 

7. Mai 1915. Der mit Munition beladene englifhe Riefendampfer 
„Lufitania” don einem deutfchen Unterfeeboot an der irifhen Küfte bei 
Kinfale torpediert und verfentt, 1400 Berjonen dabei ums Leben gelommen. 

T. Mai 1915. Japan ftelt an Ehina zur Annahme feiner weit- 
gehenden Yorderungen ein achtundvierzigſtündiges Ultimatum. 

7. Mai 1915. Die italieniihde Kammer bis zum 20. Mai vertagt. 

7. Mai 1915. Bor Zeebrügge bringen unfere Küftenbatterien den 
englifhen Zerftörer „Maori” zum Sinten. Die Befagung ſowie Die Boots⸗ 
befagung des zur Hilfe geeilten „Erufader” werden gerettet — fieben 
Dffiziere, 88 Mann — und gefangen genommen. 

7. Mai 1915. Libau don unferen Truppen befegt, 1600 Gefangene 
gemadt, zwölf Geſchütze, vier Maſchinengewehre erbeutet. 

7. Mai 1915. In Weſtgalizien überfchreitet die Madenfenarmee 
den Wislok, die Zahl der Gefangenen erhöhte fi auf 70000, die Zahl 
der erbeuteten Geſchütze auf 88, darunter neun ſchwere. In Südoftgalizien 
auf den Höben des Lomnicatales ſtarke ruſſiſche Angriffe abgewiejen. 

8. Mai 1915. Bei Ypern die Engländer aus den ſtark befeftigten 
Stellungen zwiſchen den Straßen Yortuin--Wieltjie und Gheluvelt— Ypern 
geworfen, 800 Mann gefangen. Abgeſchlagene franzöfifche Angriffe nord» 
öftlih der Lorettohöhe und weftlich Perthes. 

8. Mai 1915. Rordöfili von Kowno die Bahnlinie Wilna —Szawle 
gründlich zerftört, ein ruſſiſches Bataillon vernichtet, ruſſiſche Angriffe an 
der Pilica abgewiefen. 

8. Mai 1915. In Wefigaligien überfchreiten die Verbündeten die 
Linie Uzſoker⸗Paß — Komancza — Krosno — Debica— Szezucin. In Oftgalizien 
erobern die Oſterreicher den ſtarkbefeſtigten Brüdenlopf Zaleszezyli und 
nehmen 8500 Ruſſen gefangen. 

8. Mai 1915. Kaifer Wilhelm trifft auf dem Galiziſchen Kriegs⸗ 
fhauplag ein und wohnt einem Gefecht der 1. Sarde-Dipifion bei. 

9. Mai 1915. China nimmt Japans legte Vorſchläge an. 

’ 9. Mai 1915. In den Dünen bei NRieuport mehrere feindliche 
Gräben und Mafchinengewehre erobert. Bei Verlorenhoel 162 Engländer 
gefangen. Südweltlih Lille großer franzöſiſch⸗engliſcher Angriff, der bis 
auf einen Xeilerfolg der Feinde bei Carency überall abgewielen wird, 
eiwa 800 Gefangene gemadit. — Southend an der Themjemündung durd 
Luftſchiff bombardiert. 

9. Mai 1915. Bei den Berfolgungslämpfen in WVeftgalizien machte 
die Heeredgruppe Madenfen feit dem 2. Mai allein über 80000 Gefangene. 

10. Mai 1915. In Weftgalizien die neuen ruffiihen Linien bei 
Besko und zwiſchen Brzozow und Lutoza durchbrochen. — Die Auflen 
räumen die NRidafront. — In Südoſtgalizien ſtarke ruffifhe Angriffe ab» 
geſchlagen. 


Kriegstagebud; 


10. Mai 1914. Oſtlich Ypern fünf Mafchinengeivehre erbeutet. 
Südweltlih Lille franzöfiihe Angriffe abgeſchlagen. Nordweſtlich Berry⸗ 
aus Bac feindlihe, aus zwei hintereinanderliegenden Linien beftehende 
Stellung im Sturm genommen, zwei Minenwerfer mit viel Munition er« 
beutet. Feindliche Angriffe nördlid Ylirey und im Priefterwald fcheiterten. 

10. Mai 1915. Unſere Unterfeeboote verfentten in acht Tagen (dom 
28. April bis 5. Mai) 32 feindlihe Schiffe. 

11. Mai 1915. Oſtlich Ypern eine wichtige Höhe genommen. 
Südweftlih Lille ale franzöfiiden Angriffe abgewiefen, ebenfo ein folder 
auf den Hartmannsweilerkopf. 

11. Mat 1915. An der Bzura ein ruffilhes Bataillon vernichtet. 

11. Mat 1915. In Weitgaligien den San zwiſchen Sanok und 
Dynow überſchritten. Fortdauernde Steigerung der Kriegsbeute; ein 
Bataillon des 4. Garde⸗Regiments 3. F. nahm allein 4500 Ruſſen gefangen 
und erbeutete vier Gefhüge und anderes Material. 

11. Mai 1915. Giegreihed Gefecht des „Sultan Jawus Selim” 
gegen die ruſſiſche Schwargmeerflotte. die fih auf Sebaftopol zurüdzieht. 

12. Mai 1915. Starke franzöfifche Angriffe zwiſchen Ablain — Neuville 
abgeſchlagen; Carench und der Weſtteil von Ablain von und geräumt. 
Heftige Kämpfe bei Erore des Carmes, die zu unjeren Gunſten endeten. 

12. Mai 1915. In Veftgalizien die Linie San⸗Vancut — Kolbuczowa 
erreicht. Nördlih der Weichſel Kielce befegt. In den Karpathen nahmen 
die Verbündeten die Höhen öftlih des Stryj, wobei 8660 Ruſſen gefangen 
wurden und ſechs Maſchinengewehre erbeutet. Die Siegesbeute aus der 
Schlacht bei Gorlice und Tarnow beträgt bisher annähernd 103 600 Ge⸗ 
fangene, 69 Gefhüte und 255 Mafchinengewehre, außerdem wurden in den 
Karpathen und nördlid der Weichfel weit Über 40000 Ruſſen gefangen. 

12. Mai 1915. Daß engliihe Linienſchiff Goliath/ von den 
Türken vor den Dardanellen vernichtet. 

13. Mai 1915. Das italieniihe Kabinett unter Salandra tritt zurüd. 

18. Mai 1915. Starte engliihe Angriffe vor Ypern abgeſchlagen, 
ebenfo franzöfifhe Angriffe füdweltlich Lille, nordiweitlih Berry-au-Bac und 
im Priefterwald. 

18. Mai 1915. Weſtlich Prafanyfa Heftige ruffifhe Angriffe ab» 
geihlagen, 120 Gefangene gemadt. 

18. Mai 1915. Wüſte Ausfchreitungen des engliihen Pöbels gegen 
Deuftſche in Liverpool, London, in Südafrika, in Auftralien. Ale männlichen 
Deutſchen werden interniert. 

18. Mai 1915. Windhuk von den Unionstruppen ohne Kampf befegt. 

14. Mat 1915. Bei Ypern erhöht fi die Zahl der Gefangenen 
feit 22. April auf 110 Offiziere, 65450 Mann. Einen Angriff nördlich der 
Korettohöhe abgewiefen. Südlih von Ailly einige feindliche Gräben ge 
nommen, ebenfo im Priejterwalde, über 200 Gefangene gemadt. 

14. Mat 1915. Der Vormarſch ſtarker ruffiiher Kräfte bei Szawle 
ft zum Stehen gebradt, nad einem vorübergehenden Tleinen Erfolg 
des Feindes, der uns drei Geſchütze Toftete. Bei Kalwarja und Auguſtow 
fowie an der unteren Dubiffa feindliche Angriffe abgeſchlagen. 

14. Mai 1915. In Weltgalizien der Brüdentopf von Jaroslau im 
Sturm genommen, Rudnil, Lezajat, Dobromil, Stary Sambor und Boryslaw 
von den Verbündeten befegt. — Nördlih Kolomea ruffiide Sturmangriffe 
aurüdgeihlagen. 


228 





224 Kriegstagebudh 





.15. Mai 1915. Angriffe ſchwarzer Truppen noͤrdlich Ypern ab» 
geihlagen, ebenfo englifhe Angriffe. ſüdweſtlich von Lille und franzöftiche 
an der Xorettoböbe, bei Souchez und bei Neuville. Weſtlich der Argonnen 
einen ftarten franzöſiſchen Stügpunft erobert. 

15. Mai 1915. Bei Szawle ruſſiſcher Angriff abgewieſen, 
1500 Gefangene gemadt. An der Dubiſſa vor ſtarken feindlichen Kräften 
ausgewichen, zwei Geſchütze dabei verloren. Bei Auguftow und am 
Omulew 245 Gefangene gemadt. 

15. Mai 1915. In den Waldkarpathen eine ftarfe ruſſiſche Nachhut 
zeriprengt, fieben Geſchũtze, elf Mafchinengewehre erobert, 1000 Gefangene 
gemacht. 

15. Mai 1916. Der König Viktor Emanuel nimmt das Rücktritts⸗ 
geſuch des Kabinettd Salandra nit an. 





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Deutfchlands Anteil am Suezfanal 
Don Dr. Walther Janell 


„Maxjimi semper in rebus humanis momenti Aegyptus fuit.“ 

Leibniz 
rs FA —— eit Kriegsausbruch ſcheinen die „Intellektuellen“ des Dreiverbandes 
VI / vor Wut faft alle den Kopf verloren zu haben, wie ihre Urteile 
| —* über die hervorragendſten Deutſchen glauben laſſen: Schillers 
VO 2 Afthetit erfcheint ihnen kindiſch, Beethoven verdient Mitleid, und 
— Goethe ift ihnen „ein mittelmäßiger Beamter von mäßiger Be- 
gabung“. Dabei hätten wenigftens die Engländer allen Grund, Goethe dankbar 
zu fein und feine vorausſchauende Weisheit aufs höchſte zu preifen. Sit er 
doch der erſte Deutjche gewefen, der England im Befig eines Suezlanals zu 
jeden gewünſcht hat, nachdem der große Leibniz bereit$ 1671 diefe Stellung 
den Franzofen zugedacht hatte. Am 21. Februar 1827 äußerte Goethe zu 
Edermann: „Dieſes (daS heißt einen Kanal zwiſchen dem Atlantifchen und 
dem Stillen Ozean) möchte ich erleben; aber ich werde e8 nicht. Zweitens 
möchte ich erleben, eine Verbindung der Donau mit dem Rhein bergeftellt zu 
jehen. Aber dieſes Unternehmen ift gleichfalls fo riefenhaft, daß ich an der 
Ausführung zweifle, zumal in Erwägung unferer deutſchen Mittel. Und endlich 
drittens mödte ich die Engländer im Beſitz eines Kanal von Suez jehen. 
Diefe drei großen Dinge möchte ich erleben, und es wäre wohl der Mühe 
wert, ihnen zuliebe noch einige fünfzig Jahre auszuhalten.“ Goethes Wunfch 
ift in Erfüllung gegangen: genau neunumdvierzig Jahre nad) jener Äußerung, 
am 21. Februar 1876, begründete der engliihe Minifter Disraeli im Unter- 
hauſe, warum er den Anlauf eines gewaltigen Altienpoftens der Suezkanal⸗ 


gejellichaft hatte durchführen lafjen*). | 
*) Vergleiche Hier und fonft den Auffag „Das Eindringen Englands in Agypten“ (Grenz 
boten 1915) und R. Hennig „Der Kampf um den Suezlanal” (Der deutſche Krieg, Heft 35), 
Grenzboten Il 1915 15 


” 
. 





226 Deutfchlands Anteil am Suezkanal 


Bom bamaligen deutſchen Standpunkt war Goethes Wunſch eigentlich 
nicht unberedtigt; denn wer hätte in Deutſchland damals an die Möglichkeit 
denken dürfen, deutſche Seemacht und Seegeltung verwirklicht zu jehen! Daß 
wir heute, ein Weltreih und ein. Welthandelsvoll geworden, die Engländer 
gern am Suez fehen, dürfte niemand behaupten, daß wir oder vielmehr unfere 
türliſchen Bundesgenoffen, unterftügt von deutſchen Dffizieren*), die ftärkften 
Anftrenzungen machen werden, den Kanal England zu entreiken und biejem 
dadurch die Herrichaft über Ägypten ftreitig zu machen, das erfcheint heute 
jedem verftändlich, der die Bedeutung dieſer Verbindung zwifchen den Meeren 
des Nordens und bes Südens fieht. Bon den geograpbifhen Berhältnifien 
- fagt Philippfon in feinem Haffiihden Werke „Das Mittelmeergebiet” : 

„Unmittelbar öftlih (von Unterägypten) folgt der Iſthmus von Suez, wo 
fih dem Mittelmeer bis auf 120 Kilometer Abftand das Note Meer nähert. 
Ein tiefer, fehr junger (erft am Ende des Pliocän entitandener) Grabenbrud), 
der fi nordwärts in zwei Zipfel teilt, welche die alte Friftalline Maſſe der 
Sinaihalbinfel umfaflen, auf beiden Seiten von den hoben, alten Horftgebirgen 
Dftägyptens und Weftarabiens begrenzt, tft da8 Note Meer feiner Temperatur 
und feiner organifhen Welt nad ein Glied des Indiſchen Dzeans, ein echt 
tropifches Meer, während das Mittelmeer bis in feine öſtlichen Teile hinein ſich 
als Golf des fubtropifchen Atlantifhen Dzeans zu erfennen gibt. Obwohl der 
Iſthmus von Suez fi nur bis zu 16 Meter erhebt, hat doch bier nur ganz 
furze Zeit, im älteren Duartär, eine Verbindung beider Meere beftanden . .. . 
Eine Naturgrenze zwifchen beiden Ländern (Ägypten und Syrien) bildet ber 
Iſthmus nit. Durch die Windverhältniffe wird die Bedeutung des Roten 
‚Meeres für die Segelſchiffahrt ſehr herabgeſetzt. AInfolgedefien bat der Verkehr 
von Dftafrifa und Südarabien nah dem Mittelmeer, für den das Note Meer 
die gegebene Straße zu fein feheint, meift vorgezogen, in Oberägypten zu Lande 
den Nil aufzufuchen und diefem ftromab zu folgen, während der indiſche Ver- 
kehr meift öftlidere Wege aufſuchte. So Hat der Iſthmus von Suez feine 
hervorragende Rolle in dem Verkehr vom Mittelmeer zum Indiſchen Dean 
gefpielt, eine größere als Landſtraße zwiſchen Ägypten und Borberafien. Die 
Umfegelung Aftifas durch Vasco de Gama (1497/98) bedeutete alfo nicht nur 
die Dermeidung des furzen Landweges über den Iſthmus, fondern eines langen 
Landtransportes der indiſchen Waren durch Vorderaflen oder die oberägyptifche 
Müfte. Das wurde völlig anders durch die Dampffhiffahrt, der das Note 
Meer kein Hindernis mehr bot; der fi) nun bier fchnell entwidelnde große 
Verkehr führte zum Bau des Suezlanals, und ſeitdem ift die Rote-Meer-Linie 
eine der bervorragenditen Straßen des Weltverlehrd geworden. .. . Der bei 


*) In der Türglich veröffentlichten Verluftlifte Ar. 1 der in türkiſchen Dienften gefallenen 
preußiſchen Offiziere a. D. lieft man: Hauptmann a.D. ...., jetzt kaiſerlich Ottomanifcher 
Major, Tommandiert zum Stabe eined® Armeelorps, gefallen auf der Sinaibalbinfel 
Februar 1915. ⸗ 


Deutfhlands Anteil am Suezkanal 227 





weitem größte Teil des Verkehrs vom Indiſchen und Großen Dzean nad 
Europa — der bedeutendfte Warenſtrom der Erde überhaupt nächft dem zwiſchen 
Amerila und Europa — führt vom Suezlanal, wie gefagt, durch das Mittel- 
meer bireft nad) Wefteuropa oder Südeuropa. . . .“ 

Trotzdem das Note Meer der Segelichiffahrt große Hinderniffe entgegen- 
ftellte, hat die nur ſchmale Landenge von Suez fon in uralter Zeit den 
Wunſch erwedt, eine Waflerverbindung berzuitellen, jeboch nicht durch unmittel- 
bare nord-füdlide Verbindung der beiden Meere, wie fie. der jebige Kanal 
bedeutet, jondern unter Benutzung des Nils. Nach der Darftellung griechiicher 
Hiſtoriler und Geographen wurde diefer Schiffahrtsweg, bereits unter Ramſes 
dem Zweiten (um 1300 v. Chr.) begonnen, bei Bubaſtis (norböftlih von Katro) 
vom Nil abgezweigt „und ging durch das Wadi QTumilät, einen tiefen Ein- 
ſchnitt in das Wüftenplateau, zum Bitterfee auf dem Iſthmus von Suez und 
von bier zur Nordipite des Noten Meeres“). Fortieber des Werles waren 
Necho, König von Ägypten, und vor allem der Berfer Darius. Diefer ver- 
Tündet auf einer am Suezlanal gefundenen Infchrift”"): „Es ſpricht der König 
Darius: Ich bin Perfer. Bon Perfien aus eroberte ich Ägypten. Ich befahl 
diefen Kanal zu graben von dem Strome namens Mil, der in Ägypten fließt, 
nad dem Meere, das von Perfien ausgeht. Es wurde diefer Kanal gegraben 
fo, wie ich befohlen Hatte, und Schiffe fuhren von Ägypten durch diefen Kanal 
nah Perfien fo, wie es mein Wille war.” Ob der Durchſtich wirklich ganz 
ausgeführt war, gebt aus den Worten des Königs nicht klar hervor, da es 
denfbar ift, daß man die Schiffe eine kurze Strede über Land gezogen bat. 
Darauf deutet die Angabe eines antilen Geographen bin, der Kanal fei auch von 
Darius nicht vollendet worden, da feine Ingenieure eine Niveaubdifferenz zwiſchen 
Rotem und Mittelmeer angenommen und befürchtet hätten, das Wafler des 
Noten Meeres werde Ägypten überſchwemmen. Erft die Ptolemäer follen dann 
den Durchſtich ausgeführt und durch Schleufen jene (übrigens nur vermeint- 
lihe) Gefahr vermieden haben; dieſe SciffahrtSverbinhung erhielt baber 
den Namen Btolemäuslanal. Seine Schidjale in fpäteren Jahrhunderten 
waren ziemlich bewegte, bis er am Ende des achten nachchriſtlichen Jahr⸗ 
hundertS von den Arabern aus militärifh- ftrategifden Gründen zugeſchüttet 
wurde. Ä 

Neunhundert Jahre hat es bedurft, biß der Gedanle eines Kanals wieder 
auftauchte. Beſonderes Verdienft erwarb ſich in diefer Frage Leibniz, der in 
einer ausführliden, wohlbegründeten Denkichrift „De expeditione Aegyptiaca 
Ludovico XIV regi Franciae proponenda“ varlegte, der Herr Ägyptens 
fönne fi die Menichheit verpflichten, wenn er das Note Meer durch einen 


*) Dies alte Kanalbett benugte man bei dem Bau des jetzigen teilweije für den Süß» 
waſſerkanal, der den Seelanal begleitet. 
”*) Bergleihe F. H. Weißbach in der Vorderaſiatiſchen Bibliothek“, Band IIl. 
15* 


228 Deutfchlands ‚Anteil am Suezfanal 


Kanal mit dem Nil oder dem Mittelmeer verbinde, mobei er übrigens die 
Niveaudifferenz in das Reich der Fabel verwies”). 

Die Vorſchläge von Leibniz find damals nicht verwirklicht worden, und 
auch Napoleon der Erfte, der einhundertundzwanzig Jahre fpäter, unzweifelhaft 
durch die Denkſchrift des großen Philofophen beeinflußt”*), auf feiner ägyptifchen 
Expedition den großartigen Gedanlen wieder aufnehmen ließ, hat ihn noch nicht 
durchführen können, das war erft ber zweiten Hälfte des neungehnten Jahr⸗ 
hunderts beſchieden. 

Im Herbſt 1833***) kam ein Franzoſe namens Enfantin mit einer Schar 
von Jüngern nad) Ägypten, alle voll von begeiſtertem Eifer für den Bau eines 
Kanals zwiſchem Rotem und Mittelmeer. Mußte Enfantin au 1837 unver- 
richteter Sache heimlehren, jo hatte er doch gründliche Studien an Dirt und 
Stelle machen können, die ihn befähigten, feinen alten, wohldurchdachten Plan 
fpäter wieder ans Licht zu ziehen und angefehene, einflußreiche Männer in 
Frankreich, Sachſen, Äſterreich, mo auch Metternich fi für die Angelegenheit 
intereffierte, und England für ihn zu gewinnen. Bereits 1845 darf er in feinen 
„Notes sur Suez et noms des hommes qui ont travaill& à la pr&paration 
de l’auvre“ ausfpreden: „Il nous reste & faire une societe industrielle, 
ce que la diplomatie tenterait en vain sans nous; il nous reste à tracer 
sur le globe m&me le signe de la paix et à vrai dire, le trait d’union 
entre les deux parties du vieux monde, entre l’Orient et l’Occident; non 
point un chemin, un canal — ce serait trop peu pour un tel signe, mais. 
une mer nouvelle* (U.®.6&. Pr. 1). Ein Werl des Friedens jollte in dem 
Kanal entftehen, ein Werk des gejamten Europad. „The construction of the 
Suez Canal, in the way we proposed it, as an European work, would 
maintain Burope in its present commercial position, giving the same 
time a proof that the European nations are aware of the solidarity 
existing between them for the maintenance of their reciprocal position 
and of their legitimate influence in the general system of European. 
politics, trade and civilization“, fo ſchreibt der Leipziger Bankier Dufour- 
Feronce, einer der tätigften und Harblidendften Förderer des Kanalplans, an 
einen engliſchen Interefjenten (U. G. ©. Nr. 61). Bon befonderer Bedeutung 
aber mußte der Kanal für den europäifchen Kontinent werden. „Den Häfen des- 
Adriatifchen und Mittelmeeres,“ fo erflärt wieder Dufour-Yeronce (U. G. ©. Nr.3), 


*) Vergleiche Leibniz, Werke, heraudgegeben von Onno Klopp, Band I (Hannover 1864) 
Geite 107. 

**) Klopp (in feiner Ausgabe) beftreitet die; aber die Belanntihaft Rapoleons mit. 
jenem Plan wird ſchon durd fein Leibniz⸗Zitat: „Agypten ift das wichtigfte Land ber Erbe“ 
wahrſcheinlich gemadt. 

***) Quellen für die folgenden Angaben bilden die Werke: „Urkunden zur Geſchichte des 
Suezkanals“ von Georgi⸗Dufour, 1918 (zitiert als U. G. ©.) und „Die Geſchichte des Suez⸗ 
lanals“, herausgegeben von der Schriftleitung der Rundſchau für Technik und Wirtihaft”, 1912. 


Deutfhlands Anteil am Suezfanal 229 


„würde dadurch der Handel mit dem Drient und China für das gange fefte 
Land von Europa direlt zufließen. Unſere Fabrifen würden die Urftoffe des 
Orients nit mehr auf einem ungeheuren Ummege über England beziehen; 
bie deutihe Schiffahrt würde die Bedüirfniffe des Gefamtoaterlandes in eigenen 
Schiffen herbeiführen.“ Und der Bau des Kanals erfchien feinen Betreibern 
um jo notwendiger und dringlicher, als Damals die Gefahr beitand, daß Amerika 
den PBanamalanal bauen werde, und Europa ſich nicht verhehlen durfte, daß 
diefer Kanal, „ohne den Durchſtich von Suez vollendet, den Mittelpunkt des 
Welthandel von Europa nad) Amerika verfeten müßte“ (U. G. 5. Nr. 68); der 
Suegzlanal jei aljo eine enropätfche Rotwendigleit, heißt e8 in einer Darlegung 
der Firma Dufonr u. Co. an das königlich ſächſiſche Miniſterium des Innern 
(U. ©. ©. Nr. 66). Nun kam es vor allem auf die Haltung Frankreichs und 
Englands an: Englands Politik bezüglich Ägyptens vertrat den Gefichtspuntt, man 
dürfe auf dem Wege nad Indien feine Macht auflommen laflen, die ihm da 
entgegentreten Tönne; Frankreich, das einft die Hoffnung gehegt, durch Mehemed 
Ali ein neues iSlamifches Reich in Ägypten und Syrien unter feinem: Proteltorat 
entfteben zu ſehen, das aber 1840 dem Bierbunde gegenüber hatte nachgeben 
müffen, fuchte, feit 1847 immer mehr Herr in Algier geworden, den damals 
verlorenen Einfluß wiederzugewinnen und wünjchte Tängjt die Errichtung eines 
jeibft für größere Dftindienfahrer fchiffbaren Kanals. Während alſo bie 
Franzoſen das Kanalprojelt unterftügten, wollte England ſich höchitens zu einer 
Eifenbahnverbindung über den Iſthmus von Suez verjtehen, um fein Schiffahrts⸗ 
monopol auf dem Atlantifden und Indiſchen Dzean nicht aufgeben zu müſſen. 

Um fo Iebhaftere Unterftügung fanden die Kanalpläne in Sachſen, Dfterreich 
und anderen deutſchen Staaten. Zu ihren eifrigften Verfechtern gehörte ber 
bereits genannte Bankier Dufour, der bereit8 1845 verfiherte (U. ©. ©. Nr. 2): 
„Daß der Kanal gemadt wird, ift jegt faum mehr zu bezweifeln, aber wir in 
Deutichland müfjen uns rühren, daß er nicht ohne uns und zu unferem 
Nachteil gemacht werde, während er uns unendlich nügen muß, wenn wir 
bei deſſen Benugung allen anderen gleich ftehenl” Die Angelegenheit 
müfje mit dem Charakter einer kaufmänniſchen Spekulation aus der Mitte 
Deutſchlands auftauchen und eine Gefellihaft Deutſcher Kapitaliften die Aus⸗ 
führung übernehmen. Und ein Mitglied des fächfiihen Landtages, Abgeordneter 
Georgi, führte dort am 9. Juni 1846 unter anderem aus: „Es tft ‚nicht zu 
bezweifeln, daß, wenn diefes Unternehmen ſich realifieren ließe, für Deutſchland 
ein ganz eminenter Nuten daraus bervorgehen würde. Deutſchland würde 
dadurch dem füböftlichen Afien nähbergerüdt werden, die Handelsitraße von 
England und ſelbſt wohl zum Zeil von den Vereinigten Staaten von Nord« 
amerifa nad Aften würde über Deutſchland gehen, und es ließe ſich wohl 
denten, daß ein Teil des Handelsflors, deſſen fi im Mittelalter bie italienifchen 
und mitteldeutſchen Städte wie Augsburg, Nürnberg und andere in jo hohem 
Grade dur den Verkehr des oftindifchen Handels über Ägypten erfreuten, 


280 Deutfchlands Anteil am Sueztanal 


durch Kanalifierung der Landenge von Suez für Deutfchland wieder hervorgehen 
könnte“ (U. ©. ©. Nr. 6). Die Berechtigung diefer Anſchauungen erfannte man 
auch an den amtliden Stellen, und im Januar 1847 wurde dem in Sadjien 
gebildeten „Somit& zur Herftellung der Vorarbeiten für den Canal von Suez“ 
ein Vorſchuß von 25000 Franken bewilligt. In Vfterreich war man ebenfalls 
ſehr rührig: das Beſte für den Kanal hat hier geleiftet ber Ingenieur, fpäter 
Ehefingenieur der öſterreichiſchen Eifenbahnen, Negrelli: Dufours Korrefpondenz 
mit ihm bezeugt «8. 

Negrelli legte 1846 in einem Beriht an feinen Borgefebten, Hofe 
fammerpräfidenten von Kübel, dar, welde Wichtigleit das Unternehmen zu 
allernächft für Lfterreih habe: „Am Tage, wo der Kanal eröffnet würde, 
bätte die Entdedung Vascos da Gama ihre große Bedeutung eingebüßt, 
und Benedigg Größe nebft dem Flor ihrer neuen Schweiter an Adriens 
Geftade würde von demſelben Zage an wieder aufblühben, und der Segen 
des Handels würde erft durch Üfterreih, Italien, Tirol, Kärnten und 
Krain, kurz durch das weite Gebiet Sfterreichd zu dem Nachbarlande ge 
langen” (U. ©. S. Nr. 7). Auch außerhalb der ſchwarz⸗gelben Pfähle fah man 
Oſterreichs Mitwirkung als entſcheidend an: „Jedenfalls müflen,“ fchreibt Dufour 
1850 aus Lyon, „die erften Schritte von OÖſterreich kommen; England wird fie 
nit tun, und Frankreich wird alles verderben, wenn e8 an die Spitze treten 
wollte. Der Dfterreichifche Lloyd muß fidh recht feit in den Sattel fegen, um 
fih in feiner Dampfſchiffahrt im Orient zu behaupten; denn wie ich bier 
vernehme, foll in Marfeille in der nächften Zeit eine ſehr mächtige Dampfſchiff⸗ 
Compagnie bergeftellt werben, deren Zwed ift, allen orientaliiden Verkehr von 
Trieft ab nad) Marfeille abzuleiten“ (1. G. S. Nr. 62). In der Tat war 
bereit8 1847 außer ber Handelsfammer in Trieft auch der OÄſterreichiſche Lloyd 
dem deutſchen Zweigverein des Suezkanal⸗Comités beigetreten, und man hoffte, 
biefer Gruppe ein fo bedeutendes Gewicht in den künftigen Beratungen zu 
verſchaffen, daß einft Trieft der Sit der Kanalgeſellſchaft werden würde. 
Preußen aber, zu defien Vertreter Alerander von Humboldt ‘auserfehen war, 
blieb in dem Ausſchuß unvertreten, da Humboldt Dufour mitgeteilt hatte, daß 
Gründe vorwalteten, welche feinen Beitritt nicht geftatteten (U. &. S. Nr. 15). 

Die Gründung der „Societe d’etudes du Canal de Suez“ oder des 
„Comité zur Betreibung der Vorarbeiten für den Kanal von Suez“ war 
inzwifchen erfolgt in einer Sigung vom 30. November 1846 in Paris: bie 
Geſellſchaft beftand aus drei Gruppen (jede von zehn Mitgliedern aus ben 
meiftbeteiligten Nationen), einer deutſchen Gruppe mit Negrelli als Ingenieur, 
einer engliiden mit Robert Stephenfon als ingenieur, einer franzöfifchen 
Gruppe mit Paulin Zalabot als Ingenieur. Da die leitenden Ingenieure ihre 
unentgeltliche Mitwirkung verſprochen hatten, fo glaubte man die Borarbeiten 
mit 150000 Franken finanzieren zu können. Die deutſche Gruppe, die aus 
folgenden zehn Mitgliedern und Körperſchaften beitand: 





Dentfchlands Anteil am Snezfanal 231 


Oſterreichiſcher Lloyd in Trieft 
Handelskammer in Zrieft 
Stadtrat in Trieft 
. Diterreichifeher Gewerbe-Berein in Wien 
. Sandelstammer in Venedig 
Neg. Rat Thiriot in Dresden 
N. Georgi in Mylau 
Suftav Harlort in Leipzig 
2. Sellier in Leipzig 
10. 4. Dufour-Feronce in Leipgig — 
war am tätigften, wobel ihren Mitgliedern die Fähigleit zu Hilfe kam, fi „mit 
volllommener Entänßerung einer nationalen Parteifärbung auf den Standpunlt 
des Kosmopolitismus zu erheben“ (U. G. S. Nr. 49); fie entfandte bereits im 
März 1847 eine Ingenteurbrigade für die techniſchen Vorarbeiten nad) Ägypten 
und leiftete Die notwendigen Zahlungen pünftlic). 

An Ägypten galt es zumächft das Mißtrauen des Vigelönigs zu aberwinden, 
der den Kanal ſelber bauen wollte, ſchließlich aber doch die Genehmigung für die Vor⸗ 
ſtudien erteilte. Dieſe Erlaubnis erreichten die deutſchen Ingenieure um ſo eher, als 
dem Bizelönig bekannt fein mußte, „Daß außereuropäiſche Gebietserweiterungen nie 
in den Abfichten deutſcher Staaten lagen, und je mehr der Paſcha in einer Annäherung 
an die deutfhen Großmächte eine moralifche Verftärfung feiner Stellung den 
ihn im Dſten und Weiten bebrobenden Gebietsnachbarn gegenüber erbliden 
müßte" (U. G. S. Nr. 7). Die deutiche Brigade hatte „die nördliche Küfte der 
Zandenge aufzunehmen und bie Tiefen des Mittelländiichen ‘Meeres bei Tineh 
zu fondieren, um den paffendften Bunt für die Ausmündung des Kanals zu 
ermitteln und den Plan zu einem die Ein- und Ausfahrt des Kanals zu jeder Zeit 
fihernden Hafen zu entwerfen” (U. ©. S. Nr. 16). Der Leiter diefer Arbeiten, In⸗ 
genteur Jaßnueger, ſchildert in ſehr interefjanten, anſchaulichen Berichten an Negrelli 
feine Tätigkeit (U. G. ©. Nr. 29 bis 33). Diefer konnte aber aus den Feft- 
ftellungen feiner Brigade und den dur Stepbenfon aus den Archiven ber 
englifhen Abmiralität befdhafften Karten die Gleichheit des Waflerftandes in 
beiden Meeren berechnen und erwarb fi fo das Verdienft, jenen uralten Wahn 
der Niveaudifferenz, an die er vorher noch felber geglaubt hatte, endgültig zer- 
ftört zu haben; von da an vertrat er als erfter den Gedanken, man müſſe 
den Kanal ohne Schleufen und mit der fürzeften Linienführung bauen. 

Worin beftanden num die Aufgaben der beiden anderen Gruppen ? Die englifche 
foüte unter Stepbenfons Leitung „diefelben Arbeiten im Noten Meere bewirken, 
welche Negrelli im Mittelländifhen ausführen Tieß,“ die franzöſiſche unter 
Talabot „die früher während der franzöfiichen Beſetzung auf Befehl des Generals 
Bonaparte bergeftellten und fpäter dur ägyptiſche Ingenieure ergänzten 
Nivellements von Suez am Roten bis Tineh am Mittelländifchen Meere prüfen 
und nad Befinden vervollftändigen, ſowie die zu Herſtellung gründlicher Anſchläge 


KÄLTE ARE 


232 Deuffchlands Anteil am Stiezkandl 


erforderlichen Bodenfondierungen bewerlitelligen” (U. ©, ©. Nr. 16). Während 
diefe Gruppe unter Leitung des Ingenieurs Bonrdaloue ihrer Aufgabe durchaus 
geredit wurde — „Bourdaloue feheint die Sache fehr gründlich zu betreiben, 
aber ſehr langſam und fehr Loftfpielig,“ urteilt Dufour im November 1847 
(U. G. S. Nr. 41) —, trat die Lauheit Stephenfons, der mehr für feine Eifen- 
babhnpläne Intereſſe hatte, deutlich hervor, und ſchließlich taten die Engländer 
nichts. Überdies brachten die ungünftigen politifcden ımd finanziellen Zuftände 
der Jahre nad) 1847 die Arbeiten zum Stillitand, und es unterblieb auch die 
geplante Fahrt der drei Oberingenienre, die vorhatten, ſich im Oltober 1848 
„gemeinſchaftlich nach Ägypten ‘zu begeben, bie. Landenge zu bereifen und 
gemeinfhaftlid mit Herrn Linant (Bey, erftem ingenieur der ägyptiſchen 
Negierung) . . . die Richtung, welche dem Kanal zu geben fein wird, nad) 
perlönliher Prüfung zu beftimmen, die Detailpläne und Anjchläge aufftellen zu 
laſſen und fo dem Verein die Arbeiten vorzulegen, welche der Ausführung des 
Werkes zu Grunde gelegt werden können“ (U. &. ©. Ar. 16). Doc nupten 
Dufour und feine Freunde unermüdlich die Zeit zur Gewinnung neuer Ditglieder 
der Societe d’etudes, die freilich zu einer „Societe d’ex&cution“ ſich ver. 
wandeln zu ſehen felbit der optimiftifche Dufour damals nicht zu hoffen wagte. 

Auf eine für die Mitglieder der „Studiengeſellſchaft“ verhängnisvolle Bahn 
geriet nun aber die Angelegenheit durch Ferdinand von Leſſeps. Dieſer, in 
ben dreißiger Jahren als franzöfiicher Vizekonſul in Katro ohne jedes Intereſſe 
an den Plänen Enfantins, traf „auf der Sude nah Beichäftigung und 
Berdienft“ 1854 mit biefem zufammen, erichien ihm wie anderen als Dukel 
der Kaiſerin Eugenie von Frankreich wertvoll und wurde auf Betreiben von 
Arlas, Vetter Dufours, und Enfantin nad) Ägypten entſandt, weil fie bei ber 
Thronbefteigung Said Paſchas (1854), mit welchem Leſſeps in Paris fehr 
befreundet gemwefen war, vorausfekten, e8 werde gelingen, die Konzeifion 
für Erbauung des Kanals von diefem neuen Paſcha zu erlangen. „Dies ift 
geglüdt, und die Bunktation zu den Bedingungen tft allerdings ſehr günftig,“ 
wie Dufour 1855 fchreibt (U. ©. ©. Nr. 79). | 

Tatſächlich war es Leffeps gelungen, eine (vorläufige) Vollmacht zu erlangen, 
„pour constituer et diriger la Compagnie universelle du canal maritime de 
Suez“ (U. ©. ©. Nr. 72), allerdings auf ihn perfönlich Tautend. Den vorfichtigen 
und gewiegten Bankier Dufour machte das mißtrauiſch, und er hätte gern 
„die an Leſſeps gegebene Konzeſſion an die drei Monarchen Königin Pictoria, 
Kaifer Franz Joſeph und Napoleon dem Dritten gemeinfchaftlih abgetreten“ 
gejehen (U. G. S. Nr. 79), aber er ließ fi damit beruhigen, daß man im 
Drient immer mit einem Individuum verhandeln wolle und einer nad) dortigen 
Begriffen nicht zu fallenden Geſellſchaft nie eine Konzeſſion erteilt haben 
würde. Das ſchien alfo ein bedeutfamer Schritt vorwärts, und Negrelli 
äußerte fi fehr erfreut über „le grand &venement de la concession à 
notre ami et associe, M. Ferdinand de Lesseps.“ Aber diefer Associe 


Deutſchlands Anteil am Suezkanal .233 


täujchte das Vertrauen, das man in ihn feßte, und fuchte nur feine perfönlichen 
Zwede und die Befriedigung feines Ehrgeizes, der ihn trieb, als der Urheber 
eined jo gewaltigen Werkes in den Augen der Nachwelt zu erfcheinen und — 
zugleich ein glänzendes Gefchäft zu. machen. Sole Erwägungen veranlakten 
ihn, fi vornehmlich der Mitwirkung Negrellis, des einzigen, der den Kanal 
ohne Schleufen mit der fürzeften Linienführung bauen wollte, zu filhern. - Diefer, 
der vom Bizelönig bereit3 1855 nebit dem öfterreichifchen: Finanzminifter von 
Brud zum erbliden Gründermitglied der SKanalgefellihaft ernannt und 
defien Plan 1856 endgültig angenommen murde, war 1857 Generalinfpeltor 
der Kanalarbeiien geworden und verhielt ſich Leſſeps gegenüber, dem er 
anfangs durchaus vertraut hatte, zurückhaltend. Doch gelang es Diefem, 
nad) NegrelliS 1858 erfolgtem Tode, deffen Zeichnungen und Entwürfe an fi 
zu bringen und vor allem mit Hilfe Napoleons vorwärts zu lommen, zumal 
als Said Paſcha, der fi, empört über Leſſeps eigenmächtiges Handeln, gänzlich 
von ihm losgeſagt und den Kanalbau felbft auszuführen befchlofien hatte, im 
Sabre 1863 gejtorben war. Es galt bier wieder das alte Wort eines Drient- 
tenner8 gegenüber dem Ingenieur Jaßnueger, er müſſe feine ganze Stellung 
Ägypten gegenüber als ein Schaufpiel betrachten, das mehrere Alte habe; in 
den Alten wechſelten Perjonen und Koftüme. Leſſeps hatte ſchon vorber feine 
Altien-Gefellichaft, die „Compagnie universelle du Canal de Suez*, aus- 
gebaut, unter Zurücddrängung der Societe d’Etudes, und war ihr Generaldireftor 
geworden. In Frankreich hatte er eine Subfkriptien auf die Kanalaltien eröffnet 
und viele, namentlich kleine Leute, zur Zeichnung veranlaßt, auch dem Vizelönig 
Ismail Paſcha einfach üher 170000 Aktien aufgezwungen. Im März 1866 
erſchien endlich das kaiſerliche Irade in Konftantinopel, das die Bauerlaubnis 
an eine Geſellſchaft gab, der jede redhtlihe Grundlage fehlte. Das Gomite 
international von 1846, die Societe d’&tudes, deren Arbeit durch Leffeps ver- 
nichtet worden war, batte ſchon 1861 befchloffen, fi abwartend zu verhalten und 
nach dem Erfolg oder dem Scheitern der Pläne von Lefjeps ihre ferneren Schritte 
zu beftimmen: „Sollte der Kanal“ — fo ſchildert Dufour in einem Schreiben vom 
April 1861 an das ſächſiſche Minifterium die Sache — „wirklich zur Ausführung 
lommen, jo würde der Hauptzwed mehrgenannten Comites erreicht fein, der 
hauptſächlich darin beitand, die Erbauung des für die Intereſſen des Handels 
der ganzen Welt jo wichtigen Kanals zu befördern. Sollte dagegen Herr de 
Zeffeps in feinen Beftrebungen jcheitern, jo würde in Erwägung zu ziehen fein, 
welde neuen Mitiel zu ergreifen find, auf einem anderen Wege den Kanal 
zur Ausführung zu bringen (U. ©. ©. Nr. 103). Nun wurde ja aber der 
Kanal gebaut, wobei Lefjeps fi wiederum der mächtigen Unterftüßung Napoleons 
zu erfreuen hatte, und „das Comité international” hatte feine Gelegenheit mehr, 
weitere Schritte zu tun, ohne fi) übrigens tatfächlich aufzulöfen. Vielmehr find 
bie Nechte feiner ehemaligen Mitglieder auf Grund ihrer hervorragenden Tätig- 
feit und ihrer finanziellen Leiſtungen durchaus beitehen geblieben, und die 


234 Deutfhlands Anteil am Suegzkanal 


berechtigten Anfprücde ihrer Erben mit allem Nachdruck wahrzunehmen, ift jeht 
eine Vereinigung angefehener Männer tätig. ebenfalls haben wir in Deutſch⸗ 
land und Öflerreich feinen Anlaß, Leffeps als den Schöpfer des Kanals zu 
preifen: feine große Energie fol durchaus anerlannt werden, aber daß er ohne 
die wiſſenſchaftliche und finanzielle Vorarbeit namentlich der deutſchen Mitglieder 
der alten Studiengefellihaft fein Ziel nicht hätte erreichen können, darf eben- 
fowenig verichwiegen werben mie fein rüdfichtslofes Verfahren alten, wohl» 
erworbenen Rechten gegenüber. 

Die weiteren Schidfale des Kanalbaues find belannt: der Kanal wurde 
nach Überwindung großer Hinderniffe und Schwierigfeiten aller Art, namentlich 
von feiten der Engländer, 1869 fertiggeftellt und im November besjelben Jahres 
unter großartigen Feierlichkeiten eröffnet. Nach einigen Jahren des Mikerfolges 
begann eine bedeutende Hebung bes Berlehrs; England, das bis dahin nichts 
vom Kanal hatte wiffen wollen, erwarb 1875/76 die 177642 Altien des 
Bizelönigs Ismail Paſcha und fpielte ſich fo zunädft den Kanal und dann 
ganz Ägypten in die Hände. Die Bedeutung gerade für feirie Beziehungen zu 
Indien und Auftralien erhellt aus den Berlehrsziffern”): im Jahre 1870 betrug 
die Zahl der durchfahrenden Schiffe 486 mit 654914, 1908: 8795 mit 
19 Millionen, 1912: 5373 mit 28 Millionen Tonnen; unter den Schiffen bes 
legten Jahres waren 8335 englifhe und 698 beutfche. 

Bon der Bedeutung des Kanals geben biefe Zahlen ein Bild; von ber 
Aufmerkſamkeit aber, welche «die gebildete Welt in den fechziger Jahren feinem 
Bau und feiner Eröffnung gewidmet hat, zeugen noch heute die Äußerungen 
dreier Männer, die jene Jahre miterlebt haben: der eine tft Ludwig Pietſch, 
der treffliche Plauderer und Zeichner, der als Berichterftatter und als einer ber 
„Messieurs les Invites“, alfo als offizteller Saft des Vizekönigs, der Eröffnung 
beigewohnt bat. Im feinen Erinnerungen”) daran erllärt er, daß aus der 
überreichen Fülle reizwoller und prächtiger, großartiger und erſchütternder Bilder 
geſchichtlicher Ereigniffe, denen er... . vom bevorzugten Plage aus in nächfter 
Nähe zugeſchaut babe, leuchtend und glänzend faft vor allen diejenigen hervor» 
träten, weldhe im November und Dezember des jahres 1869 ihm zu fehen 
und zu erfahren vergönnt geweſen jeien. Der andere ift Henrik Ibſen, der 
große Nordländer, welcher in „Port Said“ und dem „Ballonbrief” feine ägyptifchen 
Eindrüde ſchildert. Und der dritte ift unjer Wilhelm Raabe, defien Interefie 
und Berftäudnis für weltpolitiide Dinge wir aus vielen feiner Werke lennen: 
fo lefen wir noch heute mit größter Aufmerkfamfeit, was er im „Abu Telfan“, 
deſſen erfte Auflage 1867 erfchien, feinen Helden Leonhard Hagebucher den 
Seinen in Bumsdorf von der „verfänglicden Weltfrage der Durdiftehung der 
Zandenge von Suez“ berichten läßt. 

*) Die Zahlenangaben ftammen teil® aus NReubaur, „Der Sueztanal”, teil aus 


Oberhummer, „Agypten und der Suezkanal“ (Deutihe Revue, Januar 1915). 
*) Veröffentlicht 1902 in Velhagens u. Klaſings Monatöheften. 





Don deutjcher Kultur und deutfcher Sreiheit 


Auch eine Kriegsbetrachtung 
Don Dr. jur. et phil. Erich Jung o. 3. Profeflor der Rechte 


enn die größte politiiche Frage, die Eriftenzfrage, einem Staats⸗ 
a weien geftellt ift wie ums jetzt, dann treten naturgemäß alle 
I anderen Seiten des Gemeinfdhaftslebens in ben Gedanken ber 
DA Nation zurüd vor der nun allein ausſchlaggebenden — der 
militärifden Machtentfaltung. 

Aber diefe Höhepunkte der Kraftentfaltung, oder vielleicht darf man fagen 
Höhepunkte bes nationalen Lebens überhaupt, in denen bie erfte ethiſche Uualität, 
bie Fähigkeit zur Hingabe des Ich an einen höheren Zweck, am einfachften und 
dringlichften in die Erfcheinung treten muß — bezeichnen naturgemäß nur ben 
Moment des Freimerdens gefammelter Kräfte und Eigenſchaften, Die das Ergebnis 
langdauernder Arbeit und Pflege, altererbter Anlagen der Nation und ibrer 
geſchichtlichen Erlebnifie, find. 

Jene über unjer fühnftes Hoffen noch hinaus nun fo wunderbar ſich offen- 
barende Entſchloſſenheit, Opferfreudigfeit und Einigleit der Nation ift nicht aus 
den Cinzelurfaden dieſes Bölferfrieges und auch nit nur aus unjerer 
DOrganifationsfähigleit, aus der militärtihen Tüchtigkeit oder fonftigen einzelnen 
Eigenſchaften zu erflären. Sie hat ihre tieferen Urſachen in dem ganzen geiftigen 
und etbifhen Weſen der Nation; in ihrer Kultur, wie man zufammenfaffend 
fagen fann, wenn man nur das Wort Kultur genügend weit faßt, und es nicht, 
wie häufig geichieht, mit dem Begriff Zivilifation, fchärfer Domeſtikation, ver- 
wechfelt; wobet unter biefem letzteren Ausdrud zu verſtehen ift die äußere Seite 
intenfiveren Kulturlebens, die Bermebhrung der materiellen Annehmlichkeiten des 
Lebens und die Verfeinerung auch der nicht geiſtigen Bebürfniffe. 

Diele äußere Bereicherung des Lebens fteht ja in einem gewiflen Zufammen- 
dang mit der wirflichen Kulturhöhe der betreffenden Gemeinſchaft. Aber diefer 
Bufammenhang tft fein notwendiger; es Tann eine Gemeinſchaft die materiellen 
Errungenſchaften des Kulturlebens noch eine Zeitlang fefthalten, wenn bie 
eigentlichen Trieblräfte der Kulturgemeinſchaft ſchon abgeftorben find. Dies bat 





236 Don deutfher Kultur und deutfcher — 


vor allem der Untergang der antiken Kulturwelt —* jenes merfmärbige 
kulturgeſchichtliche Phänomen, das ben ‚Zrägern der zweiten großen Kulturepoche 
Europas, die mit dem Auftreten der Germanen und des Chriftentums beginnt, 
recht eigentlih als ein Mene Tekel oder als die bei Strafe bed Untergangs 
zu löfende Frageſtellung entgegentritt. 

Die Einheit der 78 Millionen Deutfcher, die heute im Kampf liegen gegen 
die übrige Welt, wie die Preußen Friedrichs des Großen gegen Europa, ift. 
befanntlich nicht eine befehlsmäßige, eine politiſche Einheit. Zwölf Millionen 
davon find öſterreichiſche Untertanen; und felbit innerhalb des deutſchen Reichs 
treten die tapferen Fäufte von fieben Millionen Bayern, Fianken und Schwaben 
erſt im legten Moment, nämlich mit der Mobilmadjung, unter den unmittelbaren 
Befehl unferes Kaiſers. Die Gemeinfchaft der Lebensunterlagen und der Lebens- 
ziele, die Kulturgemeinfchaft,: bildet. die tiefergehende und darum au dur 
äußere Feinde nicht auf die Dauer zerftörbare Grundlage unferer Volkseinheit. 

Bas beißt nun deutfche Kultur? In welddem Verhältnis fteht fie zu den 
heute neben ihr beftehenden Kulturgemeinfchaften, wie etwa der franzöftichen, 
zu früheren Epochen, wie zur antilen Kultur? 

Wer im lebten Jahrzehnt als Deuticher im Elſaß lebte — feitdem von 
Köller im Jahre 1902, um einen bequemen Landtag zu haben, die ftaatlicden 
Handhaben gegenüber der Preſſe aufgegeben hatte und damit die mit 
franzöſiſchem Geld unterhaltene elfäffifche Hetzpreſſe entfefjelt hatte, — mußte in 
Betrachtungen über das Verhältnis und das Alter der frangöftihen und ber 
deutihen Kultur, über die „Mentalität“ der Deutichen gegenüber den Franzoſen 
und ähnliches einen unglaublichen Wuft von Entftellungen und hahnebüchenen 
Unrichtigkeiten genießen. Die immer wiederholten Behauptungen und Forde⸗ 
rungen mußten ſchließlich, wie jeder ftandhaft wiederholte Unfinn, auf ſchwächere 
Naturen auch auf deutſcher Seite einen gewiſſen Eindrud maden. Selbft 
Altdeutſche Hatten in der ſchwülen Luft der füdlicden Rheinebene bie 
Schwädlichkeit, von der für den SKulturaustaufh zwiſchen Deutſchland und 
Frankreich notwendigen Vermittlerftelung des Elſaſſes zu ſprechen und möglichfte 
Nachgiebigkeit gegen den franzöfiihen Einfluß, die Begünftigung von Zwei⸗ 
ſprachigkeit, Doppelkultur und Ähnlichem zu verteidigen oder gar zu fordern. 

Die gegenfeitige Mitteilung von Kulturgütern unter verfchtedenen Nationen 
hat folche geographiſche Zwifchengebilde gewiß nicht nötig; diefe wirken vielmehr 
als Duelle von Reibungen auch auf den Kulturaustaufch nur ſchädlich. Zwiſchen 
Italien und Deutichland, zwiſchen Deutichland und England hat foldde Kultur 
vermittlung früher in ausgedehnten Make ftattgefunden, ohne daß man dazu 
eine gemifchte deutſch⸗italieniſche oder deutich-engliihe Provinz für nötig gehalten 
hätte. In dem Einfluß der deutichen Neformationsgedanten auf England, in 
ber Stellung Shaleipeares, der für die Deutichen heute mehr bedeutet wie für 
die Engländer, in dem Wirken Garlyle8 und feiner Vermittlung Goethes und 
der deutihen Klaffifler an die Engländer hat dieſer deutſch⸗engliſche Kultur- 


Don deutſcher Kultur und deutfcher Sreiheit 237 


austauſch fich erwiefen. Niemand wird behaupten wollen, daß dieſer Prozeß 
der Aulturvermittlung zwiſchen Deutichland und England durch die zeitweilige 
Berfonalunion von Hannover und England mefentlich gefördert worden fei oder 
fie gar nötig gehabt hätte. 

Den Franzofen fällt es auch gar nicht ein, etwa in Nizza die italienifche 
Sprade und Art zum Zweck der NKulturvermittlung zwiſchen den beiden 
romaniſchen „Schweiternationen” zu fördern und zu pflegen. Dabei handelt 
es fi hier doch um Italien, die unbezweifelbare Mutter und Schöpferin der 
tomanifhen Kultur. Die Franzofen halten ſich allerdings für führend unter den 
romaniſchen Kulturvöllern. Das tft eine Erläuterung zu dem Kapitel, wie furz das 
geſchichtliche Gedächtnis der Völker if. Daß die Italiener unter den romanifchen 
Nationen die ältefte Kulturvergangenheit haben, lan: doch wirklich nicht zweifelhaft 
fein. Die Tatſachen der Geſchichte wollen wir uns durch ihr jebiges Verhalten 
nicht verbunfeln laſſen. Daß die Kulturarbeit Italiens auch in der nachantilen 
Entwidlung, von Dante über die Renaifjance zu Michelangelo und Galilei 
und Bolta, gegen die franzöſiſche nicht zurüdbleibt, dürfte ebenfalls ficher fein. 
Die Urfache jener an ſich durchaus unbegründeten franzöfifchen Überhebung kann 
nur in der langdauernden politiichen Schwäche und Zerrifienbeit Italiens liegen; 
wie die Franzofen ja aud) im Berhältnis zu uns über den zweihundert 
Jahren ihrer Übergriffe und politifchen Übermacht die Tatfadhen vieler früherer 
Jahrhunderte völlig vergefien haben: daß nämlich die politifche Vormachtſtellung 
in Europa lange vorher und die längfte Zeit bei den Deutſchen geweſen war. 
Richt als ob ein Anſpruch darauf — deilen Erhebung dem alten Reich fo 
ſchweren Schaden gebracht hat — von den heutigen Deutfchen irgendwie geltend 
gemacht würde. Nur gegenüber dem törichten Gerede von dem neuberauf- 
gelommenen Deutſchland, das fi) neulich fogar ein amerilaniſcher Admiral, 
ausgerechnet ein amerilanifcher, geleiſtet hat, darf man wohl einmal jene 
geſchichtliche Tatſache ſich vergegenwärtigen. Aber freili), wenn man 
felbft bei uns am hervorragender Stelle von dem jungen und neuempor- 
gefommenen Deutichland fpricht, wird man bei einem amerilanifchen Hemd⸗ 
ärmelpolitifer feinen weiterreihenden gefchichtlihen Geſichtskreis vorausfehen 
bürfen. 

Der politiſche und wirtſchaftliche Aufſchwung Mitteleuropas, Deutichlands 
und auch Italiens, ift eine Wiederaufnahme, nicht ein Neuemporkommen. 
„Das deutſche Königtum,” fchreibt der englifche Geſchichtsforſcher und Staats- 
mann James Bryce, „war ſchon ein Band zwiſchen den deutſchen Stämmen 
und es fcheint ftarf und geeint, wenn man es mit Frankreich unter Hugo 
Gapet oder England unter Aethelred dem Zweiten vergleicht." Und Dietridy 
Schäfer fagt: „Am Ausgang des Mittelalterd waren Staliener und Deutiche 
wirtſchaftlich die entwidelteiten Völker Europas.” Ihre glänzende wirtichaftliche 
Entwidlung in unferen Tagen war nur ein Wiedererwachen aus dem langen 
Schlaf der ſtaatlichen Zerriffenheit. Nicht weil fie junge Völker find, fondern 


8 Don dentſcher Kultur und deutfcher Sreiheit 
gerade weil fie die älteften und am intenflvften Lultivierten unter den europäifchen 
Nationen find, konnten fie diefe Leiftung vollbringen. Ziviliſation, Domeftilation 
fann ſchwächen; wirkliche Kultur ſtärkt. Die europäiſchen Nationen von heute 
find den Naturvöltern und überhaupt Zulturell tiefer ſtehenden Bölfern im 
allgemeinen auch militäriſch und phyſiſch überlegen. Die verbreitete gegenteilige 
Meinung, als ob die Kultur notwendig ſchwächen müſſe, ftammt aller Wahr- 
ſcheinlichkeit nach noch von einer falſchen Auffafiung des gemwaltigften, 
umftärzendften Ereigniſſes der bisherigen Kulturgefhichte: als ſei Die 
antike Zivilifation durch die Germanen zerftört worden und nit von 
innen beraus, durch bie anthropologiſche Veränderung und das Aus 
fterben der bis dahin kulturtragenden und ftaatsbildenden Bevöllerungs- 
oberſchicht. 

Nun brauchen freilich die Franzoſen ihre Ziviliſationsform in ihrer 
Miſchung von keltiſchen, romaniſchen und fränkiſch⸗germaniſchen Beſtandteilen 
nicht für einen bloßen Ableger der antiken Kultur zu halten, wenn auch die 
lateiniſche Eroberung und Beſiedlung die Sprache dauernd beſtimmt bat, im 
Gegenfag zu dem in der fpäten Antife auch ſchon ſtark romaniſchen, aber eben 
doch nicht dauernd romanifierien Südengland. Jedenfalls aber kann bie 
Behauptung der Franzofen, ung gegenüber bie ältere Kulturnation zu fein — 
wenn überhaupt eine —, nur diefe Unterlage haben, daß fie die Yortjeger und 
Erben der antiken Kultur feien. Die Kulturform der Antike ift natürlich älter 
als unfere heutige deutſche Kultur. Aber unter den nachantilen Kulturen — 
und die Cäfur nad dem Untergang des römifchen Reiches und ber Chriſti⸗ 
anifierung der europätihen Welt war eine fo einfchneidende, daß man bier, 
troß aller einzelnen Übernahmen, von einer neuen Kulturform ſprechen muß —, 
ift die deutfche die erfte und ältefte.e Dabei tft unter Deutfchland natürli zu 
veritehen das Land zwiſchen Elbe und Maas, zwiſchen Nordfee und Alpen, 
das Deutfchland des Mittelalters, das eben doc auch heute noch den Kern 
des deutichen Gefamtftants bildet. Die Siedlungslande jenfeitE der Elbe find 
natürlich von jüngerer Kultur, fo groß ihre rein politifhe Bedeutung und ihre 
politiihden Verdienfte um Geſamtdeutſchland auch fein mögen. Sie haben in 
der neueren Zeit auf ſtaatlichem Gebiet zweifellos mehr geleiftet als die älteren 
weitlicheren deutfchen Lande, vielleicht gerade durch jene Toloniale Art ihres 
Urſprungs, dur ihre größere NRüdfichtslofigkeit und Nüchternheit, aber auch 
dur ihre größere Vorausfegungslofigleit und Tatkraft; in einem gemifien 
Sirnne ift das Verhältnis des deutſchen Dftens zum deutſchen Weften ähnlich 
dem des jungen Amerifa zum alten Europa — „haft feine verfallenen Schlöffer 
und feine Bafalte.” Bei den norböftlicden Gegenden liegt heute verdientermaßen 
in Deutfehland die politifche Führung, wie früher, zeitweilig bei dem ſüdöſtlichen 
Kolonialgebiete in den Habsburgifhen Landen. Wenn aber die Rede ift von 
deutfcher Kultur, von dem, was für ihren Inhalt, ihr Alter und fonftiges Wefen 
fennzeichnend ift, muß man felbitverftändlih die deutſchen Lande zum Vergleich 


Don deutfcher Kultur und deutfcher Sreiheit 239 





beranziehen, wo biefe Kulturentwicklung ſich die längfte Zeit abgefpielt hat und 
darf nicht willfürlih eine beftimmte einzelne Gegend des jetzigen beutjchen 
Staatsgebiet herausgreifen. 


* * 
» 


Nächſt der Firchlicden Überlieferung ift das Rechtsleben der Zweig ber 
fulturellen Betätigung, der das Alte am treueften feithält und den Neubildungen, 
Veränderungen den ftarriten Widerftand entgegenfest, fo daß hier jenes Fort⸗ 
wirlen oder auch, je nad) dem Standpunlt des Beurteilers, Weiterlaften uralten 
Kulturerbes befonders anſchaulich wird. 

In Deutichland hat die dee des römiſchen Kaiſertums deutſcher Nation 
befanntlich zu dem beifjpiellofen — nur mit der teilmeifen Annahme der jüdtichen 
Religion durch die hriftlichen Völler zu vergleichenden — Vorgang der Übernahme 
des römiſchen Privatrechts geführt. | 

In Frankreich hat eine erneuerte Übernahme antiler Ideen auf politiichem 
Gebiet eingefegt mit der revolutionären, beſſer der napoleonifchen Neugeftaltung 
des franzöfiicden Staatsweſens, die dem in der Revolution erfochtenen politifchen 
Siege des keltiſch⸗ romaniſchen Elements über feine bisherigen fränkiſch⸗germaniſchen 
Herren entiprad. H. Taine bat in feiner „Entftehung des modernen Frankreich“ 
das Weſen jener Umgeftaltung und damit mittelbar überhaupt den Gegenjah 
des Haffiziftiiden und des germaniſchen Staatsgedankens folgendermaßen ge- 
fennzeichnet: „Infolge feines deſpotiſchen Inſtinkts und feiner Haffifchen lateiniſchen 
Schulung faßt der Meifter (Napoleon) die Menfchenvereinigung nicht vom 
modernen, germanifchen, hriftlicden Standpunkt auf, als ein Zufammenmwirlen 
von unten ausgebender Initiativen, fondern in der Weile des Altertums, der 
Heiden, der Romanen: als eine Stufenleiter von von oben eingejeßter 
Obrigleiten.“ 

Damit ift die Eigenart des germanischen Staatsgedanlens treffend bezeichnet. 
Diefe Befonderheit hat einerfeitS im germanischen Mutterland, in Deutichland, 
zeitweilig zur fait völligen Auflöjung der Zentralgewalt geführt und Deutſchland 
politifh lange ſchwer geſchädigt; anderſeits hat fie aber auch durch die größere 
Bemwegungsfreiheit und Gelbftändigfeit der Glieder die unvergleichliche Biel- 
geftaltigfeit und den Reichtum des deutſchen Kulturlebens weſentlich mitver⸗ 
urſacht. 

Mit jener Taineſchen Unterſcheidung könnte man den Gegenſatz antik⸗ 
mittelmeerländifcher und germaniſch⸗nordeuropaͤiſcher Kulturform wenigſtens auf 
ſtaatlich⸗ rechtlichem Gebiet und damit wenigſtens für ein Hauptgebiet der kulturellen 
Betätigung — Herder nennt einmal den Staat das höchſte Kunſtwerk des 
menſchlichen Geiſtes — nod) etwas allgemeiner dahin zufammenfafjen: bie Antike 
bat die dee einer Organifation des in Familie und Stamm urſprünglich trieb- 
baft gegebenen Zujammenlebens unter eine zentrale Staatögewalt, der bie 
einzelnen nur Mittel zum Zwed find, gebracht; die germaniſch beftimmte 


240 Don deutfcher Kultur und deutfcher Freiheit 


Kulturentwidlung bat die Anerlennung des Individuums an oder auch 
die bee der perfönlicden Freibeit. 

„C'est par les barbares germains, que le senkimänt de la personalite, 
de la spontaneit& humaine dans son libre d&veloppement a éêté introduit 
dans la civilisation europeenne; il &tait inconnu au monde romain, 
inconnu & l’eglise chr&tienne, inconnu à presque toutes ‚les civilisations 
anciennes“ jagt der franzöfiihe Hiftorifer und Staatsmann Guizot in feiner 
Histoire de la civilisation en Europe. 

Was moderne Franzofen etwa in grenzenlojer Unkenntnis unferer älteren 
Geſchichte als den angeborenen Sinn des Deutichen für Uniformierung und 
Disziplin bezeichnen, ift, wie Fürft Bülow einmal gegenüber dem franzöftfchen 
Journaliſten Huret ausgeführt bat, nur die notwendige, durch die jahrhunderte- 
langen politifden Mißgeſchicke endlich anerzogene Schranke unferes ertremen 
Individualismus in allen geiftigen Dingen, der, auch auf politiiche Berhältnifie 
übertragen, unferer Nation fo furchtbare Leiden verurfacht bat und ſo ſchließlich 
als eine Anpafjungserfcheinung im Dafeinstampf jene Gegengewichte hervor⸗ 
gerufen bat. 

Nach der franzöftichen Revolution es bat die herrſchende liberal-tonftitutionelle 
Drthodorte durch beharrliche Geſchichtsfälſchung und Wortgläubigleit — denn 
mit Worten läßt fich trefflich „ein Syſtem bereiten“ während die Beobachtung 
ber wirfliden Zuftände und Tatſachen ſtets eine ſchwerere und entfagungSreichere 
Arbeit ift — zu erreihen verftanden, dab in der öffentliden Meinung Die 
Weſtmächte und ihre Zuftände als die eigentlichen Vertreter und wahren Bor- 
bilder ber politifchen Freiheit galten. Aber diefe Meinung ift unrichtig, wie 
Vieles, ein Peifimift würde fagen, wie das meiſte, was auf dem geiftigen 
Niveau der Zeitungen und Parteien allgemein behauptet und geglaubt wird. 
Die Franzofen haben anfheinend eine gewiſſe Liebe zur politiſchen Freiheit 
mwenigftens in den letten hundert Jahren betätigt. Aber dieſe Liebe ift ent- 
ſchieden unglüdlih und unerwidert. Das bezeugen nicht nur ihre beventenditen 
Geſchichtsſchreiber, Taine, Tocqueville, Nenan, Guizot, fondern noch einleud)- 
tender die Tatſachen. Die Galloromanen find bei ihrem Verſuch zu beſſeren 
politiihen Zuftänden zu gelangen, ftatt zur Freiheit in Lürzefter Friſt zur 
äußerften Tyrannei, in die Schredensherrichaft, gelangt, der fie dann bald die 
ſchärffte Militärbiktatur, unter Napoleon vorzgogen. Und fie waren vorber, 
im Alten Regime, in einen NAbfolutismus geraten, der fehr viel fchärfer 
abſolutiſtiſch und willlürlider war, als etwa die Negterungsform der deutſchen 
Einzelftaaten in der fogenannten abfolutiftifchen Zeit. Nur die Einzelftaaten 
Iönnen ja überhaupt bier herangezogen werden; im alten deutſchen Reich war 
die Regierungsgewalt ja keineswegs unbefchräntt, fondern in fehr genaue rechtliche 
Schranken gebunden. Ja man kann fagen, die alte Reichsgewalt tft an dem Über 
maß der rechtlichen Schranken zugrunde gegangen, an ihrem Parlamentarismus; 
daran daß alle weſentlichen politifchen Befugniffe ſchließlich beim Parlament, 


Don dentſcher Kultur und deutfcher Sreiheit 21 


bei den Reichsſtänden waren. Und die Entwicklung eines gewiffen Abfolutismus 
in den Einzelftaaten war nur die lebensnotwendige Reaktion des gefamtdeutichen 
Geſellſchaftskörpers, der zu feiner Selbfterhaltung vor allem irgendeine wirkliche 
Staatsgewalt braudite, bei dem gänzlihen Verſagen der Zentralgemwalt. 

Das alte Deutſche Reich war nicht in zu geringem Maaß, e8 war zu jehr 
Rechtsftaat und zu wenig Madhtftaat, könnte man fagen. „Bon der Seite der 
genaueften Beitimmung jedes auch noch fo geringfügigen Umftandes, der ſich 
aufs Recht bezieht,” fchreibt Hegel in der Schrift über die Verfaffung Deutſch⸗ 
lands, „muß dem deutſchen Staate bie befte Drganifation zugeſchrieben werden 
als einem Syſtem der durchgeführteften Gerechtigkeit.” 

Au einer anderen Stelle fagt er: „Diele Form des deutſchen Staats- 
rechts ift tief in dem gegründet, woburd bie Deutſchen fi) am berühmteften 
gemadt haben, nämlid in ihrem Trieb zur Freiheit. Diefer Trieb ift es, 
der die Deutſchen, nachdem alle anderen eurspäifchen Völker ſich der Herrſchaft 
eines gemeinfamen Staat unterworfen haben, nicht zu einem gemeinfhaftlicher 
Staatsgewalt fi) unterwerfenden Volle werden ließ.“ 

Die Phrafen des weftlicden Liberalismus waren zu einem wefentlichen 
Teile ſchuld an den Drgien des Inverftandes und widerfinnigen Haffes, denen 
Deutſchland zu Beginn dieſes Krieges in der ausländifchen Preſſe preisgegeben 
war. Man mußte wirfii zu der verzweifelten Überzeugung gelangen, daß 
die Lüge ebenfoviel wert ift wie die Wahrheit, wenn man dieſe Preffe ftudierte. 
Die braven Gefellen Gehring, Kranp und Freiburger, die nad) Paris, bie 
Schweinheim und Pannartz, die nad Rom die Buchdruderkunft gebracht haben, 
haben fich eigentli nicht um das Baterland verdient gemadht, indem fie den 
ſubgermaniſchen Nationen, wie man die nachantifen Nationaltypen, den fpanifch 
weſtgotiſchen, den fränkiſch⸗galliſchen, den angelfähhfifch-britifchen, den longobardiſch⸗ 
italienifhen und fo weiter, durchaus ſachentſprechend bezeichnen könnte, die fcharfe 
Waffe der Buchdruckerkunſt übermittelten. Glücklicherweiſe ift ja nun, fo un- 
begreiflic groß die Macht der Lüge fich auch erwiefen hat, ihre Macht in der 
Zeit begrenzt. Schließlich dringt die Tatſache einmal durch, ob die andern fie 
wiflen und anerlennen oder nicht; die Tatſache, daß wir in allem, worauf e8 
für die Entwidlung der Perfönlichkeit wirklih ankommt, das freiefte und am 
tiefften kultivierte Voll der Erde — neben den Standinaviern — find. Es 
wird ſich erweifen, fo fehr fie filh gegen die Wahrheit ftemmen. 

Angefihts der glänzenden XQapferkeit unferer Zruppen halfen ſich die 
englifchen Zeitungen bisher immer noch mit ihren kümmerlichen Redensarten 
von der eifernen Disziplin, dem Mafchinengehorfam, den der preußiſche Drill 
und Militarismus den Deutfchen eingeprägt haben. Jettt, nachdem die jungen Regi- 
menter nad) paarmonatlicher Ausbildung an die Yront gelommen find, und mit ger 
ringerer foldatifher Erfahrung aber mit der gleihen Bravour draufgeben, 
werben jelbft die englifchen Zeitungen ftugig, ein jo aufrechter Wille zur Lüge 
auch an fi) bei ihnen vorhanden fein mag. Eine der ſchlimmſten fagte neulich, 

Grenzbsten 11 1915 16 


242 Don deutfcher Kultur und. deutfcher Freiheit 





es ftände ihnen nun nicht. mehr nur der militäriſche Bureaukratismus, jondern 
die deutſche Ration felber gegenüber, die aus ihrem eigenften Willen heraus 
- zum Kampf bis auf äußerfte entſchloſſen ſei. Ihr werdet noch mande Ent- 
täufhungen dadurch erleben, ihr Herren Britanefen, daß ihr eure Zeitungs- 
phrafen wirklich geglaubt habt! Der Auge irifhe Jude Bernhard Shaw hat 
euch kürzlich ſehr vorfidtig ‚und mit den üblichen Flosleln verbrämt gejagt, 
was euch vor einem halben Jahrhundert ſchon euer John Stuart Mil und 
andere gejagt haben: daß nämlich Deutichland, in allem worauf es wahrhaft. 
anlommt, das freiefte Land ift; daß wir leineswegs „unter dem Militarismus 
ſeufzen“, fondern daß vielmehr diefer, als ein Gegengewicht gegen die größte 
Gefahr für die Freiheit unter modernen wirtſchaftlichen Verhältniffen, gegen 
den Mammonismus, ein Hort der Perjönlichleit und der Freiheit ift, worüber 
nod einiges zu fagen fein wird. 

. England Hatte unzweifelhaft, bejonders in ber eek zu. gewiſſen 
Zeiten die Grundzüge des germaniſchen Geſellſchaftsaufbaus und germaniſcher 
Achtung vor der Perjönlichkeit in ausgeprägter Form verwirklicht; aber es hat, 
wie jest allgemein erfennbar wird und ‚wie Schärferblidende ſchon früher aus- 
geſprochen haben, fein Weſen allmählich” umgebildet und verändert, beginnend 
etma mit dem Puritanismus und dem Sieg des Parlaments über das Königtum 
in der Great Rebellion und der. Glorious Revolution. . 

= Es ift durchaus unrichtig, daß parlamentariſch regierte Ränder freier find 
al3 Länder mit ‚einer wirklichen Monardie. Erftens ift überhaupt nicht Die 
Inſtitution, die theoretiiche Rechtsform, beftimmend für den tatfähli in einem 
Gefelichaftsaufbau vorhandenen Grad von Freiheit, fondern die Stärle bes 
Berjönlichleitsgefühls, das in den Gliedern dieſes Geſellſchaftsaufbaus Iebt. 
Eine Niggerrepublik bietet mit noch fo radilaler Berfaffung ihren Genofjen 
niemals den Grad von rechtlicher Freiheit wie ein auf Germanen und ben 
entipreenden Perſönlichleitstrotz aufgebautes Gemeinwefen, ſelbſt wenn defjen 
Oberhaupt formell abjolute Gewalt hätte. — Aber noch aus einem anderen 
Grunde bietet etwa parlamentarijche Regierungsform keineswegs der Nation 
im ganzen ein größeres Maß von perſönlicher Freiheit als andere, monardifche 
Negierungsformen. Parlamente find, mie Napoleon einmal fehr überzeugend 
darlegte, nicht eine Inſtitution des Volls, fondern einer Heinen Zahl von 
Leuten, die die Politik als Beruf treiben können; unter diefen find wieder 
ganz Heine Gruppen, einzelne Parteiführer, fehließlih allein ausfchlaggebend. 
Das tft aber nichts weniger als die Form, bei der die Rechte und die Freiheit 
der geſamten Nation am beiten gewahrt find. — 

Die Phraſen. des weſtlichen Liberalismus und Parlamentarismus ſchmeicheln 
der Eitelfeit der damit behafteten Nationen und fie werden. dadurch zunächſt 
unausrottbar fein. So Hört man jetzt bei Neutralen, wie Amerilanern, 
Schweizern, die Nedensart, der Sieg Deutichlands werde einen Sieg ber Reaktion 
bedeuten. Wo dies bösartig wider beſſeres Wiſſen geäußert wird, nur um 


Don deuticher Kultur und deutfcher Freiheit 2413 





Deutichland etwas Schädigendes oder Unangenehmes zu fagen, läßt ſich natürlich 
nichts dagegen tun. In anderen Fällen wird aber diefe Phrafe ehrlich für 
wahr gehalten. Hier bandelt e8 fi einfah um maßloſe Unwiffenheit und 
Unflarbeit über die tatlächlichen politiihen und fozialen Zuftände Deutſchlands 
einerfeit$, und über die tatfählihe Wirkung der parlamentariihen Re⸗ 
gierungen in Franfreih und aud in England anderfeits, von Stalien oder 
“ Griechenland ganz zu gefchweigen. Es it eben immer fo unendlich viel. 
bequemer, fih an eine vorhandene Formel — wie bier die Inſtitution, Die 
theoretiſche Verfaffungsform — zu halten, als die verwidelten und vielgeftaltigen: 
Tatſachen des Gemeinfchaftsleben zu erforjchen. 

Bor allem müßte man die beharrliden Gefchichtsfälichungen, bie die. 
Engländer zur eigenen Verherrlihung vorgenommen haben, und die vom: 
Liberalismus der erjten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in fo rührender 
Weiſe für bare Münze genommen mwurden, einmal gründlic” befeitigen. Ein. 
feiner Beitrag ſei bier geliefert. Es heißt gewöhnlich, in England fei die 
Zortur hundert fahre früher als auf dem Kontinent abgejchafft worden; bier 
mar Friedrich der Große bahnbrechend, der fie — nachdem fie übrigens fchon 
Jahrzehnte vorher in Preußen tatſächlich kaum mehr angewendet wurde — fehr 
bald nach feinem Regierungsantritt befeitigte, nebenbei bemerft nicht ohne leb⸗ 
haften Widerfpruch namhaftefter RechtSgelehrter, die eine Üüberſchwemmung Preußens 
durch alle Verbrecher Deutfhlands davon befürdteten. Was die Engländer bei: 
ſich als Abſchaffung der Folter bezeichnen, weiß ich nicht; jedenfalls haben fie 
na aktenmäßigen Darjtellungen des neuen Pitaval nod Ende des achtzehnten 
Sahrhunderts die furchtbare Gemichtsfolter, die darin beitand, daß dem Ge 
fangenen immer fchwerere Eifenplatten auf den Körper gelegt wurden, mit 
Vorliebe angewendet. Bekanntlich ift auch das engliihe Gefängnis- und Straf 
wejen unferer Tage, das ohne Prügel nicht ausfommt, fehr viel inhumaner, 
übrigens au wohl unzweckmäßiger als unferes. 

Zur Beit der Reformation und auch noch fpäter ijt die Sicherheit ber 
Bürger gegenüber Willfüraften in bezug auf Leben, Freiheit und Eigentum, 
worin fi die Rechtsſtaatsnatur eines Gemeinmwejens für den einzelnen zunächft 
am fühlbarften äußert, in Deutichland weſentlich höher als im gleichzeitigen 
England. Die Art zum Beifpiel, wie Philipp der Großmütige fi mit den 
Anforderungen der Einehe auseinanderfette, mag ihre”religiös-bogmatifchen und 
fonftigen Bedenken haben; fie zeigte jedenfalls moralifh und rechtlich einen fehr 
viel höheren Stand an, ald das Verfahren Heinrichs ‚des Achten von England, 
der fi) den Abſchluß einer neuen Ehe troß Beſtehens einer früheren einfach, 
und zwar in wiederholten Fällen, dur Hinrichtung feiner Frau ermöglichte. 
Mittels diefes durchgreifenden Verfahrens eriparte er fi) fomohl die Firchlichen 
Schwierigkeiten der Scheidung, wie die Gewiſſensbedenken wegen einer Doppelebe, 
die Philipp der Großmütige fih durch die vielangefochtenen Gutachten der 
Reformatoren zu beſchwichtigen fuchte. Überhaupt findet die grenzenlofe Willkür 

16* 


Q44 Don deutſcher Kultur und deutfcher Freiheit 


Heinrichs des Achten von England aud in anderen Dingen in den politiichen 
Zuftänden des gleichzeitigen Deutichland fein Gegenbeiipiel. Unter der Re⸗ 
sierung der blutigen Murie und jelbft noch unter Elifabeth und fpäter tft bie 
Staatsraifon häufig ausreichender Grund zur Befeitigung von politiſch gefähr- 
lien oder auch nur politiſch erledigten Perjönlichleiten durch Hinrichtung. 

Daß erft auf dem Umwege über England das germaniiche Verfafſungs⸗ 
und Verwaltungsrecht, das der Ausdrud jenes erhöhten Perfönlichleitsgefühls 
des Germanen anf dem ftaatlich-reihtlichen Gebiete ift, allgemein in der Kultur⸗ 
welt vorbildlih wurde und dann eine ähnliche weltgefchichtliche Nolle gefpielt 
bat wie das römifche Privatrecht, hatte feinen Grund darin, daß in England 
bie inneren Gegenfäbe der Bevölkerung zwiſchen Selten, Sachen und Normannen 
and die dadurch hervorgerufenen fteten Reibungen zu einer genauen Feitlegung 
der Befugniſſe und Pflichten zwangen und dadurch die juriftifch - politifche 
Kultur förderten, — ähnlich wie in dem ebenfalls aus verfchiedenen Stämmen 
zufammengefegten Rom; im Gegenfat zu innerlich gleihartigeren Gemeinweſen, 
wo die Ähnlichkeit der Triebe und innere Harmonie der Beftanbteile bie 
genauere juriftiihe Grenzziehung vielfach zu erjeben in der Lage ift. 

Die enticheivenden Schlachten aber jenes jabrtaufendelangen und noch 
feineswegs zu Ende gelämpften Kampfes um das Recht des Individuums und 
die freie Entwidlung der Perfönlichleit wurden naturgemäß im germanifchen 
Mutterlande, in Deutfchland, geichlagen. 

(Schluß folgt) 





A Ed Nr X AL 
— en. 





Ein neues Univerfitätsgejet 
Don Dr. jur. Eduard Hubrich, o. d. Profeffor der Rechte 


Jer Ruf nach einem Univerfitätsgefe ift alt, und doch ift es etwas 
neues, wenn jetzt auch von uns der Wunſch nach einem neuen Univer⸗ 
fltätsgeſetz ausgeſprochen wird. Bisher dachte man gewöhnlich bei 
dem Ruf nad) einem Univerſitätsgeſetz an einen umfaſſenden ge- 
fegliden Ausbau des gefamten Univerfitätswejensd. Wir dagegen 
weilen den Plan eines folchen allgemeinen Univerfitätögefebes als ein für 
abjehbare Zeit gar nicht zu erreihendes Phantom zurüd und wollen das 
neue Univerfitätsgejeg auf beftimmte Punkte befchräntt fehen. Hinſichtlich der 
Ausfichtslofigleit eines allgemeinen Univerfitätsgefehes benfe man doch nur an 
die noch immer nicht überwundenen Schwierigkeiten, welche ſich der Berfafjungs- 
verheißung eines allgemeinen Schul- und Unterrichtögefetes (Art. 26) ent- 
gegengeftellt haben. Biel zu weit auseinandergebende Wünfche, Meinungen, 
Befirebungen würden bei Regierung, Landtag, Voll bervortreten, wenn der 
Plan eine allgemeinen Univerfitätsgefebes gewagt werden folltel Aber wie 
es gelungen ift, dur das Gefeh, betreffend die Unterhaltung der öffentlichen 
Volksſchulen vom 28. Yult 1906, wenigftens einen Zeil des Elementarſchulweſens 
neuer gefeglicher Regelung zuzuführen, befteht die Hoffnung, daß ein neues, 
kluger Beſchränkung zugängliche Univerfitätsgefeg auf feiten der Regierung, 
wie der BollSvertretung Zuftimmung finden wird. 

Um glei in medias res zu geben, ſchlagen wir etwa folgenden Geſetz⸗ 
entwurf vor: 

81 


„Abänderungen der bisher vom König einſeitig erlaſſenen und ergänzten 
Univerſitätsſtatuten, ſowie der Erlaß neuer Univerfitätsſtatuten erfolgen in Zu⸗ 
funft durch ein formelles Geſetz. 

Die Fakultäten, welche bisher noch leine miniſteriell beſtätigten Fakultäts⸗ 
ſtatuten beſitzen, erhalten ſolche binnen Jahresfriſt nad dem Inkrafttreten 
dieſes Geſetzes.“ 

82 


„Rechtliche Kompetenzſtreitigleiten zwiſchen dem zuftändigen Minifterium 
und den Univerfitätsverwaltungen, zwiſchen einzelnen Univerfitätsorganen und 
zwiichen einzelnen UniverfitätSangeftellten (ordentliden und außerordentlichen 





246 Ein neues Univerfitätsgefet 





—— 


Profefioren, Privatdozenten, Affiitenten) unterliegen der richterliden Entſcheidung 
dur das Dberverwaltungsgericht in Berlin in erfter und letzter Inſtanz. 

Unberübrt bleibt hiervon die gefehliche Regelung der Disztplinarverhältnifje 
der einzelnen Univerfitätsangeftellten.“ 

Der Vater des Wunſches, daß diefe oder gleichartige Beitimmungen in 
einem neuen Univerfitätsgefet Aufnahme finden möchten, ift das in Univerfitäts- 
freien vielfah empfundene Bebürfnis einer feften Garantie der amtlihen Zu- 
ftändigfeiten. Die gegenwärtige Lage des preußiſchen Univerfitätsrechts wird 
diefem Bedürfnis auch nicht im entfernteften gerecht. Das Univerfitätsredht 
gehört zu den dunkelſten Partien der preußiſchen Rechtswiſſenſchaft. Nur felten 
verliert fi der Fuß des zünftigen Staatsrechtler8 auf dies Gebiet, und wo 
dies auch in neuerer Zeit geſchehen, ift es bisher nicht einmal gelungen, über 
die erften Grundlagen diefer Materie ein fachliches Binverftändnis zu erzielen. 
Der Grund der herrihenden Meinungsverjchtedenheiten ift die Zerfplitterung 
des einfchlagenden Rechtsmaterials, das zu einem wefentlihen Zeil noch im 
Allgemeinen Landredt von 1794 fi vorfindet. Dabei beginnt gerade der 
jüngeren Generation die vertiefte Kenntnis eines fo gewaltigen Geſetzgebungs⸗ 
werks, wie e8 das A. L. R. ift, mehr und mehr abzugeben, und der neuerdings 
in der Literatur bervorgetretene Meinungszwieſpalt hinfichtlich des preußiichen 
Univerfitätsrechts tft zum größten Teil geradezu auf ein Nichtlennen der Ber- 
hältnifje und Anſchauungen des achtzehnten Jahrhunderts, weldhe doch bei der 
Auslegung des A. L. R. zugrunde gelegt werden müſſen, zurüdzuführen. Um 
nur ein ungefährliches Bild der hinfichtlich des Univerfitätsweiens herrſchenden 
Rechtsverwirrung zu geben, feien folgende Angaben gemadit: 

Das Reichsgericht (Straffahen Band 17 Seite 210) erklärt die Univer- 
ftäten für öffentlich-rechtlihe Korporationen und ihre Königlich beftätigten Statuten 
für Nechtönormen, was unzweifelhaft aud) dem 8 2 Einleitung: „Statuten 
einzelner Gemeinheiten und Gefellihaften erhalten nur durch die Landesherrliche 
Beftätigung die Kraft der Gefege“ entſpricht. Eine Konfequenz dieſes prin- 
zipielen Standpunftes tft, daß bei einer Abänderung der Univerfitätsftatuten 
Rektor und Senat der Univerfität gutachtlich zu hören find — in Gemäßbeit 
des 8 62 Einleitung: „Bei Aufhebung befonderer Statuten ... . müflen die- 
jenigen, die es zunächſt angeht, mit ihrer Notdurft gehört werden.” (Siehe 
aud II 8 8 118, 208). Eine weitere Konfequenz aber geht dahin, daß Ab- - 
änderungen der Univerfitätsftatuten nunmehr in der Gefehfammlung zu publi- 
zieren find (Art. 106 B.U., Geſetz vom 3. April 1846 8 1, fogenannte lex 
‚Schiffer vom 10. Juli 1906). Demgegenüber hält Anſchütz die Univerfitäten 
für „der Auffiht und Leitung des Unterrichtsminiſteriums unterftellte Staat$- 
anftalten” — „worüber man fi) durch die lorporativ anmutenden Einrichtungen 
ihrer Verfaffung nicht täufchen laſſen möge” — und die Univerfitätsftatuten 
grundfäglih für „AnftaltSordnungen” mit dem Charakter von Berwaltungs- 
vorſchriften, nicht aber von Rechtsnormen. Demgemäß befteht nad Anfchüg 


Ein neues Univerfitätsgefeg 247 


in der Gegenwart bei Abänderungen der Univerfitätsitatuten und beim Erlaß 
neuer Univerfitätsitatuten fein Publilationszwang in der Gefegiammlung. 
Hatſchek mahnt gegenüber Anſchütz, auf die Univerfitäten nicht „den Begriff 
der modernen Staatsanitalten mit ihren Folgerungen” anzuwenden, bält jene 
aber doch im Sinne des A. L. R. für „Stiftungen“, die eventuell grundfäglich 
nah Il 19, nit nad dem das SKorporationsredht enthaltenden II 6 zu 
behandeln find. Bornhat haralterifiert troß des Einfprudh von Hatſchek die 
Univerfitäten weiter als „Korporationen und Anftalten” und arbeitet binfichtlich 
des Univerfitätsmefens, ebenfo wie Arndt, weiter mit der Idee eines „felbftändigen” 
Berordnungsrechts des Königs. 

Bei ſolchem juriftiicden Zwiefpalt über die Grundlagen des Univerfitäts- 
rechts find trob guten Willen® auf allen Seiten Differenzen der beteiligten 
Kreife unausbleiblih, und der vorgefchlagene Geſetzentwurf ſieht daher (& 2) 
in einer erft- und lebtinftanzlicden Nechtiprehung des Oberverwaltungsgerichts 
in Berlin das befte Hilfsmittel, auf dem Gebiete des Univerſitätsweſens zu 
autoritativ-fiherem Recht zu gelangen. Er zerreißt nicht den Faden der Ent- 
widlung, will vielmehr durch die Möglichkeit einer höchftrichterlichen Nachprüfung 
die Zweifelsfragen des UniverfitätsrechtS zur Klärung bringen, auch dem in 
ben beteiligten reifen obwaltenden Bedürfnis nad) Nechtsgarantien ein Genüge 
Ihaffen, insbefondere den Charakter der Univerfitäten als Selbitverwaltungs- 
körper fiherftelen.. Es Tann für den Geſchichtskenner jedenfalls nicht zweifelhaft 
fein, daß die wiſſenſchaftliche Blüte der Univerfitäten mit geficherter forporativer 
Gelbftverwaltung im Zufammenhang ftehbt. Der Sicherung der Univerfitäten 
in ihrer Eigenfchaft als Selbftverwaltungstörper dient denn auch der $ 1 des 
Geſetzentwurfs. Der Abſatz 2 des 8 1 trägt dabei dem Umftand Rechnung, 
daß bisher noch immer nicht alle Fakultäten die in den Univerfitätsitatuten 
vorgefehenen, miniſteriell beftätigten Yakultätsftatuten befigen. Zu verſchiedenen 
Zeiten find von einzelnen Falultäten auf amtliche Aufforderung Entwürfe von 
Falultätsftatuten eingereicht, ohne daß die minifterielle Genehmigung erreicht 
wurde. So herrſcht auch in diefer Hinficht Rechtsunficherheit in den einzelnen 
Fakultäten und Ungewißbeit, auf. welchen Statutenentwurf gegebenenfalls zurüd- 
zugehen ift. Der vorliegende Geſetzentwurf fieht daher vor, daß die Fakultäten, 
die noch nicht minifteriell beftätigte Statuten haben, ſolche binnen Jahresfriſt 
nad) dem Inkrafttreten des Gefegentwurfs erhalten müſſen. 





AN Ss RES! ev) f 


ans? 





Dom unbefannten Geibel 
Don Dr. R. Shadt 





. om unbelannten? Was, wird man fragen, kennen wir von Geibel 
u fi nicht? Die Quellen für feine Biographie fließen reichlich, auch 
RN EB bei nur teilweifer Kenntnis des Nachlaſſes gibt es keine Lücken 

Zain ihr, feine Rätſel, nicht einmal ein Problem. Und wer kann 

EEE yon einem kaum dreißig Jahre toten Dichter, deſſen erfter Band 
noch bei des Verfaſſers Lebzeiten mehr denn hundert Auflagen erreicht bat, 
behaupten, er wäre unbelannt? 

Aber gerade bie begeifterte Aufnahme, die dieſer erfte Gedichtband gefunden 
bat, ift der Grund dafür gemwefen, daß man den ganzen, und man darf wohl 
jagen, den beiten Geibel nicht kennt. Das ift nicht eine perfönliche Anficht, ein 
fubjeltiveg Urteil, fondern eine Tatſache, die niemand klarer ald der Dichter 
felbft empfunden hat. „Ih babe,” äußerte er 1872 gegen Heinrich von 
Treitfchle, „Das zweifelhafte Glück gehabt, mit einer frühen Sammlung fehr 
jugendlicher Gedichte einen Erfolg zu erringen, der zu ihrem Wert in gar feinem 
Verhältnis fteht; was ich dagegen als Dann bei größerer Reife und unter 
ernfter künſtleriſcher Arbeit gefchaffen, das ift, wohl eben infolge ber vorber- 
gegangenen, für jeden Berftändigen zutage liegenden Überſchätzung verhältnis- 
mäßig wenig in biefenigen Kreiſe gedrungen, bei denen ich am liebiten Anklang 
gefunden hätte.” Das melandholifhe Schidfal eines, der Modedichter wurde 
und verdiente, mehr zu fein! 

Die Mode blieb ihm treu bis zu den „uniusliedern“, fie boten feine Über- 
rafhungen. Geibel war, wie das Schlagwort lautete, der Dichter der „ſchönen 
Form“, und da das große Publilum die fogenannte fchöne Form nun einmal 
für etwas ein für allemal Feftitehendes, für eine Art abftralten Geſetzes hält 
und auch ohnedies nur mit den größten Anftrengungen dazu zu bewegen ift, 
über einen Liebling umzulernen, fo galt des Dichters Entwidlung fortan für 
abgeichloffen. Freilich Tann nicht geleugnet werden, daß Geibel felbft nicht wenig 
zu diefem verhängnisvpollen Irrtum beigetragen bat. Nicht nur fand er nicht 
den Mut, einmal als ſchwächlich Erfanntes in einem bereit3 veröffentlichten 
Bande in fpäteren Auflagen zu unterdrüden — bie erften Verſuche vereitelte 
der wohlmeinende Rat wibderftrebender Freunde — er verfhmähte es auch nicht, 


Dom unbefannten Geibel 249 





einen neuen „fälligen“ Band durch Beigabe von älteren oder mehr oder weniger 
gelungenen Überarbeitungen von älteren Gedichten auf den nötigen Umfang zu 
dringen. So bat er felbft, das Publikum, wie die Kritik täufchend, die Refultate 
feines ernften, ftetigen Strebens verwiſcht. 

Und mas die Enthufiaften nicht zu würdigen veritanden, wie hätte e3 bie 
feit Ende der achtziger Jahre gegen den Gefeierten einfegende Oppofition kennen 
folen? War es doch gerade der auf Koften von Mörile und Storm, Hebbel 
und der Drofte übermäßig geſchätzte Verfafjer der „Gedichte“ und „Juniuslieder“, 
den es anzugreifen galt, die übrigen Bände, die in weitere Kreife faum gewirkt 
Hatten, ließ man unzerzauft, zum mindeiten ließ man fi), begreiflicherweife 
durch die Lektüre der früheren Bände ermüdet und enttäufcht, durch Geibels 
Verwiſchungsverfahren irreführen. Und fo iſt es gelommen, daß man nod) 
heute von einem unbelannten Geibel ſprechen Tann. 

Das ift feine ausgedachte Konftruftion. Jeder Leſer kann die Probe gleich 
an ſich ſelbſt machen. Wir alle haben Bätern und Tanten mit Recht opponiert, 
wenn man, wie es felbit Goedele tat, das aus lauter blafier Reflexion zu- 
ſammengeſetzte „Minnelied“ lobte, aber wie wenige lennen auch jenes feine Heine 
Porträtgedicht „Die Braut“ (aus den „Neuen Gedichten“), vor dem freilich 
Möriles „Berlaffenes Mägdlein“ die anſchauliche Situation voraus hat, das 
aber fonft an Zartheit der Piychologie und überzeugender Einfachheit in deutjcher 
Lyrik unübertroffen daſteht. Wir alle kennen jenen öldruckhaften „Zigeunerbuben 
im Norden“, aber wie felten hört man ein Wort über das dritie und fünfte 
Stück der „Erinnerungen aus Griehhenland“. Und fo ließen fi nod eine 
große Neihe von Gedichten Geibeld anführen, die ſämtlich zu wertvoll find, 
um vergefien zu werden’). Bon diefen und ihrem Dichter fol bier die Rede fein. 

Bergegenwärtigen wir uns zunächſt deſſen Werdegang. Dft genug bat 
man den jungen Geibel grollend einen farblofen Mufterfnaben genannt, was 
im ganzen der Wahrheit durchaus entfpriht, ohne daß es, wie man gemollt 
dat, feine Lünftlerifhe Begabung in Frage ftelen mußte. Schon früh aber 
treten an dem Mufterjüngling, defien jchöne und wohlgeformte Briefe (erfchienen 
dei Karl Eurtins, Berlin, übrigens eine wahre Mufterfammlung, die jeder 
Sekundaner befigen follte) Goedeles Biographie zugrunde lagen, zwei Charalter- 
züge als auffällig hervor: der Drang in die Yerne, nad dem Süden, und bie 
feftgemurzelte Liebe zur Heimat. Dieje echt deutiche Vereinigung zweier ſcheinbar 
unvereinbarer Charalterzüge iſt bei Seibel nur dadurch zu erflären, daß er 
fein Gegenwartsmenſch war. Er fehnte fi) oder ſchaute zurüd, weshalb aud 
in feiner Liebesiyrif die Erwartung oder die Klage um den Berluft die Aus- 
ſprache glüdlichen Befiges bei weitem überwiegt. Er fehnte ſich oder fchaute 
zurüd, aber, wenn aud mit Iyrifher Klage, ohne jede Zerifienheit. Vom 


*), Man findet fie in der von mir berau&gegebenen, kürzlich bei Heſſe und Beder, 
Leipzig, erihienenen Auswahl aus Geibeld Werten. 


250 Dom unbefannten Seibel 


jungen Deutſchland, das die geruhfamen Waldesſchatten und das realitätsent- 
rüdte taugenichtfige Bummelleben der jüngeren Romantik aus Widerſpruch gegen 
eine weichlich entartete, geiftig gelnebelte Zeit gar zu ungeftüm mit einer raſch 
aber oberflächlich erfaßten und daher chief und tendenziös gefehenen Wirklichkeit 
vertauſchte und deſſen unabweisliche romantiſche Gefühlsrüdftände fi in falſch 
geſchminkter Sentimentalität oder in negierendem Weltſchmerz Luft machten, 
trennte Geibel eine Welt. Er gehörte noch zu jenen harmoniſch ausge⸗ 
glidenen Menſchen einer für uns längft vergangenen, uns faft unverftändlich 
gewordenen Epoche, die ſich nicht, fozufagen von Gegenſatz zu Gegenſatz fpringend, 
fondern langfam in traditioneller Gebundenheit aber organisch wachſend entwickelten. 
Bei aller Spielerei, die mit unterlief, waren die Elemente feiner Yugendbildung: 
das Baterhaus mit dem proteftantifhen, tüchtigen Bürgerleben, alte Philologie, 
von der man damals auf der Schule noch einen lebendigen Begriff befam, 
und moderne Dichtung — Schiller, Goethe, Shalefpeare, Heine, die Damals eben 
noch nicht fo fehr als Klaffiter fondern mehr modern anmuteten, — feit in 
feiner Natur verankert. Und fo wenig ber Gegenmwärtige fi über dieſe 
Einflüffe Mar wurde, fo lebendig machten fie fi dem Abmefenden bemerkbar. 
Nicht als Entdeder, noch minder als moderner Analytifer ging er nad) Griechen- 
land, fondern als ein Verehrender, der das von frommgläubigen Altphilologen 
in ihm SHineingelegte und dankbar Empfangene durch eigene Anſchauung zur 
höchſten Lebendigkeit zu fteigern trachtete. Aber gewiß war e8 nun ein 
Zeichen beginnender Reife, daß er auf griechiſchem Boden bei aller body 
gehenden Begetfterung für die Antile doch nicht, wie etwa Platen, felbft zum 
Griechen wurde, fondern die in der Heimat wurzelnde eigene Kraft erfannte. 
Und fo fpiegelt denn fein erfter Gedichtband weniger da8 in Griechenland 
Erworbene (die „Diftihen aus Griechenland” kamen erft in die zweite Auflage) 
als den zum Ausdrud drängenden Stand feiterworbenen organifch verarbeiteten 
geiftigen Befitzes. Faft alles in diefem Bande ift — bei aller oft und mit 
Recht betonten Unfelbftändigleit — fertig, abgeſchloſſen. Sein großer, übrigens 
erſt allmählich fich einftellender Erfolg und die Sprödigleit der Kritik werden 
zum größten Zeil dadurch erflärt; denn wenn es dem vorwärts blickenden 
Kritifer, der feiner Natur nah) das Publitum auf Neues, Zuentdedendes 
hinzuweifen bejtrebt ift, befonder8 bei einer Erftlingsarbeit Iodt, Keime des 
Neuen, Vielverfprechenden zu finden und hervorzuheben, fo zieht eben das Publikum, 
der gleichermaßen Kenntnis wie Witterung vorausſetzenden Arbeit Tritifcher 
Spürkunſt den bequemen Genuß auf bereit$ zugänglich gemaditen und belannten 
Bahnen vor. 

1847 wurden die „Juniuslieder“ veröffentliht. Ste gelten als Geibels 
charakteriſtiſcher, vielfach auch als fein befter Band. In der Tat kommt er 
bier dem, was man gemeinhin „ſchöne Form“ nennt, am nächſten. Aber alles 
gemeinhin Genannte und daher oberflächlich Gelannte ift nichts als ein Schema 
und fo tft denn auch tatfächlich die Yorm der „Juniuslieder“ häufig nichts mehr 


Dom unbekannten Geibel Ost 





als bloße und unperſönliche Abftraktion. Gegen die „Gedichte“ gehalten, find 
die Anflänge an andere freilich vermieden, der Inhalt ift bier nnd da reifer 
geworden, aber wer merlt es dem Bande, abgefehen von einigen Selbftbefennt- 
niffen (Bonatuslieder, Ein Bild) an, daß er in das für den Dichter von be» 
ftändiger Unruhe erfüllte Jahrzehnt zwiſchen dem griechiſchen Aufenthalt und 
der Berufung nad München fällt? Gerade diefer Unperfönlichleit aber lag 
ein perſönliches Streben zugrunde. „Es ift ſchön,“ fchrieb er 1847, alfo 
dem Erſcheinungsjahr der „Juniuslieder“, „ein Dichter zu fein, aber e8 ift ſchwer, 
unendlich ſchwer. Denken Sie fi ein Gemüt voll vielfeitiger Empfänglichkeit, 
vol inniger raftlofer Sehnfucht, voll verbhaltenen Feuers, wie das Gemüt jedes 
echten Poeten es fein muß, benlen Sie ſich das tm wechfelnden Verkehr mit 
Zaufenden, einfam hineingeriffen in den Strubel blendender Gefelligleit, bewegt 
und durchſchüttert von den Pulsfchlägen der Zeit, bezanbert von dem Glanze, 
abgeftoßen von der Hoblheit neuer fi ihm aufſchließender Lebensiphären, heute 
in fühner Yugendluft anfjauchzend, morgen durch bittere Enttäuſchung gefräntt, 
und fühlen Sie dann mit mir, wie ſchwer es fein muß, in dieſem haſtig 
ftärmifchen Leben, in all der blühenden Verworrenheit immer das rechte Gleich- 
gewicht zu bemahren, immer rein von Eitelfeit und Sinnlichkeit, frei von Selbft- 
betrug, Übermut und Verzagtheit zu .bleiben.“ Deutlich fpürt man unter 
diefen vorfihtig andeutenden Worten, auf was e8 anlam. Geibel war eben 
alles andere als ein bloßer Schöngeift, er war ausgeſprochen choleriſch veranlagt, 
ein temperamentooller heißblütiger Menſch. Aber in feinem ganzen Leben, das 
wir ziemlih genau kennen, ift fein Abenteuer. Niemals hätte er es fertig 
gebracht, aus Leidenſchaft einen Fehltritt zu begehen, nicht aus QTemperament- 
lofigkeit, jondern weil er durch die Tradition des bürgerlich tüchtigen fromm- fittlichen 
Eiternbaufes gebunden war. Doch oft genug mag er während der rubelofen 
Wanderjahre, in denen er bald bier, bald dort das verwöhnte, verführeriich 
ungebundene Leben des überall hochgeehrten Gaftes führte, der nur empfing 
und nichts zu geben brauchte, als was Laune und QTemperament mühelos ge- 
währten, um feinen fittliden Halt, um feine geſunde Weiterentwidfung gebangt 
haben. Er jehnte fih nach Ruhe, nad) Bodenftändigfeit, nach einer Lebensform. 
Aber vorderhband blieben fie ihm, der fi in fein feltes reales Verhältnis 
finden Tonnte, Ideale: die traditionellen Ideale ftanden ihm über den wirklichen 
Dingen. Dies eben ift es, was den Epigonen ausmadt. Er wagte nicht, fi 
der Leidenſchaft hinzugeben und dichtete fie daher zur „Minne”, dem Begriff des 
Mittelalters, um, wagte nicht, fidh der Politit tätig in die Arme zu werfen 
und wurde zum Sänger, der über den Parteien ftand. Das ift der Dichter 
der „Juniuslieder“, der ſich hinter der idealen Form verftedt, ftatt fie aus ſich 
zum eigenen Ausdrud neu zu geftalten. Aber, mag man es nun Zufall oder, 
fataliftifcher, Schidfal nennen, feinem Streben ward Erfüllung: er fand eine 
fefte Lebensftellung, gründete einen eigenen Hausftand, genoß ſoviel ruhiges 
Glück, wie es nur felten einem Sterblichen zuteil geworben ift. 


Dom unbefannten Geibel 


1D 
ot 
IV 








Er gelangte zur Ruhe; aber nicht bloß zur Ruhe. Er kam nad München 
nicht al8 Privatmann, fondern berufen als offizieller Vertreter großer deutſcher 
Kunft, als Lehrer an der Univerfität, als Freund des Königs. Er gehörte ſich 
nicht reftlos ſelbſt an, er follte und mußte repräfentieren, ein Leben ber 
Form führen. Was ihm Ideal gewejen war, die Form, bier wuchs er hinein 
und wurde fo zum Nepräfentanten der Form in jedem Sinne. Und fo war 
die Form auf einmal fein bloßes deal mehr, fie wurde Erlebnis, das Erlebnis, 
das den fpäten Geibel ausmadit. 

Doch die Form will Inhalt, wenn fie nicht leer werden fol. Woher aber 
follte Geibel, der jegt weniger denn je die Gegenwart finnlich ergreifen konnte 
— die Echönbeit der ſüddeutſchen Natur blieb ihm verfchlofien — den Inhalt 
nehmen? Da waren es, wie einft in Griechenland die Erinnerung an die 
Heimat Geftalt in ihm gewann, jegt jene Erlebnijje, die in ihrer Gejamt- 
ftimmung dem forglofen glänzenden Leben, das er in München führte, am 
meiſten ähnelten: die feines griechiſchen Aufenthaltes. Aus ihnen ermuchien die 
„Srinnerungen an Griechenland“. Es find lyriſch gefärbte Landſchaftsbilder; 
aber fie find weder mit Reflexion durchwachſen oder durch hiftorifche Neminifzenzen 
gefärbt wie bei Platen, noch aus lebendig aber einzeln erfahtem Detail zu- 
fammengefeßt wie bei der Drofte, noch liegt über ihnen der feine norbifche 
Geeluftton der Stormſchen Lyril. Es find durchweg Fernbilder, wie die deutſchen 
Stalien-Landfchaften der Yahrhundertmitte, mit mwenigem fchlagendem Detail 
von typiſcher Beleuchtung in fcharfem Sonnenlicht unter einem weithin ſich 
dehnenden Himmel und vor einem weitgeftredten Horizont. Es tft weniger 
Zraum in ihnen, weniger Empfindung als ein „wortlos Schauen, tief und Mar“; 
das tiefe forglofe Glücksgefühl, wie e8 den Nordländer erfaßt, der ſich zum 
eritenmal dem Eindrud der Maren, fonnigen Weite füdlicher Landſchaft bingibt. 

Beraufht von Glanz und Düften, 

Das Herz in tiefer Muh’, 

Bedüntt mich fait, wir fchifften 

Den ſel'gen Inſeln zu. 
Das ift feine Epigonenpoefie mehr, das ift eigenes Gewächs. Und daß e8 Das 
mar, beweiſt Geibels unbeftrittene Autorität im Münchener Dichterfreis. 
Niemals Hätten die größtenteils Neues erftrebenden Syüngeren einem bloßen 
Epigonen eine ſolche Stellung zugeftanden. 

Es fann nicht die Rede davon fein, bier, auf beichränttem Raum das 
gefamte fpätere Schaffen des Dichters einer eingehenden Analyje zu unter 
ziehen. Die angeführten „Erinnerungen“ mögen als typiſches und mahnendes 
Beifpiel genügen. Nur von einer gleichfalls viel zu wenig gelannten Gruppe 
muß noch die Rede fein: von den Vaterlandsliedern. Wir Deutſchen find uns, 
nach unferer Weife, unfer Beftes allzu gering einzufchägen, faum bewußt, was 
wir an dieſen krafterfüllten Liedern für einen wertvollen Schag befigen. Hätten 
Sranzofen oder Engländer desgleichen, wir würden Proben davon in jedem 


Dom unbefunnten Seibel 253 


— 
—o —⸗ 





fremdſprachlichen Schulbuch haben. Von den meift über ihr poetifches Verdienſt 
gerühmten Freiheitspichtern ift Geibel an Fülle keiner, an Kraft nur Arndt zu ver- 
gleihen. Gewiß läuft in den früheren Stüden bewußte oder unbemußte Nachahmung 
des MittelalterS mit unter, gewiß ift manches heute ftofflich veraltet, aber wo ift 
zum Beilpiel in unferer jüngften Kriegsigrif irgend etwas, das an repräfentativer 
Kraft, an Größe der Gefinnung und formaler Vollendung dem empfindungs- 
gefättigten Sonett „beim Ausbrud des Krieges mit Dänemark“, in dem fi 
Ianggeftaute Hoffnung in kraftvollen Säten Luft macht und heiße Freude über 
bie endlich gelommene Zeit des Handelns brennt, wo etwas, das den Rhythmus 
freudig wogender Volksmaſſen deutlidder zum Ausdrud bräcdte als das im 
lauteften Jubel noch ernſt wuchtige Lied von Düppel, wo etwas beftimmter und 
fühner als das Lied „Was wir wollen“ mit feinem eifernen, auch heute wieder 
pafienden Refrain, und melde Siegesſymphonie in dem „Hochzeitslied an Deutich- 
land“. Es ift nicht die Stimmung des Augenblids, die uns diefe Dinge wieder 
ſchätzen lehrt! fie gehören, ganz abgejehen von ihrer jebigen Aktualität zu 
dem beften, was wir von deutſcher Poefle haben, es ift nicht die edle Gefinnung 
allein, die uns anfpridt, fondern in mindeftens gleihem Maße die fchlechthin 
vollendete Yorm. Hier war Seibel der gegebene Mann. Die Entmwidlung 
Deutſchlands zum Kaiferreih war die einzige Hoffnung, die dem verwöhnten 
Liebling des Glückes erft nad) langem bangen Harren reifte, neben feiner 
formalen Stellung die einzige, die den ganzen Menfchen wirklich und dauernd 
ergriffen hatte. Er, der fein Leben lang im Genuffe königlicher Penſionen ftand, 
war gleihfam zum Sänger des Volles ſchickſalsbeſtimmt und er entzog ſich nicht, 
wann immer die Stimmung des Volles nad) Ausdrud verlangte. Dabei fügte 
es das Glüd, das nur verfchwindend wenigen der Heutigen vergönnt ift, daß 
er zeitlebens über den Parteien ſtehen konnte und den eigentlichen Ereignifien 
fern genug war, um, ftatt am Detail zu leben, nur den großen Allgemein- 
beiten in fchlagenden Wendungen und einfachen Bildern, die von allen, dem 
Höcjften, wie dem Geringiten mitempfunden werden, Ausdrud zu geben. Hier 
fam ihm feine mufilalifche Begabung, der Inſtinkt des Liederdichters zu Hilfe: 
fein einziges faft der Stüde in den „Heroldsrufen“ bleibt als Leſegedicht im 
Bude fteden, Tein einziges ift bloß der Ausdrud eines einzelnen, an den 
einzelnen fi) wendend, alle fordern fie das Echo der Maſſe. 

Diefer Geibel zum mindeften tft nicht veraltet. Dielleiht wird man 
verſuchen, von Hier aus wieder ein neues Verhältnis zu dem Bielgefchmähten, 
nur balb Selannten zu gewinnen. 








Maßgebliches und Unmaßgebliches 


Wirtfchaft 


Im Reiche des Geldes von Leo Yolles. 
Berlin und Leipzig bei Schufter u. Loeffler, 1915. 

Das Bud enthält 44 don den Finanz⸗ 
berichten, die der Berfaffer im „Zag”, in der 
„Zukunft“ und in der „Neuen Freien Preſſe“ zu 
veröffentliden pflegt, in drei Gruppen ab⸗ 
geteilt: Die wirtichaftliche Perſönlichleit; Börfe 
und Spieler; Geld, Geldmadt, Geldmacher. 

Der Krieg, dad haben ſchon viele aus⸗ 
geiprochen, ift ein trefflicher Lehrer der Volls⸗ 
wirtihaft. Das Weſen des Geldes hat Adam 
Smith aufgeflärt, aber felbft die Männer 
vom Fach vergaßen e8 manchmal, und im 
Volke war die richtige Einficht wenig ver- 
breitet. Der Krieg nun bat die Wahrheit fo 
grell beleuchtet, daß fie auch dem blödejten 
Auge nicht länger verborgen bleiben Tann. 
Der Reihtum befteht niht aus Geld, fondern 
aus Gebrauchsgütern. Das Geld ilt nur dag 
Nad, da3 die Güter umtreibt, einem jeden 
feinen Einfommenanteil zuführt, dazu Re⸗ 
präfentant der Güter und Wertmefler. Es 
macht niemals auch nur den kleinſten Teil 
des Einkommens aus; ein — nicht ſehr bes 
deutender — Teil des privaten und des 
Volksvermögens iſt es nur in der Geſtalt von 
Hartgeld. Die Güter laufen nicht dem Gelde, 
ſondern das Geld läuft den Gütern nach. 
Das engliſche Geld Läuft jetzt amerikaniſchen 
Kriegslieferungen nach und fällt mit ihnen 
ins Waſſer. Deutſchland hat Geld, ſeine 
Finanzen ſind geordnet, weil es die Güter, 
die es braucht, ſelbſt erzeugt, Nahrungsmittel 
allerdings nur in nicht ganz ausreichender 
Menge. Sonderbarerweiſe ſchreibt Jolles 
Seite 181: „Die Zollpolitik hat es dahin 
gebracht, daß das deutiche Volt zur Dedung 
feines Bedarfd ausländiſches Getreide in 
wacjender Menge kaufen muß.” Bekanntlich 
hat die Zollpolitif die Yandivirte in den Stand 
gejegt, durch Intenſivizierung des Betriebs 


den Ernteertrag ftetig zu fteigern und fo mit 
dem Wachstum der Bevöllerung einigermaßen, 
wenn auch nicht völlig, Schritt zu balten. 
Freilih hat die Anwendung dieſes Mittels, 
des Zollihuged, ihre Grenzen und vermag 
die Urſache der Rahrungsmittelfnappheit, die 
Bodentnappheit, nit zu heben Die Auf» 
klärung der verſchiedenen Begriffe, die mit 
dem Worte Kapital verbunden werden, ver⸗ 
danken wir Rodbertus. Das Geldlapital ijt 
ein Rechtsanſpruch. Die Hypothek, die Aktie 
madt den Inhaber zum Mitbefiger eines 
Zandgut3, eine® Bergwerks, und verleiht 
ibm das Recht, einen Teil des Ertrages, alſo 
des Arbeitproduftd anderer, jür fih ein» 
zuziehen; der Staatsſchuldſchein weilt auf den 
Steuerertrag de3 Staates, alſo auf dag Arbeit» 
produft der Geſamtheit feiner Bürger an. 
Der Wert eined ſolchen Kapitalftüds hängt 
davon ab, ob und in weldem Maße der 
Rechtsanſpruch verwirklidt werden Tann. 
Marianne muß ihre Rechtsanſprüche in den 
Schornftein fchreiben, weil Ruſſen, Serben 
und Güdamerifaner keine Zinſen zahlen 
fönnen, und Kohn Bull fann die Binjen feiner 
in überfeeijhen Unternehmungen angelegten. 
Kapitalien nicht hereinbekommen, weil der 
Krieg den Weltverfehr unterbindet und eine 
Weltdepreifion zur Folge Hat. Nur der Wert 
der im Inlande angelegten Kapitalien ift 
fiher. Der Wert der Nealgüter gegenüber dem 
Gelde tritt dem aufmerffamen Lefer des 
Buches don Jolles fchon in dem Umijtande 
entgegen, daß die deutfchen Männer, deren 
Charafterjfigzen in den Auflägen der erften 
Gruppe gezeichnet werden, die Krupp, Loewe, 
Nathenau, stirdorf, Thyſſen, Stinnes captains 
of labour, Organifatoren der Güterproduftion, 
die amerifanishen mehr Spelulanten als 
Produzenten, die franzöfifchen Geldfürften find. 

Der Krieg hat alſo der Mberfhägung des 
Geldes ein Ende gemadt. Aber als unent» 
bebrliches Werkzeug des Güterumlauf3 darf 


Maßgebliches und Unmaßgeblidhes 


es auch nicht unterfhägt werden, und wer ed 
rihtig verwenden will, muß die Gejeke 
iennen, nad denen es Wirkt. Jolles bat 
darum recht daran getan, daß er der Auf 
forderung ſeines Berlegerd gefolgt ift, und 
ſich dur die don verſchiedenen Seiten zu 
erwartenden Einwendungen bon der Ver—⸗ 
öffentlihung in Buchform nicht hat abhalten 
laſſen. Diefe Auffäge hätten doch nur für 
den Tag, höchſtens für die Woche Geltung, 
werde man fagen; aber „in der wirtichaft- 
lichen Entwidlung gibt es Grundlinien, die 
immer da find“. In der Tat, was er zum 
Beifpiel über dad Weſen und die Biychologie 
der Spetulation, über den Unterichied des 
franzöliihen vom engliiden Wirtſchaftsleben 
jagt, wird bis in eine ferne Zukunft Geltung 
behalten, und man wird fih im Wandel der 


Zeiten noch oft daran orientieren. Denen 


aber, die ihm die feuilletoniftiiche Behandlung 
der Geldfragen vorwerfen, werden feine Leſer 
antworten, daß fie für die genießbare und 
Genuß gemwährende Form dankbar find, in 
der er den trodnen und nüchternen Stoff 
darbietet. Daß er von der Schulzeit ber 
noh mit den Muſen Yühlung unterhält, 
bemeift die griehifhe Widmung an Harden, 
und mit der Abhandlung über den Börfenwig 
bat er die Aſthetik um ein Kapitel bereichert. 

Zu vollöwirtihaftlihen Abhandlungen 
dürfen ſich Taged« oder Wochenberichte natürs 
ih nit auswachſen, aber bie und da hätte 


ohne Üiberfchreitung ded Rahmen? wünſchens⸗ 


werte Auskunft über eine Wichtige Frage 
gegeben werden Tönnen. So möchte man in 
dem Kapitel über des James Batten Weizen- 
corner gern erfahren, um wie viel und auf 
wie lange diejer den Weigenprei® erhöht hat, 
ob den Weltpreis oder nur den Preis im 
Bereich der Union. Ich war bisher über- 
zeugt, daß wegen der ungeheuren Menge der 
Ware und unter den heutigen Verkehrsver⸗ 
bältniffen fpelulative Erhöhung des Preiſes 
der Brotfrühte ebenjowenig mehr möglid) 
fei wie fünftlicher Preizdrud, der Weltpreis 
diefer Ware wirklich nur durch das Verhältnig 
des Vorrats zum Bedarf bejlimmt werde 
(für Länder, die überhaupt oder zeitweilig 
durch einen Krieg vom Weltverfehr abgejperrt 
find, gibt es natürlich feinen Weltpreis). Ich 
mödte nun wiffen, ob Patiens Erfolg oder 
Dißerfolg diefe Überzeugung umftößt. oder 


255 


betätigt, wa nur aus Yablenangaben erjehen 
werden Tann. Daß man den Nendelsſohns 
ihre Ruſſengeſchäfte nicht ala Verbrechen an« 
rechnen, ihnen die Beſchwörung der 1905 
drohenden Panik der Ruffenbefiger nicht übel 
nehmen darf, ift richtig; Geſchäft ift Geihäft;.. 
aber bei diejer Gelegenheit wäre die Frage 
aufzuwerfen geivefen, wie fich die Regierung 
ſolchen Geſchäften gegenüber zu verhalten hat. . 
Die fetten PBropifionen, die ruffiihe Anleihen. 
abwarfen, waren damals fchuld, daß aud 
Blätter, deren Redakteure Rußland Haflen, 
die Verbreitung ungünftiger Meinungen über 
diefen Staat möglichft Hinderten. Hätten 
unfere Staat3männer die Tatſache ind Auge. 
gefaßt, daß eine friegerifhe Auseinanders 
jegung mit Rußland über furz oder lang 
undermeidlih fein werde, dann bätten fie, 
wahrſcheinlich die Panik als ein zwedmäßiges 
Borbeugungsmittel gefördert. Jolles fpottet: 
über die Angft. dee BDeutihen vor der. 
Milliarde, über die Bejorgnid, ob die un⸗ 
geheuren Summen, die den Banken ander» 
traut werden, dort auch ficher aufgehoben. 
feien.. Ob die Sicerheitömaßregeln zum. 
Shug dor Schädigungen durh Bank und 
Börfe, die unfere Gejeggeber beliebt haben, 
gerechtfertigt und zwedentjprechend find, vers. 
mag ih mit meinen ungenügenden finanz». 
wiſſenſchaftlichen Kenntnijfennicht gu beurteilen, 
aber fo ganz unbegründet find denn dod die. 
Beforgnifie de Publikums nicht, da® gern 
willen möchte, wa3 mit feinem Gelde geſchieht, 
wie die franzöſiſchen Schwindelgeſchichten 
beweifen, die Jolles ſelbſt erzählt. Voll 
gemacht und ſchonungslos enthüllt hat freilich 
das Elend der franzöfiihen Sparer erft der 
Krieg, und darüber werden wir ja in dem 
verſprochenen ziweiten Bande des „Seldreiches“, 
der „Die Wirtſchaft im Kriege“ behandeln 
fol und auf den wir und freuen, genaue 


Auzfunft erhalten. 


Einer der dom Sriege hell beleuchteten 
Wahrheiten, die oben flüchtig berührt wurde, 
mögen bier noch einige Sätze gewidmet 
werden. Franz Oppenheiner hat im Februar⸗ 
und im Märzheft der Neuen Nundfhau die 
volkswirtſchaftlichen Lehren des Krieges jehr 
Ihön dargeftellt, hat fi aber durd feinen 
piychologifhen Irrtum, dem ich ſchon öfter 
entgegengetreten bin — er denit fi die 
Menſchen als Wafjertropfen,. die fi) auf jeden 


256 


Drud Hin nad den Gefegen der Mechanik 
bewegen — zu folgender ungeheuerlicher 
Mbertreibung des wirtiaftlihen Anpaſſungs⸗ 
vermögens verleiten lafien: Wenn fi auf 
da8 Geheiß de zürnenden Pofeidon im Meer 
eine Phãakenmauer erhöbe und England von 
der übrigen Welt bermetifh abiperrte, fo 
würde Teineswegd eine Hungersſsnot auße 
brechen, fondern die hohen Lebensmittelpreife 
würden die Kapitalien in die Landiwirtfchaft 
Ioden, und über die Zeit biß zum erhöhten 
Ernteerirag würden Berteilungsmaßregeln 
der Regierung hinwegbelfen. Abgefehen vom 
pſychologiſchen Srundirrtum ftehen der Ber 
wirflidung der Phantafie drei Hindernifle 
im Wege, deren jedes für fih allein ſchon 
mädtig genug wäre, das Gelingen gu ver⸗ 
eiteln. 1. In Deutſchland ift die Anpaflung 
der Wirtſchaft an die Kriegdnot gelungen, 
weil den Anpafiungsprogeß eine Negierung 
leitete, deren Organiſationskraft beiſpiellos 
daſteht in der Weltgeſchichte, und weil fie 
Dabei von berufſtändiſchen Organiſationen 
unterftügt wurde, die ebenfall® ibhresgleichen 
nit haben in den übrigen Staaten heutiger 
Zeit. In England, wo unter dem Ramen 
der Freiheit mandefterlich -individualiftifcher 
Schlendrian herrſcht, fehlen ſolche orga⸗ 
nifierende Kräfte. 2. Bei der deutſchen An⸗ 
pafſung handelte es fih einmal um die 
Überführung von Kapitalien und Induſtrie⸗ 
arbeitern aus den einen Induftriezweigen in 
andere, und zweitend um die Einteilung und 
Verteilung der vorhandenen Lebensmittel. 
horräte, die zwar fnapp, aber doch eben vor» 
handen waren. Den Borrat zu bermehren 
ift aud) die erftaunliche deutfche Organifationg« 
fraft nicht imftande geweien, und fie wird 
aud den Ertrag der nächſten Ernte nit 
weientlih über den Durchſchnitt erhöhen. 
Andufirieerzeugniffe fönnen mit Dampf- und 
Clektrigitätsgefchwindigfeit vermehrt werden, 
Pflanzen und Tiere brauden ihre bon der 
Ratur unabänderlid beftimmte Leit zum 


Maßgebliches und Unmaßgebliches 


wachſen und reifen. Und ehe der neue 
englifhe Weizen reifte, müßte er erft gefät 
werden auf den Flächen, die jet Weide oder 
Bar! und Xagdrevier find; dazu wäre bie 
Anlegung von einigen hunderttaujend Bauer» 
wirtſchaften erforderlid — in einem Lande, 
wo es gar leine Bauern mehr gibt; wir 
aber, die wir noch Bauern haben, wiſſen, 
was trotzdem innere Rolonifation in hundert⸗ 
mal Tleinerem Umfange für ein ſchwieriges, 
langwierige und Toftipielige® Berl if. 
8. Und woher die Menfhen nehmen für 
diefe® Wert? Nah der Niederiwerfung der 
Burenrepublifen feufzte die Saturday Rebiew: 
„mehr Land hätten wir nun wieder, aber 
wober Bebauer nehmen? Unfere ganz ber» 
ftädterte Bevöllerung taugt nicht zu bäuer- 
liher Befiedlung.” Aus dem dritten Bande 
des Jahrgangs 1918 der Örenzboten Seite 119 
und 201 haben wir erfahren, daß ed aud 
in Kanada nit erwachſene großftädtifcdhe 
Broletarier find, die der weiteren Befiedlung 
dienen, fondern Sinder, die frühzeitig ihrem 
ungefunden Milieu entriffen, für diefen Zweck 
erzogen werden. Und wären diefe drei um 
überfteiglihen Sindernife überwunden, fo 
Yönnte Englands Bolt immer noch nidt auße 
ſchließlich vom eigenen eigen leben, weil die 
151000 Quadratlilometer von England und 
Wales nun einmal nicht hinreichen, 34 Milli- 
onen Menfhen zu ernähren. Der Boden bes 
alten Babyloniens und Agyptens hätte je 
noch mehr ald 288 Menſchen auf den Quadrat» 
tilometer zu ernähren vermodt, und im tro⸗ 
piſchen, im fubtropifhden Amerila mag eb 
noch viel folden Boden geben; aud Indien 
würde bei rationellem Betrieb der Lande 
wirtihaft und bei mufierhafter Verwaltung 
bon Hungersnöten verſchont bleiben, aber 
England liegt nun einmal nidt in den 
Tropen. Möchten fih unfere Bolikiter nicht 
irre führen laffen dur phantaftiide fiber» 
treibung der Anpafiungsmöglichleiten! 
Dr. Earl Jentſch 


Allen Manuftripten it Ports hinzuzufügen, da auberufais bei Ublchuung eine Nüdfenbung 
nicht verbürgt werden Tann, 





er Grlaubnis des 


Natarud fämtiiider Uuffäge nur mit ansbrädiie Beriags geiattet, 
Weorautwertii: ber Geranbgeber Georg Cleinon in Berlin - Lichterſelde Weſt. — BRanuftriptiendungen u.» 
— Be — unter ber Adreſſe: 


ben Geransgeber der © in Berlin - Bidhterfelde Weſt, Gterufirahe 56, 
— des Herantgebers: Amt —— 408, bes Berlags und ber Eariftieitung: Umt Süden MEIO. 
Berlag: Berlag der Grenzboten ©. m. 5. 9. in Derlin SW 11, Xempeiboiec Uſer Ana. 
Denk: „Der Weigäbete" ©. m. 5.9. in Berlin SW 11, Deffauer Strahe 36/87. 





Der Preis für Italiens ITeutralität 


Don George Ic. Elellan, 
Profeffor der Nlationalöfonomie an der Univerfität Princeton U. S. 


George Me. Elellan, der für einen vorzügliden Senner der 
europäifhen Geſchichte gilt, Hat den nadjfolgenden Auffag in der 
Rew Hort Times Magazine veröffentliht. Wir geben jeine Auß- 
führungen als Beiſpiel einer „neutralen“ Beurteilung der Sadjlage in 
der Tiberfegung von Dr. Reinhold Schmidt ungefürzt wieder, obgleich fie, 
joweit fie Vermutungen über die zu erwartende Stellungnahme Italiens 
enthalten, durch die Ereignifje überholt find. Die Scriftleitung 


enn man den Gerüditen, die wir fürzlihd von Rom vernommen 
haben, glauben darf, jo ſchließt das Gebiet, das Italien als 
Lohn feiner Neutralität von Oſterreich verlangt, ganz Sübtirol 
AM füdlich des Puſtertales ein, ferner Görz, Gradisca, Trieft und 

4 ganz Iſtrien mit etwa einem Dutzend der größten Inſeln, die an 
der kroatiſchen und dalmatifchen Küfte liegen. Mag es nun die wirkliche 
Forderung der italienifhen Regierung fein oder nicht, jedenfall ftellt dies die 
Wünſche eines großen Teiles des italieniſchen Volles dar, das kürzlich Die 
„irredentiftifche Bewegung“ wieder hat aufleben lafjen, die im lebten Viertel 
des neunzehnten Jahrhunderts jo mächtig war. 

Im Sabre 1878 erwartete das junge Königreich Italien, im Vollgefühl 
jeiner neugefchaffenen nationalen Einheit, vertrauensvoll an der Verteilung der 
türfifchen Beute auf dem Berliner Kongreß teilzunehmen. Nicht nur wurde 
diefe Hoffnung vereitelt, ſondern Italien hatte auch noch den Schmerz, zu jehen, 
wie fein Erbfeind, Ofterreich-Ungarm, die Berwaltung Bosniens und der 
Herzegowina zugeiprodhen befam. Als Ergebnis diefer Enttäufhung und 
aus Haß gegen Dfterreich erhielt die Bewegung für ein „Größeres Stalien“, die 
bi8 dahin nur wenig Fortichritte gezeigt hatte, plöglich große Lebenskraft. Das 
Evangelium eines „Italia Irredenta“, des noch nicht erlöften, unter fremdem 
Joch jeufzenden Italiens, wurde im ganzen Königreich gepredigt, und feine Prediger 

Grenzboten II 1915 17 





258 Der preis für Jtaliens Xeutralität 


beftanden darauf, daß Italiens Einheit nicht eher vollftändig wäre, als bis alle 
Italiener unter der Herrichaft des Hauſes Savoyen vereinigt feien. 

Die Sprade wurde zum jchiedsrichterliden Prüfitein gemacht, aber felhft 
diefer Prüfftein, der natürlich falſch tft, wurde nicht ftreng und logiſch angewandt. 
Die Irredentiſten verlangten die Einverleibung von Südtirol einſchließlich 
Trentino und des ganzen Gebietes ſüdlich des Gipfels des Brenner Paſſes mit 
ſtark deutfcher Bevölkerung; ferner das ganze öſterreichiſche Küftenland mit 
Fiume mit großenteils deutſcher und ſlawiſcher Bevöllerung; ben Schweizer 
Kanton Ticino, fowie Nizza, Corfila und Malta. Eine Verwirklichung ber 
irredentiſtiſchen Beftrebungen hätte natürlich Krieg bedeutet, und zwar nicht wur 
mit Öfterreih, fondern aud mit der Schweiz, mit Frankreich und England. 

Die Bewegung erreichte ihren Höhepunkt, als Menotti Garibaldi, einer 
von Biufeppe Garibaldis unruheftiftenden Söhnen, in einer Mafjenverfammlung 
den Vorſitz führte, die den Zweck hatte, Freiwillige für den Einmarſch in 
Trentino auszubeben. Der Premierminifter Cairoli konnte ohne ‘Mühe die 
beabfihtigte Freibeutererpedition unterdrüden, und als die Bewegung in 
republifanifche, ſozialiſtiſche und anarchiſtiſche Hände geriet, gelang es Depretis 
ohne Schwierigkeit, fie in ihre Grenzen zu weiſen. Als 1881 Frankreich Tunis 
tn Beflg nahm, auf das Stalien feine begehrlihen Augen geworfen hatte, und 
als dann infolgedefien Italien fi) dem Dreibund anſchloß, da erichlaffte bie 
Irredentiftenbewegung und ftarb bei der Entbedung der Verſchwörung des 
Irredentiſten Oberdank gegen den Kaifer von Vfterreich (1882) faft ganz aus. 
Der neue Ausbruch des Irredentismus hat in den legten Jahren ftattgefunden. 
Die Jtaliener, die immer von einer Großmacht geträumt hatten, glaubten, baf 
1912 ihr Traum dur) die Eroberung von Tripolis ganz verwirklicht worden 
wäre. indem fie fiberfahen, daß wirtſchaftliche Feſtigkeit Die einzige Grundlage 
fit, auf ber eine Großmacht beftehen Tann, vergaßen fie die Tatſache, daß 
Italien erſt kürzlich zahlungsfähig geworben war und zogen den Schluß, daß 
fie die politiſch Gleichberechtigten aller Großmächte ſeien. 

Dieſes Gefühl der nationalen Selbſtüberhebung führte zu dem allgemeinen 
Wunſch nad) ftaatlider Vergrößerung und rief die fogenannte „Nationaliften- 
bewegung“ ins Dafein. Die Nationaliften waren, zu Anfang wenigitens, im 
ihrem Programm ſehr gründlid. Sie erörterten allen Ernftes die Frage, ben 
italieniſchen Königstitel zu verwandeln in ben Titel „Nömifcher Kaiſer“ und 
faben mit beftimmter Erwartung der Zeit entgegen, da alle Stüften bes 
Mittelmeeres italieniſch und das Mittelmeer felbft ein italieniſcher Binnenfee fein 
würden. Der Dreibund hatte „an dem Ringe feitgehalten”, als Italien bie 
Zürlei befämpfte, und daher waren die Nationaliften für den Augenbiid 
wenigitens bereit, das irredentiſche talien in Ruhe zu laſſen. Außerdem 
hätte dieſes das herrliche Gebäude ihrer Hoffnungen nicht befriedigen können. 

Der Ausbruch) des Krieges im lebten Sommer veränderte volllommen beu 
nattonaliftifhen Standpunkt von Italiens zukünftiger Weltgröße und machte fie 


Der Preis für Italiens Neutralität 259 





zum Brennpunkte gemifier endgültiger Möglichkeiten. Diefe Möglichkeiten 
umfafjen, wie ſchon oben erwähnt, den Erwerb von Trentino und der öfter- 
reichiſch⸗ ungariſchen Küfte von Yriaul bis Fiume und außerdem einige Troatifche 
amd dalmatiſche Infeln. Die gemöhnlichen Gründe, die zur Stüße der italieniſchen 
Anſpruche auf diefe Gebiete vorgebracht werden, find folgende: fie feien faft 
ganz von Italienern bewohnt, die dem Königreich Italien angegliedert zu 
werden wünjden; fie würden furdibar unterbrüdt und fchlecht regiert, und 
bi8 vor kurzem hätten fie der einen ober anderen ber ttalieniichen Provinzen 
angehört; kurzum der Erwerb bes neuen Stalien ſei nichts anderes als das 
Biedergutmachen eines großen Unrechts, die MWiebervereinigung Italiens mit 
Böllern, die ihm geftohlen worden ſeien. Diefe Gründe find fo beftändig 
angegeben worden, daß fie allgemein angenommen wurden, obgleich fie natürlich 
weit davon entfernt find, im einzelnen zutreffend zu fein. 

Die irredentifchen Anſprüche auf Trentino erftredien ſich von der italientfchen 
Grenze bis Franzensfefte, ein Gebiet von 96 Meilen. Dies Gebiet wird nur auf 
einer Strede von 35 Meilen von ber Grenze von einer italienifch fprechenden 
Devölferung bewohnt, und die übrigen 61 Meilen von deutſch fprechenden 
Sermanen. In der Stadt Trient, die im Süden liegt, ſprechen von ben 
135000 Einwohnern nur zwei Drittel italienifh und ein Drittel deutſch. Das 
öfterreichiihe Kronland Görz und Gradiska Liegt zwiſchen dem ttalienifchen 
Friaul und Trieft. Bon den Einwohnern find zwei Drittel ttalienifch ſprechende 
Italiener, die übrigen find deutſch fpredhende Slawen, während von ben 
235000 Einwohnern von Zrieft drei Viertel italienifh fprechen, die übrigen 
deutſch. Don den 350000 Bewohnern Sitrtens find drei Viertel Slawen, bie 
fibrigen Staliener, und von den Bewohnern Kroatiens und Dalmatiens, ein- 
ſchließlich der Inſeln, find nur drei Prozent Italiener. 

Bei dem Vorwurf der Unterdrüdung und ſchlechter Regierung ift großenteils 
der Wunſch der Vater des Gedanken gewefen, denn die Gemeindeverwaltungen 
Dfterreichs können fich fiher mit denen Italiens meflen, und der induftrielle 
Wohlftand ift dort in normalen Zeiten fogar größer. Der Hauptkummer ber 
Italieniſch⸗Hſterreicher ift das Fehlen einer italieniſchen Univerfität auf öfter 
reichiſchem Boden, und Dfterreich hat wenig ober nichts getan, dem zu begegnen. 

Man nimmt allgemein an, daß alle öfterreichiichen Provinzen, in denen 
Italieniſch die Sprache der Mehrzahl der Einwohner ift, früher und in neueren 
Zeiten zu italieniihen Staaten gehörten; das tft aber durchaus nicht der Fall. 

Bon Trentino gehörte nur die äußerſte Südfpige bis zu einer Linie etwas 
nörblicd des Gardafees zur venetianifhen Republik, bis dieſe verfiel. Das 
ührige Trentino war zwar 774 Karls des Großen italienifhem Königreich 
einverleibt geweſen, aber ſchon im Jahre 1027 trat Kaiſer Konrad ber 
Zweite alle weltlichen Rechte dieſes Gebietes an den Biſchof von Trient ab 
und bradite es an Deutichland, dem es feitdem auch immer (beziehungsweife 
Ofterreich) angehört hat, ausgenommen während ber Herrichaft Napoleons. 

17° 


:960 Der preis für Jtaliens Xeutralität 


Die Behauptung, daß Saribaldi es im Jahre 1866 eroberte, ift ganz unbaltbar: 
Er hatte nur die Grenze überfchritten, als er von Cavour den Befehl zum 
Ruckzug erhielt. | 

Görz und Gradiska gehörte während eines Teiles des elften Jahrhunderts 
dem Patriarchen von Aquileja. Das Land wurde dann nacheinander von ben 
Eppenftein- und Lurngan⸗Familien in Beſitz gehalten, und jeit 1500 hat es 
mit Ausnahme der napoleoniſchen Zeit dem Haufe Habsburg gehört. 

Zrieft gehörte feit dem Untergange des römiſchen Reiches bis zur Ein- 
nahme durch Venedig im Jahre 1208 den deutſchen Sraf-Bifhöfen. Bis 1382 
war e8 bin und wieder unter der Herrihaft Venedigs und fam dann endgültig 
an Oſterreich. Die nicht italienifch ſprechende Provinz Iſtrien gehörte zu 
Venedig vom zwölften Jahrhundert bis zum Frieden von Campo Formio 1797, 
durch den fie an Vfterreich fiel. Dalmatien, ebenfalls ein nicht » ttalienifches 
Gebiet, ift ungefähre während derſelben Zeit zum Zeil unter venetianifcher 
Herrſchaft geweien. Bon dem ganzen öſterreichiſchen Gebiet, das die Srredentiften 
verlangen, haben alſo nur Iſtrien und die dalmatiſchen Inſeln in verbältnis- 
mäßig neuerer Zeit einem italieniſchen Staate, dann aber bundertundacdhtzehn 
Sabre lang Ofterreih angehört, dazu find die fogenannten „unerlöften“ Ein- 
mwohner zur Hälfte Deutſche oder Slawen und fpreden gar nicht italienifch. 

Wenn Trieft und Fiume zu Italien fommen, wird das adriatiſche Meer 
ein italieniſcher See. Äſterreich und Ungarn werben weiter nicht3 als Binnen- 
ftanten fein, und Deutfhland wird zur See im Diten jeder Ausfuhrfüfte beraubt 
werden. Es leuchtet ein, daß weder Deutfhland noch Äſterreich in ein ſolches 
Abkommen einmwilligen Tönnen, folange fie überhaupt Heere im Felde haben. 
Aber die Frage, die für Italien von größerer Bedeutung ift, lautet: werden 
und können die Verbandsmächte (England und Frankreich) einwilligen! Vom 
englifhen und franzöfifen Standpunft ift es fchon ſchlimm genug, wenn das 
Schwarze Meer ein ruffiicher Binnenfee werden und Rußland als Mittelmeer- 
macht ein Viertel des Mittelmeere8 beherrſchen ſollte. Es ſcheint kaum möglich, 
daß ſowohl England wie Frankreich erlauben werden, daß Italien die völlige 
Beherrſchung der Adria erlangt mit der möglichen Ausſchließung der ganzen 
übrigen Welt. Nachdem fie gezwungen worden find, die Anwartſchaft von 
einem Viertel des Mittelmeeres Rußland zu überlafien, werden fie fidher nicht, 
wenn fie e8 auf irgend eine Weiſe vermeiden können, ein zweites Biertel an Italien 
abtreten.” Dem Schaufpiel, das Jtalien das einzige öſterreichiſche Ausfuhrgebiet 
zur See beherrfät, kann weder London noch Paris mit Gleichgültigleit zu- 
ſchauen. Und do nimmt die italieniſche Prefie an, daß Italien, wenn es zu 
den Ententemächten überteitt, nicht nur die Beherrihung und den fait ganzen 
Befig der Adria erhält, fondern auch „feinen Anteil an der türkiſchen Beute“ 
befommt; und zu alledem noch obendrein ganz Trentino. 

VWDie Irredentiſten umfaffen nicht nur die Nationaliften, die in fait allen 
Parteien vorhanden und nur durch ihren Chauvinismus loſe vereinigt find, 


Das italienifhye Parlament 261 


fondern auch die große Mehrheit der vier revolutionären proletarifchen Parteien: 
die Republifaner, Sozialiiten, Synbilaliften und Anardiiften. Es tft unmöglich 
zu fagen, wie weit dieſe lebteren von einem Geifte aggreifiver, nationaler 
Politik getrieben werden und wie weit durch den Wunſch, eine Lage zu ſchaffen, 
die zum Sturze des jekigen Königshaufes führen kann. Gegen den Krieg find 
faft alle Mitglieder der induftriellen Mittelllaffe des Nordens, die ſeit Auguft 
durch ihse Lieferungen an Frankreich und Ufterreich zu großem Wohlſtand ge- 
langt find; ferner die Artftofratie aus Furcht vor einer proletarifchen Revolution 
und die Kirche aus Yriebensliebe. 

Signor Salandra und feine Kollegen glauben aufrichtig, daß ein nationaler 
Gewinn aus dem Kriege herausgeichlagen werden muß, und auf jeden Yall 
werden fie es vorziehen, diefen Gewinn auf frievlidem Wege zu erlangen. 
Die Erhaltung der italienifchen Neutralität beruht alfo auf der Frage, inwieweit 
Ofterreich ſich auf eine Abtretung einlaffen und bie nationalen Wünfche Stalieng 
zufrieden ftellen wird. 

Wenn es wahr ift, daß Lfterreich ſich erboten hat, das utalieniſchſprechende 
Trentino abzutreten (was übrigens das einzige iſt, worauf Italien mit Sicherheit 
rechnen Tann, wenn es den Ententemächten beitritt), fo follte e8 fcheinen, daß 
es die Aufgabe einer Tlugen italienifhen Staatstunft ift, das Angebotene 
anzunehmen und Italien die unnennbaren Schreden eines Krieges zu erfparen. 





Das italienifche Parlament 
Don Dr. M. de Jonge 


Ber Zufammentritt des ttalienifhen Parlaments, deſſen Beratungen 
diesmal weltgeſchichtliche Bedeutung hatten, lenkt den Blick auf 
die ftaatsrechtliche Strultur dieſer Vollsvertretung. Artifel 8 der 
italieniſchen Verfaſſung vom 30. Dezember 1870, die in ber 
Hauptſache Iedigli die rezipierte Verfaſſung des Königreichs 
Sardinien vom 4. März 1848 ift, teilt die gejebgebende Gewalt dem König 
und den beiden Kammern, Senat und Deputiertenlammer, gemeinfam zu. Der 
Begriff „Parlament“ findet fi) nicht in der Verfaſſung, wurbe aber ſchnell im 
der Sprache der Geſetze und ber Praxis gebräuchlich. | 

Der Senat befteht aus zwei Gruppen von Senatoren: geſehlichen unb 
ernannten. Die „geſetzlichen“ find die Prinzen des Königlichen Hauſes, die 
mit 21 Yahren Sig und mit 25 Yahren Stimme im Senat haben. Die 
„ernannten“ Senatoren werden nad) vollendetem vierzigften Lebensjahre aus 





262 Das italienifhe Parlament 


fünf Kategorien gewählt: aus den Erzbiſchöfen und Biſchöfen; aus Staats. 
männern (Minifter, Deputierte, Botfchafter); aus hoben Staatsbeamten, 
Offizieren und Gelehrtentreifen; aus Männern, die „durch Dienfte oder Ber- 
bienfte das Vaterland berühmt gemacht haben“; aus den reihen Leuten (das 
heißt foldden, die feit drei Jahren 8000 Lire direkte Steuer zahlen). Die Zahl 
der Senatoren betrug feit 1870 rund 860; doc kam e8 im Juni 1886 zu 
einem „Senatorenſchub“ von 41, fo daß der Senat jekt rund 400 Mitglieder 
zählt. Wiederholte Verſuche einer demokcatifierenden Reform des Senats (Ein- 
ſchraͤnkung des Ernennungsrechts, Feitfegung einer Höchſtzahl und anderes) 
find bisher ſtets (zuletzt 1910/11) gefcheitert. 

Dagegen tft die heutige ftaatsrechtliche Geitaltung der Deputiertenlammer 
das Ergebnis der gleichzeitigen parallelen Reformbeftrebungen. Nach mand)erlei 
auch bier vergeblich unternommenen Verfuchen gelang es Giolitti im Jahre 1911 
bie Reform durchaufegen, und am 80. Juni 1911 wurde das neue Wahlgeſetz 
veröffentlicht. Das aktive Wahlrecht befiten: alle Staatsangehörige, die 30 Jahre 
alt find; alle, die 21 Jahre alt find und entweder 1. Militärbienft geleiftet 
haben oder 2. die Beringung eines beftimmten Steuerzenfus erfüllen oder 
8. „Kapazitäten”.Wähler find, das heißt Die Bedingung einer gewiſſen geiftigen 
Bildung duch den Nachweis beftandener Prüfungen erfüllen (eine Verordnung 
vom 10. Juli 1912 regelte das Minimum diefer „Wahlprüfungen”). Die 
Ausübung des Wahlrechts erfolgt nad Artikel 19 am Drte des „dauernden 
Aufenthaltes" (mit Nüdficht darauf, daß in manden Gegenden und Be 
völferungstreifen Italiens von geringer Seßhaftigkeit ein „Domizil“ fehlt), tft alfo 
auch bier im Sinne einer Erweiterung des Kreifes der Wahlberechtigten erleichtert 
worden. Durch diefe Reform tft die Zahl der Wähler von etwa 3!/, Million 
auf etwa 7°/, Million (darunter 21/, Million Analphabeten, bejonders viele 
in Süpditalten) vermehrt worden. Die Wahl iſt geheim und dire. Das 
Wahlgeheimnis ift duch eine dem deutſchen „Kloſettgeſetz“ nachgebildete Be⸗ 
ftimmung des Reformgeſetzes in höherem Maße geſchützt als früher. 

Das paffive Wahlrecht tft durch das Reformgeſetz nur unweſentlich ver- 
ändert worden. Es ift in der Hauptſache noch immer basfelbe wie in ber 
Sardiniſchen Verfaffung vom 4. März 1848, die durch die Beichlüfie der 
Rationalverfammlung vom 30. Dezember 1870 zur Verfaflung Italiens erflärt 
wurde. Immerhin haben einige fpätere Gefeße, zuletzt das Wahlgeleb von 
1882, einige Änderungen eingeführt. Wählbar ift jeder Staliener, der 80 Jahre 
alt ift, falls er nicht ein Amt befleidet, welches „inlompatibel” mit dem eines 
Deputierten tft: bierher gehören Geiftliche und die meiften Kategorien der Staats» 
beamten; es find dagegen wählbar die Generale und höheren Offiziere, Mitglieder 
der Kaffations- und Apellhöfe, ordentliche Untverfitätsprofefioren und andere. 
Doch dürfen nach der fehr weiſen Beftimmung des Gefebes von 1877 höoͤchſtens 
40 Beamte in der Kammer ſitzen, von denen höchftens zehn Richter und hoͤchſtens 
zehn Univerfitätsprofefioren fein Dürfen (bei Mehrwahlen entſcheidet das 208). Das 


Das italienifhe Parlament , 263 


neue Wahlgefeb von 1911 bat diefe Inlompatibilitätshinderniffe nur in einem 
unweſentlichen Punkte abgefhwächt (Bürgermeifter und Provinziallandtags- 
abgeordnete, die früher erſt ſechs Monate nad) Niederlegung ihres Amtes 
wählbar waren, find es jetzt ſchon nad) acht Tagen, das heißt de facto fofort). 
Die Deputierten erhalten nah dem neuen Geje 2000 Lire Poſtkoſten⸗ 
entihädigung und 4000 Lire Aufwmandsentihädigung mit Ausnahme der 
(unmittelbaren und mittelbaren) Staatsbeamten, die Gehalt oder Penfion be- 
ziehen (ijt deren Betrag geringer als 4000 Lire, fo erhalten fie die Differenz). 
Die Anregung, diefer Entihädigung (nad) Analogie des deutſchen Reichsſtaats⸗ 
echt) den Charakter von Anmefenheitsgeldern (mit Abzugsredht im Abweſen⸗ 
beitsfalle) zu geben, aljo eine indirekte Präfenzpflicht einzuführen, fiel in Italien 
nit auf fruchtbaren Boden. 

„Die Zahl der Deputierten für das ganze Königreich) beträgt 508 und 
wird auf die verfhiedenen Provinzen verteilt.” (Artilel 44 des Wahlgejepes 
son 1882.) Nach einem Geſetz von 1860 follte ein Deputierter für je 50000 
Einwohner gewählt werden. Infolge der Verſchiebung der Bevölferungs- 
serhältnifje (ftarle Zunahme in diefen, geringe in jenen Wahllreifen) bat fich 
im Laufe eines halben Jahrhundert das anfängliche „Verhältnis“ in vielen 
Kreifen, ganz ähnlich wie in Deutfchland, zu einem „Mißverhältnis“ entwidelt, 
welhes eine ſchwere wahlpolitifche Ungerechtigkeit bedeutet, um fo mehr als, 
ahnlich wie im deutfhen Wahlgefeg, die Anderung der Wahlfreigeinteilung 
entfprechend den Ergebnifien der Vollszählung im Geſetze (Artikel 46) ausdrücklich 
zugefagt war. Daß diefe Zufage auch in dem neuen Wahlgeſetz von 1911 (im 
Artikel 54) ausdrücklich wiederholt, aber die Änderung der Wahlkreiseinteilung 
dennoch unterlaffen wurde, wird in der Abhandlung eines Univerfitätsprofeflorg 
aus dem jahre 1913 Über diefes Geſetz „eine geradezu empörende Beftätigung 
eines abfichtlich aufrecht erhaltenen geſetzwidrigen Zatbeftandes” genannt. Diejer 
tapfere Profeſſor heißt Siotto Pinto und wirkt an der Univerfität Catania. 








Don deutfcher Kultur und deutjcher Sreiheit 


Auch eine Kriegsbetrachtung 
Don Dr. jur. et phil. Eri Jung o. d. Profeflor der Rechte 


(Schluß) 4 

Der zweite große Kampf der Deutſchen war geiftigerer Art; er galt ber 
Befreiung der Gewiſſen von der dogmatiiden Schablone, die von derjelben 
mittelitalienifeden Stadt ausging, die auch noch in Trümmern eine anjcheinend 
unüberwindlicde Suggeftion des von ihr ausgehenden Weltimperiums ausübte. 
Man darf die Reformation als einen deutſchen Kampf bezeichnen, denn die 
älteren Beftrebungen auf eine Erneuerung des Glaubens, in Südfrankreich, tin 
England, in den ſlawiſchen Ländern, waren doch eben nicht erfolgreich geweſen, 
und nur bie deutſche Bewegung tft in die Breite und auf die Dauer durch ⸗ 
gedrungen. Man follte fi dur die Unzulänglichleit und Halbheit der 
fogenannten Reformation, die befonders in ihrer Iutherifchen Seftalt fofort wieder 
in gleiche oder ähnliche Fehler verfiel wie Die alte Kirche, und durch die furdhtbaren 
polttifden Schädigungen, die die Reformation mittelbar über Deutſchland bradhte, 
nicht den Blick trüben laſſen für ihr eigentliches geiftiges Weſen; diefes tft vielleicht 
in der Herder-Goetheichen Zeit zu einem fehärferen, jedenfalls zu einem höheren 
Ausdrud gelangt als in den Männern des fechzehnten Jahrhunderts. Jene 
weiteren, mittelbaren Errungenfchaften der Reformation find dem heutigen deutfchen 
Katholizismus zunächſt durch die tridentintfchen Reformen und mittelbar durch 
die Befeitigung feiner Alleinherrichaft ebenfo zugute gelommen wie den Gegnern 
und haben ihm zu einer Verinnerlihung und Vertiefung verholfen, die er ohne 
die Notwendigleit des fteten Kampfes faum erreicht hätte, und die ihm anderswo 
fehlt. Zwiſchen dem wirklich auf dem SKulturniveau feiner Nation jtehenden 
deutſchen Katholiken von heute und etwa einem venetianifchen Landgeiftlichen, 
felbft wenn er auf dem päpftliden Stuhle fit, ift der Unterſchied der wirklich 
in ihnen lebenden religiös - metaphpfiichen Überzeugungen größer als zwifchen 
jenem katholiſchen Deutſchen und einem nichtlatholifchen Deutſchen. Deutichheit 
tm tiefiten Sinne ift auch eine ethiſche Grundſtimmung und damit eine Religion. 

Es gibt eine wundervolle Stelle in Goethes Zagebüchern, vom 7.Januar1812, 
die fi vielleicht einmal diejenigen Deutichen verfchiedener Belenntniffe gejagt 


Don deutfcher Kultur und deutfcher Sreiheit 265 





fein laſſen werden, die troß verfchiedener Begründungen und theoretifchen 
Faſſungen doch über das Ethiſche und über das Vorhandenfein einer über- 
imdividuellen Bedeutung des Einzeldaſeins einig find und praltifch danach 
bandeln. Goethe erzählt darin von feinem Beſuch bei einem Bergdireltor, ber 
die nad) Goethes Anficht verfehrteiten geologiichen Theorien entwidelt, der aber 
jeinen Betrieb auf die zwedmäßigite und verjtändigfte Weiſe geitaltet bat. 
„Merkwürdig fiel mir dabei wieder auf,. daß tüchtig praktiſche Menfchen von 
den theoretiſchen Irrtümern keineswegs gehindert werden, vorwärts zu gehen... 
Dies belehrt uns, in dem menſchlichſten Sinne, tolerant gegen Meinungen zu 
fein, nur zu beobachten, ob etwas geſchieht, und das übrige, was bloß Worte 
find, guten und vorzüglihen Menſchen rubig nachzuſehen.“ Es find ja auch 
meilt nur bie Theoretiler der Religion, die Theologen, die immer nur das 
Zrennende der verjchiedenen chriftlichen Konfeſſionen fehen und betonen. 

Die europäifcde Geiftesgefchichte „ift eine große Yuge, in der die Stimmen 
ber Bölfer nadjeinander erklingen”, beißt es einmal im Wilhelm Meifter. Die 
Renaifjance hat ihre eigentliche Heimat und ihre wefentlichften Wirkungen in 
Stalien, die Neformation in Deutichland, die Revolution in Franfreih. Diefe 
drei großen geiftigen Bewegungen bilden in biefer ihrer zeitlichen Aufeinander- 
folge zwar feineswegs eine organifche Entwidlungsreihe, und fie hatten jeweils 
ihre Hauptwirfung auf fehr verfchiedenen Gebieten. Man verfteht gewöhnlich 
oder wenigitens man verftand bis vor kurzem unter Renaifjance im bejonderen 
Sinne die „zunehmende Beichäftigung mit den das Mittelalter hindurch erhalten 
gebliebenen Schriftwerlen des Altertums“. Das ift aber fider zu eng. „ES 
war doch nicht fo,” fagt Rohrbach in feiner Geſchichte der Menfchheit mit 
Recht, „daß man über die antike Literatur zu der neuen Bildung kam, fondern 
jo, daß das Verlangen nad) diefer neuen Bildung zu den Quellen des antilen 
Kulturideals führte.” Die Renaiffance wirkte wejentlih auf die künjtlerifche 
und wiſſenſchaftliche Betätigung, während die Reformation eine religiös-ethifche, 
die Revolution eine politiſche und foziale Bewegung war. Aber trotz dieſer 
Berihiedenbeiten war der Ausgangspunlt dieſer Bewegungen ein gemeinjamer, 
und diefer Punkt, der Erbbebenherd könnte man jagen, war das Individuum. 

Jakob Yurdhard Tennzeichnete das Weſen der Renaifjance als das Erwachen 
und die Befreiung des Individuums. 

Die durch die deutiche Neformation angeftoßene Bewegung — die natürlich 
leineswegs erichöpft oder gleichbedeutend ift mit der Neformationsbewegung des 
fehzehnten Jahrhunderts und noch weniger mit einer heutigen proteitantijchen 
Kirche beftimmter Faſſung — bat die gleiche Grundlage: daß das einzelne 
Gewiſſen nach eigener fubjeltiver Überzeugung verlangte, nad) einem, feinem 
eigenen Innern zwingenden, nicht nach Autorität und Überlieferung gefundenen 
Ürteil über Gut und Böfe, über Wahr oder Unwahr. 

Die franzöfiiche Revolution ift nach den beitimmenden Ideen, Die durch 
alle geſchichtlichen Zufälligkeiten, alle UÜbertreibungen und Rückfälle ſchließlich 


266 Don dentſcher Kultur und deutſcher Sreiheit 


doch als das allein Dauernde erkennbar berportreten, eine Wirkung der Ratur- 
rechtslehre; die Raturrechtslehre aber fteht in nachweisbarem Zufammenhang mit 
Nenaifiance und Reformation. Das „natürlihe” Recht, Billigleits- oder Ber» 
nunftsrecht tft, in fo verſchiedenen Geftalten und mit fo mannigfachen Ber 
gründungen e8 im Lauf der Jahrtaufende auch aufgetreten tft, fchließlich nichts 
anderes, als die Gegenfäplichkeit zu dem nad) objektiven Merkmalen gegebenen, 
in Sagungen und gefchichtlichen Überlieferungen gefundenen Urteil über Recht 
oder Unrecht; die eigene fubjeltive Meinung über Recht oder Unrecht, die nad 
des Ratio der heutigen Zeit und fchließlich nach dem fubjektiven ethifchen Wert 
urteil des ausfchlaggebenden Individuums gefundene Ausjage über Recht oder 
Unredit. 

Die Gefahren der ratiomaliftifhen Überhebung des Subjelts, die Unter 
ſchätzung der in der Überlieferung und in dem Beſtehenden verlörperten, die 
individuelle Einfiht allerdings, befonders in ftaatlich rechtlichen Dingen häufig 
überragenden Vernunft der früheren Generationen und der ganzen Gattung, fud 
dabei am anfchaulichften zutage getreten in der zeitlich letzten Bewegung, in der 
Revolution, mo fie vielleicht befördert wurde durch die befondere, vormiegend 
verftandesmäßig dialektiſche Beiftesart der Franzofen. 

Aber die Gefahr fit an fih auch auf anderen Kulturgebieten gegeben: 
die Gefahr einer Überfhägung der eigenen Zeit und des eigenen Ich, oder 
auch einer Überfpannung der Anfprüde an das Individuum, dem nad) Dauer 
und Wirkungskraft von der Natur fo enge Schranfen gezogen find, daß es eben 
do an allen Enden wieder auf die Binfiht und die Mitarbeit der Mitlebenden 
und Generationen vor ihm, auf deren Arbeit e8 weiterbaut, angemiefen if, 
und damit doch wieder auf die überindivibuellen Kräfte und Zufammenhänge. 
Wie wenig kann ſchließlich der einzelne wirklich fich geiftig felbft erwerben von 
ben unzähligen Erfenntniflen, die er jeden Tag braucht; wie viel muß auch der 
Selbftändigfte, einen wie unendlidy überwiegenden Teil feines geiftigen Beſty⸗ 
ftandes muß auch das größte Genie aus der Überlieferung übernehmen. Der 
Proteftantismus überfpannt unzweifelhaft dem Prinzip nach den indivibualtftiichen 
Gedanken und vernadjläffigt den Gegenpol, dab ſchließlich zu allem größeren 
Bollbringen aud) wieder eine Vereinigung der Überzeugungen nötig tft; wie es 
Mietzſche, natürlich Übertreibend und paradox in „Jenſeits von Gut und Böfe“ 
ausdrädt: „Daß das Weſentliche, wie es fcheint, im Himmel und auf Erden 
tft, daß lange und in einer Richtung gehorcht werde. Dabei kommt und kam 
auf die Dauer immer etwas heraus, befientwillen es fich lohnt auf Gxden 
zu leben.” 

Daß die Reformation von jenen drei Bewegungen die am tiefften wirkende 
und am mweiteften reichende war, kann nicht zweifelhaft fein. Die franzoͤſiſche 
Revolution mit ihren Maßlofigleiten und ihrem widergefchichtlicden Radikalismus 
bat infolge der durch fie hHervorgerufenen, begründeten Rückſchlaͤge der Sache 
einer vernünftigen politiiden Freiheit mehr geſchadet als genügt. Die großen 


Don deutfcher Kultur und dentfcher Sreiheit 267 


Wirkungen, die fie in der Geftalt des Phänomens Napoleon auf Deutſchland 
“ hatte, daß fie die weltbürgerlih und rein humaniſtiſch gefinnten Deutichen durch 
die äußerte Not zu politiidem und nationalem Denten erzog und eine Unmenge 
von Berüdentümern, wie Garlyle fagt, ausflopfte, war ja faktiih nur eine 
jehr ungemwollte pofitive Wirkung. So groß die Wirkufgen bes Humanismus 
und der Renaiſſance auf wiſſenſchaftlichem und künſtleriſchem Gebiet auch waren, 
au diefe Bewegung umfaßte fchließlih doch ein engeres Gebiet, verglichen 
mit der Reformation, die die Menſchen an ihrem Tiefiten faßte, an ihren 
ethiſch⸗ religiöſen Überzeugungen, die eben doch den Kern des Perſönlichen aus- 
maden und die Vorausſetzung jeder wirklichen Produktivität auf allen geiftigen 
Gebieten bilden. „Die Menſchen find nur folange probuftiv, als fie nod) 
religiös find,” fagte Goethe am 26. März 1814 zu Riemer; wobei freilich feine 
Borftellung von Neligiösfein fi) weber mit der Tatholifchen noch mit einer 
anderen beftimmten Tonfeffionellen Auffaffung dedte, wenn fie foldde auch ihrer- 
ſeits ſehr wohl mit einfchließen Tonnte. | 

Daß auf religiös -ethifhem Gebiet die norbeuropäifch »- germanifdhe im 
Gegenſatz zur antik - mittelmeerländifhen Kultur eine neue und felbftändige 
Form und nicht etwa eine bloße Ableitung der antifen Kultur darſtellt, wird 
niemand beftreiten wollen, troß der vielfachen helleniftifch - femitifchen Elemente 
der älteren dogmatifchen Formen der chriftlichen Belenntnifie, der Dogmen, die 
ja leineswegd immer der zutreffende Ausdruck ber lebenden und wirkſamen 
Religion ihrer Belenner find. Auf ftaatlich » rechtlichem Gebiet find, wie wir 
faben, tro mehrfacher Haffiziftiicder Nüdichläge, wenigftens im Mutterlande der 
nadantifen Kultur, in Deutichland, die Grundzüge des germaniſchen Geſellſchafts⸗ 
aufbans erhalten geblieben, der auf die Freiheit und das Eigenleben der Teile 
einerfeit8 und anderjeitS auf die intenfive Bindung des Individuums nicht 
an die Bentralgewalt, fondern an die gewachſenen Verbände gegründet ft. 
Auch auf diefem nächſt dem religtös-etbifchen wichtigiten Gebiet der menfchlichen 
Kulturarbeit ftellt deshalb die moderne neuzeitige Kultur eine felbftändige Form 
das und ift nicht etwa nur eine Tochter der Antife, eine „romaniſche“ Kulturform. 

Auf äſthetiſchem Gebtet wird man vielleidt am ebeiten geneigt fein, 
der antilen Kultur auch für unfere Zeit noch eine beftimmende Rolle zugufchreiben 
und inſofern dem romanifchen Kulturkreis den Vorrang und bie Überlegenheit 
gegenüber dem nordeuropäifhen modernen zuzufprehen. Aber das wäre, 
teoß eines gewiflen Anſcheins, doch ebenfalls unrichtig. Zwei Künfte, Malerei 
und Muſil, haben fi) im nordeuropäifch- modernen Kulturkreis völlig unabhängig 
von der Antike entwidelt, wobei unter Malerei die Augenkunſt zu verftehen 
iſt, deren Hauptausdrudsmittel Farben- und Lichtunterfehiede find, im Gegenſatz 
zu des Malerei, für die die Form noch wefentliches oder alleiniges Ausdrucks⸗ 
mittel ift; die Sirtinafresfen Michelangelo find in diefem Sinne noch zur 
reinen Formiunft zu rechnen und eher Bilbnerei als Malerei. Die Malerei 
nun im diefem modernen Sinn als Kunft der Yarbe und des Lichts ift eine 


— — —— 





268 Don deutſcher Kultur und deutſcher Freiheit 


moderne und zwar eine germaniſche, ſpezieller niederdeutſche Schöpfung; fie iſt 
entftanden im Rheindelta durch die van Eyds, und bat in derfelben örtlichen 
und volllihen Umgebung auch ihre höchſte Spitze erlebt in Rembrandt. Und 
daß die zweite für die moderne Kultur im Gegenſatz zur antiken Tennzeichuende 
Kunft, die große Mufil, im Mutterlande der nordeuropäiſchen Kultus, in 
Deutſchland ihre höchſte Blüte erfahren hat, wird ja wohl aud) von den anderen 
Nationen zugegeben. 


* * 
* 


Entfpreddend jenem Grundprinzip germanifcher Geſellſchafts organiſation — 
in der oben angeführten Tainefchen Faſſung „Zuſammenwirken von Initiativen, 
die von unten ausgehen,“ Föderalismus, Bartilularismus — find bie 
germanischen Länder immer die eigentliche Heimat der Freiheit geweſen. Defien 
war man fih auch in früheren Jahrhunderten immer bemußt. Das konnte 
au nach dem Verlauf der Religionsbemegung im fechzehnten und fiebzehnten 
Jahrhundert gar nicht anders fein, als Zaufende und Tauſende von religiös 
und politiſch erfolgten in Deutfchland eine neue Heimat ſuchten und fanden; 
befonders die großen Züge der Refugies aus Frankreich nad der Aufhebung 
des Edikts von Nantes und die Emigres in der NRevolutionszeit, die vor der 
„liberte, egalite, fraternit&“ flohen, in deren Namen befanntlich politiicde Ver⸗ 
folgungen, Hinrichtungen und Austreibungen in einem Umfang vorlamen, wie 
faum jemald „unter dem verabſcheuungswürdigen Deipotismus“ der Könige. 

Deutfhland hatte fih in den Kämpfen um die Erneuerung der chriftlichen 
Religion für zwei Jahrhunderte politiih vernichtet. Aber es war um dieſen 
freilich furchtbaren Preis doch auch das Land geworden, in dem das verhältnis 
mäßig höchſte Maaß von religiöfer Duldung zu finden war. 

Im Don Uuichote läßt Cervantes einen ber flüchtigen Mortslos fagen: 
„sch begab mich nach Deutichland. Dort [dien es mir, daß man noch am freieften 
Ieben könne. Beinahe überall in diefem Lande genießt man Gewifiensfreiheit.” 

Die rechtlide Lage war tatfächlich nicht fo günftig, daß man von Gewähr- 
leiftung der Gewifjensfreiheit hätte reden Lönnen. Denn der Landesherr konnte 
von feinen Untertanen den Beitritt zu feiner, des Landesherrn, Konfeilion oder 
die Auswanderung verlangen. Aber dies Recht wurde, bejonders in ben 
peoteftantifchen Gebieten, nicht ftreng gehandhabt. Und vor allem: bie Biel- 
geitaltigleit der politiihen Gebilde ließ fchließlih auch den, der die Heimat 
verlafien mußte, immer irgendwo in deutſchen Landen eine Staatsgewalt feines 
Belenntniffes finden. Dieſer kulturelle Segen der SKleinftaaten wiegt ihren 
politifchen Unfegen nicht ganz auf. Aber er ift jedenfalls ein Umftand von größter 
Bedeutung für die deutſche Geiftesentwicdlung und eine der wichtigiten Urſachen 
der Dtannigfaltigfeit und Tiefe des deutichen Geiſteslebens geweſen. Chriftian 
Wolff fand, bis ihn Friedrich der Große nad) Halle wieder zurüdberief, von wo er 
dur Friedrich Wilhelm den Erjten verjagt morden war, in Marburg einen ganz ent- 


Don deutfcher Kultur und deutfcher Freiheit 2369 


ſprechenden Wirkungskreis. Die Göttinger Sieben fanden bald ihre Stellung 
und ihren Lehrſtuhl bei anderen Zandesherren wieder, und wenn es auch viel- 
leicht nur geſchah, um den viellieben Better von Hannover zu ärgern. In 
Deutihland kann fi durch die Vielheit der Brennpunkte geiftigen Lebens nicht 
in dem Sinne eine herrſchende Meinung entwideln wie anderwärt8; bie Diel- 
geitaltigleit des deutichen Geifteslebens läßt die Tyrannei des Gout oder Cant 
nit. auflommen. 

In den geiftigen Kämpfen des ſechzehnten Jahrhunderts galt allgemein 
das Heimatland der Reformation und der Buchdruckerkunſt auch als das Land 
ber mweitgehendften Toleranz und der freieften Ausiprache. 

Db der Germane gutmütiger ift al8 der Romane — wie denn die ftarfen, 
ungeſchlachten Naturen vielfah von verhältnismäßig fanftmütiger Art find — 
oder ob, was das Wahrſcheinlichere ift, die einheitlichere Volksart zwiſchen 
Rhein und Elbe die Urſache ift, fei dahingeſtellt. „Die Franzofen haben in 
jhwierigen Lagen immer zum Maffacre gegriffen, um die DObftruftion zu über- 
winden, von den Tagen der Kreuzzüge gegen die Albigenjfer im breizehnten 
Jahrhundert bis zur Vernichtung der Parifer Kommune im neunzehnten. Hinter 
dem Terror von 1793 ftehen nicht nur die Bartholomäusnaht und die Ber- 
folgungen, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes einfesten, fondern noch 
ungezäblte andere Mebeleien wie jene, die unter der Regierung Ludwigs des 
Vierzehnten ftattfanden“, fagt Brooks-Adams, der amerilanifhe Geſchichts⸗ 
philofoph. 

Boltatre bat von dem tigre-singe gefprochen, der im galliiden Volkstum 
ftede. Unter den von Herrn Gayot de Pitaval berichteten Rechtsfällen finden 
fi Gefchichten von einer Scheußlichkeit, einer Graufamleit der Vollsgenoſſen 
untereinander, bie fi) nur dur den inftinktiven Raſſenhaß verſchieden ge- 
arteter Vollsbeſtandteile erflären laſſen und denen wir nichts an die Seite zn 
ſeten haben. 

„Grattez le Francais et vous trouverez le Celte“, fagte Voltaire und 
Gobineau fagte es feinen galliihen Landsleuten ganz ähnlid. Und die Briten 
— man follte nur no von Galliern und Briten reden und fie nicht mehr. 
fälfehlih mit den germanifchen Namen der Franlen und Angelſachſen ſchmücken 
— Haben anfdeinend auch ihren germanifhhen Blutbeftandteil verbraudt; fie 
baben Tennzeichnenderweife in der lebten Zeit — im Gegenfab zu früher — 
ihre keltiſche Berwandtichaft bei jeder Gelegenheit mit Vorliebe betont. Um 
jo befler für uns, wenn unfere beiden frühmittelalterlihen Kolonien wieder 
feltiftert find. „Oallos quoque in bello floruisse audivimus“, fagt Caeſar: 
„auch die Ballier follen früher einmal im Stiege erfolgreich geweſen fein.“ 


* x 


270 | Don deutfcher Kultur und deutfcher Sreiheit 


Das erftemal im Beginn unferer Zeitrehnung ging der große Kampf gegen 
das römifhe Reich um die politifche Freiheit der Nation, um das Beſtehen 
von Böllerindividuen überhaupt. Das zweitemal ging e8 um die Freiheit ber 
“ religiöfen Überzeugung für die Einzelfeele. Wenigftens dem Endztele nad) ging 
der Kampf darauf ans: dieſer zweite Kampf ift freilich noch lange nicht zu 
Ende gefämpft. 

Es ift eine Wurzel, aus der dieſe beiden Bewegungen entipringen, bie 
man wohl die mwidtigften Ereignifje der nordeuropäiſchen Geſchichte nennen 
kann. „Deutſchlands Geichichte iſt, wie ich glaube, die Grundwurzel ber 
Geſchichte Europas,” ſchreibt Charles Kingsley, feinerzeit Profefior der Geſchichte 
in Cambridge. | 

Die geiftige Bewegung der Aufllärumgszeit gehet auf die Anftöße der 
Neformation zurüd und wäre ohne fie nicht möglich gemeien. Noch Boltaire 
war fi) defien gelegentlich bewußt, daß, wie Victor Hugo in Notre Dame be 
Paris es ausdrüdt daß das achtzehnte Jahrhundert „das alte Schwert Luthers 
ald Waffe Boltaires“ ergriffen habe. 

Die europäiſche Kulturwelt hat zwei große Kulturepochen erlebt, die fi 
zeitlich und örtlih und nad der anthropologiſchen Unterlage deutlich trennen 
lafien; bie antife, um das Mittelmeer gruppierte helleniſtiſch⸗römiſche Kultur 
und die moderne, nachantike Kultur der nordeuropäilden, vorwiegend von 
Nationen germanifher Sprade und Abftammung bewohnten Länder. Die 
romaniſchen Völker Tönnen natürlich ſchon wegen der Sprache einen befonderen 
Zuſammenhang mit der Antike von fi behaupten. Aber das bedeutet feinen 
Borrang in der Kultur, denn die moderne Kultur, der auch diefe romaniſchen 
Völker angehören, ift nicht etwa nur eine Weiterbildung der antilen Kultur, 
fondern etwas anderes, eine andere Kulturindividualität, nad) ihrer Entftehung 
wie nach ihrem heute eriennbaren Weſen. 

Das Dogma vom Haffifhen Altertum Iaftet noch ſchwer auf und. Daß 
überhaupt, ohne an feiner Lächerlichleit zu erftiden, das Wort von den deutichen 
Barbaren fallen konnte, ift nur möglich geweſen durch dieſes Dogma, das Die 
zomanifchen Nationen freilich zu pflegen Urſache haben, denn es tit die Brund- 
lage ihrer unbegründeten Überhebung. 

Wenn die romanischen Völfer um beswillen, weil fie eine Tochterſprache 
der damals — vor zweitaufend Jahren — höchſtzivilifierten Nation ſprechen, 
fih für die eigentlichen Kulturnationen halten wollen, fo tft wirklich nicht ein- 
zufehen, warum man nit noch ein paar Jahrtauſende weiter zurüdgeben fol; 
auf die älteren Mittelmeerlulturen, von denen wieder der Stern der Antile, bie 
griechiſche Kultur ihrerſeits abftammt. Dann find die Fellachen, als die Rady- 
fommen der alten Agypter — die fich übrigens tatfächlich den Römern gegen- 
über in ganz entiprechender Weile ihrer älteren Kultur rühmten — und bie 
Bewohner der meſopotamiſchen Ebene die eigentlichen Kulturträger; benm bie 
griechiſch⸗ römiſche Kultur bat von den älteren Mittelmeerfulturen, der mykeniſch⸗ 


Don deutfher Kultur und deutfcher Sreiheit 271 


ketifhen, der ägyptifchen und aſſyriſchen, ihrerfeitS wieder ältere und ſchon 
erungene Kulturelemente übernommen. 

Kürzlih bat der Franzoſe Boutrour gegen die Deutſchen den Vorwurf 
echoben, daß dieſe erftrebten, ſich völlig von der antiken Überlieferung zu be- 
freien und ihre neuzeitige Kultur ganz aus ſich heraus und aus germaniichen 
oder für germaniſch erllärten Beitandteilen aufzubauen. Wir empfinden den 
Borwurf des Franzofen nicht als Bormwurf, fondern befennen, daß allerdings 
unfere Vorftellungen von heutiger umd Tünftiger deutider Kultur mindeftens in 
der allgemeinen Richtung geben, die dort befämpft wird. 

„Das Schiefal der Deutichen tft — ſchrieb Goethe — noch nicht erfüllt. 
Hätten fie Teine andere Aufgabe zu erfüllen gehabt, als das römiſche Reich 
in zerbrechen und eine neue Welt zu jchaffen und zu ordnen, fie würden längft 
wgrunde gegangen fein. Da fie aber fortbeitanden find, und in foldder Kraft 
und Tüchtigkeit, jo müflen fie nach meinem Glauben noch eine große Zukunft 
haben, eine Beitimmung, welche um fo viel größer fein wird denn jenes 
gewaltige Werk der Zeritörung des römiſchen Reichs und der Geftaltung des 
Mittelalters, als ihre Bildung jet höher fteht.“ 

Wir kämpfen heute um unjere Eriftenz gegen die balbe Welt; um bie 
ſtaatliche und wirtſchaftliche und felbit um die phyſiſche Exiſtenz des deutſchen 
Volle. Und damit — da8 fagen wir laut hinaus ohne falide Scham — um 
die höchften Werte der modernen europäifchen Kultur, als deren Schöpfer uns 
weientliche Träger die Deutichen ſich erwieſen haben. 








Die europätichen Sprachen und der . 


Don Profefior Dr. £udmwig Sütterlin 


BE er Sturm des gegenwärtigen Krieges hat im Meer der Völker 
ſddie Wellen mächtig erregt und durcheinandergewühlt. Blut ift 
A 1 nicht mehr dicker denn Waffer: wir haſſen unfern britifchen Vetter, 
Pd vie ih nur Verwandte Hafen lönnen, und fechten und jterben 

2 Schulter an Schulter mit Ungarn und Türken, die einft die Nacht 
einer Völkerwanderung meteorgleich herniederfandte auf unfere Fluren. 

Diefer Bruch mit alten Gemöhnungen und der dadurch veranlakte Wetter⸗ 
fturg der Gefühle ſcheucht auch die Sprachwiſſenſchaft auf in ihrem ftillen 
Gemach: das vergangene Jahrhundert, in dem bas aus ber Aſche des Belt: 
bürgertum3 neu erglimmte Feuer des Vollbewußtſeins den Lauf der Geſchichte 
beftimmte, batte ihrem Bemühen auch einen äußerlichen Zwed verliehen und 
in ihr vielleicht zumeilen den Wahn geweckt, fie trage der Strom der Welt als 
ihren ‘Bropbeten. 

Die krauſe Gegenwart enttäufcht fie nun zunächſt, indem fie ihr manches 
Traumgebilde abftoßend verdeutlicht: denn aus dem alten Märchenlande Indien, 
deſſen Schriftwerle einft ganz Europa begeiftert hatten, die Verehrer Herders 
ebenfo wie bie Jünger Schellingicher Natur- und Religionsphiloſophie, deſſen 
vollendete reihe Sprache ihr vor hundert Jahren felbit ins Dafein half, treten 
ihr jetzt meſſerſchwingend die braunen Eingeborenen entgegen, die Inder, Deren 
Urväter die heiligen Veden gedichtet und das „himmliſch⸗ſchöne“ Schaufpiel 
Sakuntalal Läßt die fprachlide Buntheit auf beiden Seiten der Kämpfenden 
und die Gleichgältigleit uns ſprachlich nabeftchender Zuſchauer nicht auch noch 
befürdten, daß ihre Arbeit fürderhin gar feinen Wert mehr babe für das 
Leben? Wäre die Sprache, die uns Deutihe doch noch einte in den troft- 
Iofeften Zeiten, fortan fein Band mehr für die Völfer? Und follte man bie 
ſprachlichen Entlehnungen von Land zu Land, die ficheren Zeugen für den 
Austauſch des Kulturgutes, Tünftig nur zufammenftellen dürfen als Beweiſe für 
völfiihen Undank? 

Ein fchärferer Blick in die Geſchehniſſe zeigt ſolche Befürchtungen als klein⸗ 
mütig. Denn ganz ift die Sprache doch nicht ausgeſchaltet aus dem Spiel der 
Kräfte, das die Verhältniffe des Lebens geftaltet: jedenfalls jpiegelt ſich Die 
Gefinnung der Staaten auffällig wieder in den. gegenfeitigen Beziehungen der 





Die europätfhen Sprachen und der Krieg 378 


Sprachen, und der Sprachforſcher fieht Fäden, bie nit zufällig umd wicht 
bedentungslos fein Lönnen. 

Sollte er nicht wagen dürfen, den Gang der Dinge aud) damit zu erflären? . 

Der Grundpfeiler, auf dem die gefamte Sprachwiſſenſchaft im Lauf der 
legten hundert Jahre ihr mädhtiges Gebäude aufgerichtet bat, tft die Erkenntnis, 
daß die indogermaniſchen Sprachen eine Einheit bilden. 

Diefer Grundpfetler ift für das beutige Empfinden verſchüttet. Einem 
Gebildeten kann man die indogermanijche Berwandtidhaft in der Hauptſache 
Dar machen durch die Mebeneinanberftellung von Zeitwortäformen (mie Iateiniich 
dixi und griechiſch idea) oder durch Vergleihung von gewöhnlichen Wörtern, 
befonders der Berwandtichaftsnamen, Fürmörter oder Zahlwörter. Einem 
Krieger unferes Ditheeres nüht dieſe indogermaniſche Berwanbtichaft nichts, 
da die dem Deutihen und Auffifch- Polnifchen noch gemeinfamen Erbwörter 
im Klang jeht gewöhnlich weit auseinandergehen; etwas beſſere Dienfte leiften 
ihm ſchon die wenigen Ausdrüde, die wir dem Slawiſchen entlehnt haben, wie 
Droſchle, Pallaſch, Säbel-Sabel, ſowie die viel zahlreidheren, wofür die Ruffen 
uns verpflichtet find: teild reindeutiche wie Band, Bank, Butterbrot, Fenerwert, 
Halstud, Perüdenmader, Schlagbaum, teild romaniſche oder fonft fremde in 
unferer Lautgebung wie Apfelfine, Juwelier, Kartoffel, Preisfurant. Am beften 
aber Tann er fi) durchhelfen mit franzoͤſiſchen Entlehnungen, die auch bei uns 
ablich find, wie Ballon, Kommode, Kompott, Lampe, Möbel, Reſtaurant; als 
Kenner des Franzöſiſchen verftändigt er fih auch noch mit einigen uns jebt 
abgehenden, aber im Slawiſchen noch lebendigen Lehnmwörtern aus dem 
Franzöfifhen wie debarcadere „Bahnhof“, diligence. „Eilwagen“, gazette 
„Zeitung“; dagegen braucht er fih auf das Engliſche nur felten zu ftüben, fo 
bei dem Ausdrud „Schienen“ (engliſch rails), ſchon nicht mehr bei Beeffteal, 
Pudding und PBunf oder — bei Waterflofett. 

So ſucht aljo Die gewöhnliche Lebenserfahrung die Brüde zwiſchen Deutichen 
und Slawen an der faljden Stelle, auf der Seite der Lehnmörter, nicht in 
der Gegend der Erbwoͤrter. 

Der nachdenklidde Geift der Allgemeinheit dagegen ſieht — in noch fhärferem 
Gegenſatz zu der Willenihaft — hier überhaupt Teine Brüde, fondern nur eine 
Aluft: er entdeckt zwiſchen den Völlern überall nur Berjchtedenheiten und faßt 
diefe zufammen unter dem Begriff der Raſſe. Die indogermanifche Sprad- 
wiſſenſchaft kann ein Lied fingen von diefer Nafjenfrage, leider ein rühmliches: 
denn mit fliegenden Fahnen und voreiligem Giegesgefchmetter ift bier bie 
Forſchung auf Jahrzehnte hinaus in eine binterhältige Sadgafie geritten. 

Man erflärte die Sprachverwandtſchaft als Folge einer Völferverwandichaft 
und fchrieb auf Grund einiger Andeutungen bei alten Schriftftellern nicht nur 
den Germanen, fondern auch dem Urvolf boden Wuchs zu, blaue Augen, 
weiße Haut und blondes Haar, dazu fpäter noch Langichäbeligleit. Glieder 
dieſes Herrenvolles, bei dem die Auslefe der rauhen Urheimat während ber 

Grenzboten II 191R 18 


974 Die europäifhen Sprachen und der Krieg 


Bereifung Europas dieſe milde Art des Albinismus heranzüchtete, mußten nad 
den fühnften Vertretern biefer Lehre alle großen Männer fein, nad Chamberlain 
in den „Grundlagen bes nennzehnten Jahrhunderts“ auch Ehriftus. 

Aber Kronos verſchlang auch bier nad) und nach wieder alle feine Kinder. 

Zunächſt konnte der nicht abzuleugnende dunkle und rundlöpfige Teil des 
indogermanifhen Bollstums nur eine unechte Beimifchung fein, Nefte von 
unterworfenen Stämmen und Raſſen. Nur ftellte fi) bei genauerem Hinfehen 
diefe Beimifchung heute als Hauptteil heraus, nicht nur bei den andern inbo- 
germaniſch redenden Völkern, fondern jhlieplic auch bei den Germanen, wo 
die angebliden Raſſenmerkmale von Norden nad Süden abnehmen, bis zum 
Beriäwinden: während bie feinerzeit von Virchow angeregte Unterfuchung ber 
Schullinder für Lauenburg 45 Blonde ergab unter 100, für Baden nur 24, 
entdedte die Schädelmeffung unter 100 Köpfen in Südbaden 95 runde, in 
Friesland nur 49; und ebenfo, verglichen nad) Städten, in Freiburg 93 runde, 
in Bremen nur 42. 

Daß fich freilich die Bewohner verfhiedener Gegenden an Körper und an 
Geift unterfcheiden, zeigt fon in Baden das Nebeneinander von Alemannen 
und Franken, bei den Slawen der Gegenfah von Ruſſen und Polen, ähnlich 
wie am Nil die edlen Geftalten der Hieroglyphenbilder mit ihren Mandelaugen 
hervorleuchten aus der armfeligften Fellachenbevöllerung. — Aber die Urfachen 
diefer Unterſchiede und die Tragweite ihrer Wirkungen kann den Spracdhgelehrten 
nur die Naturwiſſenſchafft ergründen, fie, die der Sprachforſchung ſchon fe 
manchmal vorwärts geholfen bat, durch Darwin, Brüde, Helmholtz; fie leuchtet 
dann aud heraus aus dem Zweifel darüber, ob man ein foldhes Merkmal für 
ein altes Erbftüd halten müfje aus dem Hausrat der Väter oder für eine 
junge Errungenſchaft, gewonnen im gemeinfdhaftlichen, gleichgeftellten Kampf 
ums Dafein. 

Bis dahin meidet man am beiten das Meer ſchwankender Bermutungen 
in der Raſſenfrage und richtet fein Haus nur ein auf dem fiheren Grund ber 
Erde, der Sprade. Schon diefe lehrt für heute genug durch die drei Kreife, 
bie fie uns in Europa als feitummallte Einheiten entgegenftellt, da8 Romanen- 
tum, das Slawentum und das Germanentum. 

Die romaniſche Welt liegt unter dieſen drei Einheiten dem Blid ber 
Dffentlichleit am freieften da, und durch die Brille des Lateins fieht er deren 
Bufammengebörigleit als etwas Gegebenes an, mehr als der Außerlide Sad 
verhalt zunächſt rechtfertigt. Die Lupe des Forſchers verfeinert das Bild um 
vielfade Züge und Abtönungen. Wenn fie zwiſchen den vier bis fünf Haupt- 
gebieten noch den einen oder anderen eigenen Kreis entdedt, jo neben der 
Mundart der Nordfranzofen noch das Provenzaliiche, und ihm zur einen Gelte, 
befonders in der welſchen Schweiz und Savoyen, da8 Franloprovenzalifde, 
anderfeit3, gegen die Pyrenden zu, die Katalanen, fo mildert dieſe Einfügung 
nur die Schärfe der Übergänge zwifchen den Hauptgebieten und legt den Zaum 


Die europäifhen Sprachen und der Krieg 275 


wieder nieder, den die Entwidlung ihrer Schriftiprachen errichtete. Denn wie 
der Näherftehende in dem Provenzalifhen ein notwendiges Bindeglied erkennt 
zwiſchen Franzöfif und Italieniſch, und wie das Frankoprovenzaliſche vermittelt 
fowohl zwifchen Franzöfifch und Provenzaliſch als zwiſchen diefen beiden und 
dem Italieniſchen, fo ſchlägt das Katalaniſche wieder zwiſchen Brovenzaliih und 
Spanif& eine geiſtige Brücke, die ihre Pfeiler über die Pyrenden und die burg- 
artige Kuppe des Monijerrat fpannt bis gegen Valencia, in gewiſſem Sinn als 
Entſchädigung für die Lüde, die bei der wirfliden Brüde der Bidaſſoa Das 
Baskiſche zwifchen die romanischen Völker reißt. Das bißchen Spaniſch, das 
der fonjt fo ſprachfaule Franzoſe bier an der Grenze in der Schule des Lebens 
lernt, al Kneipwirt in Luchon oder als Kutfcher und Badediener in Biarrig, 
füllt diefe Lüde in feiner Weife aus und verſchwindet gegen die Dienfte, die 
der rege Katalane für die Völlerverbrüderung leiftet. — Eine Fahrt öſtlich 
Dagegen über den Mont-GCenis bringt uns ähnlich nicht nur bei Pignerolo in 
Waldenferdörfer, mit deren Bewohnern wir uns ohne Mühe auf franzöflfc 
unterhalten, fondern mit Oberitalien überhaupt in ein Gebiet, wo für das Ohr 
des Fernftehenden ein halb franzöfifches taltenifch erklingt. - 

Nur die rumänifche Scholle hat die flawtiche Flut von ihrem Mutterboden 
gelöft und in das Land zwiſchen Donau und Bukowina verſchlagen, wo fie 
zwar ſprachlich in manden Einzelheiten ſtark an ihre Nachbarſchaft gebunden 
ift, fo durch eine das einheimifche Sprachgut faft erftidende Fülle von ſlawiſchen 
Sremdmwörtern, wo fie aber ihr Iateinifches Ausfehen doch nicht nur beibehielt, 
fondern durch Wortanleihen bei Italienern und Franzoſen fpäter wieder Träftig 
anffrifchte. Man ſchätzt daher im Kreife ihrer Bewohner das Deutihtum und 
das Deutſche Reich ſehr Hoch, am eheiten an den leitenden Stellen und innerhalb 
des Judentums, und füllt darum in der Hauptftadt gern die weiten Säle der 
vtelfeitig gegabelten deutfchen Schule; aber das Herz zieht die breiteren Schichten 
des Bolls in diefen Tagen doch unzmweideutig hinüber zu den Franzofen, ſchon 
aus Abneigung gegen die mit ung verbündeten Ungarn. 

Diefe landſchaftliche inhettlichfeit verftärlen aber in der Gemeinſprache 
auf das allerfräftigite geichichtlihe Ausgleichungen doppelter Art. 

Einmal haben fi) die Romanen immer und überall als Nachkommen der 
alten Römer gefühlt und in ihren Reichen nicht nur das Lateiniſche lange als 
eigentlide Schriftiprache verehrt und verwendet, fondern aud) dem Baum ihrer 
ſchriftſprachlich ſchon feitftehenden Landesſprache fortwährend neue Reiſer auf- 
gepfropft, jo in Franfreih vor allem zur Zeit Karls des Großen und im Zeit⸗ 
alter Franz des Erjten, in Spanien im vierzehnten Jahrhundert und fpäter in 
den Tagen Calderons. | 

Diefe Ausbeutung des Erbes der Alten, die fogar den Eatbau zeitweilig 
im bie Geleife Ciceros zurüdlenten wollte, ift heute nur dem gelehrten Auge 
erlennbar. Der gemeine Mann führt daher auf romaniſchem Boden jebt 
ahnungslos Wortformen im Munde, die ſich für den Kenner der Sprachgeſchichte 

18” 


276 Die europäifchen Sprachen nnd der Krieg 


an ihm ausnehmen wie Ausdrüde Wulfilas im Munde eines Schweizer Berg- 
führers, Wortformen übrigens, die für die heutige Begriffswelt des Romanen 
ganz unentbehrlid) geworben find, wie franzöfifd) facile, fertile, juste, crime, 
penser, trahir. Tatfählih find fie wegen ber engen Verwandtſchaft zwiſchen 
Latein und Romantic) für ihn aber kaum etwas anderes als für uns Ausdrücke, 
die eine jüngere Zeit wieber aus dem Altdeutſchen berporfuchte, Ausdrüde wie 
bieder, Fehde, Halle, Hort; denn fie find Fleiſch von feinem Fleiſch, während 
wir mit unfern griechiſch⸗lateiniſch⸗ romaniſchen Entlehnungen bunte Seidenlappen 
einfeben ig unfer einheimiſch einfarbiges Wollfleid. Aber nicht nur mit gelehrtem 
Iateinifhem Tuch bat der Romane in allen feinen Reichen gern eine begriffliche 
Blöße verbedt, fondern auch mit romanifchen Stoffen aus anderer Gegend. 

Schon die beiden franzöſiſchen Sprachgemeinfchaften helfen ſich gegenfeitig 
vielfad aus, wenn aud die Schlußabrechnung die Einfuhr nad) der Provence 
als größer erweiit als ihre Ausfuhr nad) Paris. Denn die wenigen üblichen 
Ausdrüde, die als verbleibende Tropfen aus einem geſchichtlich lange Zeit 
riefelnden Bad) noch heute im Norden Heimatsrecht genießen (abeille „Biene“, 
rossignol „Radtigall”), wiegt der verzehrende Einfluß mehr als hundertfach 
auf, den der Norden als Duelle der Schriftipradde und als Herb des ganzen 
Staatögebäudes bis in die entlegenften Gebirgsbörfer übt; er fchlägt fih zum 
Beifpiel in einem Auvergnedorf bei Elermont-Ferrand ſprachlich nieder in mund- 
artlich zugeſtutzten Entſprechungen für facture „Rechnung“, fatiguer „ermüden“, 
teliciter „läd wünfhen”, maigre „mager“ und vielen andern. 

Einen viel weiteren Ausblid gewähren die Entlehnungen aus einer der 
fonftigen romaniſchen Hauptiprachen in die andere, Entlehnungen, die entweder 
die Alpen überfteigen ober die Pyrenäen oder beide, je nachdem fie von 
Frankreich ausgehen oder von Stalien, feltener von Spanien. Da bier im 
Mittelalter erft Franfreih den Reigen anführt, dann aber, mit der Wieder- 
erwedung des Haffifhen Altertums, Stalien die hohe Schule wird für bie 
Wiſſenſchaft, für Handel und feines Gewerbe, für die Kunſt des Pinſels und 
der Töne, aber auch des gefelligen Lebens wie des rauhen Strieges, bis ſchließlich — 
nad einer vorübergehenden kurzen Blüte Spaniens — Ludwig der Vierzehnte 
doch wieder feine Franzojen in den Vordergrund fchiebt, fo wechleln Ebbe und 
Flut an allen Stellen mehrmals ab. So tragen in talien franzöſiſches Gewand 
eine Reihe von Ausprüden wie arnese „Harniſch“, bersaglio „Zielfcheibe“ 
(davon bersagliere „Scharfſchũtze“), und franzoſiſch ift Die ganze Endung -iere. 
Der Sondoliere in Venedig nennt ſich aljo ähnlich vornehm wie ein deutfcher 
Lagerift oder ein Hühnerologe. Bas Franzöſiſche ift noch viel gaftlicher geweſen. 
Allein aus Italien beherbergt es nicht nur eine umfänglide Schar von Einzel- 
wörtern wie bal „Ball“, balcon „Ballon“, guide „Führer“, moustache 
„Schnurrbart“, fondern als Endung vor allem die Form -esse (in forteresse 
„Feſtung“, jeunesse „Jugend“, noblesse „Adel“), die übrigens noch nad) 
Spanien weitermanderte: die ſpaniſche grandeza fieht von hinten alfo italieniſch aus. 


Die europäifchen Spraden und der Krieg 977 


Auf diefe Innigleit der Beziehungen innerhalb des romaniſchen Berwanbt- 
ſchaftskreiſes wirft das richtige Licht erit die Tatſache, daß ſich diefes felbe 
Gebiet gegen das Germanifche im Vergleich dazu wie durch eine hohe Mauer 
abfhließt, die nur in der Zeit der Völlermwanderung ein einigermaßen: offenes 
Tor hat für einzelne Wörter aus dem Bereich bes Friegerifchen und ftaatlichen 
Lebens, der Landwirtichaft oder der Schiffahrt (aune „Elle“, bateau „Schiff“, 
gazon „Wafen“, blanc „blant“, laid „leid, häßlich*“, riche „reich“) und auge 
nahmsweiſe au für die Endung -ard, die aus Eigennamen wie Eberhard, 
Reginhard-Reinhard (franzöfifch renard „Fuchs“) überfprang auf andere Stämme 
(fo franzöfiih in communard „Mann der Kommune“, vieillard „Greis“), 
daneben au für zahlreiche Berjonennamen, darum aud für Raymond 
„Raimund“, den Vornamen des Mannes „mit der geballten Fauſt“, Poincaré, 
wie für Garibalbi. 

Bon diefen Nomanen durch eine Welt geichieden ift der große, auch wieber 
feft umfchloffene Kreis der Slawen, nit nur räumlich, fondern auch in Weien, 
Zeben und Sitte, und nicht zum mindeften in der Sprade. 

Während der Romane die Wortbiegung durch Hilfswörter erfegt (metft 
dur) Präpofitionen: de la tete, A la tete) und die einfachen Zeitwortsformen 
des Latein in Wortgruppen auflöft (lateiniſch donavit: franzöſiſch il a donne), 
die freilich wieder zufammenmwadfen Tönnen (il donner-a eigentlid) „er bat zu 
geben“), verfügt der Slawe mit Ausnahme des Bulgaren, der ſich hierin — 
wie in ber Anwendung des Artilels — dem Romanen gleichftellt, noch über 
feben aus alter Zeit lebendig gebliebene Kaſus und über ein ausgeprägtes 
Zeitwort, allerdings in auffällig altertümliher Form. Während nämlich das 
gefamte Weftenropa vor allem die Zeititufen hervorhebt, das Verhältnis zum 
Augenblid des Spreddens, und die Vergangenheit fcheidet von der Gegenwart, 
ſchildert der Slawe eher die Art des Verlaufs einer Handlung nad) Augen- 
blilichleit ober Dauer. Was der Franzofe aljo ausnahmsmweije durch das 
Nebeneinander von Sjmperfelt und Perfelt andeutet (il allait — il alla), und 
mas wir als Unterſchied empfinden bei er wacht — er wacht auf, dos iſt für 
den Slawen der fpringende Punkt. Der Sat „Die Schwalbe flog zum Neft“ 
lautet für ihn alfo dreifach verſchieden, je nachdem er einen einmaligen ganzen 
Flug im Auge bat, oder nur die Ankunft im Neft, oder einen mehrmaligen Flug. 

Eine Altertümlichkeit ift auch die Beweglichkeit des Worttons der meiften 
ſlawiſchen Sprachen, des Ruſſiſchen, Bulgarifchen, Serbofroatifchen, Sloweniſchen 
und des Kaſchubiſchen, die hierin das Griechiſche übertreffen, indem fie nicht 
an die letzten brei Silben des Wortes gebunden find, fondern aud) die viert-, 
fünft-, fechftlege Silbe betonen können. Daher heißt bei den Serben ber eine 
oſterreichiſche Landesteil Buͤkowina (ruſſiſch Bulowina), der andere, nad) einem 
Herzog Stefan benannte Herzegowina; in Bosnien nennt man die Hauptſtadt 
Särnjemo, einen Bewohner von ihr Sarajewac, eine Bewohnern aber wieder 
Sarajewla. Nur das Bolniihe hat den Ton faft überall auf der vorlegten 


278 Die europäifhen Sprachen und der Krieg 
Silbe feftgelegt, das Tſchechiſche und Serbiſche auf der erften: der polnifche 
Berfafler von „Quo vadis“ heißt alfo Sjenkjewitfh, dagegen die Beamten des 
Kaifers Matthias, die mah zu Beginn des breikigjährigen Krieges in Prag 
aus dem Fenfter ftürzte, Märtinig und Slawata, der Schladhtort des Jahres 1866 
Sadowa. Dazu lommen als weitere Vorzüge einmal eine reich entwidelte 
Vähigfeit der Wortableitung und noch mehr eine große Freiheit in der Wort⸗ 
ftellung, die in Verbindung mit einer meift vorhandenen Bierzahl der Partizipien 
und einer beifpielswetfe in der ruffiihen Schriftipradhe zu Gebote ftehenden 
Zweizabl der Gerundien die Verfnüpfung der Gedanken ſehr erleichtert, vielleicht 
mehr als die unfelige deutſche Verſchachtelung ber Nebenjäge. 

Alles in allem ftehen alſo die ſlawiſchen Sprachen auf einer hohen Stufe. 

Aber auch rein lautlich find fie befier als ihr Auf, und ihre Kenner 
ftellen fie trob ihrer vielen Zifchlaute und trog ihrer zahlreichen Palatal- 
fonfonanten an Klangfüle vor das Deutſche. Das Ruſſiſche jedenfalls iſt 
mindeftens ebenſo vokalreich wie das Deutſche — eine Probe hat auf 100 Laute 
im Ruſſiſchen 42 Vokale ergeben, im Deutſchen nur 36 —, und diefe Bolale 
wechſeln ziemlich bunt untereinander ab, ungeachtet vielleicht einer gewifſen 
Borberrfhaft des a: eine Stichprobe aus Zurgenieff enthielt 53 a gegen 
40 andere Bolale, eine fleinruffiihe Probe allerdings nur 38 a gegen 148 
fonftige Bolale. — Und in der Zonführung nimmt es das Serbiſche wenigftens 
mit den melodifchften deutſchen Mundarten auf, weil es in den Tonſilben Ab- 
ftieg und Anftieg nach Stärke und Höhe ſcharf auseinanderbält: denn damit 
ſcheidet e8 zwifchen feinen Formen ähnlich, wie der Nheinländer zwiſchen dem 
Dativ Baum und dem Akkuſativ Baum. 

Wie ftellen fi) aber die Slawen untereinander, und wie ftellen fie Aid) 
zu uns? 

Zunächſt heben fi aus ihrer großen Maſſe zwei geichlofiene Gruppen 
heraus: die fühliche der Slowenen, Serbokroaten und Bulgaren, unter denen 
die Bulgaren auch ſprachlich heute am eheſten einen eigenen Weg gehen, mie 
fie auch urfprünglich ein finniſches Bolt waren, das die Sprache der von ihm 
unterjochten Slawen annahm; "daneben die weitlihe ®ruppe der Polen, der 
Sorben und der Tſchechen, zu denen man als Unterabteilung die Slowalen 
ftelit, die übrigens nicht alle im Ausland Mausfallen verlaufen, fondern in der 
Mehrzahl zu Haufe Liptauer Käſe bereiten, den Ader pflügen und Wein 
ziehen; die dritte und größte Gruppe, die Ruſſen, rechnet man am beiten für 
fi, nicht zu den Sübvöllern; fie zerfällt in die nördlichen Großruffen, die 
füdliden Kleinruffen (Ruthenen oder Ulrainer) und in die Weißruffen im 
Weften. 
Bebrohlich tft bei diefer Verteilung der Widerftreit zwiſchen Sprachgebiet 
nnd Staatshoheit. 

Die Kleinrufien bevöltern nod ganz Galizien und ftoßen da im Süden, 
bei Czernowitz, an bie ungarländifhen Rumänen; und das Serbiſche erfüllt 


Die europäifchen Sprachen und der Krieg 279 


nit nur die ganze Strede vom Timok bis zum Adriatifhen Meer, vereinigt 
alfo das alte Königreich Serbien, Altjerbien und Montenegro mit Bosnien, 
der Herzegowina und Dalmatien, ſondern dedt ſich ſachlich auch völlig mit 
dem Kroatiſchen, und Grund zu der Trennung in ſerbiſch und kroatiſch ift — 
außer der Verſchiedenheit des Belenntniffes — nur die Form der Buchſtaben: 
die rechtgläubig-griechifchen Serben jchreiben eigene Zeichen, die römiſch⸗ 
latholiſchen Kroaten dagegen die lateiniſchen Buchftaben. Dazu wurzelt Die 
ganze kroatiſche Schriftiprache überhaupt im Serbiſchen, und ihr Begründer 
Bul Stefanomwic Karadſchic (1767—1864) gehörte durch feine Eltern nad) der 
Herzegowina und nad) dem nörbliden Montenegro. 

Die einzelnen Sprachen dieſes Kreifes find nun an ſich zwar deutlich von- 
einander gefchieden, fo daß der Tſcheche Schafaril im Jahre 1825 feine Geſchichte 
ver ſlawiſchen Sprade und Literatur deutſch fchreiben mußte, um nur im 
Dfterreich- Ungarn allen flawifchen Stämmen verftändlich zu werben. 

Doch iſt diefe Verſchiedenheit Feine unüberfteiglide Scheibewand, am 
wenigſten in der Schriftiprache. 

Denn wie im Romaniſchen das Latein, jo thront über den ſlawiſchen 
Einzelſprachen die Kirchenſprache des Altbulgariſchen, die für die ſüdliche und 
die öſtliche Gruppe lange Zeit die einzige Schreibform war, für das Ruſſiſche 
über Peter den Großen hinaus, für das Serbokroatiſche bis zum Beginn bes 
neunzehnten Jahrhunderts. Darum führt gerade der ruffiihe Wortſchatz — 
txoß der erfolgreichen Reinigungsbeftrebungen des Geſchichtsſchreibers Karamfin 
(1766 bis 1826), des Fabeldichters Krylow (1768 bis 1844), des Schaufpieldichters 
Gribojedom (1793 bi8 1829) — vor allem in der Dichtung noch heute manche 
Ausdrücke in Tirchenflamwifcher Lautung weiter, jo wremja „Zeit“ (neben nord⸗ 
ruſſiſch wirklich vorliegendem mweremja), jo den Namen Wladimir neben feiner 
Abkürzung Wolodja. 

Aber auch ohne diejes Kirchenſlawiſche find die heutigen Schriftiprachen der ' 
Slawen einander doch jo ähnlich, daB eine gute Kenntnis der einen ſchon das 
Berftändnis der andern ermöglicht, vor allem im Drud. Mag der Ausdrud 
au einmal wechleln, fo Klingen Doch Lautgeſtalt, Wortbildung und Wortbiegung 
immer ziemlich aneinander an. 

Und im mündlien Verkehr fteht es wohl ähnlich. 

Zwar find alle ſlawiſchen Hauptipradhen mundartlid ſtark geipalten. 
Dennoch entdedt bier nicht nur die Forihung überall Berübrungspunlte in ber 
Geſtalt allmähliher Übergänge, fondern auch die lebendige Erfahrung: wenn 
ſelbſt ein Ausländer mit einiger Kenntnis des Ruſſiſchen auch in einer polnifchen 
Unterhaltung manches aufſchnappt und fich in Montenegro und Bulgarien fogar 
bei den unteren Volksſchichten durchhelfen kann, wie viel eher ein gebürtiger 
Slawe, zumal mit Bildung und Geſchick! 

Noch machen die Slawen von diefer ſprachlich erleichterten Möglichkeit 
engeren Zuſammenſchluſſes feinen allgemeinen Gebrauch, fondern liegen fid) 


280 | Die europäifcken Sprachen und der Krieg 


vielfad) in den Haaren: während die Serben mit den Bulgaren ftreiten um 
Mazedonien, läßt im faiferlihen Rußland der Großruſſe den Kleinruſſen faft 
ebenjowenig auflommen, wie den Polen, der in Galizien den Ruthenen aud 
ſeinerſeits nur quält. 

Die ruffifhe Abneigung gegen Deutichland, die ſchon früher jedes rufflfche 
Ungemach Bismard in die Schuhe ſchob, und die fchon damals weite Schichten 
einen Krieg mit unferm Reich als einen halben Kreuzzug betrachten lieh, wie 
mir ein befreundeter. Gutsbeſitzer einft offen ins Geficht geitand, findet die 
Heineren ſlawiſchen Brüder noch nicht richtig bereit zur Gefolgichaft, ſchon weil 
biefe Angft haben muſſen von der Moskauer Knute, die Andersgläubigen und 
Freigeiftigen auch vor den Schnüffeleten des heiligen Synode. 

Die Zukunft fann das ändern. Dann aber bringt fie uns nicht weniger 
Gefahren als dem britifchen Vetter, der fi dann natürlich wieder feiner ger 
maniſchen Abſtammung erinnert. 

Wie ſteht es nun mit dieſer Abſtammung, und wie überhaupt mit den 
Brüdern aus dem germaniſchen Hauſe? 

Nachdem das Wirrſal der Völkerwanderung von den drei —— des 
germaniſchen Sprachaſtes den öſtlichen abgeknickt und zertreten hatte mit der 
hoffnungsvollen gotiſchen Blüte daran, ſtand allein noch der ſtandinaviſche 
Zweig dem bisher wefſtlichen und jetzt allgemein feſtländiſchen gegenüber, an 
dem fi) das Friefiihe, damals noch zwiſchen Nordſee und Leine, mit ſeinem 
nordöftliden Nachbarn, dem Angelfähhfiiden, von dem fonftigen Deutſchen 
abhob. Auch als die Angeln mit den angrenzenden Sachſen auf das bisher 
rein Feltifche Britannien übergefegt waren, hingen fie noch geiftig zufammen 
mit ihren feftländifden Berwandten. Dieſes Band zerriffen erft die Einfälle 
der Nordmänner: weniger der unmittelbare von Dänemark aus, der den ganzen 
Oſtſtreifen zwiſchen Tweed und Theme losrik und hier von 800 bis über 1100 
hinaus dem Nordiſchen eine filhere Stätte bereitete, an die noch heute nordiſche 
Wörter im Engliſchen erinnern wie law „Geſetz“, bylaw „Ortsgeſetz“, sky 
„Himmel“ und to take „nehmen“, als die mittelbare, über die Normandie 
hinweg fett dem Jahre 1066: nachdem diefe Wilinger an der franzöfiichen Weſt⸗ 
füfte im Laufe von hundertundfünfzig Jahren franzöfifche Spradde und Sitte ange- 
nommen hatten, hielten fie in England dreihundert Jahre fo zäh daran feft, daß fie 
damit England ſprachlich in ein ganz neues Fahrwaſſer fteuerten, und daß darum 
der Deutſche jebt dem echten Altengliichen weniger ratlos gegemüberfteht als 
die Nachfahren der fagenhaften Hengift und Horfa. Daß der König und fein 
ganzer Hof nur Franzöſiſch verftanden, Gericht und Parlament nur in Franzöoͤfiſch 
verhandelten, hatte zur Folge, daß heute nad) einem Wort Leffings die Sprache 
der britiihen Inſel in der Hauptſache Franzöfiich ift, nur engliſch ausgeiprochen, 
und daß zur Ausftattung des nicht Hafftich gebildeten Engländers ein Wörter- 
buch gehören fol, das ihm die fremden Ausdrücke erflärt. Und als das ein- 
heimiſche Sprachgut vom Jahre 1400 an wieder mehr zu Ehren fam und bie 


Die europätfdyen Sprachen und der Krieg ' 981 
Sprache gerade angefangen hatte, ihre inneren Unebenheiten zu glätten, ftrömte 
no einmal Fremdländiſches herzu, bauptfächlich Lateinifches und Griechiiches, 
in den Tagen, die das alte Rom und das alte Hellas unter feinem mittel- 
alterlichen Schutte bervorfteigen fahen, teilmeife — im Laufe des fechzehnten 
Jahrhunderts — au Spaniſches. 

Seitdem zeigt die Sprache des Briten vor allem in Wortſchatz und Wort- 
formung ihr Doppelgefidht, und der Verfluß der Jahre Hat die romaniſchen 
Züge darin nicht verwiſcht, ſondern ſtets kraͤftiger herausgearbeitet. 

Alles in allem bat alſo England ſprachlich mehr als halb das Band 
durchſchnitten, das es an Mutter Germania Mnüpfte, und fi) damit — befonders 
Paris zuliebe — den Weg veriperrt nad Berlin und Wien, den Weg aber 
aud zum Berftändnis deutſchen Weſens. Freilich tft diefer Weg für England 
etwas lang, dadurd, dak er Über das ihm zunächſt liegende Niederdeutſche 
zum Hochdeutſchen binausführt. 

Doch Hat der ſtandinaviſche Norden diefen mühevolleren Weg zu uns 
nicht geſcheut! Das Daniſch⸗Schwediſch⸗Norwegiſche liegt uns von Haus aus 
dur) mande Eigentünnlichleiten ferner als dem Engliſchen: fo durch die Zer- 
ftörung der Beugung des Hauptworts und die dadurch notwendig gewordene 
feftere Wortftellung, dur die Einſchränkung des grammatiſchen Geſchlechts, 
beim Zeitwort dur die Ausgleichung der Perfonalformen des Präfens (däniſch 
nit nur han taler „er ſpricht“, fondern auch jeg taler „ih ſpreche“, in der 
Mehrzahl vi tale „wir ſprechen“, I tale „ihr ſprecht“), im Sakbau durch die 
Bildung von Beifügefäten ohne einleitende Wortformen (in der Art des 
englifden the man, | saw, was a lawyer); fern liegt es uns auch durch die 
übrigend dem Deutſchen entnommene Umfchreibung der Leideform mit bleiben 
(nad) der Weile des deutſchen: ‚ber König bleibt geliebt, die Stadt bleibt ge- 
ſchũtzt). 
Dieſe Kluft zwiſchen uns und unſern nordiſchen Verwandten hat der 
Lauf der Geſchichte ſtellenweiſe ganz gangbar überbrückt. Denn über ein Jahr⸗ 
taufend lang ſtrahlte deutſcher Einfluß über Dänemark nad) Schweden und 
Rorwegen aus: vom Abſchluß der Völlerwanderung, wo der Niederrhein den 
Rordländern über da8 Sachſenland hinweg die Stegfriedfage und die Wodans- 
verehrung zuführte, über Guſtav Adolf hinaus, bis zu Klopftods Aufenthalt in 
Kopenhagen, wo zuerſt der aus Norwegen gebürtige Dichter Holberg der 
fhwellenden Flut einen Damm entgegenfegte, ja noch weiter, bis zu unjern 
Tagen, wo erft Geyer und Tegner fiheren Erfolg hatten in der Abwehr. Die 
Sanfa, die In den ſchwediſchen Städten fogar Anteil beanſpruchte an der Ber- 
waltung, einigermaßen auch die Reformation, mehr wieder der breikigjährige 
Krieg und die daraus folgende ftantliche Verkoppelung mit Deutichland, gaben 
diefer Strahlung ihre Richtung und ihre Kraft. Sie brachte ſprachlich fogar 
niederdeutſche Wortbildungsmittel nad dem Norden (jo die Borfilben der 
Wörter be-gehren, ent-fallen, ver-laffen, und die Nadjfilben der Wörter teil- 


282 Die europäifhen Sprachen und der Krieg 


baftig, offen-bar, Dieb-erei, Falſch⸗heit, Fürft-in, höf⸗iſch), und jo viele deutjche 
Einzelwörter, daß es im Däniſchen davon geradezu wimmelte: vor allem 
niederdeutſche im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert, hochdeutſche erft im 
ſechzehnten und fiebzehnten Jahrhundert. Solche deutſchen Eindringlinge leben 
noch beute im Norden üppig fort, fo bei den Dänen: achten, Angit, arbeiten, 
Bild, bleiben, Faftelabend, doch, je-je „je deſto“, dazu unverfälicht hochdeutſche 
wie Kranz, plöglid, treffen; bei den Schweden nit nur brauchen, Bürger, 
frei, fremd, Edelftein, Schmwertfeger, Schuhmacher, fondern auch wieder bod)- 
deutſche wie kratzen. 

Das ſtaatliche Zerwürfnis zwiſchen Dänemark und Deutſchand hat bier 
zwar gewirkt wie ein hoher Schutzzoll. Aber abgejehen davon, kommen uns 
die Nordländer doch auch heute fprahli in weiten Maß entgegen, jo daß 
befonder8 das gefchäftige Kopenhagen den Reiſenden anmutet wie eine balb- 
deutfche Stadt. 

Leider können wir dem Norden diefes freundliche Wohlwollen nur unvoll- 
kommen vergelten, in Dänemark wegen der Schwierigleit der gerade hier maß- 
gebenden feeländifchen Ausiprache, in Schweden nicht jo recht wegen der Eigenart 
feiner klangvollen Zonführung; kaum aud in Norwegen, nicht nur, weil 
das bier Schriftipradhe gewordene Däniſch nicht in das Boll dringt, jondern 
auch, weil dem gerade im Bolf der Einfluß des Englifhen entgegenfteht: weniger 
dan? den bier bei billiger Unterkunft im Sommer Lachſe angelnden Briten als 
infolge der gewinnbringenden Beziehungen der norwegiſchen Arbeiterflaffen zu 
nordamerilaniſchen Häfen, Bergwerlen und Fabriken. 

Holland und das belgiihe Flandern endlich, mit denen fi} der germanifche 
Sprachkreis um uns herum fchließt, find gutes, deutfches Urland; abgejehen 
von dem friefiihen Nordrand und den niederſächfiſchen Landichaften um die 
Hfiel, ein Stammftüd des fränkiſchen Gebiets, zu dem aud Köln gehört und die 
Pfalz, und die fpradlih wie nad) der Art der Bewohner mit diefen Gegenden 
enger verwandt find als der Badener in Heidelberg mit dem Badener in Yreiburg- 
Aber fie find ihrer Herkunft nicht fo umentwegt treu geblieben, wie wir es 
gern erwarteten. Auch ſprachlich bat diefe Norbweitede von Deutichland nicht 
mehr viel wiſſen wollen, nachdem fie feit dem Jahre 1200 ihre fränkifche 
Mundart zur Schriftipradde erhoben hatte, und darum auch nur wenigen echt- 
deutihen Wörtern nachträglich noch Gaftrecht gewährt, wie äten, Harz, Kurz⸗ 
weil, Kranz, Spieß, verzagen, zerren, Zieratt zittern, zollen. 

Viel mehr Gnade bat bei ihr das Franzöfifhe gefunden, da dieſem — 
außer anderem — im fünfzehnten und fechzehnten Jahrhundert die hochfinnige 
Gunft der burgundiſchen Herzöge Vorſchub leiftete, fpäter die Verbindung mit. 
dem Reihe Napoleons. 

So tft das Land der Generalftanten, das der Sprache jeines neidiſchen 
Nachbars England immer fehr kühl gegenüberſtand und ihr früher nur jelten 
einen Ausdrud entlehnte, ein behaglicher Hort des Franzöfiihen geworden: 


Die europäifhen Spradyen und der Krieg 283 


befonders im Haag, das nad dem Ausſpruch eines Zeitgenofien im Jahre 1641 
von galliiden und holländiſchen Yranzöslingen wie überflutet war; dort gaben 
ſich nicht nur der Hof und alle Herren des SchwertS und der Feder ganz 
pariſeriſch, ſondern noch im neunzehnten Jahrhundert war bei den höheren 
Schichten die Sprade des hier einft halbvergätterten Voltaire das modiſche 
VerftändigungSmittel im Briefmechfel und in der Geſellſchaft. 

Bir ermeffen die Wucht und den Umfang diefes nachhaltigen Einfluffes 
am beften an dem traurigen Erfolg: nit nur find dort unfere fühlichen 
Örenzmarlen, die im fiebzehnten Jahrhundert noch bis Boulogne reichten, 
jet weithin abgebrödelt; aud in Holland hat die Sprade von ihrem 
galiihen Bormund für immer eine Unzahl von Einzelmörtern Äbernommen: 
nad) der Auswahl eines Turzen etymologiſchen Wörterbuchs, das im ganzen 
8000 Formen zufammenfaßt, über 1000, gegenüber rund 650 aus dem Latein, 
200 aus dem Deutfchen und 68 aus dem Englijchen. 


Den Wall, der die drei hauptſächlichſten Sprachgebiete Europas jo grund- 
fägfih voneinander jcheidet, hat der Strom der Kultur alfo an verſchiedenen 
Stellen überſchritten und dabei fprachliches Gut zahlreich von der einen Geite 
auf Die andere geſchwemmt. 

Sein Lauf geht im allgemeinen von Süden nad) Norden und Diten, und 
er Reigt bei feinem Borfchreiten ftufenweife abwärts. Indem er erft von 
Rom ansgeht, dann von Paris, findet er den erften bedeutenden Widerftand 
auf dem Dftufer der Weichſel. Hier ftaut ſich fein Waſſer in dem weftlich 
davorliegenden beutichen Beden, bis es, zunädjit gehoben dur einen mächtigen 
reindeutichen Schwall, in neuem Anfturm nad Dften und Norden weiterbrict: 
fo gelangt der Titel Caefar erft als Kaifer zu uns, dann als Zar bis nad) 
Mostau; ebenfo fchon von den Goten aus das germantihe Kuning „König“ 
in der Bedeutung „Yürft“ zu allen Slawen; dazu noch fpäter der Name Karls 
des Großen, der den Dftlenten (als Kräl, Kröl) heute die Königswürde ver- 
örpert und in den Perfonennamen Kral und Kroll zu uns zurüdwanderte. 

Wie viel unfere deutfchen Fluren von dieſem fremdländifchen Wafler in 
fh aufgenommen haben, mögen wenigftens einige Zahlen veranfdhaulichen, die 
gleich nachher vergleichsweife einen Maßſtab abgeben können für unfere Ber- 
dienfte um den ſlawiſchen Dften. 

Während fi) der deutſche Wortihat nach der kulturgeſchichtlichen Gefichts- 
punkten Rechnung tragenden Darftelung %. Seiler8 vor der Einführung des 
Chriftentums nur etwa 330 Fremdbroden einverleibt hat, und ungefähr eben 
jo viele nach der grundlegenden Zufammenjtellung Friedrich Kluges, eignet er 
id — wieder nad) Seiler8 Wörterverzeichniſſen — von da bi8 zum Ausgang 
des Mittelalters noch ein gutes Tauſend weitere an, in der neueren Zeit 
außerdem gar noch 4800. Eine Hochflut brachte dabei der dreikigjährige 
Krieg: auf einer Streife in den Schriften des fiebzehnten Jahrhunderts ftieß 


284 Die europäifchen Sprachen und der Krieg 


Frau Klara Hechtenberg⸗ Collitz allein auf rund 8400 folder Überläufer, davon 
die gute Hälfte mit Heimatsrecht auch noch bei uns. Aber auch das deutſche 
Srembmwörterbuch des gerade in Frankreich gefallenen Hans Schulz, defien alleir 
erſchienene erite Hälfte — nur als Auswahl — über 1600 Grundformen 
beipricht, bätte für unfere landläufige Gebildetenſprache gut die gleiche Zahl 
erreicht. 

Das meiſte von dieſem fremdländiſchen Stoff hält fi aber nicht an ber 
Oberfläche des guten Schriftiums und der feinen Gefellichaft, ſondern fidert 
nad und nad hinab bis auf den Urgrund der Mundart, im Süden und 
Weiten freilich wohl mehr als im Innern des Reichs: jedenfalls führt der 
St. Galler Bauer gut 400 ausländiſche Ausprüde im Munde, gegenüber einem 
berüdfictigten Geſamtwortſchatz von höchſtens 4000 Formen immerhin ein 
leidlicher Bruchteil; der Pfälzer dagegen in dem Heidelberger Vororte Hand- 
ſchuhsheim bringt es gar auf faſt 700 Fremdwörter, bei einem Gefamtbeftand 
von 20000 Wörtern für das ganze Dorf und von 10000 bi8 15000 Aus 
drüden für den einzelnen — nach der Schäbung von Philipp Lenz —, glüd- 
licherweiſe doch nur, um mit Klopftoc zu reden, ein Tropfen am Eimer! 

Demgegenüber kann der Einſchlag nicht auflommen, den das Deutſchtum 
bei dem ſprachlichen Gewande des Slawen hinterlafien hat. Denn fo fehr uns 
das über Böhmen oftwärts vorbringende Chriftentum vorarbeitete, ſpäter die 
Geltung des Magdeburger Rechts und der Handel der Hanfa, fteht er bei den 
noch erhaltenen öftlichen Hauptſprachen der Slawen in feinem rechten Verhältnis 
zu ber Bodenfläche, die wir ihnen feit Karl dem Großen im Weften abgenommen 
haben, in feinem rechten Verhältnis auch zu der allgemeinen fremden Beimifchung. 
Er ift — nad dem heutigen Stand wenigftens — fogar geringer als bie 
meift durch unfere Vermittlung hindurchgegangene romaniſche Beeinfluffung. 
In einem polnifch-franzöfiihen Wörter: und Geſprächbüchlein vom Jahr 1798 
kommen auf 3500 bi8 3600 polnifde Ausdrüde im ganzen nur etwa 130 von 
deuiſcher Herkunft, aber 210 Iateinifch - tomanifche (ein deutſches alfo auf 
27 polnifhe Wörter, dagegen ein Iateinifch-romanifches fhon auf 19). Und in 
einem ähnlichen ruffiiden Werfen aus unferer Zeit jtehen unter 2260 Aus- 
drüden 268 romanifdhe, 56 rein deutſche und zwölf romaniſch⸗deutſche (Gips, 
Matrofe), fowie 15 englifche, mithin ein romanifches neben acht bis neun 
ruffiihen, ein deutiches neben 34 und ein englifches neben 151 ruſſiſchen. 

Freilih find die deutſchen Ausprüde den Slawen mehr in Fleiſch und 
Blut übergegangen als die ihm mehr zur Zierat und als Flitter dienenden 
Nömlinge: denn die deutſchen Entlehnungen bezeichnen Begriffe aus dem 
gehobenen Alltagsleben, Handwerle, Gegenftände ber Hausetnrichtung, der Küche, 
bes Handels, der Kleidung, des Kriegs und der Jagd, und find der weiten 
Maſſe des Volkes eigen und vertraut, während das aus unjerem Sübmeften 
übernommene Sprachgut — durchgängig Ausbrüde für verfeinerte Lebens- 
gewohnheiten — nur der Gebildete in den Mund nimmt. 


Die europäifchen Sprachen und der Krieg 285 


— — — 
— — ⸗ 


Doch deuten ſolche Einzelwörter die geiſtige Abhängigkeit zwiſchen ben 
europaͤiſchen Bölfern nur ganz grob an, fo wie die flüchtigſten Reihſtiche eine 
fpätes mit der Mafchine ausgeführte Naht vorzeichnen. Unmerklich fchlingen 
fih neben ihnen von Sprache zu Spradhe noch zahllofe andere, feinere Bänder, 
bei denen die entlehnende Gegend ihre Selbftändigleit äußerlich weniger aufgibt, 
und die gerade deshalb um fo feiter Inüpfen. Sie ſchließen den ganzen Weiten 
unferes Erbdteils, Romanentum und Germanentum, teilmeife auch noch das 
Slawentum, zufammen zu einer Ginheit, deren ganzes Denlen und Sprechen, 
in Wortſchatz und Satzbau, der Geiſt des Lateins beberricht. 

Aber diefe Verknüpfung mag noch fo eng fein, einigen Sptelraum bewahren 
fich die Glieder diefer Einheit Doch noch zum eigenen Atmen und Leben. Das 
Wafler, das über die Grenze der großen Sprachgebiete flutet, verbeert nur 
zeitweilig einzelne Felder, im ganzen dient es eher ihrer gleichmäßigen 
Befruchtung. Reißt die Welle dem Grenzdamm einmal eine größere Lüde, fo 
ſorgt die Zeit meiſt auch gleich wieder für ihre Schließung: man wirb feiner 
Eigenart bewußt und ſtößt das Fremde aus, im großen und Heinen. Der 
Germane fegt bei fih das Romanentum aus, in Deutichland und Holland, in 
Daͤnemark und Schweden; der Ruſſe wehrt ſich gegen das Altbulgarifche, wie 
der Standinavier und Holländer gegen das Deutſche, und wie der Deutiche 
gegen das Englifhe; und jo verdammt in Frankreich Dalberbe auch die aus⸗ 
laͤndernden Beſtrebungen der Plejade. 

Die Führer bei ſolchen Bewegungen treibt in ber Segel das Gefühl für 
die Würde ihres Volles, manchmal aud die Rüdfiht auf den guten Geſchmack. 
Unbewußt arbeiten fie aber auch für die Größe und die Stärkung ihres VBolks- 
tums: denn alles Ausländifhe in der Sprache richtet eine Scheidewand auf 
zwifhen Gebildeten und Ungebildeten und ebnet dem Sieg und der Allein- 
berrfhaft der fremden Sprache und eines fremden Volkes nur zu fehr ben 
Weg, lähmt in einem Staate, wie uns Elſaß⸗Lothringen gezeigt hat, der 
Regierung auch vielleicht den Arm bei ihren Gegenmaßregeln. 

Ein Staat vollends empfindet das Dafein fremder Sprachen noch viel. 
mehr, zumal wenn er es mit einem jenfeitS der Grenzen gar herrſchenden 
Bollsteil zu tun bat. 

Darum ftreben felbitbewußte Reiche, wie Rußland, Ungarn, aud) Deutſch⸗ 
land, in ihrem Innern möglichſt nad ſprachlicher Einheit; Franfreid dagegen 
ſchiebt langſam, aber bewußt und planmäßig durch viele ftille Kanäle feine 
Sprache vor gegen Norden, in Belgien, wie e8 für fie wirbt in Rumänien. 

Freilich kann das Ausland uns in diefen Dingen für die Zulunft über- 
haupt nur ein recht bedingtes Vorbild fein. Denn daß wir unjere germanifchen 
Leitern no enger an uns fchließen, ift wegen der geographiſchen und der 
ſtaatlichen Verhbältniffe, und wie der Stand und der Lauf der Kultur gegen- 
wärtig nun einmal ift, faum möglich, wenn wir dem Norden und dem nächſten 
Weiten ſprachlich auch mehr Teilnahme zumenden fönnten. Um jo mehr müſſen 


286 Die europäifchen Sprachen und der Krieg 


wir im eigenften, im deutſchen Haufe nad) dem Rechten fehen. Für die Aus- 
landsdeutfchen haben wir Gott fei Dank ſchon vielfach ein offenes Herz und 
eine offene Hand, auch wo fie auf einem vielleiht fchon verlorenen Boften 
ftehen. Aber auch unmittelbar an den Grenzen, vor allem im Süden und 
Südweſten, muſſen wir ſprachlich nur auf das Gemeinſame jehen, nicht auf 
das Trennende. Nur wenn wir aud) in der ſcheinbar ungelenfeften Mundart 
des Elſaß den Hauch des deutſchen Geiſtes verjpfren und in den gröbften 
Zauten des Berner Oberlandes nur die „nadläffig rohen Töne der KRatur“ 
berausbören, vermeiden wir, beide dem Franzöfiihen in die Arme zu treiben, 
in denen fie felbft die gutmütigit gedachte Spöttelei eines Neihsdeutfchen immer 
Schub ſuchen läßt. 

Und wenn wir künftig auch von unſerer gerade in letzter Zeit auf Koſten 
der Literaturfenntnts etwas übertriebenen Wertihäbung der mündlichen Be 
herrſchung der heutigen Auslandsipradden wieder ein wenig ablommen, und 
wenn wir ebenfo die Sitte noch weiter einjchränten, unſern Gebildetentöchtern 
wahllos, auch den unfähigften und unmilligften, im romaniſchen oder englifchen 
Ausland die letzte Weihe zu geben für den Lebensweg, fo fann das ihrer 
Bildung und unferm Vaterland nichts ſchaden. Denn das ift im Grunde doch 
nur eine farblofe, verjpätete Blüte aus der Zeit, da Leſſing feinen Laokoon erft 
glaubte franzöſiſch fchreiben zu müſſen, aus der Zeit, da Johannes von Müller 
in der Berliner Alademie der Wiflenfchaften den Geburtstag des großen Friedrich 
noch feierte durch eine Rebe über „La gloire de Frederic“; es ift — ſchilleriſch 
geredet — eine Erinnerung an die „Zage dharalterlofer Minderjährigleit”, die 
wir nun, fo Gott will, für immer hinter ums haben! 








Maßgeblihes und Unmaßgebliches 


Schöne Kiteratur 


Edgar Poe, Werke. Band 1. 
%. €. €. Brund, Minden i. W. 

Mit diefem Bande ift die verdienitreiche, 
ttefflihe Ausgabe der Werte ded großen 
amerilanifhen Dichters zur Vollſtändigkeit 
gediehen. Und damit dürfen wir das ſchöne 
Unternehmen doppelt freudig und dankbar 
begrüßen. Die ſechs Bücher mit dem weiß. 
goldenen Rüden bilden ſchon äußerlich eine 
Bierde jeder Bibliothek. 

Eingeleitet wird dieſer erite Band, der 
mit einem Bilde des Dichters und einem 
Fakſimile geſchmückt ift, durch eine Biographie, 
welhe Sohn H. Ingram verfaßt Bat. Sie 
bemüht fi, die gebäfligen, vererbten Ber. 
daͤchtigungen zu befeitigen, mit denen man 
Boed Leben folange befudelt Bat. Noch 
beute gilt ja die Anfiht und ift weit ber» 
breitet: der Charakter eines Künſtlers ift 
Ionform feinen Werfen. Ganz äußerlich de- 
duziert man: bat einer von Mord und Dieb» 
ſtahl geichrieben, fo muß er felbft irgendwie 
anrädhig gewefen fein. Was weiß die Menge 
bon der Seele ded Schöpfer?, von dem Ge⸗ 
heimnisvollen, Tiefſchmerzlichen, Rotwendigen, 
von dem, was aus unerforſchten Quellen 
keimt? Und fo zieht man plump und ſchaal 
einige jener Schlüſſe, deren der Alltag gerade 
fäbig ift und deren er fo viele in ungeduldiger 
Bereitihaft bat, und geht überlegen lächelnd 
feine Weges. Somit wollen wir Ingram 
Dank wiffen für fein Bemühen, töridhte und 
niedrige Segenden befeitigt zu Haben und 
den größten amerifaniihen Poeten, dieſen 
feeliiden Spürjäger, diefen Rätjeldeuter, von 
falſchen Vorausſetzungen gereinigt gu fehen. 
Ein tieffhürfender Auffag von Moeller van den 
Brud führt in Edgar Poed Schaffen und 
Schriften ein; dann folgt eine Auswahl feiner 
Berje, die zumeift ganz vortrefflich übertragen 
find. Ein. Dramenfragment und einige 


erlag 


feſſelnde Auffäge vervollftändigen den Band, 
der wiederum mit Zeichnungen bon Marcus 
Behmer geihmüdt ift. 

Es wird wohl die Zeit kommen, die in 
Poe nit nur den Erzähler von graufigen 
Novellen, von Kriminalnovellen erblidt, fon- 
dern aud feine brennende Sehnſucht und 
Einfamteit verftehen lernt. Es bat Künftler 
gegeben, die in fchöner Klarheit, in reiner 
Sarmonie geſchaffen haben, die das Licht 
tiefer Tiebten und freudiger begrüßten, — aber 
wir jollen Ehrfurdt haben vor einem, der 
mit den dunflen Gewalten des Lebens ge- 
rungen bat, der unerforjchte Tiefen und Ab⸗ 
grände fand und mutig Binabftieg, um fie 
zu erforfhen; vor einem, der fi befreien 
mußte von geheimnisvollen Mädten, die den 
Sorglofen, Unbedenklihen fremd und ſchrec⸗ 
haft erfcheinen. Aber wen Iodte es nicht, 
Hinunterzufchauen in jene purpurnen Schädhte, 
wo e3 bligt und gleißt wie von bergrabenen 
Schägen? ... Wieviel neue Möglichleiten 
bat diefer Dichter erfchlofien, in welch truntene 
Fernen bat er gewiefen! Er ſah dem Xode 
gelaffen ind Auge und erzwang ſich Yivie- 
iprade mit ihm; er forſchte nad den großen 
Zufammenhängen bed Leben; er blidie 
ahnungsvoll hinauf zum Wandel der Geftirne. 
Und e3 geziemt und, Achtung zu begen vor 
einem folden raftlofen, ehrlichen Kämpfer, 
ihn nicht äußerlich zu begreifen, fondern da, 
wo alle Kunft feimt und wurzelt: im Ewigen! 
Dazu möge dieſe vortreffliche Ausgabe feiner 
Werke ihr Teil beitragen; dann bat fie ihren 
Zweck erreicht! Ernft Ludwig Schellenberg 


Laturgefchichte 


Menſchen und Tiere in Deutſch⸗Südweſt. 
Bon Adolf Fiſcher. Gebeftet M. 4.—, ge 
bunden M. 5.50 (Stuttgart, Deutſche Ver⸗ 
[ag8 -» Anftalt). Ein Buch ohne Bildſchmuck, 
aber in feiner ſchlichten Ausdrucksweiſe an⸗ 


288 


regend und überzeugend. Ein Reiſter in 
der Erkenntnis der vielfältigen Beziehungen 
zwiſchen Menſchen und Wild zu den Eigen- 
tümlicäfeiten des Landes fpricht zu und und 
fefielt unfere Teilnahme. Seine lebenswahren 
Schilderungen zeugen bon ungewöhnlicher 
Beobachtungsgabe. Tiber der ganzen Dar» 
ftellung ſchwebt ein Hauch des Mitleides für 
das traurige Schidfal der alteinheimifchen 
Bevoͤllerung und der jagbbaren Tiere bon 
Deutih-Südweftafrila. Lobensiwert ift dabei 
die Gründlichleit der in dieſem Werle auf⸗ 
geivendeten Arbeit, die forgfältige Benuyung 
und geſchickte Bewertung der in älteren Reife 
werlen enihaltenen Nachrichten und die ſach⸗ 
tundige Schürfung der widtigften Beobach⸗ 
tungsangaben aus den eigenen langjährigen 
Tagebühern. So bringt Fiſchers Bud auch 
der Wiſſenſchaft Rugen und wird bei weiteren 
Forſchungen über Wild und Leute von Deutfch- 
Sũdweſtafrika weſentliche Dienfte leiften. Was 
Fiſcher im Vorwort von ſeinem Freunde Otto 
Eggers jagt, „ſein Rüſtzeug ſei geweſen: 
Fleiß und Können und die große Liebe zum 
Land“, daB gilt gewiß auch für den, ber 
diefe® Buch geichrieben Hat, ein Buch, das 
jedem Leſer viel gibt und auch dem wiflen- 
ſchaftlich arbeitenden Forſcher eine Fülle von Be» 
lehrung darbietet. Prof. Paul Matfchie 


Tagesfragen 


Kriegsbüdlein für Das beutie Haus, 
beraudgegeben bon Rechtsanwalt Dr. Georg 
Baum in Berlin (Berlag von 3. Heß, Stutts 
gart). 

Der Krieg Hat auch die Daheimgebliebenen 
bor eine große Reihe neuer und ſchwieriger 
Aufgaben geitellt. Seitdem die dritte Wirt- 
Ihaftsperiode dieſes Krieges begonnen Hat, 
Die auch dem Haushalt des einzelnen 
Individuums Einfhräntungen, Sparjamteit 
und Überlegung, wie man mit feinen Mitteln 
auskommen foll, auferlegt, treten eben an 
den einzelnen fo viel Schwierigleiten und 


Maßgebliches und Unmaßgeblidyes 


ragen Beran, daß er fi dankbar nad) einem 
Berater umfehen wird. Run geben wohl die 
Tagedzeitungen zu allen diefen altuellen Fragen 


‚ Auslünfte und Ratſchläge. Aber wer fammelt 


diefe und wer ahnt, dab, wenn er heute 
in feiner Zeitung über irgendein Problem eine 
Abbandlung geleſen hal, dieſes etwa vierzehn 
Tage Später für ihn praftifch werden könnte? 

So ift e8 dankbar zu begrüßen, daß ein 
folder Berater auf all den Gebieten, auf 
denen der Krieg neue Probleme aufgeftellt 
bat, in Geftalt diefeg Kriegsbüchleins dem 
deutſchen Volle geboten wird. Bon Wit 
arbeiten, deren Ramen für Sadlunde 
bürgen, und unter denen fi Berfönlichfeiten 
wie Karl Oppenheimer, Oftwald, Heinz 
Potthoff, Adele Schreiber befinden, find 
folgende Gebiete gedrängt auf faft 800 Seiten 
behandelt worden: Hilfstätigleit im Kriege, 
Krieg und Volkswirtſchaft, Wirtichafteführung 
der einzelnen Stände, Krieg und Frauen, 
insdejondere die Hausfrau in Kriegszeiten, 
Krieg und Jugend, ärztliche Natichläge, 
Kriegsausrüftung, Liebesgaben, Fürforge für 
Berwundete, Berfiherungswefen, Kriegsrechtd- 
fragen, Feldpoſt, Bermittlung von Auskunfte⸗ 
wegen und endlih Militärifches. 

Der Herausgeber de Buches jelbft, 
NRehisanwalt Dr. Baum, Berlin, der ala 
einer der beften Kenner des Geiverbe-, 
Kaufmannd- und Verfiherungsrechted einen 
ſchriftſtelleriſchen Namen befigt,” Hat Die 
Kriegsrechtsfragen behandelt, unter denen die 
Probleme ded Schadenerjages für Kriegs⸗ 
Ihäden, der Vertragsverhältniſſe im Kriege, 
des Erbrecht und des Schuldnerihuges her⸗ 
borgeboben jeien. 

Alles in allem werden in dem Büchlein 
in$befondere rauen, denen der gegebene 
nädfte Berater dadurch fehlt, daß er in® 
Feld gerüdt ift, für die verfchiedenen Fragen, 
die durch des Krieges Zwang an fie heran 
treten, brauchbare und zuverläffige Auskunft 
erhalten. Dr. Sontag 


UNen Manuflripten it Borto hinzuzufügen, da audernfalld bei Ablehnung eine Rüdfenbung 
nicht verbürgt werben Tann. 


fümtither Uuffäge 


Nachdrudct nur mit andbrädiider Erlaubuis des Berlags g 
VDereuwortlich: der Geranbgeber Georg "Tleinew in Berlin» Bihterfelde Well. — — — uns 
Briete werben erbeten unter der Abdreſſe: 


Un deu Herausgeber der Grenzboten in Berlin - Bickterfelbe We, 


e 56, 


Gerufpredger des Serausgebers: Amt Lichterfelde 408, des Berlags und ber Schriftleitung: Amt Säge 6510. 


! Bezlag ber Grengboten ©. m. b. 6. in 


W 11, Xempelhofer Ufer 862. 


S 
Deut: „Der Neichsbote“ ©. m. 5.6. in Berlin SW 11, Deſſaner Strahe 88/87. 





Kur Hundertjahrfeier der Deutfchen Burfchenfhaft 


am 12. Juni 1915 
Die gefchichtliche Bedeutung der Urburfchenfchaft 
Don Prof. Dr. Paul Sfymanf 


itten in das heftige Toben des europäilhen Krieges, in dem 
a Deutihland unter Anftrengung aller feiner Kräfte um fein 
[8 W 1 völkiſches Daſeinsrecht und feine politiſche Weltſtellung gemaltig 
R —7 N ringt, fällt die Hundertjahrfeier einer Begebenheit, welche für die 

EEE eichichtliche Entwidlung des deutichen Bolfes im legten Jahr⸗ 
hundert von Bedeutung geweſen ift: das Yubiläum der Gründung der Deutjchen 
Burſchenſchaft. 

Als am 12. Juni 1815 die Jenger Landsmannſchaften unter Führung der 
Bandalia zum Wirtshaus zur Tanne hinauszogen und nad) einer Anſprache 
des Bandalenfeniors als Zeichen ihrer Auflöfung die Fahnen ſenkten, da ahnte 
feiner der jungen Studenten, zu welcher bedeutjamen Rolle die neugegründete 
Verbindung, diefe Vereinigung aller Burjchen, noch berufen ſei, und welchen 
Weg durch Tränen und Blut fie werde gehen müſſen, ehe fie das von ihr 
eritrebte deal erreihhen ſollte. Es war zunächſt faum mehr gefunden als eine 
neue Form des Studentenftaates, eine einheitliche Organijation an Stelle der 
bisherigen Zeriplitterung in Landsmannſchaften; die neue Geijtesrichtung, der 
fie ihre Entftehung verdankte, vermochte nicht zur gleichen Zeit auch ſchon einen 
neuen inhalt zu fchaffen. Das follte erft der Entwidlung der nächſten beiden 
Jahre gelingen, und nicht bloß Jena hatte daran feinen Anteil, jondern in 
hervorragender Weife auch Gießen, wo die Gruppe der „Schwarzen“ die geijtige 
Führung beſaß. Das ftudentifhe Wartburgfeft am 18. Oltober 1817 bildete 
den glänzenden Gipfelpuntt der burſchenſchaftlichen Entwidlung, auf den jedod 
zwei Sabre fpäter die durch die Karlsbader Beichlüffe herbeigeführte Kataſtrophe, 

©rengboten II 1915 19 





SIR 
— 


290 dur Bundertjahrfeier der Deutfhen Burfhenfhaft am 12. Juni (915 


ihre Auflöfung durch die Behörde an allen Univerfitäten, folgen folte. Wenn 
e8 nun auch der Burſchenſchaft gelang, bald nachher als Geheimverbindung zu 
neuem Leben zu erftehen, fo befaß diefe epigonenhafte Neugründung nicht mehr 
die Ideenfülle und die elementare Kraft der Urburſchenſchaft und erhielt bis 
zu ihrer zweiten Sataftrophe nad dem Frankfurter Wachenſturm (1833) die 
allgemeine Bedeutung ihrer Vorgängerin nicht wieder, obwohl fie bei weitem 
mehr als diefe in das politifche Treiben der Zeit verftridt war”). 

Die Zeit nah den Freiheitsfriegen befand fi in krankhafter Erregung; 
das aufftrebende Neue ftand in fchroffem, unüberbrüdbarem Gegenjate zum 
überlebten Alten, und die allgemeine Enttäufhung im deutſchen Volk über die 
Geftaltung feines Schidfals war tief und berechtigt. „Man muß es geftehen,“ 
fagt Heinrih von Sybel, „niemals ift einem großen, mit friſchem Siegeslorbeer 
gefrönten Volle eine fümmerlichere Unverfafjung auferlegt worden als e8 damals 
dem deutfhen durch die Bundesafte geſchah. Die mächtigen Gedanken, welche 
Preußens Wiedergeburt und damit Deutjchlands Befreiung vorbereitet hatten, 
waren bier in ihr Gegenteil verwandelt.“ Ganz befonders tief mußte biefer 
mädtige Zwielpalt im Voll auf feine Jugend wirken, zumal auf die, welche 
ſelbſt auf den Schlachtfeldern Europas mitgelämpft und für die Freiheit des 
deutfhen Landes ihr Blut veriprikt Hatte. In ihr lebten große und fchöne 
Gedanlen. So fagt die Verfafjung der Hallefhen Teutonia, welche eine Vor- 
läuferin der Burſchenſchaft war und dur ihren Kampf mit Immermann 
belannt geworden ift: „Darum möüfjen wir e8 (das heißt das Vaterland) ehren 
und lieben, jebt und immerdar; darım wir Blut und Leben gering achten, 
wenn feine Freiheit gefährdet und feine Ehre angetaftet wird, müflen kommen 
und männlid kämpfen, wenn unfere angeftammten Fürften zu feiner Ber- 
teidigung rufen, denn wer fein Vaterland nicht achtet umd liebt, ift felber der 
Achtung nicht wert, und wer es feige verlaffen kann in der Not, der bat ſich 
felbjt verlafien.” Auch war fi die Jugend bewußt, was man in dem 
„heiligen“ Kriege gegen den korſiſchen Eroberer gewonnen hatte. „Etwa bloß 
ein paar Streifen tote8 Land,” ruft ein damaliger Student Haupt in einer 
Brofhüre aus, „Befreiung von. den Bedrüdungen der Herrſcher und unfere 
verlorenen Städte und Feitungen? — Nein, Brüder, wir haben mehr gemonnen 
als das alles wert if. Wir haben ein Land gewonnen, ein herrliches, großes, 
blühendes Land, ein Vaterland; wir haben den innern Zerftörer und Eroberer 
aller Völker, die Parteifudht, und ihre Mutter, die Seldftjucht, aus dem Lande 
gejagt; wir haben ewige Städte und Feitungen gewonnen in dem Einflange 
der Herzen aller Stämme Deutſchlands; wir haben erkennen lernen, daß wir 
ein Bolt find, daß wir ein Vaterland haben, und daß das Heil desfelben einzig 
in der Einigkeit und Liebe, in dem Verſchmelzen und Unterorbnen jedes Cinzel- 

*) Ausführlichere über die Entwidlung der Burſchenſchaft findet fi unter anderen bei - 


Schulze und Sſymank: Daß deutſche Studententum von den älteften Zeiten bis zur Gegenivart. 
(Leipzig, R. Voigtländer, 1910.) ©. 176ff. 


dur Hundertjahrfeier der Deutfchen Burfchenfhaft am 12. Juni 1915 291 


willens unter dem der Gefamtheit beftehen Tann. In Parteien zerfplittert 
waren wir der Raub jeder Macht, vereint trogen wir einer Welt.“ 

Aus diefer Geiftesrichtung ging die Bewegung ber Urburfchenfchaft hervor, 
aber der eigenartige akademiſche Boden, auf dem fie fich entfaltete, gab ihr 
ſoviel des Befonderen, daß fie tatſächlich eine felbitändige, ihrem inneren Wefen 
nad) fein veräftelte Bewegung daritellt, der bei allem Nebelhaften und Unerfäll- 
baren doch ein gefunder Kern innewohnte. Die neue Drganifationsform, welche 
man für den Studentenftaat gefunden hatte, wollte, wie die Burſchenſchafts⸗ 
verfafjung von 1818 zeigt, „die freie und natürliche Vereinigung der gefamten 
auf den Hochſchulen wiſſenſchaftlich ih bildenden deutfchen Jugend zu einem 
Ganzen fein, gegründet auf das Verhältnis der deutfchen Jugend zur werdenden 
Einheit des deutſchen Volles." Mit jugendlich - Lühner Begeifterung ftellte fo 
die Urburſchenſchaft ihrer Nation in dem ftreng einheitlich geſchloſſenen Burfchen- 
ftaat ein Ideal vor Augen, fie ſchuf für ihre Sehnfucht auf akademiſchem Boden 
eine fefte Form ohne partifulariftifche Überbleibjel. Ihr Verdienſt mar es, daß 
fie nidht bloß von ihren Wünfchen redete, fondern zum erften Male von allen 
Zeilen des deutſchen Volles die befreiende organifatorifche Tat fand. Und zu- 
gleich follte die neue Form des Studentenftaates ein bedeutungspolles Sinnbild 
für den politiihen Staat fein, deffen Einheit die Burfchenfchaft erträumte, „ein 
Bild ihres in Gleichheit und reiheit blühenden Volles“. Gemwiß war die 
Urburſchenſchaft feine politifcde Schöpfung und fie wollte, wenn man von dem 
Heinen SKreife der um Karl Follen gefharten „Unbedingten“ abfleht, eine folche 
auch gar nicht fein, aber in ihrer Wirkung war fie doch politiſch, indem fie ihr 
Erziehungsideal einer großen, über ganz Deutfchland verbreiteten Schicht von 
Bebildeten einprägte; die Gefchlechter, die durch ihre Schule gingen, konnten 
nit Träger des alten, im Deutfchen Bunde verlörperten Syſtems fein, das 
alle Hoffnungen der Vaterlandsfreunde vernichtet hatte. In diefer erzieherifchen 
Beeinfluffung des Volkes, die durch taufend Kanäle oft ungeahnt und unauf- 
fällig in die meitejten Sreife fich verteilte, Tiegt ein guter Teil der entwidlungs- 
geſchichtlichen Bedeutung der Urburſchenſchaft; fie hielt Den Gedanken der deutfchen 
Einheit in treuer Hut, fie mwinterte ihn in ihren Epigonen während der politiſch 
fo dürren Jahre zwifhen 1820 und 1830 dur) und ließ die nationale Sehn- 
ſucht nicht eriterben. | 

Damit war ihre Bedeutung aber keineswegs erſchöpft. Sie griff vielmehr 
dur) das Wartburgfeit geradezu beitimmend in den gejchichtlihen Werdegang 
des deutichen Volkes ein. „ES war etwas tief Eindrudsvolles, daß über all 
die neuverſtachelten Eiferfuchtsgrenzen der deutichen Binnen-Baterländer hinweg 
diefe Jünglinge aus Nord und Süd unter dem Zeichen eines gemeinfamen 
Deutichgedantens fich zu verfammeln mwagten. Wenn damals der badifche und 
der fchleswig-holfteinifehe Student fi) die Hand reichten, fo waren das Völler⸗ 
haften, die bisher faum etwas Genaues voneinander gewußt hatten, war das 
ganz etwas anderes, als wenn heute Heidelberg und Kiel, Freiburg und 

19* 


999 Sur Bundertjahrfeier der Deutſchen Burſchenſchaft am 12. Juni 1915 


Königsberg fih grüßen“ (Heyd). So ward, wie eine Zeitung jener Tage 
rühmend fchreibt, das Felt zu einem „Silberblick deutſcher Geſchichte“ und zu 
einem „Blütendurchbruch unferer Zeit”, und mit Recht gedenlt die Burfchen- 
ſchaftsverfaſſung von 1818 jener „heiligen Tage, die jedem, ber es rebli mit 
dem Baterlande meinte, eine helle Morgenröte des Tages fein müſſen, der da 
fommen jollte”. 

Aber nicht das, was die Burſchenſchaft im NRitterfaale der Wartburg und 
am lodernden Feuer des Wartenberges verlündete, war das entwidlungs- 
gefchichtlich Bedeutungsvollite an der Tagung. Ste bot in diefer Hinficht nicht 
mehr, als die edeliten Geiſteskämpfer in ber Zeit der Freiheitskriege erjonnen 
und gedacht hatten; aber die von edler Leidenſchaft durchglühte Kraft, mit der 
fie jene Gedanken Tundgab, rüdte fie in den Mittelpuntt des allgemeinen 
Intereſſes: dur fie wurde die Idee der nationalen Einheit erft zu einem 
allgemeinen Zufunftsprogramm, dem die breite Öffentlichkeit lauſchte. Und 
diefer Heroldsruf, den fie von der Lutherburg herab erklingen ließ und in dem 
die tiefgefühlte nationale Sehnjuht einen elementaren Ausdrud fand, war 
zugleich eine fchmetternde Fanfare, mit der das emporftrebende jüngere Geſchlecht 
dem alten politifden Syftem entſchiedene Fehde anfagte.e Auch ohne das Ein- 
greifen der Reaktion hätte fomit die Wartburgverfammlung einen Markftein in 
der nationalen Entwidlung bedeutet; durch die Stellungnahme der feindlichen 
Mächte ward ihre Bedeutung aber noch erhöht; und die kommende Zeit bewies 
die Wahrheit der prophetiſchen Worte, welche der Jenaer PBrofefjor Kiefer in 
feiner damals gedrudten Verteidigungsfchrift ausfprad: „Was fie (da8 beikt 
die Wartburgverfammlung) in ihren unabfehbaren Folgen für Deutichlands 
Sugend noch werden mag, ift fie nur durch den Gegenlampf geworden, ben 
fie mit der Schlechtigleit des Lebens Hat führen müſſen. Mit Niefenfchritten 
bat fie Ideen entwidelt, die damals nur als dunkle Ahndungen dem jugend- 
lien Geifte vorſchwebten, und durch die fliegende Geiftesgewalt, mit welcher 
fie id über alle Anfeindungen triumpbierend erhalten bat, bat fie ftatt der 
urfprüngliden Bedeutung einer höchſt unfchuldigen, rein gemütlichen und 
andädtig-frommen Zuſammenkunft jet die Bebeutung eines politiiden Feſtes 
gewonnen, weldes in feinem dunklen Schoße fruchtbare, auf Jahrhunderte 
wirkende Keime enthalten Tann.” Und tatfächlich eröffnete die Tagung auf 
der Wartburg, die man mit Fug und Recht wegen ihres interterritortalen 
Charakters als das „erite deutſche Nationalfeft” bezeichnen Tann, eine lange 
Reihe ähnlicher Feſte — alle beftimmt, den völkifchen Einheitsgedanfen lebendig 
zu erhalten und die unerfüllte nationale Sehnſucht zum Ausdrud zu bringen. 
Als eine Nachwirkung der burſchenſchaftlichen Tätigleit und als Beweis von 
ber Größe ihres Einfluffes auf das gefamte Volt darf man es betraddten, daß 
ihre Farben ſchwarz⸗ rot» gold jene Trilolore bildeten, „die dur ein halbes 
Sabrhundert die Fahne der nationalen Sehnfucht blieb, die foviel Hoffnungen 
und fovtel Tränen, foviel edle Gedanken und ſoviel Sünden über Deutichland 


Sur Aundertjahrfeier der Deutfchen Burfhenfhaft am 12. Juni 1915 293 


bringen follte, bis fie endlich, gleih dem fchwarz-blau-roten Banner ber 
italienifhen Carbonari, im Toſen der Barteilämpfe entwürdigt und gleich 
jenem durch die Farben des nationalen Staates verdrängt wurde” (Treitſchle). 

Über den Wert des burfchenfchaftlicden Wirkens hat man fehr verfchieden 
geurteilt; am jchärfften und unabhängigften geht unter den Geſchichtsſchreibern 
Heinrich von Treitfchle mit ihm ins Gericht. Und tatfählich entſprach bie 
Burſchenſchaft, wie Iehterer überzeugend ausführt, ſowohl in ihrer ftudentifchen 
wie nationalen Betätigung, ganz dem Charakter ihrer Heimat, des thüringifchen 
Landes, wo der aroßzügige, aber auch herbe Staatsgedanfe nie Boden gefaßt 
dat und man daber für die Bedingungen des ftaatlihen Werdens fein rechtes 
Berftändnis beſaß. Die Burſchenſchaft war ein rein theoretifches Erzeugnis, 
welches auf die landsmannſchaftlichen, an fi) durchaus begründeten Unterſchiede 
feinerlet Rüdficht nahm, und fie glaubte, diefelben gewiſſermaßen durch einen 
Federſtrich befeitigen zu können, ftatt fie in organiſcher Weife beim Aufbau des 
Neuen mitzuverwenden. Diefer das geſchichtlich Gewordene mißachtende, dem 
Sefühlsleben entfpringende Zug trug ihr nicht nur den Verdacht des Revolutionären 
ein und ftügte die Meinung des in Metternichs Sinn fchreibenden Wiener 
Bubliziften Gent, daß fie „ein durchaus vermerfliches, auf gefahruolle und 
frevelhafte Zwecke gerichtetes Inſtitut“ fei, fondern er bewirkte au, daß fie 
Beftrebungen unbeadtet ließ, die wie ber fpäter von Preußen gefchaffene 
Deutihe Zollverein in praftifcher Weife zu einer nationalen Einigung führen 
jollten. Wenn man für die Bedeutung der burfchenfchaftlihen Bewegung ein 
Bild gebrauchen will, fo darf man vielleicht jagen: die Burſchenſchaft war der 
breite Bad, in den von allen Seiten Zuflüffe rannen, und der fo allmählich 
zu einem weite Vollskreiſe umfafienden ftarlen Fluffe ward; aber erft als dieſer 
Fluß fi mit der anderen Strömung vereinigte, die von Preußen ausging und 
zunähft nur wirtfchaftlider Natur war, kam der ftolge, unaufbaltiame Strom 
zuftande, der dann mit Naturnotwendigfeit und Sielficherheit zur Gründung 
des deutiden Einheitsſtaates führte. 








Staatenbund von Nordeuropa 
Don Juftizrat Bamberger 


Man vergleiche die Auffäge in den Heften 88, 48, 49 vom Jahre 
1914 und in Heft 2 des Jahres 1916. 


enn es wünfjchenswert ift, für den Fall der Beendigung bes 
8 Krieges eine völlerrechtliche Verbindung anzuſtreben, die Das 
\ or, Y Deutihde Rei mit den ihm benachbarten Fleineren Staaten, — 
— ae Schweden, Norwegen, Dänemarl, Holland und auch Belgien nebft 
LNuxemburg — zu einem Staatenbunde vereinigt, jo liegt es nahe, 
den Blid auf die bereitS beftehenden Stantenbundsbildungen zu richten und zu 
prüfen, ob fie fi zum Beten der Gefamtheit und ihrer Glieder bewährt 
haben oder nicht. Die Verfaſſung der Vereinigten Staaten von Nordamerifa 
vom 17. September 1787, die Schweizeriihe Bundesverfafiung vom 8. April 
1848 und die Verfaffung des Deutichen Reich vom 16. April 1871 bezeichnen 
übereinftimmend als ihr Ziel den Schuß des Bundesgebiet, den Schub des 
darin geltenden Rechts und die Pflege der Wohlfahrt der Bundesangehörigen. 
Das Deutſche Reich ift nach der herrſchenden Lehre nicht als völlerrechtlicher 
Bund im eigentliden Sinne, fondern als ein Bunbdesftaat aufzufaflen, während 
die Vereinigten Staaten eine eigentlihe Staatenbundsvereinigung völlerrechtlicher 
Natur darftellen. Gemeinfam ift allen drei Schöpfungen, daß die Unabhängigkeit 
der Gliedſtaaten grundſätzlich gewährleiſtet wird, joweit fie nicht durch aus⸗ 
drüdlide Beitimmung zum Belten der Bundeszwede beſchränkt if. Man wird 
einräumen müſſen, daß dieſe Stantenvereinigungen bis jet die Erwartungen 
erfüllt haben, die ihre Teilnehmer an fie Mnüpften. Der amerilanifhe Bund, 
ber auf 46 Staaten angewachſen ift, befteht ſeit 128 Jahren, der ſchweizeriſche 
feit 67 Jahren, das Deutiche Neih nunmehr 44 Jahre. Die nächfte, nicht 
ausdrücklich hervorgehobene, aber vielleicht wichtigfte Wirkung der Vereinigungen 
beftand darin, daß Kriege zwiſchen den einzelnen Staaten von felbft in Wegfall 
 Tamen. Die Staatenvereinigungen verringern aljo die Sriegsgefaht. Sie 
dienen unmittelbar und jelbfttätig der Sache des Friedens. Sie bienen ber 
Sache des Friedens nicht nur innerhalb des Bundes, fondern auch nad) außen. 
Solange ein Meiner Staat alleinfteht, jchwebt er vermöge feiner natürlichen 
Schwäche in beftändiger Gefahr. Diefe Gefahr wird für ihn befeltigt ober 
doch ſtark verringert, jobald er Mitglied einer Staatengeſellſchaft wird, die mit 
ihrem größeren Anfehen und mit ihrer größeren Macht für ihn eintritt. Bis 





Staatenbund von Ylordeuropa 295 


zu dem Zeitpunkt gefährbet er überdies mit feiner Widerjtandsunfähigkeit nicht 
etwa nur fich felbft. Vielmehr bildet das Daſein eines einzelnen Kleinftantes 
eine allgemeine Gefahr für den Frieden. Es ift eine traurige Wahrheit, daß 
der Schwache die Begehrlichleit des Starken reizt. Wieviel fehlte im Monat 
Auguft 1866, daß Napoleons Forderung, ihm Belgien zu überlafien, Krieg 
zwifchen zwei großen Reichen entzündete? Und wieviel fehlte im Beginn des 
Jahres 1867, als der König der Niederlande fi beftimmen ließ, dem 
franzöſiſchen Kaiſerreich das Großherzogtum Luremburg zu verlaufen, daß um 
dieſes Zwergſtaates willen ein europäifcher Krieg ausbrah? Was für Unheil 
Belgiens Schwäche über ganz Europa gebracht hat und in erfter Linie über 
diefes unglüdliche Land felbft, das haben wir ſchaudernd miterlebt. Nur eine 
Berlennung jo großer Gefahren, eine Verkennung des Begriffes und der Auf- 
gaben des Staats geitattet das felbftändige Dafein der Kleinftaaten. Wie 
wirtfchaftlich ſchwache Einzelperfonen für fi allein dem Kampf ums Dafein 
nicht gewachſen, fondern genötigt find, fih zufammenfhliefen und, nunmehr 
widerjtandsfähig geworden, in eine weitere Gemeinihaft mit Stärleren zu 
treten, fo find auch politiſch ſchwache Staatsgebilde, wenn fie ihre Unabhängigfeit 
fihern wollen, unweigerli auf eine Bergefelihaftung angewiefen. In der 
Erlenntnis dieſer Wahrheit, mit weitem Blid und Luger Selbſtbeherrſchung 
haben fich die erwähnten europäifchen und nordamerilaniſchen Staaten zufammen- 
geichlofien und haben dies, ſoviel befannt geworden, nie bereut. Es ift hier nicht 
der Drt, alle fegensreihen Wirkungen aufzuführen, die die Staatenvereinigung 
mit fih bringt. Daß jeder einzelne Bürger für die Geltendmachung feiner 
geiftigen und wirtfchaftlichen Kräfte nicht mehr auf den engen Raum eines Heinen 
Landes beſchraͤnkt blieb, daß er als ſtolzes Glied eines mächtigen Staatenvereind 
in einem großen Wirtfehaftsgebiet Fähigkeiten entwideln konnte, die bis dahin brach 
lagen, das fei hier nur angedeutet. So tft denn auch nie belannt geworben, 
daß einer jener nordamerilanifhen Staaten oder irgendein ſchweizeriſcher 
Kanton den Eintritt in das Bundesverhältnis bedauert und angeftrebt bätte, 
die ehemalige Unabhängigkeit, diefes glänzende Elend, wiederzuerlangen. Nie 
ift befannt geworden, daß das Königreich Bayern Neigung verfpürt hätte, feine 
hohe Stellung als Mitglied des Deutſchen Reiches aufzugeben und ſich wieder, 
wie einft, allen Gefahren internationaler Verwidlungen auszufegen. Liegt es 
doch für jeden denkenden Menichen auf der Hand, dab die Unabhängigkeit des 
Kleinftantes nichts ift, als ein leerer Schein, nichts als eine fable convenue, 
und daß die Gefahren diejer Vereinzelung ins Ungemeſſene wachſen mit dem 
Wachstum der Großmächte und mit der immer häufiger zu beobachtenden Ver- 
bindung der Großmächte untereinander. — Inzwiſchen hat der große Gemein- 
Ihaftsgedante felbft in dem Böllerkriege jeine Wirkung geäußert. Er bat 
Bündniffe. auf beiden Seiten der Tämpfenden Parteien hervorgerufen, er bat 
die ſtandinaviſchen Länder zum Schuge ihrer gemeinjamen Intereſſen zufammen- 
geführt und er hat jeht einen neuen großen Sieg bavongetragen. Im Mai 1915 


296 Staatenbund von Nordeuropa 








haben die fübamerifanifhen Staaten Argentinien, Brafilien und Chile einen 
Vertrag zur gütlicden Erledigung von Streitigleiten geichloffen, die etwa zwiſchen 
ihnen ausbrechen könnten. Danach iſt jeder Streitfall, der weder auf diplo⸗ 
matiſchem Wege, noch fchiedsgerichtlich zu erledigen ifl, vor einen ftändigen 
Bundesausfchuß zu bringen. Der Bundesausſchuß hat feinen Sit in Montevideo. 
Er hat auf Anruf auch nur einer der drei Regierungen in Zätigfeit zu treten. 
Damit ift eine neue Sintereffenvereinigung zwiſchen drei Reichen gefchaffen, die 
zufammen ein Gebiet von zwölf Millionen Duabdratlilometern mit vierundzmangzig 
Millionen Einwohnern umfaffen — mehr als die Hälfte von ganz Südamerilka. 
Mährend der europäilhe Boden vom Blute dampft, während die europätiche 
Diplomatie fi außerftande erwies, furchtbares Unheil zu verhüten, zeigen fi) 
in der neuen Welt Kluge und entichloffene Männer bemüht, ihren Ländern und 
damit auch den benachbarten Rändern die Segnungen des Friedens zu fichern. 
Die hohe Bedeutung des Bündniffes, das unter dem Eindrud welterjchätternder 
Ereignifje geichloffen wurde, fpringt in die Augen. Dan kann fehwerlich etwas 
anderes darin erbliden, als den Anſatz und die Grundlage für eine bedeutungsvolle 
Schöpfung, für den Bund der Vereinigten Staaten von Südamerika! 
Sähreitet die Vergeſellſchaftung der Staaten hiernach erfreulichermetie 
unaufhaltfam fort, fo erſcheint es für die alleinftehenden Staaten in nod 
böberem Grade, als bisher, angezeigt, zu unterfuchen, ob e3 in ihrem mohl- 
verftandenen Intereſſe liegt, auf die Vorteile zu verzichten, die eine Staaten- 
organifation mit fi bringt. Unverkennbar find die Schwierigleiten groß, bie 
fih dem Plan eines Staatenbundes von Nordeuropa entgegenftellen. Schwierig. 
feiten ähnlicher Natur waren aber auch bei der Begründung ber übrigen 
Staatenverbindungen zu überwinden, wie bie amerikaniſche, bie ſchweizeriſche 
und die deutſche Geſchichte lehrt. Gleichgültigkeit, Engherzigkeit, Eiferfucht und 
Mangel an weiten Blick haben diefen Beitrebungen, wie anderen, lange Jahre 
hindurch Hindernifje bereitet. Doch haben fi alle Yortfchritte der Menſchheit 
nur allmählich vollgogen. Und es läßt fidh nicht verlennen, daß die Errichtung 
eines auf freier Vereinbarung beruhenden Staatenbundes, ber unter Berld- 
fichtigung des SKolonialbefiges ein gemwaltiges Gebiet umfaßt, die grünblide 
Prüfung feiner Zweckmaßigkeit, feiner Ziele und Bebingungen erforderlich macht. 
Die belgifhe Frage tft bier nicht näher zu erörtern. Nur foviel jet 
bemerft, daß ein Schuk- und Trubbündnts mit Belgien unbebingt durch eine 
ftraffe Militärkonvention gemwährleiftet werden müßte, wenn ber Zweck einer 
klug · ſchonenden Behandlung bes Beftegten mit den Lebensinterefien bes Siegers 
tn Einklang gebradt werden fol. Damit wäre freilich dann auch ber erfte 
Schritt zur Begründung bes Staatenbundes getan. Auf anderer Grundlage 
wäre eine Berftändigung mit ben übrigen, tatſächlich neutralen unb befreundeten 
Staaten anzuftreben. Daß ihre Madhtverhältniffe in bezug auf Lage, Flächen- 
raum, Benöllerungszahl und wirtſchaftliche Entwidlung fehr verfchieden find, 
faͤllt fiherlih ins Gewicht und erfordert eingehende Verückſichtigung. Doc 


Staatenbund von Ylordeuropa 297 


macht biefer Umftand eine Verbindung zum Schutze gemeinfamer Intereſſen 
nit unmöglid. Denn ähnliche Verſchiedenheiten beitanden unter den jeht 
verbündeten deutſchen Staaten auch, ohne daß fie den Abſchluß des Bündnifjes auf 
die Dauer gehindert hätten. Wenn es weiter zu Bedenlen Anlaß geben follte, daß 
ein Teil der Bevölferung in den in Rede ftehenden Ländern zurzeit nicht 
freundlich gegen Deutfchland gefinnt ift, fo ift dies gewiß forgfältig zu beachten. 
Entſcheidendes Gewicht wird indeilen auf die Vollsftimmung kaum zu legen 
fein. Sole Stimmungen wechſeln. Um dies zu erfennen, braucht man nicht 
auf die Zeit des Koriolan oder Yulius Cäſar zurüdzugehen. Es mag genügen, 
an die wechlelvolle Gejchichte der Beziehungen zwiſchen Franfreih und England 
zu erinnern. Für die Mafle Itegt es nahe, Mikgriffe, die einzelne Beamte ſich 
zufhulden kommen laſſen, dem ganzen Lande anzurechnen. Im allgemeinen 
läßt fih fchwerlih behaupten, Deutſchland babe im letzten Menſchenalter jeit 
dem Siege über Franfreih und der Aufricätung des Reiches eine Neigung zu 
Übergriffen gegen fremde Staaten oder zu ihrer Unterbrüdung an den Tag 
gelegt. Ein Berfuh von Triegerifhen Eroberungen auf Koften der Nachbarn, 
wie er fo Häufig in der Geſchichte namentlih von Franfreih und England 
feftzuftellen ift, wird fi nicht nachweiſen laffen. An Gelegenheiten hat es 
befanntlich nicht gefehlt. Sie blieben unbenugt. Die Tatſache des dreiundvierzig- 
jährigen Friedens von 1871 bis 1914 läßt fi nicht aus der Welt ſchaffen. 
Sie Tiefert einen Beweis, der ſich nicht entkräften läßt. Auch dafür find die 
Beweife vorhanden, daß Deutſchland während der ganzen Regierungszeit Kaifer 
Wilhelms des Zweiten eifrig, wenn nicht zu eifrig, beftrebt geweſen tft, durch 
weites Entgegenlommen ein freundliches Einvernehmen mit allen Nachbarländern 
zu erhalten. Wenn Zuverläffigleit und Treue im Leben der Nationen noch 
ttgend Wert haben, — läßt ſich behaupten, Deutichland habe feinen Bundes- 
genoffen, Äſterreich oder Stalien, die Treue gebrochen? Oder e8 habe um 
eigenen Vorteils willen die Türkei ihren Yeinden preisgegeben? Flößt Italien 
den neutralen Staaten größeres Bertrauen ein als Dentihland? Und bat fid 
die deutſche Regierung im Sommer 1914 wirklich geirrt, wenn fie glaubte, 
tings von Feinden umgeben zu fein? Hat fie dennoch geirrt, — war biefer 
Jertum fo umverzeihlih, daß Deutichland jeden Auſpruch auf Vertrauen ver- 
loren bat? 

Wer fih bemüht, gerecht zu richten, wer die reine Wahrheit fucht, wird 
diefe Fragen nicht zu ungunften des Reiches beantworten können. Deswegen 
darf die Hoffnung ausgeſprochen werden, die geiftigen Führer in den neutralen 
Staaten möchten ımbeeinflußt von wechlelnden Bollsftimmungen nad) eigenem 
Ermefien prüfen und entſcheiden, ob e8 zum Ruben oder Schaden ihres Landes 
dienen wird, für den Fall des Friedens dem Staatenbundsgebanten näher zu 
treten. 





Hriegsgetreide- $ürforge 
Don Güterdireftor der Stadt Berlin Schroeder 


8 dürfte wenig ernfthafte Männer in Deutichland geben, welche 
nad den Erfahrungen diefes Krieges dem Gedanken wiberftreben, 
für künftige ähnliche Fälle noch befjer vorzuforgen. Dazu würde 
einmal die Möglichkeit gehören, die genügende Menge an menſch⸗ 
Ss licher Nahrung im Lande zu erzeugen, zum anderen bie, im 
rechten Augenblid auch die Verfügung über fie zu haben. 

Die Möglichkeit, die nötige Menge an Nahrungs- und auch Yuttermitteln 
im Lande zu erzeugen, ift jebt fo oft behandelt worden, daß ich mich mit 
ihrer Crörterung nicht länger aufhalten will. Daß das in Deutſchland vor- 
bandene Obland zur Verforgung ausreicht, ift fachlich Längft nachgewiefen worden. 
Warum waren aber diefe Ländereien bisher ertraglo8? Weil fich die Urbarmachung 
unter den jegigen Preisverhältnifien landwirtſchaftlicher Erzeugniffe und menfchlicher 
Arbeit nicht lohnte. Wird das nunmehr mit einem Schlage anders werben? 
Ich fürdte nein! Wer fol alfo die Zubußen leiften? Der Staat? Der 
Odlandbefitzer? Die nährbebürftigen Städte? 

Es wird nicht unterlaffen werden können, durch eine befiere Belehrung 
der Bevölkerung an Drt und Gtelle alle die bisher ertraglofen Ländereien, 
welche die Kultur lohnen, aber nicht als geeignet erlannt worden find, zu 
Nutzländereien bherzurichten, zum Beiſpiel an ſich fruchtbare aber erjoffene 
Zöndereien, Waldungen, die auf fruchtbarem, nur zwedimäßig zum Aderbau 
berzurichtendem Grunde ftoden, fandige, ſcheinbar unfruchtbare Flächen, bei 
benen es gilt, den jebt zu tief unter der Oberfläche ſtehenden, an ſich fruchtbaren 
Boden durch Ziefkultur heraufzuholen und andere mehr. 

Daß es ſolche Ländereien in Fülle gibt, wiffen wir von denjenigen Landes⸗ 
teilen, welche ſchon geologiſch⸗agronomiſch Tartiert find, von noch größeren 
Flächen, die nicht Lartiert find, können wir ähnliches vermuten. Die geologiidh- 
agronomifhen Unterfuhungen und Karten müſſen alfo zunächſt einmal fertig- 
geftellt werden. 

Ganz ohne Zwang wird e8 bei der Urbarmachung von Ädland dem Privat- 
befiger gegenüber wohl nicht mehr abgehen. Bei Ländereien, die nur ber 
fachlich richtigen Behandlung bedürfen, um einen Reinertrag abzumwerfen, ift 
dies wohl kaum jemand zumider. Die von Grund auf nicht ertragsfähigen 





Kriegsgetreide » Sürforge 299 


Ländereien aber ertragsfähig zu machen, wirb den öffentlichen Körperfchaften, 
die es angeht, zugemutet werden müflen, und es wird nicht zu umgehen fein 
für jeden Bezirk einen Plan aufzuftellen, nach welchem im Laufe des nächſten 
Menſchenalters zu verfahren iſt. Als Mitwirkende bei der Herrihtung von 
Ddland zu der, Wiefe oder Weide werben aud) die Städte das ihrige zu 
leiften haben. Sie werden in der glüdlihden Lage fein, die ihnen entftehenden 
Koſten fih von jedem erftatten zu laſſen, der bei ihnen zuzieht. Ob fie dabei 
den WBohlhabenden mehr, den Unbemittelten weniger beranziehen, iſt Sache 
bejonderer Erwägung. 

In Groß-Berlin werden für den Kopf der Bevölferung jährli etwa 
66 Kilogramm Gemüfe ohne Kartoffeln verbraudt. Das find rund 40 Duadrat- 
meter NRiefelfeldgemüfeandbau. Da der Gemüjebau auf NRiefelfeld mindeftens 
die Betriebstoften aufbringt, find an Ankaufs⸗ und Herftellungstoften für Rieſel⸗ 
land 20 bis 30 Marl von jedem Zuziehenden einmal zu bezahlen, um ſich 
„jein“ Gemüfe zu „erfigen“. Ldland ift nun zwar nicht gerade gutes Niejel- 
land, aber e8 wird e8 doch im Laufe der Jahre in den meilten Fällen. Die 
anderen Abmwäfler- „Befeitigungs“ (fo heißt es ja leider allgemein noch, es muß 
aber in Zukunft heißen „Ausnugungs“-) Syfteme hätten fünftig den Gefichts- 
punkt der Stadtverforgung genau fo behördlich in Auftrag zu belommen wie 
fie heute die Probe der gefundheitlich einwandfreien „Befeitigung“ zu beitehen haben. 

An Hausmüll, Straßenkehricht und dergleichen fallen auf Kopf und Jahr 
der Bevölkerung mindeftens ein halber Kubikmeter. Es fteht feft, daß elendefter 
trodener Sandboden, wie er zum Beiſpiel um märlifde Städte zu QTaufenden 
von Heltaren ertraglos Liegt, mittel @inverleibung von !/, bis 1 Kubikmeter 
derartiger Abfallftoffe auf den Quadratmeter anbaufähig wird, und zwar nicht 
nur für die verhältnismäßig anfprucdhslofe Kartoffel, fondern auch für die meiften 
viel anfpruchsvolleren Früchte. Davon Tann ſich jeder, der es will, bei Berlin 
auf einem Nachmittagsausflug überzeugen. Yür Berlin ergibt das 160 bis 200 
Hektar (600 bis 800 Morgen) derart jährlich zu gewinnendes Kulturland. Im 
Bergleih zu den SKoften, die jetzt entftehen, um die Abfälle zu ſcheußlichen 
Bergen aufzuhäufen, find die Ausgaben (mit 0,80 bis 1,— Marl je Kubil- 
meter), bei richtiger Heranziehung der jett ſchon zur Verfügung ftehenden und 
künftig unfchwer zu fchaffenden Verkehrsmöglichkeiten (Nachtſtraßenbahn, Feldbahn 
und deren BZufammenarbeiten mit der Waflerbeförberung), für die direkte Be- 
förderung auf die paflenden Ländereien, die ja im Privatbefit verbleiben können, 
nit weſentlich höher. Der Kartoffelverbraud in Berlin beträgt — an dem 
Überſchuß der Jahreszufuhr gegen die Ausfuhr gemefien — etwa 100 Kilo 
gramm auf den Kopf. Bet mäßiger Ernte (150 Doppelzentner je Heltar) 
gehören 66 Quadratmeter dazu, die an Kulturkoſten (1,50 Mark — 1 Quadrat⸗ 
meter je Kubilmeter) ein „Einbürgerungsgeld“ von rund 100 Marl beanſpruchen 
würden. In Berlin würden bei 160 bis 200 Hektar alljährlid 24000 bis 
80000 Menſchen neu zuziehen können, deren Startoffelbedarf auf diefe Weiſe 


—) ) 


300 Kriegsgetreide⸗Fürſorge 


mit Neuland gedeckt wäre. Die jetzt lagernden Rieſenberge geſtatten für längere 
Zeit einen gehörigen Aufſchlag auf dieſe Zahl zu machen; die Abfuhr könnte 
bei derſelben Körperſchaft verbleiben, der ſie jetzt obliegt. 

Daß die jetzt ſo leicht eingeführte Art der ſofortigen Verfütterung der 
Speiſereſte der Haushaltungen der Städte in den Frieden hinübergenommen 
wird, iſt wohl ſo ſelbſtverſtändlich, daß kein Wort darüber zu verlieren ſein 
dürfte. Freilich erfüttert ſich der Städter damit nur eine Fleiſchgabe von 
einem Pfund Schweinefleiſch für die Woche, aber ſie iſt doch reiner Gewim. 

Die Hauptſache wird immer die Brotverſorgung ſein. 

Man ſpricht vom Getreidemonopol. Der Gedanke einer derartigen not⸗ 
gedrungen bureaukratiſchen Einrichtung erſcheint wenig angenehm, wohl aber dürfte 
es ohne eine ähnliche, natürlich friedensmäßige Einrichtung, wie die jetzige Kriegs⸗ 
getreidegeſellſchaft es iſt, künftig nicht abgehen. Wenn die Spirituszentrale 
in gemeinſamer Arbeit mit allen alkoholverarbeitenden Induſtrien in der Land⸗ 
wirtſchaft ihre Lebensfähigkeit erwieſen hat, warum ſollte eine ähnliche Ver⸗ 
bindung von Roherzeugern (Getreidebauern) und Verarbeitern auf das Brot⸗ 
getreide bezogen, nicht lebensfähig ſein? Freilich beſteht ein grundlegender 
Unterſchied darin, daß die Alkoholerzeugung und Verarbeitung meiſt in 
Betrieben geſchieht, die man nicht mehr, ſelbſt in ihren kleinften Anlagen, als 
Kleinbetrieb bezeichnen kann, die vielmehr an dem Getreidebau gemeſſen über⸗ 
wiegend Großbetriebe find. Es muß alſo verſucht werden, durch techniſche Ein⸗ 
richtungen den landwirtſchaftlichen Mittel⸗ und Kleinbetrieb heranzuziehen. Grund⸗ 
fägliche Bedenken kann ich aber nicht finden. Im Getreidebau iſt ber Großbetrieb 
dem Kleinbetriebe überlegen und dieſer ſieht fi mehr und mehr gezwungen, 
fi die Einrichtungen des Großbetriebes (Getreidebindemafhinen, Kraftdreſch⸗ 
maſchinen uſw.) zu Nuten zu machen, wenn anders er auch lebensfähig fein 
will. Denn bei diefer Erzeugung kommt e8 mehr wie bei jeder anderen in 
der Landwirtſchaft auf Herabdrückung der Geftehungstoften an. Das ift aber 
bem Großbetriebe im legten Jahrzehnt entfchieden erreichbar geweſen. Ich will 
als Beifpiel nur zwei Einrichtungen anführen. Die Rieſendreſchmaſchine liefert 
heute in zehn Arheitsftunden je nad) Art des Getreides dreihundert bis fünfhundert 
Doppelzentner Getreidekorn, die ehemalige Dampfdreſchmaſchine hundert bis 
hundertundfünfzig Doppelgentner, und zwar mit zwölf Arbeitern gegen vierund⸗ 
zwanzig.‘ Die Tonne koſtet an Arbeitslohn 5 Marl gegen 10 Mark und bie 
Maſchine bringt ihre Zinfen ſchon bei einer nicht bedeutend höheren Gebrauchs⸗ 
zeit auf. Dazu gibt fie die Möglichkeit, die Ernte wicht unmefentlich früher zu 
beginnen, fie durch Erdruſch vom Felde fort zu fihern und an den die Land- 
wirtſchaft fo ungünftig belaftenden Gebäuden erheblich zu fparen, da das ge- 
preßte Stroh nur den vierten Teil Raum einnimmt, wie Getreibegarben. — 
Der neuzeitliche Getreidefpeicher aber nimmt ungefadtes Getreide, wie e8 dieſe 
Maſchine ohne Hilfe der menſchlichen Hand loſe in den Wagen laufen läßt, in 
faſt jedem Feuchtigkeitsgrade auf und feht damit die Erntearbeit unter Dad 


Kriegsgetreide » £ürforge 301 


und Fach fort, das heißt fichert die bekauntlich an ſich nicht lagerfeſte deutſche 
Getreibeernte volllommen. Die Erfahrung aber, zum Beifpiel der Stadt Berlin 
auf ihren Gütern, erweiſt die volle Verzinsbarkeit der Speicheranlageloften bei 
zweimaligem Umſchlage allein aus der Erſparnis an Handarbeit bei der Ber 
arbeitung des erdroſchenen Korns an einer Stelle, ftatt fonft an fünfundzwanzig. 
Die Erfparniffe betrugen im Laufe von fünf beziehungsweife fieben Jahren noch⸗ 
mals über 5 Mark die Tonne. Die Erntefiherung und die höhere Verwertungs⸗ 
möglichleit aber allein und ohne diefe 10 Mark für die Tonne laſſen folche 
Anlagen als eine der beften Sapitalsanlagen in der Landwirtſchaft ericheinen. 

Bas liegt alſo für ein Grund vor, nit auch bei uns ein Verfahren 
durhguführen, welches Amerika aus anderen Berhältniffen heraus geboren hat, 
und welches Rußland jeit zehn Jahren auszudehnen fi) mit Erfolg bemüht, 
wie die Borg- und Getretdegefhäfte mit England bemeifen? Wir würben 
dann freilid dazu kommen müflen, in ähnlicher Weife wie wir Gefamtarmen- 
verbände und amdere mehr im Lande baben, auch Gefamternteverbände zu 
Ihaffen. Zu beteiligen find außer Staat, Gemeinde und Gut die getreidever⸗ 
arbeitenden Induſtrien. Auf jedem Gute und in jeder Gemeinde wirb fich 
dann eine ſolche Rieſendreſchanlage befinden, die zu feſtem Lohnſatze möglichſt 
in da Ernte vom Felde fort den Exrnteteil erdrifcht, den jeder Getreidebauer 
dem Ernteverbande abzuliefern bat. Für jede zmweitaufend Heltar Getreibe- 
anbauland — aljo in wirtſchaftlicher Entfernung liegend (drei Aderwagen oder 
Feldbahn mit je dreißig bis vierzig Doppelzentner Iofem Getreide find dem 
gerade Dreſchenden nur nötig, die drei Stunden Lieferzeit bedeuten) — ift ein 
derartiger, einen Teil der Ernteeinrihtung bildender Speicher zu . errichten. 
Diefer hat das Getreide in jedem, leicht und ſchnell genau feftzuftellendem 
Feuchtigkeitsgrade abzunehmen und mit dem für dieſe Type (Heftolitergewicht u. a.) 
geltenden Preife zu bezahlen. Die vielfach örtlich” mögliche Verbindung mit 
der verarbeitenden Induſtrie — welche übrigens als Speichernebenbetrieb troß 
der Kleinheit des Betriebes ebenfo billig arbeitet, wie der fpezialifierte Mühlen⸗ 
tiefenbetrieb — filhert die angemefjene Verwertung des Getreides und der Staat 
wird ſich ſodiel Einfluß darauf fihern fönnen und müſſen, um feine Zwecke 
damit zu erreihen und obne daß der Verzehrer — der wie oben angeführt ja 
au einen mit den Jahrzehnten fteigenden Anteil an dem Ädlandsanbau hat 
— mit ungebührlichen Brotpreifen belaftet werden muß. 





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Die Zukunft der Sugendpflege 
Don Dr. W. Woarftat 


l. Die körperliche Kräftigung der Jugend und die Erziehung 
zur Wehrtüchtigkeit. 


nter allen Fragen der Jugendpflege nimmt die Frage der körper⸗ 
lien Kräftigung unferer Jugend, die Erziehung unferer Jugend 
zur Wehrtüchtigkeit deshalb den erften und wichtigſten Platz ein, 

ZA weil uns diefer Krieg mit brutaler Gewalt die Augen darüber 
E A geöõffnet hat, daß von ber Erhaltung und Steigerung der Wehr- 
fähigteit in dem heranwachſenden Geſchlecht unfere nationale Zukunft abhängt. 
Was Männer wie der Generalfeldmarfhall von der Golg feit Jahren immer 
und immer wieder betont haben, ohne daß ihre Stimme wirkli allgemeines 
Gehör in unferem Volle gefunden hätte, das ift jetzt jedem einzelnen Deutfchen 
Auge in Auge mit den Zatfadhen zur Gewißheit geworden: ohne eine rüftige 
und wehrhafte Jugend ift es um Deutſchlands Zukunft geichehen, möge der 
jetige Weltkrieg ausgehen, wie er wolle. 

Nun bat man allerdings auch ſchon vor dem Striege von den verſchiedenſten 
Geiten und in der verſchiedenſten Weife eine Lörperlide „Ertüchtigung“ unjerer 
Jugend zu erreichen verfuht. In erjter Reihe find bier DOrganifationen mit 
mehr oder weniger militärijdem Anſtrich zu nennen, wie die Jugendwehr⸗ 
fompagnien, der bayerifhe Wehrkraftverein und der Pfadfinderbund. Diefe 
und eine große Anzahl der glei) noch zu nennenden Vereine find auf Anregung 
des Generalfeldmarſchalls von der Goltz feit 1911 zum „Jungdeutſchlandbund“ 
zufammengetreten. 

Eine Törperliche Kräftigung der jugend im allgemeineren Sinne, nicht 
unter dem befonderen militäriihen Geſichtspunkte eritreben die Turn⸗ und 
fonjtigen Sportvereine; vor allem hat in den letzten Jahren der Wandervogel 
und die gefamte Wanderbewegung einen ſehr großen Einfluß auf die deutiche 
Jugend gewonnen. Es gibt beute feine einzige “ugendpflegevereinigung, bie 
nieht den erzieherifhen Wert der Leibesübungen, des Sports, des Wanderns 
vor allem, erfannt bat und ausnugt. So wirlen an der körperlichen Kräftigung 
unferer Jugend ebenfogut die kirchlichen Jugendpflegevereine mie die fozial- 





Die Zukunft der Jugendpflege 303 


demofratifde Yugendorganifation mit. ine befondere Erwähnung verdient 
der „SZentralausfhuß zur Förderung der Bolls- und ugendipiele”, der 
1912 fein zmwanzigjähriges Beftehen feierte und unter anderen das „Jahr⸗ 
buch für Bolle- und Jugendſpiele“ und das „Deutſche Wanderjahrbudj“ 
berausgibt. 

Die Beltrebungen der Yugendpflege, unfere Jugend körperlich zu Träftigen, 
haben feit mehreren Jahren auch Fräftige Unterftübung durch die Negierungen 
der deutfchen Bundesitaaten gefunden. In dem großen $ugendpflegeerlaß des 
preußiſchen Kultusmintiteriums vom 18. Januar 1911, duch den Die 
Drganifation der Yugendpflege angebahnt wurde, und in den beigefügten 
„Srundfägen und Ratſchlägen für die Jugendpflege* wird auf die Bedeutung 
der Leibesübungen für die Jugendpflege nachdrücklich hingewiefen und Schulung 
der Sinne, Schulung und Bildung des Willens und des Charakter als End- 
ziel auch für diefen Teil der AYugendpflegearbeit aufgeitelt. Auf diefe Ver⸗ 
fügung Hin ift dann vielerortS die Gründung von Drt3-, Kreis- und Bezirks» 
ausfhüffen für Yugendpflege erfolgt, die, durch ftaatliche Mittel unterftüßt, auf 
den Gebiete der Lörperlihen Jugendpflege die eifrigfte Tätigkeit entfaltet haben. 
In Preußen genießen aud) die dem „Jungdeutfchlandbund“ angegliederten Vereine, 
da fie fi den Jugendpflegeausſchüſſen angefchloffen haben, die ftaatlichen Ver⸗ 
günftigungen, die dieſen zugeftanden find, zum Beifpiel Fahrpreisermäßigungen, 
Haftpflicht und Unfallverfiherung ufw. Im preußifchen Etat find über andert- 
halb Millionen Mark für Zmwede der Jugendpflege ausgeworfen, der Kaiſer 
felbft Hat Geldmittel zur Verfügung geftellt und die Feitung Silberberg den 
jugendvereinigungen als „Jugendheim“ zur PVerfügung geſtellt. Andere 
Yundesftaaten, wie Sachſen, Hefien, Württemberg, Hamburg und andere find 
in ähnlicher Weife vorgegangen. 

Bor dem Striege ließ nun der Staat allen ugendpflegevereinigungen 
möglichite Freiheit, um in der einem jeden eigentümlichen Weife auf die Jugend 
zu wirken. Er verlangte keineswegs, daß die Fugendpflegearbeit unter irgend- 
einem tendenziöfen GefichtSpunft geleitet wurde. Amar wurde in den oben 
erwähnten „Srundfägen und Ratſchlägen“ darauf hingewieſen, daß mie alles 
Heldentum, das nationale Heldentum insbefondere der Sinnesart der Jugend 
entipredde, daß daher die Kriegsgeihichte, daß Regimentsgeſchichten geeignete 
Vortragsitoffe für die Yugendpflege abgeben. Daneben wird aber empfohlen, 
das felbfttätige Intereſſe, die felbitändige Mitarbeit der Jugend an den Jugend⸗ 
pflegeorganifationen zu weden und auszunugen. Am wenigften wird bei der 
törperlicden Jugendpflege eine unbedingte militärifhe oder nationale Tendenz 
gefordert, wenn man auch eine antimilitärifhe und antinationale Tendenz, wie 
fie vor dem Kriege in einzelnen Gruppen der Yugendpflege berrfchte, als auch 
gegen die Zwecke der ftaatlichen Yugendpflege gerichtet abmweifen mußte. Ander- 
feit8 hat man vor dem Kriege jenen Yugendpflegevereinen, die ihren Übungen 
einen ausgefprochen militärifchen Charakter gaben, die aljo Erziehung zur Wehr- 


304 Die Zukunft der Jugendpflege 


tüchtigleit im engeren Sinne treiben wollten, von vielen Seiten baraus einen 
offenen Vorwurf gemacht. 

Nah Ausbruch des Krieges hat fich in diefer Beziehung auf allen Seiten 
ein Umſchwung vollgogen. Die preußiichen Minifterien des Krieges und des 
Kultus taten einen energifcden Schritt weiter zur Militarifierung der körper⸗ 
lien Jugendpflege. Sie organifierten durch eine Verfügung vom 4. September 
1914 eine umfafjende Werbetätigleit, um die Jugend vom vollendeten ſechzehnten 
Lebensjahr an zum Eintritt in die allerortS ausgebauten oder neu gegründeten 
Jugendwehrkompagnien zu veranlafien. Dort follte die Jugend zunächſt „während 
der Dauer des Krieges“ für den militärtiden Hilfs- und Arbeitspienft wie für 
den ihnen bevorjtehenden Dienft im Heer und in der Marine vorbereitet werben, 
„loweit es ohne Ausbildung mit der Waffe möglich iſt“. 

Diefes Vorgehen der Regierung iſt überall gebilligt worden, fogar im 
Lager der Sozialdemokratie. So erfennt beifpielsweife Hermann Mattutat in 
einem Auffage der Sozialiſtiſchen Monatshefte*) diefen Ausbau der Yugend- 
webr als eine nationale Notwendigkeit an, begrüßt fogar in ihm die Aner- 
fennung einer alten Programmforderung der fozialiftifhen Partei, nämlich der 
Erziehung zur allgemeinen Wehrhaftigleit. Er verlangt, daß die Jugendwehr 
politifh neutral geftaltet würde und tritt für die Beteiligung ber ſozial⸗ 
demofratifden Jugendorganifationen an der Jugendwehr ein, um diefen Zwed 
zu erreichen. Dabei erfennt er an, daß die Regierung ein rebliches Bemühen 
zeige, diefe politiihe Neutralität in der Jugendwehr zu erhalten, indem fie die 
ſozialdemokratiſchen Organe zur Beteiligung aufgefordert und bei der Aufftellung 
der Grundzüge ihnen Entgegentommen gezeigt habe. in bejonderes Lob wegen 
bes Fehlens „jedes nationalen überſchwangs“ in dieſen Grundzügen erhält 
von ihm die württembergifche Jugendwehr. 

Man kann aljo, ohne zuviel zu fagen, behaupten, daß heute innerhalb 
des deutſchen Volles Einmütigleit darüber herrſcht, daß die körperliche Er⸗ 
ziehung der deutfchen Jugend unbedingt eine Erziehung zur Wehrtüchtigleit 
fein oder werden müfle.. Daher muß man erwarten und verlangen, daß bie 
Erziehung zur Wehrtüchtigkeit, wie fie jebt zunächſt während der Kriegäzeit in 
den Jugendwehren angeftrebt wird, auch nad) dem Kriege fortgefegt werde. 
Allerdingg wird man dann nit umhin können, diefe ganze Erziehung. 
organifatorifh und zum Zeil vielleicht auch inhaltlich auf neue Grundlagen zu. 
ftelen. Denn ihre augenblidliche Organifation, gelennzeichnet als Ausbau der 
ſchon vorhandenen Jugendwehren und anknüpfend an ſchon Beitehendes, war: 
zwar für den Augenblid das Gegebene, trägt aber doch nur den Charalter 
eines Provtforiums. Sie erfüllt ſchon jet kaum mehr ihren Zwed. Überall. 
wird über das Abftrömen und Fortbleiben der Jugend aus den Jugend⸗ 
fompagnien geklagt. 


*) Augendwehr und Arbeiterbewegung. Sogialiftiihde Monatshefte 1914, Nr. 20,. 
Geite 1240f. 


Die Zukunft der Jugendpflege 305 


Das ift überhaupt der fchlimmfte Fehler der augenblicklichen Organiſation, 
daß fie auf dem Grundſatz der freiwilligen Beteiligung der Jugend aufgebaut 
ift und daher niemals die gefamte Jugend erfaßt und erfafien kann. In weiten 
Kreifen der Jugend befteht noch immer troß der eifrigen Werbetätigleit, die 
nad dem Jugendpflegeerlaß von 1911 einfeste, Gleichgältigkeit, in andern 
Kreifen, namentlich in denen der felbitändigen Jugendbewegung (Wandervogel 
und verwandte Bereine) Miktrauen gegen dieſe von Erwachſenen geleitete 
Jugendpflege. Ja, felbft nach dem Erlak vom September 1914 ift die Be- 
geifterung für die Jugendwehr ſehr fchnell wieder abgeflaut. 

Die Gründe dafür find zum Teil allgemein-pfychologifcher Art. Sie liegen 
im Wefen der menſchlichen Natur im allgemeinen und dem der jugend im 
befonderen.. Es nübt daher nichts, über ſolche Erfcheinungen zu Hagen ober 
zu ſchelten; man muß fie vielmehr zu verhindern fuchen. 

Eine allgemeine und dauernde Erfaffung unferer Jugend dur eine Er- 
ziehung zur MWehrtüchtigleit ift nur dann möglid, wenn die Beteiligung an 
ihren Einrichtungen allgemein verbindlich if. Und nur der Staat allein ift 
imftande diefe Allgemeinverbindlichleit für die Veranftaltungen der Törperlichen 
Jugendpflege auszuſprechen. Daher muß die Förperliche Yugendpflege, inſoweit 
fe eine Erziehung zur Wehrtüchtigkeit fein fol, verftaatlicht werben. 

Man bat bisher einer Beritaatlihung der Yugendpflege oder auch nur 
irgendeines ihrer Zweige gerade in den Kreifen ‚der freien Jugendpflege faft 
allgemein durchaus ablehnend gegenübergeftanden. Man fürditete den Bureau- 
katismus und Schematismus, der mit einer Verſtaatlichung notwendigerweife 
verbunden fein müßte, und betonte, daß gerade in ber Jugendpflege Indivi⸗ 
bualiftierung in den Mitteln, je nach der fozialen Stellung, der Bildung, felbft 
nad) dem Charakter des Volksſchlages vonnöten ift, dem die Kreife angehören, 
die für die Jugendpflege gewonnen werden follen. Man betrachtete mit Recht 
bie Bielgeftaltigfeit der Jugendpflegeeinrichtungen, die begeifterte Freiwilligkeit 
und Hingabe an ihre Aufgabe, die bei den Yugendpflegern, die freiwillige Mit⸗ 
arbeit und Gelbitbetätigung der ſich beteiligenden Jugend als hohe Vorzüge, 
bie ber bisherigen Art der Jugendpflege anbafteten. Der preußifche Jugend⸗ 
pflegeerlaß vom Jahre 1911 wußte diefe Vorzüge richtig einzuſchätzen, da er 
die Wichtigkeit ber opferwilligen Zätigfeit der leitenden Perfonen und ber 
Selbitbetätigung der Jugend am Ausbau und der Leitung ber Einrichtungen 
für den Erfolg der Jugendpflege betont. Er wollte baber die Jugendpflege 
auch gar nicht verftaatlichen, jondern vielmehr, wie Dr. Friedrich Reimers im 
Handbud für Fugendpflege*) fih ausdrückt, als Träger der Yugendpflege bie 
Ration — mit den beften geeignetiten Perfönlichleiten in völlig freiwilliger 
Betätigung — binftellen, der Staat felber aber follte der „treue, von tiefem 


”) Seraudgegeben bon der Deutihen Zentralftelle für Jugendpflege. Langenfalza, 
Herm. Beyer u. Söhne. 1918. 
GSrenzboten II 1915 20 


806 Die Sufunft der Ingendpflege 


Berftändnts erfüllte, nimmer ermübende Helfer und Förderer der Jugendpflege 
fein, der durch Hergabe feiner Einrichtungen und Beleitigung vorhandener 
lähmender Geldnot den zu felbftlofer Betätigung drängenden fittlichen Kräften 
freie Bahn ſchafft“. 

Aber jelbft wenn wir jebt, gedrängt von den Erfahrungen und Forderungen 
unferer Zeit, die Berftaatlidung eines Teiles ber Jugendpflege fordern, fo 
braudden jene Befürchtungen deshalb nicht aufzuleben. Denn wohlgemerkt, 
nur ein Teil der Jugendpflege, ja felbft nur ein Teil der Törperliden Jugend⸗ 
‚pflege fol vom Staate auf feite Grundlagen und Bahnen geftellt werden, 
nämli die Erziehung zur Wehrtüchtigkeit. Nur die körperliche Jugendpflege, 
foweit fie Erziehung zur Wehrtüchtigkeit leiften ſoll, foll aus dem Gefamt- 
arbeitsgebiet der Jugendpflege herausgehoben und vom Staate auf neue und 
zwar allgemeingültige und für die Jugend und bie Jugendleiter allgemein- 
verbindlide Grundlagen geftellt werden. Alle die vielgeftaltigen Jugendpflege⸗ 
veranftaltungen jollen im übrigen ihre volle mdividuelle Yreibeit behalten; die 
in ihnen wirlenden ſittlich⸗erzieheriſchen Kräfte, vor allem die Freiwilligkeit der 
Arbeit und die Selbittätigleit werden auch in Zukunft ungeſchmälert ihre Wirkung 
entfalten Tönnen. 

Aber bei der Erziehung zur Wehrtüchtigkeit handelt es fi) eben nicht 
allein um eine allgemein-erzieberifde Einwirklung auf die Jugend, wie bei der 
Zugendpflege im allgemeinen. Dieſe allgemein-erzieheriide Einwirkung Iäßt ſich, 
wie die Geſchichte unferer Yugendpflege beweift, von den verfehiedenften Grund» 
logen aus und auf dem verfhiedeniten Wegen erreihen. Hier handelt 
es fih aber vielmehr um die Löfung einer ganz beitimmten, praktifchen 
Aufgabe, die das Boll und den Staat als Ganzes aufs ftärkite praktiic 
intereffiert: die MWehrtüchtigleit des kommenden Geſchlechts. Bei der Wichtig. 
Teit des zu erreihenden Erfolges ift es dringend wünfchenswert, daß biefem 
Ziele nicht von den verſchiedenſten Seiten zugeftrebt wird, fondern es tft 
nötig, daß das Ziel und die Wege, die zu ihm führen, einhettlih und Mar 
beftimmt und gezeigt werden und daß dieſes Ziel und diefe Wege allgemein- 
verbindlich für die ganze deutſche Jugend bingejtellt werben. 

Man kommt aljo um die ftaatlide und allgemeinverbindliche Organiſation 
der Erziehung zur Wehrtüchtigleit,” troß jener gefchilderten Bedenken unb 
Befürchtungen nicht herum. ES fragt fi aber nun, in welcher Weile dieſe 
Drganifation zu geftalten wäre. Man Tönnte zunächſt an eine felbftändige 
Organiſation dieſes Zweiges der Yugenbpflege denken, etwa in ber Weile, ba 
die Jugendlompagnien als ftaatliche Einrichtungen übernommen und der Eintritt 
in fie für alle Jugendlichen in einem beitimmten Alter, etwa vom fünfzehnten 
bis zwanzigſten Lebensjahre, verbindlih gemacht würde. 

Abgefehen davon, daß diefe Einrichtung, beiſpielsweiſe die Kontrolle über 
die Beteiligung der in Betracht kommenden Jugendlichen, eine unverhältnismäßig 
große Aufwendung von Kraft und Mühe koſten würbe, fo ftellen fi) ihr doch 


Die Zukunft der Iugendpflege 807 


auch noch ſchwerwiegende praktiſche Bebenlen entgegen. Es würde in ihr eine 
neue, felbftändige Drganifation gefhaffen, die aufs Rene einen Teil der Zeit und 
Kraft der Jugend in Anfpruch nehmen würde. Die Leidtragenden würden dabei 
zwar nicht die Jugendlichen felber fein, fondern die Arbeitgeber der Jugend einer- 
feit8 und die Schule, namentlich die höhere Schule, anderjeits. Wir wiflen, unter 
welchen Schwierigleiten und tatſächlichen Opfern der Arbeitgeber die Einführung 
des Fortbildungsfchulgwanges möglich war. Die Durchführung der felbftändigen 
obligatorifchen Jugendwehr würde neue und größere Zugeftändniffe an Freizeit 
vom Arbeitgeber erfordern. Was endli die Schule, namentlich die höhere, 
angeht, jo befindet fie fich ſchon heute den vielen Jugendpflegeorganiſationen 
gegenüber deshalb in einer ſehr fehwierigen Stellung, weil alle dieſe Beftrebungen 
neben der Schule hergeben und ihr die Jugend aus der Hand nehmen, ohne 
dab e3 der Schule bisher gelungen wäre, den richtigen Anſchluß an biefe 
Beitrebungen zu gewinnen. Schon heute fpielt fi der größte Teil ber 
erzieherifhen Einwirkung auf die Jugend neben der Schule ab, und die Schuld 
daran liegt nicht bloß auf feiten der Schule. Wenn nun die Drganifation 
der Erziehung zur Wehrtüchtigkeit felbftändig neben die Schule tritt, fo wirb 
jener unerwünſchte Zuftand noch verſchlimmert. Man müßte anftelle befien 
wünfchen, daß gerade der Schule ein Feld eröffnet würde, auf dem fie wieder in 
höherem Maße zu erzieheriihem Einfluß auf die Jugend gelangten Tönnte. 

Alle diefe berechtigten Anſprüche finden eine genügende Berüdfichtigung, 
wenn man die Erziehung zur Wehrtüchtigkeit an die Schulen felbft angliedert, 
und zwar an die Volks⸗, Fortbildungs-, Mittel- und höheren Schulen in gleicher 
Weiſe. Und auch die praktiſchen Organiſationsſchwierigkeiten würden dann auf 
ein geringes Maß zurüdfinlen. Es ift in diefem alle eigentlih nur ein 
zweckentſprechender Ausbau des Zurnunterricht3 vonnöten. Dieſer Ausbau hätte 
zu erfolgen nad) den Grundfägen, die von der Regierung in den „Richtlinien 
für die militärifche Vorbildung der älteren Jugendabteilungen während des 
Kriegszuftandes“ aufgeftellt worden find. Ein großer Zeil der darin angegebenen 
Ziele Tieße fih ſchon in den gewöhnlichen Turnftunden erreihen. Dazu müßten 
dann aber Heinere und größere Geländeübungen treten. Diefe könnten auf 
halb⸗ und ganztägigen Wanderungen ftattfinden, wie fie auch jebt ſchon an 
den Schulen Ablih waren. Diele Wanderungen wüßten jebt aber öfter, plan- 
mäßig und allgemeinverbindlih ftattfinden. Die Einbuße an Unterrichtszeit, 
die dabei eventuell unvermeidli werden könnte, wird durch den erzielten 
Gewinn an körperlicher und geiftiger Friiche bei der Jugend wieder wettgemacht 
werden. 

Jedoch wäre es von erzieheriihen und praltifchen Geſichtspunkten aus 
gleich wichtig, daß die Form der Jugendkompagnie beibehalten und daß ben 
Sugendlompagnien innerhalb des Rahmens der Schule eine gemifje Selbft- 
ftändigleit gewährt würde. Diefe Form erleichtert der Jugend bie Selbfttätigkett, 
die Mitwirlung bei Ausbau und Leitung der Einrichtungen, auf deren er- 

90* 


308 Die Zukunft der Jugendpflege 


zieberifhen Wert oben bingemwiefen wurde. Dieſe Selbftändigleit gegenüber 
der Schule müßte fogar foweit gehen, daß auch Jugendliche, die nicht mehr 
der Schule angehören, beifpielsweife junge Leute, die mit dem Einjährigen- 
zeugnis bie höhere Schule verlafien haben, der entſprechenden Jugendkompagnie 
nicht bloß ihrer ehemaligen Schule, fondern aud, wenn fie ihren Wobnfit 
verlegt haben, am neuen Wohnort der einer fremden Schule beitreten müßten. 

Ferner muß die Selbftändigfeit der Yugendwehrlompagnie fo ausgebaut 
werden, daß die freiwilligen Hilfskräfte, die bisher fo QTüchtiges in der 
Erziehung zur Wehrtüchtigkeit als Führer der Jugend geleiftet haben, auch 
fernerhin ihre Kräfte in den Dienft der Sache ftellen können. Ihnen muß 
die Möglichkeit gegeben werden, als Jugendwehrführer, etwa bei Gelände. 
übungen, fi) neben den Qurnlehrern der Schulen zu betätigen, namentlich 
auch dann, wenn etwa mehrere Schulen in größeren Verbänden oder gegen- 
einander üben. 

Bet diefen organifatorifhen Fragen, bie ſicher noch mancherlei Überlegung 
loften werden, ins einzelne zu geben, dazu ift hier nicht der Pla. Es follte 
bier nur auf die Notwendigkeit bingewiefen werden, die Erziehung unjerer 
Jugend zur MWehrtüchtigleit mit Hllfe der Autorität des Staates allgemein- 
verbindlich zu maden und auf feſte Normen zu bringen, und gleichzeitig follte 
ein Weg gezeigt werben, wie bdiefer Zweck am leichteften zu erreichen wäre, 
ohne daß die Intereſſen der beteiligten Kreiſe zu ſtark in Mitleidenſchaft 
gezogen würden. Unſer Vorſchlag lautet alfo: allgemeinverbindliche Erziehung 
„unjerer Yugend zur Wehrtüchtigleit bei Unterorbnung und Anlehnung ihrer 
Drgantjation an die Schulen, jedoch fo, daß den Yugendabteilungen ein gewiſſes 
Maß von organtfatoriiher Selbftändigleit gewahrt bleibt. 








Sollen die Dramatiker fchweigen ? 


Don Dr. Julius Zeitler 


Jie Rundfrage, die neulich von einem Leipziger Abendblatt (Abend- 
zeitung) bei Bühnenleitern, Künftlern, Schriftftellern und Ton- 
dichtern veranftaltet wurde, um ihre Urteile über den Einfluß des 
Krieges auf die deutiche Theaterwelt zu fammeln, tft außer- 
ordentlich aufſchlußreich bezüglich der gegenwärtigen Lage der 
Theater.” Man findet darin Beiträge zur Pſychologie des Publilums, zur Lage 
des Schaufpielerftandes im Kriege, zur Klarftellung des merfwürbigen und leider fo 
ſehr erllaͤrlichen Wandels, den der Spielplan in ben legten Monaten erfahren bat. 
a, es ftedt ſogar eine Art Theatergefchichte diefer Kriegszeit darin, da wir bie 
einzelnen Phaſen der Spielplangeftaltung ſchon deutlich überbliden können: von 
dem nationalen und Haffifhen oder epigonifchen Drama nad) der Lähmung 
des Auguft, der Überwucderung ber folgenden Monate mit patriotiſchem 
ſchnellproduziertem Hurralitich, bis zum fentimentalen und beruhigenden Vollks⸗, 
Biedermeier- und Zauberftüd. Werke der Iehteren Ordnung nannte man 
„Entfpannungsliteratur” ; das Theater wich den Zeitereignifien jo weit aus, 
daß die Ablenkung von diefen als feine Hauptaufgabe erſchien, das 
Bublitum fteuerte immer mehr in eine Sudt zum Leichten und Leichteften 
binein und fo wollten die Theater nur noch der Zerftreuung, Erbeiterung und 
Erholung dienen. Es muß gejagt werden, daß dieſe zunehmende Verflachung 
von recht vielen Stimmen nur mit Nefignation gebucht wurde. So beflagt Dito 
Maurenbrecher, daß „unfer Publilum vom Theater vorerſt noch nicht die große 
Erhebung und Erbauung wolle, die man ihm gern reichen möchte”, und Alfred 
Halm findet bittere Worte über die Erniedrigung und Verflachung des 
Publilumsgefhmads, die in ihren Wirkungen auf eine recht lange Zeitipanne 
hin nur niederdrüdend empfunden werden lönnen. 

Alle Stimmen verwerfen natürlich ausnahmslos die aktuelle ſchnell zufammen- 
gezimmerte Kriegsdramatil, bis zur Kriegspoſſe und Kriegsoperette binunter, 
jenen patriotifchen Schund, über deſſen entfebliche Albernheit man eigentlich fein 
Wort zu verlieren braucht. ES gibt geradezu Tein Baterlandslied, defien Titel 





310 Sollen die Dramatifer ſchweigen? 


oder Anfangsftrophe nicht als Titel eines biefer in einer ſchreckensvollen Mafien- 
baftigfeit auftretenden Werke mißbraucht wurde. Manche Direltoren bedauern es 
mit bitterem Hohn, daß fie die Pforten ihres Haufes foldem Schund nicht ver- 
&hließen durften — aus wirtfchaftlihen und Publitumsgründen. Es muß aber 
anerlannt werden, daß bie ernfteren Bühnen dieſer Seuche fo gut wie gar nicht 
anheimfielen, daß fie auch in der Kriegszeit immerhin auf ein anftändiges Niveau 
bedacht waren. Jene Probufte, wie „Immer feſte druff“, „Sloria-Biltoria”, 
„Infanteriſt Pflaume”, „Die Tripelentente”, „Krümel vor Paris“ und andere, 
feinen in der Tat jebt ganz an bie Stätten verwieſen, wohin fie gehören, in 
die Operettenhäufer und Barietes. Die Stüde find damit ſchon von felbft in 
den Orkus gefunten, und es hätte auch jenes prinziptellen Beichluffes einer 
Bühne (der Münchener Generalintendanz), fi aktuellen Kriegsdramen zu 
verſchließen, gar nicht beburft, um fo mehr, als ein folder Beſchluß, wie wir 
ſehen werben, doch auch eine zweifchneidige Sache ift, indem er neben dem 
Schlechten auch dem Guten die Lebensmöglichkeit abſchnürt. Aber aud die 
nationalen Dramen der Vergangenheit (Kleift, Leſſing, Heyfe) haben angefangen, 
in den Hintergrund zu treten, nud ernfte Theaterleiter beginnen, dem irre- 
geleiteten Kriegszeitgeſchmack des Publikums mit Aufführungen von Neu- 
erfheinungen zu begegnen, die ſchon vor dem Kriege entftanden find, 
aber eine Weile in den Schubläben der Dramaturgen ſchlummern mußten. 
Selbftverftändlih find auch Haffiihe Werke ohne nationalen Gehalt wieder 
aufgenommen worden. Soweit jene Neuerfcheinungen einen ſolchen batten, 
erbielten fie ihn ſchon aus der Zeitſtimmung vor dem Kriege, wie Freiherr 
von Unrubs „Louis Ferdinand”, Ludwigs „Kronprinzendrama”, Paul Ernſts 
„Preußengeift“, Burtes „Katte“, Eulenbergg „Morgen nad Kunersporf” 
und andere — eine ganze Reihe von Preußenftüden! Die Literaturgejchichte 
mag unterſuchen, warum fi) fo viele Dichter der Preußendiftorie zuwenden, 
warum au der Preußenroman in der Luft liegt. Es find GStüde, die 
gewifiermaßen eine zweite Staffel jener nationalen Dramen darftellen. Im 
weiteren Sinne gehören auch das in Erfurt aufgeführte Striegsichaufpiel 
„Fröſchweiler“ von Wentel und Runkel, Lee „Grüne Dftern“, 1813 fpielend, 
Hans Frands „Schlacht bei Worringen“ (Düffeldorf), Edmund Baflenges 
„Sotentreue“ (Chemnit) und Edarts „Heinrich der Hobenftaufe“ Dazu; wohl alle 
find ſchon vor dem Krieg geichrieben und [piegeln doch die Kriegsftimmung wider. 
Sogar Bismards Gedanken und Erinnerungen haben fich gefallen laſſen müſſen, 
dramatifiert zu werden. Jenſeits dieſer immerhin kriegeriſch durchdrungenen 
Dramenwelt erhielten wir von Schönherr, Wildgans, Bartſch, Sternheim neue 
Stüde, die aber in diefem Zufammenhang außer Betracht bleiben ſollen. Alſo 
jene oben erwähnten Werle fanden wenigftens da oder dort bei den Theater- 
leitern eine freundliche Aufnahme, man ſchlug zwei Fliegen mit einer Klappe, 
man befriedigte die patriotiſche Gefinnung und ſchien dabei zugleich Die lebendige 
Dramatik, das Schaffen der Gegenwart, zu fördern. 


Sollen die Dramatiker fchweigen? all 


Aber e3 iſt Mar, auch dieſe ſporadiſchen Erſcheinungen und Aufführungen 
baben e8 noch längſt nicht vermocht, unferer Theatergegenwart einen Charalter 
zu geben. Im ganzen wird gerade jett, in dem Zwiſchenraum zwiſchen der 
erften und der zweiten Kriegsepoche, deutlich, daß über unferen Bühnen ein 
Zuſtand der Ratlofigleit Itegt, eine gewiſſe Blutleere, trotz aller Experimente, 
aud) den Breitern heilfames Menſchenblut zuzuführen, ja faſt eine Lähmung, 
wie fie im Monat der Mobilmahung herrſchte. Woran liegt das? LUnfere 
Frage beantwortet das Schweigen der Dramatifer. Warum fchweigen fie? 
Schweigen fie nicht zu lange? Das Mikverhältnis zur Kriegsdichtung liegt 
Mar zutage; viele Tanfende Kriegsiyriler fingen und zwitſchern und marjchieren 
gereimt und ungereimt — die Dramatiler aber fchweigen. Dem ungeheuren 
Geſchehen dieſer Zeit erftehen noch feine dramatiſchen Geftalter. Was uns 
angefündigt fit, hat Teinen Bezug darauf. Denn wir werden wohl 
weder Ernſt Hardts „König Salomo” noch Sudermanns faft in der Urzeit 
ipielendes neues Drama, die angejagt find, mit den Ereigniſſen unjerer 
Zeit, die uns im Herzen zittern, in Berührung bringen dürfen. Es mag 
Heroismus fein, einer bebenden Gegenwart künſtleriſch entfliehen zu Lönnen. 
Aber es ift ficherlih ein anderes Heroentum, als es heute in den Geelen 
lodert, als e8 heute bie dramatifche Hülle zu fprengen fuhen muß. Was 
uns bisher von unferen PDramatilern in diefer Richtung befchert wurde, 
ft überaus fpärlid und es find beftenfalls nur Leine Abjchlagszahlungen. 
Schmidt-Bonns und Dülbergs dramatiide Prologe, Hawels „Einberufung“, 
Bahrs munterer Seifenſiederſchwank, Klabunds „Sleines Kaliber”, Carl Anzen- 
grubers „Im großer Zeit”, Thomas „Erfter Auguſt“ — teils fteden fie noch 
ganz in der Mobilmahung, teils find fie nad) außen gerichtet und geben 
billige Feindeskarikaturen. Alexander von Gleichen - Rußwurms „Feinde 
ringsum“ beſchwor das Griechentum und ftellte die Mobilmachung Themiftofles’ 
anf die Bühne. Tiefer ins Gefüge der Zeit greift Carl Hauptmann in jeinen 
dramatifhen Einaftern, die, wie ſchon das Tedeum „Krieg“, ins Philoſophiſche 
münden, und das innere und weitere nationale Geſchehen noch nicht ergreifen. 
Auch Hans Johſts „Stunde des Sterbenden” fchließt fih an Hauptmann an. 
Das wären fo ziemlih alle dramatiſchen Geburten, die der Krieg bisher 
gebracht bat. 

Aber wie ftellen fi nun unfere ZThenterleiter und Dichter felbft dazu? 
Was erhoffen fie von der eigentlich lebendig zu nennenden Dramatik unjerer 
Zaoge? Hören wir die Rundfrage, fo begegnen wir bei nicht wenigen einer 
großen Zufunftsfreudigkeit, nicht wenige hoffen auf bedeutende Dramatiker und 
fordern fie, und wo einmal eine Stimme refigniert ausklingt, geſchieht es aus 
Liebe zum Beiten, aus unüberwindbarer Stepfis gegenüber dem Publikumsgeſchmack. 
Da lebt Graf Bylandt-Rheidt der Hoffnung, daß unfere große Zeit „auch 
wieder große” Dichter erftehen laſſen wird, Julius Rudolph hofft, „daß 
biefe große Zeit auch große Dichter bringe, damit die Mafjenproduftion 


312 Sollen die Dramatifer ſchweigen? 


von dramatiſchen Seichtheiten aufhört,“ Georg Stollberg erwartet einen 
günftigen Einfluß auf die dramatifhe Produktion („wir waren nahe an der 
Berfumpfung“), Wolzogens Gattin wünſcht, daß fih in blühender Schaffens- 
fraft „ein perfönlich-nationaler Geſchmack herausdeftilliere aus dem Pulverdampf 
des Srieges, aus dem Strudel des Völferblutbades", Mar Pategg veripricht, 
daß fih „modernen Dichtern, foweit fie die SZeitereigniffe mittelbar oder 
unmittelbar in padender Form widerzuipiegeln wifjen, gern die Tiheaterpforten 
öffnen”, auch Ernſt Wachler fordert, daß „die Bühnenleiter foviel als 
möglih neue Dichtungen” aufführen follen. Richard Leiner ſeufzt gar nad 
Dichtern, die ältere Ideen in fi haben aus